Avatare sehen dich an, reloaded

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Ich muss vier Tage 12 Stunden arbeiten, vielleicht komme ich nicht dazu, etwas Substanzielles zu bloggen.

Qualitätsjournalismus, revisited oder: So genannte Hintergrundgespräche

Telepolis: „Von gefährlichen Iranern, trickreichen Russen und schrecklichen Kindern“.

Der Tagesspiegel hat auch etwas: „Bundesnachrichtendienst streute heimlich Russland-Kritik unter Medien“.

Yo.

Goethe et al

goethe zitate

Coloured Mom

mom

Meine Mutter im Jahr 1929. Ich habe ein bisschen experimentiert – das Foto ist ursprünglich schwarz-weiß. Colorize Photos oder Colourise your black and white photos machen da ein ganz ordentliches buntes Foto draus, obwohl ich das Original schöner finde.

Es war einmal in einer Zeche im Ruhrpott

Zeche Bönen

Credits: Gemeindearchiv Bönen

Three strikes law?

„Es ist seltsam: Wir gehen brutal gegen jeden vor, der ins Land will. Wer die Berichte aus den Lagern am Mittelmeer liest, die wir dulden, um Flüchtlinge fern zu halten, den muss das Schaudern packen. Aber kaum ist jemand im Land, schalten wir auf eine Nachsicht um, die an Apathie grenzt.“

Man muss hier jedem Wort zustimmen.

Eines Menschen gedenken

Wiglaf Droste ist tot. (Und – Ironie des Schicksals – Vera Lengsfeld lebt noch.)

Ich empfehle den Nachruf Gustav Seibts in der Süddeutschen: „Patriotismusverächter und Sprachliebhaber“:
Sein Metier dabei war weniger die Welt- als die Sprachbeobachtung. Sprachkritik war bei ihm aber nicht Knöllchenverteilung zur Verhöhnung von Unterprivilegierten, sondern ein scharfer Blick auf gesellschaftliche Praktiken, in denen Mitarbeiter „gut aufgestellt“ zu sein haben, um „zeitnah“ und „zielführend“ agieren zu können, gehetzt von rollkofferbollernden und mobiltelefonbrüllenden Managementbarbaren. Dabei mobilisierte Droste die autoerotische Sprachlust ungebremsten Schimpfens ebenso wie das raue Gelächter über öffentlichen Schwachsinn.

Einer meiner Lieblingstexte Drostes ist Mösenstövchen bleibt:
Sex/Gender-Debatten mögen einige Akademikerinnen ernähren; zu diesem einzigen Zweck wurden sie schließlich ersonnen. Sie fügen der Welt jedoch weder Wahrheit noch Schönheit zu. Was sich im feministischen Restmilieu abspielt, ist bloße Folklore. Der Wunsch, über korrekt gemeinte scheußliche Wörter Welt und Weltbewusstsein zu ändern, nervt – und scheitert.

Dieselben Leute, die früher wegen Wiglaf Drostes Kolumnen ihr Taz-Abo gekündigt haben, gehen heute vegan essen, verehren Greta und den Klimaschutz und sprechen gendergerechte Sprache.

Breaking News

breaking

Kein Vergeben! Kein Vergessen!

Wilhelm Brauckmann

Wilhelm Brauckmann, Holzwickede, Nordstr. 19, geboren am 27.05.1888 in Holzwickede, heiratete und wurde Vater zweier Töchter. Zuletzt arbeitete er als Maurerpolier bei der Firma Horstkorte. In das Fadenkreuz der Nationalsozialisten geriet er durch seine engagierte Tätigkeit in der SPD und der Gewerkschaft. Ohne weiteren Anlass wurde er am 01.09.1933 von der Polizei verhaftet und in das Konzentrationslager Bergkamen-Schönhausen verschleppt, wo er unter desolaten Verhältnissen eingesperrt und schwer misshandelt wurde. Nach seiner Entlassung im Oktober 1933 war er dauerhaft arbeitsunfähig, musste sich regelmäßig bei der NSDAP-Ortsgruppenleitung melden und wurde unter ständige „Betreuung“ eines Truppführers gestellt. Von den Folgen der Misshandlungen erholte sich Wilhelm Brauckmann nicht mehr und verstarb am 01.08.1937.

Deadly Punch

trade war

South China Morning Post: „China will not only act as a kung fu master in response to US tricks, but also as an experienced boxer and can deliver a deadly punch at the end,” Wei told the South China Morning Post, adding that the world’s second largest economy is prepared for an extended trade war with the US.
US agriculture products would be a natural primary target for retaliation, especially wheat, corn and pork, Wei said. These would directly target a key part of US President Donald Trump’s electoral base in the run-up to the 2020 election, in which US policy towards China is expected to play a key role.“

Woran denke ich jetzt? Tut mir leid, aber es ist ein Marxsches Zitat – obwohl der Alte sich geirrt hat, wie das geschehen wird. Aber was passiert, ist ziemlich klar beschrieben:
Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes. (…) Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.

Apropos: Lünschermannsweg

burks lünschermannsweg

Nachtrag zum Lünschermannsweg in Holzwickede, von der Quellenstraße aus gesehen. Ihr wisst, warum das jetzt sein muss.

The Decline of Anti-Trumpism, revisited

Ich hatte vor mehr als einem Jahr einen Artikel der New York Times erwähnt: „The Decline of Anti-Trumpism“. „The modern lowbrow (…) ignores normal journalistic or intellectual standards. He creates a style of communication that doesn’t make you think more; it makes you think and notice less. He offers a steady diet of affirmation, focuses on simple topics that require little background information, and gets viewers addicted to daily doses of righteous contempt and delicious vindication.“

Heute lese ich im Tagesspiegel: „Donald Trumps Beliebtheitswerte sind nicht nur stabil – sie steigen sogar“.

Wie kann denn das sein, da doch die deutsche Journaille freiwillig gleichgeschaltet unisono sich die Finger wundschreibt, um das Gegenteil zu erreichen?

Im November 2016, nach Trumps Wahlsieg, publizierte ich hier:
Robby Soave auf Reason.com: „Nobody votes for Trump or likes Trump on the basis of policy positions. That’s a misunderstanding of what the Trump phenomenon is. (…) The segment of the electorate who flocked to Trump because he positioned himself as „an icon of irreverent resistance to political correctness“ think it means this: smug, entitled, elitist, privileged leftists jumping down the throats of ordinary folks who aren’t up-to-date on the latest requirements of progressive society.“

Ganz großartig: „ordinary folks who aren’t up-to-date on the latest requirements of progressive society“. Ich sage nur: Gendesprech*(/_innen! Wie schreibt man das noch mal?

Ferdinand Knauß in der Wirtschaftswoche: „Gerade wir Journalisten können oder wollen dieses Wahlergebnis kaum fassen. Vermutlich auch, weil wir zwar über Trump schreiben, aber kaum jemals mit seinen Anhängern sprechen.“

Die Neue Zürcher Zeitung behauptet übrigens das Gegenteil – Trump werde immer unbeliebter. Das kann aber unser Vertrauen in den Qualitätsjournalismus nicht erschüttern.

Ich hatte Trumps Wahl vorhergesagt. Ich sage jetzt voraus, dass Trump die nächste Wahl gewinnen und wiedergewählt werden wird. Bin ich der einzige Journalist in Deutschland, der noch alle Tassen im Schrank hat der das so sieht?

Organisiert verantwortungslos

Schöner Artikel im Tagesspiegel über den Irrsinn der Verwaltung: „Das alles ereignet sich in einer Stadt, in der es zudem die Spezialität der organisierten Verantwortungslosigkeit gibt, wo Verwaltungen von Landesregierung und Stadtbezirken viel Mühe darauf verwenden, ihre jeweiligen Zuständigkeiten so präzise untereinander aufzuteilen, dass Mitarbeiter regelmäßig selber nicht mehr wissen, wer sich um was zu kümmern hat und dann nahezu zwangsläufig in Lethargie versinken oder überarbeitet sind.“

Das Problem ist: Mir fällt auch keine Lösung ein.

Authentische Heinrichsfeiern

wilhelm Peterson

Kommentar der Ausstellung im Schlossmuseum Quedlinburg: In historischen Ausstellungen des „Dritten Reiches“ war die Gegenüberstellung von „gesundem, hochwertigen, vorbildhaften Menschen und solchen, die als „minderwertig“ oder „entartet“ galten, eines der verbreitesten ästhetischen Mittel. (Elke Harten)

Die dem „GermanenheldenHeinrich I. vorgeführten slawischen Gefangenen wurden von der NS-Rassentheorie den „slawischen Untermenschen“ zugeordnet. Das Bild war ein Geschenk von Himmler an den Quedlinburger Oberbürgermeister Karl Selig.

Wilhelm Petersen [Falsche Schreibweise in der Quedlinburger Ausstellung, Petersen gestaltete ab 1953 die Mecki-Bücher, die ich als Kind begeistert gelesen habe.]

„Gefangene vor Heinrich I. am Jagdhof Bodfeld im Harz“ (Ich habe dieses Bild nirgendwo sonst gefunden.)

Krypta

Sie lernen nichts dazu. Die Nationalsozialisten benutzten Sachsen Heinrich, um ihre mörderischen Idee des „Lebensraums im Osten“ weltanschaulich zu untermauern. Vor fast 20 Jahren publizierte die Zeit einen langen Artikel (nur eine Seite verfügbar) über diese pseudoreligiösen Phantastereien: „Himmlers Heinrich“. Wikipedia: „Er hielt die bei Grabungen von Rolf Höhne am Schlossberg aufgefundenen Knochenreste für die Gebeine Heinrichs I. und ließ sie 1937 feierlich in der leeren Grabstelle neben Königin Mathilde beisetzen. Im Schlossmuseum werden heute die Überreste des Sarkophages und eine Dokumentation zur NS-Zeit ausgestellt.“

Aber es geht immer noch nur um die herrschende Klasse – in Ausstellungen, Museen und Dokumentationen – und nur um die. Welchen Sinn macht es, das Grab einer Feudaladligen in einer Krypta anzustarren? Der MDR entblödet sich nicht, das Thema als eine Art Soap-Opera anzubieten und holpert stabreimend herum: „Mathilde von Quedlinburg – Vom Mädchen zur Machtfrau“.

himmler Krypta

Die Nazis hatten die angeblichen Gebeine des Sachsenherrschers verbuddelt. Als man nach dem Krieg das Grab öffnete, fand man nur Bretter.

Immer wenn ich die Fotos von damals sehe, denke ich nicht nur an Fackelzüge, sondern auch an die gemäßigte Version, die Kerzen- oder Lichterkette. Wenn der Deutsche an sich etwas im Schilde führt, spielt er gern und in der Nacht mit dem Feuer herum, das ist eben gemütlich.

Krypta

Die Stadt Quedlinburg schreibt heute: Heinrich I. ist der erste Sachse auf dem Königsthron. Er befriedet das ostfränkische Reich, steigt zum mächtigsten Herrscher im damaligen Europa auf und begründet eine Herrscherdynastie. Sein Sohn wird als Kaiser Otto der Große in die Geschichte eingehen. Wer ist dieser Heinrich, der im Jahr 919 plötzlich König wird? 2019 feiert die Welterbestadt Quedlinburg sein 1.100-jähriges Thronjubiläum mit einer gemeinsamen Sonderausstellung am authentischen Ort der Geschichte: dem Schlossmuseum und der Stiftskirche. Heinrichs Grab in der Quedlinburger Stiftskirche steht am Anfang einer florierenden mittelalterlichen Stadt und im Zentrum eines einzigartigen historischen Welterbes.

Große Männer machen die Geschichte? Und was soll uns das lehren? „Die Zeit Heinrichs I. gehört zu den quellenärmsten des gesamten europäischen Mittelalters“, lese ich auf Wikipedia. Dann kann man ja um so mehr herumphantasieren und feiern.

Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen?
So viele Berichte,
So viele Fragen.

wilhelm Peterson

Weg mit dem Hijab!

Hijab headscarf

Nimm dies, Taz! „Der muslimfeindliche Populismus gehört mittlerweile zu den zentralen Merkmalen rechter Propaganda und stellt ein länderübergreifendes Kampagnenthema des partei-politischen Rechtsaußenspektrums dar.“

Ihr tickt ja wohl nicht mehr richtig!

Das Bild zeigt hunderttausenden von Frauen, die am 8. März 1979 in Teheran gegen den vom religiösen Staatsoberhaupt Ayatollah Khomeini verhängten Verhüllungszwang demonstrierten. (Das Foto ist vermutlich von Hengameh Golestan. es ist u.a. auch auf Rare Historical Photos in besserer Auflösung zu sehen.)

„… die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“ (Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie).

Offenbar sind einige Leute, die sich für links halten, hinter das Jahr 1844 zurückgefallen.

Update: Vgl. Atheist Refugee Relief.

Nimm dies, Klopstock!

Klopstockhaus

Nachtrag: Klopstockhaus

Frage: Muss man Klopstock kennen und lesen? Ja. Nein.

Schrödinger’s cat, reloaded

schroedinger's cat

Credits: The Language Nerds

Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht

st. wiperti reliquiar

Evangelistar (liturgisches Buch) aus St. Wiperti, vielleicht von Goldschmiedemeister Michel aus Quedlinburg, 1513 – ein Vertrag der Äbtissin von Sachsen mit ihm über Reliquiare ist überliefert.

Das Buch hat einen Holzkern mit gegossenem und getriebenem Silber, mehrere der ursprünglich 34 Edelsteine sind verloren (nach Dietrich Kötzsche (Hrsg.): Der Quedlinburger Schatz wieder vereint], 1993)

An dem Beschlag der Kanten des Deckels kann man ANNO DOMINI MVCXIII lesen, links SVB LAVRENCIO PREPOSITO (unter dem Probst Laurentius). Die Christusfigur besteht aus einem Stück Silber und ist mit durchsichtigem Email überzogen. Ursprünglich trug Christus eine Weltkugel in der Hand, die ist jedoch verloren. Der Rahmen zeigt die vier bibischen Evangelisten und „Kirchenväter“. Das Seidengewebe des Deckels stammt aus Florenz oder Venedig. (Wie so etwas hergestellt wurde, beschreibt Regula Schorta: „Il Trattato dell’arte della seta: a Florentine 15th century treatise on silk manufacturing“, 1991).

Die Handschrift im Innern aus Pergament hat 59 beschrieben Blätter und einige leere Seiten und enthält Perikopen aus den Evangelien, die während der Messen gelesen wurden. Der Text sei im Vergleich zum kostbaren Deckel „unaufwenig“, schreibt K. Koetzsche: „Höchstwahrscheinlich handelt es sich um eine Arbeit von Wanderminiatoren. Unter den erhaltenen Quedlinburger Handschriften dieser Zeit gibt es jedenfalls keine weiteren illuminierten Pergamentcodices.“

Die historisch interessierten Leser und mediävistisch gebildeten Leser sollten der Tatsache eingedenk sein, dass das obige Evangelistar rund 300 Jahre jünger ist als die jüngst vorgestellten Exemplare aus dem Quedlinburger Domschatz. In Quedlinburg tobte Ende des 15. Jahrhunderts der Klassenkampf (den bürgerliche Historiker und Wikipedia natürlich nicht so nennen). Der feudale Adel, auch der kirchliche, kämpfte gegen die Städte um Mühlen, Münzprägung, Fischerei und Holzrechte und die Gerichtsbarkeit. Die Stadtbürger Quedlinburgs verloren und mussten sich unterwerfen, der steinerne Roland am Rathaus wurde geschleift. „Quedlinburg hatte aus der Hanse und allen Schutzbündnissen auszutreten und der Äbtissin Erbhuldigung zu leisten. Ohne Einwilligung der Äbtissin konnte die Stadt weder einen Rat, noch einen Stadthauptmann wählen oder die Stadtbefestigung ausbessern. Die Stadtentwicklung erlitt einen entscheidenden Rückschlag; in den kommenden Jahrhunderten blieb Quedlinburg eine kleine Ackerbürgerstadt.

roland quedlinburg

Was ist also in den mehr als 500 Jahren passisert – zwischen Heinrich, dem sächsischen König des Ostfrankenreichs und den Königen und Kaisern des späten Feudalismus aka „Spätmittelalter“?

Die Feudalklasse hat sich etabliert und zwischen den Kaiser, der zu Zeit etwa der Karolinger Zeit noch der mit abstand Mächtigste Kriegsherr war – aufgrund seiner ökonomischen Basis -, und die Bauern geschoben. „Das frühmittelalterliche Heer war mehr als eine moderne Armee; es war der Pupulus, das Volk in Waffen“, schreibt Johannes Fried in Die Anfänge der Deutschen: Der Weg in die Geschichte (S.529). Die Vasallen des obersten Herrschers drängten aber danach, „selbst zu befehlen“. „Es bedurfte spezieller Vasallen mit großem Vermögen- fünfzig bis zweihundert Bauernstellen sind unter Karl dem Großen bezeugt -, die der König bereitstellen musste, denn die teure Ausrüstung der Ritter überstieg die Leistungskraft einfacher Freier. Die Königsvasallen blieben fortan des Königs Rückhalt gegen die großen Adelsfamilien…“( S. 269). Die probten den Aufstand in Permanenz.

Ein halbes Jahrtausend später sind die Bauern entwaffnet, die herrschende Feudalklasse hat das militärische Monopol, der König ist allein militärisch machtlos.

Im Unterschied etwa zu Polen emanzipierten sich jedoch die hörigen Bauern ab dem 10. Jahrhundert wieder mehr und mehr von der Grundherrschaft. Ich schrieb hier schon: Der Feudalstaat entwickelte sich in Polen ganz anders zum Kapitalismus, mit weit reichenden Folgen. Die polnische Adelsrepublik Rzeczpospolita, also die Union von Polen und Litauen, war „fortschrittlicher“ organisiert als die Herrschenden in Westeuropa. Fast ein Zehntel der polnischen Bevölkerung gehörte zum bäuerlichen Kleinadel, der Schlachta (auch: Szlachta); der Kleinadel organisierte sich durch Wahlen und durch Delegierte. Die Dominanz der Schlachta aber verhinderte auch, dass sich, anders als in Deutschland, die Städte im Gegensatz zur Feudalherrschaft organisierten. In Polen gab es weniger Klassenkämpfe zwischen Bauern und Feudaladel als in Deutschland. aber: „Die Identifizierung von Schlachta und Staat bewirkte allerdings schon im 16. Jahrhundert eine dem städtischen Bürgertum und seinen Rechten abträgliche Tendenz.“ Die Bourgeoisie hatte kaum eine Chance – der Adel war immer schon da. Ohne Bourgeoisie aber kein Kapitalismus und die ihm angemessene Herrschaftsform.

Die Feudalisierung war also zur Zeit des Kampfes zwischen der Äbtissin von Sachsen und der Stadt Quedlinburg abgeschlossen. Auch der Bauernkrieg im frühen 16. Jahrhundert scheiterte, was zu erwarten war, ein Proletariat war nur embryonal vorhanden. Nur wenige Städte waren frei und von den Bürgern selbstverwaltet.

kana Krugkana-Krug

Kana-Krug , Alexandria oder Rom, 1. Jahrhundert n. Chr.., aus Alabaster. Ein Henkel ist abgebrochen, ein Deckel fehlt. Laut Kötzsche sei der Krug vermutlich ein Kantharos, die Mehrzahl dieser Gefäße wurde in Italien gefunden, auf Friedhöfen dienten sie als Aschenurnen. Otto I. hatte mehrere Krüge aus Italien mitgebracht und verschenkte sie an diverse Kirchen; ein anderer Krug ist in St. Ursula in Köln erhalten. (Ich finde kein Foto davon.) „Obwohl Alabasterurnen noch im 2. und frühen 3. Jahrhundert n. Chr. in Gebrauch waren, gehört dieses Gefäß auf Grund des besonderen Henkelform und ihrer Parallelen in das frühe 1. Jahrhundert n. Chr.“
Dass der Krug von der biblischen Hochzeit zu Kana stammen soll, macht ihn im feudalen Sinn wieder zu einer Reliquie mit magischer Macht. Der Krug wurde den Gläubigen am 2. Sonntag nach Epiphanias gezeigt.

bergkristall

Großes Bergkristall mit Vögeln (geringfügiger Bruch), fatimidisch, die Montierung stammt aus dem 13. oder 14. Jahrhundert, Quedlinburg. Die mittlere Höhlung ist leer, in den anderen beiden sind in roten Stoff gehüllte Reliquien, angeblich von den Windeln und Kleidern Christi.

Der Titeltext stammt von Wolfram von Eschenbach: Parzival.

Reminder: Photos are licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 3.0 Germany License.

Kleinstadt Groove

katholische Unna
Katholische Kirche Unna, mit temporärem Bewohner

Es ist schwer, an dem Ort, in dem ich meine Zeit als Gymnasiast verbracht habe, auch die Musik von damals zu hören (Don Airey ist auch nicht schlecht). Der Groove fährt einem in die Knochen, und die Finger wollen anders als sonst… aber Sometimes I Feel Like Screaming.


katholische Unna
Abbrucharbeiten Bahnhofstraße Unna

Unna hat knapp 60.000 Einwohner (wenn man es glaubt), Quedlinburg gut 20.000, beides rückläufig. Was macht man, wenn man dort als Clint Eastwood ankommt und die Kneipen sind schon voll mit Familien und Peergroups (wenn sie überhaupt geöffnet haben)?

Quedels-Pub hatte am Sonntag geschlossen, natürlich an dem Tag, als ich dort hinwollte. Meine Stammkneipe in Unna ist nach dem Umbau nicht mehr so intim und „gemütlich“ wie vorher und das Publikum am Wochenende sehr jung. Mit „gemütlich“ könnte man mich nicht locken, wohl aber mit interessanten Leuten.

markt quedlinburg
Markt Quedlinburg

Und was macht man dort, wenn man arm ist? Obdachlose sind kaum zu sehen oder bemühen sich, nicht aufzufallen. Aber wer von Stütze lebt, kann sich die Getränke in einer beliebigen Kneipe sowieso nicht leisten und auch keine kulturellen Ereignisse. Und dann? Ich würde vor dem Internet hängen…

altstadt quedlinburg
Unrenoviertes Haus in der Altstadt Quedlinburgs

Morgen fahre ich in die Großstadt zurück. Und das ist auch gut so.

Unna ist nicht Paris

evangelische Stadtkirche Unnaevangelische Stadtkirche Unnaevangelische Stadtkirche Unna

Wie ich schon schrieb und wie auch anderswo berichtet wurde, fiel am 18.01.2018 bei Sturm eine Fiale, die fast eine Tonne wiegt (vgl. mittleres Foto, hinter dem Gargolyten), vom Turm der Evangelischen Stadtkirche (erbaut ab 1322) in Unna, durchschlug das Dach und zerstörte fast ein Gewölbe, so dass sogar die Gefahr bestand, dass das Gebäude ganz hätte einstürzen können. Auch die Orgel wurde schwer mitgenommen und musste komplett saniert werden. Mir wurde berichtet, dass sie vielleicht zu Weihnachen 2020 wieder gespielt werden könne. Die Sanierungsarbeiten werden insgesamt rund fünf, wenn nicht mehr Jahre dauern. Auch die Glocken werden bis dahin schweigen.

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