Neue Ware eingetroffen
Neu in meiner Bibliothek: Klaus Beyer: Die aramäischen Texte vom Toten Meer: Bd 1: Samt den Inschriften aus Palästina, dem Testament Levis aus der Kairoer Genisa, der Fastenrolle und den alten talmudischen Zitaten, Göttingen 1984 (kostete früher 240,00 DM, neu jetzt 300 Euro. ich habe es natürlich gebraucht für einen Bruchteil der Summe gekauft).
Muss man das kennen? Natürlich nicht. Da die Nachgeborenen des Lesens längere Sätze ohnehin unkundig sind, suhle ich mich in dem Gefühl, eine aussterbende Kulturtechnik zu beherrschen, was aber heißt, dass ich hier Perlen vor die Säue würfe, es sei denn, das Publikum bestünde aus bildungsbeflissenen EDV-Opas, was ein nicht existierendes höhere Wesen verhüten möge.
Der Breyer hat knapp 800 Seiten, aber die Hälfte davon besteht aus Grammatik des Aramäischen, Wörterbuch und Register. Das erinnerte mich an eine meiner Studentinnen, die auf die Frage, was ihre Muttersprache sei „Aramäisch“ antwortete und mich so dabei ansah, als erwartete sie, ich würde antworten: „Was ist das denn“?, wobei sie sich bei mir natürlich irrte. Hätte sie „Turoyo“ gesagt, wäre ich mit meinem Latein [sic] am Ende gewesen.
Ich habe die Qumram-Höhlen im Oktober auf meiner To-Do-Liste; im Kalya Kibbutz war ich schon 2023, aber nur ein paar Minuten, bei der Reise per Bus von Jerusalem zum Toten Meer und zurück.
The international community considers Israeli settlements in the West Bank illegal under international law, but the Israeli government disputes this.
Da muss ich dann sowieso hin und der international community zuwinken. Die tiefste Bar der Welt ist natürlich auch ganz nett.
pa‘‘el
Der Faktitiv-Resultativstamm (pa‘‘el) wird durch Längung des mittleren Konsonanten
(ursprünglich durch Verdoppelung der ganzen Wurzel) gebildet. Er zeigt im Perf. und Imp.
die Form qattēl, dessen ẹ teilweise durch ’ bezeichnet ist (→ 417):
זבינת „ich verkaufte“ (M), מליל „er redete“ (aRES 1785B,4: um 100 v. Chr.),
מגיש „er nahm magische Beschwörungen vor“ (aKAI 265,2: um Christi Geburt),
עזיד „er richtete her“ (aŠimbar 1–5: 2. Jh. n. Chr.).
Das Impf. hat den Präformativvokal (a) ẹ (→ 111).
Das Perf. passiv lautet qottēl (→ 152. 492),
der Inf. absol. qattālā (mit Femininenendung: → 435. 449;
mittelaram. mit m-: → 150: מאסירא „heilen“: oo),
constr. qattālût (→ 456),
das Partz. maqattēl,
das Partz. passiv maqattāl (→ 111. 130f.)
oder maqottāl (→ 37 Anm. 1).
Als Verbalabstrakta dienen
qatalīn (?) qittūl qalqūl maqlāl
taqtūlā taqtīl qattālût.
Wozu? Ich finde es auch lustig, den letzten Teil durchzublättern, weil ich vielleicht mein dürftiges Hebräisch auffrischen kann. Ich werde das ganze Buch heute während meiner 12-stündigen Nachtschicht durchlesen, natürlich nur während der gesetzlich vorgeschriebenen Pausen – sonst wäre das verboten.
Unten: Osten-Sacken, Peter von der (Hrsg.): Zionismus – Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, Institut Kirche und Judentum, 1986.
Araber, Juden und Christen im unheiligen Land
Wir müssen heute etwas total Überflüssiges durchnehmen. Warum und zu welchem Ende liest man Heyer, Friedrich: Kirchengeschichte des Heiligen Landes, was ich vorgestern und gestern getan habe? Natürlich interessiert das niemanden außer mir, und ich machte das auch nur aus egoistischen Gründen dergestalt, dass ich hier auf meinem Blog sozusagen das Exzerpt platziere, obwohl ich auch in jedem Buch, das ich lese, herum- und unterstreiche, dass ich das Wichtigste beim nächsten Mal schneller finde.
[Die kursiven Passagen sind Zitate.] Ich war jedoch von diesem Buch recht überrascht. Ich erwartete drögen Stoff, den man im Schnellverfahren abhandeln könnte, nur der Form halber, weil es als Standardwerk zum Thema gilt.
Stattdessen kam ich aus dem Staunen über mein eigenes Unwissen gar nicht mehr heraus.
Ich musste nicht nur zahllose Namen und Begriffe googlen, sondern lernte auch Nützliches über die Spätantike. Man merkt doch immer wieder, wie eurozentiert der Blick ist, ganz zu schweigen davon, dass das Thema in den hiesigen Universitäten vermutlich gar nicht auftaucht oder nur eineinhalb Interessenten beschäftigt, die des Genderns überdrüssig sind. [Es war auch zum Teil schwierig, die richtigen Links zu finden, weil manche Namen über die Jahrhunderte mehrfach auftauchen. Aber die Recherche parallel zur Lektüre und kombiniert mit ChatGPT machte Spaß, weil sie viel mehr Details liefert und sogar kleine Fehler im Buch – das ja vor dem Internet entstanden ist – richtigstellt. Zum Beispiel gab es keinen Vertrag zwischen Karl dem Großen und Harun al-Raschid, obwohl Heyer das behauptet. ChatGPT spuckte sogar unaufgefordert das lateinische Zitat aus Einhards Vita Karoli Magni (um 830) aus: Cum Aarone rege Persarum, qui totum pene Orientem tenebat, amicitiam fecit. (Mit Aaron, dem König der Perser, der fast den ganzen Orient beherrschte, schloss er Freundschaft). Nur dass – und keinen Vertrag.]
Aber zunächst Unterhaltung.
Des Apphianus Halbbruder Ädesius, der allzeit im ärmlichen Philosophenmantel ein Asketenleben führte, in der wissenschaftlichen Bildung seinem Bruder noch überlegen (Mitschüler des Euseb[ius von Caesarea] in der Schule von Cäsarea), wagte in Alexandria ähnliches wie sein Bruder. Als er sah, wie der dortige Richter angesehene Männer, weil sie Christen waren, mißhandelte und Jungfrauen Bordellhaltern übergab, trat er an den Richter heran, schlug ihn mit beiden Händen ins Gesicht, überhäufte ihn mit Schimpfworten und warf ihn zu Boden. Auch er wurde ertränkt. In Tyrus wurde in der gleichen Zeit der junge Ulpianus nach fürchterlichen Geißelungen mit einem Hund und einer Giftschlange in rohe Rindshaut eingenäht und ins Meer geworfen.
Vermutlich hätte ich noch eine Warnung voranschicken sollen. „Beim Lesen der Zitate könnte das Publikum verstört werden! Jugendliche unter 18 dürfen die Passagen nur embedded in Gegenwart eines weltanschaulich gefestigten Journalisten Erwachsenen konsumieren.“
Als Kaiser Maximinius Daja am 20. November 306 in Cäsarea zur Feier seines Geburtstages Festspiele veranstaltete, bei denen Verbrecher in der Arena mit Tieren aus Indien oder Äthiopien kämpfen sollten, holte man den Agapius zusammen mit einem Sklaven, der seinen Herrn ermordet hatte, heran. Agapius war schon drei- oder viermal zum Tierkampf ins Stadion geführt, aber immer wieder zurückgestellt worden. Das Theater hallte von Beifallsbezeugungen wider, als der Kaiser dem Mörder Leben und Freiheit schenkte. »Den Kämpfer für das Christentum liebe der Tyrann vor sich rufen«, verlangte von ihm die Verleugnung des Glaubens, wofür er ihm die Freiheit anbot. Agapius schritt lieber der losgelassenen Bärin entgegen. Noch atmend brachte man ihn ins Gefängnis, wo er noch einen Tag lebte. Mit Steinen an den Füßen wurde er ins Meer versenkt.
Hätten Sie’s gewusst? Die Araber waren Alliierte Roms und Christen. Erst in der Spätantike wurden sie Muslims. Sie lebten damals auch nicht in Palästina. Von wegen „Palästinenser“. Aber sage das jemand den heutigen hohlköpfigen Palituch-Trägern und so genannten „Linken“!
Um das Jahr 500 hatten sich arabische Stämme, die sich um die mächtige Familie Ghassan gruppierten – vom byzantinischen General Romanos besiegt – dem Kaiser Anastasios gegenüber zum Dienst bereit gezeigt. Sie grenzten das byzantinische Reich gegen Persien ab und halfen die aufständischen Samariter zu überwältigen. Ihre Herrscher hingen freilich dem antichalcedonensischen Glauben an. Verfolgte Monophysiten aus dem byzantinischen Reich suchten bei ihnen Zuflucht. Daß die Kaiser infolge ihres Ränkespiels den Grenzschutz der Ghassaniden einbüßten, machte einen Einfall der Perser unter Chosroes ins Heilige Land im Jahre 614 möglich. Juden und Samariter begrüßten sie stürmisch.
Auch das noch! Juden bejubeln die Iraner Perser, die das Heilige Land erobern, in dem die Mehrheit Christen, also Byzantiner waren! Antichalcedonisch? Monophysiten? Das sage ich bei einem Barbesuch auf die Frage: „Bist du religiös?“ – „Ich bin antichalcedonischer Monophysit!“
Die Perser unterwarfen die palästinensische Hauptstadt Cäsarea (die damit ihre Bedeutung verlor) und Lydda und erschienen vor Jerusalem. Die Mönche der jüdischen Wüste flohen über den Jordan. Im Vertrauen, Gott werde seine Heilige Stadt schützen, hinderten rebellische Gruppen den Patriarchen Zacharias an friedlichen Verhandlungen mit dem Feind. So schickte Zacharias den Mönch Modestus aus dem Theodosioskloster zur byzantinischen Garnison von Jericho, Hilfe aufzubieten. Umsonst! Nach 20 Tagen brach die Eudokiamauer unter den Stößen des persischen Rammbocks zusammen. Als die Perser am 20. Mai in die Stadt stürmten, stachen sie nieder, wen sie trafen, und verbrannten Grabeskirche, Himmelfahrtskirche und Sion. Aus den Übriggebliebenen, aus den Verstecken gerufen, wurden nur die Handwerker zum Abtransport ausgesucht. Die in diesem Sinne Unbrauchbaren wurden in den Teich von Mamilla getrieben und dort ertränkt, oder sie erhielten einen Gnadenstoß von jüdischer Hand.
Moment. Die Juden brachten die Christen um, die nicht „nützlich“ waren?
Der tugendhafte Thomas und seine Gattin begruben die 33 000 Toten. Patriarch Zacharias wurde in die Gefangenschaft verschleppt, die Kreuzreliquie nach Persien entführt. – Unter den Deportierten befand sich der Diakon Eusebios mit seinen zwei Töchtern, 8 und 10 Jahre alt. Die persischen Priester forderten die Kinder zur persischen Feueranbetung auf, doch gestützt auf die Ermahnungen ihres Vaters verweigerten sich die Mädchen. Sie wurden hingemordet, der Vater ins Feuer gestoßen. Darüber schrieb Patriarch Sophronios einen Hymnus, den bewegendsten unter allen seinen Dichtungen.

Patriarch Sophronius von Jerusalem, Menologion von Basil II
Die christlichen Araber sind schuld, dass die muslimischen Araber Palästina erobern konnten. Und das kam so:
Nachdem 635 Damaskus in arabische Hand gefallen war, erkannte Kaiser Heraklius die drohende Gefahr. Zwei Heere entsandte er gegen Omar [ʿUmar ibn al-Chattāb, auch: Omar ibn–al-Khattab], eines, das in Armenien ausgehoben war, unter Fürst Vahan, das andere unter Theodor Trithyrios.
Am heißen Sommertag des 20. August 636 verloren die Byzantiner am Jarmuk, dem östlichen Nebenfluß des Jordan, die Entscheidungsschlacht. Mitten im Kampf gingen 12 000 christliche Araber [die Ghassaniden] zum Feind über. Als Nonchalcedonenser haßten sie Byzanz. Den Soldaten des Kaisers wehte der Sandsturm in die Augen. Als Sophronios erfuhr, daß Jericho in gegnerischer Hand sei, schaffte er die Kreuzreliquie bei Nacht zur Küste, damit sie nach Konstantinopel verbracht würde.

Schlacht von Jarmuk, 638 n. Chr., anonyme katalanische Illustration, ca. 1310 – 1325
Über den Fall der Heiligen Stadt gibt es unterschiedliche historische Berichte. Am wahrscheinlichsten ist, daß Jerusalem von einem unbekannten Stammesscheich Khalid b. Thabit al-Fahmi eingenommen wurde, der Jerusalem gegen Tributzahlung unzerstört ließ. Die spätere Phantasie haftete jedoch an einem Bericht, demzufolge der greise Patriarch Sophronios die Heilige Stadt den Muslimen übergeben habe. Der Patriarch habe gefordert, daß Kalif Omar [Omar ibn–al-Khattab] selbst in Person anwesend sei. Im 17. Jahr der Hedschra, das heißt im Februar 638, begegneten sich Sophronios und Omar auf dem Ölberg. Der alte Patriarch mußte sich vor dem Eroberer demütigen. Sophronios bot dem Kalifen an, in der Anastasis zu beten. Doch Omar erwiderte: »Wenn ich in Deinem Tempel beten würde, würdest du ihn später verlieren, denn die Muselmanen würden ihn dir nach meinem Tod wegnehmen, indem sie sagten: Hier hat Omar gebetet.«
„Jhesus aber sprach zu ihnen: Sehet jr nicht das alles? Warlich ich sage euch, Es wird hie nicht eyn steyn auff dem andern bleiben, der nicht zu brochen werde.“ (Matthäus 24,2, Lutherbibel 1525)
Der Kalif wünschte statt dessen ein Terrain zu sehen, auf dem er eine Moschee bauen könnte. Die Sage berichtet, Sophronios habe ihn auf den Tempelplatz geführt, der bis dahin wüst gelegen hatte; die Christen respektierten nämlich die Prophezeiung des Herrn, daß hier kein Stein auf dem andern bleiben werde. Omar habe sogleich mit eigenen Händen begonnen, in der Mitte des Platzes Trümmer wegzuräumen. Der Felsendom, von syrischen Kirchenarchitekten nach der Art errichtet, wie sie eine christliche Kirche gebaut haben würden, entstand freilich erst 691. Der arabische Historiker Mukkadasi [al-Muqaddasī] beschreibt das dabei vorwaltende Motiv so: Dieser Bau sei errichtet worden, damit die Pracht der Grabeskirche die Muslime nicht verwirre.
Trotz der Herrschaft muslimischer Mächte war Palästina bis zu den Kreuzzügen noch immer ein majoritär christliches Land geblieben.

Jerusalem auf der Mosaikkarte von Madaba, 6. Jh. n. Chr.
Die Juden, denen Julian Apostata die Rückkehr nach Jerusalem gestattet hatte, waren von den Kreuzfahrern wieder ausgetilgt worden. Nach Zerstörung des Kreuzfahrerreichs durften sie wieder in ganz Palästina siedeln.
Als die katholischen Majestäten 1492 die Judenschaft Spaniens vertrieben, nahm Sultan Bayazid die Exulanten [sic] großzügig im Osmanischen Reich auf. Unter 70000 Sefarden, die sich in den türkischen Häfen einfanden und in urbanen Zentren des Inneren ihre Kolonien schufen, waren vor allem religiös gestimmte Juden vertreten, die in der Kabbala lebten – jener mystischen Strömung, die anfangs des 13. Jhs. in der spanischen Stadt Gerona [Girona] ihre bedeut3enden Schriftsteller gefunden hatte. Im Heiligen Land gewann das Judentum eine neue geistige Präsenz iim obegaliläischen Safed….“
1777 trafen die ersten Chassidim aus Russland in Palästina ein… Also noch mal ganz langsam. Wie kann jemand behaupten, die Juden seien „Kolonisten“, obwohl sie viel früher als die Araber in Palästina waren?
Aber wenden wir uns von der Politik ab und den Religonen des Friedens zu. Heyers Buch reicht bis in die Gegenwart – also die 80er-Jahre. Über die Grabeskirche, in der ich jetzt schon zwei Mal war und mich immer noch nicht auskenne (das ist die mit dem afrikanischen Kloster auf dem Dach):
Das Protokoll der Berliner Konferenz von 1878 bestätigte den Status quo. Diese Regelung der Rechtsverhältnisse an den Heiligen Stätten blieb das letzte Wort. Tatsächlich handelte es sich um eine bloße Beschreibung der Gebräuche, wie sie sich historisch eingespielt hatten. Ein Versuch, 1902 den Status quo in eine Kodifikation umzumünzen, mißlang. Die bisherigen Rechte der Kustodie gingen auf das lateinische Patriarchat über. Die Forderung der Franziskaner, daß das Aedicuium der Grabeskirche, die obere Geburtsbasilika in Bethlehem und das Mariengrab im Josaphattal zurückgegeben würden, die 1757 den Lateinern genommen waren, blieb unerfüllt.
Auch den nonchalcedonensischen Kirchen – den Armeniern, Kopten und Syrern [gemeint ist die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien] – spricht der Status quo bestimmte Rechte zu. So besitzen die Kopten das Recht, Tag und Nacht in der Grabeskirche zu räuchern und bestimmte Lampen aufzuhängen, etwa am Salbungsstein zwei Lampen, außerdem in der Karwoche in Prozession das Christusgrab zu umschreiten. In Fastenzeiten dürfen die Kopten täglich eine Eucharistie in der Grabeskirche feiern, sonst zweimal in jeder Woche. Am Himmelfahrtstage dürfen sie im Imbomon ihr Zelt aufschlagen und einen eigenen Altar errichten. Auch in Bethlehem und am Mariengrab besitzen die Kopten bestimmte Rechte.
Jede der im Status quo privilegierten Kirchen wachte eifersüchtig darüber, daß die Partner ihre Grenzen in den im Vertrag einbezogenen Stätten nicht überschritten und die im Text nicht aufgeführten Kirchengemeinschaften ausgeschlossen blieben. Da der Status quo katholischen Institutionen nur insofern Rechte zuerkennt, als diese sich an das lateinische Patriarchat ankristallisieren, sind die mit Rom unierten Christen ausgeschlossen. Unierte Kleriker dürfen in der Grabes- und der Geburtskirche nicht einmal privat zelebrieren.
Als 1888 der Präsident der Russischen Palästina-Gesellschaft, Großfürst Sergij, und seine Gattin Elisaveta Jerusalem besuchten, erfolgte insofern ein Übergriff über die vom Status quo gezogenen Grenzen, als der russische Archimandrit auf dem Kalvarienberg für die hohen Herrschaften in Kirchenslawisch zelebrierte. Beim Eucharistischen Kongreß, den die katholischen Christen vom 15.–20. Mai 1893 nach Jerusalem einberiefen, ließen die Lateiner, was im Status quo nicht vorgesehen ist, die mit Rom unierten Ostchristen an diesem Ort feiern. Als im Jahre 1960 der syrisch-katholische Hierarch Ephraim aus Mossul am lateinischen Altar in der Geburtsgrotte zelebrierte, prügelte ihn ein griechischer Mönch – mitten in der Messe – hinaus.
Man kann die Israelis nur bedauern, dass sie da für Ordnung sorgen müssen. Vermutlich müssen sie auch immer erst nachsehen in einer langen Liste, mit wem sie es gerade zu tun haben.
Vorsätze

Exklusiv für das Publikum von burks.de: Meine guten Vorsätze zum Jahr 2026.
– Ich muss noch ca. 15 Bücher lesen, dann habe ich das Gefühl, genug zu dem Thema zu wissen, über das ich mein nächsten Buch schreiben will. Dummerweise werden es immer mehr, je mehr ich lese. Aber manche brauche ich nur für meinen nächsten Aufenthalt in Israel.
To-Do-Liste: Haifa, Masada, Yad Vashem, Kalya Kibbutz und Quamran Höhlen, Ain Dschālūt, Kirjat Schmona, Ayun Stream Nature Reserve bei Metulla, der Berg Hermon (hallo, Syrien!).
Im Süden Eilat, Akaba (hallo, Jordanien!) und Taba (hallo, Ägypten!). Zum Wadi Rum werde ich es nicht schaffen. Aber vielleicht reicht auch ein einschlägiger Film.
– Seit Jahren plane ich, einen Director’s Cut für die Konquistadoren als E-Book herauszugeben. (Das ursprüngliche Manuskript habe ich auf Disketten!) Bisher scheiterte das an den neu zu zeichnenden Karten. Aber mit KI dürfte jetzt alles schneller gehen. Jedenfalls immer noch auf meine To-Do-Liste!
– Babylonien: Hebräisch endlich so lernen, dass ich sprechen kann. „It’s question of discipline“, sagt ein indischer Freund und software engineer, der nach drei Jahren in Deutschland fließend Deutsch spricht. Spanisch wiederholen: Jeden Tag Duolingo, auf dem Weg zum 1500-Tage-Strike. Eigentlich wollte ich auch Mandarin wieder anfangen, weil ich irgendwann bestimmt noch nach Schanghai fliege. Aber das ist Kür, nicht Pflicht.
– Software: Bei BforArtists bin ich sehr motiviert. Es wird nicht mehr lange dauern, bis ich die ersten selbst gemachten Mesh-Objekte in Secondlife rezze („uploade“ und dort sichtbar mache).
Vielleicht langweilt sich jemand und baut mir eine App, mit der man burks.de lesen kann?
– Mehr Zeit mit meinen Großneffen verbringen.
– Mehr Geld verdienen bei gleicher Arbeitszeit – das ist einfach. Allerdings bedarf es noch einer Prüfung durch meinen Steuerberater, ob die neue Regel überhaupt für mich gilt, wenn ich neben dem Job als Arbeiter Angestellter auch noch als Freiberufler arbeite und etwas verdiene.
Wenn ich nachdenke, fällt mir noch viel mehr ein, aber ich lasse es lieber. (40 Liegestütze!)
Ich wünsche allen einen guten Rutsch!
Miszellen zur Frontlage

Glowing with code and neural networks, hackers remotely hijacking humanoid robots via wireless signals and artificial intelligence. Visualized radio waves, data streams, and AI circuitry connecting hackers and robots. Cinematic lighting, high detail, ultra-realistic, dramatic atmosphere, sci-fi thriller style, 8k, depth of field, neon accents, dark tone, dystopian future, ominous mood, photorealistic. Obwohl ich den Prompt für Midjourney habe formulieren lassen, kapiere die dortige KI den Sinn nicht. Gemini war auf Anhieb besser.
Cyberfront
Schade, dass ich mich nicht in diverse Burkse teilen kann. Der Science-Fiction-Plot: „Hacker übernehmen Roboter“ ist mittlerweile Realität. Heise berichtet vom CCC-Kongress: „Forscher übernehmen humanoide Roboter per Funk und KI“.
Das Ergebnis der Analyse war erschreckend: Es gibt keine Verschlüsselung und nur eine extrem schwache Authentifizierung. Die Forscher konnten den sogenannten „Sync-Word-Parameter“ (2 Bytes) per Brute-Force knacken und so die Kontrolle über fremde Roboter übernehmen. In einer aufgezeichneten Demo zeigten sie, wie ein Angreifer einen G1 fernsteuern kann, ohne jemals physischen Zugriff oder das Pairing-Passwort gehabt zu haben.

(Bild: CC by 4.0 media.ccc.de)
Was könnte man daraus nicht alles machen!? Mord per ferngesteuertem Roboter! Roboter verursachen Autounfälle zwecks Versicherungsbetruges! Roboter verprügeln böse Menschen – wer böse ist, bestimmt derjenige, der den Roboter übernommen hat! Roboterhunde beißen Hunde, die auf den Bürgersteig gekackt haben!
Naher-Osten-Front
Im Iran gibt es wieder Massenproteste.
Für mich überraschend:
🌆 Städtische Bevölkerung
– Etwa 77 % der Iraner leben in Städten oder urbanen Ballungsräumen (also in Großstädten und städtisch geprägten Orten). Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 91–92 Millionen Menschen (2024/2025) wären das ungefähr 70 Millionen Menschen in städtischen Gebieten.
🌄 Ländliche und kleinere Orte
– Demgegenüber leben rund 22–23 % der Bevölkerung in ländlichen Gebieten oder kleineren Siedlungen außerhalb der großen urbanen Zentren. Das wären ungefähr 20–21 Millionen Menschen auf dem Land oder in kleineren Städten/Dörfern (2024/2025).
👉 Fazit: Eine klare Mehrheit der Menschen im Iran lebt in städtischen Gebieten, viele in Großstädten wie Teheran, Mashhad, Isfahan, Karaj, Schiraz und Täbris.
| Land | Städtische Bevölkerung | Ländliche / kleinere Siedlungen |
|---|---|---|
| Deutschland | ca. 78 % | ca. 22 % |
| Frankreich | ca. 82 % | ca. 18 % |
| Spanien | ca. 82 % | ca. 18 % |
Das bedeutet: Das Verhältnis zwischen Stadt und Land ist im Iran ähnlich wie in Deutschland.
Iran: Laut Wikipedia macht der Industriesektor rund 35,9 % des iranischen BIP aus (Datenquelle 2017, aber repräsentativ für die Struktur). Das bedeutet, dass ein großer Teil des wirtschaftlichen Outputs auf Industrieproduktion entfällt.
Deutschland: In Deutschland beträgt der Anteil des Industriesektors am BIP etwa 23,1 % (2024). Die deutsche Wirtschaft ist stärker dienstleistungsorientiert mit einem großen tertiären Sektor, aber die Industrie bleibt im Vergleich zu vielen anderen Industrieländern relativ hoch.
Die Arbeiterklasse ist also im Iran im Verhältnis zur gesamten arbeitenden Bevölkerung größer als in Deutschland. Ich muss meine Meinung korrigieren. Ich dachte bisher, es sei irrelevant, was in den großen Städten Persiens politisch passiert, ähnlich wie in Russland.

Ostfront
Was machen eigentlich die Russen?
Das Theater in Mariupol wurde wiedereröffnet. Alternative Überschriften/Texte: „Russland feiert sich im ehemals zerbombten Theater von Mariupol“ (N-TV). – „Nach umfangreichem Wiederaufbau hat das Russische Dramatische Theater in Mariupol wieder seine Türen für Zuschauer geöffnet. Das Gebäude war im März 2022 von ukrainischen Neonazis des Asow-Bataillons gesprengt worden.“ (RT.de) – „Russian terrorists cynically reopened the rebuilt Drama Theater in Mariupol, where hundreds of Ukrainians, mostly women and children, were killed in a Russian airstrike in March 2022.“ (Jürgen Nauditt auf X, Franchiser und Bandera-Versteher)
By the way: „Der russische Präsident Wladimir Putin und hochrangige russische Militärkommandeure übertreiben weiterhin taktische Details, um den falschen Eindruck zu erwecken, die ukrainischen Verteidigungsanlagen an der Front stünden kurz vor dem Zusammenbruch.“ (ISW)
„Putin und die Kommandeure stellen zukünftige russische Bemühungen zur Eroberung des Festungsgürtels in der Oblast Donezk weiterhin fälschlicherweise als schnelles und einfaches Unterfangen dar. Der Festungsgürtel besteht aus vier stark befestigten Ballungszentren – Kostjantyniwka, Druschkiwka, Kramatorsk und Slowjansk –, die das Rückgrat der ukrainischen Verteidigung in der Oblast Donezk bilden.“
Wir sprechen uns in einigen Monaten wieder.
Afrika-Front
Israel hat Somaliland anerkennt. „Die Republik Somaliland (Somali Jamhuuriyadda Soomaaliland, arabisch جمهورية صوماليلاند Dschumhūriyyat Ṣūmālīlānd) ist eine völkerrechtlich zu Somalia gehörende autonome Region. Sie ist als De-facto-Regime ein praktisch unabhängiger, international mit Ausnahme Taiwans und Israels von keinem Land anerkannter Staat in Ostafrika. Die Region umfasst den Nordwesten Somalias, das ehemalige Kolonialgebiet Britisch-Somaliland.“
Im Sinn: Somalia ohne Somaliland war italienische Kolonie, Somaliland britisch. „Das heutige Somaliland hatte sich nach seiner Unabhängigkeit von Großbritannien 1960 mit Italienisch-Somaliland zu Somalia vereinigt. Am 18. Mai 1991 erklärte es sich einseitig für unabhängig, als die somalische Regierung gestürzt worden war und der Bürgerkrieg in Somalia eskalierte. Seither hat es seine politische Stabilität weitgehend gewahrt und Schritte zur Demokratisierung unternommen.“
Chor im Hintergrund in Baerbock-Moll: Aber das Völkerrecht! Aber das Völkerrecht! Wait a minute:
Die zwei zentralen völkerrechtlichen Prinzipien
🧭 1. Selbstbestimmungsrecht der Völker: Verankert u. a. in der UN-Charta und in den UN-Menschenrechtspakten.
Bedeutet: Völker haben das Recht, frei über ihren politischen Status zu entscheiden.
👉 Dieses Recht entstand historisch vor allem im Kontext der Entkolonialisierung.
🛑 2. Territoriale Integrität von Staaten
Ebenfalls ein Kernprinzip der UN-Charta. Bedeutet: Bestehende Staaten dürfen nicht ohne Weiteres zerteilt werden.
👉 Die internationale Ordnung basiert darauf, dass Grenzen stabil bleiben.
Definiere: „Die internationale Ordnung!
„Aber es gibt Ausnahmefälle, in denen Abspaltungen als legitim gelten können: Remedial Secession (Notstands-Sezession) – In der Rechtswissenschaft diskutiert, aber nicht klar kodifiziert.“
„Trotz der weltweit zunehmenden separatistischen und Autonomiebewegungen scheint der internationale Rechtsrahmen die einseitige Sezession als Reaktion auf jegliches Zwangsverhalten eines Mutterstaates zu unterstützen.“
Ach. Ach was. Die durften das also.
Warum Israel Somaliland anerkannt hat? Nicht aus den Gründen, die ich schon durchgenommen hatte. Nein, wegen der Lage. Die Huthis können schon mal die Schirme gegen Stahlgewitter aufspannen.

Von Tecumseh*1301 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0
Fehlt noch etwas? Vielleicht die Sparkasse in Gelsenkirchen?
Die Zukunft Gazas

Israelische Schüler, Blick auf Gaza-Stadt, aufgenommen in Sderot [150m über dem Meeresspiegel, 26.10.2025].
Ich habe mir einen Kommentar in der der Jerusalem Post von Yonah Jeremy Bob übersetzen lassen, der mir in Englisch interessant schien, und ihn in besseres Deutsch umgeschrieben.
Zwischen der Palästinensischen Autonomiebehörde und der Türkei: Gazas friedenssichernde Zukunft könnte Israels Grenzen neu definieren – eine Analyse
Nach über zwei Jahren Krieg und diplomatischen Verhandlungen scheinen sich Israels Optionen für die künftige Sicherheit im Gazastreifen – außer der Herrschaft der Hamas – auf zwei Möglichkeiten reduziert zu haben: 1) auf eine Gruppe ausländischer muslimischer und europäischer Staaten unter Einbeziehung der Palästinensischen Autonomiebehörde oder 2) die Türkei.
Und falls die scheinbar unendliche Anzahl an Optionen für die Führung einer künftigen(International Stabilization Force, (ISF) im Gazastreifen auf diese beiden Optionen reduziert wurde: Warum gibt es dann keine öffentliche Debatte darüber, während Premierminister Benjamin Netanjahu nach Washington reist?
Netanjahu – und auch und viele andere israelische Offizielle – blieben 2023 und während eines großen Teils des Jahres 2024 vage bei der Frage, wie ein Gaza nach dem Krieg aussehen sollte.
Über weite Teile des Jahres 2024 herrschte Frustration, als der frühere Verteidigungsminister Joav Gallant und der ehemalige Kriegsminister Benny Gantz gemeinsam mit der Regierung Biden Vorschläge zu dieser Frage unterbreiteten und Netanjahu sich weigerte, sich darauf einzulassen – abgesehen davon, dass er nahezu alle Vorschläge zurückwies..
Gleichwohl ist ihm zugutezuhalten, dass Netanjahu in den letzten Tagen deutlich gemacht hat, derzeit auf eine Normalisierung der Beziehungen zu Saudi-Arabien verzichten zu wollen. Ein solcher Schritt könnte einen verbindlichen Zeitplan auf dem Weg zu einem palästinensischen Staat erfordern.
Große Teile des Verteidigungsestablishments widersprechen ihm in dieser Einschätzung. Es gibt jedoch weiterhin viele, die ihm zustimmen. Innerhalb der israelischen Bevölkerung hat Netanjahu entweder eine Mehrheit für seine Position oder die Frage ist noch nicht entschieden.
Netanjahu setzt alles daran, jegliche Beteiligung der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) in Gaza zu unterminieren. Zwar hat ihn das Verteidigungsestablishment dafür scharf kritisiert, doch zumindest eines lässt sich sagen: Netanjahu ist in Bezug auf seine Prinzipien transparent gewesen.
Offen gesagt ist es nachvollziehbar, warum ein großer Teil des Landes keine Palästinenser – selbst nicht die PA – für das Massaker vom 7. Oktober „belohnen“ will.
Welche Optionen hat Israel für eine Frieden Frieden in Gaza?
Die eigentliche Frage muss lauten: Was ist die Alternative?
Ursprünglich bestand die Alternative zur Hamas oder der PA darin, eine Gruppe lokaler Stammes-Scheichs („tribal sheikhs“) aus Gaza zu mobilisieren. Israel ließ diesen Plan aber Anfang 2024 durchsickern. Die Hamas brachte daraufhin mehrere der betreffenden Scheichs um.
Israel unternahm auch nichts, als es im Oktober die IDF aus dem von der Hamas kontrollierten Teil Gazas abzog, um potenzielle Aliierte in Gaza vor der Hamas zu schützen. Wie vorhersehbar wurden viele dieser Verbündeten ebenso von der Hamas ermordet.
Theoretisch könnte es eine Internationale Stabilisierungsmission für Gaza (International Stabilization Force, ISF) geben, die von Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Indonesien, Pakistan, Italien und anderen Staaten geführt wird. Diese Länder hatten ihr Interesse bekundet.
Bislang hat sich jedoch keiner dieser Staaten verbindlich verpflichtet. Die meisten erklärten, sie würden sich nur beteiligen, wenn auch die PA eingebunden sei. Das würde ihnen Legitimität gegenüber der palästinensischen Öffentlichkeit verschaffen.
Netanjahu hatte gehofft, dass früher oder später eines oder mehrere dieser Länder auf die Einbindung der PA als Bedingung verzichten würden. Wie sich jedoch herausgestellt hat, überwiegt bei den meisten – wenn nicht allen – dieser Staaten die Angst, dass ihre Soldaten von der Hamas getötet werden, gegenüber ihrer Sorge um das Leid der Bevölkerung Gazas.
Möglicherweise lehnen sie eine Beteiligung auch deshalb ab, weil sie die PA einbezogen sehen wollen, doch ein wesentlicher Teil der Hürde ist ihre Furcht vor der Hamas.
Die entscheidende Frage lautet daher: Würden diese Länder tatsächlich Truppen entsenden, wenn Netanjahu der PA einen Fuß in der Tür Gazas erlaubte? Oder würden sie selbst dann zurückschrecken, weil sie befürchten, dass die Hamas ihre Friedenstruppen trotzdem angreifen würde?
Wir werden was vermutlich nie erfahren, sofern nicht der US-Präsident Donald Trump Netanjahu in dieser Frage unter Druck setzt.
Vielleicht wäre es für Israel sogar hinnehmbar, diese Frage offen zu lassen – wenn die Alternative nicht die Türkei wäre!
Die Türkei hat wiederholt erklärt, sie sei bereit, Friedenstruppen auch ohne Beteiligung der PA zu entsenden.
Das überrascht nicht. Die Türkei steht der Muslimbruderschaft ebenso nahe wie die Hamas – und sie ist ein zentraler Unterstützer der Hamas.
Wogegen sich die Türkei stellt, ist die vergleichsweise säkulare PA. Darüber hinaus strebt Ankara einen eigenen Einfluss in der Region an, um seine Macht gegenüber Israel geltend zu machen.
Man könnte meinen, allein die Möglichkeit, am Ende türkische Friedenstruppen in Gaza akzeptieren zu müssen, würde Netanjahu dazu bewegen, einer Beteiligung der PA zuzustimmen.
Die Türkei ist eine regionale Großmacht. Ihr eine direkte Grenze zu Israel zu verschaffen, wäre in etwa so, als würde man dem Iran eine direkte Grenze zum jüdischen Staat geben.
Bislang hat die Türkei keinen Terror direkt gegen Jerusalem eingesetzt. Sie hat jedoch über viele Jahre hinweg die Hamas beherbergt und aktiv zahlreiche Versuche unterstützt, die israelische Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen – was es der Hamas erheblich erleichtern würde, an tödlichere Waffen zu gelangen.
Türkische „Friedenstruppen“ könnten sich im Falle eines Feuergefechts offen auf die Seite der Hamas stellen.
Sollte dies geschehen, könnte Israel dann überhaupt auf türkische Friedenstruppen schießen? Oder müsste Israel befürchten, dass ein Angriff auf türkische Soldaten Ankara dazu veranlasst, mit der vollen Wucht seines beträchtlichen Militärs zu reagieren?
Es ist sogar denkbar, dass die Türkei ihre Soldaten bewusst nach Gaza entsenden will, um ein solches Szenario wahrscheinlicher zu machen – als Vorwand für ein weitreichenderes Eingreifen in den Israel-Gaza-Konflikt.
Dies wäre eine strategische Katastrophe, da Ankara Israels militärischer Stärke weitaus eher gewachsen ist als Teheran.
Wenn Netanjahu also die PA ablehnt und damit nicht-türkische Optionen verwirft, warum wird dann kaum darüber diskutiert, dass dies Israel letztlich dazu zwingen könnte, türkische Friedenstruppen zu akzeptieren – etwas, das Trump und israelische Regierungsvertreter zunehmend angedeutet haben?
Es bleibt noch Zeit für Italien oder einen anderen Staat, Friedenstruppen auch ohne die PA zu entsenden. Möglicherweise hat die US-Regierung die türkische Option ins Spiel gebracht, um Netanjahu unter Druck zu setzen, der Einbindung der PA zuzustimmen.
Theoretisch könnte Netanjahu Trump auch davon überzeugen, sich zurückzuhalten und Israel und Hamas auf unbestimmte Zeit gegeneinanderstehen zu lassen – mit entweder der IDF oder der Hamas als Verwaltungsmacht in Gaza oder mit einer langfristigen Teilung des Gebiets. Doch Trump wird diese Optionen mit hoher Wahrscheinlichkeit ablehnen, da sie seinen klar formulierten Zielen und seiner Strategie widersprechen.
Sollte die türkische Option also real sein, dann erscheint eine Debatte über „Türkei versus PA“ von entscheidender Bedeutung – angesichts der möglichen langfristigen Auswirkungen auf den jüdischen Staat.
Der Schrein des Buches und der Kodex von Aleppo

Die Große Jesajarolle aus Qumran ist eine 7,34 m lange Pergamentrolle, die wahrscheinlich im 2. Jahrhundert v. Chr. beschrieben wurde. Sie enthält den fast vollständigen Text des Buches Jesaja in hebräischer Sprache und ist die älteste erhaltene Handschrift eines ganzen Buches der Bibel. In der Säule ist eine Kopie, weil das Original klimatisiert gelagert werden muss.
[Fotos meines Besuchs des Israel Museums in Jerusalem am 11.10.2025, hier: der Schrein des Buches.]
Ich nehme jetzt einfach Wikipedia: Der Schrein des Buches (hebräisch הֵיכָל הַסֵּפֶר Hejchal haSefer, englisch Shrine of the Book) ist ein Gebäude im Westteil Jerusalems in unmittelbarer Nähe der Knesset, des israelischen Parlaments. Das Bauwerk gehört zum Israel-Museum, dem israelischen Nationalmuseum. Bemerkenswert an diesem Gebäude ist das rundzeltähnliche Dach, das aus Beton mit weißen Keramikfliesen besteht und mehrere, teilweise unterirdische Stockwerke im Innenraum bedeckt. Darin werden Originale und Faksimiles antiker Schriftrollen des Tanachs aufbewahrt, allen voran das Buch Jesaja – daher der Name Schrein des Buches. Auch enthält die Ausstellung weitere Fundstücke von Qumran am Toten Meer.

Teile der Schriftrollen vom Toten Meer, 3. Jahrhundert v. Chr. bis ins 1. Jahrhundert n. Chr.
Dieser Teil des Museum ist sehr eindrucksvoll und erinnerte mich an meinen ersten Besuch im Museo del Oro 1979 in Bogotá, Kolumbien, nur mit dem Unterschied, dass hier alles mehr als zwei Jahrtausende alt ist. Man glaubt, in einer dunklen unterirdischen Höhle zu sein, und dann wird es langsam heller und man erkennt die ersten Dinge…

Die Gemeinschaftsregel: Der Kodex der Sekte. „Sie leben zusammen, zu Gruppen und Gemeinschaften der Kameradschaft geformt, mit gemeinsamen Mahlzeiten, und hören niemals auf, all ihre Angelegenheiten so zu führen, dass sie dem Gemeinwohl dienen.“ (Philo, Apologia pro Judaeis II, 5)
„Im Qumranschrifttum hebt sich eine Gruppe von Texten heraus, die in einer jüdischen Gemeinschaft mit besonderer Prägung verfasst worden waren. Diese Gemeinschaft nannte sich selbst Jachad und wird in der Forschung oft mit den Essenern identifiziert. Mitglieder des Jachad befolgten die Gebote der Tora mit großer Radikalität und darüber hinaus eigene Gebote, von denen man außerhalb des Jachad nichts wusste. Der Jachad lehnte den Jerusalemer Tempel ab und glaubte, dass die Liturgie in der eigenen Gruppe den Jerusalemer Opferkult ersetzen könne. Viele Verfasser waren überzeugt, in der Endzeit zu leben.“
Armageddon vor zwei Jahrtausenden… Interessant finde ich vor allem, dass sich von den vielen Varianten des Judentums, die es damals noch gab, die rabbinische Version nach der Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer als die maßgebliche Mehrheit durchgesetzt hat. Also: Bücher sind im Judentum wichtiger als Gebäude.
Eine der größten spirituellen Revolutionen der Menschheitsgeschichte begann gegen Ende der Zeit des Ersten Tempels, als das jüdische Volk den langen Prozess der Kanonisierung seiner alten Überlieferungen aufnahm. Dieser Prozess gewann insbesondere nach der Zerstörung des Tempels und dem babylonischen Exil im 6. Jahrhundert v. Chr. an Dynamik und fand seinen Höhepunkt in den ersten Jahrhunderten n. Chr. mit dem Korpus heiliger Schriften, den wir heute die Hebräische Bibel (Tanach) nennen, der sowohl dem Neuen Testament als auch dem Koran den Weg bereitete. Aufgrund dieses Beitrags zur menschlichen Kultur wurde das jüdische Volk als „das Volk des Buches“ bekannt.
Im Laufe der Zeit wurde die Bibel zum Grundpfeiler der jüdischen nationalen Identität. Es ist daher nicht überraschend, dass nach der Entdeckung der ältesten biblischen Handschriften (der Schriftrollen vom Toten Meer) in der Judäischen Wüste[noch auf meiner To-Do-Liste] in den späten 1940er-Jahren die Idee entstand, in Jerusalem – der Hauptstadt des Staates Israel – einen „Schrein des Buches“ zu errichten, um diese alten Schriften sowie andere seltene biblische Manuskripte aufzubewahren.
Die vorliegende Ausstellung ist der bemerkenswerten Geschichte eines dieser Manuskripte gewidmet, das als der Aleppo-Kodex“ bekannt ist und als der genaueste gilt. Der Aleppo-Kodex wurde im 10. Jahrhundert n. Chr. in Tiberias geschrieben. Sein Text verkörpert Traditionen der Aussprache, der Rechtschreibung, der Interpunktion und der Kantillation, die über Generationen hinweg weitergegeben und schließlich von Gelehrten in Tiberias, den sogenannten Masoreten, schriftlich festgehalten wurden. Von Tiberias wurde das Buch nach Jerusalem, nach Ägypten und schließlich nach Aleppo in Syrien gebracht; in den 1950er-Jahren wurde es heimlich nach Jerusalem zurückgebracht. Die Ausstellung des Aleppo-Kodex im Schrein des Buches kann als Erfüllung der Worte des Propheten Jesaja (2,3) gesehen werden: „Denn von Zion wird Weisung [Tora] ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem.“
Bein fast allem, was in israelischen Museen ausgestellt ist, steckt noch eine weitere Geschichte dahinter, oft ein Art Thriller, wie die Exponate überhaupt dorthin gekommen sind. Das trifft insbesondere für den Kodex von Aleppo zu.
„Mitte des 11. Jahrhunderts, etwa ein Jahrhundert nachdem er geschrieben wurde, kam der Codex in die Hände der Karäergemeinschaft von Jerusalem, anscheinend nachdem er den Erben des Aaron ben Ascher abgekauft wurde. Nicht lange danach wurde er als Beute aus Jerusalem mitgenommen (entweder 1071 von den Seldschuken oder 1099 von den Kreuzfahrern) und tauchte schließlich in der Rabbanitensynagoge in Kairo wieder auf, wo er von Maimonides benutzt wurde. Maimonides’ Nachkommen brachten ihn Ende des 14. Jahrhunderts nach Aleppo (Syrien).
Während des Pogroms von Aleppo im Dezember 1947 wurde die Aleppiner Zentralsynagoge in Brand gesetzt und zerstört. Der Codex galt zunächst als verloren.“
Als wenn das nicht schon ein filmreifer Plot wäre: „Im Januar 1958 wurde der Codex unter nicht ganz geklärten Umständen nach Jerusalem gebracht, wo er sich heute noch befindet. Ein massiver Streit entbrannte…“
„Heimlich zurückgebracht“, „nicht ganz geklärt“ und „massiver Streit“ – wir sind in Israel.
Rettung des Aleppo-Kodex
„Man glaubte, er sei verloren, doch der Aleppo-Kodex erhob sich dennoch aus der Asche. Als die Unruhen abgeklungen waren, stellte sich heraus, dass die Juden von Aleppo ihn hatten bergen und verstecken können. Etwa zehn Jahre später, 1958, wurde der Kodex in einer kühnen, geheimen Aktion nach Jerusalem gebracht, ermöglicht durch das Eingreifen des israelischen Präsidenten Jitzchak Ben-Zvi und verschiedener rabbinischer Führer. Der Aleppo-Kodex wurde dem Ben-Zvi-Institut in Jerusalem anvertraut, und ein Kuratorium, dem auch der sephardische Oberrabbiner (der Rischon le-Zion) angehörte, wurde eingesetzt, um ihn zu betreuen.
Leider war der Kodex, der Jerusalem erreichte, nicht mehr vollständig – der Anfang, das Ende und einige Seiten aus der Mitte fehlten. Aufgrund seines schlechten physischen Zustands war eine umfangreiche Konservierung notwendig; diese wurde über einen Zeitraum von etwa sechs Jahren in den Laboratorien des Israel-Museums durchgeführt. Die Arbeiten umfassten: die Entfernung früherer Reparaturen und von Klebstoff, das Fixieren und Stärken der Tinte, das Ergänzen der fehlenden Pergamentstücke sowie das Glätten der Seiten.
Es wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, die verlorenen Teile ausfindig zu machen, da gemunkelt wurde, sie existierten noch irgendwo. Diese Bemühungen waren bislang nicht erfolgreich; bis heute wurden lediglich eine vollständige Seite mit einer Passage aus dem Buch der Chronik sowie ein kleines Fragment einer Seite aus dem Buch Exodus gefunden (letzteres wird heute als Amulett im Geldbeutel eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde von Aleppo in New York aufbewahrt [WTF?]). Nur die Zeit wird zeigen, ob noch weitere Blätter des Kodex existieren.“
Ich konnte nicht widerstehen und habe mir sofort Matti Friedmans „Der Aleppo-Codex: Eine Bibel, der Mossad und das Staatsgeheimnis Israels“ bestellt. Wieso gibt es nur das eine Buch dazu? Warum nur einen Film?
Noch mal zurück zu der Sekte von Qumram.
„Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die meisten Angehörigen der Sekte in Zelten, Hütten und insbesondere in Höhlen lebten, die in die Mergelterrasse gegenüber von Chirbet Qumran und in deren Nähe gehauen waren. In diesen Höhlen wurden Öllampen, Mesusot, Holzgeräte, Keramik und andere Gegenstände des täglichen Lebens gefunden. Außerdem wurde in der Nähe einiger Höhlen ein Netz von Wegen entdeckt, das vermutlich von den Sektierern auf ihrem Weg zum und vom Gemeinschaftskomplex genutzt wurde. Darauf weisen die zahlreichen Nägel hin, die entlang der Wege gefunden wurden und vermutlich von ihren Sandalen abgefallen sind.
Die Sektierer entschieden sich trotz der beschwerlichen Bedingungen für ein Leben in der Wüste. Sie betrachteten die Öde der Wüste als Symbol der Reinheit, als eschatologisches Paradies und als Zufluchtsort vor der Verderbtheit von Gesellschaft und Kultur – im Geist der Tora und der Propheten. Ein Leben der Abgeschiedenheit in der Wüste war notwendig, um sich von einer Welt zu trennen, die sie als unrein betrachteten, und weil sie an ihre Rolle als Verkünder der unmittelbar bevorstehenden Erlösung glaubten.“
Aus meiner Kindheit, jünger als acht Jahre: Ich ging mit meinem Großvater spazieren. Von fern sah ich die Kirmes in unserem Dorf. Mein Opa sagt: „Das ist Babylon und nichts für uns.“ Das zum Thema „unreine Welt“.

Münzschatz aus Chirbet Qumran, 1. Jahrhundert v. Chr., Silber#
Auf der zeitweilig entfernten Tonscherbe (Ostrakon – Entwurf einer Schenkungsurkunde auf einer Tonscherbe, geschrieben auf Hebräisch, Chirbet Qumran, 1. Jahrhundert n. Chr.) steht:
Im zweiten Jahr [ … ]
in Jericho gab Honi, Sohn des [ … ],
dem Elasar, Sohn des Nachmani [ … ],
Hisda aus Holon [ … ],
von diesem Tag an auf ewig,
und die Grenzen des Hauses und [ … ],
und die Feigenbäume, die Olivenbäume, und
wenn er diesen (seinen Eid) gegenüber der Gemeinschaft erfüllt [ … ],
und Honi [ … ],
an ihn Hisda [ … ],
und der [ … ],
und in die Hand von [ … ],
zu [ … ],
Hisda, Sklave des Honi(?) aus
Holon [ … ].
Frage an die hier mitlesenden Araber: Gab es euch eigentlich damals schon in Jericho?
Zion, Gudit, Dihya und Banu Nadir und noch mehr
Ich habe mir Auszüge eines weiteren Kapitels des (nur für mich) höchst interessanten Buchs von Robert Wolfe: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ (2011) übersetzen lassen (umformuliert, alle Links sind von mir). Ich habe unendlich viel Neues gelernt und würde am liebsten alle erwähnten Bücher lesen. Wolfes Thesen sind großartig und sehr originell.

Relief am Titusbogen, das die während des Triumphzuges von 71 n. Chr. mitgeführten Tempelbeute darstellt.
Zion
Für die meisten Menschen ist jüdische Geschichte etwas, das mit Gott beginnt und mit Jesus endet. Selbst Historiker neigen dazu, das Interesse an den Juden zu verlieren, sobald die Wunder vorbei sind. Wenn sie uns überhaupt erwähnen, dann um darauf hinzuweisen, dass wir in den folgenden 1900 Jahren umherwanderten – eine verachtete und verfolgte Minderheit –, bis die Nazis uns schließlich in die Öfen steckten. Manche bringen Bedauern über diese Geschichte zum Ausdruck, andere finden Gründe, warum wir sie verdient hätten. Nur sehr wenigen kommt es in den Sinn, uns irgendeinen Einfluss zuzuschreiben, und noch weniger einen positiven Einfluss. Dass wir die Welt in mancher Hinsicht verändert haben könnten, kommt kaum jemandem in den Sinn.
Die Kehrseite dieser massiven Gleichgültigkeit gegenüber der post-römischen jüdischen Geschichte ist die obsessive Mystifizierung der Ursprünge des modernen jüdischen Staates Israel. Israel ist die eine historische Tatsache, die darauf hinzuweisen scheint, dass das jüdische Volk einen gewissen Einfluss besitzt. Und da sich kaum jemand für die Möglichkeit interessiert, dass sich dieser Einfluss über lange Zeit als progressive politische Kraft entfaltet haben könnte, ist es verführerisch, zu dem Schluss zu kommen, dieser Einfluss sei okkulter, finsterer Natur. Israel müsse also das Produkt einer geheimen jüdischen Verschwörung gewesen sein, die in Zusammenarbeit mit dem britischen Imperialismus, dem amerikanischen Imperialismus, internationalen Bankiers, den Freimaurern und möglicherweise dem KGB agierte. Oder, falls Israel nicht das Produkt einer Verschwörung war, dann sei es eine Art Trostpreis gewesen, den die siegreichen Alliierten dem jüdischen Volk als Belohnung dafür überreichten, dass es von den Nazis abgeschlachtet worden war.
Jeder, der sich mit jüdischer Geschichte beschäftigt, weiß, dass das jüdische Volk seit 2000 Jahren darum ringt, das Ergebnis der Jüdischen Kriege rückgängig zu machen; doch die Welt tut sich sehr schwer damit, einen Zusammenhang zwischen diesem Ringen und der Entstehung Israels anzuerkennen. Dies zu tun hieße, Israel als Ergebnis eines langen historischen Prozesses zu begreifen und das jüdische Volk als eine progressive Kraft in der Weltgeschichte anzuerkennen.
Viele Menschen stellen sich den Zionismus als ein jüngeres Phänomen vor, das auf das späte 19. Jahrhundert zurückgeht, als Nebenprodukt des europäischen Kolonialismus und Nationalismus. Doch die Sehnsucht nach der Rückkehr nach Zion ist so alt wie die babylonische Gefangenschaft und wahrscheinlich noch älter. Und von Anfang an hatte diese Sehnsucht radikale Implikationen aufgrund der radikalen Traditionen, die mit Zion verbunden waren. In der römischen Epoche kristallisierten sich diese Traditionen um die Legende des Messias, und von diesem Zeitpunkt an waren der Traum vom Messias und der Traum von Zion im Wesentlichen derselbe Traum.

Maßstabsgetreue Rekonstruktion des Tempelbergs im ersten Jahrhundert n. Chr., mit dem Zweiten Tempel in der Mitte und der Antonia-Festung oben rechts. Israel-Museum Jerusalem, fotografiert am 11.10.1225.
Die Aufgabe des Messias in der jüdischen Tradition wurde darin gesehen, die Sammlung der Verbannten herbeizuführen und die Wiederherstellung der jüdischen Nation im Land Israel zu bewirken. Fast 2000 Jahre lang entstanden in verschiedenen Teilen der jüdischen Welt immer wieder messianische Bewegungen, die versuchten, diese Ziele auf die eine oder andere Weise zu verwirklichen. Keine dieser Bewegungen war bis in die Neuzeit erfolgreich – doch bedeutet das, dass sie ohne Einfluss waren? Im Gegenteil: Sie hatten einen starken Einfluss nicht nur auf das jüdische Volk, sondern auch auf Nichtjuden. Sie trugen dazu bei, sowohl im Christentum als auch im Islam eine radikale Strömung hervorzubringen, ebenso wie eine Vielzahl anderer radikaler Tendenzen weltweit. Dennoch ist ihre Geschichte fast vollständig unbekannt, vor allem wegen der großen Zurückhaltung der Weltöffentlichkeit, dem jüdischen Volk irgendwelche positiven Leistungen zuzuschreiben.
Selbst im Land Israel, das von den Römern gründlich verwüstet worden war, lebten im Jahr 135 n. Chr. noch etwa 750.000 Juden.
Die Bewegung zur Rückkehr nach Zion war in den ersten etwa 500 Jahren nach dem Ende der „Jüdischen Kriege“ im Jahr 135 n. Chr. besonders breit verankert und einflussreich. Weit davon entfernt, durch die „Jüdischen Kriege“ zerstört worden zu sein, ging das jüdische Volk aus dieser Prüfung in mancher Hinsicht stärker hervor als je zuvor. Selbst im Land Israel, das von den Römern gründlich verwüstet worden war, lebten im Jahr 135 n. Chr. noch etwa 750.000 Juden. Und außerhalb des Römischen Reiches nahm die Zahl der Juden in den Jahrhunderten unmittelbar nach den „Jüdischen Kriegen“ rasch zu, hauptsächlich durch Konversion.

Maßstabsgetreue Rekonstruktion Jerusalems und des Tempelbergs im ersten Jahrhundert n. Chr., mit dem Zweiten Tempel. Israel-Museum Jerusalem, fotografiert am 11.10.1225.
Bis zum Aufstieg des Islam im 7. Jahrhundert n. Chr. lebten weiterhin Millionen von Juden im Nahen Osten, insbesondere im Irak, Iran, in Arabien, Äthiopien und Nordafrika. Diese Juden verfolgten den Traum von Zion aktiv durch militärische Feldzüge gegen die Römer und ihre byzantinischen Nachfolger. Weder der Triumph des Christentums noch die Ursprünge des Islam können ohne Bezug auf diesen Kampf verstanden werden. Dennoch erwähnen Standarddarstellungen dieser Epoche die Juden oft überhaupt nicht; und wenn sie es doch tun, dann fast immer nur, um darauf hinzuweisen, dass entweder jemand die Juden verfolgte oder dass ein einzelner Jude etwas Anrüchiges getan habe.
Was Historiker ignorieren oder verschweigen, ist der Einfluss der zionistischen Bewegung dieser Zeit auf andere Bewegungen nationaler Befreiung im Nahen Osten.
Das Judentum sprach die Völker des Nahen Ostens an, weil es ein Modell dafür bot, wie nationale Unabhängigkeit angesichts römischen und byzantinischen Imperialismus bewahrt und verteidigt werden konnte. Die Konversion zum Judentum erforderte nicht die Aufgabe der nationalen Traditionen der Konvertiten. Sie konnten Aramäer, Araber, Äthiopier oder Berber in Sprache und Kultur bleiben und dennoch die jüdische Religion und das jüdische Recht annehmen.
Unter dem Einfluss der vielen jüdischen Flüchtlinge, die während der Zeit der „Jüdischen Kriege“ gezwungen waren, aus dem Land Israel zu fliehen, entstanden im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. in allen Teilen des Nahen Ostens große jüdische Gemeinden, die außerhalb der Reichweite der römischen Armee lagen. In manchen Regionen gingen aus diesen Gemeinden sogar jüdische Königreiche hervor. Diese gesamte jüdische Welt des Nahen Ostens war durch die Opposition gegen Rom und die Hingabe an den Traum von Zion geeint. Ihre verschüttete Geschichte freizulegen ist der Schlüssel zum Verständnis, wie und warum die jüdische radikale Tradition die Welt verändern konnte.

Targum Onkelos – Übersetzung der Tora aus dem Hebräischen ins Aramäische, British Library Oriental MS. 1,497, במדבר (Bamidbar) / Numeri 6,3–104, 4. Buch Mose 6,3-10. 12. Jh.
Aramäisches Judentum
Das wichtigste Bindeglied zwischen der Nation Juda und anderen Völkern des Nahen Ostens war das aramäische Judentum. Im Verlauf des 1. Jahrtausends v. Chr. wurde Aramäisch allmählich zur gesprochenen Sprache der Mehrheit der Menschen in dem Gebiet, das heute aus Jordanien, Syrien, Irak, Libanon und Israel besteht. Zur Zeit der Römer sprachen die meisten Juden in dieser Region Aramäisch und nicht Hebräisch. Die Tora wurde ins Aramäische übersetzt, und viele jüdische Texte – darunter Teile der biblischen Bücher Esra und Daniel – wurden auf Aramäisch verfasst.
Da Hebräisch und Aramäisch eng verwandte Sprachen sind, blieb die Kenntnis des Hebräischen unter Juden ebenfalls verbreitet; doch für die meisten praktischen Zwecke bildeten die Juden des Nahen Ostens in römischer und byzantinischer Zeit tatsächlich einen Teil einer größeren aramäischen Nationalität. Sie sprachen dieselbe Sprache, teilten dieselbe materielle Kultur und hatten in etwa dasselbe äußere Erscheinungsbild wie die nichtjüdischen Aramäer.
Die religiösen Gottesdienste wurden überwiegend auf Aramäisch abgehalten, so sehr, dass viele Gebete, die bis heute rezitiert werden, ursprünglich auf Aramäisch und nicht auf Hebräisch verfasst wurden. Auch der Talmud wurde auf Aramäisch geschrieben. Dennoch ist trotz der umfangreichen Belege für eine jüdische religiöse und weltliche Kultur auf Aramäisch von Historikern wenig oder gar keine Aufmerksamkeit der Erforschung einer aramäischen Nationalität gewidmet worden.
Es existieren zwar zahlreiche Studien zur aramäischen Sprache, doch kaum jemand scheint die Menschen, die diese Sprache sprachen, als Aramäer zu betrachten. Eines der wenigen wissenschaftlichen Werke, das sich tatsächlich mit aramäischer Geschichte befasst, ist Aram and Israel von Emil Kraeling. Kraeling beschäftigt sich jedoch hauptsächlich mit der frühen Phase der aramäischen Geschichte, jener Zeit, in der die Aramäer eine Reihe kleiner Königreiche mit Zentren um Harran und Damaskus bildeten. Diese Phase endete im Jahr 732 v. Chr. mit der Eroberung von Damaskus durch die Assyrer.
Doch obwohl die Aramäer ihre politische Unabhängigkeit nie wiedererlangten, wuchs ihr kultureller Einfluss weiter, wie sich an der raschen Verbreitung der aramäischen Sprache unter assyrischer, babylonischer und persischer Herrschaft zeigt. Kraelings Erklärung für diese Entwicklung ist jedoch völlig abwegig. Er argumentiert auf Seite 139, die Aramäer seien „große Händler“ gewesen und daher habe ihre Sprache „die Möglichkeit gehabt, zu einem Austauschmedium zu werden“. Er fügt hinzu:
Darüber hinaus trennte die Zerstörung der aramäischen Staaten diese Sprache von allen nationalen Bestrebungen oder religiöser Propaganda, sodass sich kein Vorurteil gegen ihren Gebrauch entwickeln konnte.
Diese Sichtweise einer aramäischen Kultur als vollständig frei von „nationalen Bestrebungen“ oder „religiöser Propaganda“ ist charakteristisch für die moderne Geschichtswissenschaft. Millionen von Menschen vom Euphrat bis zum Nil sprachen und schrieben über einen Zeitraum von weit mehr als 1000 Jahren Aramäisch, und dennoch sollen wir glauben, dies sei ausschließlich deshalb geschehen, weil Aramäisch ein von „großen Händlern“ aufgezwungenes „Austauschmedium“ gewesen sei.
Ein Faktor, der mit Sicherheit zur Verbreitung des Aramäischen beitrug, war seine Einführung als Amtssprache des Persischen Reiches in dem Gebiet, das heute aus Jordanien, Syrien, Irak, Libanon und Israel besteht. Aramäisch wurde in einer alphabetischen Schrift geschrieben , das sogenannte „quadratische Hebräisch“, das bis heute in Gebrauch ist, ist daraus abgeleitet) und war als Schriftsprache wesentlich leichter zu verwenden als die akkadische Keilschrift, die von Assyrern und Babyloniern bevorzugt wurde. Aramäisch wurde jedoch bereits in Babylon selbst gesprochen, noch bevor es zur persischen Eroberung kam. Die Perser verbanden sich mit dem aramäischsprachigen Element im ehemaligen babylonischen Reich, um ihre eigene Herrschaft zu legitimieren. Ihre wohlwollende Haltung gegenüber den jüdischen Exilierten in Babylon war ein Aspekt dieser Politik. Umgekehrt akzeptierten die zurückkehrenden Exilierten die persische Herrschaft und unterließen jede Forderung nach der Wiederherstellung der jüdischen Monarchie im Land Israel, solange das Persische Reich bestand.

Vergleich des Akkadischen mit Hebräisch
Die aramäische Sprache und Kultur wurden so zum gemeinsamen Bezugspunkt zwischen den Persern auf der einen und den Juden auf der anderen Seite. Infolgedessen entwickelte sich allmählich eine populäre aramäische religiöse Kultur, in der Elemente der zoroastrischen Religion der Perser, der hebräischsprachigen Religion der Juden sowie der heidnischen Glaubensvorstellungen der alten aramäischen Königreiche eine Rolle spielten.
Charakteristisch für diese religiöse Kultur war der Glaube an ein wohlwollendes höchstes Wesen, das die Toten auferwecken und sie am Jüngsten Gericht entweder in den Himmel oder in die Hölle senden würde. Auch die Tendenz, Hierarchien von Engeln und Dämonen auszubilden, gehörte zu diesem Glaubenssystem. Das rabbinische Judentum war in hohem Maße in diesem Glaubenssystem verwurzelt, das sich deutlich von der Religion der frühen Hebräer unterschied, insbesondere durch seine Betonung des Schicksals der Seele im Jenseits.
Die Rabbiner rechtfertigten diese Neuerungen mit dem Argument, sie seien Teil der sogenannten „mündlichen Tora„, von der behauptet wurde, sie sei von Mose an seine Nachfolger überliefert worden, jedoch nicht in der schriftlichen Tora enthalten. Diese „mündliche Tora“ kann auch als Chiffre für aramäische religiöse Kultur verstanden werden. Die Rabbiner, die diese Lehre ausarbeiteten, waren im gesamten Gebiet aktiv, in dem Aramäisch gesprochen wurde. Hillel, der von vielen als Begründer des rabbinischen Judentums angesehen wird, wurde im Gebiet des heutigen Irak geboren und ausgebildet; und in späteren Jahrhunderten wurde auch der größte Teil des Talmud im Gebiet des heutigen Irak verfasst.
Unglücklicherweise lag der größte Teil des aramäischsprachigen Raums innerhalb der Reichweite der römischen Armee, deren völkermörderischer Angriff auf die Nation Juda mit der systematischen Herabwürdigung und Unterdrückung aller Formen aramäischer Kultur einherging.
Die römische Politik in diesem Gebiet wurde symbolisiert durch den Tempel, des „Jupiter Heliopolitanus“, den die Römer im 1. Jahrhundert n. Chr. in Baalbek – heute ein Teil des Libanon – errichteten. Die Statue des Jupiter im Inneren des Tempels, beschrieben von Friedrich Ragette auf Seite 20 von „Baalbek“, zeigte ihn mit einer Peitsche in der einen und einem Blitz in der anderen Hand.
| Das rabbinische Judentum (hebräisch יהדות רבנית Yahadut Rabanit) oder auch Rabbinische Zeit war eine rabbinische Strömung, die sich nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.) zur Hauptströmung des Judentums entwickelte und ab ca. 200 n. Chr. maßgeblich Ritus und Theologie prägte. Kennzeichnend für diese Bewegung ist zum einen die Anerkennung der Autorität weniger Rabbiner als maßgeblich für die Auslegung der heiligen Schriften und zum anderen die nach der Zerstörung des Tempels notwendige neue Kultordnung, die nicht mehr in der Opferung von Tieren, sondern im Feiern von Gebetsgottesdiensten besteht. Mit dem 11. Jahrhundert war die Verständigung über Inhalte und Umfang der Schriftkorpora grundsätzlich abgeschlossen und damit der Grundstein des gelebten Judentums gelegt. |
Hunderttausende von Juden im Gebiet des heutigen Libanon und Syriens wurden im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. von den Römern massakriert, während diese zugleich das Land Israel verwüsteten. Das Gebiet des heutigen Irak jedoch blieb während des größten Teils dieser Zeit unter parthischer Kontrolle, trotz periodischer römischer Invasionen. Nissim Rejwan schätzt auf Seite 29 von „The Jews of Iraq“, dass um 200 n. Chr. etwa zwei Millionen Juden in diesem Gebiet lebten. „Die wichtigste und häufigste Beschäftigung der babylonischen Juden war die Landwirtschaft“, vermerkt Rejwan auf Seite 24. Sie bildeten zu dieser Zeit „die einzige große jüdische Gemeinschaft, die nicht unter römischer Herrschaft stand“.
Möglicherweise aus diesem Grund starteten die Römer im Jahr 194 n. Chr. unter dem Befehl des Kaisers Septimius Severus eine massive Invasion des Irak. Das Gebiet wurde verwüstet, doch schließlich wurden die Römer von den Parthern zurückgeschlagen.
Freya Stark sieht diese Invasion in „Rome on the Euphrates“ als Auslöser für die Wiederbelebung des Persischen Reiches zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. Die parthische Herrschaft wurde von den Persern unter Führung der sassanidischen Dynastie gestürzt, und eine deutlich aggressivere antirömische Politik wurde eingeführt. Stark merkt auf Seite 262 an, dass die Münzen des ersten sassanidischen Herrschers Ardaschir I. in Aramäisch und nicht in Griechisch geprägt wurden, das zuvor von den Parthern verwendet worden war. Dies deutete auf den Wunsch der sassanidischen Könige hin, die gesamte aramäischsprachige Region von den Römern zu befreien.
Bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. gingen die Perser zur Offensive über, und im Jahr 260 n. Chr. nahmen sie den römischen Kaiser Valerian gefangen, der in der Gefangenschaft starb. Den Persern gelang es jedoch nicht, die Römer dauerhaft aus Syrien zu vertreiben, und es entwickelte sich ein jahrelanger Stellungskrieg, der buchstäblich Hunderte von Jahren andauerte. Das aramäischsprachige Gebiet Syriens und des Irak bildete dabei das Hauptschlachtfeld zwischen den Persern auf der einen Seite und den Römern und Byzantinern auf der anderen.
Dies war der historische Kontext, in dem die jüdische messianische Bewegung, die nach der Niederlage der jüdischen Streitkräfte im „Zweiten Jüdischen Krieg“ zunächst zum Erliegen gekommen war, in der gesamten aramäischsprachigen Welt erneut auflebte.

Ein Flachrelief zeigt Kaiser Valerian, der im Hintergrund steht und von König Schapur I. gefangen gehalten wird. Das Relief wurde in Naqsch-e Rustam, Schiras, Iran, gefunden. Bei dem knienden Mann handelt es sich vermutlich um Philippus Arabs.
Michael Avi-Yonah beschreibt in „The Jews of Palestine“ ausführlich das Wiederaufleben messianischer Agitation unter den Juden im römischen Palästina während des 3. Jahrhunderts n. Chr. Er stellt auf Seite 131 fest:
Der Hass auf Rom und die messianische Idee verbanden sich zu einer einzigen Vision von Erlösung und Vergeltung. Nach Rabbi Levi werde der Messias aus dem Haus Josephs nach dem Wiederaufbau des Tempels gegen Rom ziehen und es erobern, so wie Josua Jericho eroberte; denn „unser Vater Jakob sagte voraus, dass die Nachkommen Esaus in die Hände der Nachkommen Josephs ausgeliefert würden“.
Ähnliche Vorstellungen wurden in derselben Zeit auch unter den Juden des Irak verbreitet. Viele Juden aus dieser Region dienten im persischen Heer in der Erwartung, dass nach einem Sieg der Perser über die Römer den Juden erlaubt würde, in das Land Israel zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen. Die Juden Palästinas hingegen, die im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. noch vielleicht eine halbe Million Menschen zählten, wollten nicht untätig auf die Perser warten. Im Jahr 351 n. Chr., ermutigt durch Berichte über eine neue persische Offensive, übernahmen Juden die Kontrolle über die Städte Tiberias, Sepphoris und Lydda in Galiläa und riefen – wie die Römer es ausdrückten – „eine Art Königreich“ aus. Der Aufstand wurde jedoch vom römischen Kaiser Gallus [Constantius Gallus war nur der Stellvertreter des Kaisers Constantius_II.. B.S.] niedergeschlagen, und von diesem Zeitpunkt an trat die jüdische Bevölkerung Palästinas in eine Phase stetigen Niedergangs ein.
Im Nahen Osten nahm der militärische Konflikt zwischen Römern und Persern zugleich die Form eines kulturellen Konflikts zwischen Griechisch und Aramäisch an. In dieser Region waren die Römer zahlenmäßig zu schwach, um ihren Untertanen die lateinische Sprache und Kultur aufzuzwingen. Sie übernahmen daher Griechisch als Amtssprache ihrer Verwaltung, während die Perser weiterhin auf Aramäisch setzten. Der Aufstieg des Christentums zur offiziellen Religion des Römischen Reiches im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. muss in diesem Zusammenhang gesehen werden.
Das Christentum war im Wesentlichen eine griechischsprachige Anpassung religiöser Vorstellungen, die nicht nur jüdisch, sondern auch aramäisch waren. Der Glaube an das Jüngste Gericht sowie an Himmel und Hölle gelangte aus derselben Quelle in das Christentum wie in das Judentum, nämlich aus der aramäischen Volkskultur. Das einzige originäre Merkmal des Christentums aus aramäischer Sicht war die Verbindung dieser Glaubensvorstellungen mit einem kannibalistischen Ritual, bei dem vorgegeben wird, das Fleisch zu essen und das Blut des Messias der Juden zu trinken. Dieses Ritual, das aus den griechisch-römischen Mysterienreligionen abgeleitet war, verlieh dem Christentum eine tiefgreifende antisemitische Schlagseite, eine Schlagseite, die es zu einer geeigneten Staatsreligion für das Römische Reich im Nahen Osten machte. Als Reaktion auf die persische Offensive und das Wiedererstarken des jüdischen Messianismus bot das Christentum den Römern und ihren byzantinischen Nachfolgern ein Mittel, griechische kulturelle Hegemonie über die aramäischsprachigen Völker in einer pseudo-aramäischen, antijüdischen Form durchzusetzen.
Die eigentliche Bedeutung des Christentums wurde besonders deutlich in Palästina, wo seine Einführung als offizielle Religion Roms den Beginn eines gezielten Versuchs signalisierte, das Judentum im Land seines Ursprungs vollständig zu beseitigen. Der Hauptgrund für den Rückgang der jüdischen Bevölkerung Palästinas nach dem gescheiterten Aufstand von 351 n. Chr. war das Wachstum der christlichen Bevölkerung. Ab der Mitte des 4. Jahrhunderts begannen griechischsprachige christliche Mönche und Missionare aus Ägypten und Syrien in großer Zahl nach Palästina zu strömen. Bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. bestand in Palästina eine christliche Bevölkerungsmehrheit.
Die Christen nutzten ihre Machtposition, um Synagogen zu verbrennen und zu plündern und die zahlreichen antijüdischen Erlasse umzusetzen, die von den christlichen Kaisern in Konstantinopel erlassen worden waren. Die heidnischen Römer hatten den Juden Palästinas ein gewisses Maß an Autonomie zugestanden, symbolisiert durch die Institution des Sanhedrin, eines Gremiums von Rabbinern mit begrenzten richterlichen Befugnissen. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts schafften die Christen den Sanhedrin ab, was dazu führte, dass die formale Autorität über die jüdische Welt von den Rabbinern Palästinas auf die Rabbinerschulen im Irak überging. Obwohl danach noch mehrere Hunderttausend Juden in Palästina verblieben, war ihr Einfluss stark geschwächt.

Beschwörungsschale mit einer Inschrift in judäo-aramäischer Sprache
Im Gebiet von Syrien und Libanon waren die meisten Juden bereits zur Zeit der sogenannten „Jüdischen Kriege“ von den Römern und ihren griechischen Verbündeten getötet worden. Dennoch erwiesen sich die Versuche des Byzantinischen Reiches, den Aramäern dieser Region ein griechischsprachiges Christentum aufzuzwingen, als weitgehend erfolglos. Der Widerstand gegen alles Griechische war so stark, dass die Christen gezwungen waren, ihre Literatur ins Aramäische zu übersetzen. Bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden in diesem gesamten Gebiet aramäischsprachige christliche Kirchen. Diese Kirchen waren von den „griechisch-orthodoxen“ Autoritäten als „häretisch“ angesehen, weil sie jüdischen Praktiken und Traditionen gegenüber offener waren als die Griechen. Auf dem Konzil von Ephesus im Jahr 431 n. Chr. wurden die aramäischsprachigen Kirchen formell aus der „griechisch-orthodoxen“ Kirche ausgeschlossen, mit der Begründung, ihre Auffassungen ähnelten denen eines griechischsprachigen Christen namens Nestorius, dem man vorwarf, geleugnet zu haben, dass Jesus der Sohn Gottes sei. Die sogenannten „Nestorianer“ wurden gezwungen, nach Irak und Iran zu fliehen, von wo aus sie allmählich eine Kette nestorianischer Gemeinden in ganz Zentralasien aufbauten.
Eine kleine Zahl aramäischsprachiger christlicher Gemeinden überlebte auch im Libanon und in Syrien unter dem Namen der Jakobiten. Trotz der Beibehaltung bestimmter jüdischer Praktiken unterschieden sich die Lehren der Nestorianer und Jakobiten nicht wesentlich von denen der „orthodoxen“ Christen; doch allein die Tatsache, dass sie auf Aramäisch statt auf Griechisch formuliert waren, genügte, um ihre spätere Verurteilung sicherzustellen.
Obwohl Aramäisch natürlich die Sprache Jesu Christi war, war das Vorurteil dagegen in der griechischen und römischen Welt so stark, dass selbst die aramäischsprachigen Ebioniten, die aus Freunden und Verwandten Jesu selbst bestanden haben sollen, ebenfalls als „Häretiker“ verurteilt wurden. Genau dieses Vorurteil ist eindeutig verantwortlich für das vollständige Desinteresse moderner Gelehrter an der Geschichte einer aramäischen Nationalität. Dem Prinzip „teile und herrsche“ folgend, sprechen die Gelehrten nie von den Aramäern als einer Gruppe, sondern nur von „Babyloniern“, „Syrern“ und „Juden“, die zufälligerweise alle dieselbe Sprache sprachen und viele der gleichen Glaubensvorstellungen und kulturellen Merkmale teilten.
Ein wichtiger Bestandteil dieser Kultur war das aramäische Judentum, das Elemente aramäischer Volkskultur mit traditionellen jüdischen Glaubensvorstellungen verband – in einer Form, die in der gesamten aramäischsprachigen Welt weit verbreitet war. In hohem Maße war es gerade durch das aramäische Judentum, dass jüdische Glaubensvorstellungen und Praktiken anderen nahöstlichen Völkern an den Rändern des Römischen Reiches vermittelt wurden. Angeregt durch den heroischen Kampf der Juden gegen den griechisch-römischen Imperialismus, begannen diese Völker ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. in großer Zahl zum Judentum zu konvertieren. An erster Stelle standen dabei die Araber, Äthiopier und Berber, die nach dieser Darstellung zunächst Juden wurden, bevor sie später Christen oder Muslime wurden.

Der Schmuck jüdischer Frauen in Libyen, Israel-Museum, Jerusalem, fotografiert 11.10.2025
„Das hier gezeigte Schmuckensemble ist typisch für Frauen aus der Stadt Tripolis, weist jedoch auch einige ländliche Elemente auf. Die Schmuckstücke, die die Schläfen der Frau zieren, spiegeln die Tradition der libyschen Silberschmiedekunst wider, die besonders in der Technik des Repoussé (Treibarbeit) und der Durchbrucharbeit hervorragte. Sie zeigen bemerkenswerte Kombinationen aus geometrischen Motiven, Blumen, Fischen und Vögeln, Hamsa- und Mondmustern sowie Davidsternen
Um ihren Hals trug die jüdische Frau eine sha’irya („Gerstenkorn“), eine Halskette mit mondförmigen Anhängern, die die Fruchtbarkeit sichern sollten. Die Halskette enthält Bernsteinperlen, die aus gewürztem Teig geformt wurden und durch den Duft, den sie bei Hautkontakt freisetzen, anziehend wirken sollten. Der Gürtel, gefertigt aus gegossenen Silbergliedern – deren Anzahl je nach Taillenmaß der Frau variierte – betont auf auffällige Weise die Hüften der Frau. [Ich fand das unglaublich schön – man muss sich vorstellen, wie eine dunkelhäutige Frau damit ausgesehen hat!
die Verbreitung des Judentums
Die Ausbreitung des Judentums in den Jahrhunderten nach den „Jüdischen Kriegen“ ist eine gut belegte historische Tatsache, wurde jedoch in allen Standardgeschichten dieser Epoche systematisch ignoriert.
Eine einfache Darstellung der Fakten zeigt, wie vollständig und schockierend diese Unterdrückung der jüdischen Rolle in der Weltgeschichte gewesen ist.
Shlomo Goitein beschreibt ab Seite 47 von „Jews and Arabs“ die Wanderung von Juden auf die arabische Halbinsel, die bereits im 2. Jahrhundert n. Chr. zur Entstehung einer jüdischen Gemeinde im Jemen führte. Jemen war damals wie heute der bevölkerungsreichste Teil Arabiens und Heimat der rivalisierenden Königreiche Saba und Himyar. Bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. war die jüdische Gemeinde im Jemen durch Konversion so stark angewachsen, dass sie zu einem bedeutenden Faktor in der Politik der Region wurde.
Das Königreich Himyar war zu Beginn des 4. Jahrhunderts dominant, wurde jedoch 375 n. Chr. von den Truppen Asʿad Ab-Karibs gestürzt, der zum Judentum konvertierte und ein neues sabäisches Königreich gründete. Asʿad Ab-Karib, von späteren arabischen Historikern auch Asʿad Kamil al-Tubba genannt, machte das Judentum zur Staatsreligion des Königreichs Saba. Dieses gesamte Ereignis wird von Robert Stookey auf Seite 20 von „Yemen“ detailliert geschildert.
Das Judentum blieb für die nächsten 150 Jahre Staatsreligion des Königreichs Saba, bis etwa 525 n. Chr. der jüdische König Joseph Dhu Nuwas durch christlich-äthiopische Invasoren gestürzt wurde. Da Jemen der einzige dicht besiedelte Teil Arabiens war, ist es sehr wahrscheinlich, dass in dieser Zeit die Mehrheit der Araber Juden waren. Auch in den Karawanenstädten Nordarabiens blühten jüdische Gemeinden. Die Stadt Medina, in die Mohammed im Jahr 622 n. Chr. floh, war zu dieser Zeit zu einem Drittel jüdisch.
Die äthiopische Monarchie, die die Herrschaft Joseph Dhu Nuwas stürzte, war seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. christlich. Wie bekannt ist, folgten die Äthiopier einer Form des Christentums mit stark jüdischen Zügen: Sie praktizierten die Beschneidung, hielten die jüdischen Speisegesetze ein, verwendeten den Davidstern als Symbol und hielten sowohl den jüdischen Sabbat als auch den christlichen Sonntag.
Nach äthiopisch-christlicher Tradition war dies deshalb so, weil die äthiopische Monarchie von einem gewissen König Menelik gegründet worden sei, einem Nachkommen aus der Verbindung König Salomos mit der Königin von Saba. Diese Legende ist zwar weit verbreitet, wurde jedoch von Historikern widerlegt, die darauf hinweisen, dass Saba der hebräische Name für das im Jemen gelegene Reich Saba ist und nicht für Äthiopien. Warum also beanspruchten die äthiopisch-christlichen Könige jüdische Abstammung und förderten jüdische Praktiken? Die wahrscheinliche Erklärung ist, dass die Monarchie von jüdischen Königen gegründet worden war, die später zum Christentum konvertierten.

Das Kebra Nagast (Ge’ez: ክብረ ነገሥት, kəbrä nägäśt), oder „Der Ruhm der Könige“, ist ein äthiopisches Nationalepos aus dem 14. Jahrhundert[1], verfasst in Ge’ez. In seiner heutigen Form ist der Text mindestens 700 Jahre alt und versucht, die Ursprünge der salomonischen Dynastie, einer Linie äthiopisch-orthodoxer christlicher Monarchen, die das Land bis 1974 regierten, auf den biblischen König Salomo und die Königin von Saba zurückzuführen. (Moderne Illustration)
Es gibt keinerlei Belege für ein äthiopisches Königreich irgendeiner Art vor dem 1. Jahrhundert n. Chr., als erstmals Hinweise auf das Königreich Aksum erscheinen. Die Herrscher von Aksum waren es, die im 4. Jahrhundert n. Chr. zum Christentum konvertierten und das nationale Epos Kebra Nagast verfassten, das eine Abstammung von Salomo beansprucht, der etwa 1300 Jahre zuvor gelebt hatte. David Kessler stellt jedoch auf Seite 3 von „The Falashas“ fest: „Nach äthiopischer Tradition war die Hälfte der Bevölkerung jüdisch, bevor das Land im vierten Jahrhundert zum Christentum konvertiert wurde.“
Diese Schlussfolgerung wird durch die Geschichte der Falasha oder äthiopischen Juden gestützt, die einst Millionen zählten. Bis ins 17. Jahrhundert hinein standen große Teile Äthiopiens unter Falasha-Herrschaft. Die Falasha weigerten sich, die Autorität der christlichen Könige anzuerkennen, die sie im Kebra Nagast als „Feinde Gottes“ diffamiert hatten. Im 10. Jahrhundert n. Chr. versuchten die Falasha sogar, unter der Führung einer jüdischen Königin namens Judith (oder Esther, je nach Quelle) [richtig ist Gudit, B. S.] die Kontrolle über das gesamte Land zu übernehmen.
„Eines der wenigen Dokumente aus der Zeit Königin Judiths ist ein Brief, der kurz nach 979 vom abessinischen König an seinen christlichen Zeitgenossen, König Georg von Nubien, geschrieben wurde, in dem er um Hilfe bat, um der Verfolgung von Christen durch eine Königin entgegenzutreten, die seinen Thron an sich gerissen hatte.“
Kessler stellt außerdem auf Seite 93 fest, dass im 17. Jahrhundert noch bis zu 500.000 Falasha in Äthiopien lebten, zu einer Zeit, als ihre Unabhängigkeit durch christliche Könige mit europäischer Militärhilfe drastisch eingeschränkt wurde. Verfolgung reduzierte ihre Zahl erheblich, doch europäische Reisende berichteten noch Mitte des 19. Jahrhunderts von nahezu 200.000 Falasha in Äthiopien. In der Neuzeit schrumpfte ihre Zahl weiter.
Die Zahl war auf etwa 30.000 gesunken, von denen die meisten in den letzten Jahrzehnten nach Israel auswanderten.

Gudit (altäthiopisch ጉዲት, Yodit, deutsch „Judith“) – die sagenhafte Königin der Beta Israel. Credits: Burks/KI
Die Geschichte der Berberjuden Nordafrikas wird von André Chouraqui in Between East and West: A History of the Jews of North Africa erzählt. Bis zur Zeit der „Jüdischen Kriege“ gab es große jüdische Gemeinden in Ägypten und Libyen. Die meisten Historiker schätzen, dass es allein in Ägypten zur Zeit der „Jüdischen Kriege“ etwa eine Million Juden gab. Josephus ging davon aus, dass es auch in Libyen – das damals Kyrenaika genannt wurde – ungefähr 500.000 Juden gab.
Fast alle Juden Ägyptens und Libyens wurden jedoch während der „Jüdischen Kriege“ getötet oder zerstreut, sodass es ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. kaum noch Hinweise auf jüdisches Leben in diesen Ländern gibt. Ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. tauchen jedoch Berichte über die Konversion von Berberstämmen zum Judentum im Gebiet des heutigen Tunesien, Algerien und Marokko auf.
Die Berber sind das indigene Volk dessen, was die Araber den „Maghreb“ nennen, die Küstenregion Nordafrikas. In den küstennahen Gebieten wurden die Berber von aufeinanderfolgenden Wellen von Eroberern unterworfen und kolonisiert, beginnend mit den Phöniziern und fortgesetzt durch Griechen und Römer. Weiter im Landesinneren blieben die Berberstämme unabhängig, und es waren diese unabhängigen Stämme, die im 2. Jahrhundert n. Chr. in großer Zahl zum Judentum übertraten.
Im 3. Jahrhundert n. Chr. waren die meisten Berberstämme außerhalb der römisch dominierten Küstenstädte jüdisch geworden. Chouraqui zitiert auf Seite 21 den christlichen Theologen Tertullian, der berichtete, „dass die Berber den Sabbat, die jüdischen Feste und Fasten sowie die Speisegesetze einhielten“. Diese Stämme blieben bis zur arabischen Eroberung Nordafrikas im 7. Jahrhundert n. Chr. jüdisch.
Tatsächlich wurde der Widerstand gegen die arabische Eroberung im Maghreb von jüdischen Berberstämmen angeführt, insbesondere vom Stamm der Jerawa [Dscharawa, Vorläufer der Chaouia, B. S.], der von Dahya al-Kahena, einer jüdischen Priesterin (»Kahena« bedeutet „Priesterin“), geführt wurde. Chouraqui vermerkt auf Seite 35, dass die unter ihrem Kommando stehenden Truppen im Jahr 688 n. Chr. am Ufer des Flusses El Meskiana ein arabisches Heer besiegten und die Araber für etwa fünf Jahre nach Libyen zurückdrängten.
Die Araber kehrten später mit größerer Macht zurück und töteten Dahya al-Kahena, womit der Weg zur Eroberung des restlichen Maghreb frei wurde. Viele Berberjuden konvertierten zum Islam, andere blieben jüdisch.
Von den etwa 500.000 Juden, die in der Neuzeit in Nordafrika lebten, schätzt Chouraqui, dass etwa die Hälfte berberischer Herkunft war. Viele sprachen noch Berber, insbesondere in Marokko. Laut Chouraqui sprachen von den über 200.000 Juden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Marokko lebten, 15 % ausschließlich Berberisch, 59 % sowohl Berberisch als auch Arabisch und 29 % ausschließlich Arabisch.
Die arabischen, äthiopischen und berberischen Konvertiten zum Judentum im Zeitraum vom 3. bis zum 6. Jahrhundert n. Chr. wiesen bestimmte gemeinsame Merkmale auf. Zum einen lebten sie jeweils knapp außerhalb der Reichweite der römischen Armee. Die Römer eroberten das arabische Königreich Nabatäa im Gebiet des heutigen Jordanien, doch ihr einziger Versuch, in den Jemen einzudringen, scheiterte. Südlich von Ägypten drangen die Römer bis nach Nubien vor, erreichten jedoch Äthiopien nicht. Ebenso begnügten sie sich im Maghreb damit, die reiche Küstenebene zu beherrschen, und ignorierten die nomadischen Stämme des Hinterlandes.
Diese Berberstämme lebten überwiegend von Viehzucht, ebenso wie viele Araber und Äthiopier. Im Jemen und in Äthiopien betrieben jüdische Konvertiten auch sesshafte Landwirtschaft, doch in keinem dieser Gebiete gab es große, wohlhabende Städte. Mit seinem egalitären Rechtssystem und seiner langen Geschichte des Widerstands gegen fremde Eroberung muss das Judentum diesen Völkern als ein Mittel erschienen sein, Rom zu widerstehen.
Es kann kein bloßer Zufall gewesen sein, dass der Nettoeffekt ihrer Konversion darin bestand, ein loses Netzwerk jüdischer Stämme und Königreiche zu schaffen, das den Römern entlang einer langen Frontlinie gegenüberstand, die sich von Marokko im Westen bis nach Arabien im Osten erstreckte. Bezieht man die jüdische Gemeinde des Irak mit ein – die damals die größte jüdische Gemeinde der Welt war –, so ergibt sich das Bild eines jüdisch-afroasiatischen Widerstands gegen den europäischen Imperialismus, der eindeutig der Vorläufer und das Modell für den Aufstieg des Islam war. [Eine sehr kühne These! B.S.]

Statue der Königin Dihya – „schöne Gazelle“ aka Kāhina in Baghaï, errichtet von der Association Aurès El-Kahina.
Die wichtigste Waffe der Römer in ihrem Kampf gegen diesen Widerstand erwies sich als das Christentum. Durch christlichen Einfluss wurden die jüdischen Königreiche sowohl in Äthiopien als auch im Jemen gestürzt. Das Christentum ähnelte dem Judentum in vielerlei Hinsicht, war jedoch mit einer pro-römischen politischen Ausrichtung verbunden. Je weiter sich das Christentum jedoch vom römischen Reich entfernte, desto „häretischer“ erschien es.
Dies lag daran, dass es gezwungen war, sich dem pro-jüdischen politischen Klima anzupassen, das praktisch überall an den Rändern des römischen Reiches herrschte. Selbst in Nordeuropa, wo direkter jüdischer Einfluss nicht sehr stark war, begannen die germanischen Stämme, die das Gebiet entlang der römischen Grenze beherrschten, zu einer „häretischen“ Form des Christentums zu konvertieren, die als Arianismus bekannt ist.
In The Arians of the Fourth Century, geschrieben von dem bedeutenden englischen katholischen Autor des 19. Jahrhunderts John Newman, wird die arianische „Häresie“ auf die Lehren von Paul von Samosata, dem christlichen Bischof von Palmyra im 3. Jahrhundert n. Chr., zurückgeführt. Palmyra war eine aramäischsprachige Stadt im Gebiet des heutigen Irak, bekannt für ihre pro-jüdischen Sympathien. Newman nennt auf Seite 5 die Lehren Pauls von Samosata „eine Art Judentum in der Lehre“. Auf Seite 18 charakterisiert er den Arianismus wie folgt:
Ich will nicht sagen, dass die arianische Lehre das direkte Ergebnis einer judaisierenden Praxis ist, doch verdient es Erwägung, ob die Neigung, Christus die ihm gebührende Ehre zu verweigern, nicht durch die Beobachtung jüdischer Riten entstanden ist – und noch mehr durch jene fleischliche, selbstgenügsame Religion, die zu jener Zeit offenbar in der verworfenen Nation vorherrschte.
Obwohl der Arianismus im Nahen Osten entstand, fand er seine wichtigste Unterstützung schließlich bei den Goten, die im 5. Jahrhundert n. Chr. Südeuropa und Rom selbst überrannten.
Alle Formen des Christentums – ob „orthodox“, „katholisch“ oder „häretisch“ – entwickelten eine doppelte Haltung gegenüber dem Judentum und dem jüdischen Volk. Einerseits war das Christentum selbst eine Erscheinungsform der Ausbreitung des Judentums. Die Christen verehrten die jüdischen Schriften und trugen dazu bei, sie in Regionen zu verbreiten, die Juden selbst nicht erreichten. Andererseits wurden christliche Ausgaben der jüdischen Schriften stets vom Neuen Testament begleitet, einer zutiefst antisemitischen Schrift, die die Juden für den Tod Jesu Christi stigmatisierte.
Der Unterschied zwischen orthodoxen Christen und Häretikern bestand darin, wo sie die Grenze zwischen dem pro-jüdischen und dem anti-jüdischen Aspekt des Christentums zogen. Je näher man den Rändern des römischen Reiches war und je niedriger die soziale Stellung innerhalb des Reiches, desto pro-jüdischer wurde die christliche Lehre. Je näher man den Machtzentren Roms kam, desto anti-jüdischer wurde sie.
So entwickelte sich ein Spektrum: Die „orthodoxen“ und „katholischen“ Christen verteidigten das Reich, die „Häretiker“ schwankten an den Rändern, und die offenen „Judaisten“ bezeugten ihre Ablehnung des Reiches, indem sie zum Judentum konvertierten.
Am äußersten linken Rand dieses gesamten Spektrums standen die Juden selbst. Es war der Kampf des jüdischen Volkes – zunächst zur Verteidigung und dann zur Wiederherstellung der Nation Juda -, der letztlich für die Ausbreitung des Judentums in all seinen Erscheinungsformen verantwortlich war. Die „Jüdischen Kriege“ setzten eine eigentümliche Dynamik in Gang: Je größer die Verluste waren, die das jüdische Volk im Land Israel und im umliegenden aramäischsprachigen Raum erlitt, desto größer wurde die politische Anziehungskraft des Judentums in einem viel weiteren Gebiet, das den gesamten Nahen Osten sowie große Teile Europas, Afrikas und Asiens umfasste.
Diese Dynamik führte zuerst zur Entstehung des Christentums und dann des Islam und auch zur Veränderung des ethnischen Charakters des jüdischen Volkes. Bis zur Zeit der „Jüdischen Kriege“ überwiegend semitisch, wurde das jüdische Volk in den folgenden 500 Jahren durch Konversion, Kampf und Heirat zu einem Weltvolk mit überwiegend nahöstlichen ethnischen Merkmalen. Dieses Weltvolk übte einen radikalen Einfluss auf die gesamte Alte Welt aus, doch nirgends war dieser Einfluss stärker als im Kernland der nachrömischen jüdischen Gemeinschaft – dem Persischen Reich. (…)

Unterwerfung des jüdisch-arabischen Stammes der Banu Nadir vor den muslimischen Truppen (Gemälde aus dem 14. Jahrhundert)
Islam
Konventionelle Darstellungen der Geschichte des Islam ignorieren nahezu vollständig den Einfluss der frühen zionistischen Bewegung auf Mohammed und die frühen Muslime. Der jüdische Einfluss auf Mohammed kann jedoch nicht völlig übergangen werden, da der Islam dem Judentum in so vieler Hinsicht ähnelt; dieser Einfluss wird jedoch gewöhnlich damit erklärt, dass Mohammed auf seinen Reisen einigen Juden begegnet sei und daher mit ihren Lehren vertraut gewesen sei. Diese beiläufigen Kontakte sollen angeblich ausgereicht haben, Mohammed dazu zu veranlassen, zu behaupten, denselben Gott wie die Juden zu verehren, dieselben Speisegesetze zu fördern, seine frühen Anhänger zu lehren, in Richtung Jerusalem zu beten, und zu behaupten, dass die gesamte arabische Nation von Abraham, einem Hebräer, abstamme.
Dieser Glaube war jedoch nicht originär bei Mohammed; er wurde aus einer jüdischen Tradition übernommen, nach der die Araber von Ismael, dem Sohn Abrahams und Hagars, abstammten. In den konventionellen Darstellungen der Ursprünge des Islam fehlt fast ausnahmslos die Tatsache, dass Juden zur Zeit von Mohammeds Geburt einen großen Anteil der Bevölkerung Arabiens ausmachten, ebenso wie die Tatsache, dass Mohammeds Entscheidung, in Mekka seine Version des Judentums zu predigen, zeitlich mit dem offensichtlichen Triumph der jüdischen zionistischen Bewegung zusammenfiel.
Eine teilweise Ausnahme von der üblichen Praxis, den Islam vom Judentum zu distanzieren, stellt ein Buch von Patricia Crone und Michael Cook mit dem Titel Hagarism: The Making of the Islamic World dar. Dieses Buch sorgte bei seinem Erscheinen im Jahr 1977 für erhebliches Aufsehen, da es den Islam als einen Auswuchs des „jüdischen Messianismus“ darstellte. Während Standarddarstellungen des Lebens Mohammeds die Feindseligkeit zwischen ihm und der großen jüdischen Gemeinde von Medina betonen, erklären die Autoren von Hagarism auf Seite 7:
Im Gegensatz zur standardmäßigen islamischen Darstellung der Beziehungen zwischen Mohammed und den jüdischen Stämmen von Medina erscheinen die Juden in dem als „Verfassung von Medina“ bekannten Dokument als eine Gemeinschaft (umma) zusammen mit den Gläubigen, trotz der Beibehaltung ihrer eigenen Religion, und sie sind namenlos unter einer Reihe arabischer Stämme verteilt.
Wie alle anderen schenkten jedoch auch Crone und Cook der tatsächlichen jüdisch-messianischen Bewegung zur Zeit Mohammeds nur wenig Aufmerksamkeit und zogen es vor, Mohammeds Überzeugungen auf seine eigenen inneren Denkprozesse zurückzuführen. Die Befreiung Jerusalems im Jahr 614 n. Chr. wird nicht einmal erwähnt. Der Ton des Buches ist – wie schon der Titel zeigt – sowohl gegenüber dem Judentum als auch gegenüber dem Islam respektlos; ob dies eine Verbesserung gegenüber der üblichen Praxis darstellt, nur gegenüber dem Judentum respektlos zu sein, ist unklar.

Maßstabsgetreue Rekonstruktion Jerusalems im 1. Jahrhundert n. Chr. mit dem Tempelberg, Israel-Museum Jerusalem, fotografiert am 11.10.1225.
Mohammeds Laufbahn lässt sich in zwei Phasen einteilen: eine pro-jüdische und eine anti-jüdische. Mohammed wurde im Jahr 570 n. Chr. geboren, im selben Jahr, in dem eine äthiopisch-christliche Invasion Mekkas und Nordarabiens zurückgeschlagen wurde. Er stammte aus einer angesehenen Familie, wurde jedoch früh verwaist und verbrachte die ersten vierzig Jahre seines Lebens in relativer Bedeutungslosigkeit.
Um 610 n. Chr., als die persische Offensive ihre ersten großen Erfolge erzielte, begann Mohammed auf dem Marktplatz von Mekka zu predigen. In den folgenden zwölf Jahren, während die Juden für Jerusalem kämpften, es befreiten und versuchten, es zurückzugewinnen, predigte Mohammed den Menschen von Mekka seine Version des Judentums. Als er 622 n. Chr. aus Mekka vertrieben wurde, floh er nach Medina, wo er gute Beziehungen zur jüdischen Gemeinde unterhielt.
Doch um 624 n. Chr., als sich das Kriegsglück im Norden zugunsten der Byzantiner wendete und die Lage der Juden in Palästina immer verzweifelter wurde, brach Mohammed mit den Juden. Er und seine Anhänger töteten oder versklavten die Juden Medinas und anderer Städte Nordarabiens, und in seinen Reden begannen Schmähungen gegen die Juden aufzutauchen. Dieser Verrat an der jüdischen Sache wurde von schmeichelhaften Bemerkungen über die Christen begleitet, um die Mohammed nun ebenso zu umwerben begann, wie es zuvor die Perser getan hatten.
Als die Muslime im Süden Arabiens die Kontrolle über den Jemen übernahmen, versuchten sie erfolglos, die gesamte jüdische Bevölkerung zur Konversion zum Islam zu zwingen. Viele taten es, doch eine große Zahl weigerte sich, was die Grundlage für eine bedeutende jüdische Gemeinde bildete, die im Jemen bis in die Neuzeit überlebte.
Mohammeds Bruch mit den Juden wurde bereits durch das eine klar nichtjüdische Element seiner frühen Lehren angedeutet: sein Beharren darauf, Gott einen arabischen und nicht einen hebräischen Namen zu geben – „Allah“ statt „El“. Mohammed appellierte an den Nationalstolz der Araber, indem er erklärte, er sei der Prophet, der speziell zu ihnen gesandt worden sei, so wie Mose speziell zu den Hebräern gesandt worden war.
Als deutlich wurde, dass die Juden erneut besiegt werden würden, war Mohammed gut positioniert, sich im Namen Allahs und der arabischen Einheit gegen sie zu wenden. Über Jahrhunderte war die arabische Welt zwischen konkurrierenden jüdischen und christlichen Fraktionen geteilt gewesen – die eine von den Persern unterstützt, die andere von den Byzantinern und Äthiopiern. Solange es so aussah, als würden die Juden siegen, stand Mohammed auf ihrer Seite; der Bruch mit ihnen hatte jedoch den großen Vorteil, dass er den Konflikt zwischen Christen und Juden transzendieren und die Araber um seine eigenen Lehren vereinen konnte.
Nach Mohammeds Tod im Jahr 632 n. Chr. waren die muslimischen Streitkräfte groß genug, um nach Norden vorzustoßen und die Invasion des gesamten Nahen Ostens zu beginnen. Der Erfolg von Mohammeds Politik besiegelte das Schicksal der Juden, indem er sie zu einer kleinen Minderheit reduzierte, die sowohl im Neuen Testament als auch im Koran verachtet und verunglimpft wurde.
Aus jüdischer Sicht sind die engsten historischen Parallelen zu Mohammed Luther und Stalin. Alle drei dieser Gestalten haben dem jüdischen Volk in gleichem Maße geholfen und geschadet. Mohammed war verantwortlich für die Zerstörung des größten Teils der jüdischen Gemeinschaft Arabiens und für die Diffamierung des jüdischen Volkes im Koran; zugleich jedoch könnte die muslimische Eroberung des Nahen Ostens das jüdische Volk vor der vollständigen Vernichtung bewahrt haben.
Wie zu erwarten war, reagierten die Byzantiner auf die Befreiung Jerusalems mit einem vollständigen Verbot des Judentums im gesamten Reich und forderten sogar benachbarte Königreiche auf, dasselbe zu tun. So negativ sie auch war, die muslimische Politik gegenüber den Juden war dennoch weitaus toleranter als die christliche. Unter muslimischer Herrschaft durften die jüdischen Gemeinden des Nahen Ostens überleben – stark reduziert an Zahl und Prestige, gewiss, aber dennoch formal als „Leute des Buches“ anerkannt und zu einem gewissen Maß an Schutz vor christlicher Verfolgung berechtigt.
Darüber hinaus steigerte der Triumph des Islam – da er so eindeutig aus dem Judentum hervorgegangen war – das Prestige, wenn nicht der Juden selbst, so doch zumindest des jüdischen Denkens. Mohammed trug somit dazu bei, eine paradoxe Situation zu schaffen, in der ein großer Teil der Alten Welt jüdischen Ideen in christlicher oder muslimischer Gestalt huldigte, während die Juden selbst auf die Position einer kleinen und unbedeutenden Minderheit reduziert wurden.
Im Kern geschah Folgendes: Der Islam ersetzte das Judentum als Ideologie der nahöstlichen Koalition, die sich dem griechisch-römischen Imperialismus widersetzte. Der Grund war einfach: Es bedurfte eines Reiches, um ein Reich zu besiegen. Trotz seines Bündnisses mit dem Perserreich war das Judentum grundsätzlich allen Formen des Imperialismus feindlich gegenüber, da es auf der Forderung nach nationaler Selbstbestimmung des jüdischen Volkes beruhte.
Das Judentum versuchte, den griechisch-römischen Imperialismus durch eine Koalition unabhängiger Nationen unter persischer Führung zu bekämpfen; doch die Ereignisse des frühen 7. Jahrhunderts – die Befreiung Jerusalems, gefolgt vom persischen Verrat und der byzantinischen Wiedererstarkung – diskreditierten diese Strategie endgültig. Der Islam unterschied sich vom Judentum darin, dass er sich auf ein Volk stützte – die Araber –, die bereit und willens waren, ihren Willen mit Gewalt im Nahen Osten durchzusetzen.
Sie taten dies im Namen jüdischer Ideen, lehnten jedoch die jüdische Vorstellung nationaler Selbstbestimmung vollständig ab. Wo immer die Araber hinkamen, versuchten sie, den eroberten Völkern ihre Religion und ihre Sprache aufzuzwingen. Der Islam war daher weniger radikal und idealistisch, aber erfolgreicher als das Judentum. Wie zuvor das Christentum wurde er zur Ideologie eines Reiches, und zwischen ihnen beherrschten die christlichen und muslimischen Reiche den größten Teil der Alten Welt.
Das Judentum war nahezu vergessen, doch selbst unter diesen widrigen Umständen wirkte die jüdische Tradition weiterhin als eine mächtige Kraft in der Weltgeschichte.
Jericho, revisited

In meiner Unterkunft in Jericho, 20.10.2025, 36 Grad, 14:54 Uhr
Verdacht auf Entführung: Israelische Staatsbürgerin in der Nähe von Jericho unverletzt gerettet.
Eine israelische Frau wurde in der Nähe von Jericho entführt und von israelischen Streitkräften unverletzt befreit. Die Behörden warnen Zivilisten davor, das Gebiet A zu betreten, da dort Sicherheitsrisiken und rechtliche Beschränkungen bestehen. (…)
Der Nachrichtensender Channel 12 berichtete, dass eine arabische Bekannte die israelische Frau gegen ihren Willen in ein Haus in Jericho gebracht hatte. Palästinensische Araber trafen am Ort des Geschehens ein, woraufhin die Frau aus dem Haus flüchtete und die Zivilverwaltung verständigte. Diese fand sie, und sie wurde der israelischen Armee (IDF) übergeben.
Die IDF bekräftigte, dass es israelischen Zivilisten gesetzlich verboten sei, das Gebiet A zu betreten, das unter der vollständigen Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde steht, und betonte, dass dies erhebliche Risiken für die persönliche Sicherheit berge.
Unter historisch-kritischen Exegetikern
Mich hat Wissenschaft – herauszufinden, was wirklich und wahr ist – immer fasziniert. In meiner Studienzeit musste ich auch noch lernen, wie man wissenschaftlich zitiert. Das gehört zum Handwerk.
Was aber passiert, wenn man Wissenschaft auf heilige Bücher loslässt? (Wir hatten schon Secondlife, was niemanden außer mir interessiert, also kann ich mit hochaktuellen Themen, die allen unter den Nägeln brennen, gleich weitermachen.)

Ausriss aus Manfred Weippert, Landnahme
Und der Herr sprach zu Josua: Fürchte dich nicht und zage nicht! Nimm mit dir alles Kriegsvolk und mache dich auf und ziech hinauf gen Ai! Siehe da, ich habe den König zu Ai samt seinem Volk, seiner Stadt und Land in deine Hände gegeben. Und sollst mit Ai und ihrem König tun, wie du mit Jericho und ihrem König getan hast, nur daß ihr ihren Raub und ihr Vieh unter euch teilen sollt. Aber bestelle einen Hinterhalt hinter der Stadt.
Da machte sich Josua auf und alles Kriegsvolk, hinaufzuziehen gen Ai. Und Josua erwählte dreißigtausend streitbare Männer und sandte sie aus bei der Nacht. Und gebot ihnen und sprach: Sehet zu, ihr sollt der Hinterhalt sein hinter der Stadt; machet euch aber nicht allzu ferne von der Stadt und seid allesamt bereit!
Ich aber und alles Volk, das mit mir ist, wollen uns zu der Stadt machen. Und wenn sie uns entgegen herausfahren wie vorhin, so wollen wir vor ihnen fliehen, daß sie uns nachfolgen heraus, bis daß wir sie heraus von der Stadt reißen. Denn sie werden gedenken, wir fliehen vor ihnen wie vorhin. Und weil wir vor ihnen fliehen, sollt ihr euch aufmachen aus dem Hinterhalt und die Stadt einnehmen; denn der HERR, eurer Gott, wird sie in eure Hände geben.
Wenn ihr aber die Stadt eingenommen habt, so stecket sie an mit Feuer und tut nach dem Wort des Herrn. Siehe, ich hab’s euch geboten. (Josua 8, 1ff. nach dem Luther-Text von 1545)
Schöne Geschichte für Netflix, für The Last Kingdom oder so etwas. Was aber sagt die Wissenschaft? Manfred Weippert: Die Landnahme der israelitischen Stämme in der neueren wissenschaftlichen Diskussion, Göttingen 1967, schreibt:
„Bei der Erzählung von der Eroberung und Zerstörung der Stadt Ai (Jos. 8,1-19) muß das Urteil über die Historizität sogar durch aus negativ ausfallen, da die Ausgrabungen auf der sicher mit diesem Ort zu identifizierenden Ruinenstätte et-tell eine Besiedlungslücke zwischen der Frühbronze- und der Eisen-I-Zeit ergeben haben, so daß die Sage, die den großen Trümmerhaufen mit der israelitischen Landnahme, also mit der Zerstörung eine spätbronzezeitlichen Siedlung verband, um mehr als ein Jahrtausend danebengriff.“
Und auch Wikipedia ist aktuell: „Der Name עי ist das hebräische Wort für Trümmerhaufen, entsprechend dem arabischen Tell – so auch der heutige Name التل –, so dass die namensgebende Bevölkerung an dieser Stätte schon Ruinen vorgefunden haben muss. Daher geht die historisch-kritische Exegese davon aus, dass es sich bei der biblischen Erzählung um eine ätiologische Legende handelt, die erklären soll, wie der Trümmerhaufen entstanden ist.“
Alles wieder Fake News.
Ich habe ChatGPT befohlen, die Anmerkung (2) zu et-tell in der Original-Schreibweise für ein WordPress-Blog aufzubereiten.
„(2) Seit E. Robinson, Palästina und die südlich angrenzenden Länder II (Halle/S. 1841), 562—564, beherrscht die Alternative et-tell : ḥirbet ḥayyān die Diskussion um die Lokalisierung von Ai (Übersicht bei W. F. Albright, AASOR 4 [1922/23], 141—149; J. M. Grintz, Bibl 42 [1961], 201—206). Die schließlich allgemein anerkannte Kompromißlösung, die z. T. auf den archäologischen Befunden an beiden Orten beruhte, setzte das scheinbar spätbronzezeitliche Ai auf et-tell, die eisenzeitliche Nachfolgesiedlung (?) (ḥā-ʿay Es. 2,28; Neh. 7,32; ʿayyā Neh. 11,31; 1. Chr. 7,28; ʿayyat Jes. 10,28; vielleicht ḥā-ʿawwīm Jos. 18,23) auf der ḥirbet ḥayyān an. Ḥirbet ḥayyān scheidet nach dem Ausgrabungsbefund von 1964 (J. A. Callaway, BASOR 178 [1965], 16 Anm. 4; B. T. Dahlberg, BA 28 [1965], 28; H. Donner, ZDPV 81 [1965], 16—18) jedoch völlig aus, da die Schichten dort erst in der früharabischen Zeit beginnen. Zum Ausgrabungsbefund von et-tell s. S. 32 Anm. 1. Auf Grund einer dem Rabbi Berechja (4. Jh. n. Chr.) zugeschriebenen Notiz im Midrasch Ex. R. XXXII, daß die Entfernung zwischen Jericho und Ai 3 römische Meilen betrage, möchte B.-Z. Luria, Məqōmāh šel hā-ʿay (Iyyūnīm bə-sēfer yəhošūaʿ [1960 (s. S. 26 Anm. 1)], 12—41) Ai auf der ḥirbet bēt ġāber et-taḥtānī oder den tellāl abū el-ʿalāʾiq suchen, wogegen freilich spricht, daß nach Aussage der biblischen Quellen Ai sicher auf dem Gebirge, nicht in der Araba gelegen hat. Auch Lurias unkritische Behandlung der biblischen Texte wie das junge Alter der Redaktion des Midrasch (11./12. Jh.; vgl. L. Zunz, Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden [Berlin² 1892], 256—258; H. L. Strack, Introduction to the Talmud and Midrash [New York u. Philadelphia 1959], 215) beeinträchtigen den Wert seiner These. Ebenso reichen aber die Gründe von J. M. Grintz, „Ai which is beside Beth-Aven“: A Re-examination of the Identity of ʿAi (Bibl 42 [1961], 201—216) zu einer Widerlegung der Gleichung Ai = et-tell nicht aus.“
Wisst ihr Bescheid.
Ölberg, revisited
Der Ölberg, Jerusalem, fotografiert von der Derekh Ha’Ophel Str. nach Osten ins Kidrontal. Die Häuser rechts gehören zum arabischen Teil Jerusalems. Den Weg in der Mitte unterhalb der Gräber bin ich am 14.10.2025 entlanggelaufen.
Aramäische Papyri aus Elephantine
Mit welchen Wörtern der Überschrift kann das Publikum nichts anfangen?
Im Ernst: Manchmal gönne ich mir für zwischendurch etwas Schmökerei, die zu fast gar nichts nützlich ist. Die Muse der Gelehrsamkeit an sich küsst mich. Ich hatte die Literaturangabe irgendwo bei Barbara Schmitz gefunden, aber noch nie etwas von diesen besagten Papyri gehört.
Warum ist das interessant? Es könnte Verehrer höherer Wesen der jüdischen Art beunruhigen. Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
„Die Elephantine-Papyri sind eine Reihe verschiedener Papyri, die auf der ägyptischen Nilinsel Elephantine in der Nähe von Assuan gefunden wurden. Die dort ansässige Militärkolonie beherbergte Söldner verschiedener Herkunft, darunter griechische, phönizische und syrische Gruppen. Das Wüstenklima begünstigte den Erhalt von Papyrus, daher finden sich aus einer Zeitspanne von rund 1000 Jahren entsprechende Dokumente in Demotisch, Altgriechisch, Aramäisch, Latein und Koptisch.“
Jetzt die Pointe: „In Elephantine gab es schon vor dem Jahr 525 v. Chr. eine jüdische Kolonie, die einen eigenen JHWH-Tempel mit Opferkult hatte. Otto Rubensohn fand bei seinen Ausgrabungen das Archiv der jüdischen Gemeinde“. (Chapeau, Hugo Ibscher! Solche Leute wie Dich gibt es in Deutschland nicht mehr.)
Die hatten da einen jüdischen Tempel. Nicht in Jerusalem. Nein, auf einer Insel im Nil. Und wenn es da einen gab, dann existieren auch andere davon.
Was sagt denn die Tora-kundige KI?
„Ein zentrales Beispiel aus der Tora, das zeigt, dass es nur einen legitimen Ort für Opferkult / Tempel geben soll, steht in Devarim (Deuteronomium) Kapitel 12.
Sondern nur an dem Ort, den der HERR, euer Gott, aus allen euren Stämmen erwählen wird, um seinen Namen dort wohnen zu lassen, dorthin sollt ihr gehen. Dorthin sollt ihr eure Brandopfer, Schlachtopfer, Zehnten und Weihegaben bringen
– Die Tora verbietet ausdrücklich mehrere Opferstätten,
– Opfer dürfen nicht dezentral oder privat dargebracht werden,
– Es gibt einen einzigen von Gott erwählten Ort.“
Ach. Ach was.
Bab al-Rahmah Friedhof

Der Bab al-Rahmah Friedhof an der östlichen Stadtmauer Jerusalems, fotografiert am 13.10.2025
Übersetzung des Textes vom Madain-Projekt: Der Friedhof Bab al-Rahmah (مقبرة باب الرحمة) („Friedhof des Gnadentors“) liegt an der Ostmauer des Haram al-Sharif (Tempelberg). Die Wahl dieses Begräbnisortes spiegelt vermutlich theologische Vorstellungen über den Tag des Jüngsten Gerichts und die Auferstehung wider, die mit dem Ölberg und dem Gebiet von Asihara (nördlich des Herodes-Tors) in Verbindung stehen. Diese Vorstellung wird durch die Markierung as-Sirat nahe dem südlichen Ende der Ostmauer weiter untermauert, die vermutlich den Standort der zukünftigen al-Sirat-Brücke markiert.“
Ach so. Es geht wieder mal um „Remarkably Powerful Spiritual Places“ in Jerusalem: „In der islamischen Tradition wird es in der Endzeit eine Brücke mit sieben Bögen geben, die vom Ölberg zum Tempelberg führt. Die Brücke soll so breit wie ein Haar sein: Die Gerechten werden sie überqueren und ins Paradies eingehen, während die Bösen in die Hölle stürzen. Dieser islamische Glaube ist der Ursprung des Namens „Seven Arches“, des einzigen Hotels in Jerusalem, das während der jordanischen Herrschaft (1948–1967) in diesem Stadtteil erbaut wurde. Das Hotel wurde vom ursprünglichen Namen „Intercontinental“ umbenannt, und die sieben Bögen verweisen auf die islamische Prophezeiung von den sieben Bögen der Brücke.“
Ich war zufällig da, wo den Bösen der Absturz in die Hölle droht und wunderte mich über das offene Törchen, das ich bisher immer nur geschlossen gesehen hatte. Ein arabischer Friedhof direkt unterhalb des Felsendoms, entlang der Stadtmauer Jerusalems? Ich kannte die theologischen Implikationen nicht, also auch nicht de as-Sirat-Brückenmarkierung (Säule Mohammeds – die übrigens im Koran gar nicht vorkommt).
Ich bin als neugieriger Mensch an dem Mann, der das Törchen bewachte, vorbeispaziert. Es kamen mir zahlreiche ältere Herren entgegen, die mich aber nicht beachteten. Es sah so aus, als wären sie durch ein geheimes Türchen in der Stadtmauer vom Tempelberg gekommen, aber das vermutete ich damals nur.
Ich war zufällig durch den Hintereingang gekommen; der Haupteingang ist auf dem Tempelberg. Man kann also, wenn das Törchen geöffnet ist, von der Al Akma ohne Kontrolle zum Felsendom gehen. Aber nicht weitersagen!
Ich ließ die Männer an mir vorbeiziehen und tat so, als studierte ich die arabischen Inschriften.
Die Israelis wollten da gern in der Nähe etwas anderes haben, etwa einen Garten. Und die jüdischen „Siedler“ womit orthodoxe zionistische Religioten gemeint sind, haben auch schon ein paar Gräber kaputtgemacht.
Ich sah offenbar nicht so wie die aus, sonst hätten mich die Araber vermutlich da gar nicht hingelassen. Ich hätte in aller Ruhe alles Mögliche umwerfen können. Da der Friedhof total ungepflegt ist und alles durcheinanderliegt und ohnehin viele Grabsteine umgefallen sind oder halb im Boden stecken, wäre das gar nicht aufgefallen.
Die muslimischen Araber schreiben dazu: „Der Friedhof Bab al-Rahma erstreckt sich über eine Fläche von etwa 23 Dunam [2,3 Hektar oder 23.000qm = drei Fußballfelder] und beherbergt zahlreiche Gräber von Gefährten des Propheten, darunter insbesondere die von Ubadah ibn al-Samit [ein Warlord der arabchen Stämme von Medina zur Zeit Mohammeds] und Shaddad ibn Aws [eine Art islamischer Geschichten- bzw. Märchenerzähler], sowie Gräber von Mudschahiden, die an der Eroberung Jerusalems während der Eroberungen durch die Umariten und Ayyubiden beteiligt waren.“
Letzteres bestreitet ChatGPT „In der Tradition heißt es, dass ein Teil der ägyptischen und ayyubidischen Soldaten, die bei der Rückeroberung Jerusalems (1187) oder bei späteren Kämpfen gefallen sind, hier beerdigt wurde. Die einzelnen Gräber sind meist nicht namentlich als „Saladins Kämpfer X/Y“ ausgeschildert, aber die lokale Überlieferung führt sie als Märtyrer des Dschihad um Jerusalem.“
Lokale Überlieferung. Die ist vermutlich genauso wahr wie die lokale Überlieferung, die wissen will, wo die Grabstätten von Haggai, Sacharja und Maleachi sind, bewacht von den außerrussischen Russen.
Ich habe mir von der KI eine schematische Karte des Friedhofs erstellen lassen. Nur für den Fall, dass jemand dort hinwill, Touristen wird man dort wohl kaum sehen.
Unter Ethnic Scholars oder: Wie man antisemitische Propaganda in akademische Pubikationen einschleust
Ich habe mir einen Text des Blogs Elder of Zyon übersetze lasse, weil er beispielhaft zeigt, wie das vermutlich auch an deutschen Universitäten abläuft:
Letzten Sommer beschrieb die Princeton-Professorin Lorgia García Peña auf der Konferenz „Sozialismus 2025“, wie man antiisraelischen Aktivismus in alle Bereiche der Wissenschaft, einschließlich Naturwissenschaften, Ingenieurwesen und Mathematik, einbringen könne. (Nebenbei bemerkte sie, ihr Ziel sei es, „die Universität in ihrer jetzigen Form abzuschaffen“, während sie weiterhin von „der kolonisierenden, rassistisch-kapitalistischen, weiß-suprematistischen Institution, die mein Gehalt zahlt, das ich dringend benötige“, bezahlt werde.)
Dies geschieht bereits. Ich sehe, wie Lügen über Israel in zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten eingeschmuggelt werden, die nichts mit Israel zu tun haben, wobei „Völkermord“ als bevorzugte Bezeichnung als Fakt dargestellt wird.
Ein besonders heuchlerisches Beispiel findet sich in einem Aufsatz über Ethik in „Qualitative Research in Psychology“.
Ethik, Macht und Verantwortung in der qualitativen Psychologie: Eine ethnografische Duo-Studie
Chiara Fiscone, Guido Veronese, Desmond Painter & Ashraf Kagee
Online veröffentlicht: 11. November 2025
Zusammenfassung
Dieser Beitrag ist das Ergebnis einer ethnografischen Duo-Studie zu den gelebten und umstrittenen Dimensionen von Ethik in der qualitativen psychologischen Forschung. Ausgehend von unseren unterschiedlichen Positionen als Forschende in verschiedenen disziplinären, institutionellen und geopolitischen Kontexten reflektieren wir die anhaltende Dissonanz zwischen institutionalisierter Verfahrensethik und den in der Praxis auftretenden ethischen Komplexitäten. Durch reflexive und kollaborative Analyse identifizieren wir vier miteinander verwobene Spannungsfelder, die unsere Untersuchung strukturieren: die Diskrepanz zwischen institutioneller Ethik und ethischer Verantwortung; die informierte Einwilligung als ethischer und politischer Konfliktpunkt; die Herausforderungen im Umgang mit den Spannungen und Paradoxien innerhalb ethischer Praxis; und die Verflechtung von Ethik mit politischen Strukturen und Machtdynamiken. Anstatt vorschreibende Lösungen anzubieten, verweilen wir in diesen Spannungen – wir leben in dem Unbehagen, den Widersprüchen und der Unsicherheit, die ethische Forschung als einen andauernden, situationsbedingten Kampf definieren.
Im Abstract findet sich kein Hinweis auf Gaza oder Israel, doch die Arbeit erwähnt den Begriff „Völkermord in Gaza“ aufgrund einer Stichwortsuche. Alle vier der Autoren haben in verschiedenen Bereichen (soziale Medien, Petitionen, andere Veröffentlichungen) zum Ausdruck gebracht, dass sie den „Völkermord“ in Gaza für eine unbestreitbare Tatsache halten.
Wie ich letzte Woche mit dem Münchhausen-Trilemma – einem einfachen logischen Test, der die strukturelle Unmöglichkeit eines „Völkermords in Gaza“ gemäß der Völkermordkonvention aufzeigt – bewiesen habe, ist all dies haltlos. Jede Veröffentlichung, Rede, jeder Artikel, jedes Kinderbuch, jede Konferenz oder jeder Podcast, der den Begriff „Völkermord in Gaza“ ohne weitere Erläuterung verwendet, ist eine Lüge.
In meiner Kultur gilt Lügen als unethisch. (Die Verwendung des Wortes „Positionalitäten“ anstelle von „Positionen“ ist nicht ganz so verwerflich.)
Noch unethischer ist es, Lügen in Bereiche einzuschleusen, in denen man sie nicht erwartet. Und genau hier entfalten die modernen antisemitischen Ritualmordlegenden ihre erschreckende Wirkung: Wenn man den Begriff „Gaza-Genozid“ in einem Kontext fernab der Politik liest oder hört, geht man psychologisch davon aus, dass es sich um eine bewiesene Tatsache handeln muss. Man erwartet, dass das Gelesene redigiert, geprüft und weitgehend wahr ist; man mag zwar wachsam sein und die Hauptargumente kritisch hinterfragen, aber die zugrundeliegenden Fakten gelten als wohlwollend dargestellt. Und das ist nicht mehr der Fall.
Dies ist nur ein Beispiel. Eine aktuelle bibliometrische Analyse von Artikeln zum Gaza-Krieg ergab eine große Anzahl in Top-Fachzeitschriften wie The Lancet und BMJ, die ihn ohne Vorbehalte als „Genozid“ bezeichnen – pro-palästinensische Beiträge dominieren dabei im Verhältnis 2:1 gegenüber pro-israelischen, oft in fachfremden Bereichen wie der öffentlichen Gesundheit. Auch dieser Artikel selbst gehörte dazu und berief sich wiederholt auf den „Gaza-Genozid“ als Fakt.
Allein im letzten Monat erschienen in Publikationen von Taylor & Francis rund 47 Artikel, die von „Völkermord“ in Gaza sprachen. Gegen diese Lüge anzukämpfen, grenzt an beruflichen Selbstmord, vergleichbar mit der Holocaustleugnung.
Und das Erschreckende daran: Das stammt direkt aus dem antisemitischen Propaganda-Handbuch der Nazis der 1930er-Jahre. Institutionen mit falschen „Fakten“ unterwandern, die große Lüge durch ständige Wiederholung in „seriösen“ Medien normalisieren und zusehen, wie die Gesellschaft zerbricht, bis das Undenkbare unausweichlich wird. Die Hetzer erfinden nichts Neues: Sie setzen das Drehbuch um und streben dieselben Ergebnisse wie in den 1940er-Jahren an.
Wir dürfen das nicht zulassen. Wir müssen es anprangern. Immer wieder. Wir müssen sie in die Defensive drängen. Wir müssen sie zwingen, jedes Wort zu beweisen. Wir müssen ihre Herausgeber zu verantwortungsvollem Handeln zwingen. Wir müssen die Zeitschriften, die diese Verleumdungen veröffentlichen, anprangern. Wir müssen Briefe an jede einzelne Zeitschrift schreiben und aufzeigen, dass ihre redaktionellen Prozesse versagt haben und dass diese Versäumnisse realen Schaden anrichten.
Entlarve die Lügen jedes Mal!
Klein Gaza
Martin Glasenapp auf X: Das IDF-Armeeradio meldete es schon am 30.11., heute bestätigte es Generalstabschef Zamir beim Truppenbesuch: Die „gelbe Linie“ ist keine temporäre IDF-Rückzugslinie, sondern die neue Grenze Israels. Betroffen wären 58 % von Gaza, inkl. Rafah und den wichtigsten Agrarflächen.“
Das ist eine sehr elegante Lösung. Es werden die zufrieden sein, die „make Gaza jewish again“ fordern und die, die das nicht wollen, auch.
Blick auf Gaza-Stadt, aufgenommen hier in Sderot [150m über dem Meeresspiegel, 26.10.2025, 10:23 Uhr].
Trail und mehr

Israel National Trail steht noch auf meiner To-Do-Liste. Ist aber anstrengend. Der Israel Bike Trail ist rund 1100 Kilometer lang. „Der Weg ist dann nur für Radfahrer und Wanderer erlaubt. Motorräder oder andere Kraftfahrzeuge sind verboten. Man hat also definitiv seine Ruhe.“ Wo kriege ich aber in Israel ein vernünftiges Mountain-E-Bike her? Foto: Burks / Mizpe Ramon
Merz macht sich in Israel lächerlich, indem er wieder für eine „Zwei-Staaten-Lösung“ wirbt, die dort niemand will.
Die Elohim, Jahveh und David oder: Die Habiru III
Ich habe mir ein Kapitel des (nur für mich) höchst interessanten Buchs von Robert Wolfe: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ (2011) übersetzen lassen (umformuliert, alle Links sind von mir, 3. und letzter Teil).

Mescha-Stele aka „Moabiterstein“, ca. 850 v. Chr., Louvre: „… das älteste erhaltene Denkmal in einer dem Hebräischen nahe verwandten Sprache und Schrift. In der Inschrift rühmt sich der moabitische König Mescha – neben der Ausführung verschiedener, von seinem Reichsgott Kemosch in Auftrag gegebener Bauvorhaben – der Befreiung seines Volkes aus der Abhängigkeit und Tributpflicht vom Nordreich Israel unter König Ahab aus der Dynastie Omri.“
Die Juden
Es bleibt die Frage nach dem Verhältnis der Juden, nämlich: Welche Bedeutung hatten die Habiru für die Juden?
Das Wort „Jew“ ist eine verkürzte und abwertende Form des Wortes „Judah“, der gängigen englischen Übersetzung des hebräischen Begriffs „Yehudah“. Judah war der Name des hebräischen Königreichs mit Zentrum in Jerusalem, das um etwa 1000 v. Chr. von David gegründet wurde. Das Königreich wurde Judah genannt, weil David aus dem Stamm Judah stammte, der einer der Söhne Israels gewesen sein soll. Die Perser bezeichneten das Königreich als „Yahud“, die Griechen nannten es „Ioudaia„, und die Römer bezeichneten es bis 135 n. Chr. als „Judea“. In diesem Jahr änderten sie den Namen des gesamten Gebietes offiziell in „Palästina“ (zu Ehren der Philister), am Ende des sogenannten „Zweiten Jüdischen Krieges“, während dessen sie nach Angaben des römischen Historikers Cassius Dio etwa 580 000 Juden töteten.

Die früheste bekannte Verwendung des Singulars „Ioudaios“ in der Moschus-Ioudaios-Inschrift, etwa 250 v. Chr., aus Oropos in Griechenland. Die Inschrift beschreibt einen Ioudaios griechischer Religion; weshalb, so erklärt Shaye J. D. Cohen, das Wort in diesem Zusammenhang als „Judeäer“ bzw. „Judeaner“ übersetzt werden müsse.
Fast alles, was über die Hebräer bekannt ist – abgesehen von den Texten, die die Habiru erwähnen -, ist bekannt, weil die Juden in der Tanach darüber schrieben. Nach dem Bericht in der Tanach teilte sich nach dem Tod von Davids Sohn Salomo das Königreich Judah in zwei Teile: ein Königreich Israel im Norden und ein wesentlich kleineres Königreich Judah im Süden. Die Könige Israels ließen sich jedoch von heidnischen Glaubensvorstellungen und Praktiken beeinflussen, weshalb das Königreich Israel von den Assyrern erobert wurde und die zehn hebräischen Stämme, die dort lebten, ins Exil geführt wurden und nicht zurückkehrten. Schließlich wurde auch das Königreich Judah durch die Babylonier erobert, und die Juden wurden ins Exil geschickt; da sie jedoch zumindest versucht hatten, dem heidnischen Einfluss zu widerstehen, wurde ihnen – so die religiöse Darstellung – durch Gott, handelnd durch Kyros, den Eroberer Babylons, gestattet, nach Jerusalem zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen.
Viele Bibelwissenschaftler vertreten eine etwas ausgefeiltere Version dieser Darstellung, der zufolge die Spaltung zwischen Juda und Israel auf das Vorhandensein zweier unterschiedlicher religiöser Tendenzen unter den frühen Hebräern zurückzuführen sei: den „Elohim-Kult“ und den „Jahwe-Kult“.
Der Elohim-Kult, so argumentieren sie, sei aus der einheimischen kanaanäischen Verehrung des „El“, des höchsten Gottes der kanaanäischen Heiden, hervorgegangen, während der Jahwe-Kult durch die „Mose-Gruppe“, die aus Ägypten und vom Sinai kam, nach Kanaan eingeführt worden sei. Die Judäer, so scheint es, fühlten sich eher zur Verehrung JHWHs hingezogen, während die Anhänger des Königreichs Israel vorzugsweise Elohim verehrten. Obwohl dies selten ausdrücklich formuliert wird, liegt der klare gedankliche Gehalt dieser Darstellung darin, dass der Jahwe-Kult in gewisser Weise monotheistischer gewesen sei als der Elohim-Kult.
Vielleicht lag dies daran, dass er angeblich aus der Wüste stammte; einige Bibelwissenschaftler vermuten sogar, dass das Wort „Jahwe“ von einem älteren, bei nomadischen Gruppen in oder um den südlichen Sinai gebräuchlichen Gottesnamen abgeleitet sein könnte.
Wie dem auch sei: In jedem Fall ist es zu einem Glaubensartikel unter manchen Bibelwissenschaftlern geworden, dass einige Hebräer Elohim und andere ein Gottwesen namens „Jahwe“ verehrten. Der Begriff erscheint bereits im Titel einiger der renommiertesten Veröffentlichungen, wie etwa Albrights Yahweh and the Gods of Canaan oder Gottwalds The Tribes of Yahweh. Mit Ausnahme einiger weniger israelischer Autoren wird er von nahezu allen Bibelwissenschaftlern verwendet, die sich mit der Geschichte Israels befassen, und er hat Eingang in eine breitere Öffentlichkeit gefunden, sodass viele gebildete Laien – die nichts von der einstigen Existenz der Habiru wissen – annehmen, „Jahwe“ sei der eigentliche Gottesname der Juden. Einige mögen dies für bedeutungsvoll oder weniger bedeutungsvoll halten, doch jedenfalls hegen aufgrund der Bibelwissenschaftler die meisten keinerlei Zweifel daran, dass „Jahwe“ der Name sei, den die Juden Gott beilegen.
Dies ist jedoch unzutreffend. Das Wort „Jahwe“ ist eine deutsche Rekonstruktion aus dem 19. Jahrhundert der hebräischen Buchstaben yod, heh, vav, heh, die im Englischen des Tanach gewöhnlich als YHWH wiedergegeben werden und die, wie auch „Elohim“, als Bezeichnung des Gottes Israels im Tanach verwendet werden. Ausgerechnet die deutschen protestantischen Theologen, die diese Rekonstruktion vornahmen, schrieben im Englischen nicht einmal konsequent und ersetzten das „w“ in „Jahwe“ durch ein „v“. Der hebräische Buchstabe vav wird im Englischen normalerweise mit „v“ wiedergegeben, im Deutschen jedoch mit „w“. Daher „Jahwe“ statt „Yahveh“.
Nach Ansicht der deutschen Protestanten war „Yahveh“ die richtige Aussprache der Buchstaben YHWH, die zuvor im Englischen als „Jehovah“ ausgesprochen worden waren. Wie genau sie dies wussten, sagten sie nicht, denn YHWH ist kein Wort und wurde von Juden niemals so ausgesprochen – weder vor der Entdeckung „Jahwes“ durch die deutschen Gelehrten noch danach.

2. Mose (Exodus) 3,14 – der Name des Gottes wird im 5. Absatz definiert
Hätten die Bibelwissenschaftler – früher wie heute – auch nur einen Funken Respekt gegenüber den Juden geübt, im Gegensatz zu ihrer Haltung gegenüber Hebräern oder „Israeliten“, hätten sie wesentlich mehr Aufmerksamkeit darauf verwendet, dass frommen Juden die Aussprache der Buchstaben YHWH verboten ist. Immer wenn diese Buchstaben im Tanach oder sonstwo erscheinen, sollen religiöse Juden stattdessen das Wort Adonai („Herr“) aussprechen. [In Israel sagt man heute meistens HaSchem (hebräisch הַשֵּׁם ‚der Name‘), B.S.]
Den Bibelwissenschaftlern ist dies zwar bekannt, doch sie schenken ihm keine größere Bedeutung, sondern nehmen offenbar an, Juden verstünden ihre eigene Religion ebenso wenig wie protestantische Bibeltheologen.
Rainer Albertz behandelt diese Frage auf exemplarische Weise auf Seite 49 von Band 1 seines Werkes A History of Israelite Religion in the Old Testament Period (1994). Ihm zufolge ist die Aussprache des göttlichen Namens im hellenistischen Zeitalter „nicht völlig gesichert“, da die Juden davor „zögerlich“ gewesen seien, ihn auszusprechen. Dennoch sei „Yahweh die wahrscheinlichste Aussprache“. Albertz führt jedoch keinen Beleg dafür an, dass die Juden YHWH je als Wort im „hellenistischen Zeitalter“ ausgesprochen hätten; noch erwägt er die Möglichkeit, dass es sich vielleicht niemals um ein Wort handeln sollte.
Tatsächlich gibt es umfangreiche Belege dafür, dass YHWH nicht als Wort verstanden wurde, sondern vielmehr als Platzhalter für den hebräischen Satz ehyeh asher ehyeh, „Ich werde sein, der ich sein werde“.
Dieser Satz erscheint in Kapitel 3 des Buches Exodus; die relevante Stelle lautet wie folgt:
Moses sagte zu Gott: „Wenn ich zu den Israeliten komme und sage: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt, und sie mich fragen: Wie ist sein Name? – was soll ich ihnen antworten?“
Und Gott sprach zu Moses: „Ehyeh Asher Ehyeh.“ Und er fuhr fort: „So sollst du zu den Israeliten sagen: Ehyeh hat mich zu euch gesandt.“
Und Gott sprach weiter zu Mose: „So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Herr, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Dies soll auf ewig mein Name sein; dies ist mein Gedenkname von Geschlecht zu Geschlecht.“
Weitaus häufiger jedoch wird der Satz ehyeh asher ehyeh in englischsprachigen Fassungen der Tora mit „I am that I am“ („Ich bin, der ich bin“) wiedergegeben; tatsächlich bedeutet er aber: „Ich werde sein, der ich sein werde“. In jedem Fall ist entscheidend, dass Gott Mose mitteilt, sein Name sei ehyeh asher ehyeh oder kurz ehyeh – und nicht „Jahweh“. Hat man dies einmal erkannt, wird der Grund für das Verbot, den Gottesnamen auszusprechen, offensichtlich: Man kann den Satz ehyeh asher ehyeh oder das Wort ehyeh nicht aussprechen, ohne eine bestimmte Vorstellung von der Identität Gottes zu übernehmen.
Warum aber übernahmen die Juden die Buchstaben YHWH als Stellvertreter für den unaussprechlichen Gottesnamen? Die wahrscheinlichste Erklärung lautet, dass sie dies taten, weil es die vier Buchstaben sind, aus denen fast alle Formen des hebräischen Verbs „sein“ gebildet werden. In der modernen hebräischen Grammatik ist die Wurzel des Verbs „sein“ üblicherweise hay, yod, hay oder HYH; es gibt jedoch auch eine verwandte Form hay, vav, hay oder HVH. Diese grammatikalischen Formen lassen sich allerdings erst seit Beginn der systematischen hebräischen Grammatik durch jüdische Gelehrte im Spanien des Mittelalters nachweisen. Es wäre nur natürlich gewesen, dass die Juden, die den Tanach verfassten, die beiden Wurzeln zu einer Form wie YHWH zusammenzogen.
Im Allgemeinen sind Wurzeln im Hebräischen nicht zur Aussprechung bestimmt; sie bezeichnen lediglich die Buchstabenfolge, aus der verschiedene Wortformen gebildet werden.
Den Bibelwissenschaftlern ist all dies bekannt, und dennoch beharren sie auf der obsessiven Verwendung des Begriffs „Yahweh“ (ebenso wie „Yahwism“ und „Yahwistic“). So schreibt etwa George H. van Kooten in seinem Vorwort zu seiner Anthologie The Revelation of the Name YHWH to Moses (2006) über den Namen:
„Der Name ‘Yahweh’, verbunden mit dem Ausdruck ehyeh asher ehyeh ist von zentraler Bedeutung im Judentum, und ‘Yahwism’ wurde gleichbedeutend mit jüdischem Monotheismus.“
Doch wie kann der Name „Yahweh“ eine „zentrale Bedeutung im Judentum“ besitzen, wenn kein Beleg existiert, dass Juden diesen Namen jemals über einen Zeitraum von 3000 Jahren verwendet haben?
In derselben Anthologie zeigt van Kooten selbst in seinem Aufsatz Moses/Musaeus/Mochos and his God Yahuo, Iao, and Sabaoth, Seen From a Graeco-Roman Perspective, dass die Griechen, die den Gott der Juden nicht höher schätzten als die Bibelwissenschaftler, den jüdischen Gottesnamen nicht „Yahweh“, sondern „Iao“ aussprachen.
Van Kooten schreibt auf S. 310, die Unkenntnis der Griechen bezüglich des Namens „Yahweh“ sei der „abnehmenden Bereitschaft der Juden zuzuschreiben, seinen Namen auszusprechen und den Namen ‘Yahweh’ zu verwenden“. Doch wie Albertz konnte auch er keinen Hinweis darauf beibringen, dass Juden den Namen jemals benutzten. Gerade dies ist der Grund, weshalb weder Albertz noch van Kooten die Möglichkeit überhaupt erwägen, dass die jüdische Scheu, den Namen auszusprechen, nicht erst „in der hellenistischen Epoche“ begann.

Vergoldete Statue des kanaanitischen Gottes El aus Ugarit, Spätbronzezeit 1400-1300 vor Chr., National Museum of Damascus
Als weiteres Problem kommt hinzu, dass die Bibelwissenschaft die Bedeutung des anderen jüdischen Gottesnamens verschleiert hat, nämlich „Elohim“. Der Gott El war tatsächlich der höchste Gott des kanaanäischen Pantheons, und das Wort El wurde ganz ähnlich verwendet wie das englische Wort „god“ – es bezeichnete nicht nur den höchsten Gott, sondern auch jeden anderen Gott. Das Wort „Gott“ heißt im Hebräischen el, und die reguläre Pluralform von el. ist elim, also „Götter“. Es gibt jedoch eine archaische Pluralform elohim.
Das Wort „Elohim“ bedeutet nicht wörtlich „Gott“, sondern eher „die Götter“.
Wie sonst sollte man die Sätze verstehen: „Der HERR, unser Gott, ist einer“ oder „Der HERR, unsere Götter, ist einer“?
Bemerkenswerterweise tritt die Form des hebräischen Verbs „sein“ im Hebräischen nie auf, da es nicht als Verb benutzt wird. Ein Sprecher kann „Ich bin jenes“ sagen, aber nicht „Ich bin“ im absoluten Sinne. Im Hebräischen gibt es zwar eine Form des Präsens des Verbs „sein“, nämlich howay, doch wird sie niemals als Verb verwendet, sondern ausschließlich als Substantiv im Sinne von „das Seiende“, „das Existierende“.
Wenn also im Schema – der Glaubensformel der jüdischen Einheit Gottes – steht: „Der HERR, unsere Götter, ist einer“, dann erscheint es schwer vorstellbar, dass kein Zusammenhang besteht zwischen dieser Tatsache und einer grammatischen Besonderheit, die es überflüssig macht zu entscheiden, ob „unsere Götter“ im Singular oder im Plural „ist“ oder „existiert“.
Fazit: Die jüdische Religion gründet sich auf die Verehrung eines Gottes, der „Götter“ genannt wird, dessen wirklicher Name aber „Ich werde sein“ lautet.
Wo die Bibelwissenschaftler (vielleicht aus dem Bedürfnis heraus, den Gott der Juden zu vermenschlichen) den Namen der Juden – oder besser: den Namen Gottes – zu einem Vatergott stilisierten, hätten sie bemerkt, dass sie es hier mit einer komplexen, dialektischen Denkweise zu tun haben – nicht unähnlich der komplexen, dialektischen Denkweise späterer Generationen jüdischer revolutionärer Denker und Führer. Das Gemeinsame der Aussagen „Götter“ und „Ich werde sein“ besteht in den Namen Gottes, nämlich darin, dass es mehr oder weniger unmöglich ist, sie zu personifizieren. Es ist schwer, sich eine plurale Entität als singuläre Person vorzustellen oder sich ein Bild eines unbekannten zukünftigen Wesens zu machen.
Es scheint offensichtlich, dass wir es hier mit zwei einander widersprechenden Tendenzen zu tun haben: einerseits dem Bedürfnis nach einem Herrscher-Gott, andererseits einer tiefgreifenden Abstraktion von Autorität.
Zugleich aber ist die Tendenz zur Personifizierung von Namen im Tanach an die Figur eines Herrschergottes gebunden, der ständig beobachtet, warnt, straft und belohnt, so wie es eine menschliche Person tun würde. Es scheint offensichtlich, dass wir es hier mit zwei einander widersprechenden Tendenzen zu tun haben: einerseits dem Bedürfnis nach einem Herrscher-Gott, andererseits einer tiefgreifenden Abstraktion von Autorität – beide Tendenzen finden reichlich Ausdruck in den Texten des Tanach. Es scheint mir ebenso offenkundig, dass beide Tendenzen aus der Kultur und Denkweise der Habiru hervorgegangen sind.
Die Habiru, die später als Hebräer bekannt wurden, erscheinen in der Tora und in den frühen Büchern des Tanach nicht so, wie sie waren, sondern so, wie sie sein wollten. Tatsächlich handelte es sich um eine kriegerische Elite, die um 1200 v. Chr. die Kontrolle über den größten Teil des Landes Israel gewann. Es gibt im Tanach keinerlei Hinweis darauf, dass sich die frühen Hebräer in nennenswertem Maße von den Kanaanäern unterschieden – weder sprachlich noch physisch. Sie unterschieden sich vielmehr dadurch, dass sie eine soziale Randgruppe der kanaanäischen Gesellschaft bildeten, und sie übernahmen die Praxis der Beschneidung als Mittel der Formalisierung dieser Differenz sowie als Ausdruck ihres Selbstverständnisses als furchtlose Eroberer und nicht als hilflose Opfer.
Doch als Eroberer benötigten sie einen Herrschergott, der ihnen mit einem Rechtstitel das Land Kanaan zusprach und die Lebensweise legitimierte, der sie zu folgen wünschten. Ihr Herrschergott unterschied sich jedoch von anderen Herrschergöttern insofern, als er nicht ursprünglich mit dem Konzept des Königtums verbunden war. Erst zur Zeit Sauls und Davids – etwa 200 Jahre nach Beginn der hebräischen Landnahme Kanaans – zeigt der Gott des Tanach die geringsten Anzeichen eines Interesses an der politischen Form hebräischer Herrschaft. Dies legt nahe, dass die Habiru keinen monarchisch geprägten Gott wollten, und dass sie aus diesem Grund das Verbot der Verehrung geschnitzter Bilder in die begriffliche Sphäre ausdehnten, wo es als Verbot der Personifikation von JHWH oder Elohim wirkte.
Um jedoch Kanaan als einheitliche Macht beherrschen zu können, benötigten die Habiru mehr als einen Herrschergott: Sie benötigten auch die Legende über die Söhne Israels. Und aus diesem Grund stellten sie sich im Tanach nicht dar, wie sie waren, sondern wie sie sein wollten. Statt ihre Ahnen als Flüchtlinge oder Vertriebene darzustellen, präsentierten sie Abraham, Isaak und Israel als friedliche Beduinen, die mit ihren Herden durch den Nahen Osten zogen. Dies lag daran, dass das gesamte Konzept der „bnei Israel“ ein beduinisches Konzept war, identisch mit jenem vieler beduinischer Stämme, die sich traditionell als „Söhne“ („banū“ im Arabischen) eines gemeinsamen, patriarchalen Ahnherrn beschrieben. Und indem sie eine idealisierte Vergangenheit als Beduinen erfanden, konnten die Habiru nicht länger als kriegerische Elite erscheinen, sondern mussten all ihre Kämpfe durch göttliches Eingreifen gewinnen – ein Eingreifen, das den Hebräern zugesichert wurde, obwohl ihnen militärische Erfahrung und Ausrüstung weitgehend fehlten. Aus demselben Grund mussten auch alle hebräischen Stämme den Exodus aus Ägypten durchleben, selbst wenn dabei die Sinai-Wüste überfüllt war; ebenso durfte der „Stamm“ Levi keinen Vorrang über die anderen Stämme erlangen. Das Ergebnis war eine nahezu völlig mythisierte Tora, die dennoch in eindringlicher Weise ihre engste Bindung an die Sache der Sklaven betont – im Gegensatz zu der der Sklavenhalter.
Wie man über die Tora denkt, hängt in hohem Maße davon ab, wie man über das Konzept eines Herrschaftsgottes denkt. Doch wie man über die Habiru denkt, hängt in noch größerem Maße davon ab, wie man über das Konzept revolutionärer Gewalt denkt. Revolution impliziert Gewalt, oder – wie Mao Zedong 1927 schrieb:
Eine Revolution ist kein Festessen, kein Essay, kein Gemälde oder eine Stickerei; sie kann nicht kultiviert, sanft, höflich, zurückhaltend oder großmütig sein. Eine Revolution ist ein Aufstand, ein Gewaltakt, durch den eine Klasse eine andere stürzt.
Doch war die Eroberung des Landes Israel durch die Habiru eine echte Revolution? Führte sie nicht nur zur Beseitigung der Herrschaft der kanaanäischen Stadtstaaten und ihrer ägyptischen Oberherren, sondern auch zur Schaffung einer neuen und progressiveren Gesellschaftsordnung?
Das gesellschaftliche Ideal des Tanach ist das des Kleinbauern, dessen Recht auf Land durch das Jubeljahr-Gesetz garantiert werden sollte, dem zufolge verlorenes Land und durch Schulden veräußertes Eigentum alle fünfzig Jahre an seine ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden musste. Die Anhäufung großer Landgüter wurde missbilligt, die Institution der Sklaverei stark eingeschränkt und die Pflicht zur Wohltätigkeit gegenüber den Armen vorgeschrieben. Die Bewahrung dieser sozialen Werte und Praktiken sollte auf dieselbe Weise sichergestellt werden, wie sie ursprünglich begründet worden waren – nämlich durch den Einsatz bewaffneter Gewalt.
In der jüdischen Tradition wurde dieser Einsatz bewaffneter Gewalt im Dienst sozialer Gleichheit schließlich mit einer ganz bestimmten Person verbunden: dem Gründer des Königreichs Juda, David.

König David als Orpheus, Mosaik aus einer Synagoge in Gaza, 508 n. Chr., Israel-Museum Jerusalem
David
Wie zu erwarten, mögen diejenigen Bibelwissenschaftler, die die Habiru nicht schätzen, auch David nicht. Einer der einflussreichsten Bibelwissenschaftler der jüngeren Zeit ist Israel Finkelstein, Koautor zusammen mit Neil Asher Silberman von *The Bible Unearthed* [2001, dt. Keine Posaunen vor Jericho, 2004] sowie von David and Solomon (2006).
Auf Seite 44 von „David and Solomon“ erläutern die Autoren die Bedeutung des Begriffs „Apiru“ wie folgt:
„Dieser Begriff, manchmal als Habiru transliteriert, wurde einst für verwandt mit dem Begriff ‚Hebräer‘ gehalten, aber die ägyptischen Texte machen deutlich, dass er weniger eine bestimmte ethnische Gruppe als vielmehr eine problematische sozioökonomische Klasse bezeichnete. Die Apiru waren entwurzelte Bauern und Hirten, die mitunter zu Banditen wurden, manchmal sich selbst an den Meistbietenden als Söldner verkauften und die in beiden Fällen eine destabilisierende Kraft darstellten – sei es für lokale Herrscher oder für die ägyptische Verwaltung – bei jedem Versuch, die Stabilität ihrer Herrschaft aufrechtzuerhalten.“
Am erstaunlichsten ist an dieser Zurückweisung der „Apiru“ als störende Unruhestifter ohne Bezug zu den Hebräern, dass die Autoren in keinem Abschnitt ihrer beiden Bücher überhaupt versuchen nachzuweisen, dass die Hebräer tatsächlich eine „spezifische ethnische Gruppe“ gewesen seien, getrennt und unterschieden von den Kanaanäern.
Finkelstein insbesondere hat seinen Ruf weitgehend darauf gegründet, den größten Teil der historischen Informationen des Tanach als legendär zu entlarven. Doch wenn es um den offensichtlichen Mythos der „Söhne Israels“ geht, akzeptiert er ihn weder explizit noch verwirft er ihn, sodass er die Identität von Habiru und Hebräern leugnen kann, während er gleichzeitig so tun kann, als glaube er an sie.
Ein zentraler Punkt in Finkelsteins Bemühen, Teile des Tanach zu entkräften, ist die Geschichte Davids und der Entstehung des Königreichs Juda. Der Tanach schildert David als Begründer eines Großreichs, das einen Großteil des Landes Israel beherrschte; Finkelstein und Silberman hingegen beschreiben David als einen unbedeutenden „Kleinhäuptling“, der nur über einen kleinen Teil des südlichen Berglandes herrschte.
Um David noch weiter zu diskreditieren, sehen die Autoren nichts Besseres, als ihn mit den „Apiru“ gleichzusetzen. Auf Seite 46 von *David and Solomon* schreiben sie:
„Kurz gesagt weist die Beschreibung des Aufstiegs Davids im ersten Buch Samuel zahlreiche unverkennbare Parallelen zur Aktivität eines typischen Apiru-Häuptlings und seiner Rebellenbande auf.“
Immer wieder bezeichnen die Autoren David als „Banditen“ an der Spitze einer „Bande von ‚Raufbolden und Freibeutern‘“.
Doch die Passagen des Tanach, auf die sie sich stützen, könnten ebenso gut als Beschreibungen der Formierung einer revolutionären Armee gelesen werden. Silberman und Finkelstein geben den Textstellen daher dieselbe negative Deutung wie der Habiru-Problematik – weil sie die Habiru als „problematisch“ ansehen und David ebenfalls nicht mögen.

1. Buch Samuel 27, Vers 3 in der Lutherbibel von 1525
Ein Beispiel hierfür findet sich in dem bekannten Abschnitt in Kapitel 22 des *Ersten Buches Samuel*, in dem beschrieben wird, wie David seine erste kleine Bande formte:
„Und es versammelten sich zu ihm alle, die in Not waren, und alle, die verschuldet waren, und alle, die verbitterten Gemütes waren; und er wurde ihr Anführer. Und es waren bei ihm etwa vierhundert Mann.“
Silberman und Finkelstein haben insofern recht, als viele Habiru-Banden zweifellos auf ganz ähnliche Weise entstanden. Doch die Frage ist nicht, ob David und seine Gefolgsleute den Habiru ähnlich waren – das waren sie zweifellos -, sondern ob sowohl David als auch die Habiru in Kanaan vielmehr „Banditen“ waren oder nicht eher Revolutionäre, die darauf aus waren, eine neue soziale Ordnung zu errichten, deren wichtigstes Element die Vermeidung von Bodenverlust zugunsten der Reichen war.
Es scheint vielmehr, dass David durchaus ein Revolutionär war.
Es scheint vielmehr, dass David durchaus ein Revolutionär war, jedoch einer, dessen Revolution in keiner wesentlichen Hinsicht von jener der Habiru verschieden war – abgesehen davon, dass seine Bewegung ihn nicht nur zum König von Juda ausrufen ließ, sondern er begründete auch eine Dynastie, die das Königreich Juda über nahezu 400 Jahre hinweg ununterbrochen regierte. Und selbst danach blieb die Vorstellung, dass der „Messias“ ein direkter Nachkomme Davids sein würde, ein prägendes Merkmal der jüdischen messianischen Kultur bis in die Neuzeit.
Warum also wurde die Gestalt Davids in der jüdischen Tradition zu einem so bedeutenden monarchischen Vorbild? Zweifellos spielten seine persönlichen Eigenschaften, wie sie der Tanach beschreibt, eine Rolle; doch es gibt letztlich nur eine offensichtliche Antwort auf die Frage, weshalb David zu einer so wichtigen Figur wurde.
Es ist jene Antwort, die der Tanach selbst liefert: nämlich, dass David die Philister besiegte, Jerusalem eroberte und die Autorität der Hebräer weiter ausdehnte, als sie jemals zuvor gereicht hatte. Dies tat er, indem er die Hebräer zu einer einheitlichen militärischen Kraft unter seinem Kommando zusammenschloss, während sie bis dahin überwiegend als lockerer Zusammenschluss unabhängiger Stämme ohne zentrales Befehlswesen gekämpft hatten.
Es ist offensichtlich, dass die Hebräer der Institution der Monarchie nicht enthusiastisch gegenüberstanden; doch sie akzeptierten Davids Version davon, weil sie funktionierte und ihnen die Schlachten gewinnen ließ, die sie gewinnen mussten, um ihre Vision einer idealen sozialen Ordnung zu verwirklichen.
Die alte jüdische Kultur, wie sie in den Seiten des Tanach reflektiert ist, war eine monarchische Version der revolutionären Kultur der Habiru. Sie ersetzte die Monarchie für die Stämme, das Priestertum der Leviten und den Tempel in Jerusalem für sämtliche lokale Heiligtümer; zugleich war sie egalitärer und humaner als die Kultur der Staaten und Reiche, die das Land Israel umgaben.
Und gerade aufgrund dieser progressiven Elemente der jüdischen Kultur ist das jüdische Volk im Laufe seiner Geschichte solchen massiven Verfolgungen ausgesetzt gewesen.
Insbesondere wäre es unmöglich, den genozidalen Angriff auf das jüdische Volk durch die Römer und ihre griechischen Verbündeten zu verstehen – der in der sogenannten „Jüdischen Kriege“ des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. in den Tod von über zwei Millionen Juden mündete -, ohne zu berücksichtigen, dass das jüdische Rechtssystem die Institution der Sklaverei verwarf, auf der das römische Reich aufgebaut war.
In späteren Jahrhunderten griffen Christentum, Islam und Marxismus jeweils auf ihre eigene Weise auf den progressiven Kern der jüdischen Kultur zurück, um daraus ihre eigene Inspiration zu beziehen; doch anstatt ihre Schuld gegenüber dem jüdischen Volk anzuerkennen, erfanden sie ein antisemitisches Stereotyp nach dem anderen, um sich von der jüdischen Welt zu distanzieren.
Diese Dynamik hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt in der Form der Dämonisierung des Staates Israel durch die internationale Linke.
Als ich zum ersten Mal begann, über jüdische Geschichte zu schreiben und zu lehren, dachte ich, dass ich in der progressiven Gemeinschaft meine dankbarsten Leser finden würde.
Immerhin zeigte ich auf, dass die gesamte „biblische“ Tradition – die innerhalb der weltlichen Linken noch immer als machtvoller Konkurrent aufgefasst wird – in Wirklichkeit das Ergebnis einer sozialen Revolution war und keineswegs einer göttlichen Fügung.
Doch es stellte sich heraus, dass die meisten Progressiven nicht über diese besondere soziale Revolution sprechen wollten, weil sie die Juden gut aussehen ließ – und damit, indirekt, Israel.
Sie zogen es vor zu glauben, dass die Juden einen grausamen patriarchalen Gott namens Jahwe verehrten und dass sie daher verdient hätten, was ihnen von den toleranten, leichtlebigen heidnischen Völkern widerfahren sei. Ein besonders deutliches Beispiel hierfür lieferte das Buch When God Was a Woman von Merlin Stone, das in den 1980er Jahren vom progressiven Radiosender WBAI in New York mit großem Enthusiasmus vorgestellt wurde.
Stone stützte sich weitgehend auf in Deutschland während der 1930-er Jahre entstandene Studien und versuchte zu zeigen, dass der patriarchale Kult des Jahwe tatsächlich von arischen Eindringlingen aus dem Norden in den matriarchalen Vorderen Orient eingeführt worden sei – was sie zu der Schlussfolgerung brachte, es sei „ironisch“, dass Hitler so viele Juden ermordete, da Juden und Nazis so viel gemeinsam hätten.
In Wirklichkeit jedoch wird die jüdische Abstammung seit Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. über die mütterliche Linie bestimmt und nicht über die väterliche – doch weder das eine noch das andere ist hier entscheidend.
Der Punkt ist vielmehr, dass man keine demokratischen, säkularen und egalitären Werte effektiv verteidigen kann, während man zugleich jene Menschen dämonisiert, die in der Geschichte mehr als jeder andere zur Hervorbringung dieser Werte beigetragen haben.
Der Grund, weshalb so viele Juden eine so herausragende Rolle in den progressiven Bewegungen der Moderne gespielt haben, liegt in den egalitären Werten, die in der traditionellen jüdischen Kultur verankert sind; und der Grund, weshalb diese Werte dort verankert sind, besteht in der sozialen Revolution, die von den Habiru durchgeführt wurde.
Mit anderen Worten:
Es ist das direkte Ergebnis der jüdischen Tradition, dass der Staat Israel weitaus demokratischer, säkularer und egalitärer ist als alle seine arabischen und muslimischen Nachbarn.
Die Dämonisierung der Juden und die Dämonisierung Israels kann keinem anderen Zweck dienen, als die Position des Bündnisses autokratischer Staaten zu stärken, das sich gegen uns formiert hat.
Umgekehrt ist die Annahme einer positiven Haltung gegenüber dem jüdischen Volk – einschließlich des jüdischen Staates – der Schlüssel dazu, die progressive Bewegung aus jenem Zustand erbärmlicher Bedeutungslosigkeit zu befreien, in dem sie sich heute befindet.
Neue Ware eingetroffen, reloaded
Neu in meiner Bibliothek (und der Literaturliste):
– Lemche, Niels Peter: Die Vorgeschichte Israel – Von den Anfängen bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts v. Chr., Stuttgart 1996 (Biblische Enzyklopädie 1)
– Ben-Sasson, H. H.: Geschichte des jüdischen Volkes – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, (1969) 1978 (dt.)
– Crowley, Roger: Der Fall von Akkon – Der letzte Kampf um das Heilige Land, Darmstadt 2019
– Redford, Donald B.: Egypt, Canaan and Israel in Ancient Times, Princeton | New Jersey 1992
Die Hebräer oder: Die Habiru II
Ich habe mir ein Kapitel des (nur für mich) höchst interessanten Buchs von Robert Wolfe: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ (2011) übersetzen lassen (umformuliert, alle Links sind von mir, 2. Teil).
[Teil 1: Parasoziale Elemente oder: Die Habiru I (26.11.2025)]
Was war die genaue Bedeutung des Ausdrucks Habiru in seinem ursprünglichen Kontext? Und darüber hinaus: Lautete der Begriff tatsächlich Habiru oder vielmehr Apiru? Diese Fragen müssen beantwortet werden, um die größere Problematik der Beziehung zwischen den Bezeichnungen Habiru und Hebräer anzugehen.
Über viele Jahrzehnte nach der Entdeckung der Tafeln von Tell el-Amarna und anderer Fundorte zweifelte niemand daran, dass sie sich auf Menschen bezogen, die Habiru genannt wurden. In der englischsprachigen Übersetzung der Tell-el-Amarna-Tafeln durch Samuel Mercer aus dem Jahr 1939 wird der Begriff Habiru ohne jeden Hinweis auf die Möglichkeit einer abweichenden Lesung verwendet. Nebenbei bemerkt erklärte F. H. Hallock in einem „Exkurs“ am Ende des Buches [das ich nicht gefunden habe, B.S.] auf Seite 843:
„Aber wir müssen eine gewisse Verbindung zwischen Hebräern und Habiru einräumen; linguistische und historische Überlegungen machen dies unvermeidlich, auch wenn wir angesichts gegenwärtigen Wissens nicht mit allzu großer Gewissheit über diese Verbindung sprechen können.“
Doch beginnend in den 1950er-Jahren wurden Zweifel an der Richtigkeit von Habiru als Lesung des keilschriftlichen Textes laut, wobei Apiru zunehmend als mögliche alternative Lesung vorgeschlagen wurde.
Akkadische Keilschrift, das Schriftsystem, in dem die Tell-el-Amarna-Tafeln verfasst wurden, besteht aus keilförmigen Eindrücken im Ton. Nach Ansicht der Experten konnte der betreffende Anfangskonsonant des fraglichen Zeichens entweder als „h“ oder als „p“ gelesen werden. Die akkadische Schrift selbst machte offenbar keinen Unterschied zwischen beiden Lauten. Doch bis in die 1950er-Jahre hinein waren einige Verweise auf die Habiru in anderen Schriftsystemen bekannt geworden, und in diesen schien der Anfangskonsonant ein „p“ zu sein. Gleichzeitig wurde – aus Gründen, die mir nicht völlig klar sind – behauptet, das Wort müsse ohne einen anfänglichen „h“ gelesen werden. Manche Bibelwissenschaftler ließen sich von diesen Argumenten nicht überzeugen und verwendeten weiterhin die Bezeichnung Habiru. Die Mehrheit wechselte jedoch allmählich zu Apiru, das allgemein als die korrektere Lesung gilt.

Akkadische Inschrift auf dem Obelisken von Manishtushu, 2600–500 vor Chr., Louvre
Ich selbst halte mich nicht für qualifiziert, ein endgültiges Urteil darüber zu fällen, ob Habiru oder Apiru die richtige Lesung ist, und mir erscheint auch nicht, dass die Beweislage eindeutig zugunsten der einen oder anderen Möglichkeit ausfällt. In Le problème des Habiru, veröffentlicht 1954, untersuchte Jean Bottéro die damals verfügbaren Texte ausführlich und kam auf Seite 156 zu dem Ergebnis, dass er die Frage nicht lösen könne. Er selbst verwendete weiterhin den Begriff Habiru. Obwohl mir scheint, dass jene, die die Identität von Hebräern und Habiru bejahen, mit wenigen Ausnahmen eher den Begriff Habiru bevorzugen, neigen diejenigen, die die Identität der beiden Gruppen bestreiten, eher zu Apiru.
„Hebrew“ ist natürlich nicht das hebräische Wort für „Hebräer“.
Auch ich bejahe die Identität der beiden Gruppen und verwende daher den Ausdruck Habiru, der stärker an „Hebrew“ erinnert. Letztlich spielt es jedoch keine große Rolle, welche Bezeichnung dem Wort „Hebrew“ ähnlicher klingt, denn „Hebrew“ ist natürlich nicht das hebräische Wort für „Hebräer“. Das hebräische Wort lautet Ivri, das weder dem einen noch dem anderen Begriff besonders ähnlich ist.
Andererseits sind die Unterschiede auch nicht allzu groß. Im Hebräischen kann der Buchstabe bet je nach Stellung im Wort entweder als „b“- oder als „v“-Laut ausgesprochen werden. Ivri wird mit einem bet geschrieben, weshalb viele Übersetzungen dieses Wortes, wie etwa „Hebrew“, ein „b“ statt eines „v“ verwenden. Was die Möglichkeit betrifft, dass das akkadische Wort mit einem „p“ statt eines „b“ ausgesprochen wurde, behandelt Manfred Weippert diese Frage in „The Settlement of the Israelite Tribes in Palestine“ [auf Deutsch: „Die Landnahme der israelitischen Stämme in der neueren wissenschaftlichen Diskussion“]. Weippert bezweifelt nicht, dass Hebräer und Habiru identisch waren, und bevorzugt die Lesung Apiru gegenüber Habiru. Doch wie viele andere Bibelwissenschaftler sieht er eine sprachliche Verbindung zwischen den akkadischen und den hebräischen Begriffen. Er führt insbesondere nicht weniger als 14 Beispiele an, in denen ein „b“-Laut in verschiedenen semitischen Sprachen zu einem „p“-Laut (oder umgekehrt) wurde, und folgert auf Seite 82: „Mit anderen Worten: Die Gleichung apiru = Hebräer kann durchaus mit linguistischen Belegen untermauert werden.“ Meine eigene Einschätzung ist, dass die Sprachbeweise keineswegs die Identität der akkadischen und hebräischen Begriffe beweisen, ihnen jedoch Raum lassen. Der Hauptgrund, warum die meisten Bibelwissenschaftler eine Verbindung der beiden Termini annehmen, liegt darin, dass sie in sehr ähnlicher Weise verwendet wurden.
Die Gleichung apiru = Hebräer kann durchaus mit linguistischen Belegen untermauert werden.
Bibelwissenschaftler sind sich im Allgemeinen darüber einig, wer die Habiru waren, uneinig jedoch darüber, wie sie wahrgenommen wurden. Bottéro zufolge war „Flüchtling“ die treffendste Bezeichnung, während Weippert „Outlaw“ („Geächteter“) bevorzugte. Das eine gemeinsame Merkmal, das die Habiru als Gruppe definierte, besteht darin, dass sie buchstäblich – sie lagerten am Rand der besiedelten Gebiete – und im übertragenen Sinne außerhalb der etablierten sozialen Ordnung standen. Dennoch gab es offenbar erhebliche Unterschiede von Ort zu Ort hinsichtlich der Beziehung der Habiru zu den jeweiligen Staaten. Dienten sie als Söldner, könnten sie ein besonderes Verhältnis zu einem Staat gehabt haben, das ihnen eine gewisse formale Anerkennung verschaffte. Einige Bibelwissenschaftler glauben, die Habiru seien generell als „Fremde“ wahrgenommen worden, andere betonen ihren Status als „Flüchtige“. Es gibt keinen offensichtlichen Grund, den einen Begriff dem anderen vorzuziehen, da beide eine gewisse Grundlage haben.

Keilschriftliches sumerisches sa.gaz und das entsprechende westsemitische ḫa-bi-ru
Ein Hinweis darauf, wie der Begriff Habiru im 2. Jahrtausend v. Chr. allgemein verstanden wurde, findet sich jedoch in der Existenz ähnlicher Begriffe anderer altorientalischer Sprachen. Besonders relevant ist hier der sumerische Ausdruck „SA.GAZ“. Ich weiß nicht genug über sumerische Hieroglyphen, um zu verstehen, warum er auf diese Weise geschrieben wird, doch da die meisten Bibelwissenschaftler das tun, folge ich ihnen. Die Sumerer waren ein Volk, dessen ethnischer und sprachlicher Hintergrund noch nicht erschöpfend erforscht worden ist. Sie waren im südlichen Mesopotamien ansässig, als sie um 3000 v. Chr. ein hieroglyphisches Schriftsystem entwickelten. Die akkadische Schrift wurde aus der sumerischen abgeleitet, und sie übernahm auch den sumerischen Ausdruck „SA.GAZ“, der in akkadischen Texten – einschließlich der Tell-el-Amarna-Tafeln – weit verbreitet war und als Synonym für Habiru diente. Bottéro stellt auf Seite 82 fest, dass die beiden Begriffe in Texten aus Boghazköy, der Hauptstadt des hethitischen Reiches im Gebiet der heutigen Türkei, nebeneinander verwendet wurden und dass Bibelwissenschaftler übereinstimmend davon ausgehen, dass ihre Bedeutung mehr oder weniger identisch war.
Nach Bottéro (S. 149) ist die Grundbedeutung von SA.GAZ in seinem ursprünglichen sumerischen Kontext „pejorativ und bezeichnet einen gewalttätigen und kriminellen Akt der Aggression und zumeist den Täter einer solchen Aggression“ (meine Übersetzung). Bottéro schließt daraus, dass „SA.GAZ“ als „Räuber“ wiederzugeben sei, obwohl er meint, dass „Flüchtling“ die beste Übersetzung für Habiru sei. Dieser Widerspruch ist jedoch nur scheinbar, da die Habiru offenbar Flüchtlinge (oder Geflüchtete) waren, die zu Räubern wurden.
Genau diese Auffassung vertritt auch Nadav Na’aman in seinem Kapitel „Habiru-like Bands in the Assyrian Empire and Bands in Biblical Historiography“ in Band I seiner „Collected Essays“. In assyrischen Inschriften aus dem 7. und 8. Jahrhundert v. Chr. wird eine Gruppe namens „urbi“ erwähnt. Die Bedeutung dieses Begriffs wurde verschieden übersetzt: als „Flüchtlinge“, „Banditen“, „irreguläre Truppen“, „eine besondere Art Soldaten“ oder „Elitekrieger“. Nach Na’aman leitet sich der Begriff „urbi“ ab von merubu, ein Verb, das „fliehen, davonlaufen, entkommen““ bedeutet. Na’aman fährt auf Seite 299 fort:
„Der Begriff urbi bezeichnet Gruppen von Flüchtlingen, die angesichts assyrischer Feldzüge, Zerstörungen oder Annexionen aus ihrer Heimat flohen und Zuflucht in Randgebieten suchten. Diese Vertriebenen versuchten, sich neuen Umständen anzupassen, indem sie eine Bande bildeten, die unter der Führung eines herausragenden Anführers stand. Die Banden waren unabhängige bewaffnete Einheiten, zahlenmäßig begrenzt und durch ihre räuberische Natur und ihr militärisches Können charakterisiert. Häufig wurden sie für sesshafte und pastorale Gesellschaften gefährlich. Aufgrund ihrer militärischen Fähigkeiten dienten sie gelegentlich als Söldner in den Armeen benachbarter Herrscher.“
Und Na’aman schließt:
„Alle diese Merkmale sind typisch für die Banden der Habiru, die aus spät-drittem und mittel-zweitem Jahrtausend v. Chr. im Alten Orient wohlbekannt sind.“
Der wichtigste Punkt, der sich aus alledem ergibt, ist, dass für die Menschen, die die Texte verfassten und lasen, in denen Begriffe wie „SA.GAZ“, Habiru oder „urbi“ auftauchen, all diese Termini offenbar eine negative Konnotation besaßen. Mitunter wird diese Konnotation explizit, wie in einer der Tell-el-Amarna-Tafeln, die auf Seite 261 von Mercers Übersetzung erscheint, wo ein kanaanäischer Beamter von einem anderen sagt, er sei zu einem „SA.GAZ-Hund“, einem „herumstreunenden Hund“, geworden. Die Habiru waren definitionsgemäß Outlaws, da sie nicht Teil der etablierten sozialen Ordnung waren und sich selbst auch nicht als ihr Teil betrachteten. Darüber hinaus verlieh die Tatsache, dass viele von ihnen entflohene Sklaven waren, ihrer Wahrnehmung ein zusätzliches Element der Kriminalität, denn die Flucht aus der Sklaverei galt als schweres Verbrechen, oft mit dem Tod bestraft. Zweifellos haftete den Habiru auch das Bild an, eine ernsthafte militärische Gefahr darzustellen, doch mag sie dies für einige attraktiv gemacht haben; für die etablierte Gesellschaft jedoch war dies vermutlich nur ein weiterer Punkt der Anklage. Ob die Habiru selbst Stolz aus ihrem Outlaw-Status zogen, lässt sich schwer sagen, doch deutet die Gesamtheit der Belege darauf hin, dass sie sich – ob mit oder ohne Stolz – bemühten, ihn loszuwerden.

James W. Jack: The Date of the Exodus, Edinburgh 1925
Der beste Weg herauszufinden, wie die Habiru dazu standen, Habiru genannt zu werden, besteht darin zu untersuchen, wie die Hebräer empfanden, „Hebräer“ genannt zu werden. Alle Texte, die die Habiru erwähnen, wurden von anderen geschrieben und spiegeln daher nicht die Sicht der Habiru selbst wider; die Hebräer hingegen hatten mehrfach Gelegenheit, ihren eigenen Standpunkt darzulegen. Und das Erste, was jedem Bibelleser auffällt, ist, dass der Begriff „Hebräer“ im Tanach kaum verwendet wird. Im gesamten Tanach erscheint er lediglich 39 Mal. In der Tora werden die Hebräer fast immer als „Söhne Israels“ (b’nei Israel auf Hebräisch, gewöhnlich mit „Kinder Israels“ oder „Israeliten“ übersetzt) bezeichnet. In den späteren Teilen des Tanach erscheinen weitere Bezeichnungen, jedoch kaum je „Hebräer“.
Wenn der Begriff „Hebräer“ dennoch vorkommt, dann in spezifischen Bedeutungszusammenhängen. Nadav Na’aman hat diese Frage ausführlich in seiner Studie „Habiru and Hebrews: The Transfer of a Social Term to the Literary Sphere“ untersucht, die in Band 2 seiner Collected Essays erschien. Wie die meisten Bibelwissenschaftler bestreitet Na’aman nicht, dass die Hebräer Habiru waren, doch zweifelt er nicht daran, dass der Begriff Hebrew von Habiru abstammt. Er weist darauf hin, dass der Begriff im Tanach in der Regel verwendet wird, um „Israeliten in außergewöhnlichen Umständen“ zu bezeichnen. Insbesondere dient er der Beschreibung von „Israeliten, die in ein fremdes Land migriert sind“ oder „Israeliten in einer Lage der Knechtschaft“. Er ergänzt, dass die Verwendung des Begriffs „Hebräer“ besonders in den Erzählungen des Buches Exodus auffällig ist, wo er auf Israeliten angewendet wird, die von den Ägyptern zur schweren Fronarbeit versklavt und ausgebeutet wurden. Und zusammenfassend stellt er auf Seite 271 fest:
„Es scheint, dass alle biblischen Bezüge zu den ‘Hebräern’ gewisse Züge widerspiegeln, die den Habiru des zweiten Jahrtausends v. Chr. zugeschrieben werden.“
Ein gutes Beispiel dafür, wie der Begriff „Hebräer“ im Tanach verwendet wird, findet sich in Kapitel 29 des Ersten Buches Samuel Nachdem David gezwungen ist, das Gebiet Israels zu verlassen, weil der amtierende König Saul seine Verfolgung aufgenommen hat, sammelt der zukünftige König eine Schar von Außenseitern um sich und sucht Schutz bei den Philistern. Nun bereiten die Philister eine Schlacht gegen Saul vor, und David und seine Männer sind bereit, sich ihnen anzuschließen. Doch die „Fürsten der Philister“ rufen aus: „Was machen diese Hebräer hier?“

1. Buch Samuel 27, Vers 3 in der Lutherbibel von 1525
Der Philisterfürst, der über David den Schutz der Philister ausübt, sieht sich gezwungen, David und seine Männer fortzuschicken, weil die anderen Philisterführer ihnen misstrauen und befürchten, sie könnten sich im bevorstehenden Kampf König Saul anschließen, sobald die Schlacht unmittelbar bevorsteht. Die Verwendung des Ausdrucks „Hebräer“ in diesem Zusammenhang kann natürlich als Bezugnahme auf die ethnische Gruppe verstanden werden, der David und seine Männer angehörten; zugleich ergibt sie jedoch ebenso vollkommen Sinn als Synonym für Habiru, da eine Gruppe von Söldnern – wie sie häufig beschrieben werden – von den meisten Philisterführern mit Geringschätzung betrachtet wurde. Es scheint, als hätten die Autoren des Tanach gelegentlich nicht umhin gekonnt, den Begriff „Hebräer“ zu verwenden, um ihrer Darstellung zusätzliche Anschaulichkeit zu verleihen, zugleich jedoch jede explizite Identifizierung der Hebräer als Habiru systematisch vermieden, weil dies mit der Legende der „Söhne Israels“ kollidiert hätte.
Nach Na’aman geschah Folgendes: Der Ausdruck „Hebräer“ wurde durch die jüdischen Schriftsteller der Spätphase des Zweiten Tempels, die ihn zunehmend als Bezeichnung der Vorfahren der Juden verwendeten, davor gerettet, ganz zu verschwinden. Es scheint mir, dass zu dieser Zeit die Verbindung zwischen den Habiru und den Hebräern – die zur Zeit der Abfassung der Bücher des Tanach eindeutig bekannt war – weitgehend in Vergessenheit geraten war und dass der Begriff „Hebräer“ allmählich eine religiöse Bedeutung erlangte, die sich stark von seinen ursprünglichen Konnotationen unterschied. Vielleicht wurde „Hebräer“ unter dem Einfluss des Josephus, der den Begriff häufig verwendete, zu einem respektablen Ausdruck im christlichen (und letztlich auch jüdischen) Diskurs und diente als Alternative zum stets pejorativ gebrauchten Ausdruck „Jude“.
Die hebräische Sprache bewahrt jedoch noch immer eine Spur der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes. Das hebräische Wort Ivri stammt von einer hebräischen Wurzel ʿbr (ayin, bet, resh), deren Grundbedeutung „hinübergehen“, „überqueren“ oder „überschreiten“ ist. Das hebräische Wort für „Vergangenheit“ ist ebenfalls von dieser Wurzel abgeleitet. Es gibt außerdem eine Reihe weiterer Wörter im Hebräischen, die von dieser Wurzel abstammen und deren Bedeutung exakt der englischen Bedeutung von „transgress“ entspricht – also das Überschreiten einer erlaubten Grenze. Dazu gehören avaryan („Gesetzesbrecher“) und avera („Verstoß gegen die Regeln“). Einige Bibelwissenschaftler sind sogar so weit gegangen zu behaupten, das Wort Habiru, dessen Bedeutung im Akkadischen nicht völlig klar ist, sei von derselben westsemitischen Wurzel wie Ivri abgeleitet und habe die Bedeutung „überqueren“, sei es als Flüchtlinge oder als Gesetzesbrecher. Wie dem auch sei, es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Begriffe „Hebräer“ und „Habiru“ eng miteinander verbunden sind, und die naheliegendste Erklärung für diese Beziehung ist, dass die Hebräer tatsächlich Habiru waren.
Wird fortgesetzt.
Parasoziale Elemente oder: Die Habiru I
David ging von da hinweg und rettete sich in die Höhle Adullam. Als das seine Brüder hörten und das ganze Haus seines Vaters, kamen sie dorthin zu ihm hinab. Und es sammelten sich bei ihm allerlei Männer, die in Not und Schulden und verbitterten Herzens waren, und er wurde ihr Oberster; und es waren bei ihm etwa vierhundert Mann. (Bibel, 1. Samuel 22)
Ich habe mir einen Teil des (nur für mich) höchst interessanten Buchs von Robert Wolfe: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ (2011) übersetzen lassen (umformuliert, alle Links sind von mir). Wolfe stammt aus einem kommunistischen Elternhaus und wuchs als säkularer Jude in New York auf. Er nahm an den Studentenunruhen im Frühjahr 1970 teil und saß deswegen drei Monate im Gefängnis. Er fühlte sich als „Linker“, bis die Studentenbewegung mehr und mehr antisemitische Züge zeigte. Dann begann er, sich mit der Geschichte der Juden und Israels zu beschäftigen.
… stieß ich erstmals auf die Habiru. Obwohl ich als Berufshistoriker tätig war, hatte ich bis dahin nie von ihnen gehört. In dem kleinen Fachgebiet der „biblischen Wissenschaften“ war das Thema durchaus präsent, doch außerhalb dieses Kreises war ihre Existenz nahezu unbekannt.
Seit rund hundert Jahren hatten Archäologen im Nahen Osten Tontafeln ausgegraben, auf denen eine Gruppe von Menschen erwähnt wurde, die in der wissenschaftlichen Literatur unterschiedlich als „Habiru“ oder „Apiru“ bezeichnet wird. Hunderte solcher Belege wurden entdeckt, die sämtlich in das 2. Jahrtausend v. Chr. datieren. Keine dieser Tontafeln behandelt die Habiru ausführlich; vielmehr erscheinen sie jeweils nur als Randbemerkung in einem größeren Zusammenhang. Mitunter werden die Habiru als Söldner beschrieben, ein anderes Mal als Tagelöhner und wiederum in anderen Fällen als Banditen.
Unter Bibelwissenschaftlern herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass den unterschiedlichen Beschreibungen wahrscheinlich Gruppen bewaffneter Männer zugrunde lagen, von denen die meisten Flüchtlinge waren, die an den Rändern bewohnter Gebiete lagerten und ihren Lebensunterhalt auf irgendeine Weise zu bestreiten versuchten. Hinweise auf solche Habiru-Gruppen wurden in vielen verschiedenen Regionen des Nahen Ostens gefunden, was deutlich macht, dass sie weder einen Stamm noch eine Nation bildeten, sondern eher eine soziale Gruppe oder Schicht darstellten, eine Gruppe, die von den Schreibern, die sie erwähnten, im Allgemeinen mit einer Mischung aus Furcht und Verachtung betrachtet wurde.
Was jedoch mein besonderes Interesse an der wissenschaftlichen Literatur über die Habiru weckte, war der Nachweis, dass viele von ihnen entflohene Sklaven gewesen sein müssen. So erklärt etwa William Albright auf Seite 86 seines Buches Yahweh and the Gods of Canaan:
In den Tontafeln von Ugarit lesen wir, dass entflohene Sklaven gewöhnlich bei den Apiru Zuflucht fanden, vorzugsweise auf der anderen Seite der Grenze zwischen dem eigentlichen Hethiterreich und dem Vasallenstaat Ugarit. Dieses Vorgehen war ausdrücklich verboten, und entlaufene Sklaven mussten ausgeliefert werden.

James B. Pritchard: The Ancient Near East. S. 262
Und auf Seite 273 des ersten Bandes von James Pritchards Anthologie The Ancient Near East findet sich eine Passage aus einem Brief aus dem 14. Jahrhundert v. Chr., in dem auf „Sklaven, die zu Apiru geworden waren“, Bezug genommen wird. Auffällig ist daher nicht nur, dass die Begriffe Habiru (bzw. Apiru) phonetisch an „Hebräer“ erinnern, sondern dass beide Gruppen offenbar einen ähnlichen sozialen Status teilten. Die jüdische Überlieferung stellt die ursprünglichen Hebräer als entflohene Sklaven dar, und die Verfasser der Tora nahmen diese Tradition offenbar so ernst, dass sie sie in Kapitel 23, Vers 16 des Deuteronomiums kodifizierten:
Du sollst einen Sklaven, der sich vor seinem Herrn zu dir flüchtet, nicht an seinen Herrn ausliefern. Er soll bei dir wohnen, an einem Ort seiner Wahl, in einer beliebigen deiner Siedlungen, wo es ihm gefällt; du darfst ihn nicht bedrücken.
Hätten die Verfasser der Tora ein solches Gebot erlassen, wenn sie nicht selbst – zumindest teilweise – von entflohenen Sklaven abstammten? Ich halte dies für unwahrscheinlich. Daher erscheint mir die Tatsache, dass auch ein großer Teil der Habiru entflohene Sklaven gewesen zu sein scheint, als starkes Indiz für eine Verbindung zwischen beiden Gruppen.
Bald wurde mir jedoch bewusst, dass die meisten Bibelwissenschaftler meine Annahme nicht teilten. Fast ausnahmslos behandeln biblische Fachgelehrte früherer wie heutiger Zeit die Frage nach den Ursprüngen der Hebräer aus einer religiösen Perspektive. Anstatt sich auf das zu stützen, was aus den Quellen zuverlässig hervorgeht, und das über die Habiru Bekannte als Ausgangspunkt ihrer Forschungen zu nehmen, tendieren sie meistens dazu, die Habiru in ein Bild der hebräischer Ursprünge einzupassen, das letztlich aus der in der Bibel erzählten Geschichte abgeleitet ist.
Betrachtet man die Frage jedoch aus dieser Perspektive, fügen sich die Habiru schlicht nicht ein. Insbesondere stellen die in der Bibel beschriebenen Hebräer einen Stamm oder eine Nation dar, während die Habiru eindeutig eine soziale Klasse repräsentierten. Viele Bibelwissenschaftler sind zwar bereit einzuräumen, dass es eine Verbindung zwischen den Bezeichnungen „Hebräer“ und „Habiru“ geben könnte, doch nur eine kleine Minderheit ist bereit, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die Hebräer in Wahrheit Habiru gewesen sein könnten. James Hoffmeier gibt auf Seite 124 seines 1996 erschienenen Werkes Israel in and out of Egypt die gängige Auffassung wie folgt wieder:
„Früher war es üblich, die Hebräer mit den habiru zu identifizieren, doch in den letzten Jahrzehnten wurde diese Gleichsetzung zunehmend abgelehnt, vor allem weil habiru inzwischen als ein soziologischer Begriff verstanden wird, der nicht auf eine bestimmte ethnische Gruppe verweist. Neuere Untersuchungen betrachten die habiru konkreter als Gruppen von Flüchtlingen, die außerhalb der Reichweite städtischer, sesshafter Gebiete lebten, diese Gemeinwesen jedoch dennoch gelegentlich ausbeuteten. Diese allgemein anerkannte Bedeutung schließt nicht aus, dass der Begriff habiru auch auf jene Hebräer angewandt wurde, die in Ägypten entwurzelt wurden und später bei ihrer Rückkehr nach Kanaan.“
Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass Hoffmeier die Vorstellung, die Hebräer könnten Habiru gewesen sein, für problematisch hielt – nicht nur, weil die habiru eine soziale Klasse darstellten, sondern auch, weil er offenbar der Ansicht war, dass diese spezielle soziale Gruppe „die braven Bewohner“ der Städte und Gemeinwesen ausbeutete.
Letztlich besteht der Kern des Problems darin, dass die meisten Bibelwissenschaftler keineswegs wünschen, die Hebräer mit den Habiru zu identifizieren.

Nubische und asiatische Sklaven bei der Arbeit, Neues Reich, 18. Dynastie, ca. 1400 vor Chr., Grab von Rekhmire, Ägyptisches Museum Kairo
Selbst George Mendenhall, von dem viele annehmen, er habe diese Identifikation befürwortet, tat dies in Wirklichkeit nicht. In seinem 1973 veröffentlichten Werk The Tenth Generation stellte er die Frage, warum der Begriff Apiru auf die „Israeliten“ angewandt wurde, und beantwortete sie auf Seite 137 wie folgt:
„Der Begriff wurde auf Israel angewandt, weil es eine Kontinuität in vorisraelitischer Tradition gab und eine Geschichte der Weigerung seitens von Dorfbewohnern und Hirten, sich den bestehenden politischen Organisationen ihrer Umgebung anzupassen. Als das politische Reich untragbar wurde und die Ordnung nicht mehr aufrechterhalten konnte, zogen sie sich von jeder Verpflichtung und Beziehung zu diesem Reich zurück und wandten sich stattdessen einem anderen, unpolitischen „Oberherrn“ zu, dessen Verpflichtungen völlig anderer Art und Funktion waren.“
Mit anderen Worten: Die Hebräer waren keine tatsächlichen Habiru, sondern eher „Dorfbewohner und Hirten“, die von anderen als Habiru verleumdet wurden, weil sie sich weigerten, die Herrschaft der kanaanäischen Stadtstaaten anzuerkennen. Der „unpolitische Oberherr“, dem sie nach Mendenhalls Vorstellung gehorchten, war selbstverständlich Gott – ein „Oberherr“, an den auch Mendenhall selbst glaubte.
Die moderne Bibelwissenschaft, begründet im 19. Jahrhundert durch deutsche protestantische Theologen, hat seit jeher einen doppelten Charakter. Einerseits haben Bibelwissenschaftler erhebliche Fortschritte darin erzielt, ein realistisches Verständnis dafür zu entwickeln, wann und von wem die Tora verfasst wurde und welches historische Umfeld sie prägte. Andererseits glauben die meisten Bibelwissenschaftler weiterhin, dass im Kern der „biblischen“ Tradition eine göttliche Offenbarung stehe, die nicht nur die ursprüngliche Grundlage des Judentums bildete, sondern auch des Christentums.
Einer der wenigen Bibelwissenschaftler, die sich zu diesem Spannungsverhältnis geäußert haben, ist Niels Peter Lemche, der Autor von Early Israel (1985). Lemche betonte, dass die meisten Bibelwissenschaftler zwar eine skeptische Haltung gegenüber der historischen Darstellung in der Tora einnehmen, zugleich jedoch deren religiöse Ideologie als Ergebnis einer „göttlichen Intervention in die Geschichte“ behandeln. Lemche wies diesen Ansatz zurück und gelangte auf Seite 413 zu folgendem Schluss:
„Daher scheidet es aus, Israels hypothetische religiöse Erfahrung als Ausgangspunkt für eine Untersuchung der frühen Geschichte Israels zu betrachten.“
Da Lemche nicht daran interessiert war, die Habiru gewaltsam in das biblische Narrativ einzupassen, hatte er keinerlei Schwierigkeiten, sie als die ursprünglichen Hebräer zu betrachten. Auf Seite 427 formulierte er dies folgendermaßen:
„Daher schlage ich als Arbeitshypothese folgendes Szenario vor: Bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und anschließend in der späten Bronzezeit wurden die Bergregionen von einem parasozialen Element „bewohnt“, nämlich den habiru, die aus entlaufenen ehemaligen unfreien Bauern oder Pächterfamilien der kleinen Stadtstaaten in den Ebenen und Tälern Palästinas bestanden.“
Lemche war der Auffassung, dass die Habiru, die ursprünglich kein sesshaftes Element darstellten, sondern vielmehr „gesetzlose Gruppen von Freibeutern“, sich schließlich im Hügelland dessen niederließen, was er „Palästina“ nannte — möglicherweise ab etwa 1200 v. Chr. Er betrachtete ihre Verwandlung in eine „sesshafte Bevölkerung“ als das Ergebnis mehrerer Entwicklungen: die Ausbreitung von Eisenwerkzeugen, die Einführung von Brandrodungslandwirtschaft und die Terrassierung der Berghänge, welche allesamt die landwirtschaftliche Produktivität des zuvor dicht bewaldeten Hügellandes erheblich steigerten.
Doch wie genau und aus welchem Grund wurden die Habiru zu den Begründern der biblischen Tradition? Da Lemche die Exodus-Erzählung für nahezu vollständig mythisch hielt, musste er einen Ursprung der biblischen Tradition innerhalb Kanaans selbst finden. Allerdings war er äußerst zurückhaltend, „gesetzlosen Gruppen von Freibeutern“ die Schaffung einer so angesehenen Tradition zuzuschreiben. Daher argumentierte er auf Seite 434, dass „das Phänomen, das später als spezifisch israelitische Religion bezeichnet wurde, im Kern auf der Isolierung eines besonderen Aspekts der kanaanäischen Kultur beruhte – nämlich dem ethischen.“
Diese kanaanäischen „ethischen Denker“, so fügte Lemche hinzu, müssten aus den „höheren sozialen Schichten“ der kanaanäischen Gesellschaft entstammt sein. Meiner Ansicht nach ist offensichtlich, dass Lemche ebenso wenig wie andere Bibelwissenschaftler bereit war, die Habiru als Urheber anzuerkennen, und sich daher genötigt sah, eine kanaanäische Oberschichttradition zu postulieren – obwohl sich dafür keinerlei Hinweise finden lassen – um die Ursprünge der biblischen Religion zu erklären. Zudem bin ich nicht sicher, ob „ethisch“ tatsächlich der präziseste Begriff ist, um die Religion der Hebräer zu beschreiben; vielleicht wäre „egalitär“ zutreffender.
Ein Bibelwissenschaftler, der ausdrücklich den egalitären Charakter dieser Religion betonte, war Norman Gottwald [ein US-amerikanischer Marxist], der Autor von The Tribes of Yahweh, veröffentlicht 1979. Er formulierte auf Seite 643: „…stellte sich von Beginn an ausschließlich als Religion sozial egalitärer Gemeinschaften dar.“
Gottwald betrachtete die Habiru als Teil der sozialen Bewegung, aus der hervorging, was er „die Religion Jahwes“ nannte – jedoch nicht als deren dominanten Bestandteil. Wie Mendenhall war er der Auffassung, dass die Entstehung Israels in einem Aufstand kanaanäischer „Dorfbewohner“ gegen die Herrschaft der kanaanäischen Stadtstaaten wurzelte; im Unterschied zu Mendenhall jedoch glaubte er, dass viele Habiru ebenfalls an diesem Aufstand beteiligt gewesen seien. Er argumentierte auf Seite 408, dass die Grenze zwischen Habiru und Dorfbewohnern „in vielen Fällen wahrscheinlich ziemlich unscharf war und mit dem Zusammenbruch der zentralen Autorität immer undeutlicher wurde“. Mit der Zeit begannen die Habiru, sesshaft zu werden, während die Dorfbewohner anfingen, Selbstverteidigungsgruppen zu bilden. Schließlich:
„In einem hypothetischen Stadium dieser Expansion und der langsamen Annäherung nicht feudaler Gemeinschaften entwickelten sich die Voraussetzungen für eine weiterreichende Einheit. In einem solchen Umfeld nahm das frühe Israel seinen Anfang.“
Dieses Szenario klingt plausibel; doch während es zahlreiche Belege dafür gibt, dass Habiru an bewaffneten Angriffen gegen die kanaanäischen Stadtstaaten beteiligt waren, gibt es kaum oder gar keine Hinweise darauf, dass kanaanäische Dorfbewohner dasselbe taten.
Zudem betrachtete Gottwald die Kultur der Habiru zwar als „egalitär“, doch er war nicht der Ansicht, dass sie die Quelle der „Religion Jahwes“ gewesen sei. Gottwald tendierte dazu, die Belege hervorzuheben, die die Habiru als „Söldner“ beschrieben (oder so interpretiert werden konnten). Damit konnte er argumentieren, dass die Habiru trotz ihrer rebellischen Einstellung und trotz ihres Außenseiterstatus dennoch in das kanaanäische soziale System integriert waren und daher nicht in der Lage waren, eigenständig eine alternative soziale Ideologie zu entwickeln. Diese Ideologie, so glaubte Gottwald, könne nur aus der „Moses-Gruppe“ stammen, die er auf Seite 39 als „eine Mischung aus Viehzüchtern (Schafe, Ziegen, Rinder), Kleinbauern und Fischern, darunter Kriegsgefangene oder Migranten aus Kanaan“ beschrieb. Woher er diese Information bezog, erläuterte Gottwald nicht; ebenso wenig erklärte er, warum er in dieser Aufzählung die Habiru ausließ, von denen bekannt ist, dass sie als Kriegsgefangene nach Ägypten gebracht und als Sklaven in Bauprojekten eingesetzt wurden.
So angreifbar die Arbeiten von Mendenhall und Gottwald und Lemsche auch sein mögen: Sie boten weiterhin zahlreiche zutreffende Einsichten in die Frage nach der Beziehung zwischen den Hebräern und den Habiru. Ihre Bücher erschienen in den 1970-er- und 1980-er-Jahren, zu einer Zeit, als die Erinnerungen an die 1960-er noch lebendig waren. In den letzten Jahrzehnten jedoch, wie Hoffmeier zu Recht feststellte, ist es „entmutigt“ worden, einen Zusammenhang zwischen den Hebräern und den Habiru herzustellen. Gottwald beispielsweise wurde eindeutig von der „Befreiungstheologie“ der 1960-er und 1970-er-Jahre beeinflusst, doch das politische und intellektuelle Klima seit den 1980-er Jahren hat sich deutlich verändert. Die Vorstellung, dass die biblische Tradition aus einer Art Revolution hervorgegangen sei — möglicherweise angeführt von gesetzlosen bewaffneten Gruppen, den Habiru – hat das geringe Interesse verloren, das sie in der Bibelwissenschaft einst besaß.
In Wirklichkeit jedoch sind die Hinweise auf die Identität der Hebräer und der Habiru überwältigend.
Der Grund, weshalb ich diesen Artikel mit einer Darstellung meines eigenen wissenschaftlichen Hintergrunds begann, besteht darin, dass die Leserinnen und Leser verstehen können, warum ich dieser Evidenz aufgeschlossener gegenüberstehe als viele andere. Doch letztlich ist allein die Evidenz entscheidend, und obwohl ich kein Bibelwissenschaftler bin, besitze ich genügend Erfahrung als Historiker, um eine verborgene Wahrheit zu erkennen, wenn ich sie sehe.

Akkadischer diplomatischer Brief, gefunden in Tell el-Amarna. Teil des Corpus der Amarna-Briefe (1550 bis 1070 v. Chr., 18. bis 20. Dynastie). Vorderseite (Obverse),
Aziru an den Pharao, überschrieben: „Eine erklärte Abwesenheit“. Aziru wird in Zeile 2 genannt: „Botschaft (so spricht) Aziru, dein Diener.“ (Akkadisch: Umma 1 A-zi-ru, arad-ka – „So spricht Aziru, dein Knecht.“) Die Amarna-Briefe hatte ich schon am 12.01.2024 erwähnt.
SICHEM
Obwohl Hinweise auf die Habiru überall im Nahen Osten gefunden wurden, stellt die umfangreiche Sammlung von Tontafeln aus Tell el-Amarna in Ägypten bei weitem die wichtigste Informationsquelle dar. Diese Tafeln wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt. Viele von ihnen bestehen aus Briefen, die im 14. Jahrhundert v. Chr. in akkadischer Keilschrift verfasst und von verschiedenen ägyptischen Vasallenherrschern in Kanaan an den Pharao nach Ägypten geschickt wurden. Die Briefe sind voller Beschwerden über die Habiru, von denen berichtet wird, dass sie einen Aufstand gegen die ägyptische Herrschaft in Kanaan anführten und die Städte jener lokalen Herrscher plünderten, die dem Pharao weiterhin loyal geblieben waren.
In einem dieser Briefe – wiedergegeben auf Seite 200 von Shechem von G. Ernest Wright – erscheint eine Drohung von Abdu-Hiba, dem Herrscher von Jerusalem. Darin fordert er, dass man sich den Habiru anschließen müsse, sofern man nicht verstärkte Unterstützung vom Pharao erhalte. Besonders eindringlich drohte Abdu-Hiba:
Sollen wir nun handeln wie Lab’ayu, der das Land von Sichem den Apiru übergab?
Lab’ayu wird in vielen Briefen erwähnt; er war der Herrscher von Sichem und der wichtigste Rivale Abdu-Hibas im Kampf um die Vorherrschaft im Hügelland Kanaans war. Ob er tatsächlich „das Land von Sichem“ den Habiru übergab, ist ungewiss. Vielleicht übertrieb Abdu-Hiba, vielleicht auch nicht. Wesentlich ist jedoch, dass sein Brief zeigt, dass die Habiru im 14. Jahrhundert v. Chr. einen beträchtlichen Einfluss auf die Region Sichem ausübten. Und der Grund, weshalb dies von Bedeutung ist, liegt darin, dass Sichem zweifellos das wichtigste politische und religiöse Zentrum der Hebräer während ihrer frühen Geschichte war.

Karte Samarias (Samarien) mit Sichem (Shechem) und den östlichen und nördlichen Nachbarn
Zahlreiche Hinweise auf die Bedeutung Sichems für die Hebräer finden sich in vielen Büchern des Tanach, der hebräischen Bezeichnung (genauer: des Akronyms) für die jüdischen Schriften bzw. das Alte Testament. Im Buch Genesis ist Sichem der Ort, an dem Abraham erstmals das Land Israel betritt und einen heiligen Altar errichtet. Im Buch Josua ist Sichem der Ort, an dem Josua die Hebräer kurz vor seinem Tod versammelt, um mit ihnen einen feierlichen Bund zu schließen, der sie zur Treue gegenüber Gott verpflichtet. Im Buch der Richter ist Sichem der Ort, an den Abimelech — der erste Anwärter auf das Königtum der Hebräer — geht, um seine Kandidatur zu erklären. Und im Ersten Buch der Könige ist Sichem der Ort, an dem Rehabeam, der Sohn Salomos, hingeht, um die hebräischen Stämme zu bewegen, ihn als König anzuerkennen. Als die Stämme stattdessen Jerobeam wählen, macht Jerobeam Sichem zur ersten Hauptstadt des Königreichs Israel. Selbst wenn einige dieser Hinweise vollständig oder teilweise legendären Charakter haben sollten, zeigen sie dennoch, dass Sichem für die Autoren des Tanach ein Ort mit besonderer Bedeutung für die frühen Hebräer war.
Da versammelte Josua alle Stämme Israels gen Sichem und berief die Ältesten Israels, seine Obersten, Richter und Amtleute; und sie traten vor Gott. Und Josua sprach zum ganzen Volk: So spricht der HERR, der Gott Israels: Eure Väter wohnten vorzeiten jenseits des Stroms, Tharah [Terach], Abrahams Vater, und Nahors Vater, und dienten andern Göttern. (Josua 24,1–2)
Diese Hinweise wiegen umso schwerer, als nahezu alle Bücher des Tanach von den Schreibern des Königreichs Juda verfasst wurden, dessen Zentrum Jerusalem war – ein erbitterter Rivale des Königreichs Israel im Kampf um die Herrschaft über die Hebräer. Die Schreiber des Königreichs Juda hatten keinen Grund, die Bedeutung Sichems für die frühe hebräische Geschichte zu übertreiben, zumal Sichem eng mit den Ursprüngen des Königreichs Israel verbunden war. Wenn sie dennoch Material im Tanach aufnahmen – etwa die Versammlung der hebräischen Stämme in Sichem durch Josua, die als Legitimierung des Königreichs Israel interpretiert werden könnte — dann wohl deshalb, weil sie der Ansicht waren, dass die Bedeutung von Sichem in der hebräischen Kultur zu bekannt und zu fest verankert war, um übergangen oder geleugnet zu werden. Diese Bedeutung war nicht nur politischer, sondern auch religiöser Natur, da dort tatsächlich ein Altar errichtet wurde und religiöse Zeremonien im Zusammenhang mit politischen Entscheidungen stattfanden. All dies legt nahe, dass Abdu-Hiba nicht übertrieben hat und dass Lab’ayu den Habiru in der Region Sichem tatsächlich eine formelle Art von Autorität übertrug – eine Autorität, die später zur Grundlage der hebräischen Vorstellung von Sichem als heiligem Versammlungsort wurde.

Siegesstele des Merenptah aus dem Totentempel des Königs der 19. Dynastie in Theben-West, ausgestellt im Ägyptischen Museum in Kairo, Ägypten (Source)
Weitere Hinweise auf die zentrale Rolle des Habiru-Zentrums Sichem in der frühen hebräischen Geschichte stammen von einer ungewöhnlichen Quelle: der sogenannten „Siegesstele“ des Merenptah. Um etwa 1207 v. Chr. errichtete der ägyptische Pharao Merenptah ein Steindenkmal, das seine angeblichen Siege über Libyer und Kanaanäer festhielt. Die spezifischen Regionen Kanaans, die er für erobert erklärte, sind darin geografisch von Süden nach Norden aufgeführt. Nahe dem Ende dieser Liste erscheint ein Verweis auf die „Eroberung“ Israels. Hoffmeier, ein Experte für ägyptische Hieroglyphen, übersetzt den Verweis mit: „Israel ist verwüstet, sein Same ist nicht.“
Anschließend bemerkt er auf Seite 29 seines Werkes „Israel in Egypt“, dass die Position dieses Ortsnamens innerhalb der Liste nahelege: „Die Stämme Israels scheinen hauptsächlich im zentralen Hügelland und in Obergaliläa lokalisiert gewesen zu sein.“
Auch das „Land Sichem“ lag im zentralen Hügelland, im nördlichen Teil, angrenzend an das Jesreeletal und Galiläa. Nadav Na’aman merkt in einem Aufsatz mit dem Titel „The Contribution of the Amarna Letters to the Debate on Jerusalem’s Political Position in the Tenth Century BCE“, abgedruckt im dritten Band seiner Collected Essays, auf Seite 5 an, dass zur Zeit der Amarnabriefe „zwei kanaanäische Königreiche nahezu das gesamte zentrale Hügelland besetzten: Sichem und Jerusalem“.
All dies deutet darauf hin, dass gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. die in der Region Sichem ansässigen Habiru begonnen hatten, sich selbst unter dem Namen Israel zu bezeichnen.
Wann sie diesen Namen annahmen, ist unbekannt; doch es ist plausibel anzunehmen, dass dies nicht lange vor der Ankunft einer kleinen Gruppe Habiru-Flüchtlinge in Kanaan geschah – Menschen, die der Sklaverei in Ägypten entkommen waren und mit sich die Ideologie einer habirischen Herrschaft über das gesamte „Land Israel“ führten.
Dass es zur fraglichen Zeit tatsächlich Habiru-Sklaven in Ägypten gab, wird durch eine Reihe von Quellen belegt, die völlig unabhängig vom Bericht der Tora sind. Hoffmeier verweist auf Seite 113 auf die „Siegesstele“ des Pharaos Amenophis II. aus dem 15. Jahrhundert v. Chr., die die verschiedenen Gruppen von Gefangenen auflistet, welche die Ägypter nach einem erfolgreichen Feldzug in Kanaan und Syrien nach Ägypten brachten. In dieser Liste sind auch 3600 „Apiru“ genannt. Weitere Habiru-Gefangene müssen bei anderen Gelegenheiten erbeutet worden sein, denn aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. liegen Hinweise auf „Habiru“-Sklaven vor, die für die Ägypter bei Bauprojekten arbeiteten. Abraham Malamat zitiert auf Seite 42 seines Artikels in Haim Ben-Sassons Anthologie A History of the Jewish People folgende Inschrift aus der Zeit des Pharaos Ramses II.:
Gib Getreiderationen an die Soldaten und an die Apiru, die Steine für den großen Pylon des Ramses transportieren.
Hoffmeier verweist außerdem auf Seite 115 auf einen Artikel von Ellen Morris, in dem Szenen von Zwangsarbeit auf ägyptischen Wandmalereien beschrieben werden. Hoffmeier fasst Morris’ Befund wie folgt zusammen:
Der Begleittext zur Weinkelterszene im Grab des Intef in Theben bezeichnet die Arbeiter ausdrücklich als Apiru (d. h. habiru).

Weinkelterszene im Grab des Intef (2121 bis 2072 v. Chr.)
Diese Evidenz legt nahe, dass im Bericht der Tora über hebräische Sklaven, die aus Ägypten flohen und sich anschließend in Kanaan niederließen, ein historischer Kern vorhanden sein muss. Allerdings sind die meisten Details der biblischen Darstellung eindeutig legendär. Nach der Tora flohen beim Exodus etwa 600.000 hebräische Männer aus Ägypten. Wenn man Frauen und Kinder sowie das „gemischte Volk“, das sie begleitet haben soll, hinzurechnet, ergibt sich eine Gruppe von mindestens einer Million Menschen, die vierzig Jahre lang in der Wüste von einer angeblich vom Himmel fallenden Nahrung lebten.
Ein wesentlich plausibleres Szenario wäre eine kleine Gruppe von Habiru-Sklaven, möglicherweise einige Hundert, die aus Ägypten flohen, den Sinai rasch durchquerten und sich mit den Habiru zusammenschlossen, die bereits die Region um Sichem kontrollierten. Sehr wahrscheinlich wurden diese Flüchtlinge aus Ägypten tatsächlich von einem Mann namens Moses angeführt; in jedem Fall aber brachten sie offenbar eine neue Ideologie mit sich, die später bei der habirischen Eroberung Kanaans eine entscheidende Rolle spielte.
Ein bedeutsames Detail in diesem Zusammenhang ist die Tatsache — von zahlreichen Bibelwissenschaftlern hervorgehoben -, dass die meisten Mitglieder des Stammes Levi, die in der Tora und im Buch der Richter erwähnt werden, Namen trugen, die ägyptisch klangen. Nach dem Tanach war der Stamm Levi der einzige Stamm, dem kein spezifisches Territorium im Land Kanaan zugewiesen wurde. Er war der Stamm des Mose, und seine ursprüngliche Aufgabe bestand darin, die religiösen Zeremonien der Hebräer zu vollziehen.
Es erscheint wahrscheinlich, dass der Stamm Levi aus jener kleinen Gruppe von Habiru-Sklaven hervorging, die aus Ägypten flohen und sich den Habiru anschlossen, die bereits in Kanaan ansässig waren. Habiru sind nachweislich über einen Zeitraum von mindestens mehreren Jahrhunderten – vom 15. bis zum 13. Jahrhundert v. Chr. — als Sklaven in Ägypten gehalten worden, und es wäre nur natürlich, wenn viele von ihnen in dieser Zeit Sprache und Kultur Ägyptens teilweise übernommen hätten. Doch so weit sie auch assimiliert gewesen sein mögen, die Ägypter bezeichneten sie weiterhin als Habiru – ein Sprachgebrauch, der möglicherweise den sozialen Abstand widerspiegelte, der Sklaven vom übrigen Teil der Gesellschaft sowohl in Ägypten als auch in Kanaan trennte.
Meiner Ansicht nach liegt die größte Schwäche der modernen Bibelwissenschaft darin, dass sie das Thema der Sklaverei nicht angemessen berücksichtigt. Die meisten Bibelwissenschaftler behandeln es so, als sei es ein nebensächlicher oder trivialer Punkt, obwohl zahlreiche Hinweise darauf bestehen, dass viele der Habiru im gesamten Nahen Osten entflohene Sklaven waren. Und in derselben Weise stellen die Bibelwissenschaftler nie die Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Verfasser der Tora sich selbst als Nachkommen entflohener Sklaven bezeichnet hätten – wenn dies nicht tatsächlich der Wahrheit entsprochen hätte? Weltweit und zu den meisten Zeiten haftete Menschen, die versklavt waren, ein Stigma an; man nahm an, sie seien nur aufgrund eines Mangels oder Fehlers versklavt worden. Und doch werden Juden jedes Jahr im Rahmen des Pessachfestes daran erinnert, dass ihre Vorfahren Sklaven in Ägypten gewesen seien.
Selbst wenn nur ein kleiner Teil der Habiru, die Kanaan eroberten, tatsächlich Sklaven in Ägypten gewesen sein konnte, spiegelt diese Tradition dennoch die Realität wider, dass die Habiru als Gruppe zu einem erheblichen Teil aus Flüchtlingen aus verschiedenen Formen der Knechtschaft bestanden.
Alles in allem deuten die bekannten Fakten darauf hin, dass gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. – möglicherweise nach dem Tod von Ramses II. im Jahr 1213 v. Chr. – eine kleine Gruppe von Habiru-Sklaven aus Ägypten floh und sich auf den Weg nach Kanaan machte und dabei drei Dinge mitbrachte:
1. Die Praxis der Beschneidung.
Nach dem griechischen Geographen Herodot zufolge war die Beschneidung ein ägyptischer Brauch. Was immer sie für die Ägypter bedeutet haben mag – für die Habiru wurde sie zu einem Mittel, sich vom übrigen kanaanäischen Umfeld abzugrenzen und ihr Selbstbild von dem einer Gruppe von Außenseitern hin zu dem einer Kriegerelite zu transformieren.
2. Die Verwendung einer alphabetischen Schrift.
Soweit bekannt, wurde die alphabetische Schrift erstmals von semitischen Bergarbeitern entwickelt, die im Dienste der Ägypter in der Sinai-Wüste um die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. arbeiteten. Sie ritzten ihre Schriftzeichen in Stein und verwendeten dabei Buchstaben, die teilweise von ägyptischen Hieroglyphen abgeleitet waren. Obwohl häufig behauptet wird, die Hebräer hätten ihr alphabetisches Schriftsystem später von den Kanaanäern oder Phöniziern übernommen, waren es doch am ehesten die in Ägypten lebenden Habiru, die mit diesen semitischen Bergarbeitern im Sinai in Kontakt kamen. Angesichts der Bedeutung, die die Tora der Erzählung von der Niederschrift der Zehn Gebote auf Steintafeln im Sinai beimisst, erscheint es wahrscheinlich, dass es die aus Ägypten geflohenen Habiru waren, die das Wissen um die alphabetische Schrift nach Kanaan brachten.
3. Das Konzept eines Herrschergottes, der auf Seiten der Sklaven und nicht der Sklavenhalter steht.
Die Vorstellung eines höchsten Herrschergottes war in der ägyptischen Kultur wohl entwickelt, doch sie war stets mit der Person des Pharao verbunden, der als irdische Inkarnation dieses oder jenes höchsten Gottes galt. Da die Habiru im Auftrag des angeblichen „Sohnes des Ra“, des Pharao Ramses II., Zwangsarbeit hatten leisten müssen, hatten sie allen Grund, diese Assoziation zurückzuweisen. Ihr Einfluss zeigt sich zweifellos im hebräischen Verbot der Verehrung von Götzenbildern, deren Herstellung eine Spezialität der Ägypter war. Zugleich hatten die Habiru in Ägypten gute Gründe, das ägyptische Konzept eines höchsten Herrschergottes zu übernehmen und für eigene Zwecke umzuformen.
Die hebräische literarische Tradition im Tanach spiegelt offenbar eine Synthese wider: Einerseits die revolutionäre Anpassung ägyptischer Kultur durch die aus Ägypten geflohenen Habiru, andererseits die politische Kultur der bereits in Sichem ansässigen Habiru-Gruppen. Diese politische Kultur spiegelt sich im Tanach insbesondere in der Legende von den Söhnen Israels wider. Offenkundig bot diese Legende einen Mechanismus, durch den sich die im Raum Kanaan aktiven Habiru als Angehörige einer großen Familie identifizieren konnten, die in der Praxis als eine Konföderation von Habiru-Gruppen fungierte und daher einen höheren Grad an Einheit erreichte, als dies zuvor möglich gewesen war.
Dass diese Legende unter den bereits in Kanaan ansässigen Habiru entstand – und nicht unter den aus Ägypten geflohenen Habiru – wird durch mehrere Hinweise nahegelegt.
Merenptahs „Siegesstele“ zeigt, dass die Habiru in der Region von Sichem um jene Zeit bereits allgemein als „Israel“ bekannt waren, als die Flucht aus Ägypten stattfand.
Im Tanach werden die „Patriarchen“ Abraham, Isaak und Israel so dargestellt, dass sie Ansprüche auf das Land Kanaan erhoben – und zwar bereits vor und unabhängig von dem Anspruch, der mit Mose und dem Exodus verbunden ist. Darüber hinaus scheint es so, dass die tatsächlich aus Ägypten geflohenen Habiru von den Habiru in Kanaan schlicht als ein weiterer Stamm behandelt wurden: der Stamm Levi, dem bekanntlich kein eigenes Territorium zugewiesen wurde. Zweifellos verfügten die Leviten aufgrund ihrer religiösen Rolle und ihrer Glaubensvorstellungen über eine gewisse Autorität gegenüber den anderen „Stämmen“. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass sie in eine bereits bestehende politische Ordnung integriert wurden, anstatt eine neue politische Struktur zu begründen.
Allerdings dürfte es für die Habiru in Kanaan ebenso offenkundig gewesen sein wie es den Bibelwissenschaftlern heute ist, dass die Erzählung von den Söhnen Israels mit ihrem Status als Habiru unvereinbar war. Mitglieder verstreuter Gruppen von Geflüchteten konnten unmöglich in irgendeinem nennenswerten Umfang miteinander verwandt gewesen sein – geschweige denn alle von den zwölf Söhnen eines einzigen Vaters abstammen. Um zu „den Söhnen Israels“ zu werden, mussten sie daher aufhören, Habiru zu sein, oder zumindest aufhören, so bezeichnet zu werden. Alles deutet darauf hin, dass sie genau dies bewusst anstrebten – angetrieben von der Tatsache, dass sie schon zuvor nicht gerne als Habiru bezeichnet worden waren.
To be continued.
Frontberichte
Afrika-Front
Die Nigerianer haben jetzt „Palästina“ entdeckt – mit den üblichen Folgen. Har har.
Kennt das Publikum den afrikanischen Bürgerrechtler Adolf Hitler?
Cyberfront
Deutschland macht jetzt cyber mit Israel. Oder umgekehrt. Man weiß ja nie.
Jetzt hängt sie Sicherheit Deutschlands von Israel ab. Ich denke, wir haben eine eigene Rüstungsindustrie? Was machen die eigentlich beruflich dort?
Naher-Osten-Front
Ich muss noch mal mit Israel um die Ecke kommen. Vielleicht sollte ich eine Partei in Israel gründen: Partei zionistischer atheistischer nicht-Hebräisch-sprechender ausländischer Gojim (PZANHSAG). Auf eine mehr oder weniger kommt es nicht an – die haben dort schon unzählige Parteien.
„Laut einer von Channel 12 in Auftrag gegebenen Meinungsumfrage sähen die Ergebnisse der Knesset-Wahlen bei einer heutigen Wahl wie folgt aus:
– Likud – 27 Sitze [Partei Netanjahus],
– Bennett 2026 – 22 Sitze [neu gegründet],
– Demokraten (Arbeiterblock und Meretz) – 10 Sitze [klassische „Linke“],
– Yisrael Beiteinu – 9 [konservative, aber zionistische und säkulare Partei vor allem der russischen Einwanderer),
– Shas – 9 [sephardisch und religiös],
– Yesh Atid – 9 [liberal-konservativ],
– Yashar (Gadi Eisenkots Partei) – 8,
– Utzma Yehudit – 8 [ultrarechte Kahanisten],
– Yahadut HaTorah – 8, [ultraorthodox, keine Zionisten]
– Hadashin Ta’al – 5 [Arabische Israelis],
– Ra’am – 5 [Vereinigte Arabische Liste].
– Kahol Lavan (Gantz‘ Partei),
– Miluimniki (Yoaz Hendels Partei) [Partei der Reservisten],
– Yossi Cohens Partei, die Arabische Balad und Smotrichs Zionut HaDatit verfehlen die Wahlhürde.
Die aktuelle Koalition verfügt über 52 Sitze, die Opposition über 58 und die gemeinsame arabische Liste über weitere 5. Die arabischen Parteien haben insgesamt 10 Sitze.“
Das finde ich überraschend. Die religiösen Zionisten stellen immerhin den Finanzminister. Der scheint sich nicht beliebt gemacht zu haben. Auch Benny Gantz, der sogar im Kriegskabinett Netanjahus saß, ist abgestürzt.
Für mich sieht das so aus, als wenn Netanjahu der nächste Premierminister würde. Die „Linke“ kann mit den Rechten nicht, und der kann mit allen, die ihm die Macht sichern. So einfach-machiavellistisch ist das.
Bei der Hisbollah ist wieder eine Stelle frei. Befristet. Wie lange? Das weiß nicht die Hisbollah, sondern der Mossad.
Übrigens kann man in Gaza jetzt IPhones kaufen.
Ostfront
„Ukraine and the USA in Geneva failed to reach an agreement on the withdrawal of the Armed Forces of Ukraine from Donbas and on Kiev’s aspiration to join NATO — Ukrainian media.“
Na sowas.













































