Bewegen und sammeln

Ein interessantes Interview mit Oskar Lafontaine hat die Osnabrücker Zeitung. (Wer denkt sich nur diese bescheuerten Überschriften aus? Die Riege der Querschreiber?)

Diejenigen, die über die Parteigrenzen hinaus wieder mehr soziale Gerechtigkeit in Deutschland wollen, müssten eine neue linke Sammlungsbewegung gründen. Diese Bewegung sollte nicht nur die klassischen Parteien, sondern auch Gewerkschafter, Sozialverbände, Wissenschaftler, Kulturschaffende und andere umfassen.

Nein, ich stimme mit Lafontaine nicht überein. Wenn die „Linke“ nicht in der Lage ist, eine Lobby der Arbeiterklasse zu sein, macht sie etwas falsch. Diese Selbstkritik liefert Lafontaine nicht.

Mein Ziel war es immer, den gemeinsam erarbeiteten Wohlstand gerecht zu verteilen.

So sind sie, die Sozis. Das System nicht in Frage stellen, nur anders verteilen. Ich habe mit der herrschenden Klasse nichts „gemeinsam erarbeitet“.

Guten Rutsch!

space station

Vor zehn Jahren schrieb ich hier:
Nur noch kurz im alten Jahr: Meine Raumstation im Second Life ein Mal anders – vom Liegestuhl der Skybox einer meiner Untermieterinnen aus gesehen.
Ist natürlich heute alles weg und verpufft.

Sich selbst kultursensibel geißeln

Anna Muzychuk
Source: „Gott und die Welt“ (Felix Kruppa auf Facebook)

Ich muss wieder etwas zum obigen Foto-Ausriss zitieren:
„Im Gegensatz zur ‚ersten feministischen Regierung‘ Schwedens oder beispielsweise Claudia Roth hat die Ukrainerin Anna Muzychuk mit ihrer Entscheidung, an den diesjährigen Schachweltmeisterschaften in Saudi-Arabien nicht teilzunehmen, echte Courage bewiesen. In einem Statement begründet sie, dass sie sich in Riad als Mensch zweiter Klasse fühlen würde.

Zwar hätte sie sich während des Turniers nicht verhüllen müssen, außerhalb aber sollen die Teilnehmerinnen eine Abaya (ein islamisches Überkleid) tragen. Anna Muzychuk kann das nicht mit ihren Prinzipien vereinen, was als Frau die einzig logische Haltung mit Bezug sowohl auf die Frauenrechte in Saudi-Arabien als auch auf die islamische Verschleierung sein kann. Alles andere wäre Selbstgeißelung, die im Falle einiger PolitikerInnen oft als Zeichen der Toleranz oder Kultursensibilität verkauft wird.

Sich als emanzipierte Frau den islamischen Kleiderordnungen zu beugen, bedeutet allerdings auch, Repräsentantin ihrer Symbolik zu werden. Die Tatsache ignorierend, dass die absolute Mehrheit der muslimischen Frauen weltweit nicht in der Lage ist, freiwillig darüber zu entscheiden, ob sie sich verhüllt oder nicht, unterwerfen sich freie Frauen einem patriarchalischen Symbol, das sie zum Besitztum des Mannes degradiert.

Dass die Anbiederung an frauenfeindliche Symbole und Kulturpraktiken nichts mit Offenheit und Toleranz, sondern mit dem Verrat an der eigenen Freiheit und den eigenen Prinzipien einhergeht, hat die 27-jährige Anna Muzychuk hervorragend verstanden, regierende Politikerinnen hingegen nicht.“

Vermutlich ist dem Stammpublikum auch bekannt, dass mir Beifall von der falschen Seite an einem Körperteil vorbeigeht, das ich hier nicht näher bezeichnen will. Ich stimme dem oben Gesagten zu. Es ist mir aber schleierhaft (!), warum kluge und emanzipierte Frauen (Claudia Roth gehört nicht dazu) sich derart zur Äffin machen und vor dem puritanischen und reaktionärem Islam einknicken. Ich versteh’s einfach nicht.

And now for something completely different. Leider habe ich in diesem Jahr nicht viel von dem geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Die E-Book-Ausgabe der Konquistadoren steht immer noch auf meiner To-Do-Liste, dazu auch noch eine ebensolche Version meines Seminars über „Investigative Recherche im Internet“.

In diesem Jahr sind mir Themen über den Weg gelaufen bzw. auf die Füße gefallen, die keinen Aufschub duldeten. Vom Schockwellenreiter habe ich eine Liste bekommen, die ich abarbeiten muss und will: Es geht um Auszeichnungssprachen, die die Welt überdauern etwas dauerhafter sind als das jeweils aktuelle HTML oder WordPress und dergleichen. (Pandoc sieht interessant aus.)

Wenn ich meine Forschungen zu den Vorfahren – also auch zur polnischen und russischen Lokalgeschichte – abgeschlossen haben werde, muss ich die Ergebnisse in irgendein Format bringen, das auch noch in ferner Zukunft lesbar sein wird, sonst machte das keinen Sinn. Das muss ich im Jahr 2018 auf die Reihe kriegen, wie auch immer.

Ja, ich habe auch noch zwei Buchprojekte im Sinn, aber Details verrate ich (noch) nicht.

Ich wollte im nächsten Jahr nach Israel reisen und zudem mein Paddelboot in Klein-Venedig ausprobieren. Auf meiner Wunschliste stehen jetzt auch Montevideo und das Land der Guaraní. Warum hat mir die Vorsehung oder wer auch immer nicht drei Leben geschenkt?

Ich verbringe heute, Silvester und Neujahr wie gewohnt im Krankenhaus (nein, ich bin nicht krank). Mir schwant nichts Gutes.

Guten Rutsch!

Dilettantische Entschärfungsexperten aller Fachrichtungen

Hier ein Beitrag David Schneiders aus der Facebook-Gruppe „Deutsch mich nicht voll“:

„Nachdem nun klar ist, dass der junge Mann, der im pfälzischen Kandel eine 15-Jährige erstochen hat, die ein paar Tage zuvor die Beziehung mit ihm beendet hatte, aus Afghanistan kommt, rücken – wie immer nach solchen Fällen – die Entschärfungsexperten aller Fachrichtungen an, um Ehrenrettung in Sachen Islam zu betreiben. Dem ‚Focus‘ etwa gibt der in der Flüchtlingshilfe tätige Sozialpädagoge Andreas Dexheimer Einblick in Psyche des Täters. Die Frage ‚Könnte das Frauenbild, das er aus seiner Heimat mitgebracht hat, eine Rolle spielen?‘ beantwortet der routinierte pädagogische Profiler wie folgt: ‚Ich denke nicht, dass es irgendeine Rolle gespielt hat. Denn grundsätzlich ist das Frauenbild von jungen Afghanen von Wertschätzung geprägt. Die Mutter hat in der Familie die Hosen an. Diese Wertschätzung gilt ebenfalls jüngeren Frauen oder Gleichaltrigen.‘

Dass die Mutter die Hose in der Familie nur dann anhaben darf, wenn sie draußen das Kopftuch trägt, verschweigt der Mann vom Fach. Die dürftigen Rechte der Frauen im Islam, die den ums Wohl seiner männlichen Schützlinge besorgten Pädagogen nicht sehr zu interessieren scheinen, hängen nämlich davon ab, ob sie ihren ehelichen Pflichten nachkommen und die armselige Familienehre zu wahren verstehen. Um das zu erfüllen, hat sich das Verhalten der islamischen Frau und Mutter über jeden Verdacht der Untreue und Illoyalität erhaben zu zeigen. Ihre wichtigste Aufgabe besteht darin, der kaputten Gemeinschaft Nachkommen zu gebären und die Verhätschelung ihres Ehemanns zu besorgen, das heißt als ‚Gebär- und Entgeilungsmaschine‘ (Gruppe Morgenthau) zu dienen. Die an der Mutter orientierte Wertschätzung, von der Dexheimer spricht, stellt nichts anderes dar, als eine ideologische Überkompensation der perennierenden Feindseligkeit innerhalb einer familiären Ordnung, die allen Insassen das bisschen Glück versagt, das sie anderswo finden könnten. Der rührselige Mutterkult befördert nicht die Wertschätzung von Frauen, sondern den Hass auf alle, die durchs Widersprechen oder Nichtmitmachen die Unterwerfung verweigern. Die narzisstische Wut, die einen jungen Mann dazu treibt, eine Frau abzustechen, ist das Resultat einer gesellschaftlichen Verrohung, die der politisch auftrumpfende Islam in Ländern wie Afghanistan anrichtet. Dieses Problem nicht nur nicht zu sehen, sondern das brutale Elend schönzureden, ist die Aufgabe von dilettantischen Experten wie Dexheimer, die so ihren Beitrag dazu leisten, dass ‚unsere neuen Jungs‘ aus schweren Verhältnissen auch weiterhin zuschlagen oder zustechen werden, wenn Frauen nicht so parieren wie die Mutter aus Afghanistan.“

Air Mail, nachverpackt

air mail

Interessant. Jetzt öffnet die Post schon harmlose Neujahrsgrüße an mich aus Kanada? Oder kontrollieren die US-Amerikaner die Post ihres Nachbarlandes und schließen die Briefe nicht ordentlich?

Wostotschny oder Baikonur, Hauptsache die Krim!

Einmal mit Profis arbeiten: Laut NZZ hat Russland ein neues Kosmodrom eröffnet, aber die Raumfahrtbehörde Roskosmos hat bei einem Raketenstart im November irrtümlich die Koordinaten des alten Weltraumbahnhofs Baikonur verwendet.

Peter aus Podlesche

peter Baumgartscotch single malt

Es dauerte mehrere Monate, bis ich endlich den Geburtsort meines Großvaters (matriarchale Linie) Peter Baumgart identifizieren konnte. Das kommt davon, wenn die Region, um die es geht, sowohl polnisch, russisch als auch deutsch war, je nachdem, um was die herrschenden Klassen jeweils gerade Krieg führten. Der winzige Ort, der auf normalen Karten gar nicht auftaucht und dessen Namen heute verschwunden ist, heißt Podles(c)he.

Im Wehrpass meines Opas steht das auch so, da seine Muttersprachen aber Deutsch und Russisch waren, hat er das lautmalerisch aufgeschrieben. Korrekt hieße es Podlesie oder Polesie (in Polnisch) oder Podljesje (russisch).

Ich wurde erst fündig, als ich auf einer (deutschen) Karte des russischen Reiches aus dem Jahr 1917 die Häusergruppe östlich des heutigen Brzozówka (russ: Brshusuwka) im Westen Warschaus fand – in Brzozówka sind viele meine Vorfahren geboren und waren dort Bauern, Arbeiter oder Wirte.

Mein Ururururgroßvater Jakub Baumgart ist 1833 in Brzozówka gestorben.

Brainfuck im Bierbaum oder: Fibonacci mit Fellkugel

fibonacci

Das gute Leben: Frühschoppen mit dem Schockwellenreiter im Bierbaum (Facebook mangels Google Street View an dieser Stelle) – wollte schon immer mal über die Visualisierung von Keilschrift-Tafeln, Mesh und Markdown reden. Fibonacci, Bernoulli, Lefèvre und die Fellkugel dürfen auch nicht fehlen.

Wenn Prinzipienlosigkeit zum Prinzip wird

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Springers Matthias Döpfner voll und ganz zustimmen würde.

Wenig bis gar nicht getorft

scotch single maltscotch single malt

Weihnachten bedeutet auch für Atheisten, gute Freunde zu bekochen und deren Dehydrierung zu verhindern. Der Drogendealer meines Vertrauens* empfahl mir einen schottischen Single Malt aus der Whiskybrennerei Glentauchers aus dem Jahr 2008 sowie eine Flasche aus der Destillerie BenRiach, aus derselben Gegend. Kommentare der drogenkundigen Leserinnen und der dem Alkohol zugeneigten Leser sind hierzu willkommen. (Muslime müssen leider draußen bleiben.)

Was noch? Während meine Avatar wieder böse Dinge in Auftrag gibt, habe ich auch eine gute Nachricht zum christlichen Feiern: Die Mehrheit der Deutschen meint, dass Religion mehr schade als nütze. Das lässt hoffen.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern frohe Festtage!

* Sorry, dass ich Yelp verlinke, aber die haben noch nicht wirlich eine Website. Früher hieß das wohl Tabak und Whisky Center, jetzt nennt sich der Laden Whiskymanufaktur Kreuzberg. „Hier entsteht eine neue Interpräsenz“ („since 2000“!). Wir retro ist das denn? Fehlt nur noch: „Diese Seite ist optimiert für den Microsoft Internet Explorer oder Netscape Navigator“. Passt aber zum Ambiente….

Irvingianer, Xenoglossisten und die Gemeinschaft des göttlichen Sozialismus

apostolisch

Ihr müsst jetzt sehr stark sein. Nein, ich will Euch nicht das obige Buch Bilder zur Geschichte der Katholisch-apostolischen Gemeinden empfehlen und auch nicht – von demselben Autor – Die Katholisch-apostolischen Gemeinden in Deutschland und der „Fall Geyer“ (beide in meiner Bibliothek).

Ich habe in den neunziger Jahren im Auftrag einer Stiftung mit dem Autor Vortragsreisen in Sachsen und Thüringen unternommen; es ging immer über „Religion“ und „Sekten“. Albrecht ist heute Oberbürgermeister von Jena, und bin nichts dergleichen. Unsere Diskussionen waren immer sehr anregend und interessant. Aber schon damals wusste ich, dass wir im Umkreis von ein paar hundert Kilometern, wenn nicht mehr, niemanden finden würden, der sich dafür interessierte, worüber wir stundenlang debattieren konnten. Und warum habe ich für das obige sehr seltene Buch fast 200 Euro bezahlt? Natürlich weil es mit meiner Biografie zu tun hat, der man, wenn sie so exotisch ist wie meine, niemals entrinnen kann.

Man könnte behaupten, dass Edvard Irving an allem schuld ist und seine Anhänger, die man Irvingianer nannte. Irving initiierte die Katholisch-apostolische Gemeinden, die sich von der Anglikanischen Kirche abspalteten. Es ging um Eschatologie („das Ende ist nahe“), Zungenreden (Variante: Xenoglossie) und später, als die Endzeitstimmung auf Deutschland übergriff, vor allem in der Person Heinrich Geyers, um die Frage, ob die Volksfront von Judäa oder die Judäische Volksfront die wahren Propheten seien. Wer es hardcoremäßig mag, beschäftige sich in Zeiten der Muße mit dem Apostelamt Juda, auch bekannt als „Gemeinschaft des göttlichen Sozialismus“. Man stelle sich eine Abspaltung von einer Abspaltung der Judäischen Volksfront vor.

apostolisch

Wie allgemein bekannt, bin ich als Kind in die Neuapostolische Kirche hineingeboren worden (und erst mit gut zwanzig ausgetreten) – also nicht die Irvingianer, sondern eher die Geyerianer. Als eine deren Spezialitäten gilt, dass sie die Toten nicht in Ruhe lassen. Ich habe das erst begriffen, nach dem ich Elias Canettis grandioses Buch Masse und Macht gelesen habe und darin das Kapitel „Die unsichtbare Masse“ – ich kam aus dem Kopfnicken gar nicht mehr heraus.

Wenn man in so einer extrem rigiden Gruppe aufwächst, ist das nur deshalb nicht lustig, weil man die Außenwelt gar nicht kennt. Man lernt das bequeme und angenehme Gefühl auszuhalten und damit umzugehen, dass alle anderen die Wahrheit nicht kennen und nur man selbst weiß, wo es langgeht, ähnlich wie ein Geisterfahrer. Man empfindet für die da draußen nur Mitleid. Dem Stammpublikum meines Blogs wird diese Attitude, die man nicht einfach ablegen kann, schon öfter begegnet sein. Charisma, eine Version dieser Haltung, setzt unter anderem voraus, dass man andere überzeugen kann. Das ist eine „Gabe“, die eben nicht jeder hat. Bei Sektenführern ist ein Feature.

Interessant ist, dass diese winzigen Gruppen erstaunlich zäh sind. Manche haben eine geringe vierstellige Mitgliederzahl und existieren schon ein Jahrhundert. Als ich gestern die obige Skizze ansah, fiel mir auf, dass ich in meinem allerersten Buch Unter Männern – Brüder, Kumpel, Kameraden (1988) eine Reportage über die „Apostolische Gemeinde Wiesbaden“ geschrieben hatte, die damals gerade im Begriff war, sich von der „Neuapostolischen Kirche“ abzuspalten. Ich beobachtete das Geschehen wie ein Entomologe in vivo. (Vgl. Unter Aposteln, 1-3)

Wer hat bis hierhin durchgehalten? Chapeau!

Am Rio Apure [Update]

rio apure

Hier ein bisher unveröffentliches Foto aus Venezuela (1998). Wir stehen am linken Ufer des Rio Apure und warten darauf, dass uns jemand auf der anderen Seite sieht und mit einem Boot herüberpaddelt. Das geschah wenig später auch. Der Rio Apure hat dort eine starke Strömung, es ist gar nicht so einfach, ihn ohne Motor zu überqueren.

Die Vorgeschichte: Der Besitzer eine Farm in den Lllanos fand mich nett und beauftragte seine Landarbeiter, mich mit einem Traktor nach Palmarito zu fahren – eine Straße gab es nicht wirklich, und es dauerte fast den ganzen Tag.

[Update] Ich habe noch ein Foto gefunden, wie wir uns mit dem Taktor den Weg bahnen:

rio apure

Gefühlte Wahrheiten

Lesenswert: Stakkato der Infamie – über einen Rufmord im „Islam-Experten“-Milieu. Das Original ist bei den Ruhrbaronen: „Lamya Kaddor stalkt Necla Kelek: Das Prinzip der gefühlten Wahrheit“.

Gut zu wissen unter Berücksichtigung unterschiedlicher Lebenssituationen und Lernstrategien in verschiedenen Lebensphasen

Alles Evolution (Blog): „Geförderte Projekte in den Gender Studies“.

Besonders gefällt mir „Verbundvorhaben ‚Konzeption, Umsetzung und Evaluation eines modellhaften multimedialen Wissenspools in der IT-Expertinnenbildung unter Berücksichtigung unterschiedlicher Lebenssituationen und Lernstrategien'“. Oder auch: „Gender- und Diversitydimensionen bei der Förderung von gesunder Ernährung in verschiedenen Lebensphasen, Teilprojekt im Forschungscluster enable – healthy choices in all stages of life“.

Kulturelle Komponenten der Verarmungspolitik

Christian Baron rezensiert Alexander Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne im Neuen Deutschland:

Die Spätmoderne, zeigt Reckwitz, kreist nicht mehr um Verteilungsfragen, sondern nur noch um die Kultur. Die neue Mittelklasse hat einen Zwang zur Einzigartigkeit etabliert und Besonderheiten der Arbeiterklasse kolonisiert. So wie man sich Yoga aus Indien oder Tai-Chi aus China aneignet, so definiert man auch die Kultur der hierzulande Marginalisierten um. Die neue Mitte darf ihr Craft Beer mit Freunden aus aller Welt in der Eckkneipe trinken, derweil die niemals jenseits der eigenen Landesgrenzen gelangten Unterklassemänner mit »Sternburg« in der Hand am Tresen der Kaschemme als »asozial« gelten. Cafébesitzer mit veganem Rührei im Angebot lassen sich für ihre Tattoos bewundern, während der Kioskbesitzer mit Schlangenbildern auf dem Bizeps ein »Proll« sein soll. So hat die neue Mitte der neoliberalen Verarmungspolitik eine kulturelle Komponente der Verachtung geschenkt.

Schon gekauft. By the way: Welche Partei repräsentiert die neuen reaktionären Mittelklassen? Fällt mir bestimmt bald wieder ein…

Mein höheres Wesen, Hassan!

Harald Martenstein über „Falsche Toleranz gegenüber radikalen Muslimen“. (Zur Toleranz fällt mir natürlich auch Gerhard Polt ein: „Man muss auch mal einen Standpunkt haben“.)

Hassan Akkouch schreibt auf Facebook: „Leute, mein Gott. Antisemitismus, Israelhasser, das sind doch zwei verschiedene paar Schuhe!“

Ach ja? Man darf den Staat Israel (!) „hassen“ (wie entstehen Gefühle?), aber man ist kein Antisemit? Das ist der Mainstream. Deutsch bleibt eben deutsch, da helfen keine Pillen, auch wenn man Hassan heißt.

Brothers and Sisters!

tam

Ich bin von einer gestrigen Weihnachtsfeier immer noch verkatert. Daher heute etwas Unpolitisches… nein, das schaffe ich nicht. Also ein Rätsel: Ich sitze in einer Hafenbar, die einem Diktator gehörte, der kurz vor meinem Eintreffen auf der Insel zum Teufel gejagt worden war. Hier die Original-Meldung:

„Brothers and Sisters, this is Maurice Bishop speaking. At 4.15 am this morning, the People’s Revolutionary Army seized control of the army barracks at True Blue. The barracks were burned to the ground. After half-an-hour struggle, the forces of Gairy’s army were completely defeated, and surrendered. Every single soldier surrendered, and not a single member of the revolutionary forces was injured.“

Und wo sitze ich, und wie heisst die Bar heute?

Mit der TAM ins Kolonisationsgebiet Nordwest

tam

Mein abenteuerlichster Flug überhaupt – von Reyes in den Yungas von Bolivien nach Cobija an die brasilianische Grenze, dann nach Riberalta im östlichen Pando. Nachdem wir eine Woche in Reyes gewartet hatten (dort gab es nur eine Graspiste für Militärflugzeuge) und dann endlich losgeflogen waren, eröffnete uns der Pilot, dass wir nicht nach Riberalta flögen, sondern ein paar hundert Kilometer westlich an die brasilianische Grenze, mit einer Nacht Aufenthalt, und erst einen Tag später zu dem gebuchten Ziel. Der Grund: Der Pilot hatte in Cobija eine Freundin, die er besuchen wollte. Als Passagier muss man sich dann fügen, weil man keine Wahl hat…

Was mich am meisten wundert: Die TAM gibt es heute immer noch, aber sie fliegen die Strecke nicht mehr mit Propellermaschinen.

Wir sind dann nach ein paar Tagen von Riberalta nach Westen; den Rio Madre de Dios entlang bis nach Peru. Das dauerte zwei Wochen.

Curiosity Rover

mars

Immer wieder grandios und faszinierend: Curiosity rover: Martian solar day 1197- High resolution 360° panorama.

Differenzierte Fakten

Ich lese gerade Israels Existenzkampf: Eine moralische Verteidigung seiner Kriege. Der Titel ist ein wenig missverständlich, weil der Autor natürlich nicht alle Kriege legitimiert; den Libanonkrieg hält er zum Beispiel für eine Katastrophe, eine moralische ohnehin.

Das Buch ist aber äußerst nützlich, weil dort Fakten vorgestellt wurde, die jeder wissen müsste, der hier etwas über die Geschichte Israels meint verlautbaren zu müssen. Wann zum Beispiel wurde das Westjordanland von Jordanien (!) annektiert? Warum sind die Drusen im Libanon nicht vor den IDF geflüchtet? Wie viele Juden lebten 1949 in Israel, und was sagte das osmanische Recht über den Kauf von Land?

Ich stimme mit dem Autor in vielen Punkten überein, zumal ich in „linken“ Foren mit Shitstorms überhäuft werden, wenn ich den Staat Israel verteidige (nicht die Politik der Regierung), und dementsprechend gelaunt bin. Ich nenne aber im Gegensatz zum Autor die „Palästinenser“ nicht ein „Volk“. Überraschung: Die Mehrheit der Deutschen denkt natürlich nicht so wie ich.

Hilfreich sind übrigens die Besprechungen bei Amazon. Das Buch sei „allerdings differenzierter als der Titel androht.“ – „Er scheut nicht davor zurück, Fehler der Juden bzw. Israelis zu benennen, die Details sorgfältig analysierend. Andererseits fordert er auch Fairness vom Rest der Welt und stellt klar, dass bestimmte Geschehnisse, die für einen Beobachter von aussen vielleicht gleichartig erscheinen, im einen Fall Unrecht sind und im anderen Fall durchaus berechtigt, wenn man den Kontext genau betrachtet.“

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