www.burks.de Foren-bersicht www.burks.de
Burkhard Schr�ders [Burks] Forum - f�r Kosmopoliten und Kaltduscher
burks.de: Forum für Kosmopoliten und Kaltduscher
burksblog.de: ab 01.01.2008 geht es hier weiter!
privacyfoundation.de: German Privacy Foundation
 FAQ  •  Suchen  •  Mitgliederliste  •  Benutzergruppen   •  Registrieren  •  Profil  •  Einloggen, um private Nachrichten zu lesen  •  Login
 [Neuapostolische Kirche] Unter Aposteln 1 Nchstes Thema anzeigen
Vorheriges Thema anzeigen
Neues Thema erffnenNeue Antwort erstellen
Autor Nachricht
burks
Webmaster
Webmaster


Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6761
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 16.08.2003, 10:21 Antworten mit ZitatNach oben

Unter Aposteln 1

"Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie sich ber den Mann erhebe, sondern sie sei stille.? (1 Timoteus 2, 12)

"Wir sind kein Geheimbund!? verrt der freundliche Herr der Neuapostolischen Kirche am Telefon. "Aber wir haben noch nie einem Journalisten ber uns Auskunft gegeben und werden das auch in Zukunft nicht tun. Auf Wiederhren."

"Klick" macht es, und ich stehe etwas dumm da. Dabei hatte ich nur ganz harmlos um einen Gesprchstremin gebeten, um mich ber Mitgliederzahlen und Organisationsforum der drittgrssten Kirche Deutschlands aufklren zu lassen. Insgeheim hoffte ich ? bei entsprechender Aufgeschlossenheit ? die Geschlechterthematik und andere theologische Feinheiten diskutieren zu knnen. Ich plante sogar zu fragen, warum die neuapostolischen Prediger wie ihre freimaurerischen Mnnergruppen Brder unter sich bleiben wollen.

Ich werde neugierig, zumal meine Recherchen in gewhnlich ber diese Dinge gut unterrichteten Kreisen schnell ins Stocken geraten. Niemand wei Genaues ber die Religionsgemeinschaft, die immerhin weltweit ber vier Millionen Mitglieder haben soll. Selbst der fr Sekten zustndige evangelische Pfarrer zuckt etwas resigniert mit den Achseln. "Die sind schlimmer als Jehovas Zeugen!" winkt ein Herr aus dem Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Kirchen und Religionsgemeinschaften ab". "Bei uns arbeiten alle mit, Juden, Christen, Muslims, nur die nicht. Spioniert hat bei denen noch niemand, sonst gbe es entsprechende Verffentlichungen."

Ausser wenigen, meist allgemein gehaltenen Artikeln und Zeitschriften finde ich rein gar nichts. Mehr Glck habe ich bei Mundpropaganda. Eine Frau ruft mich an, fragt schchtern, ob ich derjenige sei, der sich fr die Neuapostolische Kirche interessiere. In Hessen, so erffnet mir die Dame, die ihren Namen "um Gottes willen" nicht genannt haben will, streite sich ein hoher Funktionr, einer der Apostel, mit den Kirchenoberen. Dieser Apostel grnde soeben eine neue Sekte mit Namen Knblein. Eine komische Bezeichnung, wundere ich mich. Sie habe das so gehrt, meint die Informantin.

Alle neuapostolischen Amtstrger sind Mnner, vom Trsteher, meistens einem Diakon, der die Gemeindemitglieder identifiziert und sie begrt, bis zum hchsten Prediger, dem ? so die kirecheninterne Sprachregelung ? Stammapostel. Dazwischen gibt es, wie bei der Feuerwehr oder beim Militr, feine und feinste Abstufungen. Zwischen einem Evangelisten und einem Bezirksevangelisten klaffen Abgrnde. und ein Unterdiakon trgt bei weitem nicht so schwer an der Brde der geistlichen Verantwortung wie ein Diakon. Priester vollziehen den normalen christliche Initiationsritus, die Taufe, und predigen vor mehr oder minder vergriffenen Gemeinden. Den Aposteln, die ihr Gehalt von der Kirche beziehen, sind die hheren Einweihungsrituale vorbehalten. Dazu gehren eine Art Wiedertaufe, unverzeichtbar fr messianisch durchwehten Sekten, genannt Versiegelung und die Aussonderung der Brder zu tieferen und hheren Weihen, der Aufnahme in den Mnnerbund.

Gerangel um Ruhm und Ehre, um geistige, geistliche und nicht zuletzt finanzielle Macht gab es in der gut hundertjhrigen Kirchengeschichte hufig. Fr eine Religionsgemeinschaft dieses Alters und dieser Grenordnung drfte die Neuapostolische Kirche sogar den Rekord an Abspaltungen halten.1). Freunde, die jemanden kennen, der jemanden kennt, empfehlen mich einer glubigen neuapostolischen Familie in Wiesbaden. Dort sei das Zentrum der Revolte, sagt man mir, und meine Gesprchsparnter verlangen ausnahmslos: "Nennen sie nur meinen Namen nicht!"

Das kann ja heiter werden. Sonntag frh um acht Uhr ? eine fr mich unchristliche Zeit ? sitze ich schon am Frhstckstisch und falte schlaftrunken die Hnde zum Tischgebet. In diesem Zustand bin ich dankbar, dass ich als frommer Beter die Augen schliessen soll und muss. Der Herr des Hauses, ein quirliger, kleiner Mann mit lebhaften Augen. lichtem Haar und schwieligen Arbeiterhnden, dankt dem HERRN fr alles, was es so auf der Welt gibt. Frher war er Priester, hat aber dieses Laienpredigeramt auf Grund der Ereignisse, die mich interessieren, freiwillig abgegeben.

Man erffnet mir, dem "Bruder" aus Berlin zunchst, das Gercht von der Sektengrndung sei eine bswillige Verleumdung, von interessierter Seite in die Welt gesetzt, um ihren frheren Apostel R. zu diskreditieren. Der sei zwar aller kirchlichen mter enthoben und mit ihm viele seiner Mitbrder, besuche aber treu und brav, wie es sich fr einen neuapostolischen Glubigen zieme, drei Mal in der Woche die Gottesdienste. Er beharre jedoch darauf, dass der himmlische Vater, der bekanntlich im Regimente sitze, dem brderlichen Intrigenspiel ein Ende bereite. Warum schwingt der Mann nicht wie Jesus den Klberstrick im Tempel, anstatt passiven Widerstand gegen brderliche Intrigen zu leisten? "Unser Apostel ist kein Rebell!" versichert mein Gastgeber. Wie schade, denke ich insgeheim, mchte ihn aber kennenlernen. Meine "Glaubensgeschwister" versprechen, ein Treffen zu arrangieren. Doch vor dieses Treffen hat das christliche hhere Wesen den Kirchgang gesetzt.

Meine Aufmachung fr die fromme Expedition besteht aus: schwarzem Anzug, schwarzen Schuhen, dunklen Socken, weiem Hemd, gestreifter Krawatte in harmonischen Farben, an den Kopf gepresster Frisur und einem Gesangbuch, ausgeliehen von einer Frau, die der Gemeinde den Rcken gekehrt hat. Das Gesangbuch ist ein wichtiges Utensil, um nicht gleich als Fremder aufzufallen, denn smtliches Schrifttum, das die Neuapostolische Kirche herausgibt, ist nur Mitgliedern zugnglich und wird, wie das Zentralorgan Unsere Familie, von den Brdern persnlich ausgehndigt.

So ausgerstet, betrete ich das schmucklose Kirchengebude, ber dessen Eingang ein Kreuz mit aufgehender Sonne hngt, das Smbol der christlichen Kirche unter dem rmischen Kaiser Konstantin.
An der Tr schttelt ein junger Mann, fast wie ich gekleidet, nur mit schwarzem Schlips und ohne Brille, jedem die Hand. "Der Sohn des Bischofs", flstert mein Bgeleiter, "der will noch Karriere machen, aber lassen Sie sich nicht einschchtern." Als ich an der Reihe bin, begrsst er mich mit einem "Herzlich willkommen", hakt aber nach, woher ich denn sei? Ich gebe mich als Bruder aus Berlin zu erkennen. Und wo sei meine Legitimation? Das ist fatal. So etwas fhre ich nicht bei mir. Das Problem ist nicht, die Kirche zu betreten, denn das darf mir von einer Krperschaft des ffentlichen Rechts nicht verwehrt werden. Ausnahmen wren nur die Flle Hostienraub, Demontage heiliger Gegenstnde und physische Angriffe auf friedliche Beter. Ich will aber die gesamten Riten und Zeremonien miterleben, insbesondere das Abendmahl. Also bleibe ich hartnckig und verweise den Bischofssohn auf meine Vergesslichkeit. Weitere Geschwister drngen nach, und der freundliche Zerberus lsst von mir ab.

Durch ein Spalier von Amtstrgern, zu erkennen am uniformierten Aufzug, die die Eintretenden unauffllig mustern, gehe ich gemessenen Schrittes durch den Voraum. Das Gesangbuch festhaltend und verbindlich lchelnd, betrete ich das Allerheiligste. Unter Brdern hrte ich vorher den Spott, das Allerheiligste sei nicht der Kirchenraum, sondern das kleine Nebenzimmer fr die mter, in dem sich die predigende Mnnergruppe vor und nach der Veranstaltung versammelt., in christlicher Weise kurz meditiert und am Schluss das eingegangene Geld zhlt.

Nur knapp hundert Glubige verharren regunslos im Saal, der mindestens 800 Personen Platz bietet. Das ist ungewhnlich, denn die Neuapostolische Kirche ist dafr bekannt, dass fast alle Mitglieder, die Brder sogar ausnahmlos, regelmig die religisen Termine wahrnehmen. Eine Orgel dominiert die Wand hinter dem wuchtigen und ausladenden Altar. Blumen erfreuen auch die Herzen der Unglubigen, und in den blitzenden Kelchen drftensich Lebensmittel zur Strkung der Gemeinde befinden. Eine Empore berspannt das Kirchenschiff in schwungvollem Bogen, aber oben sitzt niemand.

Das sei frher nicht so gewesen, wird mir zugeflstert. Die Kirche wre zum Bersten voll, wenn nicht der Aposteln des Amte enthoben worden wre. Selbst der Chor, der sich jetzt in dern vorderen Bankreihen fast verliert, habe ber 300 Snger umfasst. Auf ein von mir nicht bemerktes Kommando erhebt sich der Chor und stimmt ein vorbereitendes Liedchen an. Wie fr mich bestellt singen die Mnner: "Mach mein Wesen sanft und milde, das noch oft so rau und hart!", und die Frauen pflichen dem mit erheblichen Tremolo musikalisch bei.

Ich sitze in einer der hintersten Reihen. Ringsum ltere Mnner in dunkelkarierten bis tiefschwarzen Anzgen, alle ordentlich frisiert, die Nacken sind frei und sauber, nirgendwo ein Bartschatten, keinerlei modische Extravaganzen. Mein Informant und Nachbar stt mich an: "Das sind alles Brder, die ihrer mter enthoben wurden. ber neunzig hatten wir, jetzt sind nur noch dreissig aktiv." Ich bin also umgeben von Ausgestoenen und Rebellen, was ich gut und aufregend finde, nur sehen die berhaupt nicht so aus.

Der Stein des Anstoes fr die Kirchenleitung betet gerade am linken Ende der Bank vor sich hin: serise Brille mit schmalem Goldrand, hohe Stirn,leicht gewellte, streng nach hinten gekmmte Haare ? ein eifernder Patriarch mit flammenden Propheten blick und Rauschebart, wie ich ursprnglich vermutete. Das ist der geschasste Apostel R. Die Gemeinde erhebt sich nun und singt, whrend drei Brder im Herrn durch ihre Mitte zur Kultsttte schreiten, aus Leibeskrften: "An des Apostels Hand eil? ich zur Himmelspfort'."
Fortsetzung folgt.

1) Eine ausfhrliche Zusammenstellung aller Abspaltungen bei Karl Hutten. In Berlin und Brandenburg existiert in mehreren Dutzend Gemeinden das Apostelamt Jesu Christi, das sich aus einem Schisma Anfang des Jahrhunderts entwickelt hat mit ca. 2000 Mitgliedern. In den achtziger Jahren versuchte der Apostel Kuhlen, die diversen Gruppen zu einer Vereinigung Apostolischer Christen zusammenzuschliessen.

Der Text wurde 1987 verfasst und geringfgig gendert. Er erschien zuerst 1988 in meinem Buch Unter Mnnern.

[[Neuapostolische Kirche] Unter Aposteln 2][[Neuapostolische Kirche] Unter Aposteln 3].




16.08.2003
BurkS

Benutzer-Profile anzeigenPrivate Nachricht sendenE-Mail sendenWebsite dieses Benutzers besuchen
Beitrge der letzten Zeit anzeigen:      
Neues Thema erffnenNeue Antwort erstellen


 Gehe zu:   



Nchstes Thema anzeigen
Vorheriges Thema anzeigen
Du kannst keine Beitrge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beitrge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beitrge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beitrge in diesem Forum nicht lschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.


Powered by phpBB © 2001, 2002 phpBB Group :: FI Theme :: Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde