Sein Todesurteil

prisoner
A black and white cinematic photograph, man seen from behind, wearing torn and dirty prison clothes, standing alone in a filthy stone prison cell, rough damp walls, cracks and stains, early 20th century prison, small barred window high in the wall, cold pale light streaming in, the man staring outside in despair, condemned to death in his final hours, oppressive and terrifying atmosphere, psychological horror, existential dread, heavy shadows, strong contrast lighting, grainy texture, historical realism, no modern elements, no color –ar 3:4 –v 6.0 –chaos 10 –s 750 –raw –

»Aus wahrem Leben«

„Wir veröffentlichen nachstehend und verschiedenlich in den folgenden Heften die Einsendungen, die bei unserem Wettbewerb „Aus wahrem Leben“ mit einem Preise ausgezeichnet werden konnten. Es sei betont, daß das Preisrichterkollegium gemäß unserer Bekanntmachung sich bei der Beurteilung der Einsendungen nicht nach der mehr oder minder guten Schilderungsweise und der angewandten Sprache richtete, sondern nur nach dem Inhalt. Dieser Umstand machte bei fast allen hier zur Veröffentlichung kommenden Erzählungen eine manchmal umfangreiche redaktionelle Umarbeitung notwendig.“ (Genaues Datum unbekannt, 40-er Jahre, 20. Jh.)

1. Preis:

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Mein Todesurteil

Noch heute, nach vielen Jahren, läßt mich die Erinnerung an das einmal Erlebte nicht los, verfolgt mich bis in meine Träume und überfällt mich in Stunden, die der Ruhe und Entspannung dienen sollen.

Beim Ausbruch des Weltkrieges wohnte ich mit meinen Eltern auf russischem Boden, nicht weit von der deutschen Grenze entfernt. Wir betrieben eine kleine Landwirtschaft, die – wie viele andere in der dortigen Gegend – von meinen Vorfahren, Siedlern aus dem schönen Sachsenlande, geschaffen wurde. Zunächst blieb unser Gebiet von dem unseligen Krieg verschont. Als aber die deutschen Truppen nach der siegreichen Schlacht bei Tannenberg weiter vordrangen, zogen sich Kämpfe und Gefechte bis ganz in unsere Nähe hinein. Die Russen befürchteten Verrat und schickten deshalb viele Deutschstämmige, darunter auch mich – einen jungen Mann von siebzehn Jahren – an die Wolga. Einen Monat lang befanden wir uns unterwegs. Manche Entbehrungen hatten wir zu ertragen, bis endlich der Bestimmungsort, das Dorf Husenbach, erreicht war. Eineinhalb Jahre arbeitete ich auf verschiedenen Gütern, schritt hinter Pflug und Egge her und half, die Ernte einzubringen.

Mein neunzehnter Geburtstag stellte mich vor eine wichtige Entscheidung. Obwohl deutschen Blutes besaß ich die russische Staatsangehörigkeit. Und die sollte mir mit dem Eintritt in das neue Lebensjahr die zweifelhafte Pflicht auferlegen, ins Heer einzutreten und auf den Schlachtfeldern gegen meine Brüder zu kämpfen. Das aber hätte ich nie gekonnt. Gegen die Russen, unsere Bedränger – ja. Aber gegen die Meinen? Nie und nimmermehr. Aus meiner Not glaubte ich mir dadurch helfen zu können, daß ich mir in einer benachbarten Stadt einen neuen Paß ausstellen ließ. Mein Alter gab ich mit „siebzehn“ Jahren an. Um die Fälschung geheim zu halten, sagte ich dem Dorf, in dem man mich kannte, Lebewohl.

Mit meinem wenigen Hab und Gut machte ich mich auf die Reise nach Charkow, um in dieser dichtbevölkerten Stadt Unterschlupf und Arbeit zu finden. Bald nach meiner Ankunft suchte ich die Büros einer großen Fabrik auf, um nach Beschäftigung zu fragen. Aufs geratewohl ging ich in ein Zimmer, das zum Ausgangspunkt eines unendlichen Leidens für mich werden sollte.

Ich geriet in das Quartier von Werkpolizeibeamten, die sich eingehend nach meinem Begehr erkundigten, Paß und Papiere prüften. Klopfenden Herzens sah ich zu. Würden sie die Fälschung entdecken? Nein, es ging gut, schien wenigstens gut gehen zu wollen. Schon glaubte ich mich in Sicherheit und in Arbeit, als ein Beamter das Bedürfnis verspürte, eine Kleiderrevision vorzunehmen. Da brach das Verhängnis über mich herein, hatte ich Unglückseliger doch den richtigen Paß, den ich mir für spätere Zeiten aufbewahren wollte, in das Ärmelfutter meines Rockes genäht. Ich glaubte ihn gut verborgen, geschickte Polizeihände förderten ihn aber bald zutage.

Entsetzen bei mir, Lärm und Anklage bei den Beamten. Man bestürmte mich mit Fragen, die ich nicht verstand, überschüttete mich mit Drohungen und brach zuletzt in höhnisches Gelächter aus. Die Überzeugung herrschte in ihnen, einen deutschen Spion vor sich zu haben. Diese ihre Erkenntnis schien ihnen jede Vernunft geraubt zu haben. Was nützte es, daß ich bald meine Fassung wiederfand und Erklärungen abgab, daß ich Bitten und Beteuerungen vorbrachte. Ich sprach gegen den Wind. Man glaubte mir nicht. Schließlich erklärte man mich für verhaftet, ein riesiger Kerl trat auf mich zu und führte mich in das Polizeigefängnis. Drei Tage und drei Nächte lang, ohne eine Minute Schlaf und ohne einen Bissen Brot, lag ich in einem dunklen Keller. Sinnlos dünkte mich das Geschehen, das an Furchtbarkeit von Stunde zu Stunde zunehmen wollte. Nur die Gedanken: Du hast doch nichts Schweres verbrochen – den Verdacht, Spion zu sein, wirst du entkräften — mußt du schon büßen, dann nur dafür, daß du dir einen falschen Paß anfertigen ließest – nur eine kleine Strafe kann dich treffen – gaben mir Mut zum Ausharren. Immer wieder sprach ich diese Auffassung vor mich hin, um die entsetzliche Stille des Kerkers zu durchbrechen und die Empfindung zu stärken, daß ich noch lebte.

Dann nahte der Tag, an dem das Kriegsgericht gegen mich zusammentrat. Sehnsüchtig hatte ich auf ihn gewartet, als auf den Tag, der allem Ungewissen und Trostlosen ein Ende setzen würde. Jedoch — er brachte mich der Verzweiflung nahe. Schon die Miene des Vorsitzenden und die Art der Verhandlung flößten mir Entsetzen ein. Meinen Verteidigungsworten schenkte man kein Gehör. In einigen Minuten war man mit meiner Angelegenheit fertig. Die Anklage lautete auf Spionage. Das Urteil auf: Tod durch Erschießen! Am anderen Morgen um neun Uhr sollte der Befehl vollstreckt werden.

Wer vermag die Gedanken und Gefühle, die einen jungen Menschen im Angesicht eines gewaltsamen und unschuldigen Todes befallen, wiederzugeben? Stunden mußten verflossen sein, Stunden, in denen ein Chaos in meinem Innersten wütete und in denen ich die Vorgänge um mich weder verfolgen noch erkennen konnte, als ich die Fähigkeit, kalt und nüchtern zu denken und zu beobachten, wieder erlangte.

Ich befand mich nicht mehr in dem Kerker, der mich vorher beherbergt hatte, sondern ich lehnte mich in einem dunklen Gang gegen kalte und feuchte Steine. Ein Soldat mit schußbereitem Karabiner und bis an die Zähne bewaffnet bewachte mich, ging vor mir auf und ab. Die verrinnende Zeit dünkte mich wie der Lauf einer Ewigkeit, die angefüllt war mit Schmerz, mit Weinen und Furcht, mit Gebet und Flehen zu Gott, daß er mich doch noch aus dieser Hölle erretten und hinaus in die Freiheit — zu Vater und Mutter — in die Heimat führen möchte.

Es dämmerte schon. Müde und trostlos blickte ich den Gang entlang: er war nur kurz und lief auf einen kleinen Hof hinaus, wahrscheinlich auf den Hof, den morgen früh eine Salve durchzittern sollte, eine Salve für mich.

Da sah ich, wie ein russischer Offizier über diesen Hof schritt, sich zu der mächtigen Umfassungsmauer wandte und sich an einer verborgenen Tür zu schaffen machte. Er öffnete sie, ging hindurch, das Tor flog zurück, fiel aber nicht ins Schloß.

Ich sah es und begriff: Es war ein Mensch nach draußen gegangen, in die für mich sagenhaft gewordene Freiheit, ins Leben, in die Welt. Und —-ließ das Tor offen.

Eine maßlose, fiebernde und brausende Erregung befiel mich. Tausend Pläne durchkreuzten mein Gehirn. Der Gedanke an die Möglichkeit einer Flucht, an ein glückliches Entkommen betäubte mich zunächst durch seine Keckheit, dann aber peitschte er mich empor, schenkte Mut und Verzweiflung, ich wußte plötzlich nur mehr das Eine: Da drüben befindet sich ein Tor. Ein Durchlaß durch die hohe Mauer, hinter der die Freiheit liegt.

Das Tor. Es ist nicht weit zu ihm. Nur wenige Meter von dem Fenster, das sich in dem Gang befindet. Die Flucht wagen, das Fenster aufreißen, hinausspringen, über den Hof und durch das Tor dringen? Nein — es geht ja nicht. Der Soldat ist da, er bewacht mich unausgesetzt.

Und doch, es muß versucht werden. Ob dich heute oder morgen eine Kugel trifft, das bleibt sich doch gleich. Der Gedanke an die Flucht konzentriert sich, nimmt Formen an, ist unbeweglich und schenkt schließlich die Überlegung: Wenn der Soldat in seinen kurzen Auf- und abmarschieren fünf Schritte von mir entfernt ist, geht es los.

Und einmal nehme ich alle meine Sinne und Kräfte zusammen. Hart dröhnen die Schritte meines Wächters auf den Fliesen, ich zähle: Eins, zwei, drei, vier, fünf. Fünf – das ist das Zeichen, das ich mir selbst gegeben habe. Wie ein Raubtier stürze ich auf das Fenster, zerre es auf, Scherben klirren, hinaus — mit einem Satz — über den Hof — das Tor aufgerissen – und – ich bin draußen. In der Welt. In der Freiheit. Nein, noch nicht. Noch lange nicht. Noch bin ich nicht gerettet. Auf der Straße gehen nur wenige Menschen, einige Karren rappeln einher. Wenige Schritte zwinge ich mich zum Gehen, stelle mich, als ob nichts Außergewöhnliches geschehen wäre. Dann fange ich an zu laufen, höre hinter mir Rufe, Schreie, Poltern, einen Knall. Ich wende mich nicht um. Ich renne, stürze und hetze durch stille Straßen, kreuz und quer, hin und her, unentwegt.

Schließlich kann ich verharren, ich merke, daß sich keine Verfolger hinter mir befinden, begreife, daß ich atmen kann. Meine Glieder schlottern, vor Erregung vermag ich mich kaum mehr aufrecht zu halten, aber — ich bin ja frei. Frei. Frei. Als ich vollständig Herr dieses Gefühls geworden bin, sank ich am Ende einer dunklen und stillen Gasse auf die Knie, weine und danke inbrünstig Gott für seine Hilfe und bitte ihn flehentlich darum, mir auch weiter beizustehen.

In Charkow kannte ich einen Mann, der in einem der ärmsten Außenviertel wohnte. Ich suchte ihn auf und erzählte ihm die Schrecknisse, die ich überstanden hatte. Er erbarmte sich meiner, einige Tage lang durfte ich in einem stickigen Keller hausen, immer noch in Furcht, ob mich doch letzten Endes nicht die Häscher finden würden.

Da brach die russische Revolution aus. Das Zarenreich ging unter, Revolten und Unruhen, die überall ausbrachen, erlaubten es mir, das Verließ zu verlassen. Im Mai 1918 fuhr ich nach Deutschland, der Heimat meiner Vorfahren.

Peter Baumgart, Altenbögge

peter baumgart

Peter Baumgart war mein Großvater. Das Foto wurde im Januar 1980 gemacht. (Vgl. 03.08.2020)

Anna Emilie Kukuk

Anna Emilie Kukuk

Meine Urgroßmutter (die Großmutter meines Vaters) Anna Emilie Kukuk, Bäuerin, geb. 22.5.1864 in Elsendorf (Groß Dombrowo, heute Dambrowa Wielka, ehem. Westpreußen), gest. 1943.

Frieda Schröder (*04.12.1925 †21.11.2024)

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Meine Mutter, kurz nach Ende des 2. Weltkriegs

Meine Mutter Frieda Schröder, genannt „Friedel“, ist gestern sanft und ohne Schmerzen eingeschlafen. Meine Schwester und ich waren bei ihr. Zufällig war auch ein Palliativ-Pfleger anwesend.

Am Sonntag hatte ich mich noch von ihr verabschiedet: „Wir sehen uns bestimmt noch einmal“. Sie antwortete: „Ja, bestimmt“. Gestern wurde es klar, dass sie nur noch wenige Stunden hatte. Als ich eintraf, erkannte sie mich noch. Eine Stunde später waren die Anzeichen der Terminalphase – das so genannte „Todesdreieck“ – klar zu erkennen. Der Pfleger sagte, dass nach seiner Erfahrung manche Menschen, die wissen, dass sie sterben, so lange „damit“ warten, bis die Angehörigen da sind. So war es offenbar auch bei meiner Mutter.

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Foto vom 14.04.2013

Ich werde sicher noch einen Nachruf schreiben. Ich habe noch eine Rechnung offen mit denen, die versucht haben, ihr das Leben schwer zu machen, als sie vor mehr als 30 Jahren aus der christlichen Sekte, in der sie groß geworden war, austrat. Meine Mutter hat aber fast alle, die ich meine, überlebt.

Mutter
Meine Mutter erklärte mir am 06.11.2020, wer die Personen auf dem Foto aus ihrer Jugendzeit waren.

Unter Ahnenforschenden

ahnenforschung

Ich habe via Ancestry.org einen DNA-Test machen lassen. Das Ergebnis war so zu erwarten laut den mir bisher vorliegenden Quellen, da alle meine Vorfahren zwischen Westpreußen, westlich von Warschau im Weichselbogen und in Wolhynien verstreut waren. Überraschend ist aber, dass das sowohl für die patriarchale als auch die matriarchale Linie gilt. Die „deutschsprachigen Regionen“ sind die Vorfahren der Großmutter meiner Mutter.

ahnenforschung

Die Vorfahren des Vaters meines Vaters waren schon im 18. Jahrhundert – exakt 1778 – an der Wechsel ansässig. Die Vorfahren des Vaters meiner Mutter stammen alle aus Wolhynien in der heutigen Ukraine bzw. Russland. Das gesamte Areal ist gar nicht so groß. Offenbar sind noch ein paar Wikinger Balten oder Skandinavier dabei.

ahnenforschung

Unter Pappkartenbenutzern

monatskarte

Da kommt man sich uralt vor – eine Monatskarte für die Bahn aus Pappe, und 27 Jahre lang benutzt. Wer kennt sowas noch? Mein Großvater Hugo Schröder hat die Karte also in meinem Geburtsjahr zum ersten Mal benutzt. 1952 konnte er wegen Staublunge nicht mehr als Bergmann bzw. Zimmerhauer arbeiten und bekam einen Job in der Kreisverwaltung Unna (damals Lüningstrasse 30) in der Poststelle.

Nachdem er Rentner geworden war, suchte er sich einen neuen Job, obwohl er das finanziell nicht nötig hatte, – und bekam ihn im Lager der Kettenfabrik Unna. (Die Kettenfabrik scheint sich schon sehr früh ihre Domain gesichert zu haben!)

Mein Opa hat erst mit knapp achtzig Jahren aufgehört zu arbeiten. Das Publikum wird daher vermuten, das Arbeiten nach Eintritt des Rentenalters sei in meiner Familie irgendwie genetisch bedingt.

Unter Schtieseln

konfirmation NAK
Meine Konfirmation 1966 oder 1977. Ein grandioses Foto, das meine Kindheit anschaulich zusammenfasst. Alle außer mir sind schon tot. Von links nach rechts: Meine Tante Leni (Hausfrau, neuapostolisch und Ehefrau eines Priesters/Laienpredigers der NAK), mein Vater Kurt (Bergmann, später kaufmännischer Angestellter, Priester in der NAK), meine Oma Caroline Baumgart (Hausfrau, neuapostolisch), neben mir mein Opa Hugo Schröder (Bergmann, Hirte und Gemeindevorsteher in der NAK), vorn rechts mein Opa Peter Baumgart (Bergmann, Priester der NAK), ganz rechts mein Onkel Otto Mey (Bahnangestellter, Hirte und Gemeindevorsteher in der NAK). Leni war die Tochter meines Onkels Otto.

Jetzt brüllen auch in Dresden die Muezzine herum. Ein Fall für Arthur Harris? Die Weltläufte geben zur Zeit nichts Überraschendes her. Daher darf ich – das Einverständnis des Publikums vorausgesetzt – einen Besinnungsaufsatz schreiben eine religionssoziologische Studie verfassen.

Vorab sollten einige anthropologischen Fragen geklärt werden.

Warum tragen alle Männer schwarze Anzüge, der Konfirmand eingeschlossen? Ein normaler Anzug, aber ganz in schwarz, ist die „Uniform“ der „Geistlichen“ in der NAK. Niemand hat eine theologische Ausbildung, und sie machen trotzdem das, was Pfaffen so tun. Und da das funktioniert, ist das für sie ein „Beweis“, dass der Heilige Geist aus ihnen spricht. Der „Straßenanzug“ soll genau das zeigen.

Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt. (Karl Marx) Die protestantischen Sekten ebnen die Hierarchie zwischen Glaubensvolk und Paffen konsequent ein. Jeder (Mann) kann alles sein und werden. Mein Opa Peter konnte, als er 1918 nach Deutschland kam, weder richtig lesen noch schreiben. Prediger wurde er trotzdem.

Was machen die da, und wo sind die anderen Frauen? Natürlich wurde immer und permanent und ausschließlich über die Bibel (liegt auf dem Tisch) und religiöse Themen geredet. Frauen mussten die Klappe halten und wurden dabei nur geduldet. Meine Oma Caroline widersetzte sich dem unausgesprochenen Verbot – sie gesellte sich zu den Männern, sagte aber nichts, sondern hörte nur zu. Ich durfte auch nichts beitragen, ich war noch zu jung.

„Wie in allen Gemeinden der Heiligen lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde; denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, dass sie reden, sondern sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt. Wollen sie aber etwas lernen, so lasset sie daheim ihre Männer fragen. Es steht den Weibern übel an, in der Gemeinde zu reden.“ (Paulus, 1. Brief an die Korinther 14, 34)

Wiederholt sich das nicht alles unendlich oft? Nein, die „theologischen Themen“ wurden mit persönlichen Geschichten angereichert. Wie sich ein ostpreußischer Bauer mit dem Teufel verschworen hatte und mein Onkel Otto, der aus Gumbinnen stammte und in seiner Jugend als Bauernknecht arbeitete, ihn überlistete, mit Gottes Hilfe. Wie meinem Vater in einem Hohlweg in Holzwickede der Geist eines Selbstmörders erschien. Wie ein „Apostel“ der NAK in Opherdicke den Geist eines Selbstmörders vertrieb, der dort in einem Haus herumspukte. Wie Onkel Otto im 1. Weltkrieg ganz allein und mit Gottes Hilfe mehr als ein Dutzend Franzosen gefangen nahm und dafür einen Orden bekam. Wie mein Opa Peter in Russland während der Revolution zu Tode verurteilt wurde und aus dem Gefängnis floh, mit Gottes Hilfe.

Wie informierte man sich über die Weltläufte? Information wird überschätzt. Fernsehen war verboten. Radio eigentlich auch – mein Opa Hugo hat das bis zum Lebensende konsequent durchgezogen. Mein Opa Peter aber hatte ein Radio, weil er aus dem damals russischen Polen stammte und Russisch verstand und hören wollte. Die „Welt“ – also known as Babylon – brauchte man nicht, und man sollte sie auch meiden. Tanzstunde oder Disko? Verboten? Kirmes oder Schützenfest? Verboten. Freundschaften mit Leuten, die nicht neuapostolisch waren? Verboten, vor allem für Kinder von „Amtsträgern“ – wie mich. Bücher? Sind gefährlich. Mein Opa Hugo riet meinen Eltern, mich nicht auf ein Gymnasium zu schicken. Kino? Verboten. Meine Mutter erzählte mir noch gestern, wie sich sich als junges Mädchen in Hamm heimlich einen Kinofilm ansah und dabei ein fürchterlich schlechtes Gewissen und viel Angst hatte, Gott (der bei den Neuapostolischen meistens „der himmlische Vater“ genannt wird) würde sie dafür bestrafen. Die Verbote mussten gar nicht ausgesprochen werden. Man wusste einfach, was zu tun und zu lassen war.

Und jetzt zur religionssoziologischen Studie. Kann sich das Publikum vorstellen, warum mir Filme wie Shtiesel, Unorthodox oder Rough Diamonds (empfehlenswert!) „unheimlich“ bekannt vorkommen und warum mir die oft ein beklemmendes Gefühl erzeugen, das sich gleich verwandelt in das Bedürfnis, in diese Milieus hineinzufahren wie der Teufel unter die armen Seelen und alles auszuräuchern?

Emma Ströwer

emma weiss

Meine Urgroßmutter (matriarchale Linie) Emma Weiß, geborene Ströwer (geb. ca. 1875, gestorben ca. 1935). Aufnahmedatum unbekannt. (Rückseite: „Foto Haberland“ – da sie aus Dortmund stammt, könnte es dort gemacht worden sein.)

Familienidylle

familie

Im Vordergrund meine Urgroßeltern Emma Weiß, geborene Ströwer (geb. ca. 1875, gestorben ca. 1935) und Julius Weiss, und ihre drei Töchter Frieda (nach der meine Mutter benannt wurde), Minni und Caroline (meine Oma, geb. 28.08.1901 in Dortmund-Sölde, gest. 28.01.1985 in Bönen).

Mein Urgroßvater war von 1921-1925 Priester (Prediger) der Neuapostolischen Gemeinde in Altenbögge-Bönen und ein Frauen-Grabscher. Sogar meine Mutter – seine Enkelin! – hat er angefummelt. Er war in der Familie verhasst. So sind sie, die Ultrafrommen… Ich weiß weder sein Geburts- noch sein Sterbedatum.

Unter Pagenschnittigen

pagenschnitt

Meine Mutter (rechts, Jahrgang 1925) und ihre Cousine Leni (Mitte) und zwei unbekannte Kinder in den 30-er Jahren (Weimarer Republik). Die Frisur – der so genannte Pagenschnitt – war damals modern.

Unter Beschuss [Update] [2. Update]

Hetman Sahaidatschnyj
Die Russen haben die Hetman Sahaidatschnyj versenkt, das Flagschiff Flaggschiff der ukrainischen Marine.

Ich bin kein Militarologe Militärexperte (ich kenne nur Mao-Zitate über den Guerillakrieg), aber so langsam wird mir klar, wie das geplant ist. Die greifen sich erst den Süden. Die Luftwaffe fliegt schon Angriffe südlich von Odessa. Bodenangriffe waren in Enerhodar, das heute eingenommen wurde. Die Truppen aus dem Süden bewegen sich also nordöstlich in Richtung Saporischschja und Dnipropetrowsk, am Djnepr entlang, um den gesamten Ostteil der Ukraine abzuschneiden.

Im Norden wird Kiew mehr und mehr eingekesselt. Luftangriffe gab es auf Shitomir westlich von Kiew. [Übrigens stammen meine Vorfahren mütterlicherseits aus der Region. Meine Ururgroßeltern wohnten in Roschyschtsche bei Ludz nicht weit von der polnischen Grenze. Eine meiner Urgroßmütter ist in Odessa gestorben.]

Dort verlaufen die Verbindungswege für den ukrainischen Nachschub vom Westen. Wenn die erst einmal gesperrt sind, wird sich Kiew nicht mehr lange halten können, ohne eine humanitäre Katastrophe in Kauf zu nehmen. Militärisch sinnvoll war es, nicht vom Norden her zu versuchen, die Hauptstadt zu erobern, solange noch vom Westen und Süden Nachschub kam. Daher wundert mich nicht, dass der viel zitierte russische Konvoi mit rund 60 Kilometern Länge nicht „weiterkommt“. Vermutlich ist das ein Feature der Planung und kein Bug.

[Update} Schrieb ich Saporischschja ?

[2. Update] Ich bin nicht allein mit dieser Analyse. Oder die haben von mir abgeschrieben.

Girlfriends

girlfriends

Meine 97-jährige Mutter (ganz rechts, ca. 1945, in Holzwickede) ruft mich an, ich solle bei dem Sturm vorsichtig sein. Ich habe ihr im Gegenzug verboten, im Garten herumzulaufen oder unter den Büschen herumzukriechen.

Petrus, geboren 1751

ahnenpass

Auszug aus dem mit Schreibmaschine Mitte der 90-er Jahre abgetippten Ahnenpass meines Großonkels Walter Erich Schröder (der Bruder meines Großvaters Hugo). Eigentlich ist es albern, bei diesen Vorfahren noch den Zusatz „Eltern“ zu benutzen. Aber aus reiner Neugier und aus mathematischer Insuffizienz: Wenn dieser Petrus der Ur-Ur-Urgroßvater meines Großonkels war, wie viele Urs kommen dann vor, wenn ich den in Bezug auf mich bezeichne?

Übrigens: Petrus könnten den Alten Fritz noch live gesehen haben.

Guckst du!

burks

Meine Mutter (geb. 1925) und ich, vermutlich 1954, in Holzwickede

Schule des Haushalts

haushaltungschule

Meine Mutter (ganz rechts) im Jahr 1941 beim Nähunterricht in der „Haushaltungsschule“ in der ehemaligen Märkischen Kinderklinik.

1759

Jacobus

Habe ich gerade bekommen – den Heiratseintrag eines meiner Vorfahren: Jacob Schröder (Szreyder) vom 22.09.1759 (katholisches Kirchenbuch Bromberg). Ich kann Jacobus noch nicht richtig einordnen, aber die Schröders saßen damals in Otteraue-Langenau an der Weichsel. Ich habe den Eintrag (rechts oben) noch nicht komplett entziffern können.

1759! Das war im Siebenjährigen Krieg. Einen Monat zuvor war die preußische Armee bei Kunersdorf geschlagen worden.

Der schönste Platz

der schönste platz

Neu in meiner Bibliothek und aus meiner alten Heimat: „Der schönste Platz – Kneipen und Gaststätten in Holzwickede, Hengsen und Opherdicke“. Herausgeber: Historischer Verin Holzwickede e.V. Arbeitskreis Geschichtswerkstatt, 2020. Das Buch wird hoffentlich bald im Literarischen Quartett von Lisa Eckart besprochen.

In memoriam Kurt Waldemar Schröder *16.10.1927 †03.10.2020

chess

Mein Vater und ich beim Schachspielen. Da war ich zehn Jahre alt.

Saures Land

sauerland

Meine Mutter und ich in der Nähe der Daubermühle im Sauerland, vermutlich 1956.

To whom it may concern: Meine Mutter wird in der nächsten Woche aus dem Krankenhaus entlassen, kommt in eine Kurzzeitpflege und dann wieder nach Hause. In wenigen Monate könnten wir dann ihren 95. Geburtstag feiern, wenn nicht wieder etwas passiert.

In memoriam Kurt Waldemar Schröder *16.10.1927 †03.10.2020

krankenhaus

Mein Vater korrigiert den Sitz meines Schlipses anlässlich meiner Konfirmation (1966).

In memoriam Kurt Waldemar Schröder *16.10.1927 †03.10.2020

Kurt Waldemar Schröder

Mein Vater wäre heute 93 Jahre alt geworden.

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