Ober Ost oder: Pioniere der Kultur

kriegsland im Osten

Ich lese gerade ein interessantes Buch von Vejas Gabriel Liulevicius: Kriegsland im Osten: Eroberung, Kolonialisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg. Ich wollte eigentlich nur den exakten Frontverlauf im Osten zwischen 1916 und 1918 wissen, weil es online nur sehr schlechte Karten gibt.

Der Hintergrund: Mein Großvater Peter Baumgart (1897-1979) ist während der russischen Revolution in Charkow (heute Charkiw) in der Ukraine zu Tode verurteilt worden, aus der Todeszelle geflohen und nach Deutschland geflüchtet. Darüber gibt es einen schriftlichen Bericht, der aber laut Aussage meiner Großmutter an einigen Stellen redaktionell bearbeitet worden ist – und nicht immer im Sinn dessen, was er ihr erzählt hat. Alle Details müssen also von mir überprüft werden – soweit wie möglich. Das ist in diesem Fall extrem schwierig, zumal ich versäumt habe, meinen Großvater danach zu fragen (worüber ich mich heute schrecklich ärgere).

Ich weiß weder, ob die Polizei des Zaren meinen Großvater (er hatte seinen Pass gefälscht) zum Tode verurteilt hatte oder die Bolschewiki. Das Jahr ist nicht überliefert. Die Zeitschiene:

Februar 1917 Februarrevolution in Russland, Abdankung des Zaren
Dezember 1917 Sowjetischer Angriff auf die Ukraine
26.12.1917 Sowjets erobern Charkiw
18.02.1918 Deutsche Truppen beginnen den Einmarsch in Sowjetrussland
18.04.1918 Deutsche Truppen besetzen Charkiw

Im Original des in der Familie überlieferten Berichts heißt es:

peter Baumgart

Ich vermute, dass er zusammen mit den deutschen Truppen auf deren Rückzug nach Deutschland (ins Ruhrgebiet) gelangte. Das kann ich nicht beweisen, aber angesichts der Tatsache, dass er mittellos war, auf der Flucht vor russischen Häschern und wegen der ungeheuren Entfernungen ist es kaum anders denkbar. Auch der Monat Mai passt.

Im oben genannten Buch habe ich, wie erwartet, eine aussagekräftige Karte gefunden. Ich wusste gar nicht, dass die deutsche Armee schon im 1. Weltkrieg bis an den Don gelangte.

1918 front russland

Der Autor Vejas Gabriel Liulevicius ist der beste Experte zum Thema. Schon der Prolog hat mich überrascht. Seine zentrale These: Die Ostfronterlebnisse von 1914 bis 1918 bildeten den unerläßlichen kulturellen und psychologischen Hintergrund für das, was sich später in diesem blutigen 20. Jahrhundert noch ereignen sollte; sie formten die dafür notwendige Einstellung. Liulevicius spricht von der annexionistischen Begeisterung der Deutschen.

In einer Rezension heisst es:
Vom Ostfronterlebnis des Ersten zum Vernichtungskrieg des Zweiten Weltkriegs? Dies ist, zugespitzt formuliert, die Frage, die Vejas Gabriel Liulevicius in seiner Studie über die deutsche Militärherrschaft in Osteuropa aufwirft. Bis heute konzentrieren sich Historiker zumeist auf die Westfront. Die Kämpfe im Osten werden dagegen wenig beachtet, und selbst der Siegfrieden von Brest-Litowsk ist weitgehend vergessen.

Da ist wieder typisch. Deutsche Historiker interessieren sich nicht für das Thema – außer natürlich Fritz Fischer, der hierzulande angefeindet wurde, im Ausland aber als der wichtigste deutsche Historiker des 20. Jahrhunderts galt. 1975 erschien dann von Norman Stone The Eastern Front 1914-1917 und danach nur noch kleinere Werke. Bis heute existiere, so Liulevicius, noch kein klares Bild, was die Geschehnisse im Osten bedeuteten.

Während sich die Soldaten an der Westfront im unerbittlichen Sperrfeuer der modernen, industriellen Kriegsmaschinen in die Schützengräben kauerten, waren die deutschen Soldaten im Osten mit einer feindlichen Natur konfrontiert, mit der anhaltenden Präsenz der Vergangenheit, mit einem Kriegsschauplatz, der von Tag zu Tag weniger modern schien, und mit den kulturellen Besonderheiten der sie umgebenden einheimischen Völker. Diese besondere Form der Kriegführung und die alltäglichen Aufgaben als Besatzer und als Vollstrecker der militärischen Utopie‚ die die Soldaten unter dem permanenten propagandistischen Sperrfeuer zur kulturellen Mission der Deutschen in Ober Ost zu realisieren hatten, hinterließen bei ihnen tiefe Spuren. Ein Leutnant faßte seine Erlebnisse an der Ostfront in einer Haßtirade zusammen, bei der die in seiner Erinnerung gespeicherten verstörenden Bilder aus ihm herausquellen. Es war, so schrieb er, “innerstes Rußland, ohne Abglanz mitteleuropäischer Kultur, Asien, Steppe, Sumpf, raumlose Unterwelt und eine gottverlassene Schlammwüste”. Paradoxerweise konnte eine so pauschale Ablehnung durchaus mit Kolonisierungsambitionen einhergehen, mit dem Bestreben, die “Unkultur” der eroberten Länder und Menschen zu überwinden. In einem anderen Bericht heißt es zum Beipiel, die deutschen Soldaten seien wahre “Pioniere der Kultur”: “So Wird der deutsche Soldat, bewußt oder unbewußt, ein Lehrmeister in Feindesland” mit dem Auftrag, Ordnung und Entwicklung zu bringen. Beide Sichtweisen entstanden im Kontext des Krieges aus dem Ostfronterlebnis. Selbst Während man ihn ausbeutete und Pläne zu seiner Umgestaltung vorbereitete, fürchtete man den Osten. Diese disparaten Perspektiven verschmelzen zu einem Bild vom Osten, das aus dem Fronterlebnis und den Realitäten, der Praxis und den Illusionen der deutschen Okkupationspolitik in Ober Ost hervorging.

Wieder was gelernt.

Collection Builder

Der Schockwellenreiter wies auf den Collection Builder hin, ein Tool, das zum Beispiel ideal wäre für meine Dokumentensammlung (von Texten über Fotos bis hin zu Videos) zur Familiengeschichte. Leider ist die stand alone-Version noch under construction. Wenn das jemand schon nutzt: Ich bin für Tipps dankbar.

Willy auf der Lok

willy schröder

Mein Großonkel Willy Schröder (15.08.1889 – vermutlich in Mittenwalde, Todesdatum [Suizid] unbekannt, lebte als Lokführer in Altenburg (Thüringen). Weiß jemand, was das für eine Lok ist? Vielleicht kann man die Zeit der Aufnahme anhand der Baureihe ein wenig eingrenzen (Datum unbekannt, aber nach 1945).

corvid19

8. Mai 1945

8. Mai 1945

Ich habe heute die Gelegenheit genutzt, meine Eltern zu fragen, wie sie den 8. Mai 1945 erlebt haben.

Mein Vater war damals 17 Jahre alt. Er war vom Gymnasium abkommandiert worden als Flakhelfer in Köthen, danach musste er zur Kriegsmarine in Wilhelmshaven (auf dem unteren Bild ganz rechts). Zum Krieg kam es für ihn dort nicht mehr.

Die britische Armee besetzte Wilhelmshaven. Die ehemaligen deutschen Soldaten mussten nach dem 8. Mai Trümmer aufräumen und wurden dann im Juni per LKW ins Entlassungslager Hammerweise bei Arnsberg gebracht. Kurz darauf durfte mein Vater nach Hause, weil er aus einer Bergarbeiterfamilie stammte und Bergleute gebraucht wurden, um die Versorgung sicherzustellen.

8. Mai 1945corvid19

23. April 1944

Weststrasse Hamm

Gestern sagte meine Mutter (94 Jahre alt): “Was am 23. April 1944 war, weiß niemand mehr, und es will auch niemand wissen.” Damals war der erste Großangriff auf die Stadt Hamm. Meine Mutter arbeitete dort in einem Laden in der Weststraße (vgl. Foto oben, damals und heute). Das Bombardement hat sie im Bunker überstanden. Sie sagte, sie haben drei Tage danach im Bett gelegen, weil sie nichts mehr hörte und extrem Kopfschmerzen gehabt habe. Danach sei es nicht mehr möglich gewesen, von Bönen, wo sie wohnte, nach Hamm zu kommen.

Das mag aus der Sicht von heute und viel schlimmeren Kriegsfolgen belanglos erscheinen. Wenn man das aber von einer noch lebenden Augenzeugin erfährt, geht es einem nahe.

Unter Einsatz von 750 Bombern und einigen hundert Jagdflugzeugen wurden 8000 Spreng- und 3500 Brandbomben abgeworfen. Innerhalb einer knappen Stunde war die Stadt in ein Flammenmeer und eine Trümmerwüste verwandelt. Der Verschiebebahnhof, der Güterbahnhof sowie Wohnviertel im südlichen und westlichen Stadtgebiet wurden besonders schwer getroffen. Etwa 240 Gebäude wurden völlig zerstört, weitere 350 schwer beschädigt. Mit weit über 200 Todesopfern forderte dieser Angriff die meisten Menschenleben, die je einem Luftangriff auf die Stadt Hamm während des Krieges zum Opfer fielen.

Am 05.06.2019 schrieb ich:
“Von der schönen Stadt Hamm ist nichts mehr übrig geblieben. Das Foto unten zeigt die Innenstadt bei Kriegsende – der Westentorbunker steht im linken oberen Viertel. Für mich ist es kaum vorstellbar, dass meine Mutter da durchlaufen musste, oft sogar zu Fuß zehn Kilometer bis Bönen, wo meine Großeltern wohnten, weil die Züge nicht mehr fuhren, einmal sogar unter Tieffliegerbeschuss, zusammen mit einer Arbeitskollegin, wie sie erzählte. Dass ich existiere, ist eigentlich ein glücklicher Zufall.”

Hamm 1945corvid19

Baumgart am Styr, reloaded

Ich habe eine Ortsangabe in der heutigen Ukraine bei Baumgart am Styr (02.01.2019) korrigieren müssen.

Unter dem Führerbalkon

Westentorbunker Hamm

Vermutlich wissen weder die Einwanderer in Hamm (Westfalen) noch die Nachgeborenen, was es mit dem riesigen Gebäude in der Nähe des Bahnhofs genau auf sich hat. Ich bilde mich gern auch im Urlaub fort, deswegen fuhr ich da hin.

Meine Mutter hat im Alter von 18 Jahren (1944) ganz oben in Raum 905 gesessen, im so genannten Westentorbunker, viele Male, während Bomben die ganze Stadt in Schutt und Asche legten und Hunderte verbrannten und starben. In Hamm stehen heute noch fünf der neungeschossigen Bunker.

Das Stadtarchiv teilte mir vorher mit, jetzt gehöre der Bunker der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Sitz Dortmund, eine Institution, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Der Tonfall, mit der mir diese Auskunft erteilt wurde, legte nahe, dass ich es gar nicht erst versuchen solle, eine Besichtigung zu beantragen, da noch nicht einmal die Stadtarchivare einen Schlüssel hätten.

Das Motto des Stadtarchivs Hamm, das im Souterrain eines hässlichen Zweckbaus residiert, ist: “Für Ihre Recherche stellen wir alles auf den Kopf.” Das taten sie auch. Als ich eintraf, lagen schon dicke Folianten mit Bauplänen usw. auf dem Tisch. (Man sollte wissen, dass große Teile des Archivs im Krieg zerstört wurde.)

Westentorbunker Hammstadtarchiv Hamm

Über den Bombenkrieg in Hamm und die Bunker gibt es nur zwei Bücher, die ich mir beide besorgt habe. Karl Wulf: Hamm im Bombenkrieg (2018) sowie ders.: Hamm – Planen und Bauen 1936-1945.

Meine Mutter hat 1943 und 1944 bei Schönherr & Alves (Herren-, Knaben- u. Berufskleidung, wurde ausgebombt) in der Weststraße gearbeitet und musste von dort bei Luftalarmen in den Westentorbunker rennen. Mehrfach gab es Massenpanik, weil hunderte Menschen gleichzeitig in den Bunker flüchten wollten.

Die Hammer Archivare hatten sogar einen alten Stadtplan für mich, auf dem die exakte Lage des Geschäfts zu erkennen war. Es gibt nur ein Foto, das die Weststrasse – mit der Pauluskirche im Hintergrund – kurz nach dem Bombenangriff vom 22. April 1944 zeigt, den meine Mutter miterlebt hat. Auf dem untere Foto ist die Straße heute zu sehen, die Perspektive stimmt nicht ganz. Wo Rossmann ist, war damals Schönherr & Alves.

Weststrasse Hamm

Vor 1940 gab es fast keine Bunker in Deutschland. “Öffentlich geäußerte Vorschläge zu einem umfangreichen und sicheren Luftschutzbau galten bis zu diesem Zeitpunkt als ‘zersetzend’ und konnten sogar zur Verhaftung durch die Gestapo führen und mit der Einlieferung in ein KZ enden.” (Wulf: Hamm – Planen und Bauen, S. 93) Hitler ordnete nach dem ersten alliierten Angriff auf Berlin im August ein “Sofortprogramm” für das Luftschutzbauwesen an. Die Anlagen sollten die gesamte Bevölkerung schützen. Hamm war der größte Eisenbahnknotenpunkt Europas; nur dort wurde der Bunkerbau wie geplant vollzogen. Wenn man die Dokumente studiert, wird man fassungslos: Wie selbstverständlich gehen die Verfasser in ihrem Wahn davon aus, dass “nach dem Krieg” weitergebaut würde.

Luftschutzmaßnahmen
“Betrifft: Anordnungen des Führers zur sofortigen Durchführung baulichen Luftschutzmaßnahemn”, 13. Oktober 1940″, aus: ebd. (Ausriss)

Der Bunker am Bahnhof von Hamm hat oben eine Art Balkon. Wulf schreibt dazu:
Bunker mit Stilelementen der offiziellen Baukunst. Sie sind durch Gesimse, Konsolenfries, Attikabänder und betonte Eingänge künstlerisch aufgewertet. Einige von ihnen zeigen auch das neben dem Hoheitszeichen wichtigste Zeichen der Herrschaftspolitik: den Führerbalkon, der aber nicht zugänglich ist und lediglich symbolisch die Anwesenheit des Führers dokumentiert.

Luftschutzmaßnahmen

Ich habe das Buch über Hamm im Bombenkrieg mit Spannung gelesen – ein Horrorfilm ist nichts dagegen. Um so ungeheuerlicher ist die Unbelehrbarkeit, mit der sich die Nationalsozialisten und auch die “normale” Bevölkerung an die Illusion klammerten, Hitlers verbrecherische Krieg würde zum Sieg führen.

Von der schönen Stadt Hamm ist nichts mehr übrig geblieben. Das Foto unten zeigt die Innenstadt bei Kriegsende – der Westentorbunker steht im linken oberen Viertel. Für mich ist es kaum vorstellbar, dass meine Mutter da durchlaufen musste, oft sogar zu Fuß zehn Kilometer bis Bönen, wo meine Großeltern wohnten, weil die Züge nicht mehr fuhren, einmal sogar unter Tieffliegerbeschuss, zusammen mit einer Arbeitskollegin, wie sie erzählte. Dass ich existiere, ist eigentlich ein glücklicher Zufall.

Hamm 1945

Wunschliste [Update]

wunschliste

Zu teuer oder nicht zu haben – was ein Pech. Wenn jemand eine preiswertere Version irgendwo sieht, bitte ich um eine verschlüsselte E-Mail.

Jemand schickte mir gerade Link 1 und Link 2 – funktioniert aber gerade nichts (Zeitmangel!).

Coloured Mom

mom

Meine Mutter im Jahr 1929. Ich habe ein bisschen experimentiert – das Foto ist ursprünglich schwarz-weiß. Colorize Photos oder Colourise your black and white photos machen da ein ganz ordentliches buntes Foto draus, obwohl ich das Original schöner finde.

Es war einmal in einer Zeche im Ruhrpott

Zeche Bönen

Credits: Gemeindearchiv Bönen

Centralny Obóz Pracy w Potulicach

georgetown

Das hier ist die Enteignungsurkunde des Hofes meine Urgroßvaters. Seine Enkelin hatte das Grundstück geerbt. Die Gebäude waren ohnehin 1943 abgebrannt.

Interessant ist, dass die polnischen Behörden von “Arbeitslager” sprechen. In Potulice sind entfernte Verwandte von mir umgekommen. Am Ende des 2.Weltkriegs wurden fast alle Deutschen im ehemaligen Westpreußen interniert, vertrieben und zwangsweise ausgesiedelt, in Potulice starben rund 1.300 Menschen. Die sozialistische Regierung Polens hielt das Thema unter der Decke, im öffentlichen Diskurs war es tabuisiert.

Es existiert auch nur ein einziges deutsches Buch, das sich sachlich dem Thema widmet – von Helga Hirsch: Die Rache der Opfer. Deutsche in polnischen Lagern.

Euthanasie [Update]

Special Selection

Ich habe einen Grund, warum ich das ziemlich teure Buch von Anika Burkhardt Das NS-Euthanasie-Unrecht vor den Schranken der Justiz: eine strafrechtliche Analyse gekauft habe. Ich rege mich immer noch auf.

1965 leitete Fritz Bauer ein Ermittlungsverfahren gegen sechzehn hochrangige Juristen ein, die am 23./24. April 1941 an einer Besprechung in Berlin teilgenommen hatten. Dort hatten sie offiziell von der Tötung Geisteskranker erfahren und danach widerspruchslos die Anordnung befolgt, Strafanzeigen unbearbeitet ans Reichsjustizministerium abzugeben. Die Voruntersuchungen wurden 1970 eingestellt. (…) Von 438 ‘Euthanasie’-Strafverfahren, die bis 1999 eingeleitet wurden, endeten nur 6,8 % mit rechtskräftigen Urteilen, darunter zahlreichen Freisprüchen.

Ich erwähnte hier schon im Oktober 2017, dass mein Großonkel Helmuth Schröder, der jüngste Bruder meines Großvaters,im Zuge des Euthanasie-Programms von den Nazis ermordet wurde, weil er an Epilepsie litt. Leider wurde das Landesarchiv Berlin auf der Suche nach Unterlagen darüber nicht fündig, die Akten aus Westpreußen sind verstreut oder ungeordnet in Polen.

Der Ermordung unheilbar Kranker und Behinderter hatte Adolf Hitler im Oktober 1939 mit einem auf den 1. September zurückdatierten und auf seinem Privatbogen verfassten Schreiben die Ermächtigung gegeben: ‘unheilbar Kranken … [sollte] der Gnadentod gewährt werden’. Die Rückdatierung des Erlasses verdeutlichte, dass mit Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 auch der innere Krieg gegen Menschen begonnen hatte, die dem Rassenideal der Nationalsozialisten nicht entsprachen und somit als “schädlich” und “wertlos” galten. (LEMO)

Die Zentrale Stelle für Justizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen riet mir, ich solle mich an den International Tracing Service (ITS) wenden, da man in Ludwigsburg nur für die Täter zuständig sei – die vermutlich schon alle tot sind.

Bei der ITS in Arolsen habe ich heute einen Antrag gestellt, nach den Akten über meinen ermordeten Großonkel zu suchen.

Ich bekam vorgestern noch eine Nachricht, die mich aufgewühlt hat.

…habe gestern mit der Tochter (…) vom letzten Bürgermeister (…) aus Mittenwalde telefoniert. (…) Sie kennt Deine Urgroßeltern Gustav und Emilie Schröder. Sie wußte auch, dass 3 Töchter und ein Sohn in dieser Zeit auf dem Hof waren. Die eine Tochter hieß Lina und war geistig behindert. Sie ist später abgeholt worden und der Euthanasie zum Opfer gefallen.(…). Sie kann sich nur daran erinnern, daß diese Lina immer laut geschrieen hat und sie immer Angst hatten auf den Hof zu gehen. (…) Abgeholt wurde Lina ab Ende 1940. Zeitgenau konnte sie sich auch nicht erinnern. Als Kind achtet man da nicht so darauf.

Deine Urgroßeltern hat sie als liebe und nette Menschen in Erinnerung. Nur vor der Tochter hatte sie Angst, weil sie halt so laut geschrien hat. Es gab noch eine Familie Pansegrau, deren Tochter hatte einen sehr großen und unförmigen Kopf. Diese Tochter ist ebenfalls abgeholt worden.

Niemand hat jemals darüber ein Wort verloren. Wenn es stimmt, werde ich das herausfinden, wenn es möglich ist, auch wenn das Jahre dauerte. Mord verjährt nicht.

[Update] Mir wurde mitgeteilt, dass die Suche bis zu einem Jahr dauern kann.

Baumgart am Styr

baumgart

Ein kurzes Zwischenspiel und ein Beispiel für historische Fummelei, die einem schwierigen Puzzle gleicht. Aus der oral history meiner Familie weiß ich, dass die Vorfahren des Vaters meiner Mutter aus Schwaben nach Russland bzw. Polen gezogen sein sollen. Das erzählte meine Oma Caroline Emma Baumgart (geb. Weiß). Ich habe das angezweifelt, weil nichts dafür sprach und die Möglichkeiten der Recherche in den 30-er Jahren mit den heutigen nicht vergleichbar sind. Meine Mutter erinnert sich, einer der entfernten Verwandten, vielleicht eine Großtante, sei in Odessa gestorben.

Mittlerweile weiß ich, dass die matriarchale Linie Wolhyniendeutsche waren. Viele siedelten im Kirchspiel Roshischtsche, heute heißt der Ort Roschyschtsche am Styr. Aber wann und wie sind die in die heutige Ukraine gekommen, und wie die Vorfahren meines Großvaters nach Polen, westlich von Warschau? Und waren sie Mennoniten?

Eine Karte aus dem Jahr 1927 von Karl Lück zeigt das damalige Wolhynien und die deutschen Sprachinseln.

Roschyschtsche

Mit dieser Karte kann man auch den obigen Sterbeeintrag eines Kirchenbuchs von Rożyszcze (polnische Schreibweise) lokalisieren: Ludwig Baumgart aus Glinsche. Das heißt eigentlich Gliniszcze und läge auf der heutigen Karte bei Kremenez (oder ist identisch mit dem alten Gliniszcze), einem “Ort in der ukrainischen Oblast Wolhynien, Rajon Roschyschtsche”, laut Wikipedia “irrelevant”. [Update] Das “richtige” Glimcze liegt auf der Karte weiter westlich, südlich von Adamowka.

Interessant ist der letzte Eintrag im obigen Kirchenbuch vom Ludwig Baumgart “Odessa von den russischen Behörden”. Was das genau besagt, kann ich (noch) nicht interpretieren.

Dazu passt ein Fund, den ich schon vor einiger Zeit machte. Es gibt eine Liste der Auswanderer aus Deutschland ins Schwarzmeergebiet 1763 bis 1862. Darin findet man Franz Joseph Baumgart aus Germersheim in der Pfalz, der 1809 nach Taurien ausgewandert sei. Taurien hieß früher die Krim, wo auch später einige Baumgarts nachweisbar sind.

Sollten einige der krimdeutschen Baumgarts wieder zurück nach Polen gewandert sein? Fragen über Fragen…

1828

masel topf
[Quelle]

Es geschah im Dorf Kazuń Polski am 17. Februar 1828 um ein Uhr nachmittags: Er erschien persönlich der Bauer Henryk Gacki, 40, wohnhaft in Brzozówka. Zeugen: Dawid Bomgart, 23, und Jakób Tobur, 30, Bauern, wohnhaft in Brzozówka. Sie bezeugten die Geburt eines Mädchens in Brzozówka, im Haus Nummer 17, am 16. Februar diesen Jahres um acht Uhr nachmittags, von seiner Ehefrau Eufraza (geb. Berata?), 20. Bei der heutigen Heiligen Taufe wurde dem Kind der Namen Ewa gegeben.

Großeltern (?): Jakób Tober und Helena Bomgartowa. Dieser Akt wurde nur von uns ausgefertigt und signiert, weil alle anderen nicht schreiben können. (Danke, Marianne H.!)

Dawid Bomgart (Baumgart) ist einer meiner Vorfahren der matriarchalen Linie. (Vgl. Baumgart, revisited, Was von uns bleibt und Peter aus Podlesche)

Ich vermute, dass die erwähnte Helena Bomgartowa als Großmutter schon im 18. Jahrhundert geboren wurde.

Baumgart, revisited

geheime soldarität

(Quelle: Ostdeutsche Familienkunde, Bd. 14, 44. Jg. (1996), Heft 1 Jan-März 1996, S. 159)

In Nowy Dwór Mazowiecki (dt. Neuhof) bei Warschau wurde mein Großvater mütterlicherseits 1897 getauft. Ich halte es immer noch für unwahrscheinlich, dass die Vorfahren meiner Mutter Mennoniten waren. Die Liste ehemaliger Mennonitenkirchen führt die Gemeinde in Deutsch-Kazun auf. Auf Catalogue of monuments of Dutch colonization in Polen gibt es noch eine alte Karte des Ortes.

By the way: Neu auf meiner Website Ancestry:

Guter Stoff

Dalwhinnie

In der Flasche ist ein 15 Jahre alter Dalwhinnie.

Amtsblatt der Königlichen Preussischen Regierung zu Bromberg

Amtsblatt der Königlichen Preussischen Regierung zu Bromberg

Neu auf meiner Linksammlung Ancestry: Grosspolnische digitale Bibliothek – Amtsblatt der Königlichen Preussischen Regierung zu Bromberg.

Was man so alles findet…(podziękować, Sylwia!) 1835, 1836, 1841, 1856, 1862, 1866, 1874 sollen die Familiennamen Schröder und Rosenke auftauchen. Also muss ich mich jetzt da durchfummeln.

Quellenforschung

bücher

Damit ihr seht, was ich in den letzten Wochen nebenher in meiner “Freizeit” getrieben habe. Es wird noch viel hinzukommen, befürchte ich.

Quellen und Literatur

Abkürzungen: imB = in meinem Besitz

1. Quellen

Adreßbuch für die Stadt Unna einschließlich Königsborn und die Gemeinden (…) Altenbögge (Dorf und Kolonie). (…) Holzwickede (…), Hamm 1911/1912, Archiv der Stadt Unna, auszugsweiser Abdruck Gemeinde Holzwickede, Archiv 08/83 [imB, 1911 Adressbuch Raum Holzwickede.pdf]

Bliss, Winfried: Die Plankammern der Regierung Bromberg – Spezialinventar 1772 -1912, Veröffentlichungen aus den Archiven Preussischer Kulturbesitz, hrsg. F. Benninghoven, H. Koeppen, C. Lowenthal-Hensel, Bd. 16, Wien 1978 [imB, Verzeichnis der Karten im Geheimen Staatsarchiv Preussischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem] [imB]

Brzóska, Tomasz: Deutsche Personenstandsbücher und Personenstandseinträge von Deutschen in Polen – Niemieckie ksiegi stanu cywilnego w Polsce 1898-1945, Berlin 2000 [ImB]

Bussenius, Dr. Ingeborg Charlotte / Hubatsch, Prof. Dr. Walther: Urkunden und Akten zur Geschichte der preußischen Verwaltung in Südpreußen und Neuostpreußen 1793-1806, Frankfurt M. 1961 [imB]

Eberle, Mathias (Hrsg.): Aufbau, Ausbau, Trennungen – Die Entwicklung der apostolischen Gemeinschaften im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, Nürtingen 2009 [imB]

Hubatsch, Prof. Dr. Walther (Hrsg.): Urkunden und Akten zur Geschichte der preußischen Verwaltung in Südpreußen und Neuostpreußen 1779 – 1806, Frankfurt. M. Und Bonn 1961 [imB]

Königlich Statistisches Bureau: Gemeindelexikon der Provinz Posen auf Grund der Volkszählung vom 1. Dezember 1885, in: Gemeindelexikon für das Königreich Preußen, Berlin 1888 [imB, 1888 – Gemeindelexikon_Koenigreich_Preussen.pdf)

Wuttke, Heinrich: Städtebuch des Landes Posen, Leipzig 1864 (Nachdruck 2016) [imB]

2. Literatur

Breyer, Albert: Deutsche Gaue in Mittelpolen, in Ostdeutsche Heimathefte, Heft 4, 1935, Herausgegeben von Viktor Kauder, Verlag Günther Wolff, Plauen
im Vogtland und in: Deutsche Monatshefte in Polen, Jahrgang 1 (11), Heft 10, April 1935, digital: 2006 [inM, ABreyer_DtGaue.pdf]

Broszat, Martin: 200 Jahre deutsche Polenpolitik, München 1963 [imB, auch als 200 Jahre deutsche Polenpolitik.epub]]

Burchard, Dr. W. Theodor: Weichselkolonisten, Deutsche Blätter in Polen 2, Nr. 5, 1925, 278–295 [imB, 1925 – Burchard – Weichselkolonisten.pdf]

Deutscher Bundestag – Wissenschaftliche Dienste: Deutsche Minderheiten in der Zwischenkriegszeit, 2009 [imB, agrarreform_Polen_1925.pdf]

Ellerbrock, Karl-Peter (Hrsg.): Erster Weltkrieg, Bürgerkrieg und Ruhrbesetzung, Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte e.V., Kleine Schriften 33, Dortmund 2010 [imB]

Essen, Jac van: Mein Holland, Amsterdam 1944 [imB]

Gzelak, Jerzý: Quellen zur Geschichte der Euthanasie-Verbrechen 1939-1945
in polnischen Archiven. Ein Inventar, Bundesarchiv 2001/2002, [imB, Inventar_euth_polen.pdf]

Heike, Otto: 150 Jahre Schwabensiedlungen in Polen, Leverkusen 1979 [imB]

Heuer, Dr. Reinhold: Die Holländerdörfer in der Weichselniederung um Thorn, Mitteilungen des Coppernicus-Vereins für Wissenschaft und Kunst, Heft 42, 1934, S. 122-155 [imB, 1934-Hollaenderdoerfer.pdf]

Heydenreich, Regierungsrat Prof. Dr. Eduard: Familiengeschichtliche Quellenkunde, Leipzig 1909 [imB, 1909_heydenreich.pdf]

Hirsch, Helga: Die Rache der Opfer – Deutsche in polnischen Lagern 1944-1950, Reinbek 1999 [imB]

Jansen, Christian u. Weckbecker, Arno: Der „Volksdeutsche Selbstschutz“ in Polen 1939/40, Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, München 1992 [imB]

Kneifel, Eduard: Geschichte der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, Winsen/Luhe 1962 [imB., vgl. GenWiki http://wiki-de.genealogy.net/Geschichte_der_evangelisch-augsburgischen_Kirche_in_Polen, 1961-Geschichte_der_Evangelisch-Augsburgischen_Kirche_in_Polen.pdf]

Kossmann, Dr. Otto: Ein Lodzer Heimatbuch – Geschichte und Geschichten aus Stadt und Land, Hannover 1967 [imB, Nachdruck älterer Aufsätze Kossmanns, überwiegend aus den Jahren 1928-36. vgl. GenwWiki http://wiki-de.genealogy.net/Ein_Lodzer_Heimatbuch]

Kothe, Julius: Das Bauernhaus in der Provinz Posen, in: Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen, 14. Jg., 3. und 4. Heft, Juli bis Dezember 1899, S. 309-322 [imB]

Kotowski, Albert S.: Polens Politik gegenüber seiner deutschen Minderheit 1919 -1939, Studien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund Bd. 23, Wiesbaden 1998 [imB]

Kossmann, Oskar: Ein Lodzer Heimatbuch (Geschichte und Geschichten….aus Stadt und Land…, Roth bei Nürnberg, 1967

Lucas, Erhard: Märzrevolution 1920, Bd. 2: Der bewaffnete Aufstand in seiner Struktur, Frankfurt M. 1983 [imB]

Maas, Dr. Walther: Die Namen der Hauländerdörfer in Polen, 1940 [imB, 1940-Maas – Die Namen der Haulaenderdoerfer in Polen.pdf]

Maas, Dr. Walther: Die Posener Hauländereien 91-126, Deutsche Wissenschaftliche Zeitschrift für Polen, Jg. 1938, Heft 34 [imB, 1938_maas.pdf]

Maas, Dr. Walther: Hauländereien, Holländereien, Deutsche wissenschaftliche Zeitschrift für Polen, Heft 25, 1935, S. 199-211 [imB, Maas – Haulaendereien, Hollaendereien.pdf]

Maas, Dr. Walther: Mittelalterliche deutschrechtliche Orte des Posener Landes und der östlichen Nachbargebiete, in: Zeitschrift für Ostforschung 23, 1974, Nr. 1, S. 59-113 [imB, 1974_maas.pdf]

Maas, Dr. Walther: Zur Siedlungskunde des Warthe-Weichsellandes – Sozialgeographische Betrachtungen, Wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Ost-Mitteleuropas, hrsg. v. Johann Gottfreed Herder-Institut, Marburg/Lahn 1961 [imB]

Maercker, Hans: Geschichte der ländlichen Ortschaften und der drei kleineren Städte des Kreises Thorn, Münster 2006 (1899ff.) [imB]

Mehring, Franz: Deutsche Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, Berlin 1973 [imB]

Müller-Sternberg, Robert: Deutsche Ost-Siedlung – eine Bilanz für Europa, Bielefeld 1971 [imB]

Opgenoorth, Ernst (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Ost- und Westpreußens, Einzelschriften der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung, hg. v. U. Arnold, Bd. 10, Lüneburg 1994 [imB]
– Teil II/1: Von der Teilung bis zum Schwedisch-Polnischen Krieg 1466-1655
– Teil II/2: Vom Schwedisch-Polnischen Krieg bis zur Reformzeit 1655-1807
– Teil III: Von der Reformzeit bis zum Vertrag von Versailles 1807-1918
– Teil IV: Vom Vertrag von Versailles bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1918-1945

Rasmus, Hugo: Pomerellen Westpreußen 1919-1939, München und Berlin 1989 [imB]

Rogall, Joachim: Die Deutschen im Posener Land und in Mittelpolen, Studienbuchreihe der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat Bd. 3, Mainz 1993 [imB]

Rudolf, Dr. Philipp: Aus der Geschichte von Schulitz und den umliegenden Dörfern, Posen 1936 [imB]

Rudolf, Dr. Philipp: Deutsches Schicksal in Schulitz und den umliegenden Dörfern während der Schreckenstage im September 1939, Weichselland 40, 1941, s. 54. 1941 [imB, 1941 – Rudolf – Deutsches Schicksal in Schulitz und den umliegenden Doerfern waehrend der Schreckenstage im September 1939.pdf]

Schmidt, Erich: Deutschtum im Lande Posen, Bromberg 1904 [imB, geschichte_des_deutschtums.pdf]

Johannes Zechner: Natur der Nation. Der “deutsche Wald” als Denkmuster und Weltanschauung, Aus Politik und Zeitgeschichte – Zeitschrift der Bundeszentrale für Politische Bildung, Beilage zur Wochenzeitung “Das Parlament”, H. 49/50, 2017 [imB, 2017-zechner_wald.pdf]

Stand 09.11.2018

Wenn die Liebe nicht wär [Update]

Ich brauche Hilfe beim Übersetzen (sorry für die reißerische Überschrift, aber ich wollte euch anlocken):
1) Ist es denkbar, dass der gesamte Text von einer Person geschrieben wurde oder sind das eindeutig zwei verschiedene Schriften?
2) Was steht unten rechts (schräg) über “am 25.5.21 geschrieben”?
3) Oben “im einsamen Stübchen” ist von meinem Großvater H(ugo) Schröder. Ist der Buchstabe des Vornamens unten rechts etwa ein G oder ist das auch ein H? Wenn es ein G ist, dann wäre die Schrift unten von meinem Urgroßvater Gustav Schröder. Das ist aber unwahrscheinlich, denn Hugo hat das Poesiealbum 1920 geschenkt bekommen und es mit nach Dortmund genommen.

[Update] Ich wurde gerade darauf hingewiesen, dass es wohl ein H in Kurrentschrift sei.

Der Wald ruft

MittenwaldeMittenwaldeMittenwalde

Gleichwie die Stämme in dem Wald
Woll’n wir zusammenhalten,
Ein’ feste Burg, Trutz der Gewalt,
Verbleiben treu die alten.
(1)

Da stand ich im Walde so vor mich hin, dó dâhte ich mir vil ange, wie man zer welte solte leben. Aber letztlich fragt man sich auch: Was soll der Scheiß eigentlich? Einfach mal wieder Waldboden riechen und das Rascheln der Blätter hören und kein Geräusch, was in Kujawien immer noch möglich ist. Man sollte jedoch als Deutscher bei Wäldern aller Art weltanschaulich vorsichtig sein:

Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Ende des Kaiserreiches geriet der “deutsche Wald” für das radikalnationalistische Spektrum noch verstärkt zum Inbegriff organisch verstandener Identität. Außerordentlich aktiv war dabei der 1923 gegründete Deutscher Walde. V. – Bund zur Wehr und Weihe des Waldes, dem es aber weniger um die Bäume selbst als um die Bedürfnisse der Menschen ging: “Kommt, Deutsche, in den Wald hinein und lasst uns alle, alle einig sein!” Klar definiert wurden auch die vermuteten Feinde von Wald und Volk zugleich, vor allem das französische “Schlächtergesindel” und der jüdische “Wüstensprößling”. (2)

Hört, hört! Auf den unteren beiden Bilder bin ich hier, dort, wo der Hof meiner Urgroßeltern war. Das oberste Bild (nach Westen fotografiert) habe ich vom einzigen Bauernhof aus aufgenommen, der heute noch in Dąbrowa Mała (dt. Mittenwalde) existiert (auf der alten Karte unter der 73a).

Wir Deutschen sind von alters her ein Waldvolk gewesen und in unserem innersten Wesen bis heute geblieben. (3)

Ich kann mich an eines meiner liebsten Jugendbücher erinnern; Jan und Sam im Walde von Ernest Thomson Seton und dass ich damals das Wort “hinterwäldlerisch”, das vorkam, nicht verstanden habe.

Der Wald hat also was mit der Romantik zu tun, vermutlich eine reaktionäre, dennoch irgendwie antikapitalistische Romantik. Gut zu wissen.

(1) Joseph von Eichendorff: Der Tyroler Nachtwache. 1810. Berlin 1837.
(2) Johannes Zechner: Natur der Nation. Der ‘deutsche Wald’ als Denkmuster und Weltanschauung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 67.49-50 (2017), 4-10.
(3) O. A., Uns ruft der Wald, in: Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (Hrsg.), Uns ruft der Wald. Ein Buch deutscher Dichter und Waldfreunde, Rheinhausen 1949, S. 7.

Older entries