Unter dem Führerbalkon

Westentorbunker Hamm

Vermutlich wissen weder die Einwanderer in Hamm (Westfalen) noch die Nachgeborenen, was es mit dem riesigen Gebäude in der Nähe des Bahnhofs genau auf sich hat. Ich bilde mich gern auch im Urlaub fort, deswegen fuhr ich da hin.

Meine Mutter hat im Alter von 18 Jahren (1944) ganz oben in Raum 905 gesessen, im so genannten Westentorbunker, viele Male, während Bomben die ganze Stadt in Schutt und Asche legten und Hunderte verbrannten und starben. In Hamm stehen heute noch fünf der neungeschossigen Bunker.

Das Stadtarchiv teilte mir vorher mit, jetzt gehöre der Bunker der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Sitz Dortmund, eine Institution, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Der Tonfall, mit der mir diese Auskunft erteilt wurde, legte nahe, dass ich es gar nicht erst versuchen solle, eine Besichtigung zu beantragen, da noch nicht einmal die Stadtarchivare einen Schlüssel hätten.

Das Motto des Stadtarchivs Hamm, das im Souterrain eines hässlichen Zweckbaus residiert, ist: „Für Ihre Recherche stellen wir alles auf den Kopf.“ Das taten sie auch. Als ich eintraf, lagen schon dicke Folianten mit Bauplänen usw. auf dem Tisch. (Man sollte wissen, dass große Teile des Archivs im Krieg zerstört wurde.)

Westentorbunker Hammstadtarchiv Hamm

Über den Bombenkrieg in Hamm und die Bunker gibt es nur zwei Bücher, die ich mir beide besorgt habe. Karl Wulf: Hamm im Bombenkrieg (2018) sowie ders.: Hamm – Planen und Bauen 1936-1945.

Meine Mutter hat 1943 und 1944 bei Schönherr & Alves (Herren-, Knaben- u. Berufskleidung, wurde ausgebombt) in der Weststraße gearbeitet und musste von dort bei Luftalarmen in den Westentorbunker rennen. Mehrfach gab es Massenpanik, weil hunderte Menschen gleichzeitig in den Bunker flüchten wollten.

Die Hammer Archivare hatten sogar einen alten Stadtplan für mich, auf dem die exakte Lage des Geschäfts zu erkennen war. Es gibt nur ein Foto, das die Weststrasse – mit der Pauluskirche im Hintergrund – kurz nach dem Bombenangriff vom 22. April 1944 zeigt, den meine Mutter miterlebt hat. Auf dem untere Foto ist die Straße heute zu sehen, die Perspektive stimmt nicht ganz. Wo Rossmann ist, war damals Schönherr & Alves.

Weststrasse Hamm

Vor 1940 gab es fast keine Bunker in Deutschland. „Öffentlich geäußerte Vorschläge zu einem umfangreichen und sicheren Luftschutzbau galten bis zu diesem Zeitpunkt als ‚zersetzend‘ und konnten sogar zur Verhaftung durch die Gestapo führen und mit der Einlieferung in ein KZ enden.“ (Wulf: Hamm – Planen und Bauen, S. 93) Hitler ordnete nach dem ersten alliierten Angriff auf Berlin im August ein „Sofortprogramm“ für das Luftschutzbauwesen an. Die Anlagen sollten die gesamte Bevölkerung schützen. Hamm war der größte Eisenbahnknotenpunkt Europas; nur dort wurde der Bunkerbau wie geplant vollzogen. Wenn man die Dokumente studiert, wird man fassungslos: Wie selbstverständlich gehen die Verfasser in ihrem Wahn davon aus, dass „nach dem Krieg“ weitergebaut würde.

Luftschutzmaßnahmen
„Betrifft: Anordnungen des Führers zur sofortigen Durchführung baulichen Luftschutzmaßnahemn“, 13. Oktober 1940″, aus: ebd. (Ausriss)

Der Bunker am Bahnhof von Hamm hat oben eine Art Balkon. Wulf schreibt dazu:
Bunker mit Stilelementen der offiziellen Baukunst. Sie sind durch Gesimse, Konsolenfries, Attikabänder und betonte Eingänge künstlerisch aufgewertet. Einige von ihnen zeigen auch das neben dem Hoheitszeichen wichtigste Zeichen der Herrschaftspolitik: den Führerbalkon, der aber nicht zugänglich ist und lediglich symbolisch die Anwesenheit des Führers dokumentiert.

Luftschutzmaßnahmen

Ich habe das Buch über Hamm im Bombenkrieg mit Spannung gelesen – ein Horrorfilm ist nichts dagegen. Um so ungeheuerlicher ist die Unbelehrbarkeit, mit der sich die Nationalsozialisten und auch die „normale“ Bevölkerung an die Illusion klammerten, Hitlers verbrecherische Krieg würde zum Sieg führen.

Von der schönen Stadt Hamm ist nichts mehr übrig geblieben. Das Foto unten zeigt die Innenstadt bei Kriegsende – der Westentorbunker steht im linken oberen Viertel. Für mich ist es kaum vorstellbar, dass meine Mutter da durchlaufen musste, oft sogar zu Fuß zehn Kilometer bis Bönen, wo meine Großeltern wohnten, weil die Züge nicht mehr fuhren, einmal sogar unter Tieffliegerbeschuss, zusammen mit einer Arbeitskollegin, wie sie erzählte. Dass ich existiere, ist eigentlich ein glücklicher Zufall.

Hamm 1945

Kommentare

12 Kommentare zu “Unter dem Führerbalkon”

  1. flurdab am Juni 5th, 2019 3:22 pm

    Ach Burks, du hattest ebenso wie ich nur das Pech ein „alte“ Mutter erwischt zu haben.
    Mit einem neueren Modell gäbe es diese Erinnerungen garnicht, man darf nicht immer nach hinten gucken, Loths Frau gibt biblisches Beispiel.
    Es gibt eine Reportage die „Kuhlenkampfs Schuhe“ titelt. Darin geht eine Frau der Lebensgeschichte ihres Vaters nach.
    Sehr sehenswert.
    Die psychologischen und sozialen Folgen dieses Krieges wurden bis heute nicht bearbeitet und benannt. Muss man ja auch nicht, waren ja alles Nazis.
    Und nun zurück nach Syrien, Afghanistan, Irak und Jemen.
    Der Profiteur lernt nur was im Vorteil verspricht, die Verlierer haben sich eben nicht genug angestrengt.

  2. ... der Trittbrettschreiber am Juni 5th, 2019 4:12 pm

    Aus welchen Gründen wurde Hamm dem Erdboden gleich gebombt? War es ein Militärstützpunkt, war es Zufall oder einfach nur, wie z.B. bei Dresden ein Würfelspiel?

  3. admin am Juni 5th, 2019 4:18 pm
  4. flurdab am Juni 5th, 2019 5:02 pm

    @ TBS
    Dresden war kein Folge eines Würfelspiels.
    Dresden war die Konsequenz eines „Hausfrauenprinzips“.
    „Mehr vom Gleichen hilft mehr!“
    Da standen unglaublich viele Bomber in England und die hatten Zugriff auf unglaublich viele Bomben, von denen noch immer mehr gefertigt wurden, obwohl das Ende des Krieges absehbar waren.
    Nur die verbrauchte Bombe brachte Profit!
    Also wurde auch Dresden platt gemacht.
    Was mir persönlich an dem „Dresden- Kult“ so dermassen auf die Eier geht, ist die Ausblendung sämtlicher anderen Bombardierungen.
    Köln, knapp 90%
    Wesel 97%
    Schweinfurth, Passau, Nürnberg, Hamburg, Lübeck Berlin etc. etc.
    Haben die Dresdener ernsthaft geglaubt nicht rasiert zu werden?
    Warum?

  5. tvb am Juni 5th, 2019 5:18 pm

    Ohje: Als ich eben las „Dresden ein Würfelspiel?“, dachte ich: Was für eine ******** Frage. Aber da kam ja auch schon die Antwort vom Admin.

    ;-)

  6. tvb am Juni 5th, 2019 5:44 pm

    @flurdab Na klar, das ist echt ärgerlich, dass die Bomdardierungen anderer deutscher Städte ab August 1940 so ausgeblendet werden.

    WTF?

  7. ... der Trittbretsschreiber am Juni 5th, 2019 6:38 pm

    @tvb

    ich habe die Sternchen gezählt – „blöde“ passt nicht „doofe“ auch nicht.
    Nach dem Durchspielen aller nur erdenklichen Kombinationen habe ich mich letzten Endes entschlossen, mich geschmeichelt zu fühlen.

    :-)

  8. flurdab am Juni 5th, 2019 8:06 pm

    Warum haben die Engländer und Amerikaner eigentlich mit den Bombardements nach dem 8 Mai 1945 aufgehört?
    Die Nummer hätten Sie doch bis locker 1955 durchziehen können.
    Material hatten Sie doch ausreichend dafür.
    Soll es an „Väterchen Stalin“ gescheitert sein?
    Oder waren die damals noch nicht so „klug“?

  9. Rano64 am Juni 6th, 2019 9:08 am

    Da meine Eltern ganz in der Nähe leben (in Beckum), habe ich vor Jahren mal ein ausgesprochen spannendes Buch gelesen: „Weitermarschieren, bis alles in Scherben fällt“ oder so ähnlich. Es behandelte die Ereignisse ab dem Beginn des Angriffs, der zur Bildung des Ruhrkessels führte (Operation Plunder), bis zum Kriegsende in Beckum und den umliegenden Städten (Ahlen, Lippstadt).
    Unfassbar, wie viele Menschen immer noch fanatisch weitermachten, obwohl sonnenklar war, dass der Krieg längst verloren war.

  10. altautonomer am Juni 6th, 2019 9:39 am

    flurdab: Ein wenig Nachhilfeunterricht in Geschichte.

    Am 13. Februar geht es den DresdnerInnen – und mit ihnen den meisten Deutschen – nicht um individuelle Trauer, sondern einzig und allein um eine kollektive Opferidentität. Sie verwenden die Bombardierung Dresdens als Symbol für alliierte „Schuld“ und setzen damit die Befreier in Bezug zu den singulären Verbrechen der deutschen NationalsozialistInnen, die bis dato nicht nur einen Vernichtungskrieg angezettelt hatten, an dessen Ende über 50 Millionen Tote standen, sondern auch das gesamte europäische Judentum vernichten wollten.

    Die alliierten Bomber haben den DresdnerInnen am 13. Februar 1945 die banale Konsequenz vor Augen geführt, dass der „totale Krieg“ (Goebbels) der Deutschen eine Antwort der Angegriffenen zur Folge hat. Warum hat das heute so verdammte „moral bombing“ nur bei den Deutschen keine Wirkung gezeigt? Warum haben die Deutschen „bis zum letzten Blutstropfen“ gekämpft, obwohl der Ausgang des Krieges schon lange vor dem 13.02.1945 besiegelt war?

    Wo ist dann allerdings die alljährliche Empörung über die Bombardierung von Guernica, Warschau, Rotterdam und Coventry? Oder über die Bombardierung Serbiens vor nicht einmal fünf Jahren, als die deutsche Luftwaffe ihren ersten Kampfeinsatz nach dem 2. Weltkrieg ausgerechnet gegen ein Land flog, dass bereits im 2. Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht überfallen wurde?

  11. rainer am Juni 9th, 2019 12:13 pm

    …die Bombardierungen von Guernica, Warschau, Rotterdam und Coventry waren mehr oder weniger erfolgreiche deutsche Operationen….warum sollte wir darüber eine alljährliche Empörung veranstalten…..?

  12. ...der Trittbrettschreiber am Juni 12th, 2019 7:22 am

    Ixh habe mich mein ganzes Leben über diesen Volktrauer-Umschalt-Taster in den Köpfen der Menschen gewundert. Ein- oder mehrmals im Jahr nehmen sonst eher grölende und saufende, sich häuslich niedermetzelnde Massen in Designerklamotten eine steife Haltung mit einem gekonnt betroffenen Gesichtsausdruck an und „trauern“, sind empört und geloben mit Stimme, Kunstwerken (Käthe Kollwitz) und Nie-wieder!-Beteuerungen oder Kohle raus Parolen (Reparationen) eigentlich nur die chorisch zementierte Tatsache, dass Krieg kein Versehen ist, das man nicht wiedertun will. Krieg ist meist von langer Hand kalkuliert vorbereitet. Krieg hat auch ein Publikum, das dem Moment, an dem der Vorhang aufgeht, stetig entgegenfiebert (so wie auch heute, z.B. Iran oder damls im Golfkrieg). Der Umstand, dass das Publikum selbst draufgehen wird, scheint niemanden zu stören. Eigentlich ist die Parole „Nie wieder“ ein Synonym für „Immer wieder“. …. Es ist ein Programm….

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