Kasra, revisited

Kasra fayeenKasra fayeen

Kasra at the juncture of the Upper and Lower Fayeen river – views of a virtual city I am actually building in Second Life. #gamedesign #gor #roleplay

Miscellaneous, revisited

Bilwi

Fotografiert in Bilwi aka Puerto Cabezas, Atlantiküste Nicaraguas, 1981. Jetzt habe ich fast alle Fotos aus dem nachrevolutionären Nicaragua online; es fehlen nur noch wenige, die aber nicht viel aussagen. Damals, an einem Sonntag, versammelten sich einige Leute vor unserer Herberge („La Costeña“ – gibt es wohl nicht mehr) und man sagte uns, die spielten ein illegales Glücksspiel, eine Art Bingo, das die Sandinisten verboten hätten. Es war wohl auch so. Aber karibische Stimmung pur.

Ich habe noch mal in meinem Reisetagebuch geblättert, die Schrift verblasst schon.
29.11.1981: Der Kommandant von Leimus (vgl. Die Küste der Miskito, 05.02.2011) glaubt, das amerikanische Volk sei für Nicaragua, nur die Regierung nicht.
03.12. Ein Farbiger warnt uns vor den Spionen der Sandinistas. Die Bewohner der Küste sind den Einfluss eines alles kontrolierenden Staates wohl nicht gewohnt. Den Einreisestempel bekommen wir nach einem halben Tag Wartezeit. Schwierigkeiten haben sie wohl mit dem Datum der Visa und damit, dass einer nicht weiß, was der andere schon gemacht hat. Wir sind offenbar die ersten Touristen nach dem Sieg der Revolution. In der moravischen Kirche wird in Englisch und Miskito gepredigt. Überhaupt sind die Miskito auf dem schmuddeligen Markt sehr freundlich bei Englisch sprechenden Leuten. Der Markt ist verboten für Fahrzeuge aller Art und borrachos.

And now for something completely different oder: Was sonst noch so geschah.

Bei den Ruhrbaronen könnt ihr etwas über die NASA, die Feuer und die Macht der Bilder lesen. „Es ist ehrenwert und richtig, über die schlimmen Brände zu berichten. Zumal sie vermutlich wirklich Folge von Klimawandel einerseits und Bolsonaros Umweltpolitik anderseits sind. Aber wenn man es mit unlauteren Mitteln tut, dann gibt man den Bolsonaros dieser Welt einen weiteren Hebel in die Hand.“ Die NASA bleibt auch sachlich und stimmt nicht in die allgemeine Hysterie ein.

Dazu passt: Ein Wahlhelfer gibt zu, dass er die Wahl in Brandenburg ein wenig.gefälscht hat. Er hat es vielleicht gut gemeint? Ich war bei derselben Wahl Leiter eines Wahllokals in Berlin – bei mir wäre das nicht passiert. Da müssen richtige faule Trottel am Werk gewesen sein. Die Stimmen werden immer drei Mal ausgezählt – und immer von anderen. Jedenfalls, wenn ich das Sagen habe.

And now for something completely different und zu etwas Gutem, Schönen und Wahren. Das Proletariat in Berlin hat einen großartigen Sieg im Klassenkmpf errungen. „Der erste Gesetzentwurf von Lompschers Mietendeckel sieht Obergrenzen ab 3,42 Euro vor – auch für möblierte Wohnungen. Eigenbedarf nur noch mit Genehmigung.“ Die üblichen Verdächtigen haben natürlich Schaum vor dem Mund.

Dazu passt auch ein interessanter Essay der Neuen Zürcher Zeitung: „Macht uns der Computer zu Kommunisten? – Weil der Staat zu wenig Informationen hatte, um den Markt zu steuern, sagt der chinesische Unternehmer Jack Ma. Das sei heute anders. Mit Daten lasse sich jeder Markt beherrschen.“ Geht doch!

Ich verstehe übrigens jetzt, warum Johnson den Brexit ohne Deal will. Der Guardian erklärt es: „…no deal would mean UK did not owe Brexit divorce bill“. Ganz großes Kino. Wenn die Briten nicht bezahlten, dann könnte Resteuropa nur einmarschieren, oder was? Oder die Auslandskonten der Briten einfrieren?

By the way: Das Abo des Guardian habe ich nicht bereut. (Die Washington Post werde ich aber kündigen.) Es gab jetzt die vermutlich erste Straftat im Weltall. Die hatte der Guardian eher als deutsche Medien, die schreiben nur ab.

bstorfer Weltkarte
Credits: Wikipedia/gemeinfrei

Die Ebstorfer Weltkarte kannte ich gar nicht, eine unverzeihliche Bildungslücke.

Ganz klein und dämlich fühle ich mich auch, wenn ich lese: „Physiker haben erstmals Photonen aus der Sonne mit Photonen aus dem Labor verschränkt – über 150 Millionen Kilometer hinweg.“ Wie meinen?

Kasra

Ich muss jetzt weiterbauen 2.0. Die Skyline sieht schon ganz ordentlich aus. Morgen muss ich um 5.15 Uhr aufstehen, also ran ans Werk!

Unter Polygonen, revisited

KasraKasraKasraKasra

Ich habe keine Zeit zum Bloggen und muss das Publikum leider daher wiederholt mit politisch irrelevanten Polygonen belästigen.

Mein Avatar besichtigt gerade mein sein neues virtuelles Hauptquartier, das ein bisschen zu protzig ausgefallen ist – aber man gönnt sich ja sonst nichts. Ich bin einigermaßen im Plan, aber ab jetzt, da die meisten Gebäude stehen, wird es extrem fummelig bei den Details. Ganz unten der Hauptplatz der virtuellen Stadt, die ich gerade baue. Mein Avatar sitzt nicht traurig herum, sondern wird vom Animations-Skript in der Sitzbank zu der Stellung gezwungen. Viele Pflanzen und weiteres Dekorationsmaterial fehlen noch.

Unter Polygonen

Kasra

Die virtuelle Sache nimmt architektonische Gestalt an und wird ab Oktober auch ein eigenes Blog haben. Das ist auch gerade die Entschuldigung dafür, beim Bloggen unstetig zu sein.

Zeitreisen

afghanistan houseiraq house
Screenshots: Second Life Marketplace

Doktorarbeit, Anthropologische Fakultät, Volksuniversität Berlin (vormals: „Freie Universität Berlin“), im Jahr 2119: „Imperialistische Kriege im nahen Osten Anfang des 21. Jahrhunderts und deren ästhetische Widerspiegelung in virtuellen Welten, unter besonderer Berücksichtigung der ehemaligen Nationalstaaten Afghanistan und Irak“.

Das erinnert mich an einen der besten SciFi-Romane aller Zeiten: Wolfgang Jeschkes Der letzte Tag der Schöpfung. Dort sinnieren die Protagonisten über mögliche Versionen verschiedener Zukünfte; in einer ist Israel Mitglied der NATO und schickt schwer bewaffnete Soldaten in die Vergangenheit. In einer anderen Zukunft gibt es nur ein großarabisches Reich an derselben geografischen Stelle. Der Held begegnet in seiner „Gegenwart“ (in der fernen Vergangenheit) einem einsamen Krieger in einem Rauschschiff, der unter der Flagge des Vatikan mit den Bösen aufräumt. Einfach nur großartig zu lesen.

Everything simplified, miscellaneous and kafkaesque

Brexit
Source: Pulse of Europe – Canarias

By the way: Greta Rackete heißt jetzt Maria-Jeanne d’Arc. Ganz wenig Likes auf Fratzenbuch – entweder ist die Pointe zu schwer zu verstehen oder alle missbilligen meine suggestive These, bestimmte Frauentypen seien die Basis für moderne Massenhysterie im Sinne Le Bons und Elias Canettis.

Ich hatte viel zu tun in den letzten Tagen, auch die zwei drei Sims sind noch nicht fertig, ja, der Bau hängt im Plan zurück; im Vergleich zum Stand von vor acht Tagen hat sich aber viel getan – ich habe jetzt und mittlerweile auch eine gesamtarchitektonische Idee.

secondlife

And now for something completely different. Lesebefehl vom Schockwellenreiter: Culture and Cognition – Essays in Honor of Peter Damerow (Open Source). Nur für Kaltduscher.

Miscellaneous: The Guardian: Schoolchildren in China work overnight to produce Amazon Alexa devices. Friedrich Engels hätte seine wahre Freude daran.

Der Europarat stellt der deutschen Regierung ein vernichteten Zeugnis aus beim Kampf gegen Korruption. Zitat aus dem Tagesspiegel:
Auch die Anzeigepflichten für Abgeordnete gehen den Experten nicht weit genug. Sie sprechen sich insbesondere dafür aus, dass Parlamentarier ihre Unternehmensbeteiligungen auch dann angegeben müssen, wenn sie unter dem derzeit für die Offenlegung geltenden Mindestanteil von 25 Prozent liegen. Beim Thema Offenlegungspflichten wirft der Evaluationsbericht dem deutschen Parlament sogar eine „Blockade jeglicher künftiger Reformen“ vor. Schon klar.

Da wir gerade dabei sind, genau hinzusehen, wo es gewaltig stinkt –
Telepolis: Scharfe Kritik an der ARD. Mit dem Filmbeitrag „Krankenhäuser schließen – Leben retten?“ soll der beitragsfinanzierte öffentlich-rechtliche Sender Werbung für die Studie der Bertelsmann Stiftung betrieben haben. Was ist dran an dem Vorwurf? Alles. Was zu erwarten war.

And now for something completely different. In China fahren die Züge bald 400 km/h schnell. Deutschland setzt weiterhin auf stinkende Privatautos und Flugzeuge für Kurzstrecken. Flughäfen zu Wäldern oder so!

Ich empfehle einen nüchternen Artikel im Tagesspiegel – ein Interview mit Christian Walburg): Was genau ist Ausländerkriminalität? „Kein Hintergrund bestimmt uns einfach. Das müsste man nur noch so popularisieren, wie Donald Trump redet. Wenn man da Katja Kipping oder verklemmte Sprachblasenfacharbeiter ranlässt, versteht das niemand oder das Volk wendet sich mit Grausen ab.

Es gab ein großes Hallo im Antideutschen-Forum auf Fratzenbuch. Die Ruhrbarone titeln: Liebe Amerikaner, lasst uns mit diesen Deutschen nicht alleine! Richtig: Linkspartei, AfD, SPD – gleich drei große Parteien stehen für einen antiwestlichen Nationalpazifismus. Falsch: … die USA sind das intellektuelle Zentrum der Welt. Immerhin kann man über die Thesen wunderbar diskutieren.

Washington Post: Israel unveils Franz Kafka’s papers after a legal battle that was, well, Kafkaesque. Schön zu lesen.

Auf Empfehlung eines Lesers: Knuttis grüner Schatten. Ein einziger Autor verfasst auf Wikipedia praktisch im Alleingang die Einträge zu «Klimaleugner», «Energiewende» und «Reto Knutti» . Widerspruch duldet der Vollzeit-Wikipedianer nicht. Hinter dem anonymen Vielschreiber versteckt sich der Aktivist Andreas Lieb. Wer bezahlt ihn? Gute und einzig richtige journalistische Frage. Wieder ein Argument mehr, Wikipedia auf Deutsch bei politischen Fragen nicht ernst zu nehmen.

Einen habe ich noch. Wenn schon Wodka, dann einen, der im Dunkel leuchtet.

Simdesign

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Im August werde ich wohl kaum zum Schreiben von Büchern kommen. Ich wurde beauftragt, drei (Gor-) Sims in Second Life zu bauen – also ein Environment für Fantasy-Rollenspieler. (Lektüre für deutsche Ignoranten und Bedenkenträger: Returning to Second Life). Die Auftraggeberin, die in Texas lebt, zahlt monatlich rund 500 Dollar, um die drei Sims zu unterhalten. (Es gibt andere Hobbys, die ähnlich teuer sind.)

Am Anfang ist alles wüst, platt und leer, und nur der Geist des Gamedesigners schwebt über den Wassern. Oben kann man zwei Sims am „Boden“ erkennen, ich bin noch beim Terraforming. Über der Sim habe ich eine temporäre Plattform eingerichtet, auf der ich vorab einige Gebäude platziert habe, die ich später unten verwenden will. Der Client, den ich verwende, erlaubt natürlich das Heran- und Herauszoomen.

Aktuell arbeite ich am Tunnelsystem. das aus Mesh-Bausteinen besteht (die ich aber kaufe und dann modifiziere – für das fucking manual von Blender hatte ich immer noch keine Zeit).

Der Screenshot in der Mitte zeigt Details des Clients beim „Bauen“. Ich habe zehn Jahre Erfahrung damit und lerne immer noch. Darunter das Ergebnis – eine Art Säulenhalle (es ist zu kompliziert, den Zweck einer Skybox auf Gor-Sims zu erläutern).

Anfang September ist „Eröffnung“. Ich hoffe, ich werde rechtzeitig fertig sein.

Ianda

Ianda

Eine (Mit-)Spielerin (aus Brasilien) in Second Life (Gor) hat auf Facebook ein Album mit mehr als 70 Fotos erstellt, die die virtuelle Stadt Ianda zeigen. Ianda habe ich 2016 für Rollenspieler bzw. deren Avatare gebaut. Die Stadt besteht aus ca. 20.000 Polygonen mit jeweils rund sechs Oberflächen, die jeweils andere Texturen habe.

Für Ianda brauchte ich ungefähr einen Monat Arbeit, täglich jeweils mehrere Stunden. Das ist natürlich ein Hobby – die Bezahlung steht in keinem Verhältnis zur Arbeitszeit.

Der ausgewählte Screenshot zeigt einen Teil des Stadttores mit Steckbriefen: Wer die gezeigten Avatare fängt, tot oder lebendig, bekommt von mir eine (virtuelle) Belohnung. Die Spieler kamen mir irgendwann in die Quere oder wollten mir (vergeblich) ans (virtuelle) Leber.

Avatare sehen dich an, reloaded

avatar

Ich muss vier Tage 12 Stunden arbeiten, vielleicht komme ich nicht dazu, etwas Substanzielles zu bloggen.

Avatarinnen schauen dich an

avatarin

Ist natürlich ein Mesh-Avatar. Die sind schwierig herzustellen.

Avatarinnen schauen Dich an, reloaded

avatar

Avatare sehen dich an, revisited

avatar

In anderen Welten sehe ich ganz anders aus (nur nicht blau).

Leitend, reloaded

STA meeting

Virtuelles Treffen der virtuellen Southern Trade Alliance in der virtuellen Stadt Esalinus samt einschlägigem virtuellen Medienbericht.

Ich (links, gestikulierend) leite die Versammlung. Irgendwie habe ich ein Faible für das Leiten – in allen bekannten Welten.

Andere über mich

avatar

Ich weiß nicht, warum ich gerade so etwas posten muss; vermutlich, weil ich Liebeskummer habe. So etwas kommt vor.

Ist ein Avatar so, wie man selbst ist? Meine Theorie, metaphorisch gesprochen: Nein, das gelingt niemandem. Hier also das, was andere Avatare in Second Life über mich sag(t)en:

[15:19[15:19] Kronn Zessinthal: I never met a man with so many enemies

[05:28] Stuart McKeenan: i know you are a stubbornmule with a dominant attitude, no matter what you do. but i also know you know your stuff.

Mein Avatar reitet da übrigens im Sandsturm in der Tahari-Wüste auf einer Kaiila. Das wäre jetzt auch ganz nett, in der Negev oder Gobi, ich hasse Kälte.

Motto: 5th Aphorism of the Codes: „When you would hunt, hunt as the sleen hunts. Tenacious, silent, and without mercy.“

„Know your enemy and know yourself and you can fight a thousand battles without disaster.“ (Sun Wu Tzu)

Catedral Metropolitana

Catedral Metropolitana

Die Kathedrale von Guadalajara, Mexiko (1981).

Die gab es auch als virtuellen Nachbau in Second Life – ich vermute, ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der davon Screenshots hat.

Improve your Avatar!

virtual cock second life

Screenshot aus Second Life, 2007.

Holy Shit!

Die spätkarolingische Georgskirche in Second Life 2009

Die Evangelen benutzen jetzt einen „Segensroboter“. Er heisst „BlessU-2“ und ist ein ehemaliger Geldautomat. Kann man sich gar nicht ausdenken, sowas.

Da fällt mir ein, dass ich noch einmal Marcel Mauss‘ Theorie der Magie durchblättern wollte.

How well do you respond to criticism?

firestorm

Ich musste gerade online eine kleine Prüfung ablegen, weil ich mich für das Support-Team des Firestorm-Viewers beworben habe. Die Fragen fand ich lustig:

Frage: What’s the first thing to do when someone asks a question?
Antwort: I tell him that the question is great. :-) Seriously: I need to make sure that I understood the problem properly.

Frage: Someone (not a support team member) who answers a support question with bad advice or wrong information?
Antwort: Audiatur et altera pars.

Frage: Someone seeking help who responds to your followup questions and suggestions in an aggressive and defensive manner?
Antwort: I tell him: Don’t solve the question of guilt, solve the problem.

Frage: Someone seeking help who is polite but doesn’t understand your suggestions?
Antwort: I tell him to be patient, because I made all mistakes already when I was new in Second Life. I understand his feelings.

Frage: How well do you respond to criticism?
Antwort: Depends on the criticism.. :-) The users need support, but the support do not need users. That should be clear if nothing else works.

Frage: Describe a time when you had to admit to one or more people that you were wrong about something. How did you feeling while doing it? How did it work out? Would you be comfortable doing that in a public context?
Antwort: I’ve been experiencing drama for 10 years in role playing communities. I have been a moderator for roleplay for eight years. It can’t get any worse. :-)

Business in disguise

gor

Auch Avatare müssen über Geschäfte reden, meiner (rechts, in meinem virtuellen Büro in Ianda) plaudert gerade mit einem als Kaufmann verkleideten Killer, der wichtige Informationen brachte #rollenspiel #secondlife #gor

Phantasus, revisited

Dieser Artikel erschien in leicht veränderter Form in Pl@net im November 1996 (!). Die Pl@net, das erste deutsche Internet-Magazin, wurde 1997 zu Internet Professionell. Das Thema: Die virtuelle Welt Phantasus alias „Worldsaway“ alias „vzones“. Virtuelle Welten, die mit Avataren bevölkert waren – wie heute Second Life -, gab es also schon vor fast zwanzig Jahren. (Vgl. spiggel.de, 26.02.2007: „Kein Ort. nirgends“) Es gibt nur noch sehr wenige Screenshots von Phantasus aka WorldsAway aka Dreamscape. Ich habe Phantasus 1995 auch via Compuserve gespielt.

Ave Avatar! So nannten sich die indischen Götter, die die Menschen aufsuchten. Gliedmaßen, Köpfe und Körper suchen sie sich nach Gutdünken aus. Die Erdlinge sollten sich in der Illusion hingeben, die Götter seien wie sie, so wie der heutige Avatar angeblich dem realen Menschen ähnelt.

Am Anfang ist der Avatar allein und so ungünstig gekleidet wie der Terminator bei seiner Ankunft in der Gegenwart. Nicht nackt, aber in häßliches Dunkelblau gewandet, auf den Planken eines virtuellen Schiffes, das auf dem Meer dahindümpelt. Der Körper schmächtig, aber im Profil mit dem Robbenbaby-Effekt ausgestattet, Kulleraugen und Schmollmund. Ein bißchen dümmlich und hilflos blickt man noch namenlos in die knallbunte Welt. phantasus

Der Neuling trampelt per Mausklick ein wenig hin und her, dreht sich, schlenkert mit den Armen, winkt dem Alter Ego vor dem Bildschirm zu, hopst versuchsweise auf und ab und wartet auf etwas Aufregendes, Seejungfrauen oder ähnliche Ungeheuer. Nichts passiert, nur, daß man zwangsweise auf die Uferpromenade verfrachtet wird und sich entscheiden muß, ob man in Zukunft Männchen oder Weibchen sein will.

Drei Körper stehen pro Geschlecht zur Auswahl: schlank, athletisch oder dick, ganz wie im wirklichen Leben. Wer Mann ist, neigt spontan zur Schwarzenegger-Variante oder, wenn man Computer-Freak ist und ehrlich sich selbst gegenüber, mehr zum leptosomen Typus, der leicht vornübergebeugt daherschlurft. Athletische Frauen haben den Männern etwas voraus: Sie können sich, wiederum per Mausklick, eine kurze Zeit in die Lüfte erheben und schweben, mit den Armen ausgestreckt flatternd, über dem virtuellen Erdboden.

Fast wehmütig habe ich mir meinen ersten Screenshot auf den Bildschirm geholt: „This is my first minute as an Avatar…“ sagt das blaue Männchen unsicher zu sich selbst. Hinter ihm wartet ein weiteres blaues Männchen, das beim Anklicken seine Identitätsnummer ausspuckt, 2735, auch ein Neuling. Das Ambiente in sanften Farben, ein paar Säulen, die an nichts erinnern In fast unendlichen Weiten blaue Berge Fußgängerzonenkompatibles Kleinpflaster. Und natürlich die anderen, wegen derer man Phantasus betreten hat und mit denen man chatten will. Ein athletischer Kerl mit Birne auf dem Kopf und Schiffchen unter dem Arm. Eine schwarzgelockte Schönheit mit weiblicher Fußstellung, also nicht so breitbeinig wie die Männer. Dafür kann sie nichts, aber die Programmierer, die sich diesen interaktiven Comicstrip ausgedacht haben. Alles hat seine Ordnung.

Aber vielleicht ist die junge Schöne keine Sie, sondern ein ältlicher Er? Und das schmächtige Hutzelmännchen, das sich soeben etwas ruckelnd von links ins Bild schleicht, im wahren Leben Kate Moss oder Linda Hamilton? Die Phantasie darf schweifen, aber nicht zu ausschweifend. Außer Winken, Hopsen, Achselzucken und den Mimik-Varianten Trauer, Frohsinn, Wut und „Normal“ ist nichts vorgesehen, nur reden, reden, reden. Die Worte schweben als eckige Sprechblasen über der Szenerie. Ein ideales Betätigungsfeld für die frauen- und männergruppengestählten neuen Mittelschichten.

Und warum sollte ich etwa Herren mit Froschköpfen, Damen mit Katzenschädeln oder den Typen mit dem Astronautenhelm anquatschen? Den Fischkopf, der ausnahmsweise nicht aus Hamburg, sondern aus München stammt? Oder den, der einen Computer statt Kopf auf den Schultern balanciert? Oder einen Ghettoblaster? Ein Psychologe wüßte interessante Fragen zu stellen. Rollenspiel? Regression? Ich bin wieder ein Kleinkind und alle sind lieb zu mir! Streichle mich! Ich bin eine Maschine und funktioniere prächtig! Ich werde bewundert, weil ich einen Kopf trage, den niemand trägt! Den niemand sich leisten kann! Mein Rasenmäher ist der schnellste!

Wer die Regeln und Rituale einer fremden Welt nicht kennt, bewegt sich mißtrauisch und vorsichtig. Wer weiß, ob nicht irgendwo eine virtuelle Gottheit lauert, die unbotmäßiges Verhalten mit Dematerialisation bestraft oder allzu kecke Neulinge an unfreundliche Orte beamt? Also tastet man sich vor in Phantasus und erreicht den Eingang des Jungle Parks. Auch dort lungern diverse Gestalten herum, die sich in englisch unterhalten. Smileys tauchen auf und ab. Wer neu kommt, wird angewinkt. Hello, hallo, hi. Park your Butt, Newbie! Hinsetzen funktioniert nicht, ist also nur metaphorisch gemeint. We’re having a helluva time! Oops. Gobsmacking!

Das „umwerfend“ ist leider nicht auf mich gemünzt, sondern auf eine schlanke Dame, die soeben materialisiert. Ganz in rot, blonde Löckchen, mit geheimnisvoller Kapuze und schwarz umrandeten Augen wie die Panzerknacker-Bande. Die will mir etwas zeigen, ein Geheimnis, sagt sie per ESP. Das ist so etwas wie „personal mail“, eine Nachricht, die niemand außer mir lesen kann. Wie heißt das Fräulein? Mausklick. „Headhunter Temptress.“ Nomen est omen? Schon fordert sie mich auf, meinen virtuellen Kopf auf den Fußboden zu legen. Anklicken und „put on the floor.“ Denkste. Die will doch etwas anderes als mir ihre digitalisierte Briefmarken oder etwas Pikanteres zu zeigen. Ich lasse meinen Kopf dort, wo man ihn am ehesten erwartet. Headhunter Temptress verwandelt sich in einen „Geist“, eine winzige Wolke am Bildrand, in deren Mitte ein Auge blinzelt.

Bald begegne ich anderen blauen Neulingen, deren Hals kopflos im Nichts endet. Also gibt es auch in WorldsAway das Böse, das zu unserem edlen Charakter gehört wie der Schatten zum Licht. Zeit, sich einen Namen zu geben und zu machen! Doch wie? Der Mitmensch und Avatar an sich ist hilfreich und gut und beantwortet diesbezügliche Fragen, ja, die betreffende Ente in gelben Hosen erklärt sich bereit, den Weg zum Tempel zu zeigen. Wohin des Wegs, müder Wanderer? Berlin, Germany. I’m from California. Oh, nice. Mr. Bill Gates, I presume? Fröhliches Smiley. My name is Angela. A female Duck, eine Überraschung inmitten der netzsurfenden Männergruppen. How old are you? Twentytwo. Könnte meine Tochter sein. I’m just the double oder wie heißt das noch mal? Darf man online The Advanced Learner’s Dictionary for Current English benutzen? Das ist also chatten.

Der Tempel, ein leicht esoterisch angehauchtes Gebäude, das mit antiken Vorbildern architektonisch so viel zu tun hat wie das Hauptquartier der Mormonen mit der Akropolis. Die Ente zeigt das Buch der Bücher, in dem sich jeder Avatar mit einem Pseudo verewigt. Sunray Dream Keeper. Big Kahoona. Duckolyte Sr. Wing, Doc Moriarty, Mischi, Thomas, Perry Rhodan und Vagabund. Alien 1, Kiwi-Schokoline, Crusader Obi, Ronny und Cloachrd. Ich heiße jetzt ganz profan Burks. Und bald werfe ich meinen Kopf in den Recycling-Automaten. Für ihn bekomme ich eine Handvoll Tokens. Für eine Handvoll mehr kaufe ich mir in einem Automaten einen braungebrannten und bärtigen Fakir-Schädel. Zu dem paßt der leptosome Körper. Wo gibt es nur schwarzes Spray für Hemd und Hose?

Was machst Du denn so, Avatar? Avatare spiegeln die reale Welt und nichts anderes als die. Wer glaubt, ein weiblicher Körper in einer virtuellen Stadt wie Phantasus verwandle einen in eine Frau, der weiß nichts von Frauen. Aus einem Puttchen am PC wird trotz athletischem Avatar keine Emanze. WorldsAway lebt von der Illusion, zweidimensionale bewegte und sprechende Bildchen könnten irgendetwas mit dem realen Leben zu tun haben. Weit gefehlt: Kommunikation per Chat funktioniert wie alle andere Formen der Kommunikation auch. Man nimmt nur das zur Kenntnis, was man schon kennt und das redundante Weltbild nicht irritiert.

Von wegen Rollenspiel: Wer in virtuellen Welten plaudert und chattet, macht nur soziale Geräusche, deren Erfahrungswert dem eines traditionellen Kaffekränzchens oder Stammtisches gleicht. Dafür sorgt schon die infantile Sprache. Man muß schon lange suchen, um in Phantasus einen ganz normalen deutschen Satz, womöglich durch Kommata unterteilt, zu finden. Einwand: Eine Million Fliegen können nicht irren. Chatten ist eine der beliebtesten Beschäftigungen der Netzgemeinde. Die Wirklichkeit spielt ihrer virtuellen Widerspiegelung einen Streich. Man lernt sich online kennen, verliebt sich sogar in das, was der andere sagt, verspürt das Bedürfnis, sein gegenüber kennenzulernen. Das funktioniert aber so gut wie nie. Man lebt von der Hoffnung und der Hand im Mund.

Avatar-Treffen, wie sie in der RW (Realen Welt) stattfinden, sind nicht mehr oder weniger als ein Kegelabend von Kaninchenzuchtfreunden, die sich über ein gemeinsames Hobby kennenlernten. Und behaupte jemand, die Zucht von Karnickeln und die damit verbundene menschliche Interaktion sei sozial weniger wertvoll als eine Versammlung von Computer-Besitzern, die – als Comic-Strip-Figur – online gemeinsam Bingo gespielt haben! phantasus

Apropos: Aktiver als Chatten ist das gemeinsame Spiel im Spiel. Wer das fucking englische manual der bingo.exe aus der Forums-Bibliothek verstanden hat, kann so sein virtuelles Konto auffüllen.. Dem unbedarften Neuling passiert es, daß er soeben mit Mühe vom Geist zum Avatar materialisiert ist, weil nicht mehr als sieben Figuren auf einen Screen passen. Statt eines Gesprächs der Anwesenden erscheinen kryptische Zahlenkürzel, N-43, O-69, N-35, B-15. Wenn er Pech hat, fordert ihn jemand höflich, aber bestimmt auf, schleunigst wieder zum Geist zu werden, weil man das Spiel verlangsame. Das ist Bingo. Ähnlich niveauvoll, der Name sagt es, kann sich jeder an Trivial Pursuit beteiligen, auf deutsch oder englisch. Oder Ghostracing: Wer am schnellsten vom Geist zum Avatar materialisiert oder umgekehrt oder von einem Ort an Phantasus zum anderen gelangt. Die Teilnehmer versammeln sich anschließend zum Gruppenscreenshot.

Überhaupt die Deutschen. Die sorgen für Kultur. Der deutschsprachige „Traumbote“ ist die meistgelesene Zeitschrift in WorldsAway, erstellt von Idealisten und Idealistinnen, mit einer größeren Auflage als der „offizielle“ englische „Clarion“. Der „Traumbote“ bietet alles, was ein Vereinsblättchen braucht und was die positiven Vibrations der Leser garantiert. Lesen und gelesen werden: Was ich neulich erlebt habe. Steckbriefe der bekannten Diebe. The Yellow Pages. Stadtführung für Neulinge. Veranstaltungskalender: Demnächst Lesung mit dem berühmten Gedicht „Ode-to-your-Head“ „Ich suche eine liebe (!) Partnerin für eine WG. Allein kann ich mir nur ein Zimmer leisten.“

Gemeint sind die virtuellen Zimmer im neuerrichteten Gebäude gleich hinter dem „Magic Shop“. Die Miete ist nicht von Pappe und wird vom Token-Konto abgezogen. Wer sich nicht lange genug in Phantasus aufhält, goes to Moscow (wird gepfändet). Man verdient Tokens, die Währung in WorldsAway, automatisch, ohne den Finger rühren zu müssen, pro Stunde Aufenthalt, aber nicht als Geist, sondern als Avatar. Manchmal trifft man einen bewegungslos vor sich hin starrenden Avatar, der auf keinerlei provokative Anmache reagiert. Richtig vermutet: Das wahre Selbst der Figur verlustiert sich anderweitig und läßt sein virtuelles Ich durch bloßes Dasein in Phantasus Tokens horten. Mehrere Token-Automaten stehen in WorldsAway herum und spucken die goldigen Münzen aus.

Wer Geld hat, staffiert sich aus. Im NuYu und im U-Mart warten Automaten mit neuen Köpfen, Utensilien, die man in Kisten verpacken und mit sich herumtragen kann, Spraydosen, um Teile seine Körpers in allen Farben des Regenbogenspektrums zu färben, und unnützer Schnickschnack wie Teddybären. Je seltener die Gegenstände sind, um so mehr gewinnen sie an „Wert“ und um so höher werden sie bei virtuellen Auktionen eingeschätzt. Kleine Lektion Spätkapitalismus gefällig? Da will jemand für einen extrem originellen Rosenkopf 1800 Tokens. Das sind 30 Stunden online, „die kosten mich sage und schreibe 105 echte Deutschmark“, schreibt ein Avatar verbittert.

Die fleißigen Deutschen sind nicht so beliebt wie sie selbst meinen. Natürlich bleiben die amerikanischen Avatare höflich und korrekt, aber lieber unter sich. Schon wieder haben die Krauts die Mehrheit. Bloß weg hier. Drei aus Florida „ghosten“. Wahrscheinlich haben sie sich im Starway-Cafe verabredet oder im Meditation-Park. Germany? I’m from Great Britain. Don’t like Huns. We win every war against you. – And Falkland? Shut up. Weg isser.

Wo bleibt das Abenteuer? Das schleimige Monster, das hinter der Stahltür lauert und sich mit Gebrüll auf einen stürzt, wenn man als virtueller Krieger ahnungslos um die Ecke biegt? Will ich per Computer das erleben, was ich sonst auch erlebe? Oder haben sich Chat-Foren die ausgedacht, für die die mittlere Beamtenlaufbahn der ultimative Thrill ist? Der frisch eingeführte Kopf des Tyrannosaurus Rex ist the most popular bei neuen Avataren. Schön gruselig. Einmal jemand sein, vor dem die anderen Angst haben. Oder das Gegenteil: Ausleben des Krankenschwester-Syndroms. Diese Avatare lauern nur darauf, daß ein Newbie, wie die Neulinge genannt werden, auftaucht, um den mit gut gemeinten Ratschlägen und Warnungen zu überschütten. Du kannst mich in deine Freundesliste aufnehmen! Danke. Oops.

Kennst du die Golden Handcuffs-Technik? Eine der befreundeten Avatarinnen will dir ein großes und rotes Herz zeigen, eines der seltensten Dinge in Phantasus, im Wert vergleichbar nur mit der legendären One-Pence-Briefmarke. Das hat sie anläßlich der „Ladies Night at the Duckolyte Auction“ erstanden, 11. September 11 art 6pm Pacific Time. Dazu muß sie die Kiste, die sie unsichtbar mit sich trägt, auf den Boden stellen. Dort ist die dem Zugriff der bitzschnell materialisierenden diebischen Geister schutzlos ausgeliefert. Einem Räuber, der etwas ergreift, kann man das nicht mehr abnehmen, und erst recht nicht, wenn der sich im selben Augenblick in ein Wölkchen verwandelt. Also ein Trick: Du nimmst eine deiner Tokens in die Hand. In dem Augenblick, wenn die Freundin die Kiste virtuell abstellt und ein Dieb auftaucht, wählst du per Mausklick die Option „give Token to“. Der Bösewicht kann nur einen Gegenstand auf einmal greifen und steht nun mit vollen Händen da, während die Freundin des Herzens ihre Kiste wieder greift. Nur dein mickriger Token ist weg.

Avatar Claudy hat schon einen Hilfsfonds für diejenigen gegründet, die Opfer eines „Inworld“-Verbrechens“ geworden sind, ein virtueller „Weißer Ring“, der dem Initiator ein garantiert gutes Gewissen verschafft. Das Gute siegt, auch deshalb, weil die Phantasie-Welt nicht ohne soziale Hierarchie auskommt. Da gibt es „Acolyte von Morpheus“, die immer die Wahrheit sagen und die sich nicht imitieren lassen, Kymer Guardians, die Ermahnungen aussprechen und Verfehlungen notieren, ein besonders bei den deutschen Avataren begehrter Job, Sunray Knights und Helpolytes.

Und „Geistliche“, die Trauungen vornehmen, nach selbst erfundenen Ritualen und ohne Ansehen des realen Geschlechts. Screenshots der digitalen Einladungen und der Heiratsurkunden von Duckolyte Ropes und Princess Di in der Forums-Bibliothek gratis erhältlich! Vagabond und Aphrael werden ihre Verlobung im Turf (Wohnhaus) X-Bies Club feiern! „Von dieser Stelle aus wünsche ich, Mivo, der einzige deutschsprachige Acolyte im Dreamscape, den beiden alles Gute, und mögen sie den Traum ab nun gemeinsam träumen!“ Nächste Sprechstunde für Probleme Freitag 20 bis 21 Uhr MEZ im Kaminzimmer des Turfs. phantasus

Avatare, die Chat-Foren wie WorldsAway gegen den Rest der realen Welt verteidigen, meinen, auf der virtuellen Spielwiese etwas lernen zu können: Wer sich ungehörig benimmt („nice breasts“ per ESP), gegen den kann man kaum etwas ausrichten. Virtuelle Faustschläge sind genausowenig möglich wie ein Kuß. Also, so könnte man vermuten, muß sich jeder Teilnehmer des Chat-Forums überlegen, ob es nicht zivilisierte Formen gibt, Druck auszuüben, daß die Bösen resozialisert werden. Nur ist auch das eine Illusion. Wer es darauf anlegt, gegen die Phantasus-Nettiquette zu verstoßen (kinderfreundlich, no sexual harrasment) und endlich, nach mehrfachen Ermahnungen, von den Machern ins virtuelle Nichts geschleudert wird, der taucht einfach unter anderem Namen am nächsten Tag wieder auf. Gewalt ist sprachlos und stellt eine soziale Hierarchie auf eine Weise her, die den alles verbalisierenden Netz-Sozialarbeitern nicht zugänglich ist. Wer chattet, wird nicht mehr oder weniger gewalttätig als er schon war.

Und auch die Gefühle ändern sich nicht. Ein stotternder Jüngling, der es nicht wagt, seine Madonna in einer Bar anzusprechen, kann das per chatten üben. Aber das Stottern verlernt er dadurch nicht. Eine virtuelle Welt bevölkert sich mit genau den Charakteren, die man im realen Leben findet Es tauchen Leute auf, die sich sofort für den Job des Vereins-Kassenwarts bewerben. Frauen unterhalten sich über ihr Outfit und sonst gar nichts. Frankfurter tauschen mit Kölnern per Rechner in Houston die neuesten Bundesliga-Ergebnisse aus. Da findet man in zwanzig Sekunden „Freunde“, die nett daherplaudern und tunlichst verschweigen, daß sie zuhause ihre Gattin verprügeln. Mag sein, daß es ein Edeka-Filialleiter aufregend findet, mit einem Amerikaner übers Wetter in Ohio zu reden. Aber trotzdem ist das nicht zu vergleichen mit der warnenden Meldung des Rückenmarks, wenn man auf einem 60 Meter hohen Kran steht und sich am Gummiseil in den Abgrund stürzen will.

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