Im Auftrag oder: Bürgerliche und andere Presse

sabotierte Wirklichkeit

Habe gerade Marcus B. Klöckners Buch Sabotierte Wirklichkeit: Oder: Wenn Journalismus zur Glaubenslehre wird gelesen. Auch wenn man schon Ähnliches zum Thema konsumiert hat, sollte man es kennen.

Ich schrieb am 03.01.2019: „Uwe Krüger zum Beispiel behauptet in seinem Buch Meinungsmacht – Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten, dass die Mehrheit der Journalisten die Sicht der herrschenden Klasse übernehme. Ich gehe sogar weiter: Mehr als 95 Prozent aller deutscher Journalisten haben sich mit dem Kapitalismus nicht nur arrangiert, sondern halten ihn für das teleologische Ziel der Geschichte. Danach kommt nichts mehr, vielleicht nur noch das jüngste Gerücht Gericht.“

Wenn man das „wissenschaftlich“ mit zahllosen Beispielen noch einmal bestätigt haben will und wenn man wissen will, wie offene und verdeckte Zensur funktioniert, muss man Klöckner zu Rate ziehen.

Klöckner setzt die Thesen und Erkenntnisse Pierre Bordieus und seines Opus magnum Die feinen Unterschiede um.

(Für diejenigen des hiesigen Publikums, die eine umfassende humanistische Bildung noch wertschätzen, seien die Books of the XX Century“ des ISA World Congress of Sociology empfohlen – mir reichen aber Elias und Weber. Bordieu muss man kennen, aber Altvater Marx hat das auch schon alles gesagt, nur mit anderen Worten. Die Kritik Bordieus an Marx teile ich nicht: Ohne die „marxistische“ Konzeption der sozialen Klasse und des Klassenbewusstseins gäbe die es die Fragestellung Bordieus gar nicht. Marx hat sich aber mit dem Problem, wie Klassenbewusstsein entstehe und wie sich das im Überbau, zu dem auch die Medien gehören, widerspiegelt, nur marginal beschäftigt. Eribon und Christian Baron sind von Bordieu stark beeinflusst worden und haben auch eine vergleichbare Biografie.)

Zensur in einem System freier Medien bedeutet, dass bestimmte Perspektiven, Meinungen, Themen und Informationen bewusst oder unbewusst von Journalisten aufgrund von sozialstrukturellen, sozialisationsbedingten, weltanschaulichen Ursachen und Antrieben medienübergreifend dauerhaft und weitestgehend nicht dem Diskurs zugänglich gemacht werden. (…) Diese Zensur entsteht dann, wenn eine Vielzahl von Journalisten über eine sehr ähnlich bis identische weltanschaulich geprägte Wahrnehmungs- und Denkweisen verfügen und diese kollektiv handlungsleitend bei der Selektion [sic, „Auswahl“ hätte es auch getan], Einordnung und Gewichtung von Informationen, Nachrichten und Ereignissen sind. (Klöckner S. 25f.)

Beispiel: Wann zuletzt wurden in einer deutschen TV-Talkshow die Begriffe Klasse, Klassenbewusstsein oder gar Klassenkampf (class struggle im Englischen) benutzt? Gar nie. Aber nicht, weil das jemand verboten hätte.

Durch transformierte Verinnerlichung der äußeren (klassenspezifisch verteilten) materiellen und kulturellen Existenzbedingungen entstanden, stellt der Habitus ein dauerhaft wirksames System von (klassenspezifischen) Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata dar, das sowohl den Praxisformen sozialer Akteuer als auch den mit dieser Praxis verbundenen alltäglichen Wahrnemung konstitutiv zugrund liegt. (Die Definition von Bordieu; da das Original Französisch ist, verzichte ich darauf, das Geschwurbel in verständliches Deutsch zu übersetzen.)

„Habitus“ ist nichts anderes als das „marxistische“ Klassenbewusstsein. DerHabitus der Mittelschicht [aus der die große Mehrhheit der Journalisten stammt oder in die sie aufsteigen wollen, B.S..] lässt oft auch den Hang erkennen, sich in die herrschenden Strukturen bestmöglich zu integrieren. (…) Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Akteure, die sich in ihm bewegen, solidarisiert sich, wenn es darauf ankommt, eher mit den oberen Schichten als mit den unteren. (Klöckner, 33ff.) In der diesem Blog eigenen drastischen Sprache könnte man sagen: Allesamt Opportunisten – mit Ansage und mit Ausnahmen.

Das gilt auch für den ebenso von Bordieu stammenden Begriff „Feld“ (der, wenn er kein Fachjargon ist, eher für Bläh- und Furzdeutsch steht). Das Feld hat sichtbare und unsichtbare Grenzen,…die für die Akteure, die sich in ihm bewegen – insbesondere die Neuankömmlinge – nicht oder nur durch intensive Kämpfe überwunden werden können. (Klöckner, S. 60)

Die handlungsanleitenden, tief internalisierten Glaubensüberzeugungen führen dazu, dass viele Journaliste die Zensur, die sie ausüben, als solche nicht ansatzweise erkennen. (Klöckner, S. 65)

Journalisten akzeptieren die zum großen Teil von ihnens elbst in einem Akt des vorauseilenden Gehorsams gezogene „rote Linie“ in der Hoffnung – etwas zugespitzt formuliert – Belohnung „von oben“ zu erfahren. (Klöckner, S. 208)

Jetzt haben wir ein Problem: Fast alles richtig, was Klöckner schreibt. Es gibt aber keine Lösung. Wenn alle Journalisten bewusst oder unbewusst „parteiisch“ sind (Mittelschicht/rotgrünliberal), könnte man das Kind mit dem Bade ausschütten und gerade das gleich fordern. „Was man nicht verhindern kann, kann man auch gleich begrüßen.“ (Japanisches Sprichwort)

In den Staaten, die sich sozialistisch nannten, und im heutigen China ist es ohnehin so – der Rahmen war/ist der „Parteiauftrag“. Objektivität ist also die Lebenslüge des Journalismus, wie Demokratie im Kapitalismus auch nur der formale Rahmen ist, in dem sich die Minderheit der Herrschenden letztlich durchsetzt. Die Medien – ein Teil der Überbaus – sollen das positiv orchestrieren.

Meint jemand ernsthaft, ein Journalist könne die Systemfrage in den Mainstream-Medien stellen? Das macht der nur einmal, danach wird man exkommuniziert, das heisst: vom Diskurs ausgeschlossen. Das fällt nur deshalb nicht auf, weil es auch keine linke Partei gibt, die das macht.

Ceterum censeo: Ich bin dafür, wieder den Begriff „bürgerliche Presse“ zu benutzen. Das bringt es auf den Punkt, obwohl die Nachgeborenen vermutlich mit bourgeois gar nichts anfangen können.

Eine Zensur findet statt

Hat das schon jemand gelesen? „Sabotierte Wirklichkeit – oder wenn Journalismus zur Glaubenslehre wird“.

Offenbar sagt der, was ich auch sage:

„Echte Zensur entsteht dann, wenn flächendeckend, immer wieder, über einen längeren Zeitraum medienübergreifend und dauerhaft zentrale Medien bestimmte Thesen, Stimmen und Sichtweisen unterdrücken.“ (Hervorhebungen im Original)“

„Der Habitus der Mittelschicht lässt oft den Hang erkennen, sich in die herrschenden Strukturen bestmöglich zu integrieren. Er ist auf Anpassung ausgerichtet, die Akzeptanz der Herrschaftsverhältnisse gehört zu seiner inneren Programmierung.“

Widerwärtige und Tyrannen und anderes Pack

chica llorando
Symbolfoto für den Zustand der Welt, aufgenommen 1979 in Quito, Ecuador

Den Begriff Fake News habe ich immer recht albern gefunden, vor allem dann, wenn der von denen verbreitet wird, die selbst Lügen, Halbwahrheiten oder Unfug verbreiten. Gestern wieder der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Der Sender hatte falsch verbreitet, einer der Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in Gro0beeren trete nicht mehr an.

Kachelmann wirft dem RBB-Inforadio vor, man würde dort frei erfinden. „Kachelmanns Kritik ist, dass es sich bei den Informationen auf der rbb-Webseite gar nicht um echte Messwerte handle, sie würden lediglich berechnet, was für Kachelmann das gleiche ist wie ‚erfunden‘.“

Die Neue Zürcher Zeitung berichtet über den Versuch des Salonfaschisten Bernd Luckes, in Hamburg seine Antrittsvorlesung zu halten. Er würde mit Gebrüll daran gehindert und musste mit der Polizei aus dem Saal geführt werden.

Voltaire sagte dazu: Le droit de dire et d’imprimer ce que nous pensons est le droit de tout homme libre, dont on ne saurait le priver sans exercer la tyrannie la plus odieuse.
Das Recht zu sagen und zu drucken, was wir denken, ist eines jeden freien Menschen Recht, welches man ihm nicht nehmen könnte, ohne die widerwärtigste Tyrannei auszuüben.

Die Meinungsfreiheit gilt als einer der wichtigsten Maßstäbe für den Zustand eines demokratischen Rechtsstaates. „Eines der häufigsten Zitate zur Meinungsfreiheit wird dabei irrtümlich Voltaire zugeschrieben, entstammt aber tatsächlich der Biographie von Evelyn Beatrice Hall über ihn, um damit seine Überzeugung zu beschreiben:
I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it.

Ich halte dieses kleinbürgerliche Krawall-Pack, dass noch nicht mal jemanden aushalten kann, der die esoterischen Banalitäten der in Deutschland gelehrten „Volkswirtschaft“ von sich gibt, für unerträglich und reaktionär bis auf die Knochen. Und die Verantwortlichen von der Verwaltung der Uni sind feige – das ist ekelhaft.

Genauso zum Kotzen (Heise): „Bundesregierung finanziert türkeitreue Islamisten in Nordsyrien“.

Und now fore something completely different. National History Museum: „Wildlife Photographer of the Year 2019“. Die Fotos lohnen sich anzusehen – auch für die, die noch nie einen Vulpes ferrilata gesehen haben. (IFLScience hat auch was dazu.)

Und now fore something completely different. Mit dem Antisemitismus-Beauftragten von Baden Württemberg hat man wohl den Bock zum Gärtner gemacht, obwohl er auch manchmal ein Korn findet..

chica llorando
Symbolfoto für den Zustand der Welt, aufgenommen 1979 in Quito, Ecuador

Über Medien

„Ich suchte den Professor Tarantoga auf, der den vernünftigen Brauch pflegt, die Tageszeitungen vor der Lektüre erst einige Wochen ablagern zu lassen.“ (Stanislaw Lem: Lokaltermin, 1982) #wahlen #brandenburg #sachsen

Herrenmagazine

Herrenmagazine

Hitler und Frauen geht immer.

Everything simplified, miscellaneous and kafkaesque

Brexit
Source: Pulse of Europe – Canarias

By the way: Greta Rackete heißt jetzt Maria-Jeanne d’Arc. Ganz wenig Likes auf Fratzenbuch – entweder ist die Pointe zu schwer zu verstehen oder alle missbilligen meine suggestive These, bestimmte Frauentypen seien die Basis für moderne Massenhysterie im Sinne Le Bons und Elias Canettis.

Ich hatte viel zu tun in den letzten Tagen, auch die zwei drei Sims sind noch nicht fertig, ja, der Bau hängt im Plan zurück; im Vergleich zum Stand von vor acht Tagen hat sich aber viel getan – ich habe jetzt und mittlerweile auch eine gesamtarchitektonische Idee.

secondlife

And now for something completely different. Lesebefehl vom Schockwellenreiter: Culture and Cognition – Essays in Honor of Peter Damerow (Open Source). Nur für Kaltduscher.

Miscellaneous: The Guardian: Schoolchildren in China work overnight to produce Amazon Alexa devices. Friedrich Engels hätte seine wahre Freude daran.

Der Europarat stellt der deutschen Regierung ein vernichteten Zeugnis aus beim Kampf gegen Korruption. Zitat aus dem Tagesspiegel:
Auch die Anzeigepflichten für Abgeordnete gehen den Experten nicht weit genug. Sie sprechen sich insbesondere dafür aus, dass Parlamentarier ihre Unternehmensbeteiligungen auch dann angegeben müssen, wenn sie unter dem derzeit für die Offenlegung geltenden Mindestanteil von 25 Prozent liegen. Beim Thema Offenlegungspflichten wirft der Evaluationsbericht dem deutschen Parlament sogar eine „Blockade jeglicher künftiger Reformen“ vor. Schon klar.

Da wir gerade dabei sind, genau hinzusehen, wo es gewaltig stinkt –
Telepolis: Scharfe Kritik an der ARD. Mit dem Filmbeitrag „Krankenhäuser schließen – Leben retten?“ soll der beitragsfinanzierte öffentlich-rechtliche Sender Werbung für die Studie der Bertelsmann Stiftung betrieben haben. Was ist dran an dem Vorwurf? Alles. Was zu erwarten war.

And now for something completely different. In China fahren die Züge bald 400 km/h schnell. Deutschland setzt weiterhin auf stinkende Privatautos und Flugzeuge für Kurzstrecken. Flughäfen zu Wäldern oder so!

Ich empfehle einen nüchternen Artikel im Tagesspiegel – ein Interview mit Christian Walburg): Was genau ist Ausländerkriminalität? „Kein Hintergrund bestimmt uns einfach. Das müsste man nur noch so popularisieren, wie Donald Trump redet. Wenn man da Katja Kipping oder verklemmte Sprachblasenfacharbeiter ranlässt, versteht das niemand oder das Volk wendet sich mit Grausen ab.

Es gab ein großes Hallo im Antideutschen-Forum auf Fratzenbuch. Die Ruhrbarone titeln: Liebe Amerikaner, lasst uns mit diesen Deutschen nicht alleine! Richtig: Linkspartei, AfD, SPD – gleich drei große Parteien stehen für einen antiwestlichen Nationalpazifismus. Falsch: … die USA sind das intellektuelle Zentrum der Welt. Immerhin kann man über die Thesen wunderbar diskutieren.

Washington Post: Israel unveils Franz Kafka’s papers after a legal battle that was, well, Kafkaesque. Schön zu lesen.

Auf Empfehlung eines Lesers: Knuttis grüner Schatten. Ein einziger Autor verfasst auf Wikipedia praktisch im Alleingang die Einträge zu «Klimaleugner», «Energiewende» und «Reto Knutti» . Widerspruch duldet der Vollzeit-Wikipedianer nicht. Hinter dem anonymen Vielschreiber versteckt sich der Aktivist Andreas Lieb. Wer bezahlt ihn? Gute und einzig richtige journalistische Frage. Wieder ein Argument mehr, Wikipedia auf Deutsch bei politischen Fragen nicht ernst zu nehmen.

Einen habe ich noch. Wenn schon Wodka, dann einen, der im Dunkel leuchtet.

Second Edition oder: Trump urges unity vs. racism

Trump urges unity vs. racism

Natürlich berichtete die Washington Post mit leicht süffisantem Unterton über die Konkurrenz: „The headline was bad: New York Times amends front page on Trump’s response to mass shootings after backlash“. (Vgl. Screenshot) Tom Jolly, der print editor der New York times, erklärte auf Twitter: Tomorrow’s @nytimes tonight, second edition: @realDonaldTrump assails hate but not guns; (…) #nytimes

Nein, man darf in einem bestimmten Milieu nicht schreiben: „Trump mahnt zu Einheit gegen Rassismus“ („Trump urges unity vs. racism“). Das ist in den USA bei den sogenannten „Liberalen“ aka Demokraten nicht anders als in Deutschland. Spiegel online: „Die Kritik: Auch wenn die Zeile streng genommen korrekt sei, verkenne oder verharmlose sie den Kontext der Aussagen des Präsidenten.“

Der mediale Sturm im Wasserglas beweist nur, dass Trump sagen und tweeten kann was er will, die Meinung seiner Gegner steht a priori schon fest. Ein konstruktiver Diskurs ist von beiden Seiten weder möglich noch erwünscht.

Ceterum censeo: Der Präsident der USA sitzt einem Ausschuss vor, der die Interessen der herrschenden Klasse, die sich nicht immer einig ist, verwaltet. Es ist völlig wurscht, ob er ein Rassist ist oder nicht, ob er Gendersprache spricht, popkulturell kompatibel ist und ob er „das Land spaltet“ oder nicht oder ob jetzt.

Dazu empfehle ich ein Interview in der Taz mit Ronald Pfaller über „Pseudolinke“:

„Statt Kinderbetreuungseinrichtungen bekamen wir das Binnen-I, statt Chancengleichheit bot man uns »diversity«, und anstelle von progressiver Unternehmensbesteuerung erhielten wir erweiterte Antidiskriminierungsrichtlinien. Das entspricht dem Grundprinzip neoliberaler Propaganda: Alle Ungleichheit beruht demnach lediglich auf Diskriminierung. Sie ist nur ein Vorurteil, das sich durch liberale Gesinnung überwinden lässt; und nicht etwa ein Effekt starrer oder sich gar noch verhärtender Eigentumsverhältnisse.“

Steine aus Glashäusern schmeißen [Update]

„Haltung zeigen gegen Rechts“ ist a) keine journalistische Haltung und b) schlechtes, weil Schwurbeldeutsch, liebe Sprechblasenfacharbeiter von Netzwerk Recherche! Wer im Glashaus sitzt…

(Sorry, aber ein guter Freund hat mal eine Frau, mit der ich was hatte, vor mir gewarnt: „Der legt sich mit allen an“. Vielleicht sollte ich mich doch lieber zurückhalten…)

[Update] Bei RTL dampft gerade die Kacke, wenn ich das mal so formulieren darf. „Über einen Zeitraum von knapp zehn Jahren hat der Reporter demnach sowohl die eigene Redaktion als auch die Zuschauer immer wieder systematisch und vorsätzlich getäuscht. (…) Zum anderen hat der Reporter mehrfach Menschen dazu überredet, Dinge zu behaupten, die ihnen niemals widerfahren sind oder Geschichten nachzuerzählen, die ihm Protagonisten, die nicht gefilmt werden wollten, berichtet hatten.“

Kontrollmechanismen? Har har. Ich bin froh, dass ich mit dieser Mischpoke nichts mehr zu tun habe.

Medien

washington Postthe guardian

Ich habe zwei Zeitungen digital abonniert, die ich für die besten der Welt halte. Man kann es sich leisten. Deutsche Zeitungen interessieren mich nicht mehr. (Heise lese ich noch.)

Deutscher Qualitätsjournalismus, revisited

qualitätsjournalismus

Entweder hat dort jemand die falschen Pillen genommen oder schlechtes Zeug geraucht. Keine Macht für Niemand war schon eine gute Parole,

Liebe unter Kollegen

„Wer als Kolumnist von seinen Kollegen geliebt werden will, hat nach meiner Meinung ohnehin den Beruf verfehlt. Entscheidend ist nicht, ob man gemocht, sondern ob man gelesen wird.“ (Jan Fleischhauer)

Er hat natürlich recht, obwohl ich den Eindruck habe, dass das nur die wenigsten Insassen der Medienblase so sehen. „Nichts ist so drückend wie die Kuhstallwärme der Gesinnungsgemeinschaft.“

Fleischhauer geht jetzt zum Unterhaltungsmagazin Focus.

Wenn hier auf burks.de eine Gesinnungsgemeinschaft entstehen sollte, bitte ich um eine warnende Mitteilung (außer bei wissenschaftlichen Themen).

Bauchgefühl

Lehrreicher Artikel im Tagesspiegel: „Menschen nutzen den Kopf nur, um das Bauchgefühl zu bestärken. (…) Wir haben festgestellt, dass die Wähler die Welt auf eine Weise sehen, die ihre Werte und Identitäten stärkt – unabhängig davon, ob sie jemals Fox News oder MSNBC gesehen haben und unabhängig davon, ob sie ein Facebook-Konto haben.“

Medien bestärken die Meinungen, die man eh schon hat. (Schrieb ich hier schon gefühlt 283 Mal – das an diejenigen, die meinten, sich müssten sich in den „sozialen Netzwerken“ herumstreiten.)

Massaker und Propaganda-Sprache

Wer den Propaganda-Begriff Tian’anmen-„Massaker“ benutzt, muss konsequent sein und in Venezuela auch vom Caracazo-Massaker sprechen oder in der Ukraine vom Euromaidan-Massaker. Auf dem Platz des Himmlischen Friedens hat es gar kein Massaker gegeben. (N-TV: „Falsche Berichterstattung hält sich jahrelang“. Warum wohl?)

Read on my dear, read on oder: Der Weltgeist schwebte über den Wassern

burkshavelburks

Ich las gerade im „Spiegel“ ein Zitat, das ich den literarisch und wissenschaftlich interessierten Leserinnen und den gebildeten Lesern nicht vorenthalten will, da es exakt dem entspricht, was ich von den meisten Leuten denke: „Ein elfseitiges PDF-Dokument – ernsthaft?! Das liest sich doch kein junger Mensch durch“. Sagt ein Moritz Bayerl, 18, Gymnasiast aus Köln, Wähler der „Grünen“ und jemand, der auch „Landesschüler*nnenvertretung“ stammelt, obwohl ich anzweifele, das die Interviewer, die ihn haben zu Wort kommen lassen, das Sternchen gehört haben.

Schon Klar. Die gesamte Weltliteratur – außer Thomas Gsella – ist bekanntlich kürzer als elf Seiten. Muss man nicht kennen, wenn man Grün wählt. Dem würde ich gern – womöglich zum Abitur – 50 Seiten aufdonnern, etwa Lohn, Preis und Profit und ihn anschließen examinieren, da, wenn wir schon in Stenografie schreiben und denken wollen, dieses Marxsche Traktat die Lektüre der drei Bände des „Kapitals“ ersetzen könnte, wenn man es denn verstünde.

Auch interessant: Marie Sophie Hingst war Bloggerin des Jahres 2017. Und niemand hat etwas gemerkt. Vielleicht sollte ich mir – der medialen Aufmerksamkeit wegen – auch eine etwas interessantere Lebensgeschichte ausdenken. Ich habe – hört genau zu! – eine Slumklinik (das „Slum“ ist wichtig!) in Cochabamba gegründet und dort eine Sexualberatung für junge indianische Frauen angeboten. Würde aber nicht funktionieren; ich bin keine junge Frau, der man automatisch alles glaubt, wenn sie nur treudoof guckt.

Auch interessant: Andrea Nahles ruft zum geordneten Untergang Übergang der SPD auf.

Auch interessant dazu ist die Kolumne Thomas Frickes: „Dramatisch auseinandergedriftet sind die verfügbaren Einkommen der Leute im Land vor allem: zwischen 1999 und 2005 – also exakt in jenen sechs Jahren, in denen die SPD erstmals seit Ewigkeiten den Kanzler stellte, zwischen dem Wahlsieg von Rot-Grün Ende 1998 und der Abwahl von Gerhard Schröder im Herbst 2005. (…) Zum Auseinanderdriften dürfte ebenso beigetragen haben, dass durch die Tarifflucht von Betrieben seit Mitte der Neunzigerjahre immer mehr Beschäftigte nicht mehr nach Tarif bezahlt wurden; oder dass es keine Steuer mehr auf Vermögen gab, was kurz vor Rot-Grün kam.

Was soll man dazu noch sagen? Ich weiß was: Die Umverteilung von unten nach oben ist die zentrale Aufgabe des Staates – eines Ausschusses der herrschenden Klasse – im Kapitalismus, und es ist egal, welche Partei regiert – schwarz, rot oder grün.

Ach so: der Titel. Die Anspielung des zweiten Teils kannte wer?

Regulierte Meinungen

HAZ und Göttinger Tagblatt: „In der Diskussion um CDU-kritische Youtube-Videos vor der Europawahl hat CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer über die Regulierung von Meinungsäußerungen im Internet vor Wahlen nachgedacht.“

Heise dazu: „Wenn 70 Zeitungsredaktionen vor einer Wahl dazu aufriefen, nicht CDU und SPD zu wählen, würde dies als ‚klare Meinungsmache vor der Wahl‘ eingestuft, so Kram-Karrenbauer: ‚Was sind Regeln aus analogen Bereich und welche Regeln gelten auch für den digitalen Bereich.‘ Darüber gelte es zu diskutieren, sagte sie.“

Jetzt werden die, die Gesetze gegen Gefühle („Hass“) im Internet fordern, dumm aus der Wäsche gucken: Zensur trifft im Zweifelsfall alle, die nicht der Meinung der herrschenden Klasse und ihrer medialen Helfershelfer sind.

Tagesspiegel: „Kramp-Karrenbauer will im Wahlkampf Regeln für Influencer. (…) Dass sie Meinungsäußerungen regulieren will, weist sie aber zurück.“

Har har.

Fakten versus literarische Qualität

Der „Spiegel“ hat den Fall Relotius jetzt aufgearbeitet. Der Abschlussbericht ist lesenswert – man sollte ihn ohne Häme studieren.

Am 11. November 2015 schickte ein Leser, nach eigenen Angaben Lektor für Fachmagazine, eine E-Mail an die Adresse chef-redaktion@spiegel.de. Darin wies er ruhig und detailliert auf Fehler in der Relotius-Geschichte »Blindgänger« (…) hin, nachdem er den Text mit einer einfachen Google-Recherche überprüft hatte. Der Chefredaktionsaccount, auf dem die E-Mail einging, wird vom Sekretariat der Chefredaktion verwaltet. Die Kolleginnen dort leiteten die E-Mail am selben Tag weiter, das konnte die Kommission im Ausgangsfach überprüfen; die E-Mail ging korrekterweise an Klaus Brinkbäumer und den für Relotius zuständigen Ressortleiter Matthias Geyer. Es gibt dort keine Hinweise darauf, dass jemand dem Leser geantwortet hat.

Unfassbar. Was macht denn die Dokumentation, auf die der „Spiegel“ so stolz ist, beruflich? Noch nicht einmal Google benutzen? Ein Teil der Antwort kommt später: „… im Ressort arbeitete nur noch eine Halbtagskraft.“

Die Kommission hat mehrere Faktoren identifiziert, die eine systemische Rolle im Fall des Claas Relotius gespielt haben könnten.
• Die Stilform der Reportage, die möglicherweise für Fälschungen besonders anfällig ist.
• Der Druck durch Journalistenpreise.
• Die besondere Konstruktion des Gesellschaftsressorts innerhalb des SPIEGEL.
• Die Dokumentation, die beim Aufspüren von Fehlern, die den Fälscher möglicherweise entlarvt hätten, versagt hat.
• Der Umgang mit Fehlern

Ceterum censeo: Journalistenpreise abschaffen! Journalisten, die sich gegenseitig bepreisen? Wie blöde ist das denn? Die ehemalige stellvertretende Chefredakteurin Susanne Beyer bestätigte im Gespräch mit der Kommission, dass von der Chefredaktion Journalistenpreise ausdrücklich gewünscht worden seien. Zu welchem Zweck? Und wie kann man einen solchen Wunsch umsetzen?

Besonders gefährdet und anfällig für Ausschmückungen und Fehleinschätzungen scheint die Form der »szenischen Re-konstruktion«, wie sie im „Spiegel“ auch in den szenischen Einstiegen häufig genutzt wird.

Auch „szenische Einstiege“ sind albern und klingen fast immer bemüht. Ich habe meinen Studenten abgeraten, so etwas zu benutzen. Wer oder was also zwingt den „Spiegel“ und anderen Medien, darauf zurückzugreifen? Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie? Wolf Schneider? Oder was? Lasst es einfach.

Kostümierter Staatsfunk

Ein Artikel ist wie eine Hose und hat wie diese einen Preis. Liefert der eine Journalist nicht, was bestellt ist, liefert der andere. (…) Die sogenannten privaten Medien gehören eben nicht irgendwelchen „zweihundert reichen Leuten“, sondern „der Wirtschaft“, dem Kapital; die sogenannten „öffentlich-rechtlichen“ gehören dem Staat, vertreten durch die ihn tragenden Parteien. (…) Was sich „öffentlich-rechtlich“ kostümiert, ist: Staatsfunk. Presse- und Meinungsfreiheit bedeuten, dass der Staat und das Kapital so frei sind, ihre Meinung vom Blatt singen zu lassen, begleitet von einem manchmal dezent murrenden Chor. (…) Für neunzig Prozent des Gesendeten und Gedruckten und Erwägungen wie die hier angestellten freilich sinnlos. Es ist einfach Schund, Abfall, Dreck, wie die Hersteller selbst zugeben, wenn sie das eine oder andere ihrer Produkte als ‚Qualitätsmedium“ davon abzuheben versuchen… (Hermann L. Gremliza: Aus der Welt der Wahren, in der aktuellen konkret)

Qualitätsjournalismus, revisited oder: So genannte Hintergrundgespräche

Telepolis: „Von gefährlichen Iranern, trickreichen Russen und schrecklichen Kindern“.

Der Tagesspiegel hat auch etwas: „Bundesnachrichtendienst streute heimlich Russland-Kritik unter Medien“.

Yo.

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Das falsche Rückgrat

Liebe Kollegen vom Spiegel, nicht die Mittelschicht ist das „Rückgrat der Gesellschaft“, sondern die Arbeiterklasse. Aber das könnt ihr als Angehörige der Mittelschicht, die nach oben buckelt und nach unten tritt, nicht wissen.

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