
Der Autor in San Fernando de Atabapo
Michael Roberts schreibt auf seinem Blog über „Venezuela: the end game“. Er rezensiert Venezuela in Crisis – Socialist Perspectives, herausgegeben von Anderson M. Bean. Ich habe mir das Posting übersetzen lassen, es umformuliert und Links hinzugefügt.
Der Artikel bestätigt, was ich bisher hier über Venezuela geschrieben habe. Venezuela war nie ein „sozialistischer“ Staat. Maduro verhielt sich zu Chavez wie Stalin zu Lenin. Noch mehr: Die Machtübernahme Maduros nach dem Tod Chavez war ein reaktionärer Putsch in „linkem“ Kostüm. Die Frage, die das Buch nicht beantwortet: Wie konnte das passieren?
Die Entführung von Venezuelas Präsident Maduro und seiner Ehefrau durch US-Militärkräfte, die anschließende Machtübernahme durch Vizepräsidentin Rodríguez und ihre Zustimmung, den USA die Kontrolle über Venezuelas Ölexporteinnahmen zu überlassen und US-Energie-Multis ins Land zu holen – all dies signalisiert das Endspiel der chavistischen Revolution, die vor über 25 Jahren begann. Daher ist es sehr passend, dass nun ein neues Buch darüber erschienen ist, was in Venezuela geschehen ist, um an diesen Punkt zu gelangen.
Unter dem Titel Venezuela in Crisis und veröffentlicht bei Haymarket Books versammelt das Buch „einige der wichtigsten marxistischen, sozialistischen und antikapitalistischen Denker Venezuelas, die verschiedene linke politische Traditionen und Organisationen repräsentieren“. Diese spanischsprachigen Autoren wurden übersetzt, sodass englischsprachige Leser die Argumente und Erfahrungen der venezolanischen Linken nachvollziehen können. Einige Mitwirkende dienten im Kabinett von Chávez und sind inzwischen zu Kritikern der Maduro-Regierung geworden. „Diese Stimmen einem englischsprachigen Publikum zugänglich zu machen, ermöglicht es den Lesern, sich mit den aktuellen Debatten und Perspektiven der venezolanischen Linken auseinanderzusetzen.“
Herausgegeben wurde das Buch von Anderson Bean von der North Carolina Agricultural and Technical State University, der bereits zuvor über Venezuela geschrieben hat. Sein einleitendes Kapitel vermittelt dem Leser die Essenz der Beiträge des Buches. Bean beginnt mit dem Hinweis, dass die chavistisch-bolivarische Revolution in Venezuela in den 2000er-Jahren für viele im sogenannten Globalen Süden eine Inspiration war – vielleicht sogar mehr noch als die kubanische Revolution der 1960er-Jahre. Die Wahl von Hugo Chávez im Jahr 1998, nach Jahrzehnten korrupter, pro-kapitalistischer und pro-US-amerikanischer Regierungen, war ein frischer Wind. In den darauffolgenden Jahren „verbesserte die Chávez-Präsidentschaft das materielle Wohlergehen der Venezolaner, sorgte für größere soziale Gleichheit und stärkte gesellschaftliche Gruppen, die traditionell vom politischen Prozess ausgeschlossen waren.“

Caracas, Venezuela, Anfang März 1998
Bean argumentiert, dass es drei zentrale Komponenten der Chávez-Präsidentschaft gab: Erstens die Neufassung der Verfassung zur Förderung breiter Bürgerbeteiligung und umfassender Menschenrechtsschutzbestimmungen; zweitens die Umverteilung der Ölgewinne über verschiedene Sozialprogramme, wodurch die offizielle Armutsquote um 37,6 % und die „extreme Armut“ um 57,8 % gesenkt wurde.Bis 2008 hatte Venezuela zudem den höchsten Mindestlohn in ganz Lateinamerika, und die Ungleichheit im Land sank auf einen der niedrigsten Werte in Amerika. Bis 2011 war Venezuela das zweitgleichste Land der westlichen Hemisphäre – nur Kanada wies eine geringere Ungleichheit auf. Und drittens – was Bean als „am transformativsten“ bezeichnet – die Machtübertragung an die Volkssektoren durch neue Formen von Volksversammlungen sowie Experimente mit Arbeiterkontrolle und Gemeinderäten.
Doch ab 2013 geriet alles massiv aus dem Ruder. Zwischen 2013 und 2021 schrumpfte Venezuelas BIP um 75 %, die Inflation erreichte 2018 mit 130.000 % den höchsten Wert weltweit. Der Anteil der als arm eingestuften Haushalte stieg von 48,4 % im Jahr 2014 auf 81,5 % im Jahr 2022. Der monatliche Mindestlohn von 2,23 US-Dollar war damals der niedrigste in ganz Lateinamerika. Tatsächlich entsprach der monatliche Mindestlohn nur 0,15 US-Dollar pro Tag – achtmal weniger als die damalige Weltbank-Grenze für absolute Armut von 1,25 US-Dollar pro Tag. Zum Vergleich: Unter Chávez lag der monatliche Mindestlohn bei 300 US-Dollar – über 60-mal höher.
Der Zusammenbruch der Realeinkommen und der starke Anstieg der Armut in den 2010er-Jahren führten zu einer Migrationskrise. Seit 2016 sind Millionen Venezolaner aus dem Land geflohen, um im Ausland Arbeit zu suchen und Geld in die Heimat zu schicken. Heute wird die Zahl der venezolanischen Flüchtlinge und Migranten weltweit auf rund 7,7 Millionen geschätzt – etwa 20 % aller Venezolaner. Venezuela weist nun die höchste Zahl Vertriebener in Lateinamerika und die zweithöchste weltweit auf, nur hinter Syrien.
Was erklärt diesen Absturz von Inspiration zu Albtraum? Bean nennt zwei Ursachen. Die erste waren die von den USA verhängten Sanktionen gegen Venezuela sowie mehrere Versuche des US-Staates in Zusammenarbeit mit der venezolanischen rechten Opposition, die venezolanische Wirtschaft zu untergraben, um einen Regimewechsel herbeizuführen. Der US-Imperialismus betrachtete Venezuela als Bedrohung – insbesondere wegen Chávez’ Renationalisierung der Ölindustrie und seines Versuchs, Handelsbeziehungen mit anderen lateinamerikanischen Ländern außerhalb des von den USA geführten Handelsrahmens aufzubauen und Unterstützung bei Handel und Investitionen etwa aus China zu suchen. Der frühe Erfolg der chavistischen Präsidentschaft war ein Dorn im Auge.
Bereits 2002 versuchten die USA in Zusammenarbeit mit der venezolanischen Wirtschaftselite einen Staatsstreich gegen Chávez. Er wurde für 47 Stunden aus dem Amt entfernt, bevor er durch massive Mobilisierungen der Bevölkerung wieder eingesetzt wurde. Von Ende 2002 bis Anfang 2003 unterstützten die USA einen Öl-Lockout, um die Produktion zum Stillstand zu bringen und Chávez zum Rücktritt zu zwingen. 2014 unterstützten die USA erneut die venezolanische Rechte bei gewaltsamen Straßenprotesten („guarimbas“), die den „Abgang“ Maduros forderten. Im Januar 2019 unternahmen die USA in Zusammenarbeit mit Teilen der venezolanischen Rechten einen weiteren Putschversuch, als Juan Guaidó sich verfassungswidrig selbst zum Präsidenten erklärte. Nachdem dieser Versuch scheiterte, folgte im April 2019 ein weiterer – ebenfalls erfolglos.
Zwar scheiterten diese Putschversuche, doch es folgte eine Vielzahl wirtschaftlicher Sanktionen. Unter Trumps Sanktionen wurde US-Institutionen und -Bürgern der Handel mit venezolanischen Staatsschulden untersagt. Alle Staatsvermögen wurden eingefroren. Das Land wurde daran gehindert, seine Auslandsschulden umzustrukturieren oder Zahlungspläne zu ändern. Zahlungen aus Programmen mit Vorzugskonditionen für Öl wurden blockiert. Der Verkauf von Milliarden an Handelskrediten wurde untersagt. Sanktionen versperrten Venezuela zudem den Zugang zu seinem wichtigsten Ölmarkt, den USA, und beschlagnahmten im Ausland gehaltene Vermögenswerte wie das US-Unternehmen Citgo, auf dessen Einnahmen der Staat angewiesen war. Allein 2018 führten diese Maßnahmen zu einem Verlust von 6 Milliarden US-Dollar an Öleinnahmen. Sanktionen froren 17 Milliarden US-Dollar an Vermögenswerten ein und verursachten 2019 Exporteinbußen von rund 11 Milliarden US-Dollar – etwa 30 Millionen pro Tag.
Das in Washington, D.C. ansässige Center for Economic and Policy Research veröffentlichte 2019 einen Bericht über die Auswirkungen der US-Sanktionen auf Venezuela. Zwischen 2017 und 2018 sollen die Sanktionen schätzungsweise 40.000 Venezolaner das Leben gekostet und viele weitere in extreme Unsicherheit gestürzt haben. Über 300.000 Menschen gerieten durch Medikamenten- und Gesundheitsmangel in Gefahr, darunter 80.000 HIV-Positive ohne Zugang zu antiretroviralen Medikamenten. Auch für 16.000 Dialysepatienten, 4 Millionen Menschen mit Diabetes oder Bluthochdruck sowie 16.000 Krebspatienten wurde die Versorgung mit notwendigen Medikamenten extrem schwierig.
Doch die Autoren des Buches betonen, dass der Zusammenbruch Venezuelas nicht allein dem US-Imperialismus und seinen Sanktionen angelastet werden könne. Neben den Schäden durch Sanktionen sei ein weiterer Hauptfaktor das wirtschaftliche Missmanagement und das neoliberale Programm der zunehmend autoritären Maduro-Regierung gewesen. Mainstream-Ökonomen behaupten, der Zusammenbruch sei Folge des Sozialismus; während viele Linke das Maduro-Regime als sozialistisches Beispiel verteidigen. Beide Seiten liegen falsch. Bean und die anderen Autoren akzeptieren nicht, dass Chávez (und später Maduro) eine sozialistische Wirtschaft etabliert hätten oder dass Venezuela sich auf einem „Weg zum Sozialismus“ befunden habe.
Wie ich in meinen eigenen Beiträgen zu Venezuela argumentiert habe, beruhte Chávez’ relativer Erfolg bei der Verbesserung der Lebensbedingungen auf dem Rohstoffboom der 2000er-Jahre. Hohe Öl- und Gaspreise führten schon bei moderaten Steuer- und Abgabenerhöhungen zu enormen Staatseinnahmen. Diese ermöglichten höhere Sozialausgaben und eine Verbesserung des Lebensstandards.
Doch wie Bean hervorhebt, geschah dies ohne grundlegende Veränderung der venezolanischen Eigentumsverhältnisse. „Es gab keine echte Transformation der gesellschaftlichen Eigentumsverhältnisse, keine Veränderung der internationalen Arbeitsteilung und keine Herausforderung der Vorrechte des transnationalen Kapitals.“ Der Privatsektor dominierte weiterhin die Wirtschaft. Zwischen 1999 und 2011 stieg sein Anteil an der Wirtschaftsleistung sogar von 65 % auf 71 %. Auch zentrale Branchen wie Nahrungsmittelimporte, Pharma oder Autoteile blieben privat kontrolliert.
Selbst dort, wo der Staat Produktionsmittel besaß – etwa beim staatlichen Öl- und Gasunternehmen PDVSA – lag die Kontrolle bei der Staatsbürokratie, nicht bei den Arbeitern. Chávez selbst sagte: „Wer würde behaupten, Venezuela sei ein sozialistisches Land? Nein, das wäre Selbsttäuschung. Wir leben noch im Kapitalismus; wir haben nur einen Weg begonnen…“ Entscheidend war zudem, dass es keinen Bruch mit der Abhängigkeit vom Export von Rohstoffen und Kohlenwasserstoffen gab. Im Gegenteil, die Ölabhängigkeit nahm sogar zu.
Mit dem Ende des Rohstoffbooms 2013 endete auch der „Kompromiss“ mit dem venezolanischen Kapital. Bis 2015 waren die Preise auf ein Zwölfjahrestief gefallen. Gleichzeitig starb Chávez, und Maduro übernahm. Die Frage war nun: Wer würde die Krise bezahlen?

Das Geld sieht jetzt anders aus.
Die Antwort zeigte sich bald. Laut dem Ökonomen Luis Salas gebe es „nicht viel Unterschied zwischen dem Wirtschaftsprogramm der Opposition und dem der Regierung“. Der Unterschied liege lediglich in den Partnern – Russen, Chinesen oder Türken statt Amerikanern oder Europäern. Auch Roberto López argumentiert, dass mit Maduros Amtsantritt 2013 das anti-neoliberale Programm fast vollständig aufgegeben worden sei. Trotz radikaler Rhetorik habe Maduro neoliberale Maßnahmen eingeführt – im Rahmen wachsender Autorität.
2016 öffnete die Regierung den Orinoco-Bergbau-Gürtel für Ausbeutung. 2021 wurden Sonderwirtschaftszonen für kapitalistische Unternehmen geschaffen, steuer- und regulierungsfrei. 2018 wurde das Streikrecht abgeschafft. Mit dem sogenannten Anti-Blockade-Gesetz 2020 setzte Maduro faktisch die Verfassung außer Kraft. Große Industriezweige – Öl, Eisen, Aluminium, Gold, Diamanten – wurden privatisiert, teils rückgängig gemacht, was zuvor verstaatlicht worden war.
Schlimm sei vor allem die Vetternwirtschaft. Der venezolanische Staat sei zu einer Piñata geworden, in der eine politisch-militärische Kaste Ressourcen und Privilegien verteile, um Loyalität zu sichern. Selbst Fedecámaras – der Unternehmerverband, der 2002 eine Schlüsselrolle beim Putsch gespielt hatte – wurde wieder eingebunden.
Die Schlussfolgerung der Autoren lautet, dass viele Beobachter im Globalen Norden ungewollt einem Regime Glaubwürdigkeit verliehen hätten, das sozialistische Sprache nutze, um autoritäre und arbeiterfeindliche Praktiken zu verschleiern. Gescheitert sei nicht der Sozialismus, sondern das Versäumnis, tatsächlich sozialistische Politik umzusetzen und die Arbeiterbewegung im Kampf gegen US-Imperialismus zu vereinen.
Im Februar 2026 liegt die Rodríguez-Administration nun vor dem US-Imperialismus am Boden. Die Trump-Regierung agiert vorsichtig und hat Maduro bislang nicht durch die rechte, marktliberale und (ironisch gemeint) „Friedensnobelpreisträgerin“ María Machado ersetzt, um Unruhen oder gar Bürgerkrieg zu vermeiden. Stattdessen zwingt sie Rodríguez schrittweise zur Zustimmung zu ihren Forderungen, um spätere Wahlen vorzubereiten, die ein klar pro-US-Regime an die Macht bringen könnten. Bei einem gemeinsamen Auftritt im Präsidentenpalast Miraflores erklärte US-Energieminister Chris Wright: „Wir wollen das venezolanische Volk und die Wirtschaft befreien.“ Eine Umfrage von Gold Glove Consulting ergab, dass Machado bei Neuwahlen mit 67 % deutlich vor Rodríguez (25 %) liegen würde. 72 % der Befragten meinten, Venezuela bewege sich nach Maduros Festnahme „in eine positive Richtung“.

Mädchen aus Elorza, Venezuela 1998

Die Juden sind wieder mal schuld. Die amtierende venezolanische Präsidentin Delcy Rodríguez meint, hinter dem Angriff der USA stecke der Zionismus. Das hatte Maduro auch schon gesagt. Wie kann man so etwas öffentlich behaupten, ohne ausgelacht zu werden?
Die ehemals große jüdische Community von Venezuela kämpft ums Überleben. „Die Geschichte der jüdischen Gemeinde des Landes reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück, als sefardische Juden von den Karibikinseln aufs Festland übersiedelten. Ab den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts kamen Aschkenasim aus Osteuropa, und 1939 gewährte das Tropenland jüdischen Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland Asyl. Als Hugo Chávez 1998 zum Präsidenten gewählt wurde, lebten etwa 25.000 Juden in Venezuela. Heute sind es noch rund 7000, doch genau weiß das niemand.“
Übrigens: Das Publikum merkte an, dass es auch schon vor Chavez „Schlamperei“ gegeben hat. Als ich in Venezuela war, war der typisch südamerikanische „Caudillo“ noch nicht an der Macht. Schlamperei? Die ist in Venezuela kein Bug, sondern ein Feature.
Man hat mir dazu eine Geschichte erzählt. Zwischen Puerto Ayacucho im Süden und San Fernando de Atabapo gibt es keine Straßen. Das Flugzeug ist zu teuer, also fahren die meisten Leute, die in diese Einöde am Ende der Zivilisation wollen, mit dem Boot. Es gibt nur eines. Ich habe darüber schon am 20.04.2023 geschrieben:

„No existe ningun. Kein Transport, nirgends. Also nur vier Boote für die ganze Region, die halb so groß ist wie ganz Deutschland, und von denen garantiert so viele oder so wenige schwimmfähig sind wie die bei der Bundesmarine. Damals gab es nur eins, und ob die Reise damit losging, hing davon ab, ob der Kapitän und Besitzer sich am Abend vorher mit Damen vergnügt und vollgesoffen hatte oder nicht. Das erzählten mir die Mitreisenden.
Ich habe noch ein Foto gefunden, dass ich bei dieser – oben erwähnten – Reise per Boot gemacht habe – in Samariapo. Dorthin hatte uns ein LKW aus Puerto Ayacucho gebracht und damit die unbefahrbaren Stromschnellen des Orinoco umgangen. Vermutlich habe ich das Foto unweit des Comando Fluvial Puesto Samariapo geschossen.“
Wie denkt der preußisch erzogene Deutsche, wenn er für das einzige Transportmittel einer ganzen Region verantwortlich ist? In Kategorien wie Soll und Haben, Rücklagen bilden. Wo ist der nächste Mechaniker? Rendite und Abschreibung. Nicht so in Venezula: Als das Schiff kaputtging, habe der Kapitän gesagt, er hätte kein Geld, da er alles bei Parties und für Frauen ausgegeben hatte. Also musste ihm die Regierung ein neues Schiff kaufen, was dauerte. Es fuhr in der Zeit keins.
Also keine protestantische Arbeitsethik vorhanden. Nirgends. Das sagen die Venezolaner: Wenn du jemanden arbeiten sieht, ist es ein Kolumbianer.

Postscriptum: Das Publikum sorgte sich um meine Hängematte. Der geht es gut (Foto von gestern).

Screenshot aus einem russischen Propagandavideo, daher automatisch voll gelogen
Wenn ich jetzt die Regierung Venezuelas wäre, würde ich möglichst schnell freie Wahlen verkünden unter Aufsicht von Beobachtern aus Spanien, Argentinien, Deutschland und den USA. Dann würde sich herausstellen, was das Volk denkt. Und Trump hätte ein Problem, falls die Wähler doch lieber kein Marionettenregime der USA wollten.
Ich glaube aber nicht, dass Maduros Clique eine Mehrheit bekäme. Unter Chavez wäre das noch etwas anderes gewesen. Der hat das Land auch nicht ruiniert.
Die russischen Qualitätsmedien schreiben: „US-Präsident Donald Trump sieht nach der gewaltsamen Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro Neuwahlen in dem südamerikanischen Land derzeit nicht als Priorität. „Wir werden zur richtigen Zeit Wahlen haben, aber das Wichtigste ist, dass sie das Problem lösen. Das Land ist kaputt […] Derzeit wollen wir erst einmal die Ölindustrie wieder in Gang bringen, das Land wieder aufbauen, es wieder auf die Beine stellen und dann Wahlen abhalten“.
Schon klar. Wahlen würden die Bevölkerung nur beunruhigen.
Im übrigen muss man dem US-Imperialismus dankbar sein, dass der Antisemit und Terroristen-Unterstützer Maduro weg ist.
Am 3. Januar 2026 veröffentlichte die libanesische Tageszeitung Al-Nahar einen Artikel, in dem behauptet wird, dass der venezolanische Präsident Nicolás Maduro – der zuvor am selben Tag bei einer US-Razzia abgesetzt und nach New York City gebracht worden sein soll [1] – der libanesischen Hisbollah 10.000 venezolanische Pässe zur Verfügung gestellt habe. Einige dieser Pässe seien von Offizieren des Assad-Regimes in Syrien benutzt worden, um aus dem Land zu fliehen. (Quelle: MEMRI)

Screenshot aus einem russischen Propagandavideo, daher automatisch voll gelogen – man sieht die üblichen Verdächtigen mit Hamas-freundlichen Halstüchern.
Was an Venezuela war „links“?
Ich habe mir eine Übersicht über die Wirtschaftspolitik unter Maduros Vorgänger Hugo Chavez machen lassen.
Venezuelas Wirtschaft unter Hugo Chávez
Zwischen 1999 und 2013 setzte die Regierung von Hugo Chávez auf staatliche Kontrolle,
Verstaatlichungen sowie umfangreiche Sozialprogramme – finanziert vor allem durch Öleinnahmen.
Zeitraum: 1999–2013
Schwerpunkte: Ölpolitik, Devisen- und Preiskontrollen, Verstaatlichungen
Mit seinem Amtsantritt 1999 leitete Hugo Chávez einen grundlegenden Kurswechsel der venezolanischen Wirtschaftspolitik ein. Der Staat übernahm zunehmend die Steuerung zentraler Wirtschaftsbereiche.
1) Ölpolitik
Der Ölsektor wurde zur zentralen Einnahmequelle und politischen Schaltstelle. Der Staat stärkte seine Kontrolle über Förderung, Joint Ventures und Einnahmen.
2) Devisenkontrollen
Ab 2003 regulierte der Staat den Zugang zu Fremdwährungen. Unternehmen waren für Importe auf staatliche Dollarzuteilungen angewiesen.
3) Preisregulierung
Preisobergrenzen für Grundgüter sollten soziale Härten abfedern, führten jedoch häufig zu Knappheit und Produktionsrückgang.
4) Verstaatlichungen
Schlüsselindustrien wie Energie, Telekommunikation und Teile des Finanzsektors wurden schrittweise in staatliches Eigentum überführt.
5) Landreform
Durch neue Agrargesetze wurde Land umverteilt und stärker staatlich kontrolliert, mit dem Ziel sozialer Gerechtigkeit im ländlichen Raum.
6) Sozialprogramme
Ab 2003/04 wurden die „Bolivarianischen Missionen“ zu einem zentralen Instrument der Sozial- und Wirtschaftspolitik. Sie zielten auf Gesundheit, Bildung und Ernährungssicherheit (z. B. Barrio Adentro, Robinson, Mercal)
Wie ich schon mehrfach schrieb: Verstaatlichung im Kapitalismus ist keine Lösung, wenn die staatlichen Institutionen nicht strikt kontrolliert werden und transparent handeln. „Preisregulierung“ ist so etwas wie „fairer Lohn“, also Quatsch.

Meine Hängematte stammt aus Tintorero bei Quibor im venezolanischen Bundesstaat Lara. Das Mädel war im Verhandeln eisenhart und gefiel mir außerordentlich. Die Hängematten werden von einer Kooperative hergestellt und verkauft, und man hat dort Festpreise, was extrem un-südamerikanisch ist.
„Die Wirtschaftspolitik von Hugo Chávez und Nicolás Maduro wird oft in einem Atemzug genannt, unterscheidet sich aber in Zielsetzung, Handlungsspielraum und konkreter Umsetzung deutlich. Maduro übernahm kein „identisches Modell“, sondern verwaltete und veränderte ein bereits stark verzerrtes System unter völlig anderen Rahmenbedingungen.“
Im Folgenden die zentralen Unterschiede, strukturiert und vergleichend:
Ausgangslage und Handlungsspielraum
Chávez (1999–2013)
– Regierte überwiegend bei hohen Ölpreisen (v. a. 2004–2012)
– Verfügte über hohe Einnahmen zur Finanzierung von:
– Sozialprogrammen
– Subventionen
– Importen
– Konnte wirtschaftspolitische Fehler durch Ölrenten kaschieren
– Politisch charismatisch, mit starker Massenmobilisierung
Maduro (ab 2013)
– Amtsantritt nach dem Ende des Ölbooms
Konfrontiert mit:
– sinkender Ölproduktion
– Devisenmangel
– massiver Auslandsverschuldung
– internationalen Sanktionen
– Stark eingeschränkter Handlungsspielraum
– Geringere politische Legitimation
➡️ Kernunterschied:
Chávez gestaltete mit Geld – Maduro verwaltete den Mangel.
Preis- und Devisenkontrollen
Chávez:
– Einführung der Devisenkontrollen (CADIVI) ab 2003
– Preisobergrenzen für Grundgüter
Ziel:
– Inflation dämpfen
– Versorgung sichern
Probleme vorhanden, aber durch Importe überdeckt
Maduro:
– Beibehaltung und radikale Verschärfung (2013–2018)
Folgen:
– Hyperinflation
– Schwarzmärkte
– flächendeckende Knappheit
Ab ca. 2019:
– faktische Aufgabe vieler Kontrollen
– informelle Dollarisierung
➡️ Paradox:
Maduro demontierte Teile des Chávez-Modells – ohne es offen zuzugeben.
Wisst ihr Bescheid.
Januar 5, 2026 | Kategorie
Politics,
Venezuela |
9 Kommentare
Das argentinische Blog de Abel [der Journalist Abel Veiga, auch hier in der Blogroll] : „Deshalb muss ich sagen, dass Trumps „wahres“ Motiv für die Festnahme Maduros darin bestand, dass er kalkulierte, es ohne großen Aufwand tun zu können.
Die hochentwickelte Ausrüstung, die Venezuela von Russland und China kaufte, war als Abschreckungsmittel gegen einen Feind, der keine ausländischen Waffen benötigte, nutzlos. In dieser Lektion schwingt ein Hauch von Machiavelli mit.
Eine weitere Schwäche Maduros spiegelt die Lehren des Florentiners wider: Es ist offensichtlich, dass der venezolanische Präsident nicht die volle Unterstützung seines eigenen Sicherheitsapparats genoss. Jemand, oder mehrere Personen, haben ihn verraten.“
Interessant auch die Analyse von Ron Ben-Yishai auf ynet.com:
„US-Präsident Donald Trump befahl seinem Militär, das Regime in Venezuela aus einer Reihe wirtschaftlicher, strategischer und politischer Gründe anzugreifen und zu stürzen. Obwohl einige dieser Gründe aus juristischer und völkerrechtlicher Sicht gerechtfertigt sein können, stellte Venezuela keine existenzielle strategische Bedrohung für die Vereinigten Staaten dar. Selbst die Drogen und illegalen Migranten, die Venezuela – und nach Angaben Washingtons der Präsident und starke Mann Nicolás Maduro persönlich – in großer Zahl in die USA schickten, stellten weder eine besonders gefährliche noch eine neue Bedrohung dar.
Chinas zunehmender Einfluss auf die zusammenbrechende Wirtschaft von Caracas, der Venezuela faktisch zu einem chinesischen Satellitenstaat gemacht hat, rechtfertigte an sich keine US-amerikanische Übernahme. (…)
Die Folgen von Trumps überraschendem Vorgehen in Venezuela dürften sich auch auf den Iran auswirken. Oberster Führer Ali Khamenei wird Trumps implizite Drohungen, gegen das Regime in Teheran vorzugehen, sollte es protestierende Bürger töten, nun wohl ernster nehmen, da Venezuela ein strategischer Verbündeter des Iran und Partner bei der Umgehung der US-Sanktionen war. Aus Sicht der Islamischen Republik ist der nächtliche Angriff auf Venezuela eine schlechte Nachricht und ein weiterer Schlag für das Regime der Ayatollahs. (…)
Schließlich ist die kühne Operation in Caracas auch ein schwerer Schlag für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Russland war ein Verbündeter Venezuelas und sollte dem Land Sicherheit gewährleisten; Putins Leute waren für Venezuelas Sicherheits- und Luftverteidigungssysteme verantwortlich, die im Kampf gegen das US-Militär beinahe kampflos zusammenbrachen.“
Januar 4, 2026 | Kategorie
Politics,
Venezuela |
10 Kommentare
Meine hier schon geäußerte Meinung über das venezolanische Miltär hat sich bestätigt.
Die in Englisch erscheinende Zeitung Caracas Cronicles fragt:
Wo ist das Militär?
„Sie schienen überrascht zu sein, und kein US-Flugzeug wurde abgeschossen. Die offensichtliche Geschwindigkeit, mit der Maduro abgeführt wurde, deutet darauf hin, dass er bereits gefangen genommen war, als die US-Flugzeuge in das Tal von Caracas eindrangen. Uns liegen keine Berichte darüber vor, dass das venezolanische Militär die US-Truppen zurückgeschlagen oder sich an Kämpfen beteiligt hätte. Es gibt Berichte über verwundete Offiziere, die im Militärkrankenhaus in Caracas behandelt werden.“
Das ehemalige Nachrichtenmagazin schreibt: „Nach Angaben von US-Präsident Donald Trump sind bei dem US-Militäreinsatz in Venezuela »viele« kubanische Staatsbürger getötet worden. »Viele Kubaner haben letzte Nacht ihr Leben verloren«, sagte Trump in einem Interview mit der »New York Post«. »Sie haben Maduro beschützt. Das war kein guter Zug«.“


Das Foto zeigt einen Ara (Englisch Macaw, Spanisch/Nahuatl: Guacamaya), Fotograf Donald Forbes
Postkarte aus Venezuela: Coro, 19.1. [1998]
Liebe Eltern, bin gut angekommen, 44 Stunden Berlin-Coro. Chaos in Madrid, Ankunft abends in Caracas, zu Fuß quer durch die Stadt zum Busbahnhof. Leute sind sehr freundlich + hilfsbereit. Kam um 5 Uhr morgens in Coro ab (kleiner als Unna). Sonnenaufgang vor der Kathedrale, in der vor 400 Jahren meine Bergleute saßen. 35 Grad, ich bade im Meer und bin schon schwarzbraun. Venezuela ist leider teuer, man gibt 20 DM pro Tag aus, wenn man auf jeglichen Komfort verzichtet. Übernachte in einer Spelunke, ohne Fenster und mit Schaben – aber alles abenteuerlich, wie es sein soll…
Was haben wir heute? Die USA haben den venezolanischen Präsidenten festgenommen und entführt. Dürfen die das? Jetzt ist die völkerrechtliche Expertise Annalena Baerbocks gefragt. Hatten sie Hilfe vom Mossad?

Die bürgerliche Presse schreibt: „Mit der Gefangennahme von Machthaber Maduro hat Trump die Verhältnisse in Venezuela auf den Kopf gestellt. Weil er es kann.“
Ja, der US-Imperialismus betrachtet Lateinamerika als seinen Hinterhof.
– Mexiko (1846–1848): Mexikanisch-Amerikanischer Krieg – USA besetzen große Teile Mexikos; Annexion u. a. von Kalifornien und Texas.
– Nicaragua (1855–1857): Unterstützung des US-Filibusters William Walker, der sich selbst zum Präsidenten erklärt.
– Kuba (1898; 1906–1909; 1912; 1917–1922): Militärische Besetzungen nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg.
– Panama (1903; mehrfach bis 1935): Militärische Präsenz zur Abspaltung von Kolumbien und Sicherung des Panamakanals.
– Honduras (1903–1925, mehrfach): Interventionen zum Schutz US-amerikanischer Wirtschaftsinteressen (Bananenkonzerne).
– Nicaragua (1912–1933) – Langjährige militärische Besetzung; Kampf gegen Augusto César Sandino.
– Haiti (1915–1934) – Militärische Besetzung und Kontrolle von Regierung und Finanzen.
Dominikanische Republik (1916–1924): US-Militärregierung nach innenpolitischer Krise.
– Guatemala (1954) – Militärische Unterstützung beim Sturz der gewählten Regierung Árbenz.
– Kuba (1961): Invasion in der Schweinebucht – gescheiterter Angriff exilkubanischer Truppen unter US-Führung.
– Dominikanische Republik (1965): Entsendung von über 20.000 US-Soldaten im Bürgerkrieg.
– Grenada (1983): Invasion nach marxistischem Putsch (Operation Urgent Fury).
– Panama (1989): Invasion zur Absetzung von Manuel Noriega (Operation Just Cause).
– Haiti (1994): Militärintervention zur Wiedereinsetzung von Präsident Aristide.
– Kolumbien (ab 2000): Militärische Unterstützung und Truppenpräsenz im Rahmen von Plan Colombia (Drogenkrieg).
Nicht enthalten sind:
– verdeckte CIA-Operationen (z. B. Chile 1973),
– wirtschaftlicher oder politischer Druck,
– Unterstützung von Militärdiktaturen ohne formellen Truppeneinsatz.

Postkarte aus Bolivien, 11.04.1984, an Verwandte.
„Descansando“ – cerca Tarabuco – Provincia de Yamparáez
Über den Fotografen Roger Yorke habe ich noch eine interessante Geschichte gefunden: „Subsequent investigation revealed that Yorke had lived in South America for nine years and operated a store in La Paz as a vehicle through which he could purchase Indigenous textiles“. (…) In January 1990, Roger Yorke was charged with illegally importing Bolivian cultural property into Canada.“

Januar 1, 2026 | Kategorie
Bolivia,
Lateinamerika |
Kommentieren
[Die Überschrift ist nur dazu, das Publikum zu animieren, den folgenden Text länger als fünf Sekunden zu lesen.]

Fotografiert in der Bergarbeiterstadt Oruro, Bolivien 1984
Ich schrob schrieb: „Daher ist die Idee, man müsse die Geschichte durch eine „Revolution“ beschleunigen, vermutlich obsolet und aus dem Kindergarten stalinistischer Textbausteine“. Wenn das wahr ist, muss man sich das näher ansehen.
These: Im voll entwickelten Kapitalismus kann die herrschende Klasse nicht mehr militärisch besiegt werden. Alle Fantasien über einen „Umsturz“ gegen den Willen der Mehrheit sind Unfug. Das gilt auch für die orthodoxe „marxistische“ Theorie einer „Diktatur des Proletariats“. Das ist keine moralische, sondern eine „technische“ Argumentation.
Beispiel: Die Urform einer zeitweilig erfolgreichen Revolution ist die Oktoberrevolution im zaristischen Russland. Russland war damals ein halbfeudales Land mit einer nur winzigen Arbeiterklasse. Die „Avantgarde“ unter Lenin putschte eher, als dass sie sich auf sozialrevolutionäre Bewegungen stützte. Das war vielleicht angebracht – man sollte den Mantel der Geschichte ergreifen, wenn er an einem vorbeiweht. Erstaunlich ist, dass es überhaupt so lange funktioniert hat.
Die russische Revolution ist eher atypisch, weil sie erstens während eines Krieges stattfand und zweitens in einen Bürgerkrieg mündete, den – was historisch die große Ausnahme ist – die Revolutionäre gewannen. Dann kommt das große „Aber“.
Ich schrieb am 24.11.2017 über das lesenswerte Standardwerk Bini Adamczaks Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman über die russische Revolution, wie sie hätte sein können und sollen: „Ich sehe mich durch die Lektüre bestätigt, das nicht nur mit dem Tod Lenins und der Machtübernahme Stalins die Konterrevolution in der Sowjetunion begann, sondern dass schon viel früher so viele entscheidende Fehler gemacht wurden, dass die Sache verloren war. Die Frage ist nur, ob diese “Sache” unter den damals gegebenen Umständen überhaupt eine ernsthafte Chance hatte.“

Beispiel: Die zeitweilig erfolgreiche Revolution der Sandinistas in Nicaragua. Hier waren die Voraussetzungen ähnlich wie in Vietnam beim Sieg der Vietcong gegen Frankreich und die USA: Es gab ein „Hinterland“, das den Revolutionären als Versteck und heimliches Aufmarschgebiet dienen konnte. Das wäre heute im Zeitalter von Drohnen und Satellitenüberwachung undenkbar. Außerdem hatte der korrupte Diktator Somoza nur eine schmale Machtbasis und wurde zudem von der USA unterstützt. Alle Klassen kämpften gegen ihn; die Sandinistas waren damals – wie auch die Teilnehmer des Langen Marsches in China – eine Jugendbewegung. Aber: Ein wie auch immer gearteter Sozialismus steht in einem klassischen „Entwicklungsland“ gar nicht auf der Tagesordnung.
Als „Revolution“ wird in Nicaragua heute zumeist die Zeit der ersten Herrschaft der Sandinisten von 1979 bis 1990 bezeichnet als die FSLN-Regierung 1979 die Schulpflicht für Kinder im Alter zwischen 6 und 13 Jahren durch gebührenfreie Schulen durchsetzte. Durch die 1980 und 1981 folgende landesweite Alphabetisierungskampagne wurde der Anteil von Analphabeten in der Bevölkerung von 50 Prozent (1979) auf 12 Prozent gesenkt. Hingegen scheiterte die Regierung bei ihrem Bemühen, die landwirtschaftliche Produktion zu steigern, um die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln, vor allem Mais und Bohnen, zu gewährleisten und von Importen unabhängig zu werden.
Landreform und Alfabetisierung: Gut und nützlich, aber auch diese Revolution scheiterte auf lange Sicht. Im voll entwickelten Kapitalismus sollte die Arbeiterklasse schreiben und lesen können, also Kulturtechniken beherrschen, die auf dem Markt der Arbeitskräfte gebraucht werden und für die heute der Staat sorgt. (Offenbar sieht man das in Deutschland jetzt wieder anders.) Das ist aber keine „echte“ revolutionäre Forderung.
Land- und Bodenreformen dienen vielleicht Kleinbauern, an die das Land der kapitalistischen Agrarkonzerte verteilt würde. Der Kapitalismus macht aber der Kleinbourgeoisie und kleinen Bauern ohnehin langfristig den Garaus.
Nicaragua ist heute eine Diktatur und immer noch ein Entwicklungsland, also kein entwickelter Kapitalismus. Typologisch vergleichbar: Die Revolution in Kuba – ich ahne, wie das enden wird, jedenfalls nicht gut.

Fotografiert in León, Nicaragua, 1981
Beispiel: Revolutionen, die weitgehend friedlich abliefen, aber nur die Form der Klassenherrschaft der Bourgeoisie änderten, wie die Revolution in Portugal oder der friedliche Umsturz in der DDR. Hier trifft im Gegensatz zu den vorherigen Umstürzen zu, dass die Herrschenden – wie Lenin schon formulierte – nicht mehr in der Lage oder willens waren, sich zu wehren.
Beispiel: Exotische revolutionäre Sonderformen, die schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt sind, wie der Aufstand der Ciompi, die Pariser Kommune oder die zeitweilig erfolgreiche Revolution in Grenada. Die Gebiete, in denen Revolutionäre zeitweilig die Macht übernahmen, waren so klein, dass sie ökonomisch gar nicht lebensfähig waren. Der Versuch ist gültig und lobenswert, aber aussichtslos.
Revolutionen, die in einem nicht-kapitalistischen Land stattfinden, wie etwa die französische Revolution – ebnen der Bourgeoisie den Weg zur Macht, nicht dem Proletariat. Sogar das ist in Deutschland gescheitert, wie alle anderen Versuche auch.
Jetzt die gute Nachricht: Wie sollte | würde | könnte eine Machtübernahme der Linken aussehen?
Wir müssen die antiken Ungeheuer Skylla und Charybdis bemühen. Oder: Alles, was man machen kann, ist schlecht.
Ginge eine noch zu formierende deutsche Linke in Koalitionen Kompromisse ein, verwässerte sie ihr Programm und könnte die ökonomischen Verhältnisse des Kapitalismus nicht umstürzen. Beispiele: Die Unidad Popular in Chile oder der Historische Kompromiss in Italien.
Geht die Linke aber keine Koalitionen ein, bleibt sie eine sektenmäßige APO. Das kann man auch ein Jahrhundert lang durchziehen.
Wir haben nur wenige Beispiele für eine demokratische Machtübernahme der Linken, die erwähnenswert sind: Die Nepalesische Kommunistische Partei und die kommunistisch dominierte Koalition der Linken in Kerala. Ich habe aber meine Zweifel, ob es sich um voll entwickelte kapitalistische Staaten handelt. Nepal ist auch typologisch eher vergleichbar mit Grenada.
Wikipedia zu Kerala: „Da die CPI in Kerala letztlich der Zentralregierung unterstand, war ihr Landesplan von den eigenständig beschafften Mitteln abhängig. In den 1960er Jahren bemühte sie sich, die Industrialisierung und den Aufbau neuer Produktionsstätten in Kerala voranzutreiben und gleichzeitig die Ungleichheiten der Industrialisierung [also Reform des Kapitalismus wie bei den deutschen Grünen] auszugleichen. Die CPI hatte Industrieminister, die für die industrielle Entwicklung verantwortlich waren.
Sie verfügte außerdem über eine Industrieentwicklungsgesellschaft, die Unternehmen finanzielle Unterstützung für die Gründung neuer Produktionsprojekte gewährte. Anfang der 1970er Jahre gründete die CPI zwei neue Unternehmen zur Förderung der industriellen Entwicklung: die Kerala Industrial and Technical Consultancy Organization und die Kerala State Electronics Development Corporation. Diese Maßnahmen verbesserten die Industrie auf Landesebene, waren aber auf lokaler Ebene weniger erfolgreich.
Um die lokale Industrie wiederzubeleben, startete die CPI einen ambitionierten Vierjahresplan, der sich möglicherweise an Stalins Fünfjahresplänen orientierte, die Namboodiripad als Inspiration betrachtete. Der Vierjahresplan umfasste Konferenzen auf Bezirksebene, um potenzielle Unternehmer zu gewinnen, da die Regierung mehr private Investoren zur Ankurbelung der Industrie gewinnen wollte. Diese Unternehmer wurden geschult, um eigene Unternehmen zu gründen. Der Plan war in den ersten sechs Wochen äußerst erfolgreich und konnte elf neue Industriegebiete errichten, geriet dann aber im weiteren Verlauf des Programms ins Stocken.“
Im Klartext: Die Kommunisten in Kerala setzen auf Kooperativen, was nichts anderes ist als eine Form der Vergesellschaftung. Die orthodoxe sektiererische Linke übt sich naturgemäß angesichts „privater Investoren“ in Heulen und Zähneklappern: Kompromisse? Kapitalisten? Igitt! Alles Verräter….
Man sollte eigentlich erwarten, dass die deutsche „Linke“ Beobachter zum Lernen nach Kerala oder Nepal geschickt hätte. „Konkrete formelle Partnerschaften der deutschen „Linken“ mit indischen kommunistischen Parteien sind öffentlich dagegen nicht prominent dokumentiert“, meint ChatGPT und hat vermutlich damit recht.

Fotografiert auf Grenada (Kleine Antillen) während der leider fast vergessenen Revolution 1982. Auf dem großen Schild steht: EVERY WORKER A LEARNER, rechts unten Revo stay up, das kleine Schild wirbt für Bier aus Trinidad.
Der einzige Fall, der uns pädagogisch wertvoll weiterhilft, ist der Wahlsieg der „Linken“ in Griechenland 2015. Auch die haben alles vergeigt, was zu vergeigen war. Aber man kann sich die Chance, die sie hatte, genauer ansehen. Was hätte getan werden müssen bzw. können?
In Griechenland muss man zuerst das Militär ruhigstellen, weil die geübt im Putschen und in Diktaturen sind. Daher war es ein geschickter Schachzug, Anexartiti Ellines von der rechten Partei „Unabhängige Griechen“ zum Verteidigungsminister zu machen. Da konnte er nicht viel verkehrt machen. So hätte ich auch gehandelt.
Was die linke Koalitionsregierung machte, war weitgehend richtig und volkstümlich, aber Kosmetik:
– Kostenlose Stromversorgung für besonders arme Haushalte, kostenlose Gesundheitsversorgung für Unversicherte, Wiedereinstellung entlassener Staatsbediensteter, u. a.: Reinigungskräfte des Finanzministeriums, Beschäftigte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ERT.
Kann man machen, weil man die Wähler braucht, ändert aber nichts am System.
– Die Wiederherstellung von Tarifverträgen – eine klassische linke Forderung – konnte nicht durchgesetzt werden, weil Griechenland pleite war und von internationalen Gläubigern abhängig, die alles blockierten.
– Aussetzung bzw. Überprüfung laufender Privatisierungen, u. a. des Hafens von Piräus [der Containerhafen wurde von den Chinesen übernommen, die die Gewerkschaften drangsalieren] und von Energieunternehmen sowie Stopp von Zwangsversteigerungen von Hauptwohnungen wurde bald wieder rückgängig gemacht.
Fazit: Der Kapitalismus wurde nicht angetastet. Die Linken hatten auch keinen Plan dafür. (Ich hätte noch in der Nacht der Wahl die Banken besetzen lassen und alle Manager in Geiselhaft genommen.)
Weil ich ein positiv denkender Mensch bin, habe ich noch Tipps für die Zeit nach der Machtübernahme vorbereitet.
– Revolutionäre müssen handeln, wie Menschen tatsächlich sind, nicht wie sie sein sollten. Moralisches Handeln kann politisch gefährlich sein.
– Maßnahmen werden danach beurteilt, ob sie die Herrschaft stabilisieren. Grausamkeit, Täuschung oder Vertragsbruch können legitim sein, wenn sie politisch notwendig sind. Entscheidend ist nicht die Absicht, sondern das Ergebnis.
– Revolutionäre müssen Tugendhaftigkeit vortäuschen, auch wenn sie anders handeln. Die Mehrheit urteilt nach dem äußeren Anschein, nicht nach der Wahrheit.
– Gewalt ist manchmal notwendig, muss aber strategisch eingesetzt werden.
– Grausamkeit sollte rasch, konzentriert, einmalig angewendet werden, nicht fortlaufend. Wohltaten sollten langsam und schrittweise verteilt werden.
– Macht entsteht aus dem Zusammenspiel von Zufall, Glück und kluger Entschlossenheit. Der Zufall kann durch entschlossenes Handeln und Flexibilität beeinflusst werden.
– Erfolgreiche Revolutionäre zwingen der Fortuna ihren Willen auf.
Diese Tipps wurden beeinflusst von (Zutreffendes bitte ankreuzen):
[ ] Josef Wissarionowitsch Stalin
[ ] Toussaint Louverture
[ ] Mao Zedong
[ ] Alexandra Michailowna Kollontai
[ ] Niccolò Machiavelli.

Postkarte aus Bolivien von einer meiner Ex-Loverinnen, 1984. „Niña Campesina“, Fotograf Tilo Avilés, Vilacayma (südlich von Cochabamba)
Nachmal zu der „Linken“ Lateinamerikas. Gestern hatte ich wenig Zeit und beließ es bei dem Satz: “ Die „Linke“ ist völlig hilflos und kümmert sich einen feuchten Kehricht um das, was die Leute umtreibt.“ Das Thema ist natürlich sehr kompliziert, und ich habe keine Patentlösungen.
„Die“ Linke gibt es natürlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten, zumindest in den Andenstaaten. Brasilien ist politisch ganz anders strukturiert, und die kleinen Länder wie Guyana oder Surinam passen ohnehin nicht in das Schema.
Hilfreich ist eine marxistische Klassenanalyse eingedenk der Tatsache, dass die Geschichte eine von Klassenkämpfen ist, die aber nur selten in reiner Form auftreten, sondern oft religiös oder anders kostümiert sind. Auch im Kapitalismus gibt es nicht nur idealtypisch Proletariat und Bourgeoisie. Es geht also darum, wer gegen wen und wer sich mit wem temporär verbündet.
Wir setzen voraus, dass in ganz Lateinamerika Kapitalismus herrscht – aber anders als in Westeuropa. Die Arbeiterklasse dominiert nirgendwo die politischen Konflikte. Die heftigsten Kämpfe gab es dann, wenn – wie beispielhaft in Bolivien – die „Linke“ sowohl proletarisch als auch „indigen“ war. Der Bergarbeiter in Bolivien waren – aus reiner Notwehr – perfekt organisiert und die einzige Klasse, die in der Lage war, den zahlreichen Diktatoren Widerstand zu leisten.

Vgl. Cesar Lora, Isaac Camacha und die permanente Revolution, 31.11.2013
Alles, was sonst unter „indigen“ summiert wird und sich zeitweilig mit der städtischen traditionellen Linken verbündete, war fast immer kleinbäuerlich, wie zum Beispiel die klassische Klientel von Sendero Luminoso. Kleinbauern führen einen „reaktionären“ Abwehrkampf gegen Landraub, gegen Konzerne, gegen Zinsen, vom antiken Rom bis zum heutigen Indien. Kleinbauern waren während des chinesischen Bürgerkriegs die treibende Kraft, aber nicht die ideologische Avantgarde: Die Volkskommunen verwandelte sie später in Landarbeiter, so ähnlich wie die Kooperativen in Peru in den 80-er Jahren. Die „Linken“ machten also genau das, was der Kapitalismus auch plante, nur schneller.
Der Kapitalismus in Lateinamerika ist noch rückständig. Oft geht es nur darum, dass die herrschenden Klassen sich Land und Bodenschätze aneignen wollen – wie in Kolumbien und Venezuela oder Bolivien. Die „Linke“, wenn sie denn an der Macht war, verteilte die Güter nur anders, aber die Ökonomie blieb genauso wie vorher. Deswegen sind die gegenwärtigen Machthaber Venezuelas nicht „links“, auch wenn sie sich so geben. Natürlich muss jede herrschende Klasse, wenn sie nicht gerade die Diktatur als Herrschaftsform wählt, Zugeständnisse machen, um das Volk ruhig zu halten. Es kann also durchaus sein, dass eine „rechte“ Bewegung – also eine, die von den herrschenden Klassen sozial und politisch dominiert wird – klassische „linke“ Forderungen aufstellt. Das war bei der NSDAP auch nicht anders.
Das bedeutet: Eine radikale Transformation der Ökonomie – etwa Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien – ist in Lateinamerika nicht auf der Tagesordnung, weil es diese Industrien gar nicht gibt, nur Rohstoffe, Lithium in Bolivien, Öl in Venezuela und Ecuador.
In Kolumbien und Chile und im Norden Brasiliens ist die Migration (aus Venezuela) ein wichtiges Thema. Natürlich ist das weltweit ein „rechtes“ Thema, weil Verteilungskämpfe innerhalb der unterdrückten Klassen den Herrschenden in die Hände spielen. Wenn die „Linke“ aber dazu schweigt oder, wie in Deutschland, erwartet, dass „die da unten“ alle stillhalten, wenn ihnen von Einwanderern von dem wenigen, das sie haben, auch noch etwas weggenommen wird, dann wird sie kläglich scheitern.
Lateinamerika macht es vor. Aber man sollte nicht erwarten, dass irgendjemand etwas daraus lernt. Die gehen alle unter oder werden irrelevant wie die Mapai, die in Israel sogar die Regierung stellte.
Ich habe mir einen Artikel aus der konservativen chilenischen Zeitung El Dínamo übersetzen lassen. In Chile hat José Antonio Kast, der Kandidat der „Rechten“, eindeutig die Wahlen gewonnen.
„Die künftige Regierung von José Antonio Kast nimmt bereits Gestalt an. Der designierte Präsident leitete gestern das erste Treffen mit den acht Parteien, die seine Kandidatur unterstützt hatten. Dies markierte den ersten Schritt zur Bildung des Bündnisses, das die Regierung des Republikaners und sein Kabinett tragen wird.
Obwohl die Parteien noch nicht erneut in das Büro des designierten Präsidenten in La Gloria 88 einberufen wurden, wurde ein Plan zur Aufrechterhaltung des Kontakts erstellt.
Claudio Alvarado (UDI), der mit der Überwachung des Machtwechsels beauftragt ist, und Arturo Squella, designierter Senator und Vorsitzender der Republikanischen Partei, werden die Beziehungen zu den Parteien pflegen, die potenziell Teil der Regierung sein könnten.
Alvarados Aufgabe wird es sein, gemeinsam mit Kasts Beraterteam, bestehend aus Cristián Valenzuela, Sebastián Figueroa und Martín Arrau, der auch die politische Koordination übernimmt, das künftige Kabinett zu gestalten.
Quellen aus dem Büro des designierten Präsidenten teilten EL DÍNAMO mit, dass Alvarado – der voraussichtlich Kasts Innenminister wird – als Verbindungsmann für die Ernennung von Regierungsbeamten fungieren wird.
Währenddessen wird sich Squella auf Verhandlungen konzentrieren, um das gegenseitige Verständnis innerhalb der künftigen Regierungskoalition zu fördern. Derzeit debattieren die Parteien über die Bildung einer Einheitskoalition oder eines „Kooperationsmodells“ zur Unterstützung der von Kast angekündigten „Notstandsregierung“.
Quellen aus dem Präsidentenpalast deuten darauf hin, dass der nächste Schritt bilaterale Treffen zwischen dem Koordinierungsteam des designierten Präsidenten und der Parteiführung sein wird. Dies geschieht, während die Nationale Libertäre Partei, die Demokraten und Evópoli noch nicht entschieden haben, ob sie ab März 2026 Teil der Exekutive sein werden.
Die Parteien wurden bereits aufgefordert, Namenslisten für die Auswahl künftiger Minister einzureichen.
Laut Kasts Team ist Januar der Stichtag für die Bekanntgabe des Kabinetts. Der Übergang zwischen dem aktuellen und dem künftigen Kabinett beginnt im Februar mit bilateralen Treffen zwischen den ernannten und den ausscheidenden Ministern.
Kast bereitet sich auf ein Treffen mit ehemaligen Präsidenten vor. Traditionell findet in der Woche nach der Wahl ein Treffen zwischen ehemaligen Präsidenten und dem designierten Präsidenten statt. Kasts Team geht davon aus, dass noch diese Woche Kontakt zu den Teams der ehemaligen Präsidenten aufgenommen wird, um ein solches Treffen zu vereinbaren.
Eduardo Frei (Christdemokraten) und Michelle Bachelet (Sozialistische Partei) werden die Einladung voraussichtlich annehmen. Im Fall des ehemaligen christdemokratischen Präsidenten bestand die Beziehung bereits während der Stichwahl, als er Kast traf. Bachelet ihrerseits benötigt ab März die Unterstützung des designierten Präsidenten für ihre Kandidatur als UN-Generalsekretärin. [Aha!]
Von Ex-Präsident Ricardo Lagos (Partei für Demokratie) wird erwartet, dass er die Einladung aufgrund seines Rückzugs aus dem öffentlichen Leben ablehnen wird. (…)“
Das ehemalige Nachrichtenmagazin schreibt: „Obwohl Chile noch immer eines der sichersten Länder der Region ist, hat die Kriminalität in einigen Bereichen zugenommen. Zudem ist der Anteil der Migranten in Chile zuletzt auf rund zehn Prozent der Bevölkerung gestiegen – der größte Teil stammt aus dem Krisenland Venezuela.“
Die Frankfurter Rundschau nennt Kast einen Neofaschisten.
In Chile ist es nicht anders als in den USA: Die „Rechten“ gewinnen dort, wo es wichtig ist – auf dem Land und in Kleinstädten, die Linken in Großstädten und – was nicht überrascht – bei Auslandschilenen. Letztere sind oft vor der Diktatur oder der Repression der Vergangenheit geflüchtet und haben mit den real existierenden Problemen, die die Leute bewegen, nichts zu tun.
Mir sage das Wahlergebnis nur eins: Die „Linke“ ist völlig hilflos und kümmert sich einen feuchten Kehricht um das, was die Leute umtreibt.
Dezember 17, 2025 | Kategorie
Lateinamerika,
Politics |
4 Kommentare

Postkarte an meinen Großvater aus Potosi, Bolivien vom 27.04.84. Das war meine dritte Reise durch Lateinamerika. Der Mann auf dem Bild ist aus Tarabuco. Der lederne Hut der Männer orientiert sich an den Helmen der spanischen Konquistadoren.
Foto auf der Vorderseite der Postkarte: Peter Mc. Farren. Estudio Fotográfico „Los Kankitas“ – Casilla 7494 – La Paz – Bolivia.

November 26, 2025 | Kategorie
Bolivia,
Lateinamerika |
1 Kommentar

Mädchen aus Quibor oder El Tocuyo, Venezuela 1998.
Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) hat eine detaillierte Analyse formuliert, wie und unter welchen Voraussetzungen die USA Venezuela angreifen könnten.
„Nach dem ersten Angriff würden Drittparteien wie Brasilien, die Vereinten Nationen und die Organisation Amerikanischer Staaten mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre Vermittlung anbieten. Die Trump-Regierung könnte eine Vermittlung akzeptieren, wie sie es beim Waffenstillstand im Gazastreifen tat, allerdings nicht bei den Bemühungen zur Beendigung des Krieges in der Ukraine. Präsident Trump bevorzugt bilaterale und persönliche Diplomatie. Das würde Gespräche mit Venezuela auf Ministerebene bedeuten. Ungeachtet des diplomatischen Mechanismus gibt es viele Möglichkeiten, das Regime zum Machtverzicht zu bewegen oder zu zwingen.
Sollten die diplomatischen Bemühungen scheitern und Maduro sich widersetzen, wäre es für die Trump-Regierung schwierig, sich zurückzuziehen. Das käme einem öffentlichen Eingeständnis des Scheiterns gleich, und Präsident Trump verabscheut Misserfolge. Stattdessen würde die Regierung eine umfassende Luftkampagne starten, bestehend aus einer Reihe von Angriffen, um das Maduro-Regime zu lähmen und zu destabilisieren. Historisch gesehen waren solche Luftangriffe nur dann erfolgreich, wenn sie mit der Drohung oder dem tatsächlichen Eingreifen am Boden einhergingen.“
Und das – eine Bodenoffensive – kann Trump vermutlich seinen Wählern nicht verkaufen, obwohl das Militär Venezuelas ungefähr so „schlagkräftig“ ist wie das des Irak.
November 15, 2025 | Kategorie
Lateinamerika,
Venezuela |
5 Kommentare

Postkarte vom 15.04.1984 aus Puno am Titicacasee, Peru, an die Mitarbeiter der Löwen-Apotheke in Unna [rechts das mit Schiefer gedeckte Haus, der Laden neben McPaper – man erkennt noch den Löwen über dem Eingang]. Die Apotheke gibt es nicht mehr. Meine Mutter hatte dort gearbeitet, und wir hatten uns mit Medikamenten für „die Tropen“ dort eingedeckt.
Tannacomp ist ein Mittel gegen akuten Durchfall.
Auf der Postkarte:
1974. Puno – Peru. Tipicas cocinando en Uros, Lago Titicaca. Typical women cooking in Uros.
Die Uro sind die eigentlichen Ureinwohner der Gegend. Die Inka waren Kolonisatoren, wie man heute zu sagen pflegt. Die meisten Uro sprechen heute Aymara und nicht Chipaya. Uro-Chipaya wird fast nur noch in einigen wenigen und extrem abgelegenen Dörfern am Rand der Salzwüste Boliviens gesprochen.

November 15, 2025 | Kategorie
Bolivia,
Lateinamerika,
Peru |
Kommentieren
Ich schrieb am 01.12.2023: „…da ich zwei Mal in Guyana war, bin ich besorgt, dass dort der nächste Krieg ausbrechen könnte. Die Venezolaner sind bescheuert genug, den anzufangen (natürlich aus innenpolitischen Gründen und weil es dort Öl gibt).
Guyana hat nur 4000 Soldaten, darunter auch Frauen. Die Venezolaner können rund 300.000 Mann aufbieten. Auf einen Soldaten Guyanas kommen also 75 von Venezuela.
Das heißt aber nichts. Man erinnere sich an den Falklandkrieg. Guyana war britische Kolonie. Ein Flugzeugträger braucht eine Woche nach Guyana – bis zu den Falklands wäre es fast doppelt so weit. Wenn die Briten um Hilfe gebeten würden, machten die die venezolanische Armee ziemlich schnell platt. Wer einmal lateinamerikanische Soldaten erlebt hat, weiß, was ich meine. Es träfen unterschiedliche Welten, Traditionen und Mentalitäten aufeinander, so wie Spanier versus Azteken. Außerdem ist der britische Premierminister Hindu und hat indische Wurzeln. Rund ein Drittel der Einwohner Guyanas sind auch Hindus. Man ahnt, wo die Sympathien liegen.
Dagegen spricht, dass Venezuela gute Beziehungen zu Russland hat. Die Russen sind imstande, die Venezolaner aufzuhetzen, nur um einen weiteren Kriegsschauplatz zu eröffnen.“

Georgetown City Hall, Guyana, fotografiert 1982
Ich habe mir einen Artikel aus dem Guardian übersetzen und überarbeiten lassen: „Guyana in turmoil after opposition leader arrested and faces US extradition“. Was also ist da genau los?
Politische Krise in Guyana nach Verhaftung des Oppositionsführers
Guyana ist in eine politische Krise gestürzt, nachdem der führende Oppositionspolitiker des Landes verhaftet wurde und ihm nun die Auslieferung an die Vereinigten Staaten droht – nur zwei Monate, nachdem er überraschend als Präsidentschaftskandidat angetreten war und die Wahl den amtierenden Präsidenten Irfaan Ali im Amt bestätigte.
Azruddin Mohamed (38) und sein Vater Nazar Mohamed (73) – zwei der wohlhabendsten Männer des Landes dank ihres weitverzweigten Goldminen-Imperiums – wurden am 31. Oktober in der Hauptstadt Georgetown auf Ersuchen der US-Regierung festgenommen.
Ihnen werden vor einem Gericht in Florida elf Straftaten vorgeworfen, darunter Geldwäsche, Bestechung und Steuerhinterziehung. Beide wurden jedoch noch am selben Tag gegen Kaution freigelassen – jeweils 150.000 Guyana-Dollar (rund 720 US-Dollar). Sie müssen sich wöchentlich bei Gericht melden; die nächste Anhörung ist für Montag angesetzt.
Mohamed sieht sich als Opfer politischer Verfolgung durch die Regierung Alis. „Die Regierung steckt vollständig hinter den Sanktionen und arbeitet mit ihren Kontakten in den USA zusammen“, erklärte er gegenüber lokalen Medien.
Guyanas Generalstaatsanwalt Mohabir Anil Nandlall wies diese Vorwürfe zurück. Die Auslieferung sei eine „rechtliche Verpflichtung“, die sich aus internationalen Abkommen ergebe – der Auslieferungsvertrag von 1931 zwischen dem Vereinigten Königreich und den USA gelte in Guyana, das 1966 seine Unabhängigkeit von Großbritannien erlangte, bis heute.
Der Fall hat in Guyana große Symbolkraft gewonnen – in einer Phase, in der die Beziehungen zwischen der Karibikrepublik und den Vereinigten Staaten zunehmend von der Ölindustrie geprägt sind. Amerikanische Energiekonzerne treiben die Erschließung neuer Vorkommen voran, die Guyana schon bald zum größten Ölproduzenten pro Kopf weltweit machen könnten.
„Der Status quo in Guyana wird gerade in Frage gestellt“, sagte der Politikwissenschaftler Peter Wickham, Direktor eines Meinungsforschungsinstituts in der Karibik.
Erst drei Monate vor der Wahl hatte Mohamed eine eigene Partei gegründet und seine Kandidatur angekündigt – ein Bruch mit dem seit Jahrzehnten dominierenden Zwei-Parteien-System des Landes. Dieses wird traditionell von der Regierungspartei PPP/C, die vor allem unter indo-guyanischen Wählern stark ist, und der oppositionellen APNU, die überwiegend von Afro-Guyanesinnen und -Guyanesen unterstützt wird, bestimmt.
Mohamed rief die Bevölkerung dazu auf, „Stammeswahlen“ zu überwinden, und versprach auf einer populistischen, systemkritischen Plattform, das bestehende Ölabkommen neu zu verhandeln. Trotz der neu entdeckten Ölreserven lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung weiterhin in Armut.
„Er hoffte, eine Art Zünglein an der Waage für den Wahlsieger zu werden – und das Ergebnis fiel besser aus, als er selbst erwartet hatte“, sagte Wickham.
Zwar gewann Amtsinhaber Ali die Wahl, seine Partei sicherte sich 36 der 65 Sitze im Parlament. Doch erstmals war nicht die APNU die größte Oppositionskraft – sie kam nur auf 12 Sitze –, sondern Mohameds Partei mit 16 Mandaten.
Drei Tage nach seiner Festnahme und Freilassung auf Kaution wurde Mohamed gemeinsam mit den übrigen Abgeordneten des neuen Parlaments vereidigt. Für Aufsehen sorgte sein Eintreffen in einem Lamborghini – jenem Fahrzeug, das im Zentrum eines mutmaßlichen Postbetrugs steht. Mohamed soll eine gefälschte Rechnung über 75.300 US-Dollar für ein Auto eingereicht haben, das tatsächlich 680.000 US-Dollar gekostet haben soll.
Obwohl der US-Auslieferungsantrag bereits im Oktober vergangenen Jahres gestellt wurde, laufen die Ermittlungen gegen Mohamed und seinen Vater schon länger. Die Anklage soll mutmaßliche Straftaten aus den Jahren 2017 bis 2024 umfassen.
Im Juni 2024 beschlagnahmten US-Behörden am Flughafen von Miami Goldbarren im Wert von rund 5,3 Millionen US-Dollar, die von Mohameds Unternehmen Mohamed’s Enterprise aus Guyana verschickt worden waren. Im selben Monat verhängte das US-Finanzministerium Sanktionen gegen Vater und Sohn wegen Goldschmuggels, Steuerhinterziehung in Höhe von mehr als 50 Millionen US-Dollar und Bestechung lokaler Beamter.
Bei einer Pressekonferenz vergangene Woche erklärte Vizepräsident Bharrat Jagdeo – Präsident des Landes von 1999 bis 2011 –, das Auslieferungsersuchen stamme persönlich vom US-Außenminister Marco Rubio.
„Sehen Sie seine Unterschrift? ‚Marco Rubio‘“, sagte Jagdeo. „Das ist kein kleiner Beamter in Florida – das zeigt, wie ernst die Sache ist. Wir sind Teil eines internationalen Vertragswerks und einer Gemeinschaft, die daran glaubt, dass Menschen für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden müssen.“
Mohamed und seine Anwälte lehnten eine Stellungnahme gegenüber dem Guardian ab, bestreiten jedoch weiterhin jedes Fehlverhalten.
Sein Anwaltsteam argumentiert zudem, einige der in der US-Anklage genannten Delikte seien nach guyanischem Recht keine Straftaten und Mohamed dürfe deshalb nicht ausgeliefert werden. Die Verteidigung kündigte an, den Fall auf allen Instanzen zu bekämpfen – vom Verfassungsgericht bis hin zum Karibischen Gerichtshof (Caribbean Court of Justice).
Politikwissenschaftler Wickham rechnet mit einem langen Verfahren: „Währenddessen bleibt Mohamed Parlamentsabgeordneter – und er wird alles daransetzen, der Regierung in seiner Rolle als Oppositionsführer das Leben so schwer wie möglich zu machen.“
Fotografiert 1982 in Georgetown, Guyana
November 9, 2025 | Kategorie
Guyana,
Politics |
8 Kommentare

Postkarte aus Arequipa in Peru vom 12.03.1984 – meine dritte Reise nach Lateinamerika. Die Reiseroute änderte sich später noch eimmal – wir sind doch quer durch Bolivien und dann in den Norden zum Pando-Dschungel und von dort über den Rio Madre de Dios nach Peru. Die gesamte Reise dauerte gut sechs Monate.
Die Karte zeigt das Dorf Tingo Grande südwestlich von Arequipa.

November 4, 2025 | Kategorie
Lateinamerika,
Peru |
Kommentieren
Ich habe noch einen Brief gefunden, den ich vergessen hatte. Er gehört zeitlich hinter den Brief vom 25.09.1981. Über die Tarahumara, auch bekannt als Raramuri, hatte ich hier schon öfter geschrieben.

Tarahumara – Foto: L. Verplancken S., Creel. Chihuahua, Mexico
Creel, 2.10.
Liebe Eltern!
Ich schreibe jetzt noch mal, weil wir morgen für 2 Wochen in ein kleines Dorf fahren, wo es keine Post, sondern nur einen Postesel gibt, wie man sagt. Wer weiß, wie oft der kommt. Dort wohnen die Tarahumara-Indianter (s. Foto), mehr noch als hier.
Wenn das Wetter einigermaßen ist, werden wir auch endlich zu unserem einwöchigen Ritt kommen. Hier in Creel sind wir eine Woche steckengeblieben, weil es weder Bus noch Auto gab, die uns die nächsten 80 km hätten mitnehmen können. Bei den Straßenverhältnissen dauert es ca. 8 Std..

Tarahumara in Creel, fotografiert im Oktober 1981
Hier ist es sehr ruhig, so richtig zum, Ausspannen, 2 Straßen, ein paar Häuser, eine Eisenbahnstation (1x am Tag ein Zug), sehr viel Staub, Pferde, ein paar urtümliche LKWs, die nur den Weg von einem Ortsende zum anderen schaffen, Männer mit hohen Cowboyhüten – nach dem Motto: je kleiner der Mann, desto größer der Hut, ein paar Indianer, die aus dem Gebirge kommen, um Sachen zu verkaufen. Es gibt ca. 50000 von ihnen hier, aber über ein gebiet verstreut, das 10000 Quadratkilometer groß ist.
Im Ort 3 Hotels. fast alle leer – eigentlich sind es nur Schlafmöglichkeiten, allerdings kommen manchmal reiche Amerikaner in das eine, sie bezahlen auch entsprechend. Sonst ist hier nicht slos.
Das nächste Mal aus Mexiko City!
Gruß Burkhard

Das Hotel Korachi scheint es noch zu geben.
September 25, 2025 | Kategorie
Lateinamerika,
Mexico |
2 Kommentare

Wir schweifen einen Moment von den Weltläuften ab. Der Instagram-Algorithmus schockte mich mit fürchterlichen Fotos, aufgenommen von einem peruanischen Reisebüro. Sie stammen aus Aguas Calientes am Rio Urubamba in Peru, von wo aus die Touristen, die mit dem Zug ankommen, per Bus über endlose Serpentinen nach Machu Picchu gekarrt werden oder zu Fuß aufsteigen.
Massen! Noch schlimmer: Massen von Touristen! Da kann ich gleich im siebten Kreis der Danteschen Hölle lustwandeln. Was hatte ich für ein unverschämtes Glück, da schon vor 45 Jahren gewesen sein.
I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhäuser Gate. All those moments will be lost in time, like tears in rain. Not yet time to die.

Ich schrieb am 28.04.2014: Ich bin froh, das Weltwunder schon 1980 und 1984 gesehen zu haben, damals waren nur wenige Touristen da und wir konnten die Bergstadt der Inkas fast ungestört erkunden. Beim zweiten Mal habe ich sogar am Sonnentor oberhalb Machu Picchu – auf halbem Weg von Wiñay Wayna – übernachtet und konnte den Sonnenuntergang und -aufgang über der Stadt erleben.

Das Tal des Rio Urubamba bei Ollantaytambo, Peru 1984. Im Hintergrund der Nevado Verónica (5,893 m), auch bekannt als Wakaywillque. Der Ausblick war atemberaubend schön. Genau an diesem Punkt sind meine Begleiterin und ich gestartet zu einer einwöchigen Tour durch die Berge nach Machu Picchu.

Runkurakay (3.760 m, südöstlich des Passes Abra de Runkurakay (3970 m), Camino de los Incas, Peru. Ich bin zwei Mal über den Inkatrail marschiert, im Januar 1979 und im Juli 1984 – bei der letzteren Version zu Fuß von Ollantaytambo aus (also einen Tag länger).
– Runkuraqai und Puyupatamarca (12.07.2023)
– Camino de los Incas, revisitado (12.11.2022)
– Inca Trail, revisited (11.12.2021)
– Valle de Pakaymayu (18.10.2021)
– Aufstieg im Nebel (02.02.2021)
– Camino des los Incas (16.10.2020)
– Salcantay – der wilde Berg (21.07.2020)
– Ayapata (11.07.2020)
– Speicher meines Gottes (09.09.2020)
– Bergwelt (16.01.2020)
– Warmi Wañusqa oder: Die Frau, die starb (08.01.2020)
– Wakaywillque (13.03.2019)
– Ewige Jugend (12.07.2018)
– Über allen Gipfeln ist Ruh…. (14.09.2016)
– Machu Picchu, revisited (28.04.2014)
– Machu Picchu (03.12.2012)
– El camino de los Incas (04.01.2012)
– Machu Picchu (29.08.2011)
September 15, 2025 | Kategorie
Lateinamerika,
Peru |
5 Kommentare

Mündung des Rio Negro in den Solimoes (Amazonas) bei Manaus, fotografiert Februar 1980
Ich hatte jüngst nostalgische Anwandlungen. An welche Momente auf meinen Reisen kann ich mich besonders gut erinnern, und welche haben eine Art „Flash“ erzeugt? Das kann man schwer beschreiben, und es sind gar nicht so viele, die extrem positive Gefühle und Adrenalin hervorriefen.
Auf meiner ersten Reise 1979/80 durch die USA, Mexiko, Belize, Guatemala, Honduras, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Brasilien, Guyana und Barbados habe ich das trotz der Exotik nicht gespürt. In Belize gefiel es mir außerordentlich, vor allem, weil ich so gut wie nichts über das Land wusste. Aber es fehlte dieser „Wow“-Moment.
Ziemlich nah dran war, als ich zum ersten Mal den Amazonas sah. In dem Milieu, aus dem ich komme, waren Reisen dieser Art damals gar nicht denkbar bzw. vorstellbar, genau so wenig wie der Berufswunsch „Journalist“ oder „Schriftsteller“.

Der Rio Coco, Grenzfluss zwischen Honduras und Nicaragua (auf der gegenüberliegenden Seite), fotografiert Dezember 1981.
Auf der zweiten Reise gab es so einen unvergesslichen Moment. Als wir in einer gottverlassenen Pampa und allein am Rio Coco in Honduras saßen und einen Einbaum sahen, der uns herüberholen wollte, gesteuert von einem Mädchen, das fast noch ein Kind war. Und dann am anderen Ufer der misstrauische Empfang durch bis an die Zähne bewaffneten Sandinistas, die unser gesamtes Gepäck auseinandernahmen. Und – endlich! – die Einladung des „Revolutionskommandanten“ zu einem comida international („internationalen Essen“) mit allen zusammen, womit Spagetti gemeint war. Das war wie ein „Flash“ – nach dem Motto: Das glaubt uns keiner! Und das lässt sich nicht wiederholen.

Salzwüste in Bolivien westlich von Oruro, 1984
Dritte Reise 1984, sieben Monate Peru und Bolivien. Zwei Tage Fußmarsch durch eine Salzwüste, zuerst mit schwerem Gepäck, dann mit leichtem. Und dann endlich am späten Nachmittag die primitiven Hütten von Chipaya am Horizont. In einer der ersten wurde gerade Brot gebacken. Die Nachricht, dass damals in Bolivien eine Inflation wie in der Weimarer Republik war, war noch bis dorthin nicht vorgedrungen. Die beiden Brote, die wir kauften, kosteten weniger als damals zehn Pfennig. Ich habe noch nie so leckeres (Weiß)Brot gegessen. Das war schon wie im Film. Man fragt sich: Ich das jetzt real oder nur ein Traum?

Ein Dorf östlich von Urcos in Peru. Der schneebedeckte Berg ist der Ausangate (6.384 m) am westlichen Rand der Cordillera Vilcanota 1984.
Der zweite Flash-Moment ist klar zu benennen, aber nicht der Ort (vielleicht Mahuayani). Ich war mit einem LKW (illegaler Holztransport, rund 20 Personen auf der Ladefläche und ein paar Benzinkanister) unterwegs von Puerto Maldonado im Urwald von Peru nach Cusco, zwei Tage und eine Nacht, auf einer der damals gefährlichsten Straßen (Teil der Interoceanica Sur) der Welt.
In der Nacht hatten wir bei klirrender Kälte den Pass nördlich des Lago Sinkrinaqucha (4.377 m, spanisch: Singrenacocha) überquert. Ich weiß noch, dass der LKW gegen Mitternacht ein paar Stunden anhielt, weil der Fahrer sich nicht traute weiterzufahren, und dass ich austreten musste und fast alles anzog, was ich hatte, um nicht zu Eis zu erstarren: Zwei Pullover, Wollmütze, Wollhandschuhe. Wir führen weiter und erreichten kurz darauf dieses Dorf kurz nach Sonnenaufgang.
Ich sprang immer noch bibbernd vor Kälte vom LKW. Dann kam mir ein Reiter entgegen, der vom Pferd stieg und die anderen „Fahrgäste“ fragte, wer ich sei (ich trug eine Art Poncho und einen Hut). Alles war total unwirklich, aber ein unvergessliches Erlebnis.

Mein Rucksack auf der Plaza Falcón in Coro, Venezuela, kurz vor Sonnenaufgang, 18.1.1998
Auch 1998 in Venezuela gab es Momente wie die Tänzerinnen in Coro. Aber noch mehr flashte mich ein paar Tage vorher die Ankunft dort:
Der Bus fährt direkt nach Coro. Krachendes TV, daily soap auf venezolanisch, ich brauche nicht lange, um mich daran zu gewöhnen und trotzdem zu schlafen. Um kurz nach fünf rüttelt mich jemand – wir sind schon da. Eine Brise, irgendwo muss das Meer sein. Mit schweren Füßen durch schmale, holprige Straßen einer Vorstadt. Ich bin ganz allein. Hunde bellen mich an, ohne mich zu sehen. [Ich habe mir das angesehen: Der Terminal Terreste Polica Salas – der Busbahnhof – von Coro ist an der Calle Maparari, es sind von dort gut zwei Kilometer zu Fuß bis ins Stadtzentrum.]
Endlich: die Plaza von Santa Ana de Coro, gegründet 1527 vom Spanier Juan de Ampiés, der sich dazu die Erlaubnis des Kaziken Manaure holte. Die kleine Kathedrale, dem heiligen Franziskus geweiht. Als Georg Hohermuth von Speyer und Philipp von Hutten 1528 auf diesem Platz standen, war sie noch nicht fertig. Sonnenaufgang.
Ich sitze auf einer Bank und versuche mir vorzustellen: 400 deutsche Landsknechte und sächsische Bergknappen, die hier, genau an dieser Stelle, damals, vor fast 500 Jahren, aufgebrochen sind nach El Dorado. Ich schaue auf die Uhr. Es ist unfassbar. Von Berlin nach Coro in weniger als 48 Stunden.

Je mehr ich in Erinnerungen schwelge, um so mehr fällt mir ein. Aber einen Flash habe ich noch, und der ist gar nicht so lang her.

Jaffa Gate, Jerusalem, 10.10.2023
Ich kann mich daran erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Es war wie im Fieber. Ich hätte am liebsten einen Passanten gepackt und ihn gebeten, mich zu schütteln. Bin ich wirklich hier? Ist das wahr?
Im Oktober werden ich ein bisschen gelassener sein, wenn ich wieder da stehe.


Tobago 1982.
„This idyllic scene is typical of many of Tobago’s famed beauty spots. Pigeon Point is an easy jumping off place for Buccoo Reef and the Nylon Pool.“
Dort waren wir nicht, weil alle Touristen dort sind, sondern auf der gegenüberliegenden Seite der Insel in Charlotteville. Warum ich geschrieben habe, die Kamera sei kaputt, weiß ich nicht. Sie hat bis zur Rückkehr nach Deutschland funktioniert.

Die Landesflagge, fotografiert am Fort King George, Scarborough, Republic of Trinidad and Tobago (1982).
Scarborough/Tobago, 2.3.82
Liebe Eltern,
Also zunächst das Wichtigste: Wir fliegen am Samstag, den 3. April, abends um 10 in Barbados los und kommen Sonntag, 4.4., gegen Mittag (wegen der ca. 5 Stunden Zeitverschiebung) in Luxemburg an und werden, falls uns H. und A. abholen, am Sonntag abends in Unna sein. Falls sie uns nicht abholen, müssen wir trampen, weil wir kein Geld mehr haben werden, und das kann bis Montag dauern.

Da Trinidad gerade entsetzlich teuer ist (wesentlich teurer als bei uns), sind wir nur ein paar Tage geblieben und dann mit einem Schiff nach Tobago – aber hier ist es genauso teuer. Wir werden aber trotzdem 2 Wochen hierbleiben, weil vorher kein Flugzeug nach Grenada fliegt. Unser Etat beträgt nicht mehr als 30 DM pro Kopf und Tag, da ein Bett in einem Hotel der billigsten Sorte schon 20 DM kostet, müssen wir für 20 DM uns beiden 3 Mahlzeiten kochen – gelobt und gepriesen sei zum wiederholten Mal unser Öfchen! Es geht – nur einige Sachen vermissen wir doch sehr und würden sie gerne wiedersehen, z.B. dunkles Brot (oder sogar Möpkenbrot), Fleischsalat, Gurken, Schokolade, Gemüse – hier gibt es zwar wesentlich mehr Früchte, aber an Gemüse eigentlich nur Kohl.

Scarborough (Republic of Trinidad and Tobago).Auf der Bude steht: „David Noel – remember our champ“.
Klopse, Sauerbraten, Nudelsalat, jede Art von Obstkuchen oder Buttercremtorte, überhaupt alles Saure und Knackige. Wir zehren noch von unserem kolumbianischen Kaffee und dem brasilianischen Tee, mit dem wir uns reichlich eingedeckt haben. Wir haben immer noch Reis aus Manaus, obwohl die Tüte schon mehrmals in diversen Hotels von Mäusen und anderen Tieren angeknabbert wurde. Heute morgen fanden wir z.B. in einer 1kg-Tüte voll Curry (ein Souvenir aus Guyana) ein Loch – ob Mäuse wirklich Curry fressen, weiß ich nicht.
Wir wünschen uns zum Empfang Königsberger Klopse + Rote Beete! (für mich zum Nachtisch Vanillepudding). Senf! 1 sauren Apfel für Susanne bereithalten! Mettwurst. Keine Brötchen!

Fort King George bzw. die Reste davon, Scarborough, Republic of Trinidad and Tobago (1982).
Jetzt ist gerade das Licht im ganzen Ort ausgefallen – das scheint eine Spezialität von Trinidad und Tobago zu sein, in Port of Spain ist es auch schon passiert – wir haben die Kerzen immer griffbereit und schreiben im Schummerlicht weiter,
(…) Wenn nichts Umwerfendes mehr passiert oder in der Post in St. Georges/Grenada steht, aus finanziellen Gründen keine Post mehr! Wenn Grenada etwas billiger wird, vielleicht an irgendwen ein Kärtchen. Ab 14.3. sind wir in St. Georges, 2 Wochen später in Barbados.

Man-O-War-Bay, Tobago (Republic of Trinidad and Tobago, Kleine Antillen)
Es gibt traumhaft schöne, einsame, palmenumringte Sandstrände mit viel Sonne und blauem Bilderbuchmeer! Und das 5 Wochen lang!
Grüße von Susanne
Burkhard
August 10, 2025 | Kategorie
Trinidad & Tobago |
Kommentieren
Older entries