Tarabuqueño

tarabuqueño

Postkarte an meinen Großvater aus Potosi, Bolivien vom 27.04.84. Das war meine dritte Reise durch Lateinamerika. Der Mann auf dem Bild ist aus Tarabuco. Der lederne Hut der Männer orientiert sich an den Helmen der spanischen Konquistadoren.

Foto auf der Vorderseite der Postkarte: Peter Mc. Farren. Estudio Fotográfico „Los Kankitas“ – Casilla 7494 – La Paz – Bolivia.

tarabuqueño

Was macht eigentlich der US-Imperialismus?

chica venezuela
Mädchen aus Quibor oder El Tocuyo, Venezuela 1998.

Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) hat eine detaillierte Analyse formuliert, wie und unter welchen Voraussetzungen die USA Venezuela angreifen könnten.

„Nach dem ersten Angriff würden Drittparteien wie Brasilien, die Vereinten Nationen und die Organisation Amerikanischer Staaten mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre Vermittlung anbieten. Die Trump-Regierung könnte eine Vermittlung akzeptieren, wie sie es beim Waffenstillstand im Gazastreifen tat, allerdings nicht bei den Bemühungen zur Beendigung des Krieges in der Ukraine. Präsident Trump bevorzugt bilaterale und persönliche Diplomatie. Das würde Gespräche mit Venezuela auf Ministerebene bedeuten. Ungeachtet des diplomatischen Mechanismus gibt es viele Möglichkeiten, das Regime zum Machtverzicht zu bewegen oder zu zwingen.

Sollten die diplomatischen Bemühungen scheitern und Maduro sich widersetzen, wäre es für die Trump-Regierung schwierig, sich zurückzuziehen. Das käme einem öffentlichen Eingeständnis des Scheiterns gleich, und Präsident Trump verabscheut Misserfolge. Stattdessen würde die Regierung eine umfassende Luftkampagne starten, bestehend aus einer Reihe von Angriffen, um das Maduro-Regime zu lähmen und zu destabilisieren. Historisch gesehen waren solche Luftangriffe nur dann erfolgreich, wenn sie mit der Drohung oder dem tatsächlichen Eingreifen am Boden einhergingen.“

Und das – eine Bodenoffensive – kann Trump vermutlich seinen Wählern nicht verkaufen, obwohl das Militär Venezuelas ungefähr so „schlagkräftig“ ist wie das des Irak.

Uro, revisited

Puno

Postkarte vom 15.04.1984 aus Puno am Titicacasee, Peru, an die Mitarbeiter der Löwen-Apotheke in Unna [rechts das mit Schiefer gedeckte Haus, der Laden neben McPaper – man erkennt noch den Löwen über dem Eingang]. Die Apotheke gibt es nicht mehr. Meine Mutter hatte dort gearbeitet, und wir hatten uns mit Medikamenten für „die Tropen“ dort eingedeckt.

Tannacomp ist ein Mittel gegen akuten Durchfall.

Auf der Postkarte:
1974. Puno – Peru. Tipicas cocinando en Uros, Lago Titicaca. Typical women cooking in Uros.

Die Uro sind die eigentlichen Ureinwohner der Gegend. Die Inka waren Kolonisatoren, wie man heute zu sagen pflegt. Die meisten Uro sprechen heute Aymara und nicht Chipaya. Uro-Chipaya wird fast nur noch in einigen wenigen und extrem abgelegenen Dörfern am Rand der Salzwüste Boliviens gesprochen.

Puno

Paisaje de Tingo Grande

Tingo Grande

Postkarte aus Arequipa in Peru vom 12.03.1984 – meine dritte Reise nach Lateinamerika. Die Reiseroute änderte sich später noch eimmal – wir sind doch quer durch Bolivien und dann in den Norden zum Pando-Dschungel und von dort über den Rio Madre de Dios nach Peru. Die gesamte Reise dauerte gut sechs Monate.

Die Karte zeigt das Dorf Tingo Grande südwestlich von Arequipa.

Tingo Grande

Unter Indianern

Ich habe noch einen Brief gefunden, den ich vergessen hatte. Er gehört zeitlich hinter den Brief vom 25.09.1981. Über die Tarahumara, auch bekannt als Raramuri, hatte ich hier schon öfter geschrieben.

Tarahumara
Tarahumara – Foto: L. Verplancken S., Creel. Chihuahua, Mexico

Creel, 2.10.

Liebe Eltern!
Ich schreibe jetzt noch mal, weil wir morgen für 2 Wochen in ein kleines Dorf fahren, wo es keine Post, sondern nur einen Postesel gibt, wie man sagt. Wer weiß, wie oft der kommt. Dort wohnen die Tarahumara-Indianter (s. Foto), mehr noch als hier.

Wenn das Wetter einigermaßen ist, werden wir auch endlich zu unserem einwöchigen Ritt kommen. Hier in Creel sind wir eine Woche steckengeblieben, weil es weder Bus noch Auto gab, die uns die nächsten 80 km hätten mitnehmen können. Bei den Straßenverhältnissen dauert es ca. 8 Std..

tarahumara
Tarahumara in Creel, fotografiert im Oktober 1981

Hier ist es sehr ruhig, so richtig zum, Ausspannen, 2 Straßen, ein paar Häuser, eine Eisenbahnstation (1x am Tag ein Zug), sehr viel Staub, Pferde, ein paar urtümliche LKWs, die nur den Weg von einem Ortsende zum anderen schaffen, Männer mit hohen Cowboyhüten – nach dem Motto: je kleiner der Mann, desto größer der Hut, ein paar Indianer, die aus dem Gebirge kommen, um Sachen zu verkaufen. Es gibt ca. 50000 von ihnen hier, aber über ein gebiet verstreut, das 10000 Quadratkilometer groß ist.
Im Ort 3 Hotels. fast alle leer – eigentlich sind es nur Schlafmöglichkeiten, allerdings kommen manchmal reiche Amerikaner in das eine, sie bezahlen auch entsprechend. Sonst ist hier nicht slos.

Das nächste Mal aus Mexiko City!
Gruß Burkhard

brief
Das Hotel Korachi scheint es noch zu geben.

All those moments

machu picchu

Wir schweifen einen Moment von den Weltläuften ab. Der Instagram-Algorithmus schockte mich mit fürchterlichen Fotos, aufgenommen von einem peruanischen Reisebüro. Sie stammen aus Aguas Calientes am Rio Urubamba in Peru, von wo aus die Touristen, die mit dem Zug ankommen, per Bus über endlose Serpentinen nach Machu Picchu gekarrt werden oder zu Fuß aufsteigen.

Massen! Noch schlimmer: Massen von Touristen! Da kann ich gleich im siebten Kreis der Danteschen Hölle lustwandeln. Was hatte ich für ein unverschämtes Glück, da schon vor 45 Jahren gewesen sein.

I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhäuser Gate. All those moments will be lost in time, like tears in rain. Not yet time to die.

Machu Picchu

Ich schrieb am 28.04.2014: Ich bin froh, das Weltwunder schon 1980 und 1984 gesehen zu haben, damals waren nur wenige Touristen da und wir konnten die Bergstadt der Inkas fast ungestört erkunden. Beim zweiten Mal habe ich sogar am Sonnentor oberhalb Machu Picchu – auf halbem Weg von Wiñay Wayna – übernachtet und konnte den Sonnenuntergang und -aufgang über der Stadt erleben.

Wakaywillque

Das Tal des Rio Urubamba bei Ollantaytambo, Peru 1984. Im Hintergrund der Nevado Verónica (5,893 m), auch bekannt als Wakaywillque. Der Ausblick war atemberaubend schön. Genau an diesem Punkt sind meine Begleiterin und ich gestartet zu einer einwöchigen Tour durch die Berge nach Machu Picchu.

Runkurakay

Runkurakay (3.760 m, südöstlich des Passes Abra de Runkurakay (3970 m), Camino de los Incas, Peru. Ich bin zwei Mal über den Inkatrail marschiert, im Januar 1979 und im Juli 1984 – bei der letzteren Version zu Fuß von Ollantaytambo aus (also einen Tag länger).

– Runkuraqai und Puyupatamarca (12.07.2023)
– Camino de los Incas, revisitado (12.11.2022)
– Inca Trail, revisited (11.12.2021)
– Valle de Pakaymayu (18.10.2021)
– Aufstieg im Nebel (02.02.2021)
– Camino des los Incas (16.10.2020)
– Salcantay – der wilde Berg (21.07.2020)
– Ayapata (11.07.2020)
– Speicher meines Gottes (09.09.2020)
– Bergwelt (16.01.2020)
– Warmi Wañusqa oder: Die Frau, die starb (08.01.2020)
– Wakaywillque (13.03.2019)
– Ewige Jugend (
12.07.2018)
– Über allen Gipfeln ist Ruh…. (14.09.2016)
– Machu Picchu, revisited (28.04.2014)
– Machu Picchu (03.12.2012)
– El camino de los Incas (04.01.2012)
– Machu Picchu (29.08.2011)

Flash

solimoes
Mündung des Rio Negro in den Solimoes (Amazonas) bei Manaus, fotografiert Februar 1980

Ich hatte jüngst nostalgische Anwandlungen. An welche Momente auf meinen Reisen kann ich mich besonders gut erinnern, und welche haben eine Art „Flash“ erzeugt? Das kann man schwer beschreiben, und es sind gar nicht so viele, die extrem positive Gefühle und Adrenalin hervorriefen.

Auf meiner ersten Reise 1979/80 durch die USA, Mexiko, Belize, Guatemala, Honduras, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Brasilien, Guyana und Barbados habe ich das trotz der Exotik nicht gespürt. In Belize gefiel es mir außerordentlich, vor allem, weil ich so gut wie nichts über das Land wusste. Aber es fehlte dieser „Wow“-Moment.

Ziemlich nah dran war, als ich zum ersten Mal den Amazonas sah. In dem Milieu, aus dem ich komme, waren Reisen dieser Art damals gar nicht denkbar bzw. vorstellbar, genau so wenig wie der Berufswunsch „Journalist“ oder „Schriftsteller“.

Leimus
Der Rio Coco, Grenzfluss zwischen Honduras und Nicaragua (auf der gegenüberliegenden Seite), fotografiert Dezember 1981.

Auf der zweiten Reise gab es so einen unvergesslichen Moment. Als wir in einer gottverlassenen Pampa und allein am Rio Coco in Honduras saßen und einen Einbaum sahen, der uns herüberholen wollte, gesteuert von einem Mädchen, das fast noch ein Kind war. Und dann am anderen Ufer der misstrauische Empfang durch bis an die Zähne bewaffneten Sandinistas, die unser gesamtes Gepäck auseinandernahmen. Und – endlich! – die Einladung des „Revolutionskommandanten“ zu einem comida international („internationalen Essen“) mit allen zusammen, womit Spagetti gemeint war. Das war wie ein „Flash“ – nach dem Motto: Das glaubt uns keiner! Und das lässt sich nicht wiederholen.

salar
Salzwüste in Bolivien westlich von Oruro, 1984

Dritte Reise 1984, sieben Monate Peru und Bolivien. Zwei Tage Fußmarsch durch eine Salzwüste, zuerst mit schwerem Gepäck, dann mit leichtem. Und dann endlich am späten Nachmittag die primitiven Hütten von Chipaya am Horizont. In einer der ersten wurde gerade Brot gebacken. Die Nachricht, dass damals in Bolivien eine Inflation wie in der Weimarer Republik war, war noch bis dorthin nicht vorgedrungen. Die beiden Brote, die wir kauften, kosteten weniger als damals zehn Pfennig. Ich habe noch nie so leckeres (Weiß)Brot gegessen. Das war schon wie im Film. Man fragt sich: Ich das jetzt real oder nur ein Traum?

Ausangate
Ein Dorf östlich von Urcos in Peru. Der schneebedeckte Berg ist der Ausangate (6.384 m) am westlichen Rand der Cordillera Vilcanota (984.

Der zweite Flash-Moment ist klar zu benennen, aber nicht der Ort (vielleicht Mahuayani). Ich war mit einem LKW (illegaler Holztransport, rund 20 Personen auf der Ladefläche und ein paar Benzinkanister) unterwegs von Puerto Maldonado im Urwald von Peru nach Cusco, zwei Tage und eine Nacht, auf einer der damals gefährlichsten Straßen (Teil der Interoceanica Sur) der Welt.

In der Nacht hatten wir bei klirrender Kälte den Pass nördlich des Lago Sinkrinaqucha (4.377 m, spanisch: Singrenacocha) überquert. Ich weiß noch, dass der LKW gegen Mitternacht ein paar Stunden anhielt, weil der Fahrer sich nicht traute weiterzufahren, und dass ich austreten musste und fast alles anzog, was ich hatte, um nicht zu Eis zu erstarren: Zwei Pullover, Wollmütze, Wollhandschuhe. Wir führen weiter und erreichten kurz darauf dieses Dorf kurz nach Sonnenaufgang.

Ich sprang immer noch bibbernd vor Kälte vom LKW. Dann kam mir ein Reiter entgegen, der vom Pferd stieg und die anderen „Fahrgäste“ fragte, wer ich sei (ich trug eine Art Poncho und einen Hut). Alles war total unwirklich, aber ein unvergessliches Erlebnis.

coro
Mein Rucksack auf der Plaza Falcón in Coro, Venezuela, kurz vor Sonnenaufgang, 18.1.1998

Auch 1998 in Venezuela gab es Momente wie die Tänzerinnen in Coro. Aber noch mehr flashte mich ein paar Tage vorher die Ankunft dort:

Der Bus fährt direkt nach Coro. Krachendes TV, daily soap auf venezolanisch, ich brauche nicht lange, um mich daran zu gewöhnen und trotzdem zu schlafen. Um kurz nach fünf rüttelt mich jemand – wir sind schon da. Eine Brise, irgendwo muss das Meer sein. Mit schweren Füßen durch schmale, holprige Straßen einer Vorstadt. Ich bin ganz allein. Hunde bellen mich an, ohne mich zu sehen. [Ich habe mir das angesehen: Der Terminal Terreste Polica Salas – der Busbahnhof – von Coro ist an der Calle Maparari, es sind von dort gut zwei Kilometer zu Fuß bis ins Stadtzentrum.]

Endlich: die Plaza von Santa Ana de Coro, gegründet 1527 vom Spanier Juan de Ampiés, der sich dazu die Erlaubnis des Kaziken Manaure holte. Die kleine Kathedrale, dem heiligen Franziskus geweiht. Als Georg Hohermuth von Speyer und Philipp von Hutten 1528 auf diesem Platz standen, war sie noch nicht fertig. Sonnenaufgang.

Ich sitze auf einer Bank und versuche mir vorzustellen: 400 deutsche Landsknechte und sächsische Bergknappen, die hier, genau an dieser Stelle, damals, vor fast 500 Jahren, aufgebrochen sind nach El Dorado. Ich schaue auf die Uhr. Es ist unfassbar. Von Berlin nach Coro in weniger als 48 Stunden.

coro

Je mehr ich in Erinnerungen schwelge, um so mehr fällt mir ein. Aber einen Flash habe ich noch, und der ist gar nicht so lang her.

Jaffa Gate
Jaffa Gate, Jerusalem, 10.10.2023

Ich kann mich daran erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Es war wie im Fieber. Ich hätte am liebsten einen Passanten gepackt und ihn gebeten, mich zu schütteln. Bin ich wirklich hier? Ist das wahr?

Im Oktober werden ich ein bisschen gelassener sein, wenn ich wieder da stehe.

Pigeon Point

Trinidad TobagoTrinidad Tobago

Tobago 1982.

„This idyllic scene is typical of many of Tobago’s famed beauty spots. Pigeon Point is an easy jumping off place for Buccoo Reef and the Nylon Pool.“

Dort waren wir nicht, weil alle Touristen dort sind, sondern auf der gegenüberliegenden Seite der Insel in Charlotteville. Warum ich geschrieben habe, die Kamera sei kaputt, weiß ich nicht. Sie hat bis zur Rückkehr nach Deutschland funktioniert.

Alles Saure und Knackige

grand mal bay
Die Landesflagge, fotografiert am Fort King George, Scarborough, Republic of Trinidad and Tobago (1982).

Scarborough/Tobago, 2.3.82

Liebe Eltern,
Also zunächst das Wichtigste: Wir fliegen am Samstag, den 3. April, abends um 10 in Barbados los und kommen Sonntag, 4.4., gegen Mittag (wegen der ca. 5 Stunden Zeitverschiebung) in Luxemburg an und werden, falls uns H. und A. abholen, am Sonntag abends in Unna sein. Falls sie uns nicht abholen, müssen wir trampen, weil wir kein Geld mehr haben werden, und das kann bis Montag dauern.

trinidad

Da Trinidad gerade entsetzlich teuer ist (wesentlich teurer als bei uns), sind wir nur ein paar Tage geblieben und dann mit einem Schiff nach Tobago – aber hier ist es genauso teuer. Wir werden aber trotzdem 2 Wochen hierbleiben, weil vorher kein Flugzeug nach Grenada fliegt. Unser Etat beträgt nicht mehr als 30 DM pro Kopf und Tag, da ein Bett in einem Hotel der billigsten Sorte schon 20 DM kostet, müssen wir für 20 DM uns beiden 3 Mahlzeiten kochen – gelobt und gepriesen sei zum wiederholten Mal unser Öfchen! Es geht – nur einige Sachen vermissen wir doch sehr und würden sie gerne wiedersehen, z.B. dunkles Brot (oder sogar Möpkenbrot), Fleischsalat, Gurken, Schokolade, Gemüse – hier gibt es zwar wesentlich mehr Früchte, aber an Gemüse eigentlich nur Kohl.

david Noel
Scarborough (Republic of Trinidad and Tobago).Auf der Bude steht: „David Noel – remember our champ“.

Klopse, Sauerbraten, Nudelsalat, jede Art von Obstkuchen oder Buttercremtorte, überhaupt alles Saure und Knackige. Wir zehren noch von unserem kolumbianischen Kaffee und dem brasilianischen Tee, mit dem wir uns reichlich eingedeckt haben. Wir haben immer noch Reis aus Manaus, obwohl die Tüte schon mehrmals in diversen Hotels von Mäusen und anderen Tieren angeknabbert wurde. Heute morgen fanden wir z.B. in einer 1kg-Tüte voll Curry (ein Souvenir aus Guyana) ein Loch – ob Mäuse wirklich Curry fressen, weiß ich nicht.

Wir wünschen uns zum Empfang Königsberger Klopse + Rote Beete! (für mich zum Nachtisch Vanillepudding). Senf! 1 sauren Apfel für Susanne bereithalten! Mettwurst. Keine Brötchen!

Fort King George
Fort King George bzw. die Reste davon, Scarborough, Republic of Trinidad and Tobago (1982).

Jetzt ist gerade das Licht im ganzen Ort ausgefallen – das scheint eine Spezialität von Trinidad und Tobago zu sein, in Port of Spain ist es auch schon passiert – wir haben die Kerzen immer griffbereit und schreiben im Schummerlicht weiter,

(…) Wenn nichts Umwerfendes mehr passiert oder in der Post in St. Georges/Grenada steht, aus finanziellen Gründen keine Post mehr! Wenn Grenada etwas billiger wird, vielleicht an irgendwen ein Kärtchen. Ab 14.3. sind wir in St. Georges, 2 Wochen später in Barbados.

charlotteville
Man-O-War-Bay, Tobago (Republic of Trinidad and Tobago, Kleine Antillen)

Es gibt traumhaft schöne, einsame, palmenumringte Sandstrände mit viel Sonne und blauem Bilderbuchmeer! Und das 5 Wochen lang!

Grüße von Susanne
Burkhard

Einfach traumhaft

Brief

Georgetown, 22.2. [Guyana 1982]
Liebe Eltern!

Vielleicht rufen wir von Trinidad aus per R-Gespräch an, das ist der einzige Ort, wo es möglich ist. Wenn ihr also Englisch am Telefon hört, legt nicht auf, sondern antwortet „yes“,

Wir haben eure Post erhalten, in Manaus war allerdings nichts, nur eine Karte von Susannes Mutter aus Israel.

Rupununi
Das Takatu-Guesthouse in Lethem, Guyana, fotografiert im Februar 1982. Heute steht da offenbar ein Neubau. (Vgl. Rebellion in der Rupununi, 21.10.2012 sowie Termiten in der Rupununi, 10.07.2011)

Wir sind heute hier [Georgetown, Guyana] angekommen, nachdem wir zuletzt vor ca. 3 Wochen aus einem kleinen Ort an der Grenze zwischen Kolumbien und Brasilien geschrieben hatte. Vielleicht ist der Brief ja angekommen. Wir haben uns entschieden, nicht mehr nach Surinam zu fahren, sondern ein paar Tage zuerst nach Tobago, dann nach Trinidad, dann 2 Wochen Grenada und zum Schluß Barbados. Wir werden versuchen, in Trinidad unseren genauen Rückflugtermin zu buchen, sodaß wir unseren letzten Brief aus St. Georges/Grenada losschicken werden mit genauer Ankunftszeit. Ich nehme an, daß H. und A. uns in Luxemburg abholen werden und war dann nach Unna kommen werden. Aber was soll’s, wir haben ja noch fast 6 Wochen karibische Sonne vor uns und vermutlich noch mehrere Sonnenbrände.

Transamazônica
Die Transamazonica von Manaus nach Boa Vista in Brasilien (das Foto hatte ich schon 1980 gemacht)

Wir sind ein bißchen erschöpft, obwohl wir eine Woche in totaler Stille und Abgeschiedenheit auf einer Ranch im Westen Guyanas verbracht haben. Die Vorgeschichte dazu war wieder etwas anstrengend: 26 Stunden mit dem Bus durch den Amazonas-Urwald von Manaus in Richtung Norden nach Boa Vista im Dreiländereck Guyana/Venezuela/Brasilien. Das ist die einzige Straße in Richtung Norden, ist erst 1977 fertiggestellt und bis vor kurzem fuhren die Busse nur im Konvoi, weil die um ihr Land betrogenen Indianer Überfälle veranstalteten.

Wir verloren mitten in der Nacht die beiden linken Hinterräder, weil die Schrauben sich auf der Schotterpiste gelöst hatten. Heute morgen ging noch die Benzinpumpe kaputt, aber die beiden Fahrer schafften es dann doch noch völlig verdreckt und verschwitzt (sowieso), uns in Boa Vista abzuliefern. Boa Vista ist ein völlig isoliertes Provinznest [das ist heute anders], mit Straßen, Gebäuden und Busbahnhof für die Zukunft gebaut, aber alles verrottet, weil die Zukunft noch keinen Einzug gehalten hat.

boa vista
Kathedrale Cristo Redentor, Boa Vista, Roraima, Brasilien, fotografiert Februar 1982. Boa Vista liegt nicht weit von der Grenze zu Guyana entfernt, in das ich anschließend reiste (1980 und 1982). Nicht weit von Boa Vista entfernt ist Normandia: „Normandia takes its name from the region of Normandy in France, the birthplace of settler Henri Charrière, better known as „Papillon“. Charrière was sentenced to serve time in a maximum security prison on Devil’s Island in French Guiana. He and several inmates managed to escape from French Guiana to Brazil and settled in the area of present-day Normandia.“ Vgl. „Gute Aussicht für Papillon“ 01.07.2028

Nach vorsichtigem Herumfragen verwies man uns zum Apotheker (!) zum Geldwechseln, weil die Banken keine Guyana-Dollars verkauften, obwohl die Grenze nicht weit weg und kein anderer Ort dazwischen ist. Der Apotheker sagte erst, er hätte keine Guyana-Dollars, aber nachdem wir ihm deutlich gemacht hatten, daß wir nicht brasilianische Cruzeiros, sondern amerikanische Dollars hatten, hellte sich seine Miene auf und er sagte, das sei natürlich etwas anderes. Wenn wir in Georgetown [Guyana] getauscht hätten, hätten wir für 1 US-$ 2.60 Guyana-Dollar bekommen, der ehrenwerte Herr Apotheker gab uns für 200 US $ ganze 1000 Guyana-Dollar, sodaß sich für uns alle Preise in Guyana halbieren, sonst könnten wir uns hier auch überhaupt nichts leisten, alles ist schrecklich teuer. –

Rio Branco
Der Rio Branco nordwestlich von Boa Vista, Roraima, Brasilien (ungefähr hier). Das Foto habe ich 1980 gemacht. Die Berge im Hintergrund sind die Kanuku Mountains in Guyana (vgl. Rio Branco, 13.09.2016).

Zur Ranch: Im Westen Guyanas liegt ein sehr interessantes Gebiet, die einzige Savanne Amerikas, sonst gibt es nur noch Savannengebiete in Südafrika. Es gibt nur einen einzige Ort Lethem hatte 2012 1702 Einwohner] mit weniger als 1000 Einwohnern in diesem Gebeite, das halb so groß wie die Bundesrepublik ist. Von diesem Ort (Lethem) kann man über das Gebirge an die Küste fliegen, was wir auch gemacht haben. Sonst gibt es ein paar Indianer-Dörfer und ein paar riesige Ranches, die Rinder züchten.

rupununi
Die Rupununi-Savanne im Westen Guyanas in der Nähe der Manari-Ranch, fotografiert Ende Februar 1980. Ich war auch schon einmal 1980 da. Aber beim ersten Mal war meine Kamera kaputt, weil sie in Brasilien in den Rio Branco gefallen war. Ich habe daher von meinem ersten Aufenthalt in Guyana keine Fotos (vgl. „Weites Land“, 22.07.2022).

Eine halbe Stunde mit dem Jeep von der Grenze war eine solche Ranch, das „Manari Ranch Hotel„, das exklusive Zimmer hatte (nur 8 und wir waren die einzigen Gäste), sogar Duschen (Wasserleitungen gibt es natürlich nicht, aber die Flüsse sind sauber), und [man] servierte sagenhafte 4 Mahlzeiten am Tag, inklusive „Tee“ um 5 auf gute englische Art (Guyana war bis vor wenigen Jahren englische Kolonie, man spricht auch Englisch).

Wir konnten reiten, im Fluß schwimmen, ein Boot stand zu unserer Verfügung, ein alter englischer Billartisch, der Blick von unserem Fenster gibt über eine sandige Ebene mit kargem Buschwerk und bis zu 4m hohen Termitenhügeln, am Horizont eine blau-graue Bergkette – einfach traumhaft.

rupununi
Rupununi-Savanne in der Nähe der Manari-Ranch, Guyana, fotografiert Ende Februar 1980. Im Hintergrund die Kanuku-Mountains.

Das Ganze für 60 DM für 2, uns bei unserem Umtauschkurs wasen das 15 DM alles inklusive für eine Person – Voraussetzung war allerdings, daß wir das Geld über die Grenze schmuggeln mußten, weil die Einfuhr von Guyana-Dollar verboten ist. Wir hatten uns zum Glück schon in Berlin eine Sondergenehmigung der Regierung in Georgetown besorgt, uns in der Savanne aufhalten zu können (wegen eines Aufstands der Rancher und der Indianer in den frühen 70-er Jahren lassen sie normalerweise keinen dahin) und alles lief bestens – unser Geldgürtel ist ein Geld wert.

rupununi
Paddeln auf dem Manari River (vgl. „Vorschau Paddeln“, 18.04.2018).

Die einzige unangenehme Begleiterscheinung war, daß Suanne 1 Woche lang Durchfall hatte, woher, wissen wir nicht. Und ich eine Kombination von Muskelkater und Sonnenbrand vom Rudern auf dem kleinen Fluß.

Beim Flug nach Georgetown mußten wir überrascht feststellen, wie schwer unser Gepäck mittlerweile schon ist – zusammen fast 50kg! [D.h. mein Rucksack war rund 30kg schwer, weil meine Begleiterin nicht so viel tragen konnte.] Wir werden auf Barbados alles überflüssige Zeug verkaufen oder verschenken.

Hier in Georgetown ist es schwül und drückend warm wie vor einem Sturm, und wir haben kaum die Energie, uns fortzubewegen. Heute waren wir den ganzen Tag im Zoo und im botanischen Garten, anschließend cninesisch essen – die vielen Chinesen hier sprechen fast alle nur ein paar Worte Englisch – immer nur einer in der Familie, dafür ist das Essen aber richtig chinesisch. Als wir nach längeren Verhandlungen endlich statt Messer und Gabel Stäbchen bekamen, mußte erst einmal – wie überall – das gesamte Küchenpersonal kichernd um die Ecke schauen.

papageien
Guyana Zoological Park, Georgetown, 1982 – wahrscheinlich der einzige Zoo einer Hauptstadt eines Landes, der keine Website hat. Die Vögel sind Eigentliche Aras.(vgl. „Eigentliche Vögel“, 26.07.2022>)

Wir hoffen, hier vor Sonntag noch wegfliegen zu können Richtung Trinidad – die nächste Post (und die letzte, wenn nichts wichtiges mehr passiert) in ca 2. Wochen von Grenada.

Bitte Grüße an alle, ich schreibe keinen Karten mehr […] sonst haben alle mindestens eine bekommen – wir werden ja sehen! Grüße auch von Susanne
Burkhard

Ich weiß nicht. wo J.s Brief angelangt ist – ich habe den Eindruck, daß ich meine gesamte Post in Manaus nicht bekommen habe, weil der Schaltermensch meinen Namen überhaupt weder lesen, schreiben noch aussprechen konnte.

So ist das hier am Amazonas

Brief

Am Rio Amazonas, 2.2.82
Liebe Eltern!
In dem kleinen Ort [Benjamin Constant], wo wir uns gerade aufhalten, haben wir ein Gebäude entdeckt, das stolz den Namen „correios“=Post trägt. So versuchen wir, einen Brief loszuwerden. Wenn er, wie wir vermuten, per Schiff transportiert wird, wird er genau so lange brauchen wie wir – bis Manaus.

Benjami Constant
Benjamin Constant (Brasilien) im Dreiländereck Kolumbien-Brasilien-Peru, Februar 1982

Wir haben gestern Kolumbien verlassen, sind auf die andere Seite des Amazonas übergesetzt und sind den zweiten Tag in Brasilien. Am Donnerstag (wer weiß?) soll angeblich ein größeres Schiff ankommen, das den ganzen Amazonas oder Rio Solimoes, wie er hier heißt, bis Manaus runterfährt. Es wird ca. 115 DM kosten und wahrscheinlich eine knappe Woche brauchen, so daß wir um den 12.2. da ankommen werden.

Brief

In Kolumbien ist alles etwas anders gekommen, als wir geplant haben. Erst haben wir 11 Tage in Bogota verbracht, bis A. [ein Bekannter aus Deutschland] aus Ecuador ankam, sind dann genau so lange nach Ost-Kolumbien in den Bergurwald, haben aber dort herausgefunden, daß absolut keine Möglichkeit besteht, über andere Flüsse als den Amazonas nach Brasilien zu gelangen. In der Trockenzeit ist zu wenig Wasser, oder zu viele Stromschnellen oder Wasserfälle. Man würde ein halbes Jahr brauchen und es gab keine Information über die Indianer in Brasilien.

Wir haben in Bogota noch zwei holländische Anthropologinnen getroffen, die zeitweise im Grenzgebiet Kolumbien / Brasilien arbeiten, die uns auch abgeraten haben, weil alle „Amtspersonen“ in Ost-Kolumbien in Rauschgifthandel verwickelt sind, inklusive der Polizei, die die Schlimmsten von allen sind, und die ab und zu mal einen brauchen zum Verhaften und vorzeigen, und dafür eignen sich unschuldige Ausländer ganz besonders.

solimoes
Der Amazonas bei Leticia, Kolumbien, vgl. „Am Solimões“ 18.01.2011

So haben wir uns noch einmal nach Bogota gewagt und nach einigen Schwierigkeiten einen Flug direkt in den äußersten Südostzipfel Kolumbiens nach Leticia am Amazonas gefunden. Dieser Flug über den Amazonas-Urwald Kolumbiens war ein Erlebnis für sich – 2 Stunden Flug (die Strecke entspricht ungefähr Hamburg-München) und bis zum Horizont der dunkelgrüne undurchdringliche Dschungel, nur unterbrochen von schmalen, braunen Flüssen, die sich in unzähligen Kurven durch den Urwald kringeln. Und dann taucht der Amazonas auf, von doppelter oder dreifacher Breite des Rheins, mit vielen Nebenarmen und Inseln – und plötzlich senkt sich das Flugzeug und landet in einem Ort von 18000 Einwohnern, wo die tropische Hitze (Durchschnittstemperatur 32 Grad!) einem wie eine Mauer entgegenschlägt. Hier ist das Dreiländereck Kolumbien – Peru – Brasilien, und je Land gibt es nur einen Ort, aber viele Bootsverbindungen. A. ist nicht mitgekommen, so daß wir jetzt wieder zu zweit sind.

amazonas

In Bogota haben wir noch zwei SPIEGEL-Ausgaben kaufen können und uns gewundert, wie kalt es in Europa ist (oder war?). Übrigens haben wir bis jetzt nichts verloren trotz aller Diebe, die in Kolumbien herumlaufen. In Brasilien ist alles anders in der Beziehung, die Leute sind viel weltoffener. Wir haben gerade einen Mann kennengelernt, der Brasilianer ist, aber deutsche Eltern und Großeltern hat, die alle in Südbrasilien wohnen. Er ist verheiratet mit einer Frau, die aus Kolumbien stammt, aber einer ihrer Vorfahren war Neger (sie ist braun und hat Kraushaar), besitzt aber einen Pass der USA. Die beiden sind so alt wie wir, sprechen also fließend Portugiesisch, Spanisch und Englisch, der Mann fließend Deutsch, und die beiden Kinder, die sie haben, sprechen Spanisch, lernen in der Schule Portugiesisch, die Mutter bringt ihnen Englisch, der Vater Deutsch bei. So ist das hier.

Wir beide sind jetzt schon 4 1/2 Monate unterwegs und recht gelassen allen Dingen gegenüber geworden. Wir haben noch 1 Monat Brasilien, Guyana und evtl. Surinam, der restlichen vier Wochen werden wir uns auf den Karibik-Inseln erholen und bräunen lassen. Auf jeden Fall werden wir von Manaus + Georgetown [Guyana] noch schreiben.

Serranía de la Macarena
Serranía de la Macarena, Kolumbien

Z. B. noch ein kleines Problem heute morgen: Uns war aufgefallen, daß unser Öfchen sehr stark rußte. Da wir mittlerweile einen ganzen Reparatur-Satz mit uns führen, habe ich ihn deshalb auseinandergenommen. Jetzt muss ich noch etwas zoologisches erklären: ihr kennt vermutlich keine Cucarachas. Das sind in ganz Südamerika verbreitete braune Käfer [gemeint ist die amerikanische Großschabe (Periplaneta americana, ca. 5 cm lang mit ebensolangen Fühlern, die sie eklig hin- und herschwenken. Diese Cucarachas sind eigentlich sehr hilflos, wenn sie auf den Rücken fallen, kommen sie nicht wieder herum, sie beißen auch nicht, sondern sind gaz schlicht eklig. Nachts kommen sie aus ihren Löchern, im Urwald auch tagsüber, und fressen kleine Löcher in die Lebensmitteltüten vorwiegend ausländischer Reisender. Gegen sie ist kein Kraut gewachsen, nur starkes Gift, das aber auch die Lebensmittel ungenießbar macht.

Da sind uns die Ameisen lieber, die wir vorwiegend mit Benzin bekämpfen. Ach so, gegen die Moskitos haben wir in den Abendstunden natürliche Verbündete gefunden. Rund umdie Lampen sitzen kleine durchsichtige Eidechsen an den Wänden, die so ca. alle 10 Sekunden vorschnellen und ein Moskito fressen.

Die Geschichte mit dem Ofen: in der Brennkammer fand ich mehr als 25 kleine und große Cucaracha-Leichen, völlig verkohlt. Da sie die Dunkelheit lieben, waren sie, als wir in Kolumbien im Urwald waren, nachts in den Ofen geklettert, aber morgens nicht schnell genug hinaus, wenn wir Kaffee kochten. Wir hatten uns schon gewundert, daß beim Anzünden jede Menge Cucarachas, einige mit geknickten Beinen, in alle Richtungen auseinanderstoben. Jetzt brennt übrigens der Ofen wieder völlig normal. Aber nur wenige Cucarachas erleben eine Flugreise über den Amazonas-Urwald, dazu als Leiche.

Serranía de la Macarena
Cascadas de Caño union, Meta, Kolumbien

Wo ich so schön hier in der Mittagshitze sitze und schreibe, noch ein paar Geschichtchen.

In Kolumbien haben wir uns von einem Dorf aufgemacht mit Hängematte, Eßgeschirr und Machete, um 2 Wasserfälle [Cascadas de Caño union] zu suchen, die am Rand des Gebirges mehrere 100 Meter hinabstürzen. Morgens um 4, weil es da angenehm kühl ist, ging es los, nach 8 Sttd. kamen wir über einen Pfad, über mehrere halsbrecherische Flußübergänge und Hängebrücken zu einem Dorf mit weniger als 10 Häusern. Bis dahin begleitete uns ein Mann mit Pferd, der dort wohnte. Wir marschierten noch 2 1/2 Std. weiter, is wir den einen Wasserfall in ca. 3 km Entfernung ab und zu durch da Dickicht sahen. Jede Stunde gab es eine kleie Hütte oder Finca, wie sie hier Höfe nennen, wo die Leute unter schwierigsten Bedingungen dem Urwald ihr täglich Brot abringen.

Nach 20 Minuten hatten wir uns völlig verirrt (wir waren zusammen mit A.), und selbst einen Weg mit der Machete (das sind die ca. 50 cm langen Haumesser, die jeder im Urwald trägt, war dem Unterholz nicht mehr beizukommen. Unter großen Mühen fanden wir den Weg zur letzten Finca zurück, entschlossen nun, zu dem Dorf zurückzukehren. Nach insgesamt 13 Stunden Fußmarsch kamen wir dann da an und der Lehrer des Ortes, der gerade seine Schule selbst baute, wies uns einen Platz für unsere Hängematte an.

Serranía de la Macarena
Unter Machetenträgern

Am nächsten Tag fanden Susanne und ich dann den anderen Wasserfall, und am dritten Tag ging es noch mal 9 Stunden zu Fuß zurück bis zu unserem Ausgangsort. An dem letzteren, einem Dorf, [Vistahermosa] wo das Pferd bzw. der Esel das wichtigste Verkehrsmittel its, sind wir 10 Tage geblieben und waren, wie uns eine Frau sagte, „das Wunder des Dorfes“.

Zum Schluß wurden wir von einem Soldaten des „Stützpunkts“ (das einzige Gebäude des Stützpunkts war eine Schilfhütte mit einem ausgedienten Armeefallschirm als Dach) eingeladen. Bei der Ausreise per Bus müssen alle Männer aussteigen und sich von den Soldaten nach Waffen abtasten lassen – Ost-Kolumbien ist nämlich das Operationsgebiet der Guerilleros [der FARC]. Wir wurden bei der Ausreise [gemeint ist Abreise] per Handschlag begrüßt, während sich die anderen Fahrgäste des Busses wohl darüber gewundert haben, was wir wohl für hochgestellte Persönlichkeiten gewesen sind.

Na ja, trotz aller Probleme hat uns Kolumbien eigentlich sehr gut gefallen – wir sind genau einen Monat dageblieben, so daß wir jetzt zwei 2 Wochen hinter unserem Plan herhinken. Aber wir haben noch genug Zeit und auch noch recht viel Geld; wir haben uns selbst gewundert, bei der Einreise nach Brasilien mußten wir 600 US Dollar pro Person vorzeigen (sonst hätten sie uns vermutlich nur unter Schwierigkeiten hineingelassen), aber wir hatten noch 400 mehr und 1000 DM pro Person und Monat wird reichen.

Villavicencio
Villavicencio, meine damalige Freundin knüpfte Bändchen aus bunten Baumwollfäden zu Armbinden und alle Mädchen wollten das auch können…, vgl. In den Llanos, revisited (09.10.2022)

Wir haben in Kolumbien gelernt, Armbändchen aus Baumwolle zu knüpfen, haben uns billig alle möglichen Farben Stickgarn in Bogota verkauft und fabrizieren in Mußestunden wunderschöne Bänder, ganz bunt mit Mustern, jedes Bändchen ca. 1000 Knoten. Heute haben wir gerade eins für 8.50 DM verkauft!

So weit – wir hoffen auf Post in Manaus, auch aus Berlin.

Herzliche Grüße an alle…

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Wie es weiterging, hatte ich schon beschrieben: „Traumhaus und Traumschiff am Amazonas“ (26.10.2021)

Hühner und andere Geschichten

Brief

Bogota, 4.1.81

Liebe Eltern!
Wir haben euren Brief heute bekommen – vielen Dank! Andererseits haben wir den Eindruck, daß unsere Post aus Nicaragua nicht überall angekommen ist. Wir haben für über 50 DM Postkarten und Briefe aus Managua und Leon losgeschickt und bis jetzt noch keine Reaktion. Wir vermuten aber, daß wegen der chaotischen Bürokratie alles zu spät angekommen ist. –

Zuerst mal, wie es weitergeht. Wir warten zur Zeit noch auf einen Freund aus Nürnberg, der aus Ecuador und Peru hierher unterwegs ist und mit dem wir weiterreisen wollen. Von hier aus bis Manaus in Brasilien werden wir höchstwahrscheinlich keine Post schicken, das sind 4 Wochen Dschungel, macht euch keine Sorgen. Falls ihr die Tour auf einer Karte verfolgen wollt – ich weiß nicht, was drauf ist. [Kleinere Orte waren auf den Karten bzw. Atlanten, über die meine Eltern verfügten, oft nicht zu finden.]

villavicencio
Villavicencio in den Llanos Kolumbiens, fotografiert 1982.

Von Bogotá südöstlich nach Villavicencio, von da aus entweder mit dem Lastwagen oder Privatflugzeug nach Miraflores und Mitu am Rio Vaupes fast an der brasilianischen Grenze. – Das wird ca. 2-3 Wochen dauern, weil wir noch zu einigen Indianerdörfern in der Gegend wollen. Wir hoffen, daß es einen Grenzübergang in der Nähe von Mitú gibt (oder per Boot) nach Taracua Richtung Icana in Brasilien, von da aus auf den Nebenflüssen des Amazonas (bes. Rio Negro) bis Manaus. [Aus dem Plan wurde nichts, weil wir weder ein Flugzeug noch ein anderes Transportmittel in die Richtung fanden. Wir sind irgendwann zurück nach Bogotá und dann nach Leticia geflogen.]

Wenn sie uns in Mitú nicht rüberlassen, müssen wir zurück und vielleicht von Leticia in Kolumbiens Südzipfel ein Schiff auf dem Amazonas bis Manaus nehmen [was wir dann taten]. So, das zum weiteren Verlauf der Reise.

solimoes
Der Amazonas bei Leticia in Kolumbien

Bis jetzt ging von Nicaragua aus alles ziemlich glatt bis auf einige kleinere Unannehmlichkeiten wie z.B. einem 3-stündigen Warten auf meinen Pass bei der Ausreise aus Nicaragua, weil sie den Ort nicht kannten, wo wir eingereist waren [Leimus]. In Costa Rica an der Grenze stopften sie jeden Reisenden mit 4 Tabletten voll, die ihn gegen Malaria schützen sollen. Wenn man aber sowieso schon welche nimmt wie wir jetzt tun, ist das aber gefährlich. Eine andere Touristen konne einen Tag kaum etwas sehen. Es war aber auch kein Arzt da und der Mensch und ich haben uns angebrüllt. Wir haben dann die Dinger nur zum Schein in den Mund genommen und später wieder ausgespuckt..

In San José, Costa Rica, haben wir gemütlich Weihnachten gefeiert in einem erstklassigen Restaurant mit Schweizer Spezialitäten (4 Gänge, Suppe, Pastete, Truthahn mit Salat und Kroketten und Eisbecher für 15 DM). Costa Rica hat einen wahnsinnig guten Umtauschkurs für US-Dollar und wir haben sehr gut gelebt, obwohl ich die ersten drei Tage Durchfall, schreckliche Blähungen und ständiges Aufstoßen hatte. Wir fanden zufällig einen winzigen Laden, in dem in alter Chinese Krimskrams verlaufte (wir suchen nach Stäbchen, weil sie in vielen einfachen China-Restaurants keine haben). Da fanden wir eine kleines Flasche mit China-Öl, was man bei uns eventuell gegen Schnupfen nimmt. Auf der Gebrauchsanweisung war „interne Anwendung“ überall durchgestrichen. Der alte Chinese lächelte verschmitzt und sagte – auf Spanisch natürlich – daß 4 Tropfen Öl mit Wasser alle Magenprobleme beseitigen würden, nur dürfte er dafür keine Reklame machen. Und so war es auch!

merchandise

Kurz vor Silvester sind wir dann nach Panama-City, wo wir euren Brief auch erhalten haben. Die Stadt und die Leute haben uns sehr gut gefallen, daß wir uns entschlossen haben, Neujahr dort zu feiern. Der Panama-Kanal ist wirklich eine technische Meisterleistung, aber darüber mehr in Dias.

Silvester hatten wir über 30 Grad und es war schon etwas exotisch, Neujahr ausgerechnet da zu verbringen. Wir wollten ursprünglich anrufen, aber 3 Minuten kosten über 50 DM und R-Gespräche gehen nicht, weil Panama mit Deutschland darüber keine Abmachung getroffen hat.

Am 2.1. [1982] sind wir ins Flugzeug gesteigen und nach Medellin, Kolumbien, geflogen. Die Einreise verlief glatt, nur war es Sonntag und es gab keine Möglichkeit, Geld zu tauschen. Wir wollten bloß per Taxi zu einer Busgesellschaft, die nach Bogota fährt, weil man uns gewarnat hatte, in Medellin herumzulaufen wegen Räubereien und Dieben. Schließlich nach langer Fragerei fanden sich ein paar Flughafenpolizisten, die ihr privates Geld zusammenkratzten und uns unsere Dollar tauschten. Bei dem Busunternehmen mußten wir noch ein paar Stunden warten, ständig alle Leute belauernd, und dann ging es ab nach Bogota.

Dort hatten wir das seltene Vergnügen, mit einem 42-jährigen Chevrolet (!) ins Hotel gefahren zu werden. Hier fahren viele uralte amerikanische Straßenkreuzer herum. Das Hotel ist sicher (das ist hier die Hauptsache), sauber und die Leute freundlich, nur auf den Straßen geht es manchmal anders zu. Ein Australier aus unserem Hotel hatte Pass, Geld und Kamera in einer Umhängetasche (selbst schuld!), ging am hellichten Tag auf der Hauptstraße spazieren, solange, bis 4 Männer um die Ecke kamen und ihn aller seiner Sachen beraubten. Jetzt muss er mit Hilfe der Botschaft wieder nach Hause, der Arme.

hotel aragon Bogota
Hotel Aragon, Bogotá, Kolumbien 1982

Wir haben übrigens heute nach 4-stündigen Verhandlungen und Bürokratentum die 1000 DM erhalten, die Hartmut uns geschickt hatte und sind wieder gut bei Kasse, weil wir in Nicaragua viel gespart haben. Ich weiß gar nicht zu schätzen, wie viel Pfund Papier die Bank dafür gebraucht hat. Ohne Spanisch ist man in Kolumbien völlig hilflos. –

Nach ein paar Stunden kannte ich mich sogar wieder aus hier. [Ich war zum zweiten Mal in Kolumbien]. Wir haben unsere Wertsachen alle am Körper und im Gürtel, die Kamera in der Hostentasche darüber eine Rolle Klopapier, die ein bisschen herausguckt, damit alle wissen, was in der Tasche ist. Tragen sonst keine Taschen und haben italienische Lira (die 1000-Lira-Noten machen bei Dieben einen guten Eindruck) und ein paar 1-Dollar-Scheine, bei uns nur im Falle eines Falles. Vor uns in der Bank stand ein Mann, der nicht sehr solide [gemeint ist seriös] aussah und wollte einen 1000-Lire-Schein wechseln, was aber nicht ging. Er wußte aber nicht, daß es nur ein paar Mark sind. Vermutlich hatte er einen Touristen beraubt, der ihm die Lira angedreht hat und sich jetzt kaputtlacht wie wir.

Morgen werde ich die Frau anrufen, die ich vor 2 Jahren in Peru kennengelernt habe, eine Kolumbianerin mit dunklem Vater. Sie wohnt in einem absoluten Reichenviertel, und wir werden werden vielleicht Zugang zu den „höheren“ Kreisen finden. Es wäre auch vermutlich gut, für den Dschungel noch irgendwelche Empfehlungsschreiben zu haben für die örtlichen Behörden. Tief im kolumbianischen Urwald gibt es auch einen Ort, der Berlin heißt. –

Was mir gerade einfällt: Bei euren Briefen habt ihr jetzt beim Absender alle Sprachen für „Deutschland“ durch italienisch und französisch, aber auf Spanisch heißt es einfach ALEMANIA mit einem L. Das ist aber nicht so wichtig, und die nächsten Briefe gehen jetzt in Länder, wo portugiesisch oder Englisch gesprochen wird.

Punta Gorda
Punta Gorda, Belize

Noch ein paar lustige Erlebnisse, die mir gerade einfallen. In Belize haben wir in einer Hängematte in einer Hütte geschlafen, und an einem Morgen fand ich in meinem Schlafsack ein noch warmes Ei. Ein Huhn wohnte wohl sonst dort da und ließ sich beim Eierlegen gar nicht stören. – In Granada in Nicaragua lief auch immer ein Huhn in unser Zimmer, was ein Fenster hatte und zu ebener Erde lag. Nachdem ich es zum wiederholten Male wieder hinausgejagt hatte, lag ich auf dem Bett – ohne Brille -, als sich das Fenster bewegte und was großes Braunes hineinguckte, wie das Huhn immer. Ich brüllte: Raus, du Scheiß-Huhn!, aber es war nur Susannes Kopf, den ich ohne Brille mit dem Huhn verwechselt hatte. Jedenfalls haben wir den ganzen Tag gelacht und tun es immer noch, wenn das Gespräch auf Hühner kommt.

In Managua hatten wir unser Öfchen in Betrieb gesetzt, um Frühstück zu machen. Die anderen Gäste in der Herberge fanden das so aufregend (so etwas gibt es hier nicht), daß sie sich Stühle nahmen und sich im Kreis um den Ofen setzten wie zum Fernsehprogramm. Wir konnten vor Lachen kaum unseren Kaffee trinken. –

Heute saßen wir in einem Café bei einer Tasse Kaffe, als der Kellner kam und uns einfach unsere Löffel wegnahm, ohne etwas zu sagen. Vermutlich hatten sie davon nicht genug, aber ich muß noch immer lachen, wenn ich mir das in Deutschland vorstelle.

Die nächsten kleineren Erlebnisse kann man kaum beschreiben, sie machen aber auch den Reiz der Reise aus. Oder könnt ihr euch vorstellen, wie sehr wir uns gefreut haben, als wir in Panama den ersten Waschsalon nach 3 Monaten sahen? In einer Wäscherei waschen wir nämlich nur kalt, und unsere Wäsche kam fast genauz so wieder heraus wie vorher.

Wir haben jetzt schon 3 Pakete mit Souvenirs nach Hause nach Berlin geschickt, 1 von Mexico und 1 von Costa Rica und 1 von Panama, aber unsere Rucksäcke wiegen immer noch fast 20 kg.

panama
Altstadt von Panama

Das wär’s erst einmal, die Post hier ist ziemlich sicher und der Brief wird wohl ankommen. Also wie gesagt, der nächste Brief höchstwahrscheinlich erst in 4 Wochen nach der Ankunft dieses Briefes bei euch… [Der Brief kam am 19.01.1982 an.]

Ojos Color Tierra

chiapas

Hier noch ein weitere Postkarte in einem Brief aus Cristóbal de las Casas, Chiapas, Mexiko, vom 29.10.81 (vgl. Niña Tojolabal). Dieser war an meine Eltern gerichtet und kam am 9.11. an; meine Mutter hat auf den Umschlag „Gott sei Dank“ geschrieben, weil sie lange nichts mehr von uns gehört hatte. Der vorherige Brief ging wohl an andere Verwandte.

Das Foto auf der Postkarte ist ebenfalls von José Ángel Rodríguez, gedruckt von Litográfica Turmex, S.A. de C.V.. Unten links: Ojos Color Tierra [wörtlich: erdfarbene Augen]

Ihr Lieben,
Nach gut 5 Wochen Mexico [sic] wird es Zeit, daß wir mal das Land wechseln. Wir hoffen, in 1 Woche in Belize zu sein. Gestern haben wir von einem anderen Deutschen eine deutsche Zeitung zu sehen bekommen, es scheint ja ganz schön was los zu sein in Berlin und überhaupt. Wir sind gespannt auf die Post in Belize.

Vor einer Woche haben wir ein Seepaket [das war billiger als Luftpost] mit Souvenirs losgeschickt, es dürfte in 4 Monaten in Berlin ankommen (hoffentlich!). Mexico ist etwas teuer als wir angenommen haben, aber wir haben unseren Etat kaum überschritten.

Herzliche Grüße…

chiapas

Niña Tojolabal

Niña Tojolaba

San Christobal [Cristóbal de las Casas], 29.10.81
Ihr Lieben,
Nach 5 Wochen Mexico sind wir jetzt im Süden angelangt, werden aber durch schwere Regenfälle aufgehalten. Dafür haben wir aber auch ein extrem billiges Hotel mit türkischem Bad. Gestern hat es 7 Stunden gegossen, sodaß man nicht mehr über die Straße gehen konnte, weil das Wasser ca. 40cm hoch in Bächen durch die Stadt floß. Aber wir haben auch schon viel Sonne gehabt. In ein paar Tagen werden wir, wenn die Straße noch existiert, wieder auf Meereshöhe sein, wo das Wetter wieder ganz anders ist. Christobal [Cristóbal] liegt über 2000m hoch. Hier im Bundesstaat Chiapas leben über 150000 Indianer, die teilweise noch ihre alten Sprachen sprechen. Herzliche Grüße

Das Foto auf der Postkarte ist von José Ángel Rodríguez, gedruckt von Litográfica Turmex, S.A. de C.V.

„Niña [Mädchen] Tojolabal

(Die Briefmarke fehlt, weil ich die Postkarte in einem Briefumschlag verschickt hatte.)

postkarte

Von Belize nach Honduras

Brief aus La Ceiba, Honduras

La Ceiba, Honduras, 19.11.81 [Dieser Brief gehört zeitlich vor den vom 09.12.1981 aus Managua.]

Liebe Eltern,
Bevor wir wieder in Gebiete ohne sichere Postverbindung fahren, ein kleines Briefchen. Wir sind jetzt an der Nordküste von Honduras, ungefähr in der Mitte, und werden am Samstag mit einem Schiffchen Richtung Osten nach Puerto Lempira fahren. Das liegt nahe and der Grenze zu Nicaragua, und dort gibt es eine Menge Unruhe zwischen den beiden Ländern. Wir wissen nicht, ob es an der Ostküste Nicaraguas Postverbindungen gibt und werden vielleicht erst in 3 Wochen in Managua schreiben.

Wir waren 2 Wochen in Belize, wo es uns bis jetzt am besten gefallen hat. Das ganze Land hat nur 160.000 Einwohner [mittlerweile rund 440.000], so viel wie Kreuzberg, und die Hauptstadt [Belmopan hat heute ca. 27.000 Einwohner] ist kleiner als Holzwickede [heute rund 17.000], die größte Stadt – Belize City [heute rund 63.000 Einwohner] – ist so groß wie Unna [rund 60.000 – aber unklar].

In Belize lebt ein richtiges Völkergemisch, größtenteils Schwarze (frühere Sklaven und Landarbeiter der Engländer), die Geschäfte haben die Chinesen in der Hand, dann gibt es noch Indios (Maya), Inder, die deutsche sprechenden Mennoniten, Spanisch sprechende Mestizen (Einwanderer aus Mexiko), Creolen mit eigener Sprache (Mischlinge aus Schwarzen, Weißen und Indern) und zuletzt Cariben, das sind Neger, die aber vor mehreren hundert Jahren sich mit den indianischen Ureinwohnern (die es jetzt nicht mehr gibt, nur Reste in Guyana) vermischt haben und die auch eine eigene Sprache haben. Wir sind getrampt und haben an einer Straßenkreuzung 4 Sprachen auf einmal gehört. In den Dörfern sieht es aus wie im Wilden Westen vor 150 Jahren, alles zweigeschossige Holzhäuser, unten die Kramläden, oben die Wohnungen – aber ihr werdet die Fotos ja sehen.

dangriga
Dangriga, Belize

Wir haben eine ziemlich gefährliche Situation hinter uns. Die Grenze zwischen Guatemala und Belize ist geschlossen. Wir waren im äußersten Süden von Belize und standen vor der Alternative, entweder wieder in den Norden zu fahren, um ein direktes Schiff von Belize City nach Honduras (unter Umgehung von Guatemala) zu bekommenm oder zu versuchen, die Grenze trotzdem zu überschreiten – es gibt keine Straße, nur Boote, von Punte Gorda in Belize nach Livingstone in Guatemala.

Wir wohnten in Punta Gorda bei einem Cariben-Eheppar, und der Mann hatte Beziehungen in Guatemala, weil die Schwarzen trotz der geschlossenen Grenze alles Mögliche hin- und herschmuggeln. Wir sind dann nachts um 3 heimlich mit unserem Gepäck und dem Mann in einen Einbaum gestiegen und nach Guatemala rüber.

border belize guatemala

Dort standen wir morgens am Strand und die Leute sagten uns, wir würden keinen Einreisestempel bekommen wegen der geschlossenen Grenze, zur Polizei dürften wir auch nicht gehen, die würden uns sofort verhaften. Der Mann, der uns rüber gebracht hatte, kannte zum Glück den „Beamten“, der normalerweise die Stempel ausgibt. Wir mußten ihn allerdings mit 30 DM bestechen, zum Glück hatten wir bare Dollar dabei.

Guatemala

Wie das Ganze abgelaufen ist, muß man erzählen, das ist zu kompliziert. Jedenfalls hatten wir endlich am Mittag den Stempel und haben uns beeilt, wieder aus Guatemala herauszukommen, weil das Land praktisch im Bürgerkrieg lebt – zwischen der Regierung und den Guerilleros und einige Gegenden zeimlich gefährlich sind, zum Glück nicht da, wo wir hinmußten. Vorgestern sind wir dann an der Grenze zu Honduras angekommen, wo auch an jeder Ecke eine Militärkontrolle steht, die alle Leute filzt. und gestern in einer 10-stündigen Bus-Gewalttour bis an die Atlantikküste gefahren, wo alles ein wenige entspannter ist.

Hier im Hotel können wir selbst kochen und wir freuen uns jeden Tag mehr, daß wir den kleinen Benzinofen mitgenommen haben, und außerdem ist es billiger, als immer in Restaurants zu essen. Wir haben schon wesentlich mehr Geld ausgegeben als geplant und müssen jetzt sehr sparen. Zum Glück wird es in Nicaragua und Costa Rica billger.

Wir werden unsere Reiseroute ein wenig ändern (nach heißen Diskussionen): Weihnachten feiner wir in San José, Costa Rica, fahren dann nach Panama City, den Kanal nach Norden nach Colon, von wo es Schiffe nach den kolumbianischen San-Andres-Inseln gibt (da war ich das letzte Mal mit Hartmut auch schon), von da aus fliegen wir ca. Neujahr nach Bogotá. Wir haben schon wieder jemanden getroffen, der im Norden von Kolumbien ausgeraubt worden ist, das wollen wir möglichst vermeiden. [Daraus wurde nichts, siehe unten.]

usb
Die Karte zeigt die Reiseroute, die ich 1982 geplant hatte. Meine damalige Lebensabschnittsgefährtin wollte dann aber doch nicht durchs Darien Gap (awesome story!) marschieren. (Ja! Zu Fuß und per Boot und nicht per Jeep! Das geht!) Wir sind (leider) von Panama nach Kolumbien geflogen. Ich weiß nicht, ob ich da jemals noch hinkomme. Allein würde ich das nicht machen, aber eine Lebensabschnittsgefährtin müsste schon sehr tough sein.

Von Europa haben wir seit ca. 4 Wochen keinen Ton mehr gehört, und das wird sich wohl erst in Nicaragua ändern. Es ist schon etwas komisch, wenn man hier nachts den Sternenhimmel betrachtet und die vertrauten Sternbilder, die ich eigentlich nur unbewußt oder ungefähr kenne, fehlen ganz oder stehen auf dem Kopf. Der Mond nimmt auf der anderen Seite zu und die Mondsichel hängt hier nach unten. Dafür kann man die Milchstraße sehr gut sehen.

Überhaupt ist das Wetter seit Mexiko ausnehmend freundlich, fast immer zwischen 25 und 30 Grad, ab und zu mal angenehm bedeckt. Es wäre vielleicht mal ganz nett, statt der ewigen Palmen, die wir mit einer Unterbrechung von ein paar Tagen seit 3 Wochen unentwegt sehen, mal eine anständige deutsche Eiche zu erblicken.

In Belize auf den Inseln sind wir morgens aufgestanden, an den Strand gegangen, haben uns eine nachts heruntergefallene Kokosnuß genommen, sie mit einer Machete geknackt und gegessen – wie im Film. Ein Frau auf der Insel, wo wir waren, sagte uns ganz wehmütig, sie möchte irgendwann in ihrem Leben einen richtigen Apfelbaum sehen, Es gibt in Belize zwar Äpfel, aber die werden aus Mexiko importiert.

Kokosnuss
Caye Caulker, Belize

Das Essen ist an der Atlantikküste von Mittelamerika im Gegensatz zu Südamerika ziemlich reichhaltig, ziemlich viel Fisch, Kartoffeln, Reis, Kokosnüsse, ananas (eine ganze Staude kostet 20 Pfg.! [Pfennig]), jede Mange Bananen, Gemüse und viele bei uns recht unbekannte Früchte: Chayote, Jiganea [Jackfruchtbaum], Yucca.

Wir werden gerade ein wenig gestört, es ist abends gegen 8 Uhr, wir sitzen im Hof der Herberge und es läuft eine Fußballübertragung Salvador gegen Haiti, und der Reporter spricht wie ein Maschinengewehr gleichzeitig, so schnell und so laut. Honduras hat sich gerade für die nächste Fußballweltmeisterschaft qualifiziert [Spanien 1982], zum ersten Mal überhaupt, und das ganze Land spricht nur noch vom Fußball, und uns Deutsche halten sie natürlich für Spezialisten für das Thema.

garifuna
Hotel California, La Ceiba, Honduras

Meine billige Uhr, die ich für 15 Mark gekauft hatte, habe ich schon in Mexiko verloren, als ich mich im Dschungel von Palenque ein wenig verlaufen hatte und viel geschwitzt hatte. Zum Glück hatte ich meine Kompaß dabei, man sieht nämlich nichts, weil die Bäume so hoch sind und am Boden alles voller Lianen und Gestrüpp ist, in das man alle naselang reinfällt. Aber wir haben noch den Reisewecker und eine Uhr braucht man sonst eigentlich nicht.

Eigentlich ist es jetzt schon Zeit, dir – Mama – zum Geburtstag zu gratulieren. Es geschehe hiermit also. Leider wird der Brief etwas zu früh ankommen aber später als ist unpassender. Ich hoffe, daß es euch gut geht und das wir bald etwas erfahren. Herzliche Grüße an alle, wir sind beim Kartenschreiben jetzt einmal herum. Grüße auch von Susanne.
Burkhard

Von Honduras nach Nicaragua

brief aus Nicaragua

Managua, 9.12.1981

Liebe Eltern,
Ich habe heute Euren Brief bekommen, er war schon seit dem 21.11. hier angekommen, wir allerdings erst gestern. Wir haben uns über alle Briefe sehr gefreut, weil wir ja seit September nichts mehr gehört hatten. Jetzt machen wir erst einmal ein paar Tage Pause, schreiben Briefe und quatschen mit den anderen Rucksacktouristen hier in der Herberge (Wir haben seit dem 7.11. keine Deutschen mehr gesehen – das war in Belize) und werden dann die anderen Städte Nicaraguas im Westen aufsuchen.

Die letzten 2 Wochen waren äußerst anstrengend. Wir sind von La Ceiba, Honduras, mit einem kleinen alten Holzschiff die Küste lang gefahren und haben 3 Tage und 2 Nächte (Schlafen nur auf Decksplanken) mit einer fürchterlichen Schaukelei verbracht bei miserablen Essen (die ganze Zeit nur Bohnen und Reis, mit Meerwasser gekocht). Ich war am ersten Tag seekrank, die anderen Passagiere die ganze Zeit – das Schiff war 20 m lang und 5 m breit und über 50 Leute!

Bei jedem Dorf an der Küste, wo nur Schwarze wohnen, hielten wir an – ungefähr 1 km vor der Küste, und die besten Ruderer des Dorfes kamen in einem riesigen Einbaum herangepaddelt, mitten durch die riesigen Wellen der Brandung – das war das Schöne, diese prächtigen Gestalten zu sehen, alle über 1,70 groß, die meisten größer als ich, muskelbepackt und über alle Backen grinsend, ohne Karies. Einer der „Matrosen“, auch einer von den Garifunas (so nennen sie sich), hob ohne sichtbare Anstrengung 50-kg-Säcke voll Salz aus dem Laderaum nach oben.

brief aus Nicaragua
Die Straße von Puerto Lempira, Honduras, nach Leimus, Nicaragua, bisher unveröffentlicht.

In Puerto Lempira in Honduras, einem Dorf ohne Straßenverbindung und nur mit ein paar tausend Einwohnern, sind wir dann eine Stichstraße (wer die gebaut hat und warum, weiß ich nicht) 6 Std. an den Grenzfluß [Rio Coco] zu Nicaragua. Dort an der anderen Seite war ein kleines Dorf, aber sehr viele Soldaten, alle sehr jung, mit abenteuerlichen Uniformen, teilweise langen Haaren, unterschiedlicher Bewaffnung, aber alle sehr revolutionär aussehend.

Nachdem sie unsere Rucksäcke bis auf die letzte Wäscheklammer auf dem Fußboden ausgebreitet hatten (einige Dinge kannten sie gar nicht, z.B. Tampons, den Benzinofen, die Taschenlampe hielten sie für eine Kamera) und sich überzeugt hatten, daß wir keine amerikanischen Spione waren, bekamen wir erst mal ein ausgezeichneten Gratis-Essen in der „Volkskantine“ (nur eine Holzhütte), und wir hatten die Ehre, mit dem Kommandanten zu speisen (er war jünger als ich und gab sich mit Erfolg Mühe, wie Che Guevara auszusehen), anschließend ein Empfehlungsschreiben an das Einreisebüro in der nächsten Stadt. Leider durften wir keine Fotos machen, aber alles war äußerst freundlich und vor allem neugierig.

Nach einen 6-stündigen Fahrt mit einem kleinen Lastwagen waren wir dann wieder an der Küste in einer kleinen Stadt – im Frühstücksraum des Hotels Bilder von Lenin und Arafat (!), sehr ungewohnt.

islas del maiz
Islas del Maíz, Nicaragua, englisch: Corn Islands, fotografiert in der ersten Dezemberwoche 1981.

Nach ein paar Tagen sind wir dann wieder mit einem Schiffchen die Küste Nicaraguas entlang bis zu einer winzigen Insel, wo wir wegen nicht existierender Verbindung mit dem Festland hängengeblieben sind, dafür aber am Meer unter Palmen und am menschenleeren Sandstrand baden konnten. Dann ging es per Schiff nach Bluefields an der südlichen Küste, wo wir 2 Tage Wäsche gewaschen haben, und gestern endlich von der Küste weg ins Landesinnere hier nach Managua – endlich!

Hier ist auch alles sehr seltsam – die Stadt gibt es eigentlich gar nicht, die meisten Gebäude sind beim Erdbeben 1972 völlig zerstört und dann noch sehr viel im Bürgerkrieg 78/79. Es gibt nur noch riesige Außenbezirke mit einstöckigen Häusern, im Stadtzentrum stehen ein halbes Dutzend großer Häuser, ziemlich verstreut, dazwischen riesige Ruinenfelder oder einfach Wiesen. Wir werden uns mal umsehen in den nächsten Tagen.

Managua
Straßenszene in Managua, Nicaragua 1981, kurz nach der sandinistischen Revolution.

Ich weiß nicht, ob ich es schon geschrieben habe: am 22.12. oder einen Tag später fahren wir nach San José, Costa Rica, vor Neujahr nach Panama (vielleicht wird es schwierig mit der Post, weil angeblich alles zurücḱgeschickt wird, wenn nicht „Republic of Panama“ draufstehe). H. hat uns geschrieben, daß er uns Geld nach Bogotá schickt, das beruhigt uns.

Wir schrieben viele Weihnachts- und Neujahrskarten, wenn wir jemanden vergessen, bitte entschuldigt uns – das Porto ist auch nicht gerade billig bei der Menge. Sonst geht es uns gut, wir sind gesund und munter und schon kräftig gebräunt.

Die nächste Post wahrscheinlich aus Panama, deshalb jetzt schon ein fröhliches Weihnachen und vorsorglich einen guten Rutsch – wir werden Weihnachten in großer Hitze erleben, aber sehr gut essen gehen. Grüße von Susanne!

Burkhard

Alfabetización

Nicaragua

Postkarte aus Nicaragua an meine Großeltern, abgeschickt am 10.12.1981. Damals war Nicaragua noch fortschrittlich. Heute müsste man die Regierung zum Teufel jagen wie damals Somoza.

Auf der Rückseite steht gedruckt: Serie: Postales Educativas. Diseño gráfico de la collectión de afiches de las Cruzada Nacional d Alfabetización. Ministerio de Ecucación – Nicaragua libre. 1980. Año de la Alfabetización.

Nicaragua

Belize in Natural Colour

Garifuna dummer

Postkarte an meine Eltern von meiner 2. Reise nach Lateinamerika aus Belize.

Die Garifuna (Garifuna-Sprache „Yams­esser“, Plural Garinagu) sind ein Volk mit über 100.000 Angehörigen in Zentralamerika und den USA. Sie ging aus der Vereinigung ehemaliger Sklaven aus Westafrika und indigenen Kariben hervor, die ab dem 17. Jahrhundert auf der Karibikinsel St. Vincent stattfand.

Die Garifuna Drummer hatte ich schon 1979 live in Belize gesehen und gehört. dieses Foto („by Jack Wood“) wurde in Dangriga aka Stann Creek aufgenommen. Cubola Productions gibt es immer noch.

Garifuna dummer

Guadalajara, revisitado

GuadalajaraGuadalajara

Postkarte aus Guadalajara, Mexiko, an meine Großeltern (mein Opa hatte nach dem Tod meiner Oma noch einmal geheiratet), 08.10.1981. Das Foto zeigt das Teatro Degollado am Plaza de la Liberación gegenüber der Kathedrale.

Aus meinem Reisetagebuch, 09.10.1981:
Die Busfahrt ist wegen der Gegend sehr reizvoll. Die Ortschaften liegen sehr weit auseinander, und man bekommt eine Vorstellung von der Größe des Landes. Die Straßen winden sich um jede Ecke, und der Vorteil ist, daß sie das Landschaftsbild nicht zu sehr zerstören. Kurz nach Tepic sehen wir noch die Slums.

In Guadalajara sind wir zunächst einmal vom gigantischen Busbahnhof beeindruckt. Durch Zufall landen wir im Hotel León. Am ersten Abend suchen wir verzweifelt im Stadtzentrum ein nicht-mexikanisches Restaurant [weil wir noch an der Rache Montezumas litten], so daß wir schließlich bei Denny’s landen, wo wir für rund 25 DM einen Gummiadler – der auch so schmeckt – und Salat und Bier verzehren. Anscheinend richten sich die Manager dieser Ketten (unbewußt?) auf den Geschmack des jeweiligen Landes ein. Die Bestuhlung ist aus einem schrecklichen Rot, das in Rosa übergeht. Es scheint aber schick zu sein, dort zu essen (Tussy mit Latzhose).

Markt: „funktional“ sagt eigentlich alles über den Baustil aus. Verkauft werden vor allem Obst, Gemüse, Taschen, Schuhe, Papierblumen und Lederklamotten. Nach einigem Hin und Her kauft Susanne sich Sandalen. Der Preise (100) scheint mir reichlich überhöht, aber der Typ macht nicht den Eindruck, als ob er mit sich handeln ließe. Wir sehen auch drei [US]Amerikanerinnen, eine davon stilvoll in Hot Pants.

Das Essen kostet um die 2 DM, meistens Nudeln (fideos) oder Suppen mit Fleisch oder Fisch. Seltsamerweise gibt es bei den Essensständen keinem jugos. Tortillamaschinen. Krimskrams. Gute tortas, vor dem Markt, aber selbst beim zweiten Kauf versucht der Händler, mich um 10$ zu betrügen. Jede Menge Schuhmacher + seltsam kitschige Kutschen vor dem Platz.

Überhaupt wundert mich, mit was die Leute alles Geld verdienen. Ein weißhaariger Opa, zerlumpt, spielt Gitarre, hält seine blinde (?) singende Frau am Arm, die gleichzeitig den Klingelbeutel hinhält, vor ihnen läuft ein kleiner Junge, der mit einem Stock eine Gitarre simuliert.

Guadalajara
Ich konnte mich genau daran erinnern, dass ich die Blinden fotografiert hatte und fand auch das Foto. Offenbar habe ich das aber bisher nicht veröffentlicht.

Eine Frau singt einfach, eine andere singt und trompetet abwechselnd auf einer Papiertüte. Ein blinder Mann spielt Harfe. Marimba-Kapellen bieten sich für ein Stück an, die in der Stadt spielen umsonst, scheinen bezahlt zu werden. Eine Frau verkauft ganz junge Hunde, ein Mann Erdhörnchen u. ähnliche Tiere. In den Zoohandlungen werden kleine Hunde in Käfigen gehalten, ebenso Vögel von fliegenden Händlern. Die üblichen [unleserlich]. Einer verkauft Schmuck mit irgendwelchen Amuletten zusammen. Jede Menge Uhrenverkäufer. Die Mariachi-Kapellen hingegen scheinen nicht so ausgelastet zu sein, vielleicht ist das auch schon ein Resultat der Radio- und Fernsehsender. Wir sehen sie für Omas spielen. Auf der Plaza und in den Seitenstraßen wir kein Bier verkauft.

Die renovierte Stadt auf der Rückseite der Kathedrale bis zu den Cabañas ist großartig, obwohl man nicht mehr sieht, was alles dafür abgerissen wurde. Großzügige Fußgängerzone, die Häuser mit Arkaden, viele Pflanzen und Wasserspiele, sogar ein richtiger Wasserfall, und – was den [US]Amerikanern am meisten auffällt, alles mit Tiefgaragen unterkellert, und überall absolutes Halteverbot inkl. Einbahnstraßen.

Orozco im Palacio del Gobierno etwas unverständlich, vor allem die Vermischung von Hakenkreuzen und Hammer/Sichel, ansonsten nur Männer.

Fiesta abends: die Feuerwerker auf dem Sims der Kirche bekommen nur jeden zweiten Schuss nach oben, der Rest fällt nach unten auf die Leute. Es wird mit Konfetti geworfen, die Kirche ist gerammelt voll, bis fast in den Kirchenraum wird Ramsch verkauft, wir erwerben eine kleine durchsichtige Kugel zum Umhängen, die mit ein wenig Phosphor gefüllt ist, aber abends im Bett ausläuft und Susanne sich über ihre leuchtenden Schuhe erschrecken läßt.

Fast kaum große Kaufhäuser, aber Restaurants gibt’s auch nicht. Das [Restaurant] Alpes ist ein Reinfall, das einzig „Deutsche“ sind Hamburger. Ein anderes Alpes gegenüber hat geschlossen, ebenso die beiden Kirchen, die wir gestern besichtigen wollten (San Felipe). Aber gegen Quito [Ecuador] ist das alles Ramsch.

Wir treffen noch die beiden Hamburger wieder und speisen Pizza. Der Besitzer, ein Italiener (Bernini Juarez), spricht fließend Deutsch, Englisch und Spanisch. Wir hören noch ein paar Schauergeschichten: Wenn eine Frau zum Essen eingeladen wird, erwartet der Typ spätestens beim zweiten Mal, daß sie in Naturalien zahl. Oder wenn der Hotelmensch sagt, daß er woanders anrufen will, aber es nicht tut und auch nicht Bescheid sagt. Abends sehen wir einige Jungen, die in geschlossenen Geschäftseingängen sitzen bzw. schlafen,.

Stadt: Auf der Plaza de Armas macht die Frente Democratico de Lucha Popular Reklame, mehr Fahnen als Leute, und der Typ schreit sich ziemlich monoton die Seele aus dem Leib. Die Fußgängerzone recht nett, aber die Stadt ist so zerstört wie z.B. Siegen. Due Außenbezirke zeigen das, was von der an der Barranca de Oblatos] gelegenen Architekturfakultät herauskommt: eintönige Blocks im Oranienplatz-Altrosa.

Der 45-er Bus fährt bis zur Universität, keiner steht auf, um Frauen mit Babies Platz zu machen. Der Park mit toller Aussicht, die allerdings durch ständige Musikberieselung durch überall angebrachte Lautsprecher getrübt wird. Ebenso läuft in der „Kantine“ mit guter Fernsicht der Fernseher. In der angrenzenden colonia werden wir mit „Heil Hitler“ begrüßt.

Warum repariert niemand die Auspuffe der Busse? Nur am schlechten Benzin kann es nicht liegen. Der Fußgänger ist Freiwild. Die Stadt liegt im Dunst.

Mestizenkultur: Sie haben zwar neumodischen Kram, können aber nicht damit umgehen oder funktionieren ihn um. Einige Dinge wie komplizierte Rechnungen gefallen ihnen, aber sie sind nur Schmuck. Die Fiesta läßt uns kalt. Die kleinen Spezialitäten zum Essen sind alle sehr teuer. Wir treffen zwei deutsche Männer aus Heilbronn, die seit April in Kanada und USA unterwegs waren und lassen uns gemeinsam über die [US]amerikanische Unkultur aus. Seltsam, wie man durch den Kontakt mit dem Land zu genau denselben Erfahrungen kommt.

Bernini [der Besitzer des Restaurants] ist in Mexiko geboren, seine Mutter stammt aus der Ukraine, er schimpft auf den internationalen Weltkommunismus und über die dumme mexikanische Jugend, die nur etwas über MEW weiß und sonst nichts.

Cuauhtemoc, revisited

Cuauhtémoc
Cuauhtemoc, Bundesstaat Chihuahua, Mexiko, vgl. 25.05.2013.

Cuauhtemoc, Mexico, 25.9.81
Liebe Eltern!
Da wir in den nächsten zwei Wochen keinen Brief loswerden können, schon mal eine erste Nachricht. Nach 4 Tagen New York und anschließendem sehr mühevollen Tramp-Versuchen haben wir bei Sonnenuntergang mitten auf einem Autobahnkreuz beschlossen, mit dem Bus direkt bis zur mexikanischen Grenze zu fahren. Das dauerte zwar 58 (!) Stunden, aber jetzt sind wir endlich in Mexico bei den Mennoniten und essen fleißig Bratkartoffeln.

mennoniten
Hof von Mennoniten in Cuauhtémoc, im Hintergrund eine ihrer typischen Kutschen. Die orthodoxen Mennoniten benutzen keine Autos. Vgl. 25.08.2020.

Wir haben in den USA schon über 1000,- [DM] ausgegeben und werden vorläufig da nicht wieder hinfahren. Montag fahren wir mit einem Zug ins Gebirge, wo wir zwei Wochen Reit“urlaub“ machen werden. [Daraus wurde nichts.] Danach werden wir ausführlich schreiben, auch noch mal über die bisherigen Erlebnisse. (…)

brief

Adresse: „B. Schröder c/o Redekop, Av. A. Belgar 450, Cuauhtemoc“. Vermutlich war es die Avenida Agustín Melgar – da ist heute nichts mehr von dem Haus (unten) zu sehen, in dem wir damals gastierten.

brief

Apropos Redekop: Dazu habe ich ein interessantes Video gefunden: „Evangelische Abendversammlungen mit Ältester Peter Redekop in der Mennoniten Gemeinde zu Rosenthal in Cuauhtemoc, Chihuahua, Mexico“. Man hört auch das etwas merkwürdige Deutsch, das die dort sprechen. Und erst der Chor! Ob das einer der Knaben ist, die ich damals in Belize fotografiert habe? Die Familie ist später nach Cuauhtemoc zurückgekehrt. Von den Videos gibt es noch mehr, bist jetzt eine einstellige Zahl von Aufrufen. Die werden sich wundern, woher jetzt die Zugriffe kommen….

redekop
Frau Redekop vor ihrem Haus – ich habe das Foto (ehem. Dia) in dem ramponierten Zustand belassen, weil es außer mir eh niemanden interessieren wird.

Über die Vorgeschichte – warum die Mennoniten aus Russland nach Mexiko auswanderten – berichtet das Magazin Mennonite Historian – auchj dort wird der Familienname Redekop genannt.

„The David Redekop family left the Irapuato area in 1927 and settled in Cuauhtemoc (then
called San Antonio de las Arenales). Here he started peddling goods among the Old Colony Mennonites. In 1928 he started a retail store in town, and soon expanded his enterprise with a creamery, cheese factory and elevator. When other Russian Mennonites made this town their abode and came looking for a job, he would hire them. His son, William, wanted his children to have a better education, so in 1945 they emigrated to Canada. David passed away in 1953, and son Aron took over the business.“

Der Mann, der mir 1979 anbot, bei ihnen zu wohnen und den ich 1982 noch einmal besucht habe, hieß auch Aaron. Vom Alter her würde das hinkommen.

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