Am Rio Mira

tumaco

Am Pazifik, im Südostenwesten Kolumbiens, November 1979.

Die gefährlichsten Tage meines Lebens habe ich verbracht, ohne davon zu wissen, dass ich beinahe hätte umkommen können. Wir machten Station in Pasto im Süden Kolumbiens. Was war die interessanteste Route nach Ecuador? Warum nicht an den Pazifik, nach Tumaco, und dort per Fischerboot – oder sonstwie – die Küste entlang nach Süden?

Wir nahmen einen klapprigen Nachtbus. Kurz nach Sonnenaufgang erreichten wir die Küste: eine höllische Hitze schlägt uns entgegen. Tumaco liegt auf mehreren kleinen Inseln, die meisten Häuser sind auf hölzernen Stelzen gebaut.

Aus meinem Reisetagebuch: „Ein dreckiges Nest, jede Menge Hafenbars der untersten Kategorie. Nur Schwarze. Aber aus jedem Radio schallt gute Musik [Bahia Pacifico, 3 Mb] Ich muss zur Toilette, es gibt keine. Es spricht sich schnell herum, dass zwei Gringos nach Ecuador wollen. Wir fallen auf wie Zebras in einem Pferdestall. Nach einer halben Stunde kommt das erste Angebot – angeblich ein Fischer. Ein paar Jungen laufen in unserem Auftrag herum und holen andere Offerten ein. Das senkt den Preis um zwei Drittel.

Man bringt uns zur DAS, der „Drogen-“ oder auch Geheimpolizei Departamentos Admistrativo de Seguridad. Finstere Kerle, und vermutlich arbeiteten sie mit den Paramilitärs zusammen. Wir quatschen mit den Burschen eine Weile, weil der chefe nicht da ist, tumacovielleicht schläft er noch – es ist erst sechs Uhr. Einer der Geheimpolizisten versucht, meinen Rucksack in die Luft zu stemmen, scheitert aber kläglich. Die anderen wollen sich nicht lumpen lassen, aber die 25 Kilo sind einfach zu viel für sie. Wir müssen alle lachen. Das entspannt die Situation. Endlich kriegen wir einen Ausreisestempel.“

Was ich damals nicht wusste: Tumaco und die südliche Pazifikküste werden regelmäßig von schweren Seebeben heimgesucht, die hohe Flutwellen – Tsunamis verursachen. Nur kurze Zeit nach unserem Aufenthalt brach ein derartiges Beben über die Stadt herein, mit einer fast drei Meter hohen Flutwelle – es gab über 200 Tote. Erst heute, im Zeitalter des Internet, habe ich herausgefunden, wo ungefähr wir in den nächsten zehn Stunden waren – in den Mangroven-Sümpfen südlich Tumacos, die die ganze Halbinsel bedecken, und die für jemanden, der sich nicht sehr gut auskennt, ein Irrgarten sind, in dem man ohne Führer verloren wäre.

Der „Fischer“ wartet schon im „Hafen“: ein Einbaum, sechs Benzinfässer und ein einarmiger „Gehilfe“. Den Arm, so erzählt er später, hat der muchacho beim Fischen mit Dynamit verloren. Und der Fischer will gar nicht fischen, sondern Benzin aus Ecuador nach Kolumbien schmuggeln. Eine illustre Gesellschaft. Wir haben gar keinen Proviant, nur eine Flasche Anisschnaps – Pisco, spanisch einfach: aguardiente. Der „Fischer“ und der Einarmige bekommen auch ihren Anteil, und gegen Mittag sind wir alle sehr fröhlich.

Wir fahren stundenlang durch kleine Flussarme. Oft springen wir ins Wasser, um das Boot über seichte Stellen zu schieben. Wir passieren mehrere Male ärmliche Hütten mitten im Sumpf, die ausschliesslich von Schwarzen bewohnt werden – wovon die leben, bleibt ein Rätsel. Auch sie sollen „Fischer“ sein. Sie begrüssen uns mit einem großen Hallo, als seien wir irgendwelche freundlichen Tropenforscher, die auf bisher unbekannte „Eingeborene“ gestoßen sind.

Endlich erreichen wir die Mündung des Rio Mira in den Pazifik. Dann geht es stracks nach Süden, aber nicht über das offene Meer. Am späten Nachmittag sehen wir einen Einbaum mit schnellem Aussenborder auf uns Kurs nehmen. Darin sitzen bewaffnete Männer, und wir beginnen uns unbehaglich zu fühlen. Ausserdem schiessen die ein paar Mal in die Luft, was wohl nicht als Gruß gemeint ist. Unser „Fischer“ stellt sofort den Motor ab, und wir treiben, bis der Einbaum längsseits scheuert. Zum Glück sind es weder Piraten noch Paramilitärs aus Kolumbien, sondern die „Grenztruppen“ Ecuadors. Unser „Fischer“ darf nicht weiterfahren, sondern muss zurück, und uns nehmen sie mit nach einem ausgiebigen Palaver über Sinn und Zweck unseres Daseins mit nach San Lorenzo, Ecuador, ein damals noch hinterwäldlerisches Nest. Das war ohnehin unser Ziel. Wie praktisch. Ein Hoch auf die ecuadorianischen „Grenztruppen“!

tumaco

Das Posting erschien schon hier vor elf Jahren. Die Links habe ich aktualisiert und ein paar Details geändert.

Kommentare

8 Kommentare zu “Am Rio Mira”

  1. LordPiccolo am Januar 24th, 2015 2:01 pm

    Interessante und spannende Geschichte.

    Aber liegt der Pazifik nicht im Südwesten Kolumbiens?

  2. admin am Januar 24th, 2015 2:56 pm

    habe ich korrigiert.

  3. tom am Januar 24th, 2015 2:57 pm

    An Abenteuerwert mangelte es Dir ja nicht, wofür heutzutage saturierte Westler massig Kohle lassen.
    Besonders gut gefallen mir die Einspänner von Pasto.
    Danke für den Reisebericht!

  4. Messdiener am Januar 24th, 2015 4:39 pm

    Hi Burki,
    ‚Hafenbars der untersten Kategorie‘. Könnte es sein, dass ich was verpasst habe?

  5. Ruedi am Januar 24th, 2015 5:22 pm

    So schöne Musik!
    Marimba – Cumbia – Südamerika

  6. R@iner am Januar 25th, 2015 10:39 am

    Man kann auch in Europa weggespült werden. Wir waren 1985 in Saintes Maries de la Mer auf dem Camping direkt hinter dem Stand. Der Mistral blies uns den Sand zwei Tage ins Essen und sehr schnell fühlte sich einfach alles in unserem kleinen Zelt nach Siliziumdioxid an. So beschlossen wir in Richtung Spanien weiterzufahren und landeten in der Nähe von Tarragona. Egal.
    Einige Wochen später – wieder zurück in D-land – las ich, dass genau in der Nacht nach unserer „Flucht“ zwei Wellen über den Camping geschwappt waren, bei denen es lt. Link einen Toten und zehn Verletzte gab. Raz-de-marée des Saintes-Maries-de-la-Mer

  7. Ferrocarriles Ecuatorianos : Burks' Blog am Juli 15th, 2016 4:45 am

    […] vom kolumbianischen Tumaco nach San Lorenzo (San Lorenzo (Youtube)) in Ecuador gereist. (Vgl. Am Rio Mira, Januar 2015). Damals war San Lorenzo ein verschlafenes und schwülwarmes Tropennest. Viel wird […]

  8. Am Rio Mira, revisited : Burks' Blog am Dezember 5th, 2017 4:56 pm

    […] des Rio Mira nach Ecuador. Vorn links sind meine Zehen zu sehen. (Nachtrag zu meinem Posting vom Januar 2015: Am Rio […]

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