Unter Überhobenen

Marx

Karl Marx an Friedrich Engels vom 30. Juli 1862, MEW 30, S. 259

“Die moralische Selbstüberhebung jener Schicht, die sich selbst als links definiert, aber verständnislos und verächtlich auf Menschen herabblickt, die in nichtakademischen Berufen unser aller Wohlleben sichern, aber andere Lebensentwürfe und eine andere Weltsicht haben, für die Frauen Frauen sind und nicht Menschen, die menstruieren, die heimatverbunden sind und sprechen wollen, wie sie es gelernt haben.

Mit heiligem Zorn schreibt Wagenknecht von der Empathielosigkeit und dem Hochmut dieser elitären Minderheit, die sich in den Medien, Universitäten und Parteien etabliert hat und wie eine Dampfwalze über die Bedürfnisse, die Sprache und Lebensformen der Mehrheit hinwegrollt.

Gegnerschaften haben sich zu Feindschaften ausgewachsen, Gender- und Identitätspolitik sind zur Obsession geworden, und wer meint, darin eine Gefahr für den Zusammenhalt der Gesellschaft zu erkennen, gilt den linken Identitären als rückwärtsgewandt, reaktionär, eben als rechts.” (Monika Maron hinter der Paywall der Welt)

Ich halte diese Minderheit nicht unbedingt für elitär, sondern nur für opportunistisch und feige. An den Universitäten sitzt die Mittelklasse – und fast nur die. Warum nutzen die meisten Gewerkschaftsfunktionäre gegenderte Sprache, ohne ihre Mitglieder gefragt zu haben? Warum fast alle Medien? Weil sie nichts falsch machen wollen, weil sie ab Werk nicht die Eier den Mut haben, gegen den gefühlten Mainstream zu schwimmen. Weil ihnen der Mumm fehlt, in einer Menschenmenge zu rufen: “Der Kaiser ist nackt.”

Ich hatte 2014 schon etwas zum Thema geschrieben – die Links zeigen Irrsinn im Detail:

Wie Fefe berichtet, wollen Studenten der Berliner Humboldt-Universität Hegel, Rousseau und Kant nicht mehr behandeln.

Schon in den ersten Sitzungen kam die Frage auf, wieso wir denn Texte aus der Antike lesen sollten, also aus einer Zeit, in der Frauen unterdrückt und Menschen versklavt wurden.

Das Deutsch des Grauens spricht schon für sich: “…die Kolonialisierung unterstützte die Versklavung, Ausbeutung, Unterdrückung, Misshandlung und Ermordung von Menschen”. Ung, ung ung ung.”

Die Lage

soljanka
Die Soljanka muss zur Lektüre passen und umgekehrt.

– Die Lage in Peru – doch halt, lassen wir die bürgerliche Presse zu Wort kommen: “Das Comeback des Marxismus”. Als ehemaliger Deutschlehrer muss ich das Denglisch bemängeln: Die “Rückkehr des Marxismus” klingt besser. Ein Gespenst geht um usw.. Mal sehen, wann die US-Amerikaner die ersten Sanktionen verhängen.

Castillo war von 2005 bis 2017 Mitglied der Partei Perú Posible und ist seit 2020 Mitglied der Partei Freies Peru, die als marxistisch-leninistisch gilt. Er vertritt wirtschaftspolitisch linke bis linkspopulistische Positionen, auch wenn er sich selbst als “progessiv” und nicht marxistisch definiert. So spricht er sich für die Verstaatlichung und Teilverstaatlichung von Infrastruktur und Rohstoffförderung und eine Erhöhung der Ausgaben für Bildung und Gesundheit aus. Er distanzierte sich aber vom Kommunismus und Chavismus. Ihm werden gleichzeitig Verbindungen zu einer Unterorganisation des Leuchtenden Pfads vorgeworfen.

Guter Mann! Von dem könnte die hiesige Linke was lernen: “Klima”, “nachhaltig”, “soziookölogisch”, “genderdings” gibt es bei ihm nicht. Er besinnt sich aufs Kerngeschäft der Linken. So überzeugt man die Massen.

kuchen
Heute Nachmittag zu Ehren des Genossen Pedro Castillo gebacken!

– Die Lage in Wokistan: An der Universtität Oxford (!) wollen sie die Bilder der Queen abhängen. Ist Kolonialismus und so. Mein Rat: Zwangsarbeit im Steinbruch Studenten ans Fließband und auch sonstwo in die Produktion!

– Die Lage bei den Grünen: Gibt es irgendwo einen Annalena-Baerbock-Lebenslauf-Liveticker? (Variante: Gibt es irgendwo einen Armin-Laschet-Lebenslauf-Liveticker?)

– Die Lage bei der CDU: Jemand von denen “will wegen der wachsenden Zahl antisemitischer Vorfälle das Staatsbürgerschaftsrecht ändern. Wer gegen Juden hetzt, soll nicht Deutscher werden können.” Das ist ja eine großartige Trollerei. Man sieht die Grünen und die Linken die Lippen zusammenbeißen und murmeln: Dazu sagen wir jetzt nichts.

– Die Lage in Nordkorea: Hatte ich schon über das Uhrenarmband von Kim Jong Un berichtet?

– Die Lage in Gor: We are expecting two to three feet of drama this evening with bullshit blowing in from all directions.

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Ausstattung: Golan Heights Winery Gamla Syrah Galilee-Galiläa 2018

Rund um den Knöterich herum

balkon

Das Beste an der DDR war der Traum, den wir von ihr hatten. (Hermann Kant: Therapie: Erzählungen und Essays)

Der Tag beginnt schön: Sonne, Kaffee, der Knöterich mag seinen neuen Blumenkasten, und die Großbourgeoisie liefert etwas sowohl für Arbeiter der Faust als auch der Stirn.

Ausstattung: Bosch Akku-Trennschleifer, Harald Meller u. Kai Michel: Griff nach den Sternen: Nebra, Stonehenge, Babylon, Blumenkasten, Balkontisch, Stratonaut, Schlingknöterich (schon zwei Jahre alt, mittlerweile zwei Stockwerke über mir angekommen).

By the way, fiel mir gerade ein. Sätze, mit denen man ein Date nicht beginnen sollte: “Ich komme aus dem Völkerrecht”.

30 Sekunden Umweltindoktrination

“Wer denkt am Tag der Hochzeit schon an die Scheidung oder die feministische Freundin der Gattin, die man zu spät erkannt hat? Wer denkt beim Kauf einer Villa schon an den Pilzbefall im Dachstuhl des Dienstbotentraktes? (…)

Wie herrlich wäre es, wenn sich links gebende Redakteure auf den Frauenhass verzichten würden, der in den Worten “die Mutter meiner Tochter” liegt, und stattdessen neben einer normalen Beziehung zu dieser Frau ein gschlampertes Verhältnis zu einem gebrauchten Monza hätten, den es schon zu Preisen gibt, mit denen sich andere in einem Jahr zu Völkerrechtlerinnen mit LL.M.-Titel in London machen lassen. (…)

Auch Menschen, die sich für die Guten halten, wollen ihre Sprudelflaschen nicht mit dem Lastenrad am Ortsrand abholen. Da sehen sie ja die Eltern von Mareike und Thorben bei ihrem Gutsein nicht! Außerdem könnte es regnen! (…)

Für diese 30 Sekunden Umweltindoktrination unseres Zwangsgebührensenders wurden superreiche Moderatoren mehrere Stunden mit Zilliarden Lumen bestrahlt, sodass das Atomkraftwerk daneben wieder eingeschaltet werden musste. Das ist unser öffentlich-rechtlicher Auftrag, und jetzt her mit den 86 Cent/Monat, die Gendersternsprecherin braucht eine neue Blondierung. (…)

Aber ein Versprechen a la “Wenn Sie sich alle Trainings der Formel 1 anschauen, verliert eine Gendersprachenerzieherin im Zwangsfunk ein volles Jahr Pensionsansprüche” würde mich mit meiner Liebe zu sozialer Gerechtigkeit vor den Bildschirm treiben.” (Don Alphonso hinter der Welt-Paywall)

Manchmal muss ich beim Konsumieren von Feindsendern einfach herzlich lachen.

Female Warriors

female warriors

1800’s female Samurai Warrior known as Onna-bugeisha, which literally translates to “woman warrior”. These women often engaged in battle. In fact, battle scene forensics show that up to 30% of remains are female.

Military History: “Female Samurai Warriors”. Eine schöne Ergänzung zu meiner These, dass Frauen genauso gut kämpfen können wie Männer.

Recent archaeological evidence confirms a wider female involvement in battle than is implied by written accounts alone. This conclusion is based on the recent excavation of three battlefield head-mounds. In one case, the Battle of Senbon Matsubaru between Takeda Katsuyori and Hojo Ujinao in 1580, DNA tests on 105 bodies revealed that 35 of them were female. Two excavations elsewhere produced similar results.

Diversity in a nutshell

diversity

Hat da jemand “skurrile Minderheiten” gesagt?

Tsinghua’s Involuted King oder: Kein Jagen und Fischen

Tsinghua’s Involuted King

Interessanter Artikel im New Yorker über die Jugend Chinas: …endless cycle of self-flagellation: …many students (…) feel like “trash”: anxious, stressed, overworked, trapped in a status race.

Das kommt davon, wenn der einzige Lebenszweck die Anpassung an den Mainstream ist. In search of alternatives, some have begun to embrace Marxism, organizing “Das Kapital” reading groups and revisiting leftist revolutionary songs from the Soviet Union. Vielleicht sollte ich zukünftig Online-Kapitalkurse in Mandarin geben?

Havelglück

Heute habe ich meine Saison auf dem Wasser, insbesondere auf der Havel, eröffnet. Das Stammpublikum muss über die Örtlichkeiten nicht belehrt werden, da sie schon bekannt sind.

Das vierte Foto von oben zeigt den Grimnitzsee, den ich wieder für mich allein hatte. Der lauernde Reiher links ist echt, der andere ziemlich in der Mitte ist künstlich – ich weiß nicht, was in den Köpfen von diesen Leuten vorgegangen ist. Wenn man schon echte Reiher hat, warum muss man noch lebensgroße Skulpturen eben dieser Vögel dazustellen? Um diese abzuschrecken oder um diese anzulocken?

Es wehte die ganze Zeit eine angenehme aerosolfeindliche Brise bei rund 25 Grad, und es wimmelte von Seglern, die mehr oder weniger ihren Kurs hielten. Die im Video bedankten sich per Gruß von weitem, dass ich die Paddeln ruhen ließ, als sie sich näherten und, wie mir schien, Probleme mit dem Ausweichen und mit dem Bremsen sowieso hatten.

Tiefwerderpaddeln auf der Havelpaddeln auf der Havelpaddeln auf der Havelpaddeln auf der Havelpaddeln auf der Havel

CCCP und Abwehrzauber

hammer und Sichel

Hammer und Sichel sind seit alter Zeit ein zuverlässiger Abwehrzauber gegen schwarze esoterische Sprachmagie wie Gendersternchen und andere Sonderzeichen in Wörtern. (Liebe hier mitlesende Gefühlslinkegenossen: Die dargestellten Werkzeuge sind ein Hammer und eine Sichel.)

Lang lebe die Chilisierung-Balkonisierung!

balkonchili

Auf Nachfrage des Publikums: Die Hälfte der Chili-Samen hatte ich gesät, davon ist ca. ein Drittel angegangen. Ich bin blutiger Anfänger, was die Aufzucht von Chili angeht. Nach dem Motto survival of the fittest habe jetzt ich den stärksten Pflanzen ein eigenes Terrain im Anzuchttopf zugewiesen. (Das nächste Mal nehme ich keinen aus Plastik, sondern Eierkartons.)

Leider hat mein Baumefeu den Winter nicht überstanden. Ich hatte aber rechtzeitig für Nachwuchs gesorgt; der Ableger hat es zimmerwarm und wird vermutlich alsbald in die Höhe schießen.

Häuschenbau von Laien

Faller-Häuser

Zu meiner Konfirmation bekam ich, wie das Foto dokumentiert, diverse Gebäude für meine Modelleisenbahn, eine Gärtnerei und eine Windmühle. Mein Opa und meine Schwester schauen beim Zusammenbau zu.

Wer sich fragt, warum die Männer auf den alten Familienfotos immer einen Schlips tragen: Die waren alle Laienprediger, und am Sonntag ging man gemeinsam zwei Mal (!) zur Kirche.

Zum Zithern

hausmusik

Meine kleine Schwester, mein Vater und ich, ca. 1960.

Craftsmen Class hero

armaturen

Nur kurz zwischendurch: Nach drei Stunden Fummeln ist die neue Armatur dran, sogar der Perlator. Dank der fachkundigen Ratschläge des Publikums war ich auf alle Eventualitäten vorbereitet und hatte schweres Gerät dabei. Und siehe: Zuerst musste der Rohrschneider ran, anders wäre das alte Hahn nicht abgegangen.

Und jetzt wenden wir uns wieder Politik und Wissenschaft zu.

Drehen, drehen und immer an die Mutter denken

klempnern

Man gönnt sich ja sonst nichts. Beim Sichten meines Werkzeugs fiel mir auf, dass ich keinen vollständigen Rohrsteckschlüsselsatz (schönes Wort!) hatte. Tubular socket wrench set heisst es laut Google im Englischen. Ich habe auch noch einen neuen Standhahnmutternschlüssel erworben (faucet nut wrench).

Alles Perlator

klempnern

Ich wollte gerade den Wasserhahn der Spüle bei meiner Mutter erneuern, aber den hat irgendein Pfuscher vor Jahrzehnten installiert. Jetzt brauche ich schweres Werkzeug, und zwar mein eigenes…

Eine Frage an die hier mitlesenden Klempner: Das bronzene oder kupferne Ding, in dem die Zuleitungen zusammenlaufen, ist vermutlich dazu da, den Hahn festzuhalten? So etwas habe ich noch nie gesehen. Der Pfuscher hat das nach unten laufende Rohr einfach seitlich abgeknickt – ein Wunder, dass ihm das Ding nicht einfach um die Ohren geflogen ist.

Einen Perlator muss ich auch noch installieren. Dann ist bei dem neuen Teil eine Art Handgranate aus schwarzem Gummi – kann man aufschrauben in zwei Hälften, und laut dem wortlosen fucking manual (vgl. 10) führt der Schlauch, den man mitsamt dem Perlator rausziehen kann, da durch. Wird da nichts abgeklemmt? Und wozu ist das Teil gut?

Das ist ungefähr der siebenundachzigste Wasserhahn, den ich installiere. Aber warum muss immer alles so kompliziert sein?

Kleinbürgerliche Sportarten

minigolf

Meine kleine Schwester, meine Mutter und ich beim Minigolf, Meran, Südtirol, vermutlich 1975.

Feierabend!

feierabend

Dafür, dass meine drei Wecker Alexa mich heute um 3.20 Uhr aus dem Bett geworfen hat, um den kapitalistischen Lohnarbeitsalltag rechtzeitig beginnen zu können, bin ich noch ganz fit (und trotz der Video-Tutorials). Im zweiten Teil der Freizeit werde ich noch videokonferenzen mit einem Freund, der einer nationalen Minderheit angehört, und anschließend noch meinen Avatar virtuell frei herumlaufen lassen (aber der muss auch arbeiten bauen).

Das fängt ja gut an

burks

Duschen. Frühstück. Dann Science (Juri, der Held meiner Kindheit!), Science (hoffentlich lässt mich das Wetter bald Paddeln!), Straßenbau.

Jemand schrieb auf Fratzenbuch über die Rituale des 1. Mai: “Alle Jahre wieder die “Revolutionäre 1.Mai Demonstration” in Berlin – inzwischen mehr Ritual als Ausdruck realer politischer Intervention. Aber seit einigen Jahren auch Tummelplatz diverser antisemitischer und autoritärer roter Gruppen. Stalinismus statt Autonomie. (Die Jüdische Allgemeine über den Angriff roter Gruppen auf israelsolidarische Menschen)

Während in den letzten Jahren die Israelhasser den letzten Block bildeten, sollen sie dieses Jahr den Frontblock bilden: Gruppen wie “Palästina spricht” , AGIF ( MLPD Umfeld) und “Young Struggle” ( MLKP) sind schon bei den Hanau Gedenkdemonstrationen in Köln, Münster und Frankfurt durch aggressive Instrumentalisierung des Gedenkens durch Israelhass aufgefallen. Es ist zu erwarten, dass sich dies wiederholt. Auch in Berlin werden jüdische Gruppen wie die “Jewisch Antifa” das Feigenblatt spielen, sind sie doch fest in der antisemitischen BDS Szene verankert.

Der autonome Traum von “Freiheit und Glück” versinkt in stalinistischer Gewaltphantasie und antisemitischen Israelhass. Das war’s dann wohl!”

Faires Ärgern

kuchen

Ich langweile mich nie und auch nicht während des so genannten Lockdowns. Man kann zum Beispiel ununterbrochen Kuchen backen und es sich gut gehen lassen, wenn man nicht arbeiten muss.

Da sitze ich also harmlos in der Küche, esse selbst gemachte Stachelbeertorte und Marmorkuchen, selbstredend alles mit Sahne, und lasse die neuesten Nachrichten in Print- und Digitalform an mir vorbeifliegen und rege mich sofort und überflüssigerweise total auf.

– Es rächt sich immer noch, dass die Revolution 1918 von den Sozialdemokraten hintertrieben und verraten wurde. Die Süddeutsche berichtet: “Erben der bayerischen Könige kassieren immer noch Millionen”. “Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung kommt sie jedes Jahr in den Genuss von knapp 14 Millionen Euro, die der Wittelsbacher Ausgleichsfonds (WAF) ausschüttet. Diese Stiftung wurde im Jahr 1923 vom Freistaat Bayern errichtet, um die Mitglieder des Hauses Wittelsbach weiterhin zu alimentieren.”

Da fällt mir doch ganz spontan ein altes französisches Lied ein.

– Im Print-“Spiegel” lese ich wieder groben Unfug. Überschrift “Krieg der Köpfe” – “Mit Falschnachrichten, Fake-Profilen, Bot- und Trollarmeen wollen ausländische Geheimdienst bla bla usw.” Wie machen die das?

“Die Absender der Mails, die bei sieben Bundestagsabgeordneten der Unionsfraktion und der SPD sowie bei mehr als 70 Landtagsabgeordneten eingingen, klangen harmlos: mailing@t-online.de stand da oder mailing@gmx.de. Doch die Mails waren Fallen. Ein Link führte auf eine Website, auf der die Angeschriebenen ihre Daten eingeben sollten. Das Ziel der sogenannten Phishing-Attacke: die E-Mail Postfächer und Social-Media-Accounts der Politiker zu kapern.”

Nein, ich rege mich sogar über fast jedes Wort auf (mal abgesehen davon, dass “Phishing” schon gefühlt Fantastillarden mal durchgekaut wurde).

Wann eigentlich sind “Absender” von E-Mails “harmlos” oder besser: wann “klingen” sie so? Erinnert sich das IT-affine Publikum noch an den Kremvax-Hoax aus dem Jahre 1984 im Usenet? Piet Beertema hatte damals nicht nur den Absender eines Postings gefälscht, sondern alles andere auch. Außer dem Datum (April! April!) stimmte nichts, auch nicht die Newsserver. Ich erinnere mich auch, was ich zu Crosspoint-Zeiten mit dem Hamster für einen Unsinn angestellt habe – man konnte alles mögliche in den Header einer E-Mail hineinschreiben und es musste nicht wahr sein. Wer den “Klang” einer elektronischen Postkarte als Maßstab für Seriösität nimmt, sollte besser eine Brieftaube nehmen, die gurrt wenigstens.

Es geht gleich weiter. “Ein Link führte…” Auch das kennen wir bereits: Die Pappnasen, die das geschrieben haben, gehen davon aus, dass die Nutzer sich ihre E-Mails im HTML-Format anzeigen lassen. Dann kann man über das Ziel eines Links getäuscht werden, weil in Hypertext Markup Language alles mögliche stehen kann, was aber nicht angezeigt werden muss. Wer verhält sich denn so selten dämlich? Spiegel-Redakteure und Politiker und der DJV Berlin und und und. Ach so, ganz viele? Man sollte denen zwangsweise Claws Mail verordnen, das zeigt HTMl nicht an. Hierzu hat mein Hausphilosoph das Nötige gesagt: “Es gibt manche Leute, die nicht eher hören können, bis man ihnen die Ohren abschneidet.” (Georg Christoph Lichtenberg)

– Ich höre jetzt besser auf. Ich erinnere mich daran, dass ich mich schon beim Einkaufen geärgert habe. Neben “fairem Lohn” und “fairem Handel” und “fairem Parken” gibt es vermutlich auch bald “fairen Sex”? Und fordern das die Grünen schon? Ich blogge ich eigentlich fair und nachhaltig? Ich wüsste gar nicht, was das sein sollte.

fair parken

Farewell, Teal Razor!

Teal Razorteal razor
Das Avatar-Profil Teal Razors, so, wie es andere sehen konnten. Ganz oben ihr tanzender Avatar.

Ich berichte über eine virtuelle Trauer- und Gedenkfeier. Am 16. März starb Teal Razor (Avatarname), im realen Leben Edith James. Sie war acht Jahre eine “Korrespondentin” meiner Zeitung The Voice of Gor in Second Life und verfasste wöchentlich Kolumnen für englischsprachige Rollenspieler der Gor-Community. Sie schrieb in sehr anspruchsvollem Englisch, sarkastisch, witzig und voller Phantasie. Immer, wenn das “Blättchen” erschient, jahrelang wöchentlich, hatte ich Leute in meinem privaten Chat, die sich beklagten, jammerten, drohten. Ich habe mich köstlich amüsiert und nie ein Wort ihrer Kolumnen zensiert. Bis zu ihrem Tod wusste ich nicht, wie sie in Wahrheit hieß, obwohl ein ein paar Mal mit ihr geskypt hatte. Ich kannte sie nur als die “Sklavin” Teal Razor mit eigenem Youtube-Channel (auf dem noch ihre Stimme zu hören ist).

About (…) by Teal Razor. She experienced a Cardiac Arrest on August 22nd 2019 at 6:30 pm shortly after starting up her newspaper. She had written for the Voice of Gor since 2012 and was excited about this new endeavor. Due to her Cardiac Arrest, she was never able to return to Gor. Teal Razor, or as she was known in real life as Edith James, passed away peacefully on March 16th 2021 at about 11:20 pm, in her home. Her husband was with her as she left our world. There will be a Memorial Service held in Port Olni on April 3rd 2021 at noon.
Teal Razor, Rest In Peace
Mariko Marchant

Am Samstag fand ein “Memorial” in Second Life statt, im “Adult”-Segment, was man als Avatar nur betreten kann, wenn man sein Alter hat überprüfen lassen.

teal razor
Teal RazorTeal Razor

A memorial for Teal Razor took place in Olni. Many Goreans gathered and showed her their respect. [Memorial Teal Razor chatlog]

Man kann sich natürlich über virtuelle Trauerfeiern und virtuelle Friedhöfe (vgl. unten) lustig machen. Ich bitte aber das abgebrühte Publikum höflich, einen Moment nachzudenken. Es existieren auf Youtube sogar Filme über ähnliche Events, zu denen mehr Leute zusammenkommen als auf vielen Beerdigungen im realen Leben.

Frage: Ist man allein, wenn man allein ist, aber Zugang zu dieser virtuellen Welt hat? Dort halten sich zum Beispiel Leute auf, die im realen Leben nicht mehr so einfach das Haus verlassen können, weil sie an Krankheiten leiden.

Teal aka Edith, das erfuhr ich von ihrem Ehemann (bzw. dessen Avatar bei dessen virtuellen Trauerrede) stand mitten im Leben, besaß eine Kunstgalerie, hatte Kinder und Enkelkinder, sprach fünf Sprachen, leitete früher Software-Firmen – bestätigte also nicht das Klischee des Popcorn-fressenden Nerds. Dennoch “lebte” sie de facto in jeder freien Minute in Second Life, genauer: Sie spielte ihre Rolle als Sklavin. Das muss man nicht so nehmen, wie sich das anhört, da eine “Rolle” nur gewisse Grenzen setzt und alles in gegenseitigem Einvernehmen geschieht.

Die Verstorbene war eine ausgezeichnete Rollenspielerin auf einem sehr hohen Niveau, das in Gor nur wenige erreichen, meistens Assassinen (Meuchelmörder, black caste), die ein monatelanges (!) “Training” absolvieren müssen, um diese Rolle spielen zu dürfen und anerkannt zu werden. (“Taog Ra”, im realen Leben ein ehemaliger Militär, dessen virtueller Grabstein auf dem untersten Screenshot zu sehen ist, war einer der berühmteste “Killer” auf Gor in Second Life.) Wenn Teal irgendwo herumsaß, war sofort etwas los und alle Umstehenden wurden gezwungen, irgendwie zu regieren. Wenn man in Second Life nichts macht, passiert auch nichts. Ich war sehr entzückt, dass sie jahrelang auf der Sim spielen wollte, auf der ich Administrator war.

teal razor

Dieser Screenshot zeigt, wie das Menü der Zugangssoftware (gratis, Open Source, es gibt verschiedene zur Auswahl) die jeweilige Szenerie anzeigt: Links unten das Fenster des öffentlichen Chats. über den Avataren schwebt der Spielername und optional der “Titel” bzw. der Ort, den man als “Heimat” gewählt hat. Der “Tracker” ist eine Ausnahme und zeichnet hier den Chat auf. Ich bin der Kerl mit dem Turban. “Jarek SpiritWeaver” ist der Besitzer der Sim, auf der wir herumstehen – zusammen mit seiner Ehefrau, die im realen Leben wesentlich älter ist als ich, gibt er monatlich mehr als tausend Dollar aus, um anderen das Spielen zu ermöglichen – ein teures Hobby, aber geselliger und mit einem wesentlich höheren Frauenanteil als der gemeinsame Bau einer Modelleisenbahn. Einige Spieler steuern etwas bei, aber darauf kann man sich nicht verlassen.

virtual cemetery Olnivirtual cemetery Olnivirtual cemetery Olnivirtual cemetery Olni

Kann sich das Publikum vorstellen, Verstorbene auf virtuellen Friedhöfen zu besuchen, auf denen ein reales Foto und eines des Avatars zu sehen sind? Wenn Second Life noch Jahrzehnte existieren wird, kann man davon ausgehen, dass auch von mir irgendwann so eine virtuelle Gedenkstätte irgendwo herumsteht. Ein komischer Gedanke… Und das ist garantiert der merkwürdigste Nachruf, den ich jemals verfasst habe.

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