Zyniker und Rechtspopulist Gabriel

Gabriel macht klar, warum die SPD für die Vorratsdatenspeicherung ist: Ohne die hätte man Breivik in Norwegen nicht gefasst. „Wir können ja nicht unsere Position verleugnen.“

Die Wahrheit ist: „Nachdem Polizisten einer Anti-Terror-Einheit auf die Insel gelangt waren, ließ sich Breivik gegen 18:35 Uhr widerstandslos von ihnen festnehmen.“

Bei Wikipedia lesen wir: Im Zuge der Anschläge in Norwegen 2011 forderten die CSU-Politiker Hans-Peter Uhl und Beate Merk erneut die Einführung der Vorratsdatenspeicherung, um besser gegen derartige Terrorakte gewappnet zu sein. Uhl sprach sich in diesem Kontext überdies für eine anlasslose Vorratsdatenspeicherung aus, die über die ursprünglichen Pläne hinausginge. Diese Forderungen wurde von Seiten der SPD, der Grünen, der FDP sowie der Linkspartei scharf kritisiert. So sei es „geradezu zynisch“ und „populistisch“, die Anschläge für die „innenpolitische Agenda“ der Union zu benutzen, außerdem habe die Vorratsdatenspeicherung in Norwegen die Anschläge nicht verhindern können.“

Wie moralisch verkommen oder wie dämlich muss man eigentlich sein, um SPD zu wählen oder so ein Lügenmaul als Parteivositzenden zu akzeptieren wie die SPD-„Netzpolitiker“? Aber natürlich wird die Basis trotzdem die Koalition absegnen.

Das kommt vom Denglischen

„Von diesen 40 schafften es 10 in die Top Ten“. (Quelle: Heise)

Hm. Warum eigentlich nicht elf?

Der Geschmack des gemeinen Volks

volkstümlich

Dilegua, o notte! Tramontate, stelle!
Tramontate, stelle! All’alba vincerò!
Vincerò! Vincerò!
(Arie des Prinzen Kalaf in „Turandot“ von Giacomo Puccini)

Ich schaue nur selten fern, meistens um einzuschlafen, also früh am Morgen. Deswegen würde ich bei jeder Quizsendung, bei der es darum geht, Leute zu kennen, die man nur aus dem Fernsehen kennen kann, wie der letze Depp dastehen. Paul Potts (Bild links) habe ich zufällig bei Youtube gefunden, als ich nach „Flashmobs“ suchte und mir dann seine „first audition“ angesehen habe. Und von Susan Boyle (Bild rechts) hatte ich noch nie was gehört.

Diese so genannten „Talentshows“ sind aus völkerkundlicher soziologischer Sicht sehr interessant. Sie leben von einem Versprechen, was im Unterbewusstsein des gemeinen Volkes schlummert: Man könne die Klassenschranken überwinden, wenn man sich nur bemühe. (Nein, es geht überhaupt nicht darum, des eigenen Glückes Schmied zu sein.) Wer „berühmt“ ist und viel Geld verdient, hat den sozialen Aufstieg geschafft. Umgekehrt funktioniert das genauso: Der typische Mittelschichtsdiskurs handelt davon, wie man sich von denen da untern abzugrenzen habe, durch Disziplin, Erziehung, Wissen. Das sind natürlich Illusionen, aber davon lebt die Welt. Die Medien im kapitalistischen Zeitalter haben die Aufgabe von der Religion übernommen, die Leute ruhig zu halten, indem sie ihnen ständig vor Augen führen, dass man die eigene bescheidene Lage verbessern könne, wenn man sich nur anstrenge. Die meisten Leute wollen eh am System nichts ändern, sie wollen nur, dass es ihnen selbst nicht schlechter geht als den Nachbarn.

Ich lästere auch nicht wirklich über „Unterschichtenfernsehen“. Das gibt es gar nicht, nur für die Propheten des gehobenen Spießbürgertums wie Harald Schmidt. Das gilt auch für alle Diskussionen über „Geschmack“. Sehr hübsch sagt man über Simon Cowell, der die Mutter aller Talentshows in Großbritannien produziert:
Für Politik interessiert er sich ebenso wenig wie für gutes Essen oder jede Art von Hochkultur. „Ich bin ein Mann von durchschnittlichem Geschmack“, vertraute er einmal dem Playboy in einem Interview an. Er bevorzuge Pizza und Burger und sehe lieber den „Weißen Hai“ oder „Raumschiff Enterprise“ als „irgendwelche polnischen Filme mit Untertiteln“. Doch genau darin sieht er das Rezept für seinen Erfolg: „Wenn mir etwas gefällt, dann stehen die Aussichten sehr gut, dass es auch anderen gefallen wird.“

Nur in Deutschland unterteilt man Literatur noch in „hohe“ Literatur und „triviale“. Im angelsächsischen Sprachraum ist das völlig absurd. Das Proletariat, also die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung, kommt in Kunst, Kultur, Fernsehen und Romanen, die in Deutschland produziert werden, so gut wie nie vor. Wann haben die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser zum letzten Mail ein Buch gelesen, das im Arbeitermilieu spielt – etwa wie Goldsborough von Stefan Heym? (Irrelevant für das deutsche Wikipedia.) Die Mittelschicht produziert sich selbst. Das ist so albern wie ein Schriftsteller, der einen Roman schreibt, in dem alle handelnden Personen Schriftsteller sind. (Hat Walser nicht so was geschrieben?)

Der doppelte Wortsinn von „gemein“ bringt das auf den Punkt.
gemein Adj. ‘gemeinsam, gemeinschaftlich, allgemein, gewöhnlich, niedrig gesinnt, niederträchtig, unfein, unanständig’. Das germ. Adjektiv ahd. gimeini ‘zuteil geworden, bestimmt, gemeinsam, gemeinschaftlich, allgemein, übereinstimmend, zugleich’ (8. Jh.),(…) got. gamains ‘gemeinsam, unheilig’ gehört wie lat. commūnis ‘gemeinsam, gemeinschaftlich, allgemein, gewöhnlich’ (s. Kommune, Kommunismus)

Eben. Aus der Perspektive der Herrschenden und der Mittelschichten sind das Volk und dessen Geschmack „gemein“; die Armen da unten haben die (relative) Not gemeinsam. Weitere lingistische Details und warum in einem etymologischen Wörterbuch bei „gemein“ irgendwann „Kommunismus“ kommt, überlasse ich dem gemeinen Leser und der gemeinen Leserin zu erörtern.

Unter uns Völkerkundlern

Spiegel online schreibt: Dem deutschen Publikum ist der harte Schlagabtausch zwischen Politikern und Journalisten eher wenig vertraut. (…) Im britischen Fernsehen wäre es nur eines von vielen.“

Nun fragen wir, so ganz unter uns Völkerkundlerinnen: Woran liegt das? Kann man das und sollte man das ändern und wie? Darüber sollte mal jemand eine Dissertation verfassen.

Onkel Toms Hütte, revisited

Gizmodo.com (via Fefe): „The Emoya Luxury Hotel and Spa near Bloemfontein, South Africa offers Shanty Town, a dozen shacks made from scrap wood and corrugated metal that it thinks is the perfect setting for your next corporate retreat or wedding anniversary.“

Es handelt sich um „a Fake Slum for Luxury Tourists Who Don’t Want to See Real Poverty“, ein Disneyland der ganz anderen Art also („Long-drop effect toilets“). So was kann man sich gar nicht ausdenken.

Wäre aber eine schöne Geschäftsidee für Deutschland: Man müsste Suppenküchen und Jobcenter für Touristen aus Übersee bauen, die dann deutsche Armut besichtigen und vielleicht dort übernachten könnten. Aber bitte keinen realen Armen, sondern Schauspieler. Und im Winter nicht ohne Fußbodenheizung.

Lieber nicht reingehen

danger

A fine Day

Tancred's Landing

Ich weiß noch nicht, ob ich heute die Zeit finde zu bloggen…Die Skyline meiner Sim Tancred’s Landing in Second Life.

The current economic system is unjust at its root

Radio Vatican: „Looking beyond the Church, Pope Francis denounces the current economic system as ‚unjust at its root‘, based on a tyranny of the marketplace, in which financial speculation, widespread corruption and tax evasion reign supreme.“ (Deutsche Version)

Treten jetzt alle Verehrer höherer Wesen der katholischen Art, die gleichzeitig Angehörige der esoterischen Glaubensgemeinschaft Freier Markt(TM) sind, aus der Kirche aus?

Offene Fragen zu den Koalitionsverhandlungen

„Warum will die SPD am Ende auch noch die Basis befragen? Genügt es etwa nicht, wenn wie bisher die Deutsche Bank, Eon und BMW dem Koalitionsvertrag zustimmen?“ (Quelle)

Quantitative Easing

Geld

„Ärgerlich“ oder „nicht informativ“ gilt für fast alle Artikel, die in deutschen Medien die Ökonomie im weiteren Sinn zum Thema haben. Aktuelle Beispiele: Welt online: „Südeuropa verlangt von der EZB eine neue Bazooka“. Von diesem Artikel schreibt Spiegel online ab: „Schuldenkrise: Südeuropa fordert drastische Maßnahmen der EZB“. Jedes Wort trieft vor Suggestion, nichts wird erklärt. Natürlich fehlt auch die abgedroschenste aller Phrasen nicht: „Konjunktur ankurbeln“. (Wie kurbeln die eigentlich und womit und was ist gemeint?)

Schuldenkrise? Welche Schuldenkrise? Hatten wir nicht eine „Eurokrise“? Und war nicht die Immbobilienblase in den USA der Domino-Stein, der zuerst umkippte, bis einige Leute merkten, dass zahlreiche Banken sich verzockt hatten mit real nicht existierenden Werten? Ich frage mich ernsthaft, ob Journalisten, die einen derartigen Quark breittreten, überhaupt noch nachdenken oder ob sie den Anspruch erheben, Fakten und Hintergründe zu erläutern oder ob sie schlicht die Textbausteine der AgitProp-Abteilung des Kapitals und dessen Lobbyisten übernehmen, um das Artikelhonorar leicht einzustreichen. Es kann doch nicht ernsthaft jemand meinen, es sei „Journalismus“, wenn man alle „Ökonomen“, die sich „Volkswirtschaftler“ schimpfen, befragt, die nicht bei drei auf dem nächsten Marktbaum sind?!

Es lohnt sich, ins Detail zu gehen. Das Thema scheint hier offenbar um den Preis des Geldes zu sein, das Banken verleihen. Wieviel Geld da ist, hat nichts mit den realen Werten zu tun, die das Geld representieren sollte. Man merkt schon beim ersten flüchtigen Hinsehen, dass es hier nicht um antropologische Konstanten oder Variablen wie das Wetter geht, sondern dass man eine Werttheorie haben müsste, um bestimmte Dinge wissenschaftlich, also theoretisch und empirisch darstellen zu können. Florian Eder und Sebastian Jost hingegen tun so, als sei das alles völlig wurscht: „Die Notenbank würde damit zusätzliche Milliarden in den Wirtschaftskreislauf pumpen, was das Wachstum beflügeln sollte. Tendenziell steigen damit auch die Preise.“ Ach? So einfach ist das also.

Und was genau war noch mal „Wachstum“? Der quantitive Ausstoß an Produkten? Der Anstieg der Profitrate des Kapitals? Die Schere zwischen Betriebskosten und Gewinn? Wann warum steigen Preise um wieviel und was hat das mit der Geldmenge zu tun? Es wäre doch nett, wenn uns verraten würde, auf welche der zahllosen „Schulen“ der so genannten „Volkswirtschafts“lehre man sich hier beruft. Die widersprechen sich nicht nur untereinander, sondern erheben auch nicht den Anspruch, etwas mit Wissenschaft zu tun zu haben. Motto ist, wie gehabt und wie bei den Angehörigen der Glaubensgemeinschaft Freier Markt(TM) so üblich: „Wir haben zwar keine Ahnung, wovon wir reden, das aber volle Pulle.“

„Der konjunkturelle Effekt ist jedoch nur der erste Teil des Spiels.“ Wenn man das Gefasel auf den Punkt bringt: Soll die Europäische Zentralbank mehr Staatsanleihen derjenigen Länder kaufen, deren Produktion den Bach runtergeht und/oder deren Banken sich selbst ruiniert haben? Über das System der Staatsanleihen ist hier schon alles, was nötig ist, geschrieben worden („Unter Schnellballsystemikern und Couponschneidern“, 03.08.2012) Ich habe keine Lust, das zu wiederholen.

Mein Lieblingssatz im Artikel von Welt online ist dieser hier – und er ist auch bezeichnend für das intellektuelle Niveau unserer Klippschulen-Volkswirtschaftler, deren vernebelten Gehirne nur genauso neblige Sätze und sprachgeschluderte Phrasen erlauben: Mit der Ankündigung aus dem vergangenen Sommer, im Bedarfsfall und gegen Auflagen Staatsanleihen kriselnder Länder auf dem Sekundärmarkt aufzukaufen, brachte die Zentralbank Ruhe in die aufgeschreckten Finanzmärkte.

Die aufgeschreckten Finanzmärkte. Wieso denke ich jetzt an den Genossen Wolf Schneider: Deutsch für Profis Lenin: Wer wen? Wer tut eigentlich was? Das zu beschreiben, ist die wesentliche Aufgabe von Journalisten. Wie kann man „Märkte“ erschrecken? Und was will uns der Künstler damit sagen?

Ich gewann beim Lesen den Eindruck, den Autoren kommt es nur darauf an, ihr Pseudo-Insider-Wissen zur Schau zur stellen: In den Krisenländern schielt man jedoch noch weiter, auf eine Maßnahme, die unter „quantitativer Lockerung“ firmiert, im Fachjargon „quantitative easing“ oder QE genannt.

Fachjargon? Das wäre so, als nennte man „Halleluja“ und „Amen“ den „Fachjargon“ der Verehrer höhere Wesen, was – zugegeben! – nicht ganz fern liegt. Bei Wikipedia wird das noch einmal hübsch verschwurbelt dargelegt:
Quantitative Lockerung, auch monetäre Lockerung englisch quantitative easing, ist die Geldpolitik einer Zentralbank, die zum Einsatz kommt, wenn der Zinssatz der Zentralbank bereits auf null oder fast auf null gesetzt wurde und weiterhin eine expansive Geldpolitik angesagt ist. In diesem Fall kauft die Zentralbank Anleihen, private oder Staatsanleihen, um weiterhin die Wirtschaft und den jeweiligen Staat mit mehr Geld zu versorgen. Im Ergebnis nehmen die Aktiva der Zentralbanken zu.

Haaaaaalt! Um was genau geht es? Hütchenspieler, aufgemerkt: Finanzkapitalismus at its best! Die jeweilige Zentralbank kauft also Staatsanleihen über den staatlich festgelegten Prozentsatz hinaus. Das bedeutet: Man tut so, als würde in der Zukunt produziert und als würden Werte geschaffen, für die es dann ein papiernes Äquivalent (Geld) geben sollte. Jetzt fragt man sich: Und was ist, wenn nicht? Wenn die Wirtschaft, wie in Südosteuropa, immer weniger produziert, die Anleihen also so wertlos sind wie die des zypriotischen Staates, in denen die Beamtenpensionen von Brandenburg angelegt wurden? Die Antwort lautet: Das wissen wir doch nicht! Und es ist uns auch egal! So sind sie, unsere Volkswirtschaftler – die ökonomische Welt als Wille und Vorstellung. Und weiter geht’s:

Ziel der quantitativen Lockerung ist es, die Reserven in der Bankbilanz zu erhöhen. Darunter wird auch Geldschöpfung (bzw. Schaffung von Zentralbankgeld) verstanden. Die Geldmenge wird also erhöht (Buchgeld), indem die Zentralbank Gutschrift bucht. Gemeinhin wird damit ein Ansteigen der Inflation sowie eine Gefährdung der Finanzmarktstabilität durch die Bildung von Spekulationsblasen auf Aktien-, Anleihe- und Rohstoffmärkten vermutet. [By the way: Etwas anderes als „Zentralbankgeld“ gibt es gar nicht, der Rest ist nur Poker.]

Hört! Hört! Ich buche mir etwas gut, was es gar nicht gibt, weil ich hoffe, dass es das doch irgendwann geben wird. Hurra! Damit wären ja alle Probleme gelöst, und „die Märkte“ können sich entspannt zurücklehnen.

Zwei Damen in Sicht

chess

Mein Gegner – mit den schwarzen Steinen – verlor diese Blitzpartie wegen Zeitüberschreitung. Das Gemetzel wurde irgendwann ziemlich unübersichtlich, und ich dachte schon, ich könnte aufgeben. Aber plötzlich merkte ich, dass der Schwarze meine marschierenden Bauern kaum mehr aufhalten konnte. Schwarz wäre am Zug gewesen – kann Weiß noch verlieren? Ich sehe da nichts…

What Will Matter

Ready or not, some day it will all come to an end.
There will be no more sunrises, no minutes, hours, or days.
All the things you collected, whether treasured or forgotten, will pass to someone else.
Your wealth, fame, and temporal power will shrivel to irrelevance.
It will not matter what you owned or what you were owed.
Your grudges, resentments, frustrations, and jealousies will finally disappear.
So, too, your hopes, ambitions, plans, and to-do lists will expire.
The wins and losses that once seemed so important will fade away.
It won’t matter where you came from or what side of the tracks you lived on at the end.
It won’t matter whether you were beautiful or brilliant.
Even your gender and skin color will be irrelevant.
So what will matter? How will the value of your days be measured?
What will matter is not what you bought but what you built; not what you got but what you gave.
What will matter is not your success but your significance.
What will matter is not what you learned but what you taught.
What will matter is every act of integrity, compassion, courage,
or sacrifice that enriched, empowered, or encouraged others to emulate your example.
What will matter is not your competence but your character.
What will matter is not how many people you knew but how many will feel a lasting loss when you’re gone.
What will matter is not your memories but the memories that live in those who loved you.
What will matter is how long you will be remembered, by whom, and for what.
Living a life that matters doesn’t happen by accident.
It’s not a matter of circumstance but of choice.
Choose to live a life that matters.
(Michael Josephson)

Ich bin dieses Duckmäusertum sowas von leid

Gregor Gysi (Die Linke) im Bundestag am 18.11.2013 über Deutschlands Nicht-Souveränität und den NSA-Skandal. Ansehen!

Als Kontrastprogramm dazu das so genannte Nachrichtenmagazin Focus: „Wie FOCUS aus Berliner Sicherheitskreisen erfuhr, können Staatsfeinde und Schwerverbrecher derzeit nur unzureichend überwacht werden. Gründe seien Personalmangel und fehlende technische Möglichkeiten.“

Hans und Grete oder was machen eigentlich die Deutschen 2.0?

second life

Ich weiß immer noch nicht, was die deutschen Medien bewegte und bewegt, die 3D-Welt Second Life vollständig zu ignorieren. Nach dem großen Hype 2007 und einer positiven Geschichte im Spiegel war nach ein paar Monaten plötzlich Schweigen angesagt. Nicht zuletzt war natürlich der unsägliche Beitrag von Report Mainz schuld, der behauptete, es gebe dort Kinderpornografie – was definitiv eine Falschmeldung war, und nach US-amerikanischen Recht sowieso. Man zuckte vor dem Thema irgendwie zurück, als sei es vergiftet, obwohl es wohl kaum ein besseres Experimentierfeld gibt, um das Verschnelzen aller Medien zu beoabchten, inklusive Bücher, Computerspiele, Filme und klassische Rollenspiele.

Ein weiterer Grund mag sein, dass es gar nicht so einfach ist, innerhalb von Second Life diejenigen Communities zu finden, die aktiv sind und die es sich zu beobachten lohnt. Man baucht meistens eine Altersverifikation des Avatars und muss mit der grottigen internen Suchmaschine umgehen können – und eigentlich auch schon wissen, was man sucht.

Auch kann man nicht einfach mal eine Stunde recherchieren und dann etwas erfahren. Wer etwa ein Gor-Sim betreten will, muss zudem den Avatar mit einer rollenspielgerechten Kleidung ausstatten und noch viele andere Auflagen erfüllen. Eine Recherche würde – gemessen am Ergebnis – einen sehr hohen Aufwand bedeuten. Damit haben wir schon 95 Prozent aller deutscher Journalisten außen vor.

Wer also nach „german“ sucht, findet nur Schrott – wie oben zu sehen (bei „deutsch“ ist es vergleichbar). Der Traffic, also die Anzahl der Avatar, die sich dort täglich im Durchschnitt aufhalten (den zeigt die SL-interne Suchmaschine in der rechten Spalte an), ist bei „deutsch“ nicht der Rede wert. Wo sind die Deutschen nur? Alle bei Fratzenbuch?

Der Traffic wird wie folgt gemessen: Traffic is a numerical metric calculated for every parcel of land inworld. This score can be summarized as the cumulative minutes spent on the parcel by all visitors to the parcel within the previous day. (The value shown in About Land is based on data gathered from midnight to 11:59 PM, Pacific Time.) It is calculated by taking the total seconds spent on the parcel, dividing by 60, and rounding to the nearest whole minute. For example, if your parcel has a cumulative seconds total of 121s over the course of a day, the traffic score is 2.

Nur um das in verständliches und nicht-mathematisches Deutsch zu übersetzen: Der wichtigste Treffpunkt der Gor-Rollenspieler, der so genannte Gor Hub (seit 2007), hat zum Beispiel einen Traffic von rund 70.000. Das bedeutet, dass sich durchschnittlich zwischen 40 und siebzig Avatare dort aufhalten – und das rund um die Uhr.

Alle deutschen Sims (man könnte das mit „Spielorte“ übersetzen, die jeweils nur eine begrenzte Anzahl von Polygonen und Avataren rendern, also darstellen können) haben also weitaus weniger Besucher und Traffic als nur die Hälfte aller Sims der kleinen goreanischen Subkultur. Das wäre ungefähr so, als wäre die Zahl der „Gothics“ (oder „Gruftis“) in Deutschland – eine kleine Jugend- und Subkultur – größer als die Zahl aller Franzosen.

Was die Leute am meisten interessiert, sind eben soziale „Kontakte“, wie auch immer man das definiert. Oder, wie man so sagt, dass Hans seine Grete findet, in welches Kostüm man auch immer dazu schlüpfen müsste.

second life

Grumpy Girl

grumpy girl

Das Foto habe ich 1984 auf Amantani gemacht, einer peruanischen Insel im Titcaca-See. Das Mädchen hatte noch nie eine Kamera gesehen und wollte nicht fotografiert werden, aber ihre älteren Geschwister haben ihr gut zugeredet. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich trotzdem nicht….

Unter Irren oder das Orakel vom Bodensee

Welt online: 42 Prozent der Deutschen wollen „linksradikale“ Parteien verbieten, 49 Prozent Computerspiele mit „zu viel“ Gewalt. „Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach.

Oh, die haben noch mehr auf Lager: „Mehrheit der Deutschen sieht sich durch NSA-Attacken nicht bedroht“.

Schon klar. Man muss aber Wikipedia lesen, um das Nötige über das Institut Allensbach zu wissen: „Es gilt als dem konservativen politischen Spektrum zugehörig. (…) Als einziges deutsches Institut arbeitet Allensbach nicht mit Zufallsstichproben sondern mit Quotenverfahren“.

Verschlüsselung verboten

„Die IT-Abteilung hat das Verschlüsseln von E-Mails verboten“, schreibt Spon über die „gehackten“ E-Mail-Konten von EU-Abgeordneten. Die französische Quelle, von der die deutsche Medien ihre Informationen abschreiben, formuliert das noch schöner:
„A hacker using elementary computer equipment and what he described as “a few bits of knowledge that everyone is capable of finding on the internet” has succeeded in accessing confidential emails and personal files of Members of the European Parliament, their assistants and even the institution’s IT experts, Mediapart can reveal. The operation was, he said, mounted as a demonstration of the vulnerability of security at both the parliament in Strasbourg and also among many national administrations which use software, notably that of Microsoft, that experts have for years warned is exposed to espionage manipulations through fundamental.

So etwas kann man sich gar nicht ausdenken. Vermutlich werden sie jetzt De-Mail kopieren und die „verschlüsselten“ E-Mails vor dem Absenden auf einem vertrauenswürdigen NSA-Server öffnen, um sie „nach Viren“ zu durchsuchen.

Cesar Lora, Isaac Camacha und die permanente Revolution

minero

Wer ein Herz hat und für die kleinen Leute ist, die man früher hierzulande Arbeiter nannte (sogar dieses Wort ist aus den Kapitalismus-affinen Mainstream-Medien verschwunden), der sollte nach Bolivien fahren. Oder dieses Video ansehen – auch wenn es in Spanisch ist: Der Rhythmus und die Gefühle, die vermittelt werden, reichen aus, um sich vorstellen zu können, wie ein kämpferischer Arbeiterführer (Frauen inbegriffen) oder Gewerkschaftler sein könnten. Nicht wie diese zahnlosen und die Obrigkeit anschleimenden Gestalten hierzulande, die sich „Tarifpartner“ des Kapitals schimpfen.

Ein halbes Jahrhundert nach der Ermordnung Cesar Loras und Isaac Camachas wird ihrer immer noch gedacht – aber nur von den Bergarbeitern Boliviens. Das Bild habe ich 1984 in Llallagua in Bolivien gemacht in der Nähe der Zinnmine Catavi-Siglo XX, die meine damalige Freundin und ich besichtigt hatten. Catavi war das größte Bergwerk Lateinamerikas.

Auf Wikipedia gibt es nur eine portugiesische Seite über Cesar Lora. (Ich habe bei archive.org noch etwas gefunden).

In Deutschland würde so ein Mann natürlich nie ein Denkmal bekommen: Cesar Lora war ein militanter trotzkistischer und unabhängiger Gewerkschaftsführer. Solche Leute wären in Deutschland vor 1945 ermordet worden, nach 1945 wären sie ins Gefängnis gegangen und hätten Berufsverbot bekommen. In Bolivien ist das anders. Ein Buchtitel, der mir beim Recherchieren auffiel, sagt schon genug: „Bolivia’s Radical Tradition: Permanent Revolution in the Andes“.

Das Denkmal zeigt auch, was solche Monumente bewirken können. Wir haben ja nur die steinernden Figuren der herrschenden Klasse überall herumstehen. Im Beitrittgebiet ist das noch anders, aber ich befürchte, dass in den Schulbüchern sorgsam ausgelassen wird, was sie bedeuten. Ernst Thälmann . den im KZ Buchenwald von den Nazis ermordeten Vorsitzenden der KPD – meine ich nicht; der hat der deutschen Arbeiterklasse vermutlich letztlich mehr geschadet als genutzt und was außerdem eine Marionette der Komintern und Moskaus.

Aber ich wollte nur ein Foto posten und keine Grundsatzdiskussion anfangen… Ja, übrigens hatte Trotzki recht.

Starke Argumente gegen Virenscanner

Spiegel online hat heute einen hanebüchenen Artikel im Programm, in dem sich Zitate wie dieses finden:
72 Prozent haben der Studie zufolge ein Virenschutzprogramm auf ihrem Rechner installiert, um sich vor Kriminellen und Hackern zu schützen. 28 Prozent aber haben demzufolge aber eben keines. Selbst mit einer simplen virenverseuchten Website könnten Kriminelle diesen Nutzern sehr leicht Schadsoftware unterjubeln. Etwa Erpresserprogramme wie den sogenannten BKA-Trojaner.

Wie kann man so einen Quatsch nur veröffentlichen? Ich habe es aber aufgegeben argumentieren zu wollen. Die Befürworter von so genannten „Virenschutzprogrammen“ sind genau so belehrungsresistent und bescheuert wie die Angehörigen der Glaubensgemeinschaft Freier Markt(TM).

Hier einige Argumente gegen Virenschutzprogramme, die ich in meinen Seminaren anführe.

Erstes Argument: Ein Windows-Nutzer (Version Vista ff) wird penetrant dazu aufgefordert, den so genannten „Defender“ zu aktivieren – „eine Sicherheitssoftware der Firma Microsoft zur Erkennung von potenziell unerwünschter Software (vorwiegend Spyware)“.

Wenn diese „Sicherheitssoftware“ etwas nützte, warum sollte man noch zusätzliche „Antivirenprogramme“ installieren? Was ist denn eigentlich das Geschäftsmodell der Hersteller wie Kaspersky oder McAfee, da Windows Defender doch behauptet, es schütze die Rechner gegen schädliche Software? Und was ist das Motiv der Leute, die deren „Sicherheitssoftware“ benutzen? „Doppelt hält besser“, „einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“ oder „man kann nie wissen“?

Zweites Argument: Antivirenprogramme tun nicht das, was sie behaupten, und sie wirken nicht hinreichend. Um das zu belegen, muss man nur den einschlägigen Wikipedia-Eintrag lesen:

Virenscanner können prinzipiell nur bekannte Schadprogramme (Viren, Würmer, Trojaner etc.) bzw. Schadlogiken (engl. Evil Intelligence) erkennen und somit nicht vor allen Viren und Würmern schützen. Daher können Virenscanner generell nur als Ergänzung zu allgemeinen Vorsichtsmaßnahmen betrachtet werden, die Vorsicht und aufmerksames Handeln bei der Internetnutzung nicht entbehrlich macht. So fand die Stiftung Warentest bei einem „internationalen Gemeinschaftstest“ von 18 Antivirusprogrammen Anfang 2012 mit 1.800 eingesetzten „aktuellen“ Schädlingen Werte von 36 bis 96 % aufgespürten Signaturen.

Das Ergebnis der Stiftung Warentest ist übrigens transparent und für die Lobby der Antivirensoftware-Hersteller vernichtend.

Drittes Argument: Die Hersteller der Antivirenprogramme spähen selbst die Rechner der Nutzer aus und erhalten sensible Informationen nicht nur über alle installieren Programme. Man sollte zum Beispiel die „Lizenzbedingungen“ Kasperkys studieren.

Viertes Argument: Die so genannte „Sicherheitssoftware“ oder die Antivirenprogramme sind oft selbst schädlich oder versagen kläglich, wenn es darauf ankommt. Beispiele: „Windows Defender ermöglicht Einbruch in Windows-Systeme“ (Heise, 05.04.2013). „Antiviren-Software AVG hielt Systemdatei für Trojaner“ (Heise, 14.03.2013). „Why Antivirus Companies Like Mine Failed to Catch Flame and Stuxnet“ (Wired, 06.01.2012). „Apple lehnt Antivirensoftware von Kaspersky für iOS ab“ (TNW, 05.02.2013).

Fünftes Argument: Die Lobby der Antivirenprogramm-Hersteller versucht, ihre Produkte heimlich und auf Umwegen auf den Rechnern unerfahrener Nutzer zu installieren, zum Beispiel über Updates anderer Programme. IT-Portale warnen ausdrücklich davor. (Heise, 27.02.2013) Das ist definitiv kein seriöses Geschäftsgebaren.

Sechstes Argument: Unerfahrene Nutzer, die sich durch die Propaganda der Lobby für Antivirenprogramme einschüchtern lassen oder auf die dämliche und unkritische Berichterstattung der Mainstream-Medien hereinfallen, werden mit den Ergebnissen der „Prüfung“ ohnehin wenig anfangen können.

Siebtes Argument: Wer sich vernünftig verhält, braucht keine zusätzliche Software, um irgendetwas abzusichern.

Ökonomisierte Gesundheit

„Die Zahnärzte sind zunehmend in eine Unternehmerrolle gedrängt worden, weil das gesamte Gesundheitssystem durch politische Weichenstellungen zunehmend ökonomisiert wurde.“ (Wolfgang Eßer, Chef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung (KZBV), laut Spiegel online)

Die hier mitlesenden wohlwollenden Stammleserinnen und geneigten Stammleser können das natürlich angemessen interpretieren. Man muss nur die Märkte lassen, dann werden alle glücklich. Am unglücklichsten sind Kranke natürlich da, wo es keinen Markt im Gesundheitssystem gibt.

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