#unten und Klassenbewusstein

zitat

Christian Baron schrieb dazu: „Heute schreibt die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ über #unten. Harald Staun würdigt in seinem Text die Initiative, aber er bringt auch die offensichtlichen Schwächen von Hashtag-Kampagnen auf den Punkt. Solche Sätze in der konservativen „FAS“ – dass ich das noch erleben darf!“

Leider habe ich den ganzen Text nicht gelesen, aber der ist in der eben der Sprache geschrieben, die die zitierten Verkäuferinnen und Möbelpacker nicht sprechen und auch nicht lesen wollen.

„Um eine wichtige Ebene ergänzen“ – das ist nichtssagendes Geschwurbel. Das gilt auch für „Zugang zum Diskurs erleichtern“ oder „unterliegen den Ausgrenzungseffekten“.

These: Man redet so, wie die eigene Klasse es verlangt. „Identitätspolitik“ inklusive gendrinfizierter Sprache sowie Veganismus-Asketismus sind kleinbürgerlicher esoterischer Lifestyle-Scheiß und mitnichten „links“. Das musste jetzt mal gesagt werden.

Reminder: Bernd Stegemann im „Neuen Deutschland“:
Der blinde Fleck der Identitätspolitik ist ihr fehlendes Klassenbewusstsein. In der Ökonomie geht es nie um Moral, immer um Interessen. Wer aber keine Klassen kennt, muss auf moralische Kategorien zurückgreifen. (…)

Neusprechkritisch

Medien-Neusprech: Einwanderungskritisch. Bald kommt: „Sachsens Nazis haben einen einwanderungskritischen Nicht-Migrationshintergrund“.

Das Tegeler Duell und die Sechserbrücke

Tegeler SeeTegeler HafenSechserbrückeHumboldt Insel RückseitesechserbrückeSkyline Spandau

Ich war heute sieben Stunden auf der Havel und dem Tegeler See und beabsichtige nicht, dem Publikum heute noch die politischen Weltläufte zu erklären. Ich werde noch nicht einmal meinen Avatar in Second Life bewegen. Die folgenden Fakten sind nicht von mir, aber die Links.

Das Wort „Tegel“ entstammt einem slawischen Wurzelwort, das „Anhängsel“ bedeutet. Und genau dies ist der Tegeler See: er ist ein Anhängsel der Havel. Der Anteil der Uferstellen, an denen man baden kann, ist zwar gering, allerdings hat der See eine gute Wasserqualität und zählt zu den innerstädtischen Berliner Gewässern mit der größten Sichttiefe.

Am Nordostufer des Sees, unterhalb der „Seeterrassen“ an der Greenwichpromenade, befinden sich [was für ein verficktes schlechtes Deutsch!] die Schiffsanlegestellen der verschiedenen Reedereien. Die Uferpromenade wurde als lange Allee zum Flanieren mit Ruhebänken und Kinderspielplätzen gestaltet [Passiv ist immer schlecht und langweilig. Wer tat was? Und von wem stammt der Plan?]. Der nördliche Teil der Promenade endet an der Tegeler Hafenbrücke (auch Sechserbrücke genannt). Sie bildet die Zufahrt zum 1908 als Verbreiterung der Mündung des Tegeler Fließes gebauten Tegeler Industriehafens [irgendwas mündet da und wird breit, um ohne Ung auszukommen]. Große Teile des Ostufers sind in der Hand von Bootsvereinen und öffentlich nicht zugänglich. Am 25. März 1852 fand am Seeufer das Duell Vincke–Bismarck statt.

Wieder was gelernt. Klicken und sich weiterbilden!

Schutz der strukturell unterlegenen Beschäftigten

Das Bundesverfassungsgericht hat das Bundesarbeitsgericht abgewatscht. Das kommt nicht so oft vor.

Verbot mehrfacher sachgrundloser Befristung im Grundsatz verfassungsgemäß – Auslegung darf klar erkennbaren Willen des Gesetzgebers nicht übergehen.

Das „Deutsch“ von Juristen ist bekanntlich unverständlich und schlecht, deshalb hier in anderer Form, was gemeint ist:
Das Gesetz über Teilzeitarbeit und befristete Arbeitsverträge (TzBfG) regelt (In Paragraf 14), wie oft ein Kapitalist mit einem Arbeiter einen Arbeitsvertrag abschließen darf, der befristet ist und ohne dass ein besonderer („sachgrundlos“ ist geschwurbelter Juristen-Jargon) Grund vorliegt (die Gründe werden in dem Paragrafen genannt). Nur ein Mal!

Warum? …die Verhinderung von Kettenbefristungen und die Sicherung der unbefristeten Dauerbeschäftigung als Regelbeschäftigungsform trägt der Pflicht des Staates zum Schutz der strukturell unterlegenen Beschäftigten im Arbeitsverhältnis und auch dem Sozialstaatsprinzip Rechnung.

Das Bundesarbeitsagericht hatte das anders gesehen und eine wiederholte sachgrundlose Befristung zwischen denselben Vertragsparteien immer dann gestattet, wenn zwischen den Arbeitsverhältnissen ein Zeitraum von mehr als drei Jahren liegt.

Das Bundesverfassungsgericht ist bekanntlich äusserst höflich und würde keinesfalls in Richtung Bundesarbeitsgericht rufen: „Ist doch Blödsinn, was ihr entschieden habt!“ Man formuliert: Ihr „überschreitet die Grenzen richterlicher Rechtsfortbildung.“ Har har.

Ich bin gespannt, welche Konsequenzen das Urteil für das Sicherheitsgewerbe zum Beispiel in Berlin hat.

Zusammenschnurrendes Narrativ

amazonas

Auf dem Amazonas (Brasilien 1983), durch das Fenster der „Toilette“ des Schiffes aufgenommen, Symbolbild für den Klassenstandpunkt deutscher Journalisten

Der Tagesspiegel referiert eine Polit-Show über die industrielle Resservearmee und wie Löhne zu drücken seien:
Klar ist: Heil wie die gesamte SPD will sich nicht drücken, nur in der Offensive kann die Partei dieses „Trauma“, wie es Robert Habeck, der Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, richtig charakterisierte, überwinden. Davon ist die Partei, davon ist die Gesellschaft sehr, sehr weit entfernt.

Kommt in mein geplantes Lehrbuch als Beispiel für schlechtes, falsches und schlampiges Deutsch. Wie viele Fehler finden die Leserinnen und Leser? Und was ist – aus journalistischer Sicht – zusätzlich noch falsch?

By the way, lieber Kollege Huber:
Die anderen bevorzugen Empörung, wie auch anders, wo im gesellschaftlichen Narrativ Hartz IV auf die Schlagwörter von Schikane und Sanktion zusammengeschnurrt ist.

Wer Narrativ sagt, meint sich damit für’s Feuilleton qualifiziert zu haben. Das Narrativ, was auch immer das für eine Substanz sei, schnurrt, womöglich wie eine Katze und auch noch zusammen? Wie darf ich mir das vorstellen?

… verurteilte die Linken-Politikerin und ehemalige Arbeitsvermittlerin Inge Hannemann das Fordern-und-Fördern-Konzept als Mittel zur Stigmatisierung, Angstmache und Ursache einer überkommen geglaubten Klasssengesellschaft.

Gut und richtig ist es, die Ungisierung der linken Sprache (Hau wech den Nominalstil!) zu karikieren. Ein linker Funktionär kann bekanntlich keinen einzigen Satz ohne ein Wort sagen, das mit -ung endet.

Mein Tipp, damit das Volk derartige Textbausteine versteht: Zuerst kommt der Name (Inge Hannemann), dann kommt, was die Person tut (am besten mit Tuwörtern beschreiben), dann erst und nur als Option Titel, Details aus der Biografie. Also nicht: begrüßte der Staatsratsvorsitzende und des Generalsekretärs der SED (usw.) Erich Honecker, der auch Vollmitglied des Politbüros und Sekretär des ZK für Sicherheitsfragen war, den Genossen Jedermann aufs Herzlichste, sondern: Erich Honecker begrüßte den Genossen Jedermann. Wie ihr alle wisst, ist Erich Honecker usw…

Jetzt aber: „einer überkommen geglaubten Klasssengesellschaft“? Wer sagt das? Heil? Huber? Hannemann? Oder wünscht sich der Autor, dass es keine Klassengesellschaft gebe? Oder wird das Hannemann unterschoben, also suggeriert, sie habe sich mit dem Kapitalismus weltanschaulich versöhnt? Das kommt davon, wenn man mit dem Fall, den die indirekte Rede verlangt, nicht klarkommt.

Fragen über Fragen…

MISCELLANEOUS

dancer in Ianda

Das Uninteressanteste zuerst: „Nach einem großen Medienwirbel um 2007 ist es heute still geworden um „Second Life“. Dabei sind rund eine Million Nutzer ihrem Zweiten Leben treu geblieben. Das dortige Bruttoinlandsprodukt beträgt rund 500 Millionen Dollar, mehr als in manch realem Kleinstaat.“ (Der Spiegel, 31.03.2018)

Ich gehöre dazu. Die Taverne auf dem obigen Screenshot habe ich auch gebaut.

And now for something completely different. Neues Deutschland: „Humanistischer Gegenentwurf zur rechten Intelligenzia. Mit der »Antwort 2018«-Erklärung gibt es nun Kontra für Lengsfeld und die Neue Rechte“.

Ich finde die Diskussion zum Würgen – sie besteht de facto aus dem Austausch von Textbausteinen, die man seit Jahren zu Genüge kennt. („Wissenschaftlich rechtsdrehend“ – habt ihr sie noch alle beim ND? „Erstunterzeichner*innen“ – das allein schreckt genauso ab wie jedes Wort von der Lengsfeld.)

And now for something completely different. Bini Adamczak, die hier schon lobend erwähnt wurde, sagt in der Schweizer WOZ: „Die Linke ist so fragmentiert, dass das Gemeinsame sehr schwer herzustellen ist“.

Leider schwurbelt Adamczak im schönsten Akademiker-Jargon daher, dass es nur so raucht. Wer unverständlich formuliert, soll sich nicht wundern, dass niemand sich dafür interessiert: „fordistische Beziehungsweisen“, „Individualisierung und Fragmentierung“ (das könnte Katja Kipping nicht besser), „vom Stalinismus desavouiert“, „das Phantasma von Homogenität, Einheit und Repräsentation“, „die Begrenztheit ihrer eigenen Perspektive reflektieren“. Neinneinnein.

Adamczak hat aber immer etwas Interessantes und Neues zu sagen, wenn man sich der Mühe unterzieht, sich durch den Text zu quälen. Das Interview ist lesenswert.

And now for something completely different. Die Bloggerin „Notaufnahmeschwester“ wettert auf Krautreporter gegen die „Lappen: „Ich arbeite seit 20 Jahren in der Notaufnahme. Aufregender Job? Sicher, aber anders, als ihr denkt. Denn nur etwa fünf Prozent der Patienten kommen mit einer lebensgefährlichen Krankheit oder Verletzung zu uns. Über die anderen schreibe ich in meinem Blog …“

Jetzt kommt mein „aber“. Warum stellt sie nicht die wichtigen Fragen? Zum Beispiel: Warum fährt die Feuerwehr Leute in eine Notaufnahme, obwohl diese augenscheinlich keine Notfälle sind? Warum fährt die Feuerwehr jeden Betrunkenen, der irgendwo herumliegt oder nur so tut, als sei er betrunken, in eine Notaufnahme? Warum werden „Kranke“, die mit „Rückenschmerzen“ oder einer kleinen Schnittverletzung (die sich mit einem Pflaster „heilen“ ließen) in eine Notaufnahme kommen, dort überhaupt angenommen, anstatt sie wieder nach Hause zu schicken? Ja, bitte? ich warte auf Antworten!?

And now for something completely different. Im Tagesspiegel lese ich über Trump und den Atomdeal mit dem Iran: „Trump nennt das Abkommen den ’schlechtesten Deal aller Zeiten‘. Im Wahlkampf hat er versprochen, ihn zu kündigen – es sei denn, der Iran stimmt Nachbesserungen zu. Trump fordert zusätzlich einen Stop der Entwicklung weitreichender Raketen; die Mullahs sollen die Unterstützung von Terrorgruppen wie Hisbollah und Hamas einstellen und ihre Revolutionsgarden nicht mehr im Irak und in Syrien einsetzen.“

Trump hält schon wieder ein Wahlversprechen? Eine Katastrophe für die deutschen Medien! „Briten, Franzosen und Deutsche haben den Deal eingefädelt und vorangetrieben.“ Ach? Die Europäer wollen also, dass Terrorgruppen finanziell unterstützt werden, womöglich mit meinen Steuergeldern? Das lässt ja tief blicken.

Ich muss jetzt leider arbeiten, sonst könnte ich mich noch weiter und mehr aufregen.

#AusFAZwirdTAZ [Update]

don alphonso

Roger Letsch: „Don Alphonso wird abgeschaltet“.

Wenn man sich bei Twitter nach #AusFAZwirdTAZ umsieht, überkommt einen das Grauen über das „intellektuelle“ Niveau der Diskussion über Medien in Deutschland. Meedia.de: „Die FAZ hat angekündigt, auf ihrer Website die Sektion mit Blogs umzubauen. Künftig sollen Blogs bei FAZ.net stärker als „Experimentierfeld“ genutzt werden und auch mehr Podcasts veröffentlicht werden. Im Zuge der Neuausrichtung werden einige alte Blogs eingestellt, darunter auch „Stützen der Gesellschaft“ und „Deus ex Machina“ des ebenso bekannten wie streitbaren Bloggers Don Alphonso. Dessen Fans laufen bei Twitter Sturm.“

Ich lese Don Alphonso gern, obwohl ich die Dinge meistens völlig anders sehe. Jemand schrieb auf Twitter: „Ich habe oft nicht mit @faz_donalphonso übereingestimmt, aber er war das Salz in der Suppe des Einheitsbreis.“ Don Alphonso hat Fans, worum ihn vermutlich seine schmallippigen Kritiker beneiden. Die Mehrheit deutschsprachiger Blogs tüte ich ohnehin in die Kategorie Deldenk ein, wenn es um den Kapitalismus geht. Don Alphonso gehört trotz seiner systemaffinen Attitude nicht dazu. Er sieht den Rauswurf auch gelassen.

Die Fans kann man sich auch nicht aussuchen. Dass auch die kackbraune AfD-Mischpoke Don Alphonso manchmal bejubelt, ist nicht seine Schuld.

Mir fällt immer Schopenhauer ein: „Daher nun ist die erste, ja schon für sich allein beinahe ausreichende Regel des guten Stils diese, dass man etwas zu sagen habe: O, damit kommt man weit!“ Der Don hat sowieso Stil, auch wenn dieser (klein)bourgeois ist. Und wenn lechts und rinks alle heulen und zähneklappern, hat man etwas richtig gemacht.

Liebe FAZ, mal im Ernst: Ihr redet von kreativen Ansätzen. Das ist nicht nur Neusprech, sondern schlechtes Deutsch und zudem Heuchelei. Kennt ihr Wolf Schneiders Verdikt in Deutsch für Profis über Kreativität?
Mode-, Bläh- und Zauberwort für das Talent, Ideen zu haben oder schöpferisch zu sein; in Umlauf gesetzt und heilig gehalten von den sog. „Kreativen“ in den Werbeagenturen. „Brezeln zu formen ist meine Art, meine Kreativität auszudrücken“, sagt heute jeder bessere Bäckergeselle. Oft ist Phantasie eine gute Übersetzung.

Das Ministerium für Wahrheit informiert: Sperrige und unbequeme Meinungen abzuschalten heißt jetzt: „kreativen Ansätzen größeren Raum geben.“

[Update] Don Alphonso sagt, wie es war und ist bei der FAZ.

Nicht oder doch ist hier die Frage

Frage an die sprachkundigen Leserinnen und an die des Deutschen mächtigen Leser: „Das liegt unter anderem daran, dass Bundestagsabgeordnete und ihre Mitarbeiter Smartphones und Tablet-Computer verwenden, die nicht zentral verwaltet und gegen potenzielle Angriffe abgeschirmt sind.“ (Sueddeutsche.de)

Bedeutet das: Die Smartphones und Tablets sind gegen potenzielle Angriffe abgeschirmt oder nicht gegen potenzielle Angriffe abgeschirmt?

Contemporary Art oder: Knack-o-mat hoch fünf

wahnsinn

Auf der Website der Berlinale: Mit dem Titel We don’t need another hero versteht sich die 10. Berlin Biennale als Dialog mit Künstler*innen und anderen Beitragenden. Die Beteiligten setzen sich mit den anhaltenden Ängsten und Sorgen in unserer heutigen Zeit auseinander – Ängste, die durch die Missachtung komplexer Subjektivitäten vervielfacht werden – und denken und handeln in ihrer Auseinandersetzung über den Kunstkontext hinaus.

Erstens. Die Autorin (Wetten, dass?) dieses Geschwurbels outet sich als Teil eines kleinbürgerlichen Milieus (aka neue Mittelschichten), das mit sprachpolizeiliche Normen den Kapitalismus optimieren will. Wer Sternchen in Wörter schmuggelt, auch „gendrifiziertes Schreiben“ genannt, läuft Gefahr, nicht gelesen und auch nicht ernst genommen zu werden.

Zweitens: „Die Beteiligten“ hätte ich gern genauer. Das missratene Substantiv (vom sehr schwachen Verb „sich beteiligen“) klingt ähnlich bürokratisch wie „durchführen“. Man könnte dann gleich „amtshandeln“ schreiben. Was tut wer? Sie (wer beteiligt ist, woran auch immer) setzen sich auseinander. Das Publikum denkt aber immer konkret und stellt sich Leute auf Stühlen vor, die mehr Abstand suchen und knarrend noch weiter auseinanderrücken. Ich hingegen denke an Will Smith (Min. 2:30).

Wenn ich fragte: „Was ist ein Haustier?“ antworten die meisten Leute: „Huhn, Schwein, Hund, Katze“ und nicht etwa „Tiere, die wegen ihres Nutzens oder des Vergnügens halber vom Menschen gezüchtet werden und durch Domestikation aus Wildtierarten hervorgegangen sind“ – was die korrekte Antwort wäre. „Mit Ängsten und Sorgen auseinandersetzen“ – das macht auch ein Angestellter der Bundesanstalt für Arbeit. In Texten, die irgendwas mit Kunst zu tun haben, sollte man knackiger formulieren, sonst ist das Kitsch oder noch Schlimmeres.

Drittens. „In unserer heutigen Zeit“. Wieso gehört die Zeit uns? In eurer gestrigen Zeit? Oder ist der Satz von Helmut Kohl? In unserer heutigen Zeit in diesem unseren Lande?

Viertens. Das hiesige Stammpublikum ahnt schon, was kommt. Alle Wörter, die mit Ung oder Ät(en) enden, sind verboten. Das befiehlt der Sprachpapst Burks und zitiert Wolf Schneider: Deutsch für Profis (der nicht so konsequent ist wie ich). Wer missachtet was? Da wissen wir nicht mehr weiter und wenden uns verzweifelt an die, die den elaborierten Code sprechen, um arrogant zu zeigen, dass sie mehr wissen als das gemeine Volk – die typische Attitude der sozialen Aufsteiger, die es geschafft haben, das Arbeiten mit der Faust einzutauschen gegen das Faulenzen mit der Stirn. Vielleicht irre ich mich, und man kann „komplexe Subjektivitäten“ essen wie Gehacktes aus Rind und Schwein? Dann ruderte ich zurück…

Fünftens: „Denken und handeln in ihrer Auseinandersetzung über den Kunstkontext hinaus“. Schießen über den schulischen Bereich hinaus. Schreiben über den schriftstellerischen und blogosphärischen Bereich hinaus. Kacken über den sanitären Bereich hinaus.

Schrieben meine Studenten so, würde ich mich weigern, den Mist zu lesen.

Ragequitten

Neues Wort (Jargon) gelernt: ragequitten. Das Wort nutzt eine interessante Eigenart des Deutschen, einfach zwei Wörter zu kombinieren, und das Resultat bedeutet dann etwas Neues. Im Jargon werden hier englische Wörter „deutsch“ verknüpft. Wenn also die des gehobenen Deutschen kundigen Leserinnen und die sprachgewandten Leser hier kommentierend herumzicken, werde ich dann ragequitten. Ischwör Wallah!

Queerbeet

Neue Zürcher Zeitung: „Grüsse von der Gender-Front – Wie macht man sich zum Feind der queeren Szene? Indem man sich gegen deren Betroffenheitskult stellt.“

Na gut. Ein paar interessante Argumente. (Es gibt übrigens auch Linksradikale wie mich, die Sprachesoterik kritisieren!) Wenn man jedoch so herumschwurbelt wie die Autorin Caroline A. Sosat und gegen alle Regeln der Verständlichkeit verstößt, ist das tpyische akademische Arroganz. Es kann mir doch niemand behaupten, man könne keinen Satz bilden ohne Nomen, die auf -ung enden?

Nun problematisieren feministische und LGBT-Aktivistinnen und -Aktivisten gemeinsam queere Politik, die subjektive Erfahrungen von Diskriminierung ins Zentrum stellt und die momentan als Stichwortgeberin für alle zeitgenössischen pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Diskurse dient. Sie kritisieren die in dieser Denkform angelegte Idealisierung von Benachteiligung als kulturelle und schützenswerte Eigenart.

Bitte übersetzen Sie das ins Deutsche! Einmal ein Verb mit -ieren (verboten), drei mal -ung (verboten), mehrere Wörter mit mehr als fünf, eines sogar mit acht Silben. Meine armen Studenten, die sich damit werden plagen müssen!

Surroundings News

meedia

Screenshot: meedia.de. Man kann eine Website auch so unprofessionell zusammenstückeln, dass nicht jedes Ausgabegerät sie korrekt anzeigt. Das nennt man „nicht barrierefrei“. Der Webdesignerpappnasenfaktor ist hier hoch.

Vorsicht! Ein schwarzer Schimmel sprengt auf uns ein! Werbefuzzys können kein verständliches Deutsch! Wie meinen? Wie, wenn nicht die? Der Kunde soll nicht verstehen, was die hinausposaunen?

These dazu: Die Werbebranche befleißigt sich eines denglischen Jargons, a) um sich arrogant vom gemeinen Volk abzugrenzen, b) um sich in der peer group wohlzufühlen – Gruppendynamik usw., c) weil die Leute, die meinen, so herumschwurbeln zu müssen, dumm und faul sind. Verständlich zu schreiben ist anstrengend und ein Handwerk, das man lernen muss. Die Kunst, sich mit einem Text in den Köpfen der Leser einzunisten, fällt nicht vom Baum: Man muss es üben, üben, üben, und man muss Regeln beachten.

1. Regel: Leser erwarten das handelnde Subjekt weit vorn im Satz. Ross und Reiter sollen sich also nicht im Gebüsch oder am Satzende verstecken. Leider lädt die komplizierte und archaische Grammatik des Deutschen dazu ein:
Wenn Nicolas Fromm, Geschäftsleiter Digital der Zeitungshäuser NOZ Medien und mh:n Medien, über Hamburg als Digitalstandort für Medienhäuser spricht, findet er klare Vorzüge: blabla

Nach 19 (!) Wörtern tut Herr Fromm etwas – er spricht. Wer hätte das gedacht? Warum hüllte er sich vorher in Schweigen – um seinen zahllosen Titeln zuzusehen, die Branding, ick hör dir trapsen endlos lange vorbeihoppeln? (Was ist ein „Geschäftsführer digital“ – gibt es ihn nur in Pixelform?) Dann – wir bersten vor Spannung – findet er im nächsten Wort Vorzüge. Stimmt aber gar nicht, weil er sie – wetten, dass? – gar nicht gesucht hat. Der Autor Gregory Lipinski hat nur das erstbeste schwache Verb gegriffen, das nicht schnell genug auf dem Baum war.

Entweder: Fromm zieht Hamburg gegenüber anderen Städten vor. Danach wollen wir wissen, warum.
„Hamburg verfügt über eine große Startup-Szene. Die Elbmetrolople ist für uns ideal, geeignete Digitalexperten zu finden“, sagt der Geschäftsmann.

Wie albern ist das denn? Er sagt es. Aber das wissen wir doch schon, weil der Autor ihn zitierte! Wer sucht, der findet, und dann sagt er es. Wenn schon der bescheuerte Verlegenheitstitel „Geschäftsmann“, dann sollte der ganz vorn stehen; das enthebt uns der lästigen Pflicht, die im ersten Satz unterzubringen und die Leser damit auf die Folter zu spannen.

Also: Der Geschäftsmann Nicolas Fromm zieht Hamburg gegenüber anderen Städten vor: Dort gebe es eine große Startup-Szene, und man finde leicht geeignete Digitalexperten (was auch immer das sei). Fromm ist… (blabla). Die Leser zucken natürlich beim Konditional, den die indirekte Rede erfordert, zusammen. Daher ist ein Zitat besser.
Der Geschäftsmann Nicolas Fromm zieht Hamburg gegenüber anderen Städten vor: Hamburg hat („verfügt“ ist Geschwurbel) eine große Startup-Szene. Die Elbmetropole ist für uns ideal, geeignete Digitalexperten zu finden.“ Ich mäkele noch an „Elbmetropole“ herum – eine völlig abgedroschene Metapher: Berlin: Spreemetropole. Kairo: Nilmetropole. Moskau: Moskwa-Metropole. Holzwickede: Emscher-Metropole (SCNR).

Die Äußerung kommt nicht von ungefähr.
Tut mir leid, Wörter mit ung sind fast ausnahmslos verboten. Außerdem tut die Äußerung nichts; sie kommt nicht, auch nicht aus dem Ungefähren.

Dass die NOZ-Gechäftsführung mit Axel Gleie und Joachim Lieber gerade die Hansestadt ausgewählt hat, ist auch geographisch bedingt.
Ich zeige mit verquollenen Augen auf Regel Eins: Wer tut was? Ach so: niemand? Dass müssen wir jetzt investigativ recherchieren. Wir haben eine Geschäftsführungungungung und zwei Mal einen Menschen. Die Menschen, die einen Titel haben (vermutlich: Geschäfsführer), suchten etwas aus. Warum versteckt der Autor das in einem Nebensatz? Falsch.

Regel 2: Das zentrale Verb gehört in einen Hauptsatz. Unwichtiges gehört in Nebensätze.

„Wir hoffen, dass die Mitarbeiter Anfang nächsten Jahres das Büro beziehen und wir schon im ersten Quartal operativ tätig sind“, betont Fromm.
Hoffen. Beziehen. Tätig sein. Das vergleichen wir jetzt mit Friedrich Schiller: Glühn, krachen, stürzen, klirren, jammern, irren, wimmern rennet, rettet, flüchtet. Starke, alte, kurze Verben treiben einen Satz voran wie mit einer Peitsche. Das fesselt die Leser. Oder Heinrich von Kleist, wahrlich ein dynamisches Meisterstück: Reihte man nur die Verben aneinander, verstünde man, was geschehen ist.

Das reicht jetzt. Ach ja, der Titel: Was sind „ambient news“? Ein Synonym für „ambient“ ist „surrounding“. Das verstehe ich aber immer noch nicht.

Wenn unbequeme Bücher verschwinden

Eine Zensur findet nicht statt. Ich muss einen Autor verlinken, dessen politische Meinung ich nicht kenne, nicht kennen will und vermutlich auch nicht teile (wenn ich über sein Buch lese: alles Bullshit!). Auch seine Sprache ist grauenhaft. Trotzdem muss ich es tun. Die medienkompetenten Leserinnen und wissenden Leser können mich notfalls erleuchten.

Wer die Meinungsfreiheit erst dann verteidigt, wenn die eigene Meinung unter Feuer kommt, der wird sie wahrscheinlich verlieren. Die Manipulation der Bestsellerliste, wie vom Spiegel im Sommer diesen Jahres vorgeführt, oder die Manipulation eines Regals in einer Buchhandlung, das die Bestsellerliste abbilden soll, sind Schritte auf dem Weg zur Zensur und teilen mit dieser die illiberale Geisteshaltung. Wenn Linke diese Schritte erst dann kritisieren, wenn linke Bücher solchen „Säuberungen“ zum Opfer fallen, begeben sie sich meiner Ansicht nach auf einen gefährlichen Weg. Darauf wollte ich mit meinem Artikel hinweisen. Weder bin ich ein Anhänger der AfD, noch ein Freund des Buches von Thorsten Schulte oder ihm selbst. Offenbar sind die Polarisierung der Meinungen und der Feindbildaufbau inzwischen allerdings soweit fortgeschritten, dass solche Differenzierungen nicht mehr möglich sind. Das bedaure ich – und ich bedaure es besonders für die NachDenkSeiten. Wo intellektuelle Redlichkeit unter dem „Sturm“ von zehn oder zwanzig kritischen Leserkommentaren die Segel streicht, werden zukünftige Debatten schwer werden.

Autorisierte objektive Fake-News, Jenny Stern!

leere

Foto: Die Einsamkeit des Dozenten, wenn er zehn Minuten zu früh zur Vorlesung kommt…

Geschätzte Kollegin Jenny Stern vom „Bayerischen Rundfunk“! Natürlich ist ein alter Mann froh, wenn die Ratschläge und Tipps journalistischer Art, die man meinte, im Allgemeinen und Besonderen jederzeit und allüberall geben zu müssen, auch von den Nachgeborenen positiv angenommen werden. Der „Tagesschau“-Klon „Faktenfinder“ offeriert uns einen gar löblichen Artikel mit dem Titel „Wann darf ein Journalist seine Meinung sagen?“ (Man jauchzt und frohlocket so ganz nebenbei, da es sogar bei einer so genannten „öffentlich-rechtlichen“ Anstalt ganz unerwartet möglich scheint, ohne gendrifiziertes Schreiben auszukommen.) Außerdem lernen bzw. wiederholen wir alle gemeinsam, was an „journalistischen Darstellungsformen“ so herumfleucht, als da wären die objektive und meinungsfreie Nachricht, die schon Pontius Pilatus schätzte, dazu „meinungsäußerende Darstellungsformen“ wie der Kommentar oder die Glosse sowie Bastarde wie das Feature. Volui dicere: Genau das bringe ich meinen Studenten auch bei.

Ich hätte gern auf das Angebot der „Tagesschau“ verwiesen, wenn ich nicht etwas zu mäkeln hätte, so sehr, dass ich – mit Verlaub, geschätzte junge Kollegin! – das Geschwurbel beinahe als Beispiel dafür präsentiert hätte, wie man es gerade nicht machen soll. Deutsch des Grauens vom Feinsten! Es wimmelt vor Nomen (ung, ung, ung, ung – als hätte Katja Kipping den Text verfasst) und Funktionsverben, die Journalisten, falls sie dem Volke dienen wollen (sorry, altes KSV-Sprech), tunlichst vermeiden.

Ich bin versucht, den pathetisch dahinholpernden Satz „die strikte Trennung in informierende und meinungsäußernde Darstellungsformen ist oberstes Gebot im Journalismus“ zu erweitern: Verständlich zu schreiben ist oberstes Gebot im Journalismus, noch vor der Regel, man solle Information und Kommentar strikt trennen. Wenn man nicht verstanden wird, nützt der Rest rein gar nichts.

Mal im Ernst, liebe Kollegin, wir glauben doch nicht, was wir da behaupten? Objektiv? Was soll denn das sein, mal abgesehen von mathematischen Formeln? Uwe Krüger zum Beispiel behauptet in seinem Buch Meinungsmacht – Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten, dass die Mehrheit der Journaille die Sicht der herrschenden Klasse übernehme. Ich gebe zu, dass bei der „Tagesschau“ und beim Bayerischen Rundfunk sowieso der hässliche Begriff „herrschende Klasse“ vermutlich verpönt, wenn nicht gar verboten ist im Sinne der freiwilligen Selbstzensur, dennoch ist er wahr und gut und trifft die Realität wie ein Dartpfeil die Scheibe.

Daher nannte man in grauer Vorzeit so etwas wie die „Tagesschau“ und andere Meinstream-Medien „bürgerliche Presse“. Ein schönes Wort, entlarvt es doch die statistisch, gar wissenschaftlich fundierte These, dass Journalisten fast nie aus der Arbeiterklasse stammen, sondern das Proletariat verachten, eben wie es die Linke auch tut (vgl. Christian Baron: „Proleten, Pöbel, Parasiten: Warum die Linken die Arbeiter verachten). Nicht nur das: Sie machen ihnen sprachpolizeiliche Benimmvorschriften, schelten die Arbeiter, weil sie nicht politisch korrekt wählten und wollen mit ihnen nichts zu tun haben.

Nichts ist objektiv, und Journalisten zu allerletzt. Sie tun nur so.

Nehmen wir „schlussendlich“ (ein beliebtes Wort im Furz- und Blähdeutschen), Jenny Stern, den Abschnitt über das Interview. „Das Gesagte wird dabei genau wiedergegeben und vor der Veröffentlichung häufig vom Interviewpartner ‚autorisiert‘: Das ist, wieder mit Verlaub, gequirlte Kuhkacke und gelogen dazu. Der Guardian macht sich deshalb über deutsche Journalisten lustig und schickt noch Häme hinterher: Diese spielten das Spiel der Politiker mit. Mit Journalismus hat es also nichts zu tun, wenn man Interview „autorisieren“ lässt, eher mit Dummheit und Autoritätshörigkeit. Das ist bei der „Tagesschau“ und anderen Faktenfindern nicht bekannt? Und so etwas soll ich meinen Studentinnen (ich hatte in diesem Semester nur Frauen) empfehlen? Ein höheres Wesen bewahre mich davor.

Unter uns Sprachprofis

ja wie denn nunNeulich bekam ich Ja wie denn nun? Der Sprachratgeber für Textprofis geschenkt. Unter uns Sprachprofis: Ein Profi, der Deutsch beherrscht wie Jimi Hendrix die Gitarre, braucht selbstredend keine Bücher mehr. Er weiß schon alles oder schreibt selbst. Aber man lässt sich ja [überflüssiges Füllwort] gern unterhalten.

Froh gestimmt begann ich zu blättern. Da sprang, ja stieß mir ein Name in die Augen. Prof. Dr. Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, hat die Einleitung verfasst. Mein großer Vorsitzender versucht sich am Deutschen?! Da müssen wir näher hinschauen.

Zum Handwerk des professionellen Textens gehört vor allem die Beherrschung einer korrekten Sprache.

Hört! Hört! Zum Dichten und Denken gehört auch, dass man Geschwurbel vermeidet. Ich habe meinen Studenten klare Regeln für ihre Hausarbeiten vorgegeben. Ich sage es gern klar und angenehm, was erstens, zweitens, drittens käm. Ich will kein Wort sehen, dass mit -ung endet. Punktum. Es geht immer besser, verständlicher, interessanter und eleganter als im bürokratischen Nominalstil à la Katja Kipping.

Merke: Alle Wörter mit UNG, KEIT, ION und ISMUS sind des Gefasels verdächtig und sind nicht (in Worten: überhaupt nicht) erlaubt. Das gilt auch für Verben mit IEREN.

Geschätzter Kollege Professor und Doktor Überall, wir texten also zukünftig wie folgt: Wer professionell schreibt, muss vor allem die Sprache beherrschen.

Das klingt aber leider, als hätten wir einen Schimmel ziemlich hell angestrichen. Gemeint ist: Wer sich kühn daran macht, verständlich und gut schreiben zu wollen, muss zuvörderst die Sprache beherrschen, obzwar letzteres Verb genderpolitisch des Unkorrekten verdächtig ist. Dialektisch-logisch ist also das Beherrschen eine Teilmenge des professionellen Textens. Der Advocatus Diaboli zweifelte natürlich an, dass noch mehr dazu gehöre, sondern würfe ein: Wer perfekt die Sprache beherrscht, kann eh schon genauso gut schreiben. Er müsste also rein gar nichts tun. Wir wollen außerdem nicht die unkorrekte Sprache beherrschen, was mindestens Professor Überall verhüte, sondern die korrekte. Wie meinen? Der Schimmel ist jetzt nicht nur hell, sondern strahlt in Weiß?

Zum Handwerk des Schreibens gehört – wer hätte das gedacht? -, die Sprache zu beherrschen. Texten schreiben wir nicht, weil das ein nur schwaches Verb ist. Wir lieben es hingegen stark, das klingt immer besser.

Es ist stets ein Genuss, gut geschriebene Ausführungen zu lesen oder ihnen bei einem guten Vortrag zuzuhören.

Ausführungen? Ist das eine Art Gassi gehen mit Wörtern? Ich führe den Sprachdackel aus und durchführe ihn, womöglich durch eine dunkle Gasse? Verboten, Professor Überall, erstens wegen des UNGs, zweitens wegen des Geschwurbels, und drittens weil ein Nomen schlechter als ein Verb klingt. Das wissen wir schon seit Heinrich von Kleist, der 1810 besseres Deutsch schrieb als alle Funktionäre des DJV zusammen. Ich wette, dass in dessen gesammelten Werken kein einziges Mal von „Ausführungen“ die Rede ist.

Gerade für Journalistinnen und Journalisten sowie für seriöse Bloggerinnen und Blogger ist es wichtiger denn je (bla bla)

Was wäre, wenn unseriöse Blogger sich auf das berühmte Urteil des Bundesverfassungsgerichts beriefen und behaupteten, sie seien auch Journalisten, da die Definition von „Presse“ seitens des höchsten deutschen Gerichts auch auf sie zuträfe? Oder, wieder die Attitude des Advocatus Diaboli imitierend -: Gerade für die, die nichts zu sagen haben, ist es wichtig, interessant zu schreiben, um den Mangel an Inhalt zu verdecken. Ach so? Das ist auch nicht gemeint?

Ich bin auch gegen gendrifiziertes [das Wort habe ich soeben erfunden] Schreiben, weil das die Sätze schwerfällig dahinstolpern lässt und außerdem den Autor unverzüglich in ein bestimmtes sprachesoterisches Milieu stößt. Journalisten sollten aber diskret sein und das, was sie denken, verbergen. Just saying. Vielen Dank übrigens an meine Studentinnen (mit kleinem i), die sich dem Gendersprech allesamt verweigern, ohne dass ich hätte a priori intervenieren müssen.

Sprache gehört zu unserer Kultur, und korrekte Sprachanwendung trägt dazu bei, dass öffentliche Kommunikation gelingen kann.

Sprachanwendung. Wieso muss ich jetzt an Hautcreme denken? Und wieso höre ich das Echo vor der Eiger Nordwand jodeln: UNG UNG UNG?

Aus Beziehungsdiskussionen (nicht zufällig lugen hier ein UNG und ein ION hervor und machen das Wort an sich so hässlich wie das, was gemeint ist) wissen wir, dass auch die private Kommunikation misslingen kann. Reden ist schwer, und Schreiben auch. Was aber verstehen wir unter „gelingen“ und gar dem öffentlichen Gelingen? Dass der Empfänger der Botschaft sie so versteht, wie der Absender sie abgeschickt hat?

Nur wenn richtige und präzise Wörter gewählt werden, tragen sie zum gesellschaftlichen Diskurs wirkungsvoll bei.

Zu Risiken und Nebenwirkungen sinnfreien Geschwafels im herrschaftsfreien Klassenkampf studieren Sie die Worte des Vorsitzenden Professor Doktor Frank Überall.

Ganz kleine Verwüstungen

verwüstungen

Liebe Kollegen von Spiegel online, ich bedaure, dass ich schon wieder etwas anzumerken habe. Wolf Schneider schrieb in Deutsch für Profis schon 1984 sinngemäß: „In Wüste verwandeln“ sei ein Superlativ, den keine Fantasie übersteuern könne. „Schwere Verwüstungen“ seien so sinnvoll wie „starke“ Orkane oder „ziemliche“ Katastrophen.

Was würde Wolf Schneider gar zu Eurem Supersuperlativ „schwerste Verwüstungen“ sagen? Vermutlich verschlüge es ihm die Sprache. Darauf muss man ja erst einmal kommen.

„Für Verwüstungen sorgen“ oder dieselben „anrichten“ seien außerdem Streckverben. „Verwüsten“, in welcher Zeit auch immer, beschriebe das, was geschah, ausreichend. Ich füge hinzu: Man richtet einen Schaden oder ein Dinner an, der Hurrikan richtet gar nichts an. Er verwüstet halt.

„Verwüstung“ gestattet übrigens keinen Plural, genau so wenig wie Versandung, Vermehrung oder Verehrung. Oder sollte der Hurrikan jetzt in Florida mehrere Verwüstungen angerichtet haben?

„Das Spreizwort ’schwere Verwüstungen anrichten‘ ist ein in Großauflage gedrucktes Etikett für einen gehobenen Versicherungsfall, das in den Köpfen etlicher Journalisten zweieinhalb leichte Verwüstungen angerichtet hat.“

Das Ende ist nahe!

FAZ – Natur und Wissenschaft: „An diesem Montag werden viele Amerikaner Zeugen eines Spektakels: totale Sonnenfinsternis. Die Himmelserscheinung ist Anlass für Spekulationen: Deutet sie auf Donald Trumps Aufstieg oder Ende hin?“ #vollpfostenjournalismus

Burks.leicht

wortsalat

„Auf der Internet-Seite von der taz gibt es jetzt Texte in Leichter Sprache zur Bundestags-Wahl. Das Angebot heißt taz.leicht.“

Journalisten, die kein verständliches Deutsch schreiben können, haben ihren Beruf verfehlt. Einer „leichten Sprache“ bedarf es nicht.

„Auf der Website der Taz“ klingt übrigens besser. Der Dativ ist dem usw.. Und was soll ein Punkt inmitten eines Wortes? Ist das leichtes Werbesprech?

Duckmäuseriche

duckmäuse

Es heißt Duckmäuser, Heise. männlich, nicht gegendert.

It’s the economy. revisited

Bernd Stegemann im „Neuen Deutschland“:
Der blinde Fleck der Identitätspolitik ist ihr fehlendes Klassenbewusstsein. In der Ökonomie geht es nie um Moral, immer um Interessen. Wer aber keine Klassen kennt, muss auf moralische Kategorien zurückgreifen. (…)

Als Trump ankündigte, die Arbeitsvisa für die USA restriktiver zu bewilligen, ging ein Aufschrei von den Internetkonzernen in Kalifornien aus. Die Wahrheit ist doch, dass die Arbeitsvisa vor allem dazu gebraucht werden, um hochqualifizierte, aber billige Programmierer ins Land zu holen, die die US-Amerikaner arbeitslos machen und deren Dumpinglöhne die Gewinne der Aktionäre steigen lassen. Hinter der moralischen Panik vor Rassismus verstecken sich also die Interessen des Kapitals, das einen Lohnkampf führt, indem es den Arbeitsmarkt globalisiert. Linke machen sich dabei selbst zu Kollaborateuren. Durch die einseitige Fokussierung auf die Fragen von Race und Gender ist der Diskurs erblindet für die Ausgrenzungen, die aus den Eigentumsverhältnissen resultieren.

Wohl wahr. Das ist fast wörtlich Eribon. Ich habe da aber noch ein paar Fragen. Warum sagt das ein Dramaturg – und nicht ein Politiker der „Linken“? Warum übersetzt eine Zeitung wie das ND das Geschwurbel – so richtig und wahr es sein mag – nicht ins Deutsche? Will man, dass das arbeitende Volk den Text nicht liest?

Identitätspolitik – was war das noch mal gleich? Focussierung? Geht es vielleicht auch ohne Ungs? Nein? Der Diskurs erblindet? Nein, tut er gar nicht. Und wer grenzt wen wohin aus? Aus den Eigentumsverhältnissen resultieren? Geht’s noch?

„Wenn wir etwas mit Mühe lesen, ist der Autor gescheitert.“ (Jorge Luis Borges)

Older entries