Code, Simulation und Hyperrealität

baudrillard Nach 50 Seiten gab ich auf und holte mir Hilfe von der KI.

„Der symbolische Tausch und der Tod“ (französisch: L’échange symbolique et la mort, 1976) gilt als eines der wichtigsten und zugleich schwierigsten Werke des französischen Soziologen und Philosophen Jean Baudrillard. Das Buch markiert den Übergang Baudrillards von einer marxistisch beeinflussten Gesellschaftskritik zu seiner späteren Theorie der Simulation und der Hyperrealität.

Die Grundidee

Baudrillard behauptet, dass moderne Gesellschaften nicht mehr hauptsächlich durch Produktion und Klassenkampf bestimmt werden, sondern durch Zeichen, Symbole und Codes. Früher wurden Dinge hergestellt, getauscht und verbraucht. Heute werden vor allem Bedeutungen produziert:

Marken statt Produkte
Images statt Wirklichkeit
Medienereignisse statt Erfahrungen
Statistiken statt Menschen

Der Mensch lebt nach Baudrillard zunehmend in einer Welt von Zeichen, die sich von der Realität gelöst haben.

Baudrillard

Was ist „symbolischer Tausch“?

Der Begriff stammt teilweise aus den Arbeiten des Ethnologen Marcel Mauss.

In traditionellen Gesellschaften waren Gaben, Opfer, Rituale und Gegengaben wichtig.

Beispiele:
Ein Geschenk verpflichtet zur Gegengabe.
Eine Beleidigung verlangt Antwort.
Ein Opfer an die Götter verlangt Gegenleistung.
Ein Ehrverlust muss ausgeglichen werden.

Dieser Austausch folgt keiner Marktlogik. Er ist:
persönlich
wechselseitig
symbolisch
sozial bindend,

Baudrillard nennt dies den symbolischen Tausch.

Baudrillard

Was macht die Moderne?

Die moderne kapitalistische Gesellschaft zerstört nach Baudrillard diesen symbolischen Austausch. Alles wird in messbare Werte übersetzt:
Geld
Preise
Statistiken
Leistungskennzahlen
Wahrscheinlichkeiten

Statt einer Gegengabe erhält man einen Preis. Statt Ehre erhält man Status. Statt Ritualen gibt es Bürokratie.

Dadurch gehe etwas Grundlegendes verloren.

Baudrillard

Warum spielt der Tod eine zentrale Rolle?

Für Baudrillard ist der Tod das größte Problem der modernen Gesellschaft.

Traditionelle Kulturen integrierten den Tod:
Ahnenkulte
Totenrituale
Opferhandlungen
religiöse Vorstellungen.

Der Tod gehörte zum sozialen Leben. Die Moderne versucht dagegen, den Tod auszuschließen:
Krankenhäuser verbergen Sterbende
Friedhöfe liegen außerhalb der Städte
Jugend wird verherrlicht
Alter wird verdrängt

Der Tod werde zum Tabu.

Baudrillard meint: Was ausgeschlossen werde, kehre in anderer Form zurück. Deshalb erscheinen Tod und Katastrophe ständig in Medien, Filmen und Nachrichten.

Baudrillard

Die Kritik an Marx

Baudrillard war ursprünglich stark von Karl Marx beeinflusst. In diesem Buch kritisiert er Marx jedoch. Marx sah die Hauptfrage in:
Arbeit
Produktion
Eigentum
Klassenverhältnissen

Baudrillard meint dagegen: Die moderne Gesellschaft werde zunehmend durch Zeichen und Information organisiert. Nicht die Fabrik sei das Zentrum der Macht, sondern:
Medien
Werbung
Verwaltung
Datensysteme

Deshalb reiche klassische Marx-Kritik nicht mehr aus.

Baudrillard

Der Code

Eine der wichtigsten Ideen des Buches ist der Code. Der Code bestimmt:
was normal ist,
was schön ist,
was erfolgreich ist,
was gesund ist,
was wahr ist.

Menschen glauben oft, frei zu handeln.

Baudrillard sagt jedoch: Der Code legt bereits fest, welche Möglichkeiten überhaupt denkbar sind.

Heute würde man dabei an Dinge denken wie:
Algorithmen
Social-Media-Rankings
Suchmaschinen
Kredit-Scores
KI-Systeme

Baudrillard schrieb dies allerdings Jahrzehnte vor dem Internet.

Baudrillard

Simulation

Hier entwickelt Baudrillard erstmals Gedanken, die später berühmt wurden. Er behauptet: Die moderne Gesellschaft produziert Abbilder ohne Original.

Beispiele:
Werbung verkauft Lebensgefühle statt Produkte.
Politiker inszenieren Bilder statt Politik.
Fernsehen erzeugt Ereignisse, die nur für das Fernsehen stattfinden.

Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Darstellung verschwimmt. Daraus entsteht später sein berühmter Begriff der Hyperrealität.

Warum war das Buch wichtig?

Baudrillard erkannte bereits in den 1970er Jahren Entwicklungen, die heute alltäglich erscheinen:
Mediengesellschaft
Influencer-Kultur
virtuelle Identitäten
permanente Selbstdarstellung
digitale Überwachung
Datenökonomie

Viele Leser sehen darin eine erstaunlich frühe Beschreibung des Internetzeitalters.

Baudrillard

Kritik an Baudrillard

Kritiker werfen ihm vor:
Er schreibe oft absichtlich schwer verständlich. [Das kann ich bestätigen.]
Seine Aussagen seien kaum überprüfbar.
Er übertreibe den Einfluss von Medien.
Er unterschätze weiterhin die Bedeutung von Wirtschaft und Klassen.

Marxisten kritisieren insbesondere, dass er die Produktionsverhältnisse zugunsten von Zeichen und Symbolen vernachlässige.

Kurzfassung in einem Satz

Baudrillards zentrale These lautet:
Die moderne Gesellschaft hat den traditionellen symbolischen Austausch verdrängt und durch ein System von Zeichen, Codes und Simulationen ersetzt; dabei wird insbesondere der Tod aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, kehrt jedoch in medialen und kulturellen Formen ständig wieder zurück.

Zu unscharfe sozialistische Gesellschaft

Burks

Seit März 1974 wohne ich in Berlin – das Foto ist vermutlich aus diesem Jahr.

„Die Auflösung und die Perspektive reichen leider nicht aus, um alle Titel sicher zu lesen, aber einige Fragmente sind erkennbar:
Auf dem weißen Buch im Hintergrund steht ziemlich deutlich „ATLAS ZUR …“. Das könnte ein geographischer oder historischer Atlas sein.
Das rote Buch davor scheint mit „Sozialistische …“ oder „Sozialistische Gesellschaft …“ zu beginnen, aber der Rest ist unscharf.
Die übrigen Bücher und Hefte sind zu klein bzw. zu unscharf, um die Titel zuverlässig zu entziffern.“

Den zweibändigen Atlas zur Geschichte – hrsg.: Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, VEB Hermann Haack, Geografisch-Kartographische Anstalt Gotha/Leipzig 1973 – besitze ich heute noch. Der Atlas war wesentlich besser als der damals im Westen erhältliche einbändige Putzger. Den habe ich auch, eine Jubiläumsausgabe von 1969 oder 1970 zum 125-jährigen Verlagsjubiläum.

Unter Exorzisten

exorzisten

Die bürgerliche Hauptstadtpresse berichtet: Gleich 32 Autoren, die ihre Bücher bislang im Westend Verlag veröffentlicht haben, verkünden in einem offenen Brief an die Geschäftsführung des in Frankfurt ansässigen Verlags, dass sie diesen verlassen werden. „Wir distanzieren uns hiermit von der Neuausrichtung Ihres Verlagsprogramms.“ (…)

Mit der „Neuausrichtung“ ist gemeint, dass der Verlag, der sich bislang „ausdrücklich als Plattform für kritische, linke Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen“ verstanden hat, wie es bis vor kurzem auf der Verlagsseite stand, nun auch Bücher von Autoren wie Wolfgang Kubicki und Ulf Poschardt verlege, mithin sich rechten Positionen öffne.

Die haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Die gefühlt „linken“ Damen und Herrn Autoren sind noch nicht einmal mehr in der Lage, jemanden in ihrer virtuellen Nähe zu dulden, der nicht ihrer stromlinienförmigen Meinung entspricht, ohne ein exorzistisches Reinigungsritual zu zelebrieren.

Unter Putschisten, revisited

der putsch kellerhoff

Ich lese immer noch von Sven Felix Kellerhoff: „Der Putsch: Hitlers erster Griff nach der Macht“ – Reminder: „Es ist die bis dahin größte Bedrohung für die Weimarer Republik: Mit roher Gewalt wagt Hitler von München aus den Umsturz – und scheitert. Die Demokratie hält stand. Sven Felix Kellerhoff richtet den Fokus auf bislang übersehene Zeugnisse und schildert die tatsächlichen Hintergründe des 8. und 9. November 1923.“

Ich bin erstaunt, wie wenig ich wusste. Am 18.12.2018 habe ich das Publikum mit ultraorthodoxsektiererschen Literaturhinweisen aus den 70-er Jahren belästigt über maoistische Klassenkämpfe in der Weimarer Republik. Das haben wir damals gelesen. Und noch Schlimmeres, was heute unter identischem Titel immer noch existiert – und das gleich mehrfach.

Das, was die DDR zum Thema zu bieten hatte, war nicht viel besser. Man kann stundenlang Lenin-Zitate daherbeten, dadurch wird der Quatsch nicht besser. „Die Massen sahen, dass der Sozialismus möglich ist.“ Nein, sahen sie nicht. „Im Herbst 1923 herrschte in Deutschland eine revolutionäre Situation.“ Nein, falsch.

Ich zitiere das nur, um zu beweisen, dass die ultraorthodoxe so genannte „Linke“ in Gestalt der Politsekten rein gar nichts aus der Geschichte gelernt hat, und das offenbar auch gar nicht will. Es kommen immer noch alberne Theorien, dass die anderen schuld waren, dass die Revolution nicht stattfand: die SPD, die KPD-Führung selbst oder die Arbeiter oder irgendetwas anderes. Vielleicht war es auch das Klima.

Richard Löwenthal hat die richtigen Punkte zur Sprache gebracht, was die SED nie erlaubt hätte: „Dagegen hatten Lenin und die Bolschewiki unter den ganz anderen Bedingungen ihres illegalen Kampfes gegen den Zarismus die These entwickelt, daß nur die straffste zentralistische Organisation, der Parteiaufbau von oben nach unten, die Bestellung der Funktionäre nicht durch Wahl, sondern durch Auswahl, die Auswahl auch der Mitglieder durch die Parteiführung – daß nur diese Form der Organisation geeignet sei, den revolutionären Erfolg zu verbürgen; und auf Grund dieser extrem anti-demokratischen, zentralistischen Organisationsform standen die demokratisch-revolutionären Minderheiten der mittel-und westeuropäischen Arbeiterbewegung den Bolschewiki mit einem gewissen Mißtrauen gegenüber. Das galt insbesondere wiederum für Rosa Luxemburg…“

Und: „Die ursprünglichen deutschen Kommunisten, die sich aus der „linksradikalen“ Richtung der Sozialdemokratie vor 1914 über die „Gruppe Internationale“ der ersten Kriegsjahre zum Spartakusbund unter Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht entwickelten, unterschieden sich in wesentlichen Punkten ihrer Auffassung und Praxis von den russischen Bolschewiki. Ganz wie die revolutionären Minderheiten in der Arbeiterbewegung anderer europäischer Länder vor dem ersten Weltkrieg hatten sie eigene Wurzeln und waren keineswegs als Anhängsel der Bolschewiki entstanden“.

Zwei Thesen dazu. Erstens: Mit Ernst Thälmann war die kommunistische Arbeiterbewegung zum Scheitern verurteilt. Zweitens: die verhängnisvolle Abhängigkeit, in die sich die KPD zur KPdSU begab, musste in einer Katastophe enden. Letzteres wird im Buch von Kellerhoff dokumentiert, obwohl das eher ein Nebenthema ist.

Stalin und seine Groupies waren überzeugt und der Meinung, dass ein bewaffneter Aufstand 1923 (!) in Deutschland zu erfolgen habe. Andere wurden nicht gefragt, und die deutsche Arbeiterklasse sowieso nicht.

Für denselben Abend um 22 Uhr hatten Trotzki und Sinowjew die in Moskau anwesenden KPD-Spitzenfunktionäre einbestellt, darunter neben Brandler auch Ruth Fischer und Ernst Thälmann. Tatsächlich begann die Besprechung erst um 23.15 Uhr und schleppte sich zunächst mit Geschäftsordnungsfragen hin, einschließlich einer 20-minütigen Unterbrechung, um auf noch abwesende KPD-Vertreter zu warten, vor allem auf Fischers Lebensgefährten Arkadij Maslow, dessen Anwesenheit sie verlangte. Dann aber, vermutlich gegen Mitternacht, verkündete Sinowjew [den Stalin später hinrichten ließ] den deutschen Kommunisten, was das Politbüro Stunden zuvor beschlossen hatte: »Wir alle sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass die revolutionäre Krise in Deutschland herangereift ist und dass jetzt die Frage des bewaffneten Aufstandes und entscheidenden Kampfes eine Tagesfrage geworden ist fast im buchstäblichen Sinne des Wortes.« Das Politbüro sei der Meinung, es genüge, »wenn alle objektiven Vorbedingungen herangereift sind«, eine Frist »zur Vorbereitung aller notwendigen Vorarbeiten« zu setzen. Dann teilte der als Chef der Komintern faktische Vorgesetzte den KPD-Funktionären mit: »Als eine solche provisorische Frist vorgesehen ist der 9. November.«

Das Protokoll verzeichnete weder Erstaunen noch Fragen und erst recht keinen Protest; lediglich Ruth Fischer merkte demnach an, sie kenne die »Thesen« des Politbüros zur Lage in Deutschland »nicht in vollem Umfang«. Sinowjew verlas daraufhin den Beschluss, doch zu einer Diskussion über den Befehl kam es offenbar nicht.

Sowohl der Hamburger Aufstand als auch alle anderen Versuche, eine Volksfront „gegen Rechts“ zu bilden, wie etwa in Thüringen, scheiterten kläglich und mit Ansage.

Hamburger Aufstand
Aufruf der Aufständischen an die Einwohner von Schiffbek zur Teilnahme am Hamburger Aufstand – Foto aus dem Buch: Die bedrohte Stadtrepublik, Hamburg 1923

Die KI (Gemini) fasst recht gut zusammen, was man in der DDR mit dem Thema machte:

„Die zentrale These der SED-Geschichtsschreibung war, dass die Aufstände der 1920er Jahre scheitern mussten, weil die KPD zu diesem Zeitpunkt noch keine „Partei neuen Typs“ nach leninistischem Vorbild war.

Der Vorwurf des „Spontaneismus“: Den frühen KPD-Führern wurde vorgeworfen, von linksradikalen, „putschistischen“ oder spontaneistischen Strömungen beeinflusst gewesen zu sein. Es habe an einer straffen, zentralistischen Führung und einer klaren militärisch-strategischen Planung gefehlt.

Die SED-Historiker kritisierten (durchaus folgerichtig), dass die KPD-Führung in den Aufständen oft den Rückhalt in der breiten Arbeiterklasse und den Gewerkschaften unterschätzt hatte. Die Aufstände wurden im Nachhinein oft als heroische, aber isolierte Aktionen der Avantgarde gewertet.

Ein Kernelement der DDR-Meistererzählung war die fundamentale Schuldzuweisung an die SPD-Führung. In der offiziellen Geschichtsschreibung wurde argumentiert: Die Aufstände scheiterten primär daran, dass die „rechte SPD-Führung“ (Leute wie Friedrich Ebert oder Gustav Noske) gemeinsame Sache mit den reaktionären Kräften der Bourgeoisie und den Freikorps gemacht habe, um die Revolution zu verraten.

Kritik an KPD-Mitgliedern, die während der Weimarer Republik mit der SPD kooperieren wollten (die sogenannte „Rechte“ um Heinrich Brandler, dem KPD-Vorsitzenden während des versuchten „Deutschen Oktobers“ 1923), wurde in der DDR genutzt, um jegliche Abweichung von der harten Parteilinie zu brandmarken. Brandler wurde zum Sündenbock für das Scheitern von 1923 erklärt.

Die kritische Aufarbeitung in der DDR (manifestiert unter anderem im monumentalen, mehrbändigen Werk Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, das unter der Aufsicht von Walter Ulbricht entstand) verfolgte klare politische Ziele:

Das Scheitern der Weimarer KPD wurde als historischer Beweis dafür herangezogen, dass die Gründung der SED (durch die Zwangsvereinigung von SPD und KPD 1946) und deren rigide, moskautreue Ausrichtung absolut notwendig waren, um den Sozialismus in Deutschland endlich siegreich zu machen.

Die Berichte über die Aufstände (insbesondere der Hamburger Aufstand unter Ernst Thälmann) wurden stark romantisiert. Thälmann wurde als fehlerfreier Held inszeniert, während strategische Fehler der KPD-Führung der „Brandler-Clique““oder dem „Trotzkismus“ zugeschrieben wurden. Die Kritik diente also der Disziplinierung der eigenen Kader.“

Also Fake News vom Feinsten und keine Geschichtswissenschaft. Von der heutigen so genannten „Linken“ kommt gar nichts. Ganz im Gegenteil: Die ist auf dem Weg zum völkischen Nationalismus („Volk der Palästinenser“). Daher noch ein Zitat von Kellerhoff, was sich seitdem nicht geändert hat und heute wieder aktuell ist:

»In Autenhausen wurde heute Nacht bei einer jüdischen Familie eingebrochen. Die Leute wurden stark misshandelt und anscheinend verschleppt, die Zimmereinrichtung durcheinandergeworfen, das Zimmer weist zahlreiche Blutspuren auf.« Die Bevölkerung befinde sich in großer Aufregung, meldete die kommunale Polizei und fügte hinzu: »Täter sind bekannt«. Ähnliches geschah in Sesslach mit zwei jüdischen Brüdern, über die »mindestens 15 Personen hergefallen« waren. Die beiden wurden misshandelt, entführt und offenbar nach Zahlung eines Lösegeldes freigelassen. Als die Polizei mit ihnen sprechen wollte, waren sie mit ihren Frauen verschwunden: »Man weiß nicht, wo sie sich befinden.«* Vorkommnisse wie diese gab es zwar nicht nur in Oberfranken, doch dort schaukelte sich die Stimmung der Milizen besonders auf.

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* Die Information stammt aus der Akte K 3/1927 im Staatsarchiv Bamberg, Blatt 36b und Blatt 40.

Entdek de beste ervaringen

rembrandt haus
Die Taufe des Eunuchen, ca. 1631, Kopie nach Rembrandts: Die Taufe des Kämmerers, 1626

Nein, niemand hat die Absicht, Niederländisch zu lernen. Ich war heute im Rembrandt Haus Museum: „The Rembrandt House Museum is the only place in the world completely dedicated to Rembrandt. Visit the home of Rembrandt where he lived and worked for 19 years and created his biggest masterpieces. Step back in time to the 17th century and get inspired by Rembrandt the man, the artist, his home, his city and his time.“

rembrandt haus
Restbestände, aus dem Müll ausgegraben, aus Rembrandts Küche

Oder auch auf „Deutsch“: „Nicht weit vom chinesischen Viertel Amsterdams, direkt hinter dem Retlichtviertel, in direkter Nähe des Waterlooplein, steht das Haus, das der berühmte niederländische Malers Rembrandt im zwischen 1639 und 1659 besitze und in dem er lebte.“ [sic]

rembrandt haus

Wer Gemälde von Rembrandt sehen will, ist hier falsch. Das Rijkmuseum ist aber immer überfüllt, was ich abgrundtief hasse, und für das Van Gogh Museum muss man Tage im voraus buchen, was ich nicht tat.

rembrandt haus

Ich habe dennoch etwas gelernt, neben der offenkundigen Tatsache, dass man in dem wunderschönen Gebäude nicht die Treppe hinaufkäme, wenn man zu dick oder unsportlich wäre, geschweige denn als Rollstuhlfahrer.

Die Fotos oben und unten zeigen die private Sammlung von Souvenirs exotischer Dinge, die der Maler von Reisenden und Händlern aus alle Welt kaufte (mit wokem Kommentar über Sklaverei und Kolonialismus per Audio-Guide). In einer Zeit, in der es noch keine Fotos gab, war das die einzige Möglichkeit, konkret etwas zu erfahren über Kunst und Biologie. (Nein, auch die Skizzen Michelangelos oder da Vincis wurde nicht kopiert.)

Wie sahen also ein ausgestopftes Krokodil (was in dem Raum an der Decke hängt) oder Korallen aus, wenn man noch nie so etwas gesehen hat?

rembrandt haus

Rembrandt war so besessen von seiner Sammelei, dass er – obwohl berühmt – nach zwei Jahrzehnten pleite war und sein Haus samt Interieur verkaufen musste. Anhand der Inventarliste, die erhalten ist, konnte man es rekonstruieren.

rembrandt haus

Kunst hatte damals mit Können zu tun. Heute nicht mehr, sondern mit Vermarktung. Auch van Gogh hatte zu Lebzeiten nie genug Geld – sein Gemälde „Porträt des Dr. Gachet“ wurde 1990 für 82,5 Millionen US-Dollar verkauft! Rembrandts „Porträts von Maerten Soolmans und Oopjen Coppit“ (1634) erzielte 2015 ca. 160 Millionen Euro – damit würde man heute mehrere Häuser samt Gracht kaufen können.

rembrandt haus

Deswegen waren Kopierer von beliebten Gemälden damals auch keine „Urheberrechtsverletzer“. Das Urheberrecht ist ein autochthones Produkt des Kapitalismus und wurde erst im späten 19. Jahrhundert kodifiziert.

Würde man da Vinci, Michelangelo, Rembrandt oder van Gogh das erklären wollen, würde die – falls sie es überhaupt verstünden – kaputtlachen. Aber zum Glück macht die KI das Urheberrecht wieder obsolet. Das probieren wir gleich mal aus:

rembrandt haus

Create a dramatic Baroque-style painting inspired by Rembrandt’s The Baptism of the Eunuch. The scene takes place outdoors near a small body of water, where a biblical baptism is occurring. A central figure kneels humbly in the water while another figure performs the baptism, pouring water over their head. Surround them with a few onlookers, dressed in historical robes.

Use strong chiaroscuro lighting with deep shadows and warm golden highlights, emphasizing emotional intensity and spiritual significance. The composition should feel intimate yet profound, with realistic human expressions, rich textures, and detailed fabrics. The background should be subdued and atmospheric, with dark tones contrasting the illuminated figures.

Paint in an oil-on-canvas style, with visible brushwork, earthy colors, and a timeless 17th-century Dutch master aesthetic.

rembrandt haus

So ganz funktioniert es nicht. Rembrandts Figuren sind im Sinne von Netflix divers, das heißt maximalpigmentiert. Da muss die KI noch woker werden.

Gott sei Dank

Bibel

Irgendjemand schrieb in irgendwelchen sozialen Medien: „Welche Bücher (maximal 10) haben euch in eurem Leben maßgeblich beeinflusst?“

Interessante Frage. Es geht also nicht darum, ob ein Buch gut ist, sondern wie und warum es einen maßgeblich beeinflusst hat. Das ist zugleich eine Reise zurück in der eigenen Biografie.

Bei mir ist das erste Buch klar: Die Bibel, nicht ganz freiwillig fast auswendig gelernt und mindestens ein Dutzend Jahre meines Lebens täglich ausführlich studiert. Ich habe ein paar Ausgaben, darunter ein Faksimile der Originalausgabe Luthers von 1525 – weil die Verehrer höherer Wesen sich selbstredend nicht einig sind, was genau dazugehört. Bei den Evangelen sind die vier Makkabäer-Bücher apokryph, das heißt nicht „würdig“ genug, um bei Ritualen zitiert zu werden; in der jüdischen Tora, von der alle abgeschrieben haben, fehlen sie ganz. Flavius Josephus kannte sie aber.

Auch hier: Die Wirkungsgeschichte kann nicht überschätzt werden (ist es so richtig?). „Wie das Schlusswort von Theodor Herzls Programmschrift Der Judenstaat verdeutlicht, war die zionistische Bewegung seit ihren Anfängen mit der Erinnerung an den Unabhängigkeitskampf der Makkabäerbrüder verbunden.“

Reich

Ich war noch Schüler, 15 oder 16 Jahre alt, und wollte mehr über die Welt wissen, mehr als in der Bibel zu finden war. Meine Eltern wussten nichts, alle redeten unentwegt nur über Religion. Also blieb mir nur die Flucht in das Lesen. Aber was? In Unna gab es nur eine Buchhandlung, und ich hatte nur mein kärgliches Taschengeld.

Zufällig fiel mir dort Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus (1933) in die Finger, ein Werk, das heute niemand mehr suchen oder ausstellen würde. Reich ist am Ende seines Lebens in seine ganz eigene Welt abgedriftet, aber das wusste ich noch nicht. Das Buch war der erste Sargnagel, wenn nicht gar der Auslöser dafür, dass ich dem Glauben an Götter und heilige Bücher entkommen konnte. Ich erkannte so viele „faschistische“ Strukturen, die Reich beschreibt, in meiner eigenen Sekte wieder – es gab nach der Lektüre irgendwie kein Zurück mehr. Aber ich konnte natürlich mit niemandem darüber diskutieren.

Danach verschlang ich alles, was so ähnlich zu sein schien, Freud, Jung, Psychologie eben. Ich wollte sogar Psychologie studieren, aber der Numerus Clausus ließ es damals nicht zu. Mein Glück, denn sonst wäre ich statt nach Münster und Berlin nach Heidelberg gegangen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre….

Irgendwann – noch vor dem Abitur – schenkte mir meine Mutter, ohne es selbst gelesen zu haben, von Leon Uris Exodus. Auch das Pflichtlektüre für alle, die über Israel meinen das Maul öffnen zu müssen. Seitdem hat sich meine Meinung über Israel und die Juden nicht geändert-

Reich

Im ersten Semester in Münster Anfang der 70-er Jahre wurde eine Arbeitsgruppe über Ludwig Feuerbach und Marx angeboten, organisiert von einer der maoistischen Sekten. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass man erst um 20 Uhr begann, wenn die regulären Veranstaltungen vorbei waren, und dass wir manchmal noch kurz vor Mitternacht herumdebattierten, eine Motivation, die sich heutige Studenten vermutlich gar nicht vorstellen können.

Ludwig Feuerbach (1841): Das Wesen des Christentums machte der Verehrung höherer Wesen vollends den Garaus. Wer nicht gleich mit Marxens Thesen über Feuerbach anfangen will, kann Feuerbach heute immer noch lesen: Was er sagt, obzwar ein wenig schwurbelig formuliert, gilt für alle Religionen gleichermaßen und gehört zum auf burks.de vom Publikum eingeforderten Bildungskanon.

das Kapital

Apropos: maßgeblich. Vergleichbar ist – für die 70-er Jahre nur Altvaters Marxens: Das Kapital (1867ff.), alle drei Bände.

Danach kam eine Weile nichts mit maßgeblich, Bücher, die meine Meinung in eine andere Richtung lenkten. Rian Malan: Mein Verräterherz sollte ich erwähnen. Das ist nicht nur ein unglaublich spannend und manchmal haarsträubend, sondern haut einem manchmal um. Die Geschichte über den „Hammermörder“ prägt bis heute meine Ansichten, wenn es um Kriminalität von Einwanderern überall auf der Welt geht. Es könnte es immer noch ein Mal im Jahr lesen, und es wäre nicht langweilig.

Meine Lieblingsbücher habe ich schon 2010 erwähnt: Neben Malan Elias Canetti: Masse und Macht, Robert Ranke-Graves: Die weiße Göttin, Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Umberto Eco: Der Name der Rose. Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter, Hertha von Dechend: Die Mühle des Hamlet. Richard Powers: Der Klang der Zeit, Cruz Smith: Eine Nacht in Havanna, Jack London: Wolfsblut, Jurek Becker: Amanda Herzlos, Stefan Heym: Nachruf, Salman Rushdie: Die Satanischen Verse.

Lieblingszitat:
„Und ich dank‘ es dem lieben Gott tausendmal, daß er mich zum Atheisten hat werden lassen. (Lichtenberg)“

Für Leib und Geist [Update]

whisky josephus
Ardbeg 10 Years Old Islay Single Malt Scotch Whisky sowie Flavius Josephus: Jüdische Altertümer („Antiquitates Judaicae“): Vollständige Ausgabe (Judaika) (Links gehen zur Großbourgeoisie)

Frisch eingetroffen: Ein Labsal (Wortschatzübung!) für Geist und Körper. Vielleicht trieb mich auch nur der Ehrgeiz, ein Posting mit „Whisky“ und „Flavius Josephus“ zu verfassen. Was gäbe ich darum, wenn meine Bücher, zumindest der Roman, noch nach 2000 Jahren gelesen würden… Die Wirkungsgeschichte der Werke des Flavius Josephus kann gar nicht unterüberschätzt werden.

PS Drei 12-Stunden Nachtschichten und heute auch noch – nach fünf Stunden Schlaf – 90 Minuten Zahnarzt und noch das Gefühl der Spritze im Mund – bin ein bisschen gerädert….

Update: Link usw. repariert

Unter Putschisten

der putsch kellerhoff

Ich lese gerade zwischendurch von Sven Felix Kellerhoff: „Der Putsch: Hitlers erster Griff nach der Macht“ – „Es ist die bis dahin größte Bedrohung für die Weimarer Republik: Mit roher Gewalt wagt Hitler von München aus den Umsturz – und scheitert. Die Demokratie hält stand. Sven Felix Kellerhoff richtet den Fokus auf bislang übersehene Zeugnisse und schildert die tatsächlichen Hintergründe des 8. und 9. November 1923.“

Zitat: „Einem dänischen Journalisten gelang es, in diesen Novembertagen 1922 ein Gespräch mit Hitler zu führen; zunächst am Rande einer Veranstaltung im Bürgerbräukeller, danach am folgenden Vormittag im Parteibüro der NSDAP. »Schon überall wird Hitler der bayrische Mussolini genannt«, begann der Reporter der Regionalzeitung Århus Stiftstidende seinen Artikel, dann schilderte er sein Gespräch mit dem NSDAP-Chef: »Das erste Wort Hitlers an uns ist sehr taktlos: ›Sind Sie Jude?‹ Wir bemerken ihm gegenüber, dass wir nicht gekommen sind, um ein Glaubensbekenntnis abzulegen, sondern um ein Interview zu bekommen. ›Skandinavische Juden sind mir ebenso unsympathisch wie deutsche Juden‹, murrt Hitler.« Dann begann das eigentliche Gespräch: »Wir versuchen, die Frage zu stellen, was die Nationalsozialisten wirklich wollen? ›Wir wollen den Bolschewismus niederschlagen!‹, erklärt Hitler mit einer unangenehm knurrenden Stimme, die wahrscheinlich Entschlossenheit und Energie ausdrücken soll. Er fährt fort: ›Das ist kurz und gut unser Programm.‹ Wir sagen: ›Sind mit diesem lobenswerten Zweck nicht auch bestimmte Absichten für die Wiederherstellung der Monarchie verbunden?‹ ›Die Staatsform ist uns ganz und gar gleichgültig‹, antwortet Hitler: ›Monarchie oder Republik, darauf kommt es nicht an. Wir werden das Gesindel beseitigen, das Deutschland in den Ruin getrieben und das Deutschland zum Sklaven der ganzen Welt gemacht hat.‹ ›Und wie wollen Sie das machen?‹ Hitler antwortet mit einem Zitat: »Und willst Du nicht mein Bruder sein, dann schlag’ ich Dir den Schädel ein.« Um Missverständnisse zu vermeiden, fügt er hinzu: »Und willst Du nicht ein Deutscher sein, dann schlag’ ich Dir den Schädel ein.« Wir sagen: »Glauben Sie denn, dass das Ansehen Deutschlands im Ausland durch solche Gewalttaten verbessert wird?« »Vorläufig sind unsere Bemühungen nicht auf das Ausland gerichtet.««“

Ich kenne den Kellerhof schon sehr lange; wir waren gemeinsam Mitglied in allerlei Vereinen von und für Journalisten. Im Kugelhagel würde ihn nicht an meiner Seite haben wollen, er wäre eh schon vorher geflohen. Das zu charakterlichen Fragen. Alle Bücher Kellerhofs sind angenehm zu lesen und fundiert. Er ist aber ein typisch bürgerlicher Historiker mit den dazu passenden ideologischen Scheuklappen.

„Der Putsch“ ist interessant, wenn man die Situation in der Weimarer Republik mit der heute vergleicht, insbesondere wenn es um die AfD geht. Kann jemand wie Hitler, dem Zeitgenossen vermutlich zu Recht bescheinigten, er sei keine intellektuelle Leuchte und sogar dümmer als Mussolini, plötzlich an die Macht kommen?

Das Buch bestätigt, was schon das Standardwerk zum Thema – Karsten Heinz Schönbachs „Die deutschen Konzerne und der Nationalsozialismus 1926–1943“ – mit ausführlich zitierten Quellen belegt: Hitler wäre nie an die Macht gekommen, wenn relevante Fraktionen der deutschen Großbourgeoisie ihn und seine Partei nicht finanziell massiv unterstützt hätten.

Man muss also das Wirtschaftsprogramm der AfD lesen und ob es den Interessen des deutschen Kapitals dient oder nicht. (Fast alles, was aber die Anstalten und andere staatsnahen Medien verbreiten, ist suggestive Propaganda und überzeugt nicht.) Alle anderen Themen wie Einwanderung, Sprachesoterik oder völkisches Gefasel usw. sind irrelevant.

Neue Ware eingetroffen

Bücher

Simon Bernfeld: Der Tanach in Deutscher Übersetzung: Eine Umfassende, Kritisch Überarbeitete Gesamtausgabe von Tora, Propheten und Schriften, 2025 sowie Eusebius von Caesarea; Kirchengeschichte 1-10, 2025.

Sie werden gegendert. Widerstand ist zwecklos.

Eine Bundesbehörde hat einer Mitarbeiterin gekündigt, weil diese nicht gendern will. Ein Gericht gab der Frau recht, dass die Abmahnungen und die Kündigung unwirksam waren, doch die Behörde will sie unbedingt kündigen und hat Berufung eingelegt. Die Behörde untersteht übrigens CDU-Verkehrsminister Schnieder.

„Rechtlich ist die Lage bislang eindeutig: Eine gesetzliche Verpflichtung zur Verwendung geschlechtergerechter und inklusiver Sprache existiert in Deutschland nicht. Auch im Arbeitsverhältnis dürfen Sprachregelungen grundsätzlich nicht einseitig erzwungen werden, sondern gelten, sofern sie nicht ausdrücklich vereinbart sind, als freiwillig.“

Neapolitaner und andere Miszellen

toccata

– Aus der Rubrik „nützliches Wissen“: Der Neapolitanische Sextakkord oder kurz Neapolitaner ist ein alterierter Akkord. Der Quintton des Subdominantakkords wird durch den tiefalterierten Sextton ersetzt.

Ich hatte mir die berühmte Toccata und Fuge in D-Moll von Johann Sebastian Bach und fragte mich, warum das Motiv in der Popkultur beliebter ist als die „deutlich reifere C-Dur-Toccata„.

Ich verstehe nichts, obwohl ich nach Noten Klavierspielen kann. Ich bleibe besser bei der Onomatopoesie palim palim. (Wortschatzübung)

– „Schauspielerin verliert Hauptrolle wegen Pro-Israel-Video“, berichten die Qualitätsboulevardmedien in nicht ganz korrektem Deutsch. Gemeint ist die umwerfend gut aussehende Sarah Maria Sander.

Man sollte Ross und Reiter nennen, in diesem Fall vermutlich Reiter*&%_$§Innen. „Das Berliner Landgericht II für Zivilsachen untersagte der Produktionsfirma Soilfilms Media einstweilig, Teile einer Rolle weiter zu verfilmen oder zu veröffentlichen.“

Man könnte das jetzt genauer erforschen. „Einen Monat später habe ihr Co-Autor Rainer Begoihn ebenfalls Hauptdarsteller) in einem Telefongespräch erklärt, ihr Engagement schade dem Projekt. Festivals könnten den Film mit ihr nicht annehmen.“ Dieser Mann scheint ein ausgemachter Feigling zu sein – und ein Opportunist sin cojones dazu.

Die Sanders hat natürlich recht, wenn sie den sogenannten „Kulturschaffenden“ vorwirft: „Eure politische Haltung, euer Aktivismus ist nichts, es ist eine Show. Es ist Gratismut ohne Risiko, ohne Haltung.“

By the way und reprint: Nehmt dies, Kulturschaffende! „1933, als die Reichskulturkammer gegründet wurde, kam im Zusammenhang mit der Berichterstattung und mit öffentlichen Appellen plötzlich das Wort „Kulturschaffende“ auf. Es wurde von Leuten, die der Schaffung der Reichskulturkammer positiv gegenüberstanden, und von Künstlern und „Kulturschaffenden“, die ihre nationalsozialistische Gesinnung bekunden wollten, geprägt und benutzt – vorher ist es nicht nachweisbar.“

– Eine der vielen Folgen der Klima- und Erderwärmung: Es wird immer kälter. „Für die erste Februarwoche kündigt sich eine neue Störung des stratosphärischen Polarwirbels an, möglicherweise sogar ein starker Split oder gar eine viel zu frühe Auflösung. Dabei würde sich das Tiefdrucksystem in großer Höhe über dem Nordpol aufspalten und einem ungewöhnlich kräftigen Hoch über der Polarregion Platz machen. Eine Konstellation, die selten ist und die Chancen auf Wintereinbrüche am Boden auch in Europa deutlich erhöht.“ (Zitat aus der bürgerlichen Presse)

Jemand kommentierte auf Fratzenbuch: „Wetter ist eben nicht Klima“. Die Klimaerwärmung betrifft also nicht das Wetter, sondern nur die Temperaturen? Oder umgekehrt? Ich frage am besten die Genderbeauftragen beim DJV, die wissen das bestimmt.

Tanais

hereford map
Hereford-Weltkarte, Ende 13. Jh.

Ich habe den Beyer erst halb durch, er ist interessanter, als ich dachte.



כל ארץ צפון כלה עד די דבק ל[…]¹¹
ים רבא […]¹⁶ פניה נהרא […]⁸¹⁷ […]
לחזקק […] לארם ארנא די […]¹⁰
דן ועבר חולקא די למערבא עד דבק […]¹¹
ועל ריש תלח חולקא […]¹⁶
לגמר יהב לקדמין בצפונא עד די דבק לים
נהרא ובתרה למגוג […]


¹⁶¹¹ […] das ganze nördliche Land insgesamt, bis er (= sein Anteil)
angrenzte an […]¹² diese Grenze das Wasser des großen Meeres
(des Mittelmeeres) […]¹⁶ den Fluß Tina [Tanais, heute Don]
[…]¹⁷⁸ im Westen nach Assur, bis er angrenzte an den Tigris
[…] ⁹ dem Aram das Land, welches […], bis er angrenzte an die
Spitze von […]¹⁰ diesen Berg des Stiers (Amanusgebirge nördlich
des Golfs von Alexandret ta), und dieser Anteil erstreckte sich nach
Westen bis er angrenzte an […]¹¹ und gegen die Spitze der drei
Anteile […] dem Arpaksad […]¹⁶ dem Gomer gab er zuerst im
Norden, bis er angrenzte an den Fluß Tina, und nach ihm dem
Magog […].

Übersetzung einer der Qumran-Texte durch Breyer

Moment aka wait a minute. Die ältesten Schriften aus Qumran stammen aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert, die jüngsten aus dem 1. Jh. n. Chr.

Die obige Passage handelt davon, wie Noah (aka Noach) die Erde unter seinen Nachkommen verteilt (das ist der mit der Arche). Die Sintflut fand ungefähr um 7500 v. Chr. statt, als das Mittelmeer durch die Dardanellen brach, und hat sich bei vielen Völkern als Legende in das kollektive Gedächtnis eingebrannt, wie etwa dem Gilgamesch-Epos aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend (aus dem die Bibel vermutlich abgeschrieben hat).

Frage: Woher kennen die Qumran-Schreiber den Don am Asowschen Meer?

(Vgl. oben) Der ist ganz schon weit weg von der Levante. Der Don hieß in der Antike Tanaïs und galt als die östliche Grenze Europas – laut gotischen und isländischen Geschichtsschreibern.

Aber heute glaube ich nichts und hake nach, weil ich auch noch das Interview mit KI-Forscher Michael Gerlich gelesen habe: „Aber wenn man hundertmal die KI nutzt und hundertmal zufrieden war oder sogar schon automatisch die Antworten übernimmt, dann entscheidet im Endeffekt längst die KI und nicht mehr der Mensch. Aber diejenigen, die das nicht möchten, und das hat meine Studie gezeigt, die erreichen bis zu 60 Prozent Verbesserung der Leistung, also des Outputs, indem sie gezielt mit der KI zusammenarbeiten.“ Ich bin für „gezielt“.

Kurzantwort:
Im hebräisch-aramäischen Text steht nicht die deutsche Wortgruppe
„der Fluss Tina“, sondern der Ausdruck

נהרא טינא

(nahrā Tīnā), wörtlich:
„der Fluss Tina / Tanais“.

Sprachliche Erklärung:

נהרא

(nahrā) ist aramäisch für „Fluss“ und entspricht dem
hebräischen נהר (nahar).

טינא

(Tīnā) ist die aramäische Lautform von
Tanais, dem antiken Namen des Don.

Zur Textüberlieferung:
In der gedruckten Edition erscheint die relevante Stelle nur
fragmentarisch (mit […]). Der Eigenname
טינא
ist dort nicht vollständig erhalten, wird jedoch aus
Parallelüberlieferungen und aus dem geographischen Kontext
(Grenzbeschreibung des Nordens) zuverlässig erschlossen.

hereford map

Ich fragte natürlich die KI, wo der Tanais aka Don auf der Hereford-Karte sei, und ChatGPT sollte gefälligst auf der hochgeladenen Karte markieren, wo Tanais stehe. Ich kriegte aber eine komplett halluzinierte Karte, die sogar dreist verfälscht (vgl oben).

„Auf der Original-Karte steht das Worte Tanais aber nicht: Es gibt auch keine Verbindung zwischen dem nord-südlichen Fluss oberhalb der Insel zu der Region, die orange markiert ist.“

„Du hast vollkommen recht – und danke, dass du so genau hinschaust. Die vorherige Markierung war nicht korrekt“. Bitte und gern geschehen. „Auf der Hereford-Mappa-Mundi ist der Tanais nicht eindeutig lokalisierbar wie auf ptolemäischen oder schematischen Weltkarten.“

Quellen? Scott D. Westrem, The Hereford Map: A Transcription and Translation of the Legends (2001) – Standardwerk: The river traditionally taken to represent the Tanais is not clearly distinguished from other northern rivers on the map.“ Es gibt also gar keine antike oder mittelalterliche Karte, die den Don zeigt. Aber Quellen:

Die Berufung auf den Tanais auf der Hereford-Karte stützt sich auf diese lateinischen Autoritäten:

1. Isidor von Sevilla
Etymologiarum sive Originum libri XX,
Buch XIV, Kapitel 3, §31.
Maßgebliche Edition:
W. M. Lindsay (Hg.), Isidori Hispalensis Episcopi Etymologiarum sive Originum Libri XX,
2 Bände, Oxford: Clarendon Press, 1911.

2. Paulus Orosius
Historiae adversus paganos,
Buch I, Kapitel 2, §48.
Maßgebliche Edition:
C. Zangemeister (Hg.), Pauli Orosii Historiarum adversum paganos libri VII,
Leipzig: Teubner, 1889 (Nachdrucke gebräuchlich).

3. Plinius der Ältere
Naturalis Historia,
Buch IV, §78.
Maßgebliche Edition:
L. Ian & K. Mayhoff (Hg.), C. Plini Secundi Naturalis Historiae Libri XXXVII,
Leipzig: Teubner, 1892–1909.

4. Gaius Iulius Solinus
Collectanea rerum memorabilium,
Kapitel 19, §1.
Maßgebliche Edition:
Th. Mommsen (Hg.), C. Iulii Solini Collectanea rerum memorabilium,
Berlin: Weidmann, 1895.

Das Asowsche Meer aka Palus Maeotis war nie Teil des römischen Reiches. Der Schreiber der Qumran-Texte, der dem legendären Noach gute geografische Kenntnisse unterjubelten, war auch nicht schlecht in Erdkunde. Und man muss davon ausgehen, dass auch die Leser oder Zuhörer, des es gab, wenn die Schriftrollen in Gebrauch waren, mit dem Begriff etwas anfangen konnten.

🕍 Die früheste jüdische Quelle: Flavius Josephus, Werk: Antiquitates Iudaicae Zeit: ca. 93/94 n. Chr. Stelle: I, 6, 1 (Ant. Iud. 122–124, Zählung je nach Edition).

οἱ δὲ τοῦ Ἰάφεθ υἱοὶ τὴν ἀπὸ τοῦ Ταύρου καὶ Ἀμανῶν ὄρους μέχρι Τανάϊδος χώραν ᾤκησαν. (Die Söhne Japhets aber bewohnten das Land vom Taurus- und Amanusgebirge bis zum Tanais. Nein, ich kann kein Griechisch.)

👉 Hier erscheint der Tanais erstmals explizit in einem jüdischen Werk.

Neue Ware eingetroffen

aramäische Textearamäische Texte

Neu in meiner Bibliothek: Klaus Beyer: Die aramäischen Texte vom Toten Meer: Bd 1: Samt den Inschriften aus Palästina, dem Testament Levis aus der Kairoer Genisa, der Fastenrolle und den alten talmudischen Zitaten, Göttingen 1984 (kostete früher 240,00 DM, neu jetzt 300 Euro. ich habe es natürlich gebraucht für einen Bruchteil der Summe gekauft).

Muss man das kennen? Natürlich nicht. Da die Nachgeborenen des Lesens längere Sätze ohnehin unkundig sind, suhle ich mich in dem Gefühl, eine aussterbende Kulturtechnik zu beherrschen, was aber heißt, dass ich hier Perlen vor die Säue würfe, es sei denn, das Publikum bestünde aus bildungsbeflissenen EDV-Opas, was ein nicht existierendes höhere Wesen verhüten möge.

Der Breyer hat knapp 800 Seiten, aber die Hälfte davon besteht aus Grammatik des Aramäischen, Wörterbuch und Register. Das erinnerte mich an eine meiner Studentinnen, die auf die Frage, was ihre Muttersprache sei „Aramäisch“ antwortete und mich so dabei ansah, als erwartete sie, ich würde antworten: „Was ist das denn“?, wobei sie sich bei mir natürlich irrte. Hätte sie „Turoyo“ gesagt, wäre ich mit meinem Latein [sic] am Ende gewesen.

Ich habe die Qumram-Höhlen im Oktober auf meiner To-Do-Liste; im Kalya Kibbutz war ich schon 2023, aber nur ein paar Minuten, bei der Reise per Bus von Jerusalem zum Toten Meer und zurück.

dead sea

The international community considers Israeli settlements in the West Bank illegal under international law, but the Israeli government disputes this.

Da muss ich dann sowieso hin und der international community zuwinken. Die tiefste Bar der Welt ist natürlich auch ganz nett.

pa‘‘el

Der Faktitiv-Resultativstamm (pa‘‘el) wird durch Längung des mittleren Konsonanten
(ursprünglich durch Verdoppelung der ganzen Wurzel) gebildet. Er zeigt im Perf. und Imp.
die Form qattēl, dessen teilweise durch ’ bezeichnet ist (→ 417):
זבינת „ich verkaufte“ (M), מליל „er redete“ (aRES 1785B,4: um 100 v. Chr.),
מגיש „er nahm magische Beschwörungen vor“ (aKAI 265,2: um Christi Geburt),
עזיד „er richtete her“ (aŠimbar 1–5: 2. Jh. n. Chr.).

Das Impf. hat den Präformativvokal (a) (→ 111).
Das Perf. passiv lautet qottēl (→ 152. 492),
der Inf. absol. qattālā (mit Femininenendung: → 435. 449;
mittelaram. mit m-: → 150: מאסירא „heilen“: oo),
constr. qattālût (→ 456),
das Partz. maqattēl,
das Partz. passiv maqattāl (→ 111. 130f.)
oder maqottāl (→ 37 Anm. 1).

Als Verbalabstrakta dienen
qatalīn (?) qittūl qalqūl maqlāl
taqtūlā taqtīl qattālût.

Wozu? Ich finde es auch lustig, den letzten Teil durchzublättern, weil ich vielleicht mein dürftiges Hebräisch auffrischen kann. Ich werde das ganze Buch heute während meiner 12-stündigen Nachtschicht durchlesen, natürlich nur während der gesetzlich vorgeschriebenen Pausen – sonst wäre das verboten.

Unten: Osten-Sacken, Peter von der (Hrsg.): Zionismus – Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, Institut Kirche und Judentum, 1986.

zionismus

Araber, Juden und Christen im unheiligen Land

Wir müssen heute etwas total Überflüssiges durchnehmen. Warum und zu welchem Ende liest man Heyer, Friedrich: Kirchengeschichte des Heiligen Landes, was ich vorgestern und gestern getan habe? Natürlich interessiert das niemanden außer mir, und ich machte das auch nur aus egoistischen Gründen dergestalt, dass ich hier auf meinem Blog sozusagen das Exzerpt platziere, obwohl ich auch in jedem Buch, das ich lese, herum- und unterstreiche, dass ich das Wichtigste beim nächsten Mal schneller finde.

[Die kursiven Passagen sind Zitate.] Ich war jedoch von diesem Buch recht überrascht. Ich erwartete drögen Stoff, den man im Schnellverfahren abhandeln könnte, nur der Form halber, weil es als Standardwerk zum Thema gilt.

Stattdessen kam ich aus dem Staunen über mein eigenes Unwissen gar nicht mehr heraus.

Kirchengeschichte

Ich musste nicht nur zahllose Namen und Begriffe googlen, sondern lernte auch Nützliches über die Spätantike. Man merkt doch immer wieder, wie eurozentiert der Blick ist, ganz zu schweigen davon, dass das Thema in den hiesigen Universitäten vermutlich gar nicht auftaucht oder nur eineinhalb Interessenten beschäftigt, die des Genderns überdrüssig sind. [Es war auch zum Teil schwierig, die richtigen Links zu finden, weil manche Namen über die Jahrhunderte mehrfach auftauchen. Aber die Recherche parallel zur Lektüre und kombiniert mit ChatGPT machte Spaß, weil sie viel mehr Details liefert und sogar kleine Fehler im Buch – das ja vor dem Internet entstanden ist – richtigstellt. Zum Beispiel gab es keinen Vertrag zwischen Karl dem Großen und Harun al-Raschid, obwohl Heyer das behauptet. ChatGPT spuckte sogar unaufgefordert das lateinische Zitat aus Einhards Vita Karoli Magni (um 830) aus: Cum Aarone rege Persarum, qui totum pene Orientem tenebat, amicitiam fecit. (Mit Aaron, dem König der Perser, der fast den ganzen Orient beherrschte, schloss er Freundschaft). Nur dass – und keinen Vertrag.]

Aber zunächst Unterhaltung.

Des Apphianus Halbbruder Ädesius, der allzeit im ärmlichen Philosophenmantel ein Asketenleben führte, in der wissenschaftlichen Bildung seinem Bruder noch überlegen (Mitschüler des Euseb[ius von Caesarea] in der Schule von Cäsarea), wagte in Alexandria ähnliches wie sein Bruder. Als er sah, wie der dortige Richter angesehene Männer, weil sie Christen waren, mißhandelte und Jungfrauen Bordellhaltern übergab, trat er an den Richter heran, schlug ihn mit beiden Händen ins Gesicht, überhäufte ihn mit Schimpfworten und warf ihn zu Boden. Auch er wurde ertränkt. In Tyrus wurde in der gleichen Zeit der junge Ulpianus nach fürchterlichen Geißelungen mit einem Hund und einer Giftschlange in rohe Rindshaut eingenäht und ins Meer geworfen.

Vermutlich hätte ich noch eine Warnung voranschicken sollen. „Beim Lesen der Zitate könnte das Publikum verstört werden! Jugendliche unter 18 dürfen die Passagen nur embedded in Gegenwart eines weltanschaulich gefestigten Journalisten Erwachsenen konsumieren.“

Als Kaiser Maximinius Daja am 20. November 306 in Cäsarea zur Feier seines Geburtstages Festspiele veranstaltete, bei denen Verbrecher in der Arena mit Tieren aus Indien oder Äthiopien kämpfen sollten, holte man den Agapius zusammen mit einem Sklaven, der seinen Herrn ermordet hatte, heran. Agapius war schon drei- oder viermal zum Tierkampf ins Stadion geführt, aber immer wieder zurückgestellt worden. Das Theater hallte von Beifallsbezeugungen wider, als der Kaiser dem Mörder Leben und Freiheit schenkte. »Den Kämpfer für das Christentum liebe der Tyrann vor sich rufen«, verlangte von ihm die Verleugnung des Glaubens, wofür er ihm die Freiheit anbot. Agapius schritt lieber der losgelassenen Bärin entgegen. Noch atmend brachte man ihn ins Gefängnis, wo er noch einen Tag lebte. Mit Steinen an den Füßen wurde er ins Meer versenkt.

Ghassaniden

Hätten Sie’s gewusst? Die Araber waren Alliierte Roms und Christen. Erst in der Spätantike wurden sie Muslims. Sie lebten damals auch nicht in Palästina. Von wegen „Palästinenser“. Aber sage das jemand den heutigen hohlköpfigen Palituch-Trägern und so genannten „Linken“!

Um das Jahr 500 hatten sich arabische Stämme, die sich um die mächtige Familie Ghassan gruppierten – vom byzantinischen General Romanos besiegt – dem Kaiser Anastasios gegenüber zum Dienst bereit gezeigt. Sie grenzten das byzantinische Reich gegen Persien ab und halfen die aufständischen Samariter zu überwältigen. Ihre Herrscher hingen freilich dem antichalcedonensischen Glauben an. Verfolgte Monophysiten aus dem byzantinischen Reich suchten bei ihnen Zuflucht. Daß die Kaiser infolge ihres Ränkespiels den Grenzschutz der Ghassaniden einbüßten, machte einen Einfall der Perser unter Chosroes ins Heilige Land im Jahre 614 möglich. Juden und Samariter begrüßten sie stürmisch.

Auch das noch! Juden bejubeln die Iraner Perser, die das Heilige Land erobern, in dem die Mehrheit Christen, also Byzantiner waren! Antichalcedonisch? Monophysiten? Das sage ich bei einem Barbesuch auf die Frage: „Bist du religiös?“ – „Ich bin antichalcedonischer Monophysit!“

Die Perser unterwarfen die palästinensische Hauptstadt Cäsarea (die damit ihre Bedeutung verlor) und Lydda und erschienen vor Jerusalem. Die Mönche der jüdischen Wüste flohen über den Jordan. Im Vertrauen, Gott werde seine Heilige Stadt schützen, hinderten rebellische Gruppen den Patriarchen Zacharias an friedlichen Verhandlungen mit dem Feind. So schickte Zacharias den Mönch Modestus aus dem Theodosioskloster zur byzantinischen Garnison von Jericho, Hilfe aufzubieten. Umsonst! Nach 20 Tagen brach die Eudokiamauer unter den Stößen des persischen Rammbocks zusammen. Als die Perser am 20. Mai in die Stadt stürmten, stachen sie nieder, wen sie trafen, und verbrannten Grabeskirche, Himmelfahrtskirche und Sion. Aus den Übriggebliebenen, aus den Verstecken gerufen, wurden nur die Handwerker zum Abtransport ausgesucht. Die in diesem Sinne Unbrauchbaren wurden in den Teich von Mamilla getrieben und dort ertränkt, oder sie erhielten einen Gnadenstoß von jüdischer Hand.

Moment. Die Juden brachten die Christen um, die nicht „nützlich“ waren?

Der tugendhafte Thomas und seine Gattin begruben die 33 000 Toten. Patriarch Zacharias wurde in die Gefangenschaft verschleppt, die Kreuzreliquie nach Persien entführt. – Unter den Deportierten befand sich der Diakon Eusebios mit seinen zwei Töchtern, 8 und 10 Jahre alt. Die persischen Priester forderten die Kinder zur persischen Feueranbetung auf, doch gestützt auf die Ermahnungen ihres Vaters verweigerten sich die Mädchen. Sie wurden hingemordet, der Vater ins Feuer gestoßen. Darüber schrieb Patriarch Sophronios einen Hymnus, den bewegendsten unter allen seinen Dichtungen.

sophronicus
Patriarch Sophronius von Jerusalem, Menologion von Basil II

Die christlichen Araber sind schuld, dass die muslimischen Araber Palästina erobern konnten. Und das kam so:

Nachdem 635 Damaskus in arabische Hand gefallen war, erkannte Kaiser Heraklius die drohende Gefahr. Zwei Heere entsandte er gegen Omar [ʿUmar ibn al-Chattāb, auch: Omar ibn–al-Khattab], eines, das in Armenien ausgehoben war, unter Fürst Vahan, das andere unter Theodor Trithyrios.

Am heißen Sommertag des 20. August 636 verloren die Byzantiner am Jarmuk, dem östlichen Nebenfluß des Jordan, die Entscheidungsschlacht. Mitten im Kampf gingen 12 000 christliche Araber [die Ghassaniden] zum Feind über. Als Nonchalcedonenser haßten sie Byzanz. Den Soldaten des Kaisers wehte der Sandsturm in die Augen. Als Sophronios erfuhr, daß Jericho in gegnerischer Hand sei, schaffte er die Kreuzreliquie bei Nacht zur Küste, damit sie nach Konstantinopel verbracht würde.

battle Yarmuk
Schlacht von Jarmuk, 638 n. Chr., anonyme katalanische Illustration, ca. 1310 – 1325

Über den Fall der Heiligen Stadt gibt es unterschiedliche historische Berichte. Am wahrscheinlichsten ist, daß Jerusalem von einem unbekannten Stammesscheich Khalid b. Thabit al-Fahmi eingenommen wurde, der Jerusalem gegen Tributzahlung unzerstört ließ. Die spätere Phantasie haftete jedoch an einem Bericht, demzufolge der greise Patriarch Sophronios die Heilige Stadt den Muslimen übergeben habe. Der Patriarch habe gefordert, daß Kalif Omar [Omar ibn–al-Khattab] selbst in Person anwesend sei. Im 17. Jahr der Hedschra, das heißt im Februar 638, begegneten sich Sophronios und Omar auf dem Ölberg. Der alte Patriarch mußte sich vor dem Eroberer demütigen. Sophronios bot dem Kalifen an, in der Anastasis zu beten. Doch Omar erwiderte: »Wenn ich in Deinem Tempel beten würde, würdest du ihn später verlieren, denn die Muselmanen würden ihn dir nach meinem Tod wegnehmen, indem sie sagten: Hier hat Omar gebetet.«

„Jhesus aber sprach zu ihnen: Sehet jr nicht das alles? Warlich ich sage euch, Es wird hie nicht eyn steyn auff dem andern bleiben, der nicht zu brochen werde.“ (Matthäus 24,2, Lutherbibel 1525)

Der Kalif wünschte statt dessen ein Terrain zu sehen, auf dem er eine Moschee bauen könnte. Die Sage berichtet, Sophronios habe ihn auf den Tempelplatz geführt, der bis dahin wüst gelegen hatte; die Christen respektierten nämlich die Prophezeiung des Herrn, daß hier kein Stein auf dem andern bleiben werde. Omar habe sogleich mit eigenen Händen begonnen, in der Mitte des Platzes Trümmer wegzuräumen. Der Felsendom, von syrischen Kirchenarchitekten nach der Art errichtet, wie sie eine christliche Kirche gebaut haben würden, entstand freilich erst 691. Der arabische Historiker Mukkadasi [al-Muqaddasī] beschreibt das dabei vorwaltende Motiv so: Dieser Bau sei errichtet worden, damit die Pracht der Grabeskirche die Muslime nicht verwirre.

Trotz der Herrschaft muslimischer Mächte war Palästina bis zu den Kreuzzügen noch immer ein majoritär christliches Land geblieben.

Jerusalem
Jerusalem auf der Mosaikkarte von Madaba, 6. Jh. n. Chr.

Die Juden, denen Julian Apostata die Rückkehr nach Jerusalem gestattet hatte, waren von den Kreuzfahrern wieder ausgetilgt worden. Nach Zerstörung des Kreuzfahrerreichs durften sie wieder in ganz Palästina siedeln.

Als die katholischen Majestäten 1492 die Judenschaft Spaniens vertrieben, nahm Sultan Bayazid die Exulanten [sic] großzügig im Osmanischen Reich auf. Unter 70000 Sefarden, die sich in den türkischen Häfen einfanden und in urbanen Zentren des Inneren ihre Kolonien schufen, waren vor allem religiös gestimmte Juden vertreten, die in der Kabbala lebten – jener mystischen Strömung, die anfangs des 13. Jhs. in der spanischen Stadt Gerona [Girona] ihre bedeut3enden Schriftsteller gefunden hatte. Im Heiligen Land gewann das Judentum eine neue geistige Präsenz iim obegaliläischen Safed….“

1777 trafen die ersten Chassidim aus Russland in Palästina ein… Also noch mal ganz langsam. Wie kann jemand behaupten, die Juden seien „Kolonisten“, obwohl sie viel früher als die Araber in Palästina waren?

Aber wenden wir uns von der Politik ab und den Religonen des Friedens zu. Heyers Buch reicht bis in die Gegenwart – also die 80er-Jahre. Über die Grabeskirche, in der ich jetzt schon zwei Mal war und mich immer noch nicht auskenne (das ist die mit dem afrikanischen Kloster auf dem Dach):

Das Protokoll der Berliner Konferenz von 1878 bestätigte den Status quo. Diese Regelung der Rechtsverhältnisse an den Heiligen Stätten blieb das letzte Wort. Tatsächlich handelte es sich um eine bloße Beschreibung der Gebräuche, wie sie sich historisch eingespielt hatten. Ein Versuch, 1902 den Status quo in eine Kodifikation umzumünzen, mißlang. Die bisherigen Rechte der Kustodie gingen auf das lateinische Patriarchat über. Die Forderung der Franziskaner, daß das Aedicuium der Grabeskirche, die obere Geburtsbasilika in Bethlehem und das Mariengrab im Josaphattal zurückgegeben würden, die 1757 den Lateinern genommen waren, blieb unerfüllt.

Auch den nonchalcedonensischen Kirchen – den Armeniern, Kopten und Syrern [gemeint ist die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien] – spricht der Status quo bestimmte Rechte zu. So besitzen die Kopten das Recht, Tag und Nacht in der Grabeskirche zu räuchern und bestimmte Lampen aufzuhängen, etwa am Salbungsstein zwei Lampen, außerdem in der Karwoche in Prozession das Christusgrab zu umschreiten. In Fastenzeiten dürfen die Kopten täglich eine Eucharistie in der Grabeskirche feiern, sonst zweimal in jeder Woche. Am Himmelfahrtstage dürfen sie im Imbomon ihr Zelt aufschlagen und einen eigenen Altar errichten. Auch in Bethlehem und am Mariengrab besitzen die Kopten bestimmte Rechte.

Jede der im Status quo privilegierten Kirchen wachte eifersüchtig darüber, daß die Partner ihre Grenzen in den im Vertrag einbezogenen Stätten nicht überschritten und die im Text nicht aufgeführten Kirchengemeinschaften ausgeschlossen blieben. Da der Status quo katholischen Institutionen nur insofern Rechte zuerkennt, als diese sich an das lateinische Patriarchat ankristallisieren, sind die mit Rom unierten Christen ausgeschlossen. Unierte Kleriker dürfen in der Grabes- und der Geburtskirche nicht einmal privat zelebrieren.

Als 1888 der Präsident der Russischen Palästina-Gesellschaft, Großfürst Sergij, und seine Gattin Elisaveta Jerusalem besuchten, erfolgte insofern ein Übergriff über die vom Status quo gezogenen Grenzen, als der russische Archimandrit auf dem Kalvarienberg für die hohen Herrschaften in Kirchenslawisch zelebrierte. Beim Eucharistischen Kongreß, den die katholischen Christen vom 15.–20. Mai 1893 nach Jerusalem einberiefen, ließen die Lateiner, was im Status quo nicht vorgesehen ist, die mit Rom unierten Ostchristen an diesem Ort feiern. Als im Jahre 1960 der syrisch-katholische Hierarch Ephraim aus Mossul am lateinischen Altar in der Geburtsgrotte zelebrierte, prügelte ihn ein griechischer Mönch – mitten in der Messe – hinaus.

Man kann die Israelis nur bedauern, dass sie da für Ordnung sorgen müssen. Vermutlich müssen sie auch immer erst nachsehen in einer langen Liste, mit wem sie es gerade zu tun haben.

Bauern, nicht Könige!

chess

Ein schöner, aber so nicht geplanter Schluss nach einem bescheidenen Spiel von mir – Schwarz am Zug! Bei Doppelschach muss sich der König bewegen – aber wohin? Schlägt er die Dame, die vorher der Bauer war, setzt der zweite Turm matt.

Dabei hörte ich, was mich vermutlich ablenkte, das Jüngste Gericht – mit sehr lustigen Kommentaren: „If this doesnt play at the end of the world im not coming“.

„the Glory“ und „The Great Flood“

the glory

Falls sich jemand während der Festtage langweilt, empfehle ich als Gegenmittel zwei südkoreanische Filme: „The Glory“ und „The Great Flood“ (beide Netflix).

Sie sind nicht herausragend, aber wesentlich intelligenter als alles, was man sonst angeboten bekommt. Ich trau mich kaum, das zuzugeben, aber bei südkoreanischen Filmen bekomme ich immer das Gefühl, ich sei zu blöd, um den Plot zu verstehen, und der durchschnittliche Zuschauer in Korea sei wesentlich intelligenter als ich. Ich hatte hier u.a. schon Alice im Borderland (japanisch) und Squid Game erwähnt. Ich schrieb 2012:

Wer schon schon einmal koreanische Filme gesehen hat, was ich auf Anraten guter Freunde vor längerer Zeit schon tat, der weiß: Jetzt wird es anspruchsvoll, der Intellekt strafft und reckt sich voll Vorfreude, etwas zu tun zu bekommen, und die US-Amerikaner muss samt Hollywood draußen bleiben. Sorry, das versteht ihr nicht.

„The Glory“ besticht vor allem wegen der herausragenden Schauspielerei der Hauptdarstellerin Song Hye-kyo und ihrer Kontrahentin Lim Ji-yeon. Die Männer hingegen fallen ab und sind für den Plot auch nicht so wichtig.

Eine Rezension: „Der südkoreanische Rachethriller setzt sich mit einer düsteren Thematik auseinander und ist ein ziemlich betrübendes, aber gleichzeitig wahnsinnig spannendes Streaming-Erlebnis. Das K-Drama handelt von der Grundschullehrerin Dong-eun (Song Hye-kyo), die während ihrer Schulzeit von einer Gruppe wohlhabender Klassenkameraden brutal schikaniert und körperlich misshandelt wurde. Das Mobbing ging sogar soweit, dass das Mädchen die Schule gegen ihren Willen verlassen musste, heimatlos wurde und alles, wovon sie geträumt hat, aufgeben musste. 20 Jahre später hat Dong-eun einen perfiden Racheplan geschmiedet, bei dem nicht nur ihre Peinigerin Yeon-jin (Lim Yi-jeon) und deren Clique ihr Fett weg bekommen soll, sondern auch jeder Erwachsene, der damals tatenlos zusah, wie das reiche Mädchen eine Klassenkameradin nach der anderen quälte.“

Das allein wäre gar nicht so spannend. „The Glory” basiert auf einem wahren Fall, der sich im Jahr 2006 an einer koreanischen Mädchenschule ereignet hat, wie der True-Crime-YouTube-Kanal Dark Asia erläutert.“

Dieser Film enthält – im Gegensatz zu allen ähnlichen Hollywood-Produktionen ein klassenkämpferisches Element: Die Reichen dürfen alles, und die Armen und Unterdrückten haben kaum eine Chance, etwas dagegen zu tun. So offen würde das kein deutscher Film zeigen – dort geht es ja immer auch um die typisch deutsche „Sozialpartnerschaft“.

Mich hat die Song Hye-kyo von Anfang an fasziniert, was auch damit zu tun hat, dass ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich sie attraktiv finde oder nicht. Sie spielt ihre Rolle mit extrem spärlicher Mimik, aber dennoch schillernd: Guckt sie nun depressiv und melancholisch? Oder wie eine finstere Rachegöttin? „Normal“ wirkt sie nur, wenn sie lacht, was aber fast nie vorkommt und dann nur eine Millisekunde lang. Das oszilliert zwischen abstoßend, furchterregend und spannend. Mein limbisches System befahl mir, immer weiterzugucken.

Lim Ji-yeon spielt süß und hübsch und verwandelt sich dann urplötzlich in eine ekelhafte fiese Schlampe und wieder zurück. Das Duell der beiden Frauen wird immer intensiver; sie verkrallen sich ineinander, als die Antiheldin irgendwann merkt, dass die Kontrahentin es auf sie und ihre Peer Group abgesehen hat.

Bisher habe ich in südkoreanischen Filmen auch immer zweite Ebene bemerkt. (Ausnahme: Mercy for None: Dort geht es um permanente Schlägerei, nur dass die Gangster – im Gegensatz zu US-Filmen – bürgerlich-korrekt gekleidet sind, nicht herumballern und sich gegenseitig verbeugen, bevor sie sich verprügeln.)

Bei „The Glory“ sagt die Heldin zu Kindern, sie sei kein guter Mensch, sondern böse. Da haben wir das typische Motto: Was heißt moralisches Handeln, und muss das sein, und warum und wann?

Ich schrieb am 03.10.2025: Was mir auch bei dem koreanischen Beyond the Bar auffiel: Die Moral wird dem Holzhammer eingebläut, so subtil, wie ich über Israel schreibe.

Das ist bei „The Glory“ wesentlich indirekter, also besser,

the great flood

Bei The Great Flood habe ich den Plot erst fast am Ende kapiert. Zu meiner Entschuldigung muss ich anmerken, dass ich den immer nur häppchenweise nach 12-Stunden-Schichten ansah, zum Einschlafen, und vielleicht zu müde dafür war. Außerdem mag ich die Heldin Kim Da-mi nicht; sie geht mir auf die Nerven (was natürlich an ihrer Rolle liegt).

Wer wasserscheu ist, sollte sich den Film nicht ansehen: Alles ist immer voller Wasser, und alle fallen ständig hinein. Zuerst dachte ich: Postapokalyptischer Katastrophen-Tsunami-Film, was das Filmplakat suggeriert.

Nach einiger Zeit wird es dann völlig anders. Zeitschleife? Aha – die Heldin muss also die stressigen Ertrink- und Kinderrettungsaktionen solange wiederholen, bis sie die richtige Methode gefunden hat – wie in Groundhog Day („Und täglich grüßt das Murmeltier“.)

Nein, auch das ist verkehrt. Ich will den Plot nicht verraten, aber ich hatte große Probleme, ihn herauszufinden. Eine Rezension: „Nur so viel: Aus dem regulären Katastrophenfilm wird ein Science-Fiction-Werk, das eine völlig andere Richtung einschlägt. Das Ergebnis ist jedoch etwas zwiespältig. Auf der einen Seite ist die Überraschung groß. The Great Flood spricht auch interessante Themen an, über die man im Anschluss durchaus nachdenken kann. Der Film fordert an diesen Stellen durchaus die Zuschauer heraus.“

Eben – aber nur, wenn man den europäischen Zuschauer als Maßstab nimmt.

Aramäische Papyri aus Elephantine

Papyri

Mit welchen Wörtern der Überschrift kann das Publikum nichts anfangen?

Im Ernst: Manchmal gönne ich mir für zwischendurch etwas Schmökerei, die zu fast gar nichts nützlich ist. Die Muse der Gelehrsamkeit an sich küsst mich. Ich hatte die Literaturangabe irgendwo bei Barbara Schmitz gefunden, aber noch nie etwas von diesen besagten Papyri gehört.

Warum ist das interessant? Es könnte Verehrer höherer Wesen der jüdischen Art beunruhigen. Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

„Die Elephantine-Papyri sind eine Reihe verschiedener Papyri, die auf der ägyptischen Nilinsel Elephantine in der Nähe von Assuan gefunden wurden. Die dort ansässige Militärkolonie beherbergte Söldner verschiedener Herkunft, darunter griechische, phönizische und syrische Gruppen. Das Wüstenklima begünstigte den Erhalt von Papyrus, daher finden sich aus einer Zeitspanne von rund 1000 Jahren entsprechende Dokumente in Demotisch, Altgriechisch, Aramäisch, Latein und Koptisch.“

Jetzt die Pointe: „In Elephantine gab es schon vor dem Jahr 525 v. Chr. eine jüdische Kolonie, die einen eigenen JHWH-Tempel mit Opferkult hatte. Otto Rubensohn fand bei seinen Ausgrabungen das Archiv der jüdischen Gemeinde“. (Chapeau, Hugo Ibscher! Solche Leute wie Dich gibt es in Deutschland nicht mehr.)

Die hatten da einen jüdischen Tempel. Nicht in Jerusalem. Nein, auf einer Insel im Nil. Und wenn es da einen gab, dann existieren auch andere davon.

Was sagt denn die Tora-kundige KI?

„Ein zentrales Beispiel aus der Tora, das zeigt, dass es nur einen legitimen Ort für Opferkult / Tempel geben soll, steht in Devarim (Deuteronomium) Kapitel 12.

Sondern nur an dem Ort, den der HERR, euer Gott, aus allen euren Stämmen erwählen wird, um seinen Namen dort wohnen zu lassen, dorthin sollt ihr gehen. Dorthin sollt ihr eure Brandopfer, Schlachtopfer, Zehnten und Weihegaben bringen

– Die Tora verbietet ausdrücklich mehrere Opferstätten,
– Opfer dürfen nicht dezentral oder privat dargebracht werden,
– Es gibt einen einzigen von Gott erwählten Ort.“

Ach. Ach was.

Der Fall von Akkon

Falafel

Ich freue mich schon auf die spannende Lektüre, zumal ich die Reste der Kreuzfahrer-Festung vor zwei Jahren selbst erkundet habe.

Der lange Fahrradmarsch

Der lange Fahrradmarsch

Ich empfehle ein Buch, das ich zwar schon habe, aber noch nicht lesen konnte: Der lange Fahrradmarsch von Christian Y. Schmidt und Volker Häring. Allein schon die Idee ist großartig. Ich war richtig neidisch, als ich davon hörte. Ohne Chinesisch zu verstehen würde ich mir das aber nicht zutrauen. Und Fahrradmechaniker muss man vermutlich auch sein.

Es gibt Artikel dazu in der Berliner Zeitung (Paywall), von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V., im Rolling Stone. angeblich auch in der vorletzten Printausgabe der Konkret – da habe ich aber nichts online gefunden.

Nun sage niemand, man könne in den Zeiten von Google und Handys keine richtigen Abenteuer mehr erleben!

Der lange Fahrradmarsch

Alice in Borderland

alice in borderland
Screenshots: Burks

Empfehlenswert – mit Abstrichen wegen der großen kulturellen Differenz: Alice in Borderland auf Netflix. (Ich bin erst am Ende der ersten Staffel angelangt, weil ich Filme nur zum Einschlafen ansehe, also jeweils eine halbe Stunde oder so… Nur sehr selten muss ich mich zwingen abzuschalten – das war das letzte Mal bei Yellowstone der Fall.)

Die Serie läuft schon ein paar Jahre. Die Algorithmen spülten sie mir aber erst jetzt zu.

Die gute Nachricht: Japanische Filme sind ohnehin immer um Klassen intelligenter als US-Produktionen, wie auch südkoreanische. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals etwas Logisches in einem Film nicht verstanden hätte. Aber hier kommt irgendwann ein dialektisches Rätsel vor, das gelöst werden muss, weil sonst alle störben – und der Held ist dafür zuständig. Ich habe das nicht kapiert, zumal auch extremer Zeitdruck bestand.

Der Plot ist einfach und bekannt und ähnelt Squid Game. Eine Gruppe von Leuten ist aus unbekannten Gründen irgendwo eingesperrt und muss Aufgaben lösen, bei denen die meisten draufgehen. Das ist per default spannend, kann aber unendlich oft wiederholt werden. Eine Allegorie auf: Je ein Kapitalist schlägt viele tot?

Die „schlechte“ Nachricht: Die Reaktionen der Hauptdarsteller Kento Yamazaki und Tao Tsuchiya – auch auch die der anderen – sind manchmal so unverständlich und europäischem Verhalten fremd, dass man nicht versteht, warum die so sind und was das japanische Publikum dabei denkt.

Beispiel: Die äußerst attraktive Heldin liegt in einem winzigen Zelt, der Held draußen und wird von Moskitos und anderem Getier zerstochen. Sie bittet ihn hinein, beide sind nur leicht bekleidet und haben schon einiges gemeinsam hinter sich – aber nichts passiert. Sie liegen starr nebeneinander wie Ölgötzen. No sex please, we are Japanese?

Oder: Die beiden mussten sich trennen, um ihr Leben kämpfen und treffen sich unvermittelt in einer Menschenmasse wieder, laufen aufeinander zu. In jedem Ami – oder europäischen Film würden sie sich um den Hals fallen, weil man sogar sieht, wie sie sich freuen. Aber die Usagi (Tao Tsuchiya) in scharfen Hot Pants zieht sich erst mal das Hemd über den Oberkörper, obwohl ihr Badeanzug extrem züchtig ist, und beide bleiben voreinander stehen. Es fehlt nur noch, dass sie sich formell die Hände schüttelten und sich verbeugen. Spätestens hier wäre in Hollywood der erste Kuss angesagt. Vermutlich hat das damit zu tun, dass „öffentlich“ und „privat“ in Japan viel stärker getrennt ist. Ich weiß es nicht.

Auch das Agieren des Helden finde ich oft albern. Er ist ein richtiges weinerliches Weichei, den man schnell erschrecken kann und der – für unser Empfinden – emotional total überreagiert, so dramatisch und kitschig wie die Protagonisten in der Peking-Oper. Manchmal so langatmig wie ein Beziehungsgespräch, so dass ich auf Vorlauf gedrückt habe.

Die Heldin scheint im Film gleichaltrig zu sein, agiert aber in Relation zu ihm mehr – fast immer – als sexy MILF. Frauen und Männer mögen absolut klischeehaft wirken, sind aber de facto gleichberechtigt. Sie sehen auch ähnlich aus: Der Held wirkt androgyn und nicht klassisch „männlich“.

Spätestens in solchen Szenen wird deutlich, dass der Film eine Adaption des gleichnamigen Mangas (erschienen 2010-2016) bzw. Anime ist: Die Schauspieler handeln charakterlich „tiefgründig“ wie im Comic Strip. Die Japaner könnten das anders. Also muss es Absicht sein. So etwas kriegen eh nur die hin. Deutsche Comics in Serie (gibt es das überhaupt?), verfilmt auf Streaming-Portalen? Undenkbar oder nur für zwölfeinhalb Zuschauer gedacht.

Manga sind japanische Comics oder Graphic Novels, die man liest (meist schwarz-weiß, von rechts nach links).
Anime sind japanische Zeichentrickfilme oder -serien, die man anschaut (oft basierend auf Mangas, aber nicht immer).
👉 Kurz: Manga = Lesen 📖 | Anime = Schauen 🎬.

Was ist also der Sinn des Ganzen, neben normaler Action und Unterhaltung?

Was mir auch bei dem koreanischen Beyond the Bar auffiel: Die Moral wird dem Holzhammer eingebläut, so subtil, wie ich über Israel schreibe. Nach dem Motto: Der Held ist ein Gamer und Nichtsnutz, und während er um sein Leben kämpfen muss und das Blut herumspritzt, dämmert es ihm, dass er vielleicht doch nicht seine Zeit mit Computerspielen vergeuden sollte.

Das kommt so oft und so drastisch, dass man laut schreien möchte: Da wäre ich jetzt von allein nicht drauf gekommen!

Trotzdem: Gute blutrünstige Unterhaltung.

alice in borderland

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