Tanais

hereford map
Hereford-Weltkarte, Ende 13. Jh.

Ich habe den Beyer erst halb durch, er ist interessanter, als ich dachte.



כל ארץ צפון כלה עד די דבק ל[…]¹¹
ים רבא […]¹⁶ פניה נהרא […]⁸¹⁷ […]
לחזקק […] לארם ארנא די […]¹⁰
דן ועבר חולקא די למערבא עד דבק […]¹¹
ועל ריש תלח חולקא […]¹⁶
לגמר יהב לקדמין בצפונא עד די דבק לים
נהרא ובתרה למגוג […]


¹⁶¹¹ […] das ganze nördliche Land insgesamt, bis er (= sein Anteil)
angrenzte an […]¹² diese Grenze das Wasser des großen Meeres
(des Mittelmeeres) […]¹⁶ den Fluß Tina [Tanais, heute Don]
[…]¹⁷⁸ im Westen nach Assur, bis er angrenzte an den Tigris
[…] ⁹ dem Aram das Land, welches […], bis er angrenzte an die
Spitze von […]¹⁰ diesen Berg des Stiers (Amanusgebirge nördlich
des Golfs von Alexandret ta), und dieser Anteil erstreckte sich nach
Westen bis er angrenzte an […]¹¹ und gegen die Spitze der drei
Anteile […] dem Arpaksad […]¹⁶ dem Gomer gab er zuerst im
Norden, bis er angrenzte an den Fluß Tina, und nach ihm dem
Magog […].

Übersetzung einer der Qumran-Texte durch Breyer

Moment aka wait a minute. Die ältesten Schriften aus Qumran stammen aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert, die jüngsten aus dem 1. Jh. n. Chr.

Die obige Passage handelt davon, wie Noah (aka Noach) die Erde unter seinen Nachkommen verteilt (das ist der mit der Arche). Die Sintflut fand ungefähr um 7500 v. Chr. statt, als das Mittelmeer durch die Dardanellen brach, und hat sich bei vielen Völkern als Legende in das kollektive Gedächtnis eingebrannt, wie etwa dem Gilgamesch-Epos aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend (aus dem die Bibel vermutlich abgeschrieben hat).

Frage: Woher kennen die Qumran-Schreiber den Don am Asowschen Meer?

(Vgl. oben) Der ist ganz schon weit weg von der Levante. Der Don hieß in der Antike Tanaïs und galt als die östliche Grenze Europas – laut gotischen und isländischen Geschichtsschreibern.

Aber heute glaube ich nichts und hake nach, weil ich auch noch das Interview mit KI-Forscher Michael Gerlich gelesen habe: „Aber wenn man hundertmal die KI nutzt und hundertmal zufrieden war oder sogar schon automatisch die Antworten übernimmt, dann entscheidet im Endeffekt längst die KI und nicht mehr der Mensch. Aber diejenigen, die das nicht möchten, und das hat meine Studie gezeigt, die erreichen bis zu 60 Prozent Verbesserung der Leistung, also des Outputs, indem sie gezielt mit der KI zusammenarbeiten.“ Ich bin für „gezielt“.

Kurzantwort:
Im hebräisch-aramäischen Text steht nicht die deutsche Wortgruppe
„der Fluss Tina“, sondern der Ausdruck

נהרא טינא

(nahrā Tīnā), wörtlich:
„der Fluss Tina / Tanais“.

Sprachliche Erklärung:

נהרא

(nahrā) ist aramäisch für „Fluss“ und entspricht dem
hebräischen נהר (nahar).

טינא

(Tīnā) ist die aramäische Lautform von
Tanais, dem antiken Namen des Don.

Zur Textüberlieferung:
In der gedruckten Edition erscheint die relevante Stelle nur
fragmentarisch (mit […]). Der Eigenname
טינא
ist dort nicht vollständig erhalten, wird jedoch aus
Parallelüberlieferungen und aus dem geographischen Kontext
(Grenzbeschreibung des Nordens) zuverlässig erschlossen.

hereford map

Ich fragte natürlich die KI, wo der Tanais aka Don auf der Hereford-Karte sei, und ChatGPT sollte gefälligst auf der hochgeladenen Karte markieren, wo Tanais stehe. Ich kriegte aber eine komplett halluzinierte Karte, die sogar dreist verfälscht (vgl oben).

„Auf der Original-Karte steht das Worte Tanais aber nicht: Es gibt auch keine Verbindung zwischen dem nord-südlichen Fluss oberhalb der Insel zu der Region, die orange markiert ist.“

„Du hast vollkommen recht – und danke, dass du so genau hinschaust. Die vorherige Markierung war nicht korrekt“. Bitte und gern geschehen. „Auf der Hereford-Mappa-Mundi ist der Tanais nicht eindeutig lokalisierbar wie auf ptolemäischen oder schematischen Weltkarten.“

Quellen? Scott D. Westrem, The Hereford Map: A Transcription and Translation of the Legends (2001) – Standardwerk: The river traditionally taken to represent the Tanais is not clearly distinguished from other northern rivers on the map.“ Es gibt also gar keine antike oder mittelalterliche Karte, die den Don zeigt. Aber Quellen:

Die Berufung auf den Tanais auf der Hereford-Karte stützt sich auf diese lateinischen Autoritäten:

1. Isidor von Sevilla
Etymologiarum sive Originum libri XX,
Buch XIV, Kapitel 3, §31.
Maßgebliche Edition:
W. M. Lindsay (Hg.), Isidori Hispalensis Episcopi Etymologiarum sive Originum Libri XX,
2 Bände, Oxford: Clarendon Press, 1911.

2. Paulus Orosius
Historiae adversus paganos,
Buch I, Kapitel 2, §48.
Maßgebliche Edition:
C. Zangemeister (Hg.), Pauli Orosii Historiarum adversum paganos libri VII,
Leipzig: Teubner, 1889 (Nachdrucke gebräuchlich).

3. Plinius der Ältere
Naturalis Historia,
Buch IV, §78.
Maßgebliche Edition:
L. Ian & K. Mayhoff (Hg.), C. Plini Secundi Naturalis Historiae Libri XXXVII,
Leipzig: Teubner, 1892–1909.

4. Gaius Iulius Solinus
Collectanea rerum memorabilium,
Kapitel 19, §1.
Maßgebliche Edition:
Th. Mommsen (Hg.), C. Iulii Solini Collectanea rerum memorabilium,
Berlin: Weidmann, 1895.

Das Asowsche Meer aka Palus Maeotis war nie Teil des römischen Reiches. Der Schreiber der Qumran-Texte, der dem legendären Noach gute geografische Kenntnisse unterjubelten, war auch nicht schlecht in Erdkunde. Und man muss davon ausgehen, dass auch die Leser oder Zuhörer, des es gab, wenn die Schriftrollen in Gebrauch waren, mit dem Begriff etwas anfangen konnten.

🕍 Die früheste jüdische Quelle: Flavius Josephus, Werk: Antiquitates Iudaicae Zeit: ca. 93/94 n. Chr. Stelle: I, 6, 1 (Ant. Iud. 122–124, Zählung je nach Edition).

οἱ δὲ τοῦ Ἰάφεθ υἱοὶ τὴν ἀπὸ τοῦ Ταύρου καὶ Ἀμανῶν ὄρους μέχρι Τανάϊδος χώραν ᾤκησαν. (Die Söhne Japhets aber bewohnten das Land vom Taurus- und Amanusgebirge bis zum Tanais. Nein, ich kann kein Griechisch.)

👉 Hier erscheint der Tanais erstmals explizit in einem jüdischen Werk.

Neue Ware eingetroffen

aramäische Textearamäische Texte

Neu in meiner Bibliothek: Klaus Beyer: Die aramäischen Texte vom Toten Meer: Bd 1: Samt den Inschriften aus Palästina, dem Testament Levis aus der Kairoer Genisa, der Fastenrolle und den alten talmudischen Zitaten, Göttingen 1984 (kostete früher 240,00 DM, neu jetzt 300 Euro. ich habe es natürlich gebraucht für einen Bruchteil der Summe gekauft).

Muss man das kennen? Natürlich nicht. Da die Nachgeborenen des Lesens längere Sätze ohnehin unkundig sind, suhle ich mich in dem Gefühl, eine aussterbende Kulturtechnik zu beherrschen, was aber heißt, dass ich hier Perlen vor die Säue würfe, es sei denn, das Publikum bestünde aus bildungsbeflissenen EDV-Opas, was ein nicht existierendes höhere Wesen verhüten möge.

Der Breyer hat knapp 800 Seiten, aber die Hälfte davon besteht aus Grammatik des Aramäischen, Wörterbuch und Register. Das erinnerte mich an eine meiner Studentinnen, die auf die Frage, was ihre Muttersprache sei „Aramäisch“ antwortete und mich so dabei ansah, als erwartete sie, ich würde antworten: „Was ist das denn“?, wobei sie sich bei mir natürlich irrte. Hätte sie „Turoyo“ gesagt, wäre ich mit meinem Latein [sic] am Ende gewesen.

Ich habe die Qumram-Höhlen im Oktober auf meiner To-Do-Liste; im Kalya Kibbutz war ich schon 2023, aber nur ein paar Minuten, bei der Reise per Bus von Jerusalem zum Toten Meer und zurück.

dead sea

The international community considers Israeli settlements in the West Bank illegal under international law, but the Israeli government disputes this.

Da muss ich dann sowieso hin und der international community zuwinken. Die tiefste Bar der Welt ist natürlich auch ganz nett.

pa‘‘el

Der Faktitiv-Resultativstamm (pa‘‘el) wird durch Längung des mittleren Konsonanten
(ursprünglich durch Verdoppelung der ganzen Wurzel) gebildet. Er zeigt im Perf. und Imp.
die Form qattēl, dessen teilweise durch ’ bezeichnet ist (→ 417):
זבינת „ich verkaufte“ (M), מליל „er redete“ (aRES 1785B,4: um 100 v. Chr.),
מגיש „er nahm magische Beschwörungen vor“ (aKAI 265,2: um Christi Geburt),
עזיד „er richtete her“ (aŠimbar 1–5: 2. Jh. n. Chr.).

Das Impf. hat den Präformativvokal (a) (→ 111).
Das Perf. passiv lautet qottēl (→ 152. 492),
der Inf. absol. qattālā (mit Femininenendung: → 435. 449;
mittelaram. mit m-: → 150: מאסירא „heilen“: oo),
constr. qattālût (→ 456),
das Partz. maqattēl,
das Partz. passiv maqattāl (→ 111. 130f.)
oder maqottāl (→ 37 Anm. 1).

Als Verbalabstrakta dienen
qatalīn (?) qittūl qalqūl maqlāl
taqtūlā taqtīl qattālût.

Wozu? Ich finde es auch lustig, den letzten Teil durchzublättern, weil ich vielleicht mein dürftiges Hebräisch auffrischen kann. Ich werde das ganze Buch heute während meiner 12-stündigen Nachtschicht durchlesen, natürlich nur während der gesetzlich vorgeschriebenen Pausen – sonst wäre das verboten.

Unten: Osten-Sacken, Peter von der (Hrsg.): Zionismus – Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, Institut Kirche und Judentum, 1986.

zionismus

Araber, Juden und Christen im unheiligen Land

Wir müssen heute etwas total Überflüssiges durchnehmen. Warum und zu welchem Ende liest man Heyer, Friedrich: Kirchengeschichte des Heiligen Landes, was ich vorgestern und gestern getan habe? Natürlich interessiert das niemanden außer mir, und ich machte das auch nur aus egoistischen Gründen dergestalt, dass ich hier auf meinem Blog sozusagen das Exzerpt platziere, obwohl ich auch in jedem Buch, das ich lese, herum- und unterstreiche, dass ich das Wichtigste beim nächsten Mal schneller finde.

[Die kursiven Passagen sind Zitate.] Ich war jedoch von diesem Buch recht überrascht. Ich erwartete drögen Stoff, den man im Schnellverfahren abhandeln könnte, nur der Form halber, weil es als Standardwerk zum Thema gilt.

Stattdessen kam ich aus dem Staunen über mein eigenes Unwissen gar nicht mehr heraus.

Kirchengeschichte

Ich musste nicht nur zahllose Namen und Begriffe googlen, sondern lernte auch Nützliches über die Spätantike. Man merkt doch immer wieder, wie eurozentiert der Blick ist, ganz zu schweigen davon, dass das Thema in den hiesigen Universitäten vermutlich gar nicht auftaucht oder nur eineinhalb Interessenten beschäftigt, die des Genderns überdrüssig sind. [Es war auch zum Teil schwierig, die richtigen Links zu finden, weil manche Namen über die Jahrhunderte mehrfach auftauchen. Aber die Recherche parallel zur Lektüre und kombiniert mit ChatGPT machte Spaß, weil sie viel mehr Details liefert und sogar kleine Fehler im Buch – das ja vor dem Internet entstanden ist – richtigstellt. Zum Beispiel gab es keinen Vertrag zwischen Karl dem Großen und Harun al-Raschid, obwohl Heyer das behauptet. ChatGPT spuckte sogar unaufgefordert das lateinische Zitat aus Einhards Vita Karoli Magni (um 830) aus: Cum Aarone rege Persarum, qui totum pene Orientem tenebat, amicitiam fecit. (Mit Aaron, dem König der Perser, der fast den ganzen Orient beherrschte, schloss er Freundschaft). Nur dass – und keinen Vertrag.]

Aber zunächst Unterhaltung.

Des Apphianus Halbbruder Ädesius, der allzeit im ärmlichen Philosophenmantel ein Asketenleben führte, in der wissenschaftlichen Bildung seinem Bruder noch überlegen (Mitschüler des Euseb[ius von Caesarea] in der Schule von Cäsarea), wagte in Alexandria ähnliches wie sein Bruder. Als er sah, wie der dortige Richter angesehene Männer, weil sie Christen waren, mißhandelte und Jungfrauen Bordellhaltern übergab, trat er an den Richter heran, schlug ihn mit beiden Händen ins Gesicht, überhäufte ihn mit Schimpfworten und warf ihn zu Boden. Auch er wurde ertränkt. In Tyrus wurde in der gleichen Zeit der junge Ulpianus nach fürchterlichen Geißelungen mit einem Hund und einer Giftschlange in rohe Rindshaut eingenäht und ins Meer geworfen.

Vermutlich hätte ich noch eine Warnung voranschicken sollen. „Beim Lesen der Zitate könnte das Publikum verstört werden! Jugendliche unter 18 dürfen die Passagen nur embedded in Gegenwart eines weltanschaulich gefestigten Journalisten Erwachsenen konsumieren.“

Als Kaiser Maximinius Daja am 20. November 306 in Cäsarea zur Feier seines Geburtstages Festspiele veranstaltete, bei denen Verbrecher in der Arena mit Tieren aus Indien oder Äthiopien kämpfen sollten, holte man den Agapius zusammen mit einem Sklaven, der seinen Herrn ermordet hatte, heran. Agapius war schon drei- oder viermal zum Tierkampf ins Stadion geführt, aber immer wieder zurückgestellt worden. Das Theater hallte von Beifallsbezeugungen wider, als der Kaiser dem Mörder Leben und Freiheit schenkte. »Den Kämpfer für das Christentum liebe der Tyrann vor sich rufen«, verlangte von ihm die Verleugnung des Glaubens, wofür er ihm die Freiheit anbot. Agapius schritt lieber der losgelassenen Bärin entgegen. Noch atmend brachte man ihn ins Gefängnis, wo er noch einen Tag lebte. Mit Steinen an den Füßen wurde er ins Meer versenkt.

Ghassaniden

Hätten Sie’s gewusst? Die Araber waren Alliierte Roms und Christen. Erst in der Spätantike wurden sie Muslims. Sie lebten damals auch nicht in Palästina. Von wegen „Palästinenser“. Aber sage das jemand den heutigen hohlköpfigen Palituch-Trägern und so genannten „Linken“!

Um das Jahr 500 hatten sich arabische Stämme, die sich um die mächtige Familie Ghassan gruppierten – vom byzantinischen General Romanos besiegt – dem Kaiser Anastasios gegenüber zum Dienst bereit gezeigt. Sie grenzten das byzantinische Reich gegen Persien ab und halfen die aufständischen Samariter zu überwältigen. Ihre Herrscher hingen freilich dem antichalcedonensischen Glauben an. Verfolgte Monophysiten aus dem byzantinischen Reich suchten bei ihnen Zuflucht. Daß die Kaiser infolge ihres Ränkespiels den Grenzschutz der Ghassaniden einbüßten, machte einen Einfall der Perser unter Chosroes ins Heilige Land im Jahre 614 möglich. Juden und Samariter begrüßten sie stürmisch.

Auch das noch! Juden bejubeln die Iraner Perser, die das Heilige Land erobern, in dem die Mehrheit Christen, also Byzantiner waren! Antichalcedonisch? Monophysiten? Das sage ich bei einem Barbesuch auf die Frage: „Bist du religiös?“ – „Ich bin antichalcedonischer Monophysit!“

Die Perser unterwarfen die palästinensische Hauptstadt Cäsarea (die damit ihre Bedeutung verlor) und Lydda und erschienen vor Jerusalem. Die Mönche der jüdischen Wüste flohen über den Jordan. Im Vertrauen, Gott werde seine Heilige Stadt schützen, hinderten rebellische Gruppen den Patriarchen Zacharias an friedlichen Verhandlungen mit dem Feind. So schickte Zacharias den Mönch Modestus aus dem Theodosioskloster zur byzantinischen Garnison von Jericho, Hilfe aufzubieten. Umsonst! Nach 20 Tagen brach die Eudokiamauer unter den Stößen des persischen Rammbocks zusammen. Als die Perser am 20. Mai in die Stadt stürmten, stachen sie nieder, wen sie trafen, und verbrannten Grabeskirche, Himmelfahrtskirche und Sion. Aus den Übriggebliebenen, aus den Verstecken gerufen, wurden nur die Handwerker zum Abtransport ausgesucht. Die in diesem Sinne Unbrauchbaren wurden in den Teich von Mamilla getrieben und dort ertränkt, oder sie erhielten einen Gnadenstoß von jüdischer Hand.

Moment. Die Juden brachten die Christen um, die nicht „nützlich“ waren?

Der tugendhafte Thomas und seine Gattin begruben die 33 000 Toten. Patriarch Zacharias wurde in die Gefangenschaft verschleppt, die Kreuzreliquie nach Persien entführt. – Unter den Deportierten befand sich der Diakon Eusebios mit seinen zwei Töchtern, 8 und 10 Jahre alt. Die persischen Priester forderten die Kinder zur persischen Feueranbetung auf, doch gestützt auf die Ermahnungen ihres Vaters verweigerten sich die Mädchen. Sie wurden hingemordet, der Vater ins Feuer gestoßen. Darüber schrieb Patriarch Sophronios einen Hymnus, den bewegendsten unter allen seinen Dichtungen.

sophronicus
Patriarch Sophronius von Jerusalem, Menologion von Basil II

Die christlichen Araber sind schuld, dass die muslimischen Araber Palästina erobern konnten. Und das kam so:

Nachdem 635 Damaskus in arabische Hand gefallen war, erkannte Kaiser Heraklius die drohende Gefahr. Zwei Heere entsandte er gegen Omar [ʿUmar ibn al-Chattāb, auch: Omar ibn–al-Khattab], eines, das in Armenien ausgehoben war, unter Fürst Vahan, das andere unter Theodor Trithyrios.

Am heißen Sommertag des 20. August 636 verloren die Byzantiner am Jarmuk, dem östlichen Nebenfluß des Jordan, die Entscheidungsschlacht. Mitten im Kampf gingen 12 000 christliche Araber [die Ghassaniden] zum Feind über. Als Nonchalcedonenser haßten sie Byzanz. Den Soldaten des Kaisers wehte der Sandsturm in die Augen. Als Sophronios erfuhr, daß Jericho in gegnerischer Hand sei, schaffte er die Kreuzreliquie bei Nacht zur Küste, damit sie nach Konstantinopel verbracht würde.

battle Yarmuk
Schlacht von Jarmuk, 638 n. Chr., anonyme katalanische Illustration, ca. 1310 – 1325

Über den Fall der Heiligen Stadt gibt es unterschiedliche historische Berichte. Am wahrscheinlichsten ist, daß Jerusalem von einem unbekannten Stammesscheich Khalid b. Thabit al-Fahmi eingenommen wurde, der Jerusalem gegen Tributzahlung unzerstört ließ. Die spätere Phantasie haftete jedoch an einem Bericht, demzufolge der greise Patriarch Sophronios die Heilige Stadt den Muslimen übergeben habe. Der Patriarch habe gefordert, daß Kalif Omar [Omar ibn–al-Khattab] selbst in Person anwesend sei. Im 17. Jahr der Hedschra, das heißt im Februar 638, begegneten sich Sophronios und Omar auf dem Ölberg. Der alte Patriarch mußte sich vor dem Eroberer demütigen. Sophronios bot dem Kalifen an, in der Anastasis zu beten. Doch Omar erwiderte: »Wenn ich in Deinem Tempel beten würde, würdest du ihn später verlieren, denn die Muselmanen würden ihn dir nach meinem Tod wegnehmen, indem sie sagten: Hier hat Omar gebetet.«

„Jhesus aber sprach zu ihnen: Sehet jr nicht das alles? Warlich ich sage euch, Es wird hie nicht eyn steyn auff dem andern bleiben, der nicht zu brochen werde.“ (Matthäus 24,2, Lutherbibel 1525)

Der Kalif wünschte statt dessen ein Terrain zu sehen, auf dem er eine Moschee bauen könnte. Die Sage berichtet, Sophronios habe ihn auf den Tempelplatz geführt, der bis dahin wüst gelegen hatte; die Christen respektierten nämlich die Prophezeiung des Herrn, daß hier kein Stein auf dem andern bleiben werde. Omar habe sogleich mit eigenen Händen begonnen, in der Mitte des Platzes Trümmer wegzuräumen. Der Felsendom, von syrischen Kirchenarchitekten nach der Art errichtet, wie sie eine christliche Kirche gebaut haben würden, entstand freilich erst 691. Der arabische Historiker Mukkadasi [al-Muqaddasī] beschreibt das dabei vorwaltende Motiv so: Dieser Bau sei errichtet worden, damit die Pracht der Grabeskirche die Muslime nicht verwirre.

Trotz der Herrschaft muslimischer Mächte war Palästina bis zu den Kreuzzügen noch immer ein majoritär christliches Land geblieben.

Jerusalem
Jerusalem auf der Mosaikkarte von Madaba, 6. Jh. n. Chr.

Die Juden, denen Julian Apostata die Rückkehr nach Jerusalem gestattet hatte, waren von den Kreuzfahrern wieder ausgetilgt worden. Nach Zerstörung des Kreuzfahrerreichs durften sie wieder in ganz Palästina siedeln.

Als die katholischen Majestäten 1492 die Judenschaft Spaniens vertrieben, nahm Sultan Bayazid die Exulanten [sic] großzügig im Osmanischen Reich auf. Unter 70000 Sefarden, die sich in den türkischen Häfen einfanden und in urbanen Zentren des Inneren ihre Kolonien schufen, waren vor allem religiös gestimmte Juden vertreten, die in der Kabbala lebten – jener mystischen Strömung, die anfangs des 13. Jhs. in der spanischen Stadt Gerona [Girona] ihre bedeut3enden Schriftsteller gefunden hatte. Im Heiligen Land gewann das Judentum eine neue geistige Präsenz iim obegaliläischen Safed….“

1777 trafen die ersten Chassidim aus Russland in Palästina ein… Also noch mal ganz langsam. Wie kann jemand behaupten, die Juden seien „Kolonisten“, obwohl sie viel früher als die Araber in Palästina waren?

Aber wenden wir uns von der Politik ab und den Religonen des Friedens zu. Heyers Buch reicht bis in die Gegenwart – also die 80er-Jahre. Über die Grabeskirche, in der ich jetzt schon zwei Mal war und mich immer noch nicht auskenne (das ist die mit dem afrikanischen Kloster auf dem Dach):

Das Protokoll der Berliner Konferenz von 1878 bestätigte den Status quo. Diese Regelung der Rechtsverhältnisse an den Heiligen Stätten blieb das letzte Wort. Tatsächlich handelte es sich um eine bloße Beschreibung der Gebräuche, wie sie sich historisch eingespielt hatten. Ein Versuch, 1902 den Status quo in eine Kodifikation umzumünzen, mißlang. Die bisherigen Rechte der Kustodie gingen auf das lateinische Patriarchat über. Die Forderung der Franziskaner, daß das Aedicuium der Grabeskirche, die obere Geburtsbasilika in Bethlehem und das Mariengrab im Josaphattal zurückgegeben würden, die 1757 den Lateinern genommen waren, blieb unerfüllt.

Auch den nonchalcedonensischen Kirchen – den Armeniern, Kopten und Syrern [gemeint ist die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien] – spricht der Status quo bestimmte Rechte zu. So besitzen die Kopten das Recht, Tag und Nacht in der Grabeskirche zu räuchern und bestimmte Lampen aufzuhängen, etwa am Salbungsstein zwei Lampen, außerdem in der Karwoche in Prozession das Christusgrab zu umschreiten. In Fastenzeiten dürfen die Kopten täglich eine Eucharistie in der Grabeskirche feiern, sonst zweimal in jeder Woche. Am Himmelfahrtstage dürfen sie im Imbomon ihr Zelt aufschlagen und einen eigenen Altar errichten. Auch in Bethlehem und am Mariengrab besitzen die Kopten bestimmte Rechte.

Jede der im Status quo privilegierten Kirchen wachte eifersüchtig darüber, daß die Partner ihre Grenzen in den im Vertrag einbezogenen Stätten nicht überschritten und die im Text nicht aufgeführten Kirchengemeinschaften ausgeschlossen blieben. Da der Status quo katholischen Institutionen nur insofern Rechte zuerkennt, als diese sich an das lateinische Patriarchat ankristallisieren, sind die mit Rom unierten Christen ausgeschlossen. Unierte Kleriker dürfen in der Grabes- und der Geburtskirche nicht einmal privat zelebrieren.

Als 1888 der Präsident der Russischen Palästina-Gesellschaft, Großfürst Sergij, und seine Gattin Elisaveta Jerusalem besuchten, erfolgte insofern ein Übergriff über die vom Status quo gezogenen Grenzen, als der russische Archimandrit auf dem Kalvarienberg für die hohen Herrschaften in Kirchenslawisch zelebrierte. Beim Eucharistischen Kongreß, den die katholischen Christen vom 15.–20. Mai 1893 nach Jerusalem einberiefen, ließen die Lateiner, was im Status quo nicht vorgesehen ist, die mit Rom unierten Ostchristen an diesem Ort feiern. Als im Jahre 1960 der syrisch-katholische Hierarch Ephraim aus Mossul am lateinischen Altar in der Geburtsgrotte zelebrierte, prügelte ihn ein griechischer Mönch – mitten in der Messe – hinaus.

Man kann die Israelis nur bedauern, dass sie da für Ordnung sorgen müssen. Vermutlich müssen sie auch immer erst nachsehen in einer langen Liste, mit wem sie es gerade zu tun haben.

Bauern, nicht Könige!

chess

Ein schöner, aber so nicht geplanter Schluss nach einem bescheidenen Spiel von mir – Schwarz am Zug! Bei Doppelschach muss sich der König bewegen – aber wohin? Schlägt er die Dame, die vorher der Bauer war, setzt der zweite Turm matt.

Dabei hörte ich, was mich vermutlich ablenkte, das Jüngste Gericht – mit sehr lustigen Kommentaren: „If this doesnt play at the end of the world im not coming“.

„the Glory“ und „The Great Flood“

the glory

Falls sich jemand während der Festtage langweilt, empfehle ich als Gegenmittel zwei südkoreanische Filme: „The Glory“ und „The Great Flood“ (beide Netflix).

Sie sind nicht herausragend, aber wesentlich intelligenter als alles, was man sonst angeboten bekommt. Ich trau mich kaum, das zuzugeben, aber bei südkoreanischen Filmen bekomme ich immer das Gefühl, ich sei zu blöd, um den Plot zu verstehen, und der durchschnittliche Zuschauer in Korea sei wesentlich intelligenter als ich. Ich hatte hier u.a. schon Alice im Borderland (japanisch) und Squid Game erwähnt. Ich schrieb 2012:

Wer schon schon einmal koreanische Filme gesehen hat, was ich auf Anraten guter Freunde vor längerer Zeit schon tat, der weiß: Jetzt wird es anspruchsvoll, der Intellekt strafft und reckt sich voll Vorfreude, etwas zu tun zu bekommen, und die US-Amerikaner muss samt Hollywood draußen bleiben. Sorry, das versteht ihr nicht.

„The Glory“ besticht vor allem wegen der herausragenden Schauspielerei der Hauptdarstellerin Song Hye-kyo und ihrer Kontrahentin Lim Ji-yeon. Die Männer hingegen fallen ab und sind für den Plot auch nicht so wichtig.

Eine Rezension: „Der südkoreanische Rachethriller setzt sich mit einer düsteren Thematik auseinander und ist ein ziemlich betrübendes, aber gleichzeitig wahnsinnig spannendes Streaming-Erlebnis. Das K-Drama handelt von der Grundschullehrerin Dong-eun (Song Hye-kyo), die während ihrer Schulzeit von einer Gruppe wohlhabender Klassenkameraden brutal schikaniert und körperlich misshandelt wurde. Das Mobbing ging sogar soweit, dass das Mädchen die Schule gegen ihren Willen verlassen musste, heimatlos wurde und alles, wovon sie geträumt hat, aufgeben musste. 20 Jahre später hat Dong-eun einen perfiden Racheplan geschmiedet, bei dem nicht nur ihre Peinigerin Yeon-jin (Lim Yi-jeon) und deren Clique ihr Fett weg bekommen soll, sondern auch jeder Erwachsene, der damals tatenlos zusah, wie das reiche Mädchen eine Klassenkameradin nach der anderen quälte.“

Das allein wäre gar nicht so spannend. „The Glory” basiert auf einem wahren Fall, der sich im Jahr 2006 an einer koreanischen Mädchenschule ereignet hat, wie der True-Crime-YouTube-Kanal Dark Asia erläutert.“

Dieser Film enthält – im Gegensatz zu allen ähnlichen Hollywood-Produktionen ein klassenkämpferisches Element: Die Reichen dürfen alles, und die Armen und Unterdrückten haben kaum eine Chance, etwas dagegen zu tun. So offen würde das kein deutscher Film zeigen – dort geht es ja immer auch um die typisch deutsche „Sozialpartnerschaft“.

Mich hat die Song Hye-kyo von Anfang an fasziniert, was auch damit zu tun hat, dass ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich sie attraktiv finde oder nicht. Sie spielt ihre Rolle mit extrem spärlicher Mimik, aber dennoch schillernd: Guckt sie nun depressiv und melancholisch? Oder wie eine finstere Rachegöttin? „Normal“ wirkt sie nur, wenn sie lacht, was aber fast nie vorkommt und dann nur eine Millisekunde lang. Das oszilliert zwischen abstoßend, furchterregend und spannend. Mein limbisches System befahl mir, immer weiterzugucken.

Lim Ji-yeon spielt süß und hübsch und verwandelt sich dann urplötzlich in eine ekelhafte fiese Schlampe und wieder zurück. Das Duell der beiden Frauen wird immer intensiver; sie verkrallen sich ineinander, als die Antiheldin irgendwann merkt, dass die Kontrahentin es auf sie und ihre Peer Group abgesehen hat.

Bisher habe ich in südkoreanischen Filmen auch immer zweite Ebene bemerkt. (Ausnahme: Mercy for None: Dort geht es um permanente Schlägerei, nur dass die Gangster – im Gegensatz zu US-Filmen – bürgerlich-korrekt gekleidet sind, nicht herumballern und sich gegenseitig verbeugen, bevor sie sich verprügeln.)

Bei „The Glory“ sagt die Heldin zu Kindern, sie sei kein guter Mensch, sondern böse. Da haben wir das typische Motto: Was heißt moralisches Handeln, und muss das sein, und warum und wann?

Ich schrieb am 03.10.2025: Was mir auch bei dem koreanischen Beyond the Bar auffiel: Die Moral wird dem Holzhammer eingebläut, so subtil, wie ich über Israel schreibe.

Das ist bei „The Glory“ wesentlich indirekter, also besser,

the great flood

Bei The Great Flood habe ich den Plot erst fast am Ende kapiert. Zu meiner Entschuldigung muss ich anmerken, dass ich den immer nur häppchenweise nach 12-Stunden-Schichten ansah, zum Einschlafen, und vielleicht zu müde dafür war. Außerdem mag ich die Heldin Kim Da-mi nicht; sie geht mir auf die Nerven (was natürlich an ihrer Rolle liegt).

Wer wasserscheu ist, sollte sich den Film nicht ansehen: Alles ist immer voller Wasser, und alle fallen ständig hinein. Zuerst dachte ich: Postapokalyptischer Katastrophen-Tsunami-Film, was das Filmplakat suggeriert.

Nach einiger Zeit wird es dann völlig anders. Zeitschleife? Aha – die Heldin muss also die stressigen Ertrink- und Kinderrettungsaktionen solange wiederholen, bis sie die richtige Methode gefunden hat – wie in Groundhog Day („Und täglich grüßt das Murmeltier“.)

Nein, auch das ist verkehrt. Ich will den Plot nicht verraten, aber ich hatte große Probleme, ihn herauszufinden. Eine Rezension: „Nur so viel: Aus dem regulären Katastrophenfilm wird ein Science-Fiction-Werk, das eine völlig andere Richtung einschlägt. Das Ergebnis ist jedoch etwas zwiespältig. Auf der einen Seite ist die Überraschung groß. The Great Flood spricht auch interessante Themen an, über die man im Anschluss durchaus nachdenken kann. Der Film fordert an diesen Stellen durchaus die Zuschauer heraus.“

Eben – aber nur, wenn man den europäischen Zuschauer als Maßstab nimmt.

Aramäische Papyri aus Elephantine

Papyri

Mit welchen Wörtern der Überschrift kann das Publikum nichts anfangen?

Im Ernst: Manchmal gönne ich mir für zwischendurch etwas Schmökerei, die zu fast gar nichts nützlich ist. Die Muse der Gelehrsamkeit an sich küsst mich. Ich hatte die Literaturangabe irgendwo bei Barbara Schmitz gefunden, aber noch nie etwas von diesen besagten Papyri gehört.

Warum ist das interessant? Es könnte Verehrer höherer Wesen der jüdischen Art beunruhigen. Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

„Die Elephantine-Papyri sind eine Reihe verschiedener Papyri, die auf der ägyptischen Nilinsel Elephantine in der Nähe von Assuan gefunden wurden. Die dort ansässige Militärkolonie beherbergte Söldner verschiedener Herkunft, darunter griechische, phönizische und syrische Gruppen. Das Wüstenklima begünstigte den Erhalt von Papyrus, daher finden sich aus einer Zeitspanne von rund 1000 Jahren entsprechende Dokumente in Demotisch, Altgriechisch, Aramäisch, Latein und Koptisch.“

Jetzt die Pointe: „In Elephantine gab es schon vor dem Jahr 525 v. Chr. eine jüdische Kolonie, die einen eigenen JHWH-Tempel mit Opferkult hatte. Otto Rubensohn fand bei seinen Ausgrabungen das Archiv der jüdischen Gemeinde“. (Chapeau, Hugo Ibscher! Solche Leute wie Dich gibt es in Deutschland nicht mehr.)

Die hatten da einen jüdischen Tempel. Nicht in Jerusalem. Nein, auf einer Insel im Nil. Und wenn es da einen gab, dann existieren auch andere davon.

Was sagt denn die Tora-kundige KI?

„Ein zentrales Beispiel aus der Tora, das zeigt, dass es nur einen legitimen Ort für Opferkult / Tempel geben soll, steht in Devarim (Deuteronomium) Kapitel 12.

Sondern nur an dem Ort, den der HERR, euer Gott, aus allen euren Stämmen erwählen wird, um seinen Namen dort wohnen zu lassen, dorthin sollt ihr gehen. Dorthin sollt ihr eure Brandopfer, Schlachtopfer, Zehnten und Weihegaben bringen

– Die Tora verbietet ausdrücklich mehrere Opferstätten,
– Opfer dürfen nicht dezentral oder privat dargebracht werden,
– Es gibt einen einzigen von Gott erwählten Ort.“

Ach. Ach was.

Der Fall von Akkon

Falafel

Ich freue mich schon auf die spannende Lektüre, zumal ich die Reste der Kreuzfahrer-Festung vor zwei Jahren selbst erkundet habe.

Der lange Fahrradmarsch

Der lange Fahrradmarsch

Ich empfehle ein Buch, das ich zwar schon habe, aber noch nicht lesen konnte: Der lange Fahrradmarsch von Christian Y. Schmidt und Volker Häring. Allein schon die Idee ist großartig. Ich war richtig neidisch, als ich davon hörte. Ohne Chinesisch zu verstehen würde ich mir das aber nicht zutrauen. Und Fahrradmechaniker muss man vermutlich auch sein.

Es gibt Artikel dazu in der Berliner Zeitung (Paywall), von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V., im Rolling Stone. angeblich auch in der vorletzten Printausgabe der Konkret – da habe ich aber nichts online gefunden.

Nun sage niemand, man könne in den Zeiten von Google und Handys keine richtigen Abenteuer mehr erleben!

Der lange Fahrradmarsch

Alice in Borderland

alice in borderland
Screenshots: Burks

Empfehlenswert – mit Abstrichen wegen der großen kulturellen Differenz: Alice in Borderland auf Netflix. (Ich bin erst am Ende der ersten Staffel angelangt, weil ich Filme nur zum Einschlafen ansehe, also jeweils eine halbe Stunde oder so… Nur sehr selten muss ich mich zwingen abzuschalten – das war das letzte Mal bei Yellowstone der Fall.)

Die Serie läuft schon ein paar Jahre. Die Algorithmen spülten sie mir aber erst jetzt zu.

Die gute Nachricht: Japanische Filme sind ohnehin immer um Klassen intelligenter als US-Produktionen, wie auch südkoreanische. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals etwas Logisches in einem Film nicht verstanden hätte. Aber hier kommt irgendwann ein dialektisches Rätsel vor, das gelöst werden muss, weil sonst alle störben – und der Held ist dafür zuständig. Ich habe das nicht kapiert, zumal auch extremer Zeitdruck bestand.

Der Plot ist einfach und bekannt und ähnelt Squid Game. Eine Gruppe von Leuten ist aus unbekannten Gründen irgendwo eingesperrt und muss Aufgaben lösen, bei denen die meisten draufgehen. Das ist per default spannend, kann aber unendlich oft wiederholt werden. Eine Allegorie auf: Je ein Kapitalist schlägt viele tot?

Die „schlechte“ Nachricht: Die Reaktionen der Hauptdarsteller Kento Yamazaki und Tao Tsuchiya – auch auch die der anderen – sind manchmal so unverständlich und europäischem Verhalten fremd, dass man nicht versteht, warum die so sind und was das japanische Publikum dabei denkt.

Beispiel: Die äußerst attraktive Heldin liegt in einem winzigen Zelt, der Held draußen und wird von Moskitos und anderem Getier zerstochen. Sie bittet ihn hinein, beide sind nur leicht bekleidet und haben schon einiges gemeinsam hinter sich – aber nichts passiert. Sie liegen starr nebeneinander wie Ölgötzen. No sex please, we are Japanese?

Oder: Die beiden mussten sich trennen, um ihr Leben kämpfen und treffen sich unvermittelt in einer Menschenmasse wieder, laufen aufeinander zu. In jedem Ami – oder europäischen Film würden sie sich um den Hals fallen, weil man sogar sieht, wie sie sich freuen. Aber die Usagi (Tao Tsuchiya) in scharfen Hot Pants zieht sich erst mal das Hemd über den Oberkörper, obwohl ihr Badeanzug extrem züchtig ist, und beide bleiben voreinander stehen. Es fehlt nur noch, dass sie sich formell die Hände schüttelten und sich verbeugen. Spätestens hier wäre in Hollywood der erste Kuss angesagt. Vermutlich hat das damit zu tun, dass „öffentlich“ und „privat“ in Japan viel stärker getrennt ist. Ich weiß es nicht.

Auch das Agieren des Helden finde ich oft albern. Er ist ein richtiges weinerliches Weichei, den man schnell erschrecken kann und der – für unser Empfinden – emotional total überreagiert, so dramatisch und kitschig wie die Protagonisten in der Peking-Oper. Manchmal so langatmig wie ein Beziehungsgespräch, so dass ich auf Vorlauf gedrückt habe.

Die Heldin scheint im Film gleichaltrig zu sein, agiert aber in Relation zu ihm mehr – fast immer – als sexy MILF. Frauen und Männer mögen absolut klischeehaft wirken, sind aber de facto gleichberechtigt. Sie sehen auch ähnlich aus: Der Held wirkt androgyn und nicht klassisch „männlich“.

Spätestens in solchen Szenen wird deutlich, dass der Film eine Adaption des gleichnamigen Mangas (erschienen 2010-2016) bzw. Anime ist: Die Schauspieler handeln charakterlich „tiefgründig“ wie im Comic Strip. Die Japaner könnten das anders. Also muss es Absicht sein. So etwas kriegen eh nur die hin. Deutsche Comics in Serie (gibt es das überhaupt?), verfilmt auf Streaming-Portalen? Undenkbar oder nur für zwölfeinhalb Zuschauer gedacht.

Manga sind japanische Comics oder Graphic Novels, die man liest (meist schwarz-weiß, von rechts nach links).
Anime sind japanische Zeichentrickfilme oder -serien, die man anschaut (oft basierend auf Mangas, aber nicht immer).
👉 Kurz: Manga = Lesen 📖 | Anime = Schauen 🎬.

Was ist also der Sinn des Ganzen, neben normaler Action und Unterhaltung?

Was mir auch bei dem koreanischen Beyond the Bar auffiel: Die Moral wird dem Holzhammer eingebläut, so subtil, wie ich über Israel schreibe. Nach dem Motto: Der Held ist ein Gamer und Nichtsnutz, und während er um sein Leben kämpfen muss und das Blut herumspritzt, dämmert es ihm, dass er vielleicht doch nicht seine Zeit mit Computerspielen vergeuden sollte.

Das kommt so oft und so drastisch, dass man laut schreien möchte: Da wäre ich jetzt von allein nicht drauf gekommen!

Trotzdem: Gute blutrünstige Unterhaltung.

alice in borderland

Unter Illusionsmaschinisten

KI
Beschriftung der Armbänder, Schärfe- und Licht-Relation zwischen Vorder- und Hintergrund: Die Dame ist attraktiv, aber eindeutig KI-generiert.

Wieso denke ich derzeit oft an das Spiel „Schiffe versenken“?

Was haben Gamedesigner, etwa in Secondlife (wie ich), Opernhäuser, Schriftsteller und Künstliche Intelligenz gemeinsam? Sie erzeugen Illusionen für das jeweilige Publikum. Das kann man als Kunst oder Handwerk beschreiben oder als eine Mischung aus beidem.

Wenn man die Technik, die dahintersteckt, genauer ansieht, bekommt man Respekt vor dem, was alles nötig ist, um die Augen und Sinne der Rezipienten hinter’s Licht zu führen und ihnen etwas vorzugaukeln.

Ich arbeite sehr oft in der Berliner Staatsoper und kann – vor allem nachts – im Sinne des Wortes hinter und auch unter die Kulissen schauen. Unter der Hauptbühne sind drei (!) Etagen Technik. Wenn man also im dritten Untergeschoss steht und nach oben sieht, kommt man sich vor wie in einem gotischen Hallendom, der komplett verkabelt ist. Mehr als hundert Techniker arbeiten, um einen Chor, ein Orchester und Sänger zum Musizieren zu bringen. Dazu kommt die Kostümerie.

KI
Man beachte die unrealistische Spiegelung auf dem linken Oberschenkel der Dame in altrosa: Eindeutig KI-generiert bzw. enhanced. Auch die Unterarme sehen nicht natürlich aus – ein weiteres Indiz.

Auch die Technik, die hinter den Sims in Secondlife steckt, also den virtuellen Environments, in dem Avatare herumlaufen, ist wahnsinnig kompliziert, vor allem auch deswegen, weil man das nicht in einem Handbuch nachlesen kann, sondern nur per learning per doing – und man braucht jahrelange Erfahrung. Es erzeugt das Gefühl, ein Maschinist zu sein, der an vielen Hebel gleichzeitig herumfummeln muss, um die Dinge zum Laufen zu bringen.

Auch Leute, die gute Geschichten schreiben, erzeugen Illusionen. Vor dem inneren Auge der Leser entfalten sich Welten, und sogar mehr, als der Verfasser planen kann. Ich lese gerade, um mich abzulenken und zu entspannen, Thomas Manns Buddenbrooks. Und das kam so: Neulich fand ich partout auf Netflix keinen Film, der sich zum Einschlafen eignete, und stöberte in meiner Sammlung von CDs und fand die Verfilmung des Romans mit Armin Müller-Stahl und Iris Berben. Man kann sich das heute noch ansehen, aber auch jederzeit wieder ausschalten mit dem Gefühl, nichts zu verpasst zu haben, wenn man nicht weiterschaut. Die zweieinhalb Stunden Film sind also 729 Seiten Roman. Ich suchte in meiner Bibliothek und fand auch das – noch nie gelesene – Buch, das ich für ein paar Mark in den 70-ern irgendwo auf einem Trödelmarkt gekauft hatte.

Die „Buddenbrooks“ hat es nie gegeben – alles natürlich erfunden. Das muss man erst einmal nachmachen. Ein Schriftsteller kann aber kein Wort über etwas verfassen, was ihm noch nie irgendwo und irgendwie in irgendeiner Form begegnet ist (Deswegen bin ich 1998 nach Venezuela gereist.)

Auch die mittlerweile doch recht zahllosen KI-Mädels auf Instagram sind pure, aber attraktive Illusionen. Ich gräme mich, dass ich das nicht kann bzw. – auf Grund meiner Präferenzen – keine Zeit finde, mir das beizubringen. „Was machst du beruflich?“ – „Ich erzeuge hübsche spärlich bekleidete Damen, die Zehntausende Follower in sozialen Medien haben und mir Geld einbringen.“

Neben der Schriftstellerei und dem Gamedesign wäre das mein dritter „Beruf“ als Illusionsmaschinist.

KI
Schwer zu beurteilen, aber im Profil der Dame steht „AI Influencer“ – das ist schon richtig gut gemacht.

Die Zukunft

future

Fällt es nur mir auf, dass es kaum noch gute Science Fiction gibt? Die meisten Filme sind woker Fantasy-Schrott oder Fast-and-Furious-Versionen mit pseudofuturistischen Mobilgeräten Fahrzeugen. Meine These dazu: Da niemand eine positive Vision hat, wie die Zukunft aussehen könnte, fällt allen nur noch an Postapokalypse ein.

Das war mal anders, wenn man an die sowjetische Science Fiction denkt wie an Konstantin Ziolkowski oder die Gebrüder Strugatzki. Oder an den Ausnahmeschriftsteller Stanislaw Lem, der die Science Fiction aus den Niederungen der Populärliteratur in die Höhen der ernst zu nehmenden Literatur gehoben hat. (Den Unterschied gibt es im angelsächsischen Raum gar nicht.)

future

Der Kapitalismus bringt keine Ideen hervor, die ihn selbst als Vergangenes schildern könnten. Entweder gibt es reaktionäre Zurück-zur-Natur-Fantasien wie in Aufbruch nach Pandora oder der Klassengegensatz zwischen Kapital und Arbeit wird noch auf die Spitze getrieben wie in Elysium oder Snowpiercer.

Die meisten anderen Plots drehen sich um aufsässige Roboter oder um die Begegnung mit den ganz Anderen aka Aliens – beide Themen hat Lem schon vor mehr als einem halben Jahrhundert optimal literarisch dargestellt (Die Verhandlung, Solaris).

future

Meine Fantasie reicht aus, um mir die Welt in ferner Zukunft umrissartig vorzustellen. Man muss nur die einzelnen relevanten Variablen extrapolieren.

Verfügbarkeit von Informationen: Informationen als Resultat dessen, was der Homo sapiens über seine Welt denkt und welche Schlüsse er zieht, wurden schon immer ausgelagert, um sie mehreren zugänglich zu machen und sie gleichzeitig zu speichern, damit man später noch etwas davon hat. Der Codex des Hammurabi unterscheidet sind prinzipiell nicht von der Gutenberg-Bibel oder dem Internet.

Man kann sich natürlich vorstellen, dass um den Zugang zu Informationen gekämpft werden wird. Informationen sind genau so eine Ressource wie Rohstoffe. Aber wenn man sich langfristigen Trend seit Beginn der Menschheit ansieht, geht es doch, mit Unterbrechungen, in die Richtung: Alles könnten alles wissen, wenn sie nur wollten.

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Aussehen. Auch hier haben sich die Basics nicht groß geändert: Der Mensch bedeckt seinen Körper halbwegs. Wenn der Homo sapiens im Sinne des Wortes vielleicht zur Vernunft kommt und aufhörte, höhere Wesen zu verehren, würde die Kleidung nicht unbedingt so puritanisch sein wie heute, sondern vielleicht sogar der in der minoischen Zeit vor vier Jahrtausenden ähneln. Solange Christentum und der Islam aber noch eine Rolle spielen, bleiben nackte Brüste tabu.

Lange oder kurze Haare: Lange Haare bei Männern, ohne irgendwie „frisiert“ zu sein, sind in der Geschichte eher selten, auch wenn uns zahllose Germanen- und „Barbaren“-Filme etwas anderes weismachen wollen. Der Suebenknoten kommt gerade wieder in Mode. In soldatisch geprägten Kulturen trug der Mann Kurzhaar. Oder auch: Je patriarchalischer die Kultur, um so mehr haben die Frauen lange Haare und die Männer kurze (Israel ist ein gutes Beispiel!)

In einem Science-Fiction-Film müsste man schon sehr viel Fantasie haben, um sich Frisuren auszudenken, die es noch nie gegeben hat.

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Ökonomie: Wir stellen uns eine Wirtschaft vor, die viel höher entwickelt ist als unsere jetzige – ein Gesellschaft, in der die grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sind: Energie und Nahrung. Das wäre jetzt schon theoretisch möglich, aber der Kapitalismus will es nicht so.

Alle Informationen über den Bedarf müssten den Produzenten von Waren fast in Echtzeit zur Verfügung stehen. Das machte rationales Wirtschaften möglich. „Ich kann morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht betreiben, nach dem Essen kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne jemals Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu werden.“

Warum kommt keinem Autor die Idee, so etwas zu beschreiben? Die KI könnte wunderbare Bilder dazu liefern. Natürlich gäbe es genug Konflikte, da der Mensch an sich nicht nur nach dem Guten, Schönen und Wahren strebt, sondern auch nach dem Bösen – weil er es kann.

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Mobilität: Unerreichter Standard hierzu ist Bladerunner. Ich würde es aber ganz anders darstellen. Individualverkehr und die dazu passenden Fahrzeuge, mögen sie auch aus dem Stand fliegen können, haben keine Zukunft, zumindest nicht in hoch verdichteten Städten. Man kommt viel schneller staulos irgendwo hin mit Metro, Straßenbahn oder Hochgeschwindigkeitszügen. Oder mit motorisierten Zweirädern. Oder man reitet auf Robotern.

Oder man fragt sich: Warum muss ich überhaupt weg, wenn mir alles ins Haus geliefert wird und ich jederzeit per Video jeden sehen kann, den ich sehen will?

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Waffen: Auch hier, wie beim Fahrzeug. Individuelle Bewaffnung hat keine Zukunft oder ist nur eine mehr oder wenige irrelevante Option im close combat Die gehört Drohnen in jeder Größe und mobilen künstlich intelligenten Robotern. Warum sollten sich Menschen der Gefahr aussetzen, getötet zu werden?

Steuerknüppel, Joystick, Knöpfe oder Schalthebel sind die Waffen der Zukunft. Unbemannte winzige Drohnen hat schon Frank Herbert beschrieben.

future

Wie weit in die Zukunft hinein kann man spekulieren? Was würden Beethoven und Marx von der Welt noch verstehen, wenn sie heute wieder aufwachten? Oder Kaiser Augustus?

Wir geraten automatisch ins Lemsche Dilemma, wie in „Solaris geschildert“: Etwas, das uns fremd ist, kapieren wir nicht. Imitation ohne Plan ist dann die einzige Form der Kommunikation. Es geht auch den Aliens so, wie in Der Unbesiegbare.

Was würden wir verstehen, wenn man uns die Welt in 100 Jahren zeigte? Sprechen dann alle Mandarin, loben den Kommunismus, und Frauen zeigen nackte Brüste?

future

Ich vergaß Sex. Was auf jeden Fall wegfallen wird, weil erst vom Kapitalismus erschaffen, ist die eheliche Treue. Die Ehe ist primär ein Entschluss, gemeinsam zu wirtschaften und Kinder großzuziehen, aber keinesfalls, nur mit einer Person Sex zu haben. Leider werde ich diese Zeit vermutlich nicht mehr erleben. Oder es geschieht ein Wunder…

future

Drei Filmchen

fall for me

Ich empfehle drei Filmchen auf Netflix. Sie sind nicht herausragend, aber ich finde kaum noch Filme, die mich fesseln – der letzte war Yellowstone.

Fall for me ist trotz des Titels ein deutscher Film, der auf Mallorca spielt. Das Label „Erotikthriller“ ist natürlich nur da, um die nicht besonders originelle Story interessanter zu machen.

Die Hauptdarstellerin Svenja Jung ist überhaupt nicht mein Typ, obwohl sie ein äußerst attraktives Mädel mit vielen körperlichen Vorteilen ist. (Ich kannte die gar nicht, weil ich kein deutsches Fernsehen gucke.) Aber ihre Augen hinterlassen einen bleibenden Eindruck und auch ihre Präsenz – im Gegensatz zu den anderen Schauspielerinnen.

Die Jung ähnelt übrigens frappant einer jugendlichen Jodie Forster und könnte die glatt doubeln, ohne dass das jemand merkte. Sie ist, wenn man die Fotos online vergleicht, sehr wandlungsfähig und würde eine 20-jährige, aber auch eine MILF spielen können, die doppelt so alt ist. Man muss aber schon anmerken, dass Kelly Reilly eine Klasse besser ist.

Der Plot – na ja. Man weiß vorher, was kommt. Grundstücke, die jemand besitzt und die jemand anderes haben will. Die Hauptdarstellerin ist „Wirtschaftsprüferin“, weil „Immobilienmaklerin“ jedem gleich mit dem Holzhammer verraten hätte, worum es geht. Und jeder hintergeht jeden.

Fazit: Nicht allzu tiefgründig, aber nett anzuschauen.

zwei gräber

Zwei Gräber (Dos Tumbas) ist ein spanischer „Thriller“, der in Andalusien spielt) und den ich natürlich OmU ansehe).

Aus einer Rezension: „…ein düsterer und kraftvoller Beitrag zur blühenden Landschaft des zeitgenössischen europäischen Thrillers. Als kompakte, dreiteilige Miniserie präsentiert sie eine Erzählung über tiefen Verlust, die sich zu einer grimmigen Suche nach Vergeltung auswächst. Die Serie etabliert ihre düstere Prämisse mit brutaler Effizienz: Zwei Jahre sind seit dem Verschwinden von Verónica und Marta, zwei 16-jährigen Freundinnen, vergangen. Der Fall ist zu den Akten gelegt und von den Strafverfolgungsbehörden aufgrund eines völligen Mangels an Beweisen oder plausiblen Verdächtigen offiziell geschlossen worden. Diese institutionelle Kapitulation wird zum auslösenden Moment der Erzählung und aktiviert eine Kraft, die entschlossener ist als der Staat selbst. Die Protagonistin ist keine hartgesottene Ermittlerin oder ein rachsüchtiger Vater, sondern Isabel, die Großmutter eines der vermissten Mädchen.“

Eine Großmutter (Kiti Mánver) auf Vendetta, die auch noch mit einem Verbrecherboss kooperieren muss, weil der ebenfalls seine Tochter verloren hat und auf Rache sinnt. Das ist originell. Der Film schlägt auch einige überraschende Volten, dass man gut unterhalten wird.

Erst das Ende erklärt den Titel des Films: „Wer auf Rache aus ist, der grabe zwei Gräber.“ Sagte Konfuzius. Auf die pädagogisch wertvolle Moral von der Geschicht‘ muss jeder selbst kommen.

Beyond the bar

Beyond the Bar ist eine koreanische Version der US-amerikanischen Anwaltsserie Suits. Die Hauptdarstellerin Jung Chae-yeon als Kang Hyo-min sieht mit ihrem Schmollmund extrem süß aus und ist im Film, soweit ich das verstanden habe, eine Art Legasthenikerin, aber dafür genial in der Juristerei. Ihr Mentor Lee Jin-wook spielt ein knallhartes Arbeitstier. Lee Jin-wook as Yoon Seok-hoon findet schon eine zweiminütige Verspätung völlig indiskutabel und einen mehr als 12-stündigen Arbeitstag normal.

Koreanische Filme sind ganz anders. Ich finde es gewöhnungsbedürftig, wenn man immer den Eindruck bekommt, man sei zu doof, um den komplizierten Plot zu verstehen oder die Schauspieler seien alle wesentlich intelligenter als man selbst. Mit Hollywood-Filmen passiert das nie; da muss dem Publikum auch noch indirekt erklärt werden, dass die Erde keine Scheibe oder dass der Tyrannosaurus Rex schon ausgestorben ist.

Ich verstehe auch mindestens die Hälfte der Gesten und die Mimik und die emotionalen Reaktionen nicht. Aliens wären mir vertrauter. Aber das macht den Film sehr interessant: Oberflächlich sind das alle Menschen, die Anzug und Schlips oder Stöckelschuhe das kleine Schwarze tragen und einen nicht außergewöhnlichen Beruf haben und die man sich auch in Berlin vorstellen könnte, aber sie agieren manchmal total anders als wir. Oder man kapiert überhaupt nicht, warum sie ausgerechnet so reden oder handeln.

Ich fürchte, dass Koreaner viel mehr und besser unterhalten werden, weil sie alles verstehen, auch das Untergründige und die Anspielungen. Die würden sicher sagen, dass der Film bei europäischen Zuschauern Perlen vor die Säue geworfen sei.

Unterhaltsam ist die Serie auf jeden Fall. (Omu mit deutschen Untertiteln.)

Putita oder: En el barro

im Dreck
Alle Screenshots Netflix/Burks

Ich empfehle wärmstens „Im Dreck“ (Spanisch: El el barro), ein argentinischer Film auf Netflix über den (fiktiven) Frauenknast „La Quebrada“ (Spanisch: „Die Schlucht“, metaphorisch für einen abgelegenen Ort).

Der Plot ist nicht neu, sondern entspricht in etwa dem von Orange is the New Black. „Im Dreck“ ist noch besser – und die Charaktere realistischer.

Das Publikum mag mir zunächst verzeihen, dass ich befangen bin: Ich schaue den Film natürlich in Spanisch, weil ich den Tonfall einfach liebe. Spanisch ist die Sprache, die sich vom Klang her am besten dazu eignet, wenn man jemanden anschreien und beleidigen will. Nebeneffekt: Man lernt unzählige Schimpfwörter und Flüche dazu (was natürlich zu erwarten war). „Putita“ etwa habe ich sofort erkannt: „Puta“ ist die Prostituierte, aber in Lateinamerika wird vieles mit der Verkleinerungsform -ita benutzt – also: Du kleine Hure! (Ich muss mir das alles aufschreiben, falls ich je wieder in ein Land reise, in dem Spanisch gesprochen wird.)

im Dreck

Für die hier mitlesenden Spanner und Voyeure und lüsternen alten Herren: Es kommen zahlreiche nackte Frauen vor, es werden heimlich Pornos im Knast gedreht, und natürlich gibt es Lesben- und anderen Sex.

Die Stimmung ist aber insgesamt düster, hart, Gewalt ist selbstredend an der Tagesordnung. Philosophische Frage aus dem Off: wie entsteht Solidarität und warum, wenn alle gegen alle ums Überleben kämpfen?

Ich habe nur wenige aussagekräftige Rezensionen gefunden. „Diese achtteilige argentinische Serie ist keine eigenständige Produktion, sondern ein mit Spannung erwartetes Spin-off des von der Kritik gefeierten Kriminaldramas El Marginal, einer Serie, die das Gefängnisgenre mit ihrer rohen Wirklichkeitsnähe und komplexen Charakterstudien neu definierte“. (Werde ich mir gleich danach ansehen – aber nur Frauen ist natürlich interessanter, weil es vom Plot „Männer im Knast“ schon fantastilliarden Versionen gib.)

im Dreck

Ich empfehle die Serie vor allem wegen der Schauspielerinnen. Insbesondere Valentina Zenere hat mich gefesselt (ich habe sie auf dem Wikipedia-Foto gar nicht sofort wiedererkannt). Die wechselt von einem Augenblick zum anderen vom viel zu jungen Höhere-Tochter-und-Model-Look zur abgebrühten Porno-Diva. Auch die anderen Latinas spielen umwerfend, und einige sehen auch so aus. (Maria Beccera hat fast 15 Millionen Follower auf Instagram). Die Kolumbianerinnen – allesamt lechz!

Am meisten gefallen mir aber die alten, abgezockten Frauen, die das Sagen haben: Lorena Vega, neben der Zenere die heimliche Hauptdarstellerin (und exakt mein – natürlich erfolgloses – Beuteschema – und sogar nicht zu jung). Und Ana Garibaldi und noch einige andere. Durchweg großartige Schauspielerei.

Ich bin erst bei der vierten Folge, und das Niveau bleibt gleich hoch. (Wer die Serie nicht OmU sieht, kommt in den nächsten See mit einem Gewicht an den Füßen.)

Tage des Zorns

foure riders of the apokalypse
Albrecht Dürer ist zum Thema unübertroffen, aber die KI ist auch nicht schlecht.

Nein, natürlich verfolge ich die Weltläufte alles. Ich google auch nach „Hannover“ und „Gaza“ und wende ich wieder mit Grausen ab.

Palim, palim. Guten Abend. Darf ich mit Ihnen über die Apokalypse reden? Nein? Dann noch einen schönen Abend!

Da erschien ein anderes Pferd; das war feuerrot. Und der auf ihm saß, wurde ermächtigt, der Erde den Frieden zu nehmen, damit die Menschen sich gegenseitig abschlachteten. Und es wurde ihm ein großes Schwert gegeben.

Krieg und Experten für Krieg, entsetzliche Videos von Geiseln. Vulkanausbrüche. BrahMos.

Da sah ich und siehe, ein fahles Pferd; und der auf ihm saß, heißt der Tod; und die Unterwelt zog hinter ihm her. Und ihnen wurde die Macht gegeben über ein Viertel der Erde, Macht, zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde.

Der Bundeskanzler meint, er müsse Israel vorschreiben, was zu tun und zu lassen sei. (Einfach mal die Kresse halten!) Es ist alles nicht zum Aushalten. Estland baut Tore an der Grenze zu Russland.

Und ich sah: Das Lamm öffnete das sechste Siegel. Da entstand ein gewaltiges Beben. Die Sonne wurde schwarz wie ein Trauergewand und der ganze Mond wurde wie Blut. Die Sterne des Himmels fielen herab auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine Früchte abwirft, wenn ein heftiger Sturm ihn schüttelt. Der Himmel verschwand wie eine Buchrolle, die man zusammenrollt, und alle Berge und Inseln wurden von ihrer Stelle weggerückt

Merksatz. Wer einen Krieg beginnt und dann verliert, sollte sich nicht zum Opfer stilisieren. Die Deutschen waren ein Tätervolk und Mitläufer. Die Araber in Gaza sind kein „Volk“, aber Täter und Mitläufer. Selbst schuld – wie die Einwohner von Dresden.

Und der erste Engel posaunte: und ward ein Hagel und Feuer mit Blut gemenget, und fiel auf die Erde. Und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grün Gras verbrannte. Und der andere Engel posaunte: und es ward als ein großer Berg mit Feuer brennend, ins Meer geworfen; und der dritte Teil des Meers ward Blut; und der dritte Teil der lebendigen Kreaturen im Meer starb, die Leben hatten; und der dritte Teil der Schiffe verderbet. Und der dritte Engel posaunte: und es fiel ein großer Stern vom Himmel, brennend wie eine Fackel; und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme, und auf die Wasserbrunnen. Und des Sterns Name heißet Wermut. Und der dritte Teil der Wasser ward Wermut; und viele Menschen starben von den Wassern, denn sie waren bitter worden. Und der vierte Engel posaunte: und ward geschlagen der dritte Teil der Sonne, und der dritte Teil des Mondes, und der dritte Teil der Sterne, dass der dritte Teil verfinstert ward, und der Tag nicht scheinet den dritten Teil, und die Nacht desgleichen.

Nein, Alice Weidel ist nicht tot.

Und die vier Engel wurden losgebunden, die bereit waren auf die Stunde und auf den Tag und auf den Monat und auf das Jahr, dass sie töteten den dritten Teil der Menschen. Und die Zahl des reisigen Heers war viel tausend mal tausend; ich hörte ihre Zahl. Und also sah ich in Gesichte die Pferde, und die darauf saßen, dass sie hatten feurige und blaue und schwefelgelbe Panzer; und die Häupter der Pferde waren wie der Löwen Häupter, und aus ihren Mündern ging Feuer und Rauch und Schwefel.

Soll ich im Oktober den Tempelberg besuchen? Nein, Tagesschau, die Anerkennung eines „palästinensischen“ Staates ist mitnichten ein Thema, nur bei euch. „Israelische Regierung reagiert kaum auf Druck“. Würde ich auch nicht. Man kennt das alles schon. Ich würde noch zusätzlich den Mittelfinger zeigen.

Und er sagte zu mir: Versiegle dieses Buch mit seinen prophetischen Worten nicht! Denn die Zeit ist nahe..

Der Kreis und das Richtige tun

the circle

Ich empfehle „Der Kreis“ auf Netflix.

Die Handlung ist so eine Art abgewandelter Squid-Game-Plot:

Fünfzig Personen, darunter ein Kind, wachen im Kreis stehend auf. Sie befinden sich in einem Raum, in dessen Mitte eine kleine, schwarze Kuppel in den Boden eingelassen ist. Um die Kuppel herum sind, ebenfalls kreisförmig angeordnet, rote Pfeile eingezeichnet, die auf die Personen zeigen. Die Personen selbst stehen auf roten Markierungen. Es beginnt ein tödliches Spiel, bei dem per Abstimmung alle zwei Minuten eine Person gewählt werden muss, die durch einen von der Kuppel ausgehenden Blitzschlag getötet wird. Selbiges passiert, wenn eine Person ihre Markierung verlässt. Nachdem klar wird, dass sich das System nicht durch eine Manipulation der Abstimmungen überlisten lässt, beginnen die Beteiligten darüber zu verhandeln, welche Umstände ein Leben erhaltenswerter machen.

Man merkt sofort: Großer moraltheologisches Theater, und man befürchtet zu recht, die schlimmsten Abgründe des menschlichen Verhaltens würden sich auftun. Mir gefällt der Zynismus des Plots: Die dünne Schicht zivilisatorischen Verhaltens ist schnell abgekratzt, wenn es nur noch ums Überleben geht. Interessant ist auch im Gegensatz zu den unzähligen Gestrandet-auf-einer-Insel-Plots: Die Protagonisten dürfen ihren Platz nicht verlassen, sondern kämpfen nur mit Worten, also Gruppendynamik vom Feinsten.

Man könnte den Film auch sehr gut als Theaterstück aufführen. Die Handlung ist dicht; man hat keine Sekunde Pause (obwohles dazu eine Gegenmeinung gibt). Ich wollte den Film eigentlich vor dem Einschlafen sehen, aber er hat mich so gefesselt, dass ich bis zum Schluss durchgehalten habe, was selten vorkommt.

Auf Rotten Tomatoes gefällt mir eine Publikumsrezension am besten: „The clearly low budget that this film was working with takes absolutely no effect here. This film perfectly encapsulates the cruelty of basic human nature, displaying perfectly the problems of discrimination and prejudice in our world today. It’s a film which requires no special groundbreaking effects, just a cleverly written script and an incredibly impactful ending.“

Man könnte auch den Schluss weglassen und den Rezipienten im Unklaren darüber, was das Ganze soll und wer es arrangiert hat. Oder den Plot als eine Szene in der Hölle gestalten, mit sich kaputtlachenden Teufeln im Hintergrund.

the circle

Lesebefehl [Update 02.08.2025]

Bücher

Folgende Bücher sollte man kennen, wenn man mir mir über Israel diskutieren will. Ich besitze alle, konnte aber bis jetzt nur rund die Hälfte lesen. Motto: Ich bin kein Klugscheißer, ich weiß es wirklich besser. (Har har, ich erspare dem Publikum die jeweiligen Links zur Großbourgeoisie.)

Sachbücher

– Al-Azm, Sadik: Self criticism after the Defeat, Beirut 1968 (engl. London 2011)
– Améry, Jean: Der neue Antisemitismus, Stuttgart 2024
– Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt/M. 1996 (engl. 1983)
– Appiah, Kwame Anthony: Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit, Berlin 2018
– Augstein, Rudolf: Jesus Menschensohn, Hamburg 1999
– Bernhardt, Johannes Christian: Die Jüdische Revolution: Untersuchungen zu Ursachen, Verlauf und Folgen der hasmonäischen Erhebung (KLIO / Beihefte. Neue Folge 22), Berlin, Boston 2017
– Brenner, Michael: Kleine Jüdische Geschichte, München 2012
– Cleveland, William L. und Bunton: Martin: A History of the Modern Middle East, New York 2016
– Deutscher, Isaac: Der Nichtjüdische Jude, Berlin 1968
– Deutscher, Isaac: Die ungelöste Judenfrage, Berlin 1977
– Diner, Dan: Ein anderer Krieg: Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg, 1935 – 1942, München 2012
– Elbe, Ingo: Antisemitismus und postkoloniale Theorie. Der „progressive“ Angriff auf Israel, Judentum und Holocausterinnerung, Berlin 2024
– Feldman, Deborah; Judenfetisch, München 2023
– Finkelstein, Israel und Silberman, Neil A.: David und Salomo. Archäologen entschlüsseln einen Mythos, München 2009
– Finkelstein, Israel und Silberman, Neil A.: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel, München 2002 (engl. 2001)
– Frevel, Christian: Geschichte Israels, Stuttgart 2018 (2. Aufl.)
– Grigat, Stephan: Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung, Hamburg 2014
– Herzl, Theodor: Der Judenstaat, Leipzig – Wien 1896
– Kepel, Gilles: Chaos: Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen, Paris 2018 (dt. Ausgabe München 2019)
– Kepel, Gilles: Die Rache Gottes. radikale Moslems, Christen und Juden auf dem Vormarsch, München 1991 (frz. Paris 1991)
– Kirsch, Adam: On Settler Colonialism. Ideology, Violence and Justice, New York 2024
– Kraushaar, Wolfgang: Israel: Hamas – Gaza – Palästina: Über einen scheinbar unlösbaren Konflikt, München 2023
– Kraushaar, Wolfgang: „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“, Hamburg 2024
– Krämer, Gudrun: Geschichte Palästinas, München 2002
– Kuru, Ahmet T.: Islam, Authoritarianism, and Underdevelopment: A Global and Historical Comparison, New York 2019
– Lozowock, Yaacov: Israels Existenzkampf – Eine moralische Verteidigung seiner Siege, Hamburg 2006 (engl. New York 2003)
– Luxemburg, Rosa:. Nationalitätenfrage und Autonomie, Berlin 2016 (2. Aufl.)
– Luxenberg, Christoph: The Syro-Aramaic Reading of the Koran: A Contribution to the Decoding of the Language of the Koran, Berlin 2000
– Martini, Tania und Bittermann, Klaus (Hg.): Nach dem 7. Oktober. Essays über das genozidale Massaker und seine Folgen, Berlin 2024
– Marx, Karl; Zur Judenfrage, 1843 (in: MEW 1, S. 347ff.)
– Morris, Benny: 1948. Der erste arabisch-Israelische Krieg, Berlin, Leipzig 2023 (Originalausgabe 2008)
– Morris, Benny: The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited, New York 2004
– Mury, Gilbert: Schwarzer September, Berlin 1974 (frz. Ausgabe Paris 1972)
– Nairns, tom/Hobsbawm, Eric/Debray, Reǵis/Lowy, Michael (Hg.): Nationalismus und Marxismus. Anstoß zu einer notwendigen Debatte, Berlin 1978
– Otto. Eckart: Das antike Jerusalem. Archäologie und Geschichte, München 2008
– Potter, Nicholas und Lauer, Stefan (Hg.): Judenhass Underground, Berlin – Leipzig 2023
– Pressburg, Norbert G.: Good Bye Mohammad. Das neue Bild des Islam, Norderstedt 2012
– Schäfer, Barbara (Hg.) Historiker-Streit in Israel. Die „neuen“ Historiker zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, Frankfurt – New York 2000
– Schneider, Richard C.: Die Sache mit Israel. Fünf Fragen zu einem komplizierten Land, München 2023
– Segev, Tom: 1967. Israels zweite Geburt, München 2005
– Segev, Tom: David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis, München 2018
– Segev, Tom: Die ersten Israelis. Die Anfänge des jüdischen Staates. München 2008 (1998)
– Segev, Tom: Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung, Reinbek 1995
– Segev, Tom: Es war einmal ein Palästina. Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels, München 1999
– Simons, Jake Wallis: Israelphobie. Die Unendliche Geschichte von Hass und Dämonisierung, Berlin 2023
– Spielman, Doron: When the Stones Speak: The Remarkable Discovery of the City of David and What Israel’s Enemies Don’t Want You To Know, New York 2025
– Tenenboom, Tuvia: Gott spricht Jiddisch, Berlin 2023
– Thompson, Thomas L.: The Mythic Past: Biblical Archaeology And The Myth Of Israel, London 1999
– Weingartz, Hans: Die US-Israel Politk, Hg. Palästina-Komitee Bonn, 1972
– Weinstock, Nathan: Das Ende Israels? Nahostkonflikt und Geschichte des Zionismus, Berlin 1975
– Weinstock, Nathan: Das Bekenntnis eines ehemaligen Antizionisten, hagalil.com 2006 (erschienen in L’Arche no. 579-580 Juli-August 2006, übersetzt von Karl Pfeiffer)

Belletristik

Uris, Leon: Exodus, München 1958
Yishar, S. Auftakte, Reinbek 1998 (hebr. Tel Aviv 1992)

Dept. Q

Dept. Q

Unbedingt empfehlenswert: Dept. Q. auf Netflix.

Der Plot ist nicht so ungewöhnlich für einen Thriller. Eine Geisel muss irgendwann befreit werden, und niemand weiß, ob sie noch lebt und wo. Auch Wokistan kommt zu Wort wie immer bei Netflix: Es dürfen nicht zwei „Weiße“ die Hauptrollen spielen (außer in skandinavischen Serien), einer von beiden muss weiblich oder wie hier Araber aka Einwanderer sein oder eine dunkle Haut haben. Ganz wie im wirklichen Leben bei der Kripo.

Der Thriller ist grandios wegen der Schauspielerei des Helden Carl Morck, gespielt von Matthew Goode.

Carl Morck, Detective mit Bestbewertungen, kehrt zurück zur Arbeit nach einer Schießerei, in der er schwer verletzt, sein Partner und Freund James Hardy querschnittsgelähmt und ein Streifenpolizist getötet wurden. Die Freude über seine Rückkehr ist verhalten, da er als arroganter Kollege wahrgenommen wird, der auf andere herabschaut. Um die Nachwirkungen des Traumas zu verarbeiten, muss er sich einer Therapie stellen.

Das ist eigentlich alles schon vorher absehbar. Natürlich muss der Held ein sehr guter Polizist sein, sonst wäre er nicht der Held in einem Polizeifilm. Außerdem kann sich nur jemand, der alle Fälle löst, leisten, den Vorgesetzen permanent den Mittelfinger zu zeigen. Der „Freund und Partner“ ist der übliche Männerfreundschaftsplot. Auch dass der Held psychische Probleme hat, gehört zu so einem Film. Das ist nur bei Frauen meistens nicht so, oder sie sind lesbisch. Frauen als Polizisten dürfen in Krimis normal sein, Männer nicht, seit die Zeit der allwissenden Vaterfiguren vorbei ist.

Wenn man ein Element kennt, kann man sich die anderen gleich dazudenken. Einer im Team muss sich im Prügeln auskennen (wie hier der Syrer, von dem man es nicht vermutet), der andere ist dann der Denker. Einer muss den Clown spielen wie hier Leah Byrne usw..

Originell bei Dept. Q sind die Dialoge (in Englisch!), gewürzt mit tiefschwarzem britischen Humor (obwohl alles in Schottland spielt), und wie der Hauptdarsteller seine Rolle spielt. Er hat die körperliche Präsenz eines Ragnar Lodbrok: Man spürt sofort, dass ihn nichts aufhalten kann, wenn er sich einmal etwas vorgenommen hart. Sehr witzig auch die abgefuckten Konversationen mit seiner Therapeutin, die als eine der Wenigen ihm gewachsen ist.

Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, was nicht so oft vorkommt.

Unter Unterentwickelten

islam

Das geschätzte Publikum stellt offenbar ähnliche Fragen wie ich. Vor einiger Zeit schaffte ich mir das Buch von Ahmet T. Kuru: „Islam, Authoritarianism, and Underdevelopment: A Global and Historical Comparison“ an. Leider bin ich bis jetzt noch nicht dazu gekommen, es zu lesen. Ich vermute aber, dass es eines der wichtigsten Bücher für mein nächstes Projekt sein wird. Der Autor ist Professor an der San Diego State University.

Ich habe mir eine Rezension übersetzen lassen: „Warum zeigen Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit im Vergleich zu weltweiten Durchschnittswerten ein hohes Maß an Autoritarismus und ein niedriges Maß an sozioökonomischer Entwicklung? Ahmet T. Kuru kritisiert Erklärungsansätze, die den Islam selbst als Ursache dieser Unterschiede anführen, da Muslime zwischen dem neunten und zwölften Jahrhundert philosophisch und sozioökonomisch weiter entwickelt waren als die westeuropäischen Gesellschaften. Auch der westliche Kolonialismus sei nicht die Ursache: Politische und sozioökonomische Probleme hatten die muslimischen Gesellschaften bereits vor Beginn der Kolonialzeit.

Kuru argumentiert, dass Muslime in ihrer frühen Geschichte einflussreiche Denker und Händler hervorbrachten – zu einer Zeit, als in Europa religiöse Orthodoxie und Militärherrschaft vorherrschten. Im elften Jahrhundert jedoch begann sich ein Bündnis zwischen orthodoxen islamischen Gelehrten (den Ulema) und den Militärstaaten herauszubilden. Dieses Bündnis behinderte nach und nach die intellektuelle und wirtschaftliche Kreativität, indem es intellektuelle und bürgerliche Schichten in der muslimischen Welt an den Rand drängte.

Diese bedeutende Studie verknüpft ihre historische Analyse mit der gegenwärtigen Politik, indem sie aufzeigt, dass das Bündnis zwischen Ulema und Staat bis heute Kreativität und Wettbewerb in muslimischen Ländern verhindert.“

Bevor also die SPD unter Strafe stellt, den Islam zu kritisieren, sollte man das Buch vermutlich lesen.

Venus de‘ Medici

Venus de' Medici

Ich darf das nackte Weiber liebende kulturaffine Publikum auf eine Vorfall hinweisen, bei dem ich ursprünglich annahm, es handele sich um Satire. Die bürgerliche Presse berichtet: „Die „Venus Medici“ ist ein Klassiker, das Original der Statue steht in den Uffizien in Florenz. Für Berliner Verhältnisse jedoch ist das Kunstwerk offenbar zu anstößig: Nach einem Hinweis der Gleichstellungsbeauftragten wurde die Bronzestatue aus einem Bundesamt entfernt.“

RA Steinheifel twittert (wie heißt das jetzt: Xtet?): „Wie wäre es, wenn man stattdessen die Skulptur zurückbringt und die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesamtes für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen entlässt und ihr Amt komplett auflöst?“

Der Skandel ist doch nicht, dass eine Beauftragte für Prüderie, Bilderstürmerei und vermutlich auch Gendersprache dummes Zeug von sich gibt, sondern dass sofort nachgegeben wird. Was sind denn das für unterwürfige und opportunistische Hampelmänner da im „Bundesamtfür zentrale Dienste und offene Vermögensfragen“ (aka Bundesausgleichsamt)? Oder sind die alle dort zum islam übergetreten?

Macht und Herrschaft im Strandkorb

strandkorb

Meine damalige Freundin und ich irgendwo an der Nordsee (1972). Das Original-Foto ist zu klein, aber auf der digitalen Version kann man erkennen, was ich gerade lese – Urs Jaeggi: Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik Taschenbuch (1969). Ich habe das schon etwas fleckige Buch gleich in einem meiner Bücherregale wiedergefunden. Vermutlich habe ich es seit 1972 nicht mehr angefasst – außer bei Umzügen.

urs jaeggi

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