Unter Surensöhnen

Aus dem hier schon erwähnten Buch von Khālid Abū Ṣubḥ (Khaled Abu Subh) (auf Arabisch): „Vom Beginn und Ende der osmanischen Herrschaft bis zur zionistischen Besetzung.“ Großes Bild links (identisch mit dem kleinen Bild rechts oben): „Der Nabi-Musa-Prozessionszug zieht an Gethsemane vorbei, 1936.“ Kleines Bild rechts unten: „Die Nabi-Musa-Prozession zwischen 1898 und 1914.“ – Die Fotos zeigen die berühmte Nabi-Musa-Prozession, einen traditionellen muslimischen Pilgerzug von Jerusalem zum Nabi-Musa-Heiligtum bei Jericho, der bis 1948 jährlich stattfand. Das Fest war eines der größten religiösen Ereignisse im damaligen Palästina und zog oft Zehntausende Teilnehmer an. Auf dem Foto oben rechts erkennt man die Todesangstbasilika.
Aus Tuvias Tenenboms „Wie nennt ihr dieses Land hier? – Unter Siedlern“:
„…die Wetterunterschiede zwischen Tag und Nacht, der milde Sonnenschein, der Boden – all das trägt zum Erfolg des israelischen Weins bei«, erzählt sie mir.
Wie sie mir verrät, stammt einer ihrer Lieblingsweine vom Weingut Kabir in Elon Moreh. Auch bewundert sie die Einwohner von Elon Moreh, auf die sie große Stücke hält.
Sie persönlich ist in einer araberfreundlichen Familie aufgewachsen, einer Familie, die politisch stolz linksaußen stand und trotzdem sehr religiös war. Links und gläubig, eine seltene Kombination auf der politischen Landkarte. »Mein Vater stammt aus Marokko und sprach arabisch, es gab keine Spur von antiarabischem Rassismus in unserem Haus, null Rassismus.
Ich habe das nicht in mir; Rassismus liegt mir nicht im Blut.« Erst nachdem sie hierher nach Psagot gekommen ist, von wo ihr Mann stammt, hat sie ihre Ansichten geändert. »Sie leben hier, und im Lauf der Zeit verstehen Sie etwas, das Sie vorher nicht verstanden haben. Ja, es gibt viele gute Araber, viele gute Palästinenser, aber die Mehrheit von ihnen sind Hurensöhne, die uns benutzen, die uns ausbeuten – Entschuldigung, ich kann es nicht anders sagen.«
Wodurch sind Sie zu einer solchen Schlussfolgerung gekommen?
»Dadurch, dass ich hier bin und die Realität sehe. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Als ich hierherkam, als Linke, die ich war, ließ ich viele Araber für mich arbeiten. Nicht ein einziges Mal haben sie mich nicht bestohlen. Ich führte ein offenes Haus für sie, ich gab ihnen den Schlüssel zu meinem Haus, ich tat mein Bestes, um ihnen zu zeigen, dass ich sie mochte, dass ich ihnen vertraute, aber sie bestahlen mich, fast alle. Das ist ihre Kultur, und es gibt nichts, was ich daran ändern kann.«
Psagot ist von palästinensischen Dörfern und Beduinendörfern umgeben, von denen einige prachtvolle Häuser aufweisen, deren bloßer Anblick die Seele labt. Nur hat die Sache einen Haken: 80 bis 90 Prozent der palästinensischen Häuser, erzählt Naama mir, stünden leer. Sie wurden aus einem einzigen Grund erbaut: um Juden die Möglichkeit zu nehmen, das Land zu besiedeln.“
ich werde mir mal ein paar Flaschen bestellen.
Projekt Panama

A medieval illuminated manuscript being carefully digitized in a professional conservation laboratory, enormous parchment codex opened on a scanning table, conservator wearing white cotton gloves gently turning a large page, richly decorated Gothic script in two columns, colorful illuminated initials, exquisite medieval miniature painting, computer monitor displaying a live digital scan in the background, warm archival lighting, museum atmosphere, ultra realistic, extremely detailed, historical preservation, documentary photography, shallow depth of field, natural colors, 8k, Nikon D850, editorial style –ar 3:2 –v 7 –style raw
„Seit Ende April wundern sich deutsche Antiquariate über Bestellungen, meist mitten in der Nacht. Eine Firma namens „Zoom Books“ aus Nordamerika bestellt alles: Kochbücher, Biografien, Sachbücher oder Reiseführer – quer durch alle Wissensgebiete und sogar Ladenhüter, alles aus den 1960er bis 70er Jahren.
Bestellt wurde immer nur ein Exemplar. Die deutschen Antiquariate machten innerhalb weniger Wochen bis zu 50.000 Euro Umsatz, wunderten sich aber gleichermaßen über diese hohen Einnahmen. Laut Markus Brandis, dem Vorsitzenden des Verbands Deutscher Antiquare (VDA), brachten dann Kontakte in die USA die Aufklärung. Dort hatte es solche Massenbestellungen kurz vorher ebenfalls gegeben. Laut Washington Post stecke hinter den Masseneinkäufen das KI-Unternehmen Anthropic. Unter dem Namen Projekt Panama wolle man „alle Bücher der Welt destruktiv scannen“. Das heißt: Die Buchrücken werden abgeschnitten, die einzelnen Seiten gescannt und das Original dann vernichtet. So sollen die Bücher verschiedene KI-Modelle unterstützen.
Das Problem ist das Urheberrecht, denn gerade die jüngeren Werke sind nicht gemeinfrei, und das hat dafür gesorgt, dass das Vorgehen von „Anthropic“ überhaupt erst ans Licht gekommen ist: US-Firmen hatten illegale Dateien aus sogenannten „Schattenbibliotheken“ heruntergeladen. Das Verfahren gegen „Anthropic“ wurde gegen eine Zahlung von 1,5 Milliarden Euro an die klagenden Autoren eingestellt, aber vermutlich auch nur, weil die Richter angedeutet haben, dass sie die Downloads für illegal halten.“ (Aus dem Infobrief des Vereins Deutsche Sprache e. V.)
Das bezieht sich u.a. auf einen Artikel der Frankfurter Rundschau: „Fahrenheit 451 im Silicon Valley: Wie KI-Konzerne unsere Antiquariate plündern und Bücher schreddern.“
Unter Siedlern, revisited
Ich lache mich immer noch schlapp über einzelne Passagen von Tuvias Tenenboms „Wie nennt ihr dieses Land hier? – Unter Siedlern“. Lesebefehl!
Ich empfehle auch ein Interview mit ihm auf Mena-Watch:
„Nein, das Problem liegt darin, dass Israel das Gebiet nie annektiert hat. Welche Gesetze sollen also gelten? Sie können kein israelisches Recht anwenden, da das Gebiet nicht zu Israel gehört. Sie selbst sagen, dass es nicht zu Israel gehört; sie bezeichnen es als umstrittenes Gebiet. Welches Recht gilt also? Es gibt das osmanische Recht und das jordanische Recht. Das sind die Rechtsgrundlagen im Westjordanland.
Israelisches Recht gilt dort nicht, weil Israel das Gebiet bis heute nicht annektiert hat. Man kann schließlich kein Gesetz für ein Gebiet erlassen, das man nicht kontrolliert. Es gehört nicht zum eigenen Land. Das wäre so, als würde die Knesset entscheiden, wie Immobilientransaktionen in New Jersey rechtlich abzuwickeln sind. Nein, sie haben kein Mitspracherecht bei dem, was in New Jersey geschieht. Sie können Gesetze nur für Gebiete erlassen, die ihnen gehören. In dem Moment, in dem Israel das Gebiet annektiert, gibt es keine Siedler mehr. Denn dann siedeln sie nicht mehr, sondern leben in Israel. Sobald Israel es also annektiert, wird es – zumindest nach israelischem Recht – als Israel gelten.“
Tenenbom hat das seltene Talent, Dinge lächerlich zu machen, ohne die Leute zu diskreditieren, die den Quatsch glauben und verfasst haben. Das Buch wird zwar positiv besprochen in Deutschland, der Inhalt und die Thesen werden aber nicht bis in die Anstalten vordringen – und zu Dunja Hayali und Sawsan Chebli ohnehin nicht. Hier zwei bemerkenswerte Zitate:
„Die Haupthalle der Synagoge ist den Männern vorbehalten, während die Frauen obendrüber auf dem ersten Rang beten. Die Frauensektion ist abgeschirmt, sodass die Männer nicht zu den Frauen schauen und, Gott bewahre, von ihren weiblichen Körpern verführt werden. Die Frauen hingegen können die Männer nach Herzenslust in Augenschein nehmen, weil Männer, wie man nie vergessen sollte, nicht verführerisch sind, ihre Körper sind nichts, womit sich prahlen ließe, und die Holzbänke, auf denen sie sitzen, geben weitaus mehr her als ihre Gesichter.
Ich gucke mir das Bücherregal im nichtverführerischen Männerbereich an und entdecke ein Buch darüber, wie sich männliche Soldaten in der israelischen Armee benehmen sollen, insbesondere in der Gegenwart von Soldatinnen. Nämlich wie? Sie sollen ihren Austausch mit Frauen auf Themen beschränken, die auf Logik, Rationalität und praktischen Fragen beruhen, es jedoch vermeiden, mit den Damen über irgendetwas zu plaudern, was mit Gefühlen zu tun hat.
Wenn ich das richtig verstehe, dann ist es, wenn eine Frau an einen Mann herantritt, um mit ihm zum Beispiel über mathematische Ableitungen zu sprechen, in Ordnung, wenn der Mann sich auf ein stundenlanges Gespräch mit ihr einlässt. Wenn sie sich jedoch an ihn wendet und beispielsweise gurrt, »ich habe Lust auf ein Eis«, sollte er davonflitzen wie vor einer iranischen Rakete.
Habe ich ein Glück, dass ich hier bin, in Elon Moreh, um solche Schmankerl zu lernen.
Neben weiteren Regeln darüber, wie sich ein Soldat im Dunstkreis von Soldatinnen verhalten soll, findet sich auch folgende: Bei einer Musikdarbietung von Frauen sollten die Männer tunlichst mitsingen, da sie dies von deren verführerischen Stimmen oder deren stets verführerischen Leibern ablenken würde.
Wunderbar!“
Und:
„Sie müssen verstehen, dass die Leute, die bereit sind, in jüdische Viertel einzudringen, um Terrorangriffe zu verüben, unterschiedlicher Art sind und aus unterschiedlichen Motiven handeln. Einige sind durch ihre Ideologie motiviert, eine religiöse Ideologie gegen Juden, aber das ist nur eine Art potenzieller Terroristen. Andere hingegen begehen terroristische Akte aus ganz anderen Gründen, zum Beispiel Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben.
Ein solches Beispiel: eine Frau, die mit einem Mann gesehen wurde, der nicht ihr Ehemann ist. In der muslimischen Gesellschaft von Nablus ist diese Frau erledigt. Anstatt von einem Angehörigen ihrer Familie in einem sogenannten ›Ehrenmord‹ getötet zu werden, kann sie beschließen, ehrenvoll als Märtyrerin zu sterben. So zieht sie mit einem Messer los, um einen Juden umzubringen, und wenn sie dabei selbst den Tod findet, dann ist das großartig für sie, weil sie nun ins Paradies kommt und zu einer jungfräulichen Braut wird, einer sexy Lady, der die Ehre zuteilwird, die Gerechten zu unterhalten.
Der Mann einer solchen Frau, der seine Ehre verloren hat, könnte ebenfalls entscheiden, dass der beste Ausweg für ihn zur Wahrung seiner Würde sein Tod als Märtyrer ist. Er zieht ins Paradies ein, glaubt er, wo er mit Dutzenden von jungfräulichen Bräuten in alle Ewigkeit belohnt wird. Und ein auf frischer Tat ertappter Dieb weiß, dass seine beste Chance, dass Allah und seine eigene Gesellschaft ihm vergeben, in der Tötung von Juden besteht.“
Unter Siedlern oder: Sexy Ladies aus der Ukraine
Ich habe Tuvias Tenenboms „Wie nennt ihr dieses Land hier? – Unter Siedlern“ angefangen zu lesen. Es ist so vergnüglich, wie ich es erwartet hatte.
„Wo bin ich? Am zentralen Ort der Samaritaner, auf dem Berg Garizim. Ich gehe meine ersten Schritte auf diesem Land, dem Land der Samaritaner, einem Land ohne Araber und Juden, und sehe nirgendwo eine Passkontrolle.
Haben sie hier keine Pässe?
Sagen Sie mir, frage ich die erste Samaritanerin, die mir über den Weg läuft, was für Pässe haben Samaritaner, wenn sie denn welche haben? Viele Samaritaner, antwortet sie, haben drei Pässe: einen israelischen, einen jordanischen und einen palästinensischen. Deshalb haben sie hier keine Passkontrollen: viel zu kompliziert.
Wie viele Samaritaner gibt es insgesamt?, frage ich meine neue Gesprächspartnerin. Alles in allem, erzählt Lady Partnerin mir, sind es 800. 400 von ihnen leben auf Har Garizim, dem Berg Garizim, direkt bei Nablus, und die anderen 400 in der israelischen Stadt Holon [Cholon]. Ihre Geschichte reicht Tausende von Jahren zurück, erläutert sie mir, im 6. Jahrhundert zählten sie sogar anderthalb Millionen. Aber vor einem Jahrhundert waren sie viel weniger als heute: rund 140. Wie sind sie von dieser niedrigen Zahl aus wieder gewachsen? Das ist eine heikle Frage, da man anscheinend nicht zu ihrem Glauben übertreten kann, aber die Ukraine, verrät Lady Partnerin mir, kam zur Hilfe.
Wie das?
Um als Gemeinschaft zu überleben und den Glauben zu bewahren, erlaubten die Anführer der Gemeinschaft, offensichtlich helle Köpfchen, den samaritanischen Männern, sexy Ladys aus der Ukraine zu heiraten.
Gepriesen sei der Gott der Samaritaner und Ukrainerinnen.“
Und: „In der örtlichen arabischen Umgangssprache sagen die Leute nicht »Israelis«, sondern »el-Jahud«. Schlicht und einfach.
Die Spitznamen machen es den Demonstrierenden der Flüsse und Meere natürlich leichter, sie sind aber irreführend. Seit der Gründung des modernen Staats Israel sind rund ein Viertel der Israelis, jene, die innerhalb der Grünen Linie leben, Araber. Vor der Entstehung des modernen Israels war jeder ein »Palästinenser«, einschließlich der Juden, wobei sich die semitische Wurzel des Worts »Palästinenser« auf »Eindringlinge« bezieht. Natürlich sind einige damit absolut nicht einverstanden, und sie ignorieren auch die Tatsache, dass der Buchstabe »p« im Arabischen nicht einmal vorkommt.
Wenn man noch ein bisschen tiefer schürfen möchte, umfasste das »biblische Israel« auch einige heute arabische Länder, aber kein Mensch, der bei Verstand ist, spricht in diesem Sinne vom »Land der Bibel«“
Agents of Disorder
Das verspricht eine spannende Lektüre zu werden. Ich habe mir den Inhalt von Hal zusammenfassen lassen:
Andrew G. Walder: Agents of Disorder
Andrew G. Walders Buch Agents of Disorder: Inside China’s Cultural Revolution aus dem Jahr 2019 ist eine grundlegende Neubewertung der chinesischen Kulturrevolution von 1966 bis 1976. Walder untersucht vor allem die Frage, warum der scheinbar allmächtige chinesische Parteistaat innerhalb weniger Monate zerfiel und große Teile des Landes in politische Gewalt und Chaos stürzten.
Seine zentrale These lautet: Nicht allein Mao Zedongs Aufruf zur Rebellion und auch nicht nur die radikalisierten Studenten der Roten Garden zerstörten die bestehende Ordnung. Entscheidend war vielmehr, dass Funktionäre innerhalb des Parteiapparats selbst gegen ihre Vorgesetzten rebellierten. Lokale Kader nutzten die politische Kampagne, um Rivalen auszuschalten, Machtpositionen neu zu verteilen und die bestehende Hierarchie von innen heraus zu zerstören.
Der Zusammenbruch des Parteistaates
Zu Beginn der Kulturrevolution mobilisierte Mao Studenten, Arbeiter und Intellektuelle gegen angeblich revisionistische und bürgerliche Kräfte innerhalb der Kommunistischen Partei. Überall entstanden neue Massenorganisationen. Anfang 1967 griff die Rebellion jedoch auf Behörden, Betriebe und lokale Parteiorganisationen über.
Als immer mehr Funktionäre ihre eigenen Vorgesetzten angriffen, brachen die lokalen Verwaltungsstrukturen zusammen. Es entstand ein Machtvakuum, in dem rivalisierende Gruppen um Einfluss kämpften. Diese Lager unterschieden sich nach Walder häufig weniger durch klare ideologische Programme als durch persönliche Beziehungen, institutionelle Loyalitäten und lokale Interessen.
Fraktionen statt klarer politischer Lager
Walder widerspricht der älteren Vorstellung, die Fraktionen der Kulturrevolution hätten sich vor allem nach sozialer Herkunft oder ideologischer Überzeugung gebildet. In vielen Fällen entstanden die Bündnisse aus bereits vorhandenen Netzwerken in Fabriken, Behörden, Universitäten und Parteiorganisationen.
Menschen schlossen sich einer Seite oft deshalb an, weil Kollegen, Vorgesetzte oder lokale Machtgruppen zu ihr gehörten. Die Konflikte waren daher nicht einfach ein Kampf zwischen Revolutionären und Konservativen, sondern vielfach Auseinandersetzungen um politische Sicherheit, institutionellen Einfluss und persönliche Macht.
Die Rolle der Volksbefreiungsarmee
Als die staatliche Ordnung zusammenbrach, sollte die Volksbefreiungsarmee die Kontrolle wiederherstellen. Doch ihre Intervention verschärfte vielerorts die Lage. Armeeeinheiten unterstützten unterschiedliche Fraktionen, schützten lokale Funktionäre oder gingen gegen bestimmte Massenorganisationen vor.
Dadurch wurden politische Konflikte militarisiert. In zahlreichen Regionen entwickelten sich die Auseinandersetzungen 1967 und 1968 zu bewaffneten Kämpfen mit bürgerkriegsähnlichen Zügen.
Die meisten Opfer starben während der Repression
Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Buches betrifft die Opfer der Kulturrevolution. Walder zeigt, dass ein großer Teil der Todesfälle nicht während der spontanen Straßenkämpfe entstand, sondern in der anschließenden Phase der staatlichen Säuberungen.
Nachdem die Führung die Kontrolle zurückgewonnen hatte, wurden tatsächliche und vermeintliche Gegner verfolgt, inhaftiert, misshandelt oder getötet. Die Wiederherstellung der Ordnung war daher nicht das Ende der Gewalt, sondern eine ihrer blutigsten Phasen.
Die empirische Grundlage
Die besondere Stärke von Agents of Disorder liegt in der breiten Quellenbasis. Walder wertete mehr als 2.000 lokale chinesische Chroniken aus und erfasste Zehntausende einzelne Ereignisse. Auf dieser Grundlage rekonstruiert er Machtübernahmen, Fraktionskämpfe, Militärinterventionen, Säuberungen und regionale Unterschiede.
Dadurch kann er die Kulturrevolution nicht nur aus der Perspektive Pekings oder prominenter Beteiligter beschreiben. Stattdessen zeigt er, wie unterschiedlich die Ereignisse in einzelnen Städten, Provinzen, Behörden und Betrieben verliefen.
Historische Bedeutung
Walder versteht die Kulturrevolution weder als vollständig von Mao kontrollierte Kampagne noch als rein spontane Massenrevolte. Sie war vielmehr ein politischer Zusammenbruch, der von oben ausgelöst, aber durch Konflikte innerhalb des Systems beschleunigt wurde.
Institutionen, die eigentlich Stabilität gewährleisten sollten – Partei, Verwaltung und Militär –, wurden selbst zu Trägern der Unordnung und der Gewalt. Gerade darin liegt die über China hinausgehende Bedeutung des Buches: Ein hochzentralisierter Staat kann besonders verwundbar werden, wenn seine inneren Befehlsketten durch politische Kampagnen zerstört werden.
Fazit
Agents of Disorder verändert den Blick auf die Kulturrevolution grundlegend. Der entscheidende Motor der Ereignisse war nicht nur die Radikalisierung der Roten Garden, sondern der Zerfall des Parteistaates durch Machtkämpfe innerhalb seiner eigenen Institutionen. Walder zeigt, wie aus einer von Mao angestoßenen Kampagne ein weitgehend unkontrollierbarer Prozess wurde, der in Fraktionskämpfen, militärischer Intervention und massiver staatlicher Repression endete.
Buch: Andrew G. Walder, Agents of Disorder: Inside China’s Cultural Revolution, Harvard University Press, 2019.
Unter Neurocampenden

Ultra-realistic dystopian science fiction scene inside a futuristic „Neuro Camp“ for cognitive reprogramming. Endless sterile white corridors, transparent neural conditioning chambers, adults wearing simple gray uniforms seated in ergonomic chairs with advanced non-invasive brain-interface helmets. Massive holographic screens display abstract geometric patterns, neural networks and psychological symbols instead of readable propaganda. Emotionless AI supervisors and autonomous medical robots silently monitor the process. Cold blue and white lighting, polished concrete and glass architecture, oppressive minimalist design inspired by Orwell, Huxley and cyberpunk aesthetics. The atmosphere conveys psychological control, conformity and loss of individuality rather than physical violence. Cinematic composition, volumetric lighting, hyper-detailed textures, photorealistic, ultra-high resolution, Unreal Engine 5 quality, 8k, dramatic perspective, subtle fog, masterpiece –ar 16:9 –stylize 150 –v 7.0 –
Ich habe mir einen paywallgeschützten Artikel von Jakob Hayner in der bürgerlichen Presse zusammenfassen lassen: „Es wird Neurocamps zur kognitiven Umerziehung der Unerwünschten geben“. Es geht um die Thesen Asma Mhallas, einer Politikwissenschaftlerin und Ex-Investmentbankerin. Diese sieht „Big State“ und „Big Tech“ verschmelzen. „Der Kampfschauplatz: das menschliche Gehirn. Das Ziel: Unterwerfung.“ Der Artikel ist sehr verschwurbelt („Und schon der 2007 verstorbene Philosoph Jean Baudrillard schrieb über das Verschwinden des fraktalen Subjekts in den neuen Videowelten der Simulation…“) also wollte der Autor mit seinem ekektizistischen pseudo-bildungsbürgerlichen Lexikonwissen beweisen wollen, dass er zum Feuilleton gehört.
In den 1980er-Jahren entstand mit dem Cyberpunk ein neues Science-Fiction-Genre, das düstere Zukunftsvisionen entwarf: allgegenwärtige Überwachung, allmächtige Technologie und ein Mensch, der seine Selbstbestimmung verliert. Nach Ansicht der französischen Politikwissenschaftlerin Asma Mhalla ist diese Zukunft inzwischen keine Fiktion mehr, sondern beginnt Realität zu werden.
In ihrem Buch Cyberpunk. Das neue totalitäre System beschreibt sie den Übergang von der liberalen Demokratie zu einer neuen Form der Herrschaft, in der digitale Technologien und Künstliche Intelligenz immer stärker das gesellschaftliche Leben bestimmen. Demokratie werde nicht durch einen offenen Umsturz beseitigt, sondern schrittweise ausgehöhlt. Algorithmen beeinflussten längst nicht mehr nur Wirtschaft und Kommunikation, sondern auch Denken, Verhalten und politische Entscheidungen.
Mhalla sieht darin einen neuen Totalitarismus, der nicht mehr auf offene Gewalt oder klassische Zensur angewiesen ist. Soziale Netzwerke, digitale Plattformen und KI-Systeme lenkten Aufmerksamkeit, formten Meinungen und hielten Menschen in einem ständigen Strom von Informationen beschäftigt. Wer permanent abgelenkt werde, verliere nach und nach die Fähigkeit zum kritischen Denken.
In dieser Entwicklung werde der Mensch zunehmend auf Daten reduziert. Individuelle Freiheit trete in den Hintergrund, während Berechenbarkeit und Kontrolle an Bedeutung gewännen. Technologien dienten nicht mehr nur als Werkzeuge, sondern entwickelten sich zu Instrumenten gesellschaftlicher Steuerung. Künftig könnten sogar Verfahren der Neurotechnologie eingesetzt werden, um Verhalten oder Überzeugungen gezielt zu beeinflussen.
Als treibende Kraft dieser Entwicklung beschreibt Mhalla das enge Zusammenwirken von Staat und großen Technologiekonzernen. Politische Macht und digitale Plattformen bildeten gemeinsam ein System, das traditionelle demokratische Institutionen immer weiter entwerte. Die eigentliche Macht liege zunehmend bei denjenigen, die über Daten, Algorithmen und digitale Infrastrukturen verfügen.
Auch Europa beurteilt sie kritisch. Der Kontinent verliere sich in Regulierung und Kompromissen, ohne eine klare Vorstellung davon zu haben, welche Werte er eigentlich verteidigen wolle. Während die USA und China ihre technologischen Machtpositionen ausbauten, drohe Europa politisch und wirtschaftlich ins Hintertreffen zu geraten.
Trotz ihrer düsteren Analyse endet Mhallas Buch nicht völlig hoffnungslos. Sie fordert die Leser auf, ihre geistige Unabhängigkeit bewusst zu bewahren. Kritisches Denken, der reflektierte Umgang mit digitalen Medien und die Fähigkeit, sich der permanenten Beeinflussung zu entziehen, seien kleine, aber wichtige Schritte zur Verteidigung persönlicher Freiheit. Ihr Appell lautet, sich einer schleichenden Gleichschaltung des Denkens zu widersetzen, bevor technologische Kontrolle zur gesellschaftlichen Normalität wird.
Stalinismen
Noch einige Textpassagen aus Margarete Buber-Neumanns: Von Potsdam nach Moskau. Situationen eines Irrwegs. Ich kann das Buch nur jedem empfehlen, der glaubt, durch Bücher, die damals in der DDR erschienen, irgendetwas Wahres über die Geschichte der Arbeiterbewegung zu erfahren. Und erst die dortige Thälmann-Verehrung! Unfassbar, wenn man das mit den Fakten vergleicht. Das letzte Jahrhundert müsste von der „Linken“ komplett neu aufgearbeitet werden. Aber das wird nicht geschehen.
Zu Ernst Thälmann: „Schon im Laufe eines Satzes ging ihm häufig der Faden verloren, oder er unterließ es einfach, einen begonnenen Gedankengang zu Ende zu führen. Dafür aber sprach er um so lauter und mischte Hamburger Platt und Hochdeutsch beliebig durcheinander. Zwei Jahre lang traf ich Ernst Thälmann bei den verschiedensten Gelegenheiten, er kam auch in unsere Wohnung, aber ich erlebte kein einziges Mal, daß so etwas wie ein Gespräch mit ihm zustande kam. Thälmann schien immer der Meinung zu sein, er sei den Anwesenden, wenn es auch nur zwei oder drei Leute waren, eine politisch tiefschürfende Betrachtung schuldig, genau das, wozu er ganz und gar unfähig war. »Teddys« Stilblüten waren für die Intelligenz der Partei ein gefundenes Fressen; manche von ihnen mögen lediglich gut erfunden worden sein, einige aber beruhen sicher auf echten Aussprüchen Thälmanns. »Wie ein totgeborenes Kind, das sich im Sande verlief….«, »… in der Stunde des Augenblicks!« und »Die Straßenbahner stehen mit dem einen Bein im Grab, mit dem anderen nagen sie am Hungertuch.« Worauf aus dem Publikum der Zuruf kam: »Und wer klingelt!?« Oder jene besonders oft zitierte Formulierung: »Man muß die Frauen mit den eigens dazu geschaffenen Organen bearbeiten.«“
Zu Stalin: „Heute, nach über fünf Jahrzehnten, ist es möglich, die Haltung Stalins in einer anderen Perspektive zu sehen, nämlich als logische Folge seines politischen Programms, das er bereits seit Ende der zwanziger Jahre in die Tat umzusetzen versuchte. Lenin hatte nach dem Sieg der Bolschewiki fest mit der Revolution in Deutschland gerechnet. Sie war ein wesentlicher Bestandteil seines Glaubens an den Internationalismus. Ein Gelingen des sozialistischen Aufbaus in Sowjetrußland setzte, nach Lenins Meinung, siegreiche Revolutionen in anderen europäischen Ländern voraus. Nach Lenins Tod kamen seinem Nachfolger Stalin sehr bald Zweifel an der Richtigkeit und den Siegeschancen des Internationalismus. Schon Ende der zwanziger Jahre propagierte er deshalb den Aufbau des Sozialismus im eigenen Land.
Nach 1930 aber begrub Stalin alle Hoffnungen auf Internationalismus und Weltrevolution im alten bolschewistischen Sinne und ersetzte sie durch einen handfesten russischen Nationalismus und imperialistische Expansionspläne. Revolutionen in den Nachbarländern sollten von nun ab mit Hilfe der Roten Armee durchgeführt werden. Mit dieser neuen außenpolitischen Konzeption, die nichts mehr mit dem ursprünglichen kommunistischen Programm der Bolschewiki zu tun hatte, änderte sich auch Stalins Deutschlandpolitik. An die Stelle der Leninschen Hoffnung auf die deutsche Revolution trat Stalins Bemühen, eine solche Revolution zu verhindern. Seinen imperialistischen Zwecken war ein nationalistisches Deutschland dienlicher als ein kommunistisches. Deshalb tat er alles, um eine vereinigte kommunistisch-sozialdemokratische Aktion unmöglich zu machen, und ging sogar dazu über, der KPD gemeinsame Aktionen mit den Nazis zu befehlen, während er sie zur gleichen Zeit zu immer heftigerer Opposition gegen die SPD antrieb. Stalin dürfte ein sozialistisch-kommunistisches Deutschland gefürchtet haben. Da er annahm, daß die Kommunisten dann an die Macht kämen, fürchtete er, daß dann die Sektion der Komintern um der industriellen Stärke Deutschlands willen der sowjetrussischen Vormachtstellung gefährlich werden könnte.
So tat er ab 1931 alles, um die Kampfkraft der KPD systematisch zu schwächen und auf diese Weise eine kommunistische Revolution zu verhindern. Stalins Sprachrohr Manuilski versuchte, dieser Politik ein gleisnerisches Mäntelchen umzuhängen, indem er im Januar 1932 sagte, daß der Nationalsozialismus als eine Art Vorspann für die proletarische Diktatur anzusehen sei, da er die SPD und die Gewerkschaften zertrümmere. Danach würden sich die Massen der Arbeiter der Führung der KPD anvertrauen. Auch nach 1933 verfolgte Stalin weiterhin zielbewußt seinen Plan, durch ein Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland seine expansiven Absichten zu verwirklichen.
Krivitsky, der Leiter des Militärischen Nachrichtendienstes der Sowjets für Westeuropa, schrieb in seinem Buch »Ich war in Stalins Dienst«, das er nach seinem Absprung im Jahre 1940 verfaßte, daß Stalin ihm den Befehl gegeben habe, trotz Hitlers Antikomintern die Kontakte mit Deutschland ständig aufrechtzuerhalten. Erst 1939 bot sich Stalin dann die ersehnte Gelegenheit. Er schloß den berüchtigten Pakt mit Hitler ab, teilte sich mit den Nazis in Polen und hielt der deutschen Wehrmacht den Rücken frei, damit sie den Westen überrennen könne. Er hoffte, in der Zwischenzeit »den Sozialismus in Ruhe aufgebaut zu haben«, so daß er schließlich als lachender Dritter durch Revolutionen mit Hilfe der Roten Armee das durch den Krieg geschwächte Westeuropa der erträumten großrussischen Reiche eingliedern könne.“
Unter Siedlern
Neu in meiner Bibliothek – und ich freue mich schon auf’s Lesen: Tuvias Tenenboms „Wie nennt ihr dieses Land hier?: Unter Siedlern | Ein Reisebericht mitten aus dem Herzen des biblischen Israels, weit weg von Klischees“.
Vigilante

Screenshot: Trailer Vigilante
Eine Zensur findet nicht statt.
The Telegraph: „The migrant-killing vigilante film that’s been banned in Germany“.
Der Film Vigilante, der in den USA gerade anläuft, ist in Deutschland faktisch verboten. Die „Jugendschutz“-Kontrollbehörde FSK verweigert dem Streifen jegliche Altersfreigabe, nicht einmal ein „FSK 18“ wollte man ihm zugestehen. Begründung: Extreme Gewaltdarstellungen und eine „hetzerische Botschaft gegenüber Migranten“. (Trailer)
Empfehlung: Noch schnell Ein Mann sieht rot ansehen, bevor der in Deutschland verboten wird.
Unreifezeugnis
Sehr geehrte so genannte „Linke“, sehr geehrte Gendersprecher, sehr geehrte GrünInnen, sehr geehrtes wokes Gesindel! Handelt es sich bei dem Tatort „Reifezeugnis“ mit Nastassja Kinski (1977) um entartete Kunst?
Unter Tauchenden

Version ChatGPT nur mit dem Text – Midjourney und Gemini versagen kläglich: Midjourney bekommt trotz des Prompts (unten), den ChatGPT vorschlug, keine realistischen Gesichter hin. Gemini versteht die Pointe bzw. dem Inhalt gar nicht.
Das bestätigt meine heimliche Arbeitshypothese (und die von „Der Name der Rose„): Humor macht uns menschlich und unterscheidet uns von der KI.
An ironic, highly detailed illustration inspired by Friedrich Schiller’s „The Diver“ and a satirical poem by Heinz Erhardt. On a rocky medieval seashore, a flamboyant king dramatically throws a golden goblet into a violent whirlpool. Beside him sits his homely, bored princess, looking unimpressed and slightly annoyed. Terrified knights and noblemen flee in panic, not from the sea monster below, but from the prospect of marrying the princess. Cross-section view above and below the waterline. Underwater, an exhausted old deep-sea diver in a vintage brass diving suit sits calmly on the seabed, holding the golden goblet and looking sarcastically amused. Around him lie ancient crowns, bones, shipwreck remnants, and seaweed. The atmosphere contrasts heroic romanticism with absurd comedy. Rich storytelling, photorealistic textures, cinematic lighting, dramatic waves, dark humor, ultra-detailed faces, historical fantasy, masterpiece quality, ironic social satire, Gustave Doré meets modern editorial illustration, 8k –ar 4:5 –stylize 250
Wer wagt es, Knappersmann oder Ritt,
zu schlunden in diesen Tauch?
Einen güldenen Becher habe ich mit,
den werf ich jetzt in des Meeres Bauch!
Wer ihn mir bringt, ihr Mannen und Knaben,
der soll meine Tochter zum Weibe haben!«
Der Becher flog.
Der Strudel zog
ihn hinab ins greuliche Tief.
Die Männer schauten,
weil sie sich grauten,
weg. – Und abermals der König rief :
»Wer wagt es, Knippersmann oder Ratt,
zu schlauchen in diesen Tund?
Wer’s wagt – das erklär ich an Eides Statt
darf küssen meins Töchterleins Mund!
Darf heiraten sie. Darf mein Land verwalten!
Und auch den Becher darf er behalten!«
Da schlichen die Mannen
und Knappen von dannen.
Bald waren sie alle verschwunden – – Sie wußten verläßlich:
die Tochter ist gräßlich!
Der Becher liegt heute noch unten…
(Für die Nachgeborenen: Das ist die Version Heinz Erhardts. Das Original stammt von Friedrich Schiller und musste in grauer Vorzeit oft von Schülern auswendig gelernt werden, was heute wegen derer retardierten kognitiven Fähigkeiten unmöglich ist.)
Unter jugendbewegten Antifeministen
Ich lese gerade, um mich zwischendurch von englischen Sachbüchern zu erholen, von Margarete Buber-Neumann: Von Potsdam nach Moskau. Situationen eines Irrwegs. (Was für ein Leben!)
„Nach dem Kriege wurden in der Kommunistischen Bewegung die gleichen »neuen Wege der Liebe« nicht nur ausgiebig diskutiert, sondern auch in Wirklichkeit beschritten; übrigens nur sehr selten von Arbeitern, hauptsächlich von ihren bürgerlichen Anhängern. Viele Kommunisten lehnten die vom Staat sanktionierte Ehe ab, waren der Meinung, daß eine Liebesbeziehung auf der privaten Abmachung der beiden Partner beruhen müsse, und hielten ein Zusammenleben von Mann und Frau ohne wirkliche Liebe für schändlicher als Prostitution.
In der Jugendortsgruppe Potsdam gab es einige, die sich stolz »Antifeministen« nannten und behaupteten, daß die Freideutschen ursprünglich ein »Männerbund« gewesen seien, das brauche man ja nur beim Chronisten und einem der Schöpfer der Jugendbewegung, bei Hans Blüher, nachzulesen. Gerade damals hörte ich über diesen »Vater« der Jugendbewegung eine bezeichnende Geschichte. Er führte so etwas wie eine psychoanalytische Sprechstunde durch, in der er sich die seelischen Beschwerden von Patienten und Patientinnen anhörte. Einmal kam ein Mädchen zu ihm, um sich ihr Herz zu erleichtern. Er hörte sie an, verließ dann das Zimmer, um kurz danach, in einen purpurroten Mantel gehüllt, wieder im Beratungszimmer zu erscheinen. Er trat vor das verblüffte Mädchen, öffnete den Mantel, unter dem er nackt war, und sagte mit Pathos: »Das fehlt dir! Und nichts anderes …« Ob das Mädchen durch den Anblick geheilt wurde, muß ich bezweifeln, denn sie erzählte später angeekelt: »Dabei war er auch noch klein, häßlich und rothaarig!«“
East Asia: The Modern Transformation I
Vor einiger Zeit schon kaufte ich East Asia: The Modern Transformation (- das Buch war für einen 1000-seitigen Wälzer überraschend preiswert, und der Stempel „St. Mary’s College of Education, Falls Road, Belfast 12″ macht es exotisch).
Bevor ich mich an das hier schon mehrfach angekündigte Needham-Rätsel mache – das ein missing link sein könnte zwischen unserer Theorie einer möglichen „Abfolge“ von Gesellschaftsformationen bis hin zum (auf meiner To-Do-Liste stehenden) Sozialismus der chinesischen Art, wollte ich mich mehr über Asien informieren.
Das Buch ist offenbar ein Standardwerk, spiegelt aber – da schon 1965 erschienen – nicht die aktuelle Situation wider, insbesondere nicht die atemberaubende Entwicklung Chinas.
In „Die Kinder des Prometheus III“ (
(Da das Buch auf Englisch ist, musste ich mich ein bisschen zwingen, es endlich anfangen zu lesen. Meine Anmerkungen sind nur ein Exzerpt für mich selbst.)
Our own rather sceptical view is that the highest-level generalizations are likely to be the least useful in unterstanding history…
Das sehe ich naturgemäß als Marxist anders: Wenn es in der Historie keine ökonomischen Gesetze gäbe, dann kann man auch gleich darauf verzichten, die Abläufe verstehen zu wollen und begibt sich auf das Niveau Thomas Carlyles oder der Hermeneutik.
Und wer einwirft, es gebe einfach zu viele Variablen, insbesondere bei dem Mammut-Thema des obigen Buches, um die bestimmenden Konstanten – entweder der strukturellen oder der Marxschen Art – zu bestimmen, der soll warten, bis die künstliche Intelligenz alles erklärt, weil sie alles Relevante weiß. Aber was machten wir dann, wenn das Fazit wäre, der Kommunismus sei unvermeidbar?
A variety of concepts seem helpful in interpretation. One ist the concept of change within tradition (…) Yet the major traditional forms of thought of thought and action, once established, hat an inertial monumentum, a tendency to continue in accepted ways.
Das zweite Konzept besagt, dass man die Evolution der asiatischen Gesellschaften besser begreifen können, wenn man sich ansieht, wie sie jeweils auf den europäischen Impakt reagierten. Die Europäer waren den Asiaten beim ersten Kontakt technisch und militärisch haushoch überlegen (Schusswaffen, Marine). (Warum? Das genau ist die zentrale Frage des hier schon oft erwähnten Michael Mitterauers: Warum Europa?)
Interessant sind auch die „kommerziellen Motive“, die laut den Autoren die europäische Seefahrer antrieben: The rise of towns in medieval Europa, die growth of an independent merchant class and of commerce under law, all had their ancient background in the Greco-Roman trading civilization of the Mediterran.
Das ist vage und spekulativ formuliert. Präziser müsste man fragen: War das römische Reich konstitutiv für den schnelleren technischen Fortschritt des so genannten „Mittelalters“ in Nordwesteuropa, im Vergleich zu Asien? Meine Antwort war eher vorsichtig negativ, wenn man die Ökologie nicht berücksichtigt.
Die ersten neuzeitlichen Europäer, die sich bis nach Asien wagten, waren die Portugiesen. Portugal hatte über Spanien und Nordafrika Zugang zu arabischer Geographie, etwa zu den Werken von Muhammad al-Idrisi und Ibn Battūta. Arabische Seefahrer kannten seit Jahrhunderten die Handelswege des Indischen Ozeans.
Übersetzt aus dem Buch: Die Anführer waren Abenteurer, die jede Gelegenheit ergriffen, die sich ihnen bot. Sie folgten den alten Seehandelsrouten zu den etablierten Handelszentren. Da sie nur in sehr geringer Zahl auftraten, mussten sich die Portugiesen mit einheimischen asiatischen Herrschern und Fraktionen verbünden. Sie passten sich den örtlichen Verhältnissen an und verschafften sich Gewinn oder Macht mit allen verfügbaren Mitteln. Sie mischten sich in die Politik und die Kriege Burmas, Siams und anderer südostasiatischer Königreiche und Sultanate ein und traten dabei abwechselnd als Söldner oder als unabhängige Piraten auf.

Filipe de Brito e Nicote als König auf einem Elefanten (Bild der japanischen Nambankunst)
Als die Siamesen [heute Thailand] 1548 bei Ayutthaya die birmanischen Invasoren zurückschlugen, kämpften beispielsweise portugiesische Söldner auf beiden Seiten. Ein Abenteurer namens Felipe de Brito wurde für vierzehn Jahre (1599–1613) Herrscher in Süd-Burma. Andere errichteten befestigte Stützpunkte an der Nordostküste Indiens und betrieben bis in die 1660er Jahre Sklavenhandel, indem sie Einheimische gefangen nahmen und verkauften.
Als Portugal die Herrschaft der spanischen Krone akzeptierte, war die portugiesische Expansion bereits erschöpft. Als Portugal 1640 wieder unabhängig wurde, war seine Macht im Osten bereits von den zielstrebigeren und besser organisierten Niederländern und Briten überflügelt worden.
Der Text zeichnet laut ChatGPT „insgesamt ein recht nüchternes Bild der frühen portugiesischen Expansion in Asien: weniger als staatlich geplantes Imperium, sondern zunächst als Netzwerk von Händlern, Abenteurern, Söldnern und gelegentlich Piraten, die lokale Machtkämpfe für eigene Zwecke nutzten.“
Ich bin noch ganz am Anfang der Lektüre und traue der KI auch nicht zu, auf genau das zu achten, was mich interessiert. Hier aber eine Zusammenfassung I(die auch zeigt, dass die Autoren Edwin O. Reischauer, John King Fairbank und Albert M. Craig bei China – obzwar hoch qualifizier – total daneben lagen).
„Das Buch East Asia: The Modern Transformation verfolgt die Geschichte Ostasiens vom Auftreten der Europäer im 16. Jahrhundert bis in die 1960-er Jahre. Das eigentliche „Fazit“ wird nicht in einem einzigen Schlusssatz formuliert, sondern ergibt sich aus der gesamten Argumentation des Werkes.
Zentrale Schlussfolgerung des Buches
Die Autoren vertreten die These, dass die moderne Geschichte Ostasiens von einer gewaltigen Herausforderung geprägt wurde: Wie konnten die alten Zivilisationen Ostasiens auf die militärische, wirtschaftliche und kulturelle Überlegenheit des Westens (!) reagieren, ohne ihre eigene Identität vollständig zu verlieren?
Nach Ansicht der Autoren hing der Erfolg eines Landes davon ab, wie gut es westliche Technik, Institutionen und Organisationsformen übernehmen und zugleich an die eigenen Traditionen anpassen konnte.
Japan wird als das erfolgreichste Beispiel dargestellt:
► schnelle Modernisierung seit der Meiji-Zeit,
► Übernahme westlicher Technologie,
► Aufbau eines modernen Staates,
► Industrialisierung,
► Aufstieg zur Großmacht.
Allerdings führte dieser Erfolg (?) auch zu Imperialismus und Krieg, was 1945 in einer Katastrophe endete. Danach gelang Japan ein zweiter Aufstieg als Wirtschaftsmacht.
China erscheint im Buch als der große Verlierer des 19. Jahrhunderts:
► innere Krisen,
► kolonialer Druck,
► langsame Reformen,
► Zusammenbruch des Kaiserreiches,
► Bürgerkrieg und Revolution.
Die kommunistische Revolution wird nicht nur als ideologisches Ereignis, sondern als Versuch verstanden, China wieder politisch zu einen und zu modernisieren.
Korea und die Staaten Südostasiens werden als Gesellschaften beschrieben, die zwischen kolonialem Einfluss, nationaler Selbstbehauptung und Modernisierung ihren eigenen Weg suchten. Auch hier wird die Begegnung mit dem Westen als entscheidender Wendepunkt dargestellt.
Wenn man die Kernaussage des Buches in wenigen Sätzen zusammenfasst, lautet sie ungefähr:
Die moderne Geschichte Ostasiens ist die Geschichte der Anpassung alter Zivilisationen an eine von Europa und später den USA geprägte Weltordnung. Die Gesellschaften, denen es gelang, fremde Technik und Institutionen mit ihren eigenen Traditionen zu verbinden, waren erfolgreicher als jene, die sich dem Wandel widersetzten oder zu spät reformierten. Die Zukunft Ostasiens liegt weder in der bloßen Nachahmung des Westens noch in der Rückkehr zur Vergangenheit, sondern in einer eigenständigen Synthese von Tradition und Moderne.
Interessant ist dabei, dass Fairbank, Reischauer und Craig bereits 1965 schrieben – also bevor der wirtschaftliche Aufstieg Südkoreas, Taiwans und vor allem Chinas sichtbar wurde [und noch vor der Chinesischen Kulturrevolution!]. Rückblickend wirkt ihre Grundthese erstaunlich vorausschauend: Ostasien modernisierte sich nicht durch „Verwestlichung“, sondern durch die Verbindung westlicher Methoden mit eigenen kulturellen und politischen Traditionen.“
Angemerkt zum Zeitgeschehen

Wissenschaftliche Untersuchung von Personen, die sich ausschließlich bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten informieren und darüber dann in den sozialen Medien posten (Symbolbild).
– Nehmt dies Schwaben! Man darf Leute nicht mehr zum Kehren und zum Putzen auffordern!
Warum macht der Probst Markus Pottbäcker (Facebook) Werbung für die AfD? Frage für einen Freund.
– Immer wenn in den sozialen Medien die Sendungen im deutschen TV diskutiert werden, sollte man einen Urologen hinzuziehen: Das Thema interessiert nur die, die innerhalb der öffentlich-rechtlichen Blase leben.
– „Vielleicht hätte sich Frau Baerbock darauf konzentrieren sollen, ihre Arbeit in der deutschen Diplomatie zu erledigen, anstatt zu versuchen, Nigerianern vorzuschreiben, wo sie ihre Toiletten zu bauen haben, und den Afrikanern zu sagen, wie sie mit Elefanten umgehen sollen“, so Masisi. „Vielleicht hätte Deutschland dann mehr Stimmen aus Afrika für den UN-Sitz erhalten.“
– Wen man Jobcenter kritisiert und dort arbeite, wird man in Bremen entlassen.
– Der Tatort Reifezeugnis ist ab sofort nur noch auf dem Schwarzmarkt oder unter der Ladentheke erhältlich.
Dazu lesen wir Fachliteratur: Der französische Historiker Philippe Ariès veröffentlichte 1960 das Werk Geschichte der Kindheit 1960. Es gilt als eines der einflussreichsten Bücher der Sozial- und Mentalitätsgeschichte. Die zentrale These lautet, dass Kindheit keine zeitlose biologische oder kulturelle Konstante ist, sondern eine historisch entstandene gesellschaftliche Konstruktion. Die Vorstellung von Kindheit hat sich historisch stark verändert: Die moderne, „geschützte“ und pädagogisch betreute Kindheit entstand erst zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert.
– Lehrer schlagen Alarm: Heutige Schüler sind nicht mehr in der Lage, das Nibelungenlied auswendig zu lernen.
Code, Simulation und Hyperrealität
Nach 50 Seiten gab ich auf und holte mir Hilfe von der KI.
„Der symbolische Tausch und der Tod“ (französisch: L’échange symbolique et la mort, 1976) gilt als eines der wichtigsten und zugleich schwierigsten Werke des französischen Soziologen und Philosophen Jean Baudrillard. Das Buch markiert den Übergang Baudrillards von einer marxistisch beeinflussten Gesellschaftskritik zu seiner späteren Theorie der Simulation und der Hyperrealität.
Die Grundidee
Baudrillard behauptet, dass moderne Gesellschaften nicht mehr hauptsächlich durch Produktion und Klassenkampf bestimmt werden, sondern durch Zeichen, Symbole und Codes. Früher wurden Dinge hergestellt, getauscht und verbraucht. Heute werden vor allem Bedeutungen produziert:
► Marken statt Produkte
► Images statt Wirklichkeit
►Medienereignisse statt Erfahrungen
► Statistiken statt Menschen
Der Mensch lebt nach Baudrillard zunehmend in einer Welt von Zeichen, die sich von der Realität gelöst haben.
Was ist „symbolischer Tausch“?
Der Begriff stammt teilweise aus den Arbeiten des Ethnologen Marcel Mauss.
In traditionellen Gesellschaften waren Gaben, Opfer, Rituale und Gegengaben wichtig.
Beispiele:
►Ein Geschenk verpflichtet zur Gegengabe.
►Eine Beleidigung verlangt Antwort.
►Ein Opfer an die Götter verlangt Gegenleistung.
►Ein Ehrverlust muss ausgeglichen werden.
Dieser Austausch folgt keiner Marktlogik. Er ist:
►persönlich
►wechselseitig
►symbolisch
►sozial bindend,
Baudrillard nennt dies den symbolischen Tausch.
Was macht die Moderne?
Die moderne kapitalistische Gesellschaft zerstört nach Baudrillard diesen symbolischen Austausch. Alles wird in messbare Werte übersetzt:
►Geld
►Preise
►Statistiken
►Leistungskennzahlen
►Wahrscheinlichkeiten
Statt einer Gegengabe erhält man einen Preis. Statt Ehre erhält man Status. Statt Ritualen gibt es Bürokratie.
Dadurch gehe etwas Grundlegendes verloren.
Warum spielt der Tod eine zentrale Rolle?
Für Baudrillard ist der Tod das größte Problem der modernen Gesellschaft.
Traditionelle Kulturen integrierten den Tod:
►Ahnenkulte
►Totenrituale
►Opferhandlungen
►religiöse Vorstellungen.
Der Tod gehörte zum sozialen Leben. Die Moderne versucht dagegen, den Tod auszuschließen:
►Krankenhäuser verbergen Sterbende
►Friedhöfe liegen außerhalb der Städte
►Jugend wird verherrlicht
►Alter wird verdrängt
Der Tod werde zum Tabu.
Baudrillard meint: Was ausgeschlossen werde, kehre in anderer Form zurück. Deshalb erscheinen Tod und Katastrophe ständig in Medien, Filmen und Nachrichten.
Die Kritik an Marx
Baudrillard war ursprünglich stark von Karl Marx beeinflusst. In diesem Buch kritisiert er Marx jedoch. Marx sah die Hauptfrage in:
►Arbeit
►Produktion
►Eigentum
►Klassenverhältnissen
Baudrillard meint dagegen: Die moderne Gesellschaft werde zunehmend durch Zeichen und Information organisiert. Nicht die Fabrik sei das Zentrum der Macht, sondern:
►Medien
►Werbung
►Verwaltung
►Datensysteme
Deshalb reiche klassische Marx-Kritik nicht mehr aus.
Der Code
Eine der wichtigsten Ideen des Buches ist der Code. Der Code bestimmt:
►was normal ist,
►was schön ist,
►was erfolgreich ist,
►was gesund ist,
►was wahr ist.
Menschen glauben oft, frei zu handeln.
Baudrillard sagt jedoch: Der Code legt bereits fest, welche Möglichkeiten überhaupt denkbar sind.
Heute würde man dabei an Dinge denken wie:
►Algorithmen
►Social-Media-Rankings
►Suchmaschinen
►Kredit-Scores
►KI-Systeme
Baudrillard schrieb dies allerdings Jahrzehnte vor dem Internet.
Simulation
Hier entwickelt Baudrillard erstmals Gedanken, die später berühmt wurden. Er behauptet: Die moderne Gesellschaft produziert Abbilder ohne Original.
Beispiele:
►Werbung verkauft Lebensgefühle statt Produkte.
►Politiker inszenieren Bilder statt Politik.
►Fernsehen erzeugt Ereignisse, die nur für das Fernsehen stattfinden.
Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Darstellung verschwimmt. Daraus entsteht später sein berühmter Begriff der Hyperrealität.
Warum war das Buch wichtig?
Baudrillard erkannte bereits in den 1970er Jahren Entwicklungen, die heute alltäglich erscheinen:
►Mediengesellschaft
►Influencer-Kultur
►virtuelle Identitäten
►permanente Selbstdarstellung
►digitale Überwachung
►Datenökonomie
Viele Leser sehen darin eine erstaunlich frühe Beschreibung des Internetzeitalters.
Kritik an Baudrillard
Kritiker werfen ihm vor:
►Er schreibe oft absichtlich schwer verständlich. [Das kann ich bestätigen.]
►Seine Aussagen seien kaum überprüfbar.
►Er übertreibe den Einfluss von Medien.
►Er unterschätze weiterhin die Bedeutung von Wirtschaft und Klassen.
Marxisten kritisieren insbesondere, dass er die Produktionsverhältnisse zugunsten von Zeichen und Symbolen vernachlässige.
Kurzfassung in einem Satz
Baudrillards zentrale These lautet:
Die moderne Gesellschaft hat den traditionellen symbolischen Austausch verdrängt und durch ein System von Zeichen, Codes und Simulationen ersetzt; dabei wird insbesondere der Tod aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, kehrt jedoch in medialen und kulturellen Formen ständig wieder zurück.
Zu unscharfe sozialistische Gesellschaft
Seit März 1974 wohne ich in Berlin – das Foto ist vermutlich aus diesem Jahr.
„Die Auflösung und die Perspektive reichen leider nicht aus, um alle Titel sicher zu lesen, aber einige Fragmente sind erkennbar:
►Auf dem weißen Buch im Hintergrund steht ziemlich deutlich „ATLAS ZUR …“. Das könnte ein geographischer oder historischer Atlas sein.
►Das rote Buch davor scheint mit „Sozialistische …“ oder „Sozialistische Gesellschaft …“ zu beginnen, aber der Rest ist unscharf.
►Die übrigen Bücher und Hefte sind zu klein bzw. zu unscharf, um die Titel zuverlässig zu entziffern.“
Den zweibändigen Atlas zur Geschichte – hrsg.: Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, VEB Hermann Haack, Geografisch-Kartographische Anstalt Gotha/Leipzig 1973 – besitze ich heute noch. Der Atlas war wesentlich besser als der damals im Westen erhältliche einbändige Putzger. Den habe ich auch, eine Jubiläumsausgabe von 1969 oder 1970 zum 125-jährigen Verlagsjubiläum.
Unter Exorzisten
Die bürgerliche Hauptstadtpresse berichtet: Gleich 32 Autoren, die ihre Bücher bislang im Westend Verlag veröffentlicht haben, verkünden in einem offenen Brief an die Geschäftsführung des in Frankfurt ansässigen Verlags, dass sie diesen verlassen werden. „Wir distanzieren uns hiermit von der Neuausrichtung Ihres Verlagsprogramms.“ (…)
Mit der „Neuausrichtung“ ist gemeint, dass der Verlag, der sich bislang „ausdrücklich als Plattform für kritische, linke Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen“ verstanden hat, wie es bis vor kurzem auf der Verlagsseite stand, nun auch Bücher von Autoren wie Wolfgang Kubicki und Ulf Poschardt verlege, mithin sich rechten Positionen öffne.
Die haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Die gefühlt „linken“ Damen und Herrn Autoren sind noch nicht einmal mehr in der Lage, jemanden in ihrer virtuellen Nähe zu dulden, der nicht ihrer stromlinienförmigen Meinung entspricht, ohne ein exorzistisches Reinigungsritual zu zelebrieren.
Unter Putschisten, revisited
Ich lese immer noch von Sven Felix Kellerhoff: „Der Putsch: Hitlers erster Griff nach der Macht“ – Reminder: „Es ist die bis dahin größte Bedrohung für die Weimarer Republik: Mit roher Gewalt wagt Hitler von München aus den Umsturz – und scheitert. Die Demokratie hält stand. Sven Felix Kellerhoff richtet den Fokus auf bislang übersehene Zeugnisse und schildert die tatsächlichen Hintergründe des 8. und 9. November 1923.“
Ich bin erstaunt, wie wenig ich wusste. Am 18.12.2018 habe ich das Publikum mit ultraorthodoxsektiererschen Literaturhinweisen aus den 70-er Jahren belästigt über maoistische Klassenkämpfe in der Weimarer Republik. Das haben wir damals gelesen. Und noch Schlimmeres, was heute unter identischem Titel immer noch existiert – und das gleich mehrfach.
Das, was die DDR zum Thema zu bieten hatte, war nicht viel besser. Man kann stundenlang Lenin-Zitate daherbeten, dadurch wird der Quatsch nicht besser. „Die Massen sahen, dass der Sozialismus möglich ist.“ Nein, sahen sie nicht. „Im Herbst 1923 herrschte in Deutschland eine revolutionäre Situation.“ Nein, falsch.
Ich zitiere das nur, um zu beweisen, dass die ultraorthodoxe so genannte „Linke“ in Gestalt der Politsekten rein gar nichts aus der Geschichte gelernt hat, und das offenbar auch gar nicht will. Es kommen immer noch alberne Theorien, dass die anderen schuld waren, dass die Revolution nicht stattfand: die SPD, die KPD-Führung selbst oder die Arbeiter oder irgendetwas anderes. Vielleicht war es auch das Klima.
Richard Löwenthal hat die richtigen Punkte zur Sprache gebracht, was die SED nie erlaubt hätte: „Dagegen hatten Lenin und die Bolschewiki unter den ganz anderen Bedingungen ihres illegalen Kampfes gegen den Zarismus die These entwickelt, daß nur die straffste zentralistische Organisation, der Parteiaufbau von oben nach unten, die Bestellung der Funktionäre nicht durch Wahl, sondern durch Auswahl, die Auswahl auch der Mitglieder durch die Parteiführung – daß nur diese Form der Organisation geeignet sei, den revolutionären Erfolg zu verbürgen; und auf Grund dieser extrem anti-demokratischen, zentralistischen Organisationsform standen die demokratisch-revolutionären Minderheiten der mittel-und westeuropäischen Arbeiterbewegung den Bolschewiki mit einem gewissen Mißtrauen gegenüber. Das galt insbesondere wiederum für Rosa Luxemburg…“
Und: „Die ursprünglichen deutschen Kommunisten, die sich aus der „linksradikalen“ Richtung der Sozialdemokratie vor 1914 über die „Gruppe Internationale“ der ersten Kriegsjahre zum Spartakusbund unter Führung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht entwickelten, unterschieden sich in wesentlichen Punkten ihrer Auffassung und Praxis von den russischen Bolschewiki. Ganz wie die revolutionären Minderheiten in der Arbeiterbewegung anderer europäischer Länder vor dem ersten Weltkrieg hatten sie eigene Wurzeln und waren keineswegs als Anhängsel der Bolschewiki entstanden“.
Zwei Thesen dazu. Erstens: Mit Ernst Thälmann war die kommunistische Arbeiterbewegung zum Scheitern verurteilt. Zweitens: die verhängnisvolle Abhängigkeit, in die sich die KPD zur KPdSU begab, musste in einer Katastophe enden. Letzteres wird im Buch von Kellerhoff dokumentiert, obwohl das eher ein Nebenthema ist.
Stalin und seine Groupies waren überzeugt und der Meinung, dass ein bewaffneter Aufstand 1923 (!) in Deutschland zu erfolgen habe. Andere wurden nicht gefragt, und die deutsche Arbeiterklasse sowieso nicht.
Für denselben Abend um 22 Uhr hatten Trotzki und Sinowjew die in Moskau anwesenden KPD-Spitzenfunktionäre einbestellt, darunter neben Brandler auch Ruth Fischer und Ernst Thälmann. Tatsächlich begann die Besprechung erst um 23.15 Uhr und schleppte sich zunächst mit Geschäftsordnungsfragen hin, einschließlich einer 20-minütigen Unterbrechung, um auf noch abwesende KPD-Vertreter zu warten, vor allem auf Fischers Lebensgefährten Arkadij Maslow, dessen Anwesenheit sie verlangte. Dann aber, vermutlich gegen Mitternacht, verkündete Sinowjew [den Stalin später hinrichten ließ] den deutschen Kommunisten, was das Politbüro Stunden zuvor beschlossen hatte: »Wir alle sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass die revolutionäre Krise in Deutschland herangereift ist und dass jetzt die Frage des bewaffneten Aufstandes und entscheidenden Kampfes eine Tagesfrage geworden ist fast im buchstäblichen Sinne des Wortes.« Das Politbüro sei der Meinung, es genüge, »wenn alle objektiven Vorbedingungen herangereift sind«, eine Frist »zur Vorbereitung aller notwendigen Vorarbeiten« zu setzen. Dann teilte der als Chef der Komintern faktische Vorgesetzte den KPD-Funktionären mit: »Als eine solche provisorische Frist vorgesehen ist der 9. November.«
Das Protokoll verzeichnete weder Erstaunen noch Fragen und erst recht keinen Protest; lediglich Ruth Fischer merkte demnach an, sie kenne die »Thesen« des Politbüros zur Lage in Deutschland »nicht in vollem Umfang«. Sinowjew verlas daraufhin den Beschluss, doch zu einer Diskussion über den Befehl kam es offenbar nicht.
Sowohl der Hamburger Aufstand als auch alle anderen Versuche, eine Volksfront „gegen Rechts“ zu bilden, wie etwa in Thüringen, scheiterten kläglich und mit Ansage.

Aufruf der Aufständischen an die Einwohner von Schiffbek zur Teilnahme am Hamburger Aufstand – Foto aus dem Buch: Die bedrohte Stadtrepublik, Hamburg 1923
Die KI (Gemini) fasst recht gut zusammen, was man in der DDR mit dem Thema machte:
„Die zentrale These der SED-Geschichtsschreibung war, dass die Aufstände der 1920er Jahre scheitern mussten, weil die KPD zu diesem Zeitpunkt noch keine „Partei neuen Typs“ nach leninistischem Vorbild war.
Der Vorwurf des „Spontaneismus“: Den frühen KPD-Führern wurde vorgeworfen, von linksradikalen, „putschistischen“ oder spontaneistischen Strömungen beeinflusst gewesen zu sein. Es habe an einer straffen, zentralistischen Führung und einer klaren militärisch-strategischen Planung gefehlt.
Die SED-Historiker kritisierten (durchaus folgerichtig), dass die KPD-Führung in den Aufständen oft den Rückhalt in der breiten Arbeiterklasse und den Gewerkschaften unterschätzt hatte. Die Aufstände wurden im Nachhinein oft als heroische, aber isolierte Aktionen der Avantgarde gewertet.
Ein Kernelement der DDR-Meistererzählung war die fundamentale Schuldzuweisung an die SPD-Führung. In der offiziellen Geschichtsschreibung wurde argumentiert: Die Aufstände scheiterten primär daran, dass die „rechte SPD-Führung“ (Leute wie Friedrich Ebert oder Gustav Noske) gemeinsame Sache mit den reaktionären Kräften der Bourgeoisie und den Freikorps gemacht habe, um die Revolution zu verraten.
Kritik an KPD-Mitgliedern, die während der Weimarer Republik mit der SPD kooperieren wollten (die sogenannte „Rechte“ um Heinrich Brandler, dem KPD-Vorsitzenden während des versuchten „Deutschen Oktobers“ 1923), wurde in der DDR genutzt, um jegliche Abweichung von der harten Parteilinie zu brandmarken. Brandler wurde zum Sündenbock für das Scheitern von 1923 erklärt.
Die kritische Aufarbeitung in der DDR (manifestiert unter anderem im monumentalen, mehrbändigen Werk Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, das unter der Aufsicht von Walter Ulbricht entstand) verfolgte klare politische Ziele:
Das Scheitern der Weimarer KPD wurde als historischer Beweis dafür herangezogen, dass die Gründung der SED (durch die Zwangsvereinigung von SPD und KPD 1946) und deren rigide, moskautreue Ausrichtung absolut notwendig waren, um den Sozialismus in Deutschland endlich siegreich zu machen.
Die Berichte über die Aufstände (insbesondere der Hamburger Aufstand unter Ernst Thälmann) wurden stark romantisiert. Thälmann wurde als fehlerfreier Held inszeniert, während strategische Fehler der KPD-Führung der „Brandler-Clique““oder dem „Trotzkismus“ zugeschrieben wurden. Die Kritik diente also der Disziplinierung der eigenen Kader.“
Also Fake News vom Feinsten und keine Geschichtswissenschaft. Von der heutigen so genannten „Linken“ kommt gar nichts. Ganz im Gegenteil: Die ist auf dem Weg zum völkischen Nationalismus („Volk der Palästinenser“). Daher noch ein Zitat von Kellerhoff, was sich seitdem nicht geändert hat und heute wieder aktuell ist:
»In Autenhausen wurde heute Nacht bei einer jüdischen Familie eingebrochen. Die Leute wurden stark misshandelt und anscheinend verschleppt, die Zimmereinrichtung durcheinandergeworfen, das Zimmer weist zahlreiche Blutspuren auf.« Die Bevölkerung befinde sich in großer Aufregung, meldete die kommunale Polizei und fügte hinzu: »Täter sind bekannt«. Ähnliches geschah in Sesslach mit zwei jüdischen Brüdern, über die »mindestens 15 Personen hergefallen« waren. Die beiden wurden misshandelt, entführt und offenbar nach Zahlung eines Lösegeldes freigelassen. Als die Polizei mit ihnen sprechen wollte, waren sie mit ihren Frauen verschwunden: »Man weiß nicht, wo sie sich befinden.«* Vorkommnisse wie diese gab es zwar nicht nur in Oberfranken, doch dort schaukelte sich die Stimmung der Milizen besonders auf.
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* Die Information stammt aus der Akte K 3/1927 im Staatsarchiv Bamberg, Blatt 36b und Blatt 40.
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Die Taufe des Eunuchen, ca. 1631, Kopie nach Rembrandts: Die Taufe des Kämmerers, 1626
Nein, niemand hat die Absicht, Niederländisch zu lernen. Ich war heute im Rembrandt Haus Museum: „The Rembrandt House Museum is the only place in the world completely dedicated to Rembrandt. Visit the home of Rembrandt where he lived and worked for 19 years and created his biggest masterpieces. Step back in time to the 17th century and get inspired by Rembrandt the man, the artist, his home, his city and his time.“

Restbestände, aus dem Müll ausgegraben, aus Rembrandts Küche
Oder auch auf „Deutsch“: „Nicht weit vom chinesischen Viertel Amsterdams, direkt hinter dem Retlichtviertel, in direkter Nähe des Waterlooplein, steht das Haus, das der berühmte niederländische Malers Rembrandt im zwischen 1639 und 1659 besitze und in dem er lebte.“ [sic]
Wer Gemälde von Rembrandt sehen will, ist hier falsch. Das Rijkmuseum ist aber immer überfüllt, was ich abgrundtief hasse, und für das Van Gogh Museum muss man Tage im voraus buchen, was ich nicht tat.
Ich habe dennoch etwas gelernt, neben der offenkundigen Tatsache, dass man in dem wunderschönen Gebäude nicht die Treppe hinaufkäme, wenn man zu dick oder unsportlich wäre, geschweige denn als Rollstuhlfahrer.
Die Fotos oben und unten zeigen die private Sammlung von Souvenirs exotischer Dinge, die der Maler von Reisenden und Händlern aus alle Welt kaufte (mit wokem Kommentar über Sklaverei und Kolonialismus per Audio-Guide). In einer Zeit, in der es noch keine Fotos gab, war das die einzige Möglichkeit, konkret etwas zu erfahren über Kunst und Biologie. (Nein, auch die Skizzen Michelangelos oder da Vincis wurde nicht kopiert.)
Wie sahen also ein ausgestopftes Krokodil (was in dem Raum an der Decke hängt) oder Korallen aus, wenn man noch nie so etwas gesehen hat?
Rembrandt war so besessen von seiner Sammelei, dass er – obwohl berühmt – nach zwei Jahrzehnten pleite war und sein Haus samt Interieur verkaufen musste. Anhand der Inventarliste, die erhalten ist, konnte man es rekonstruieren.
Kunst hatte damals mit Können zu tun. Heute nicht mehr, sondern mit Vermarktung. Auch van Gogh hatte zu Lebzeiten nie genug Geld – sein Gemälde „Porträt des Dr. Gachet“ wurde 1990 für 82,5 Millionen US-Dollar verkauft! Rembrandts „Porträts von Maerten Soolmans und Oopjen Coppit“ (1634) erzielte 2015 ca. 160 Millionen Euro – damit würde man heute mehrere Häuser samt Gracht kaufen können.
Deswegen waren Kopierer von beliebten Gemälden damals auch keine „Urheberrechtsverletzer“. Das Urheberrecht ist ein autochthones Produkt des Kapitalismus und wurde erst im späten 19. Jahrhundert kodifiziert.
Würde man da Vinci, Michelangelo, Rembrandt oder van Gogh das erklären wollen, würde die – falls sie es überhaupt verstünden – kaputtlachen. Aber zum Glück macht die KI das Urheberrecht wieder obsolet. Das probieren wir gleich mal aus:
Create a dramatic Baroque-style painting inspired by Rembrandt’s The Baptism of the Eunuch. The scene takes place outdoors near a small body of water, where a biblical baptism is occurring. A central figure kneels humbly in the water while another figure performs the baptism, pouring water over their head. Surround them with a few onlookers, dressed in historical robes.
Use strong chiaroscuro lighting with deep shadows and warm golden highlights, emphasizing emotional intensity and spiritual significance. The composition should feel intimate yet profound, with realistic human expressions, rich textures, and detailed fabrics. The background should be subdued and atmospheric, with dark tones contrasting the illuminated figures.
Paint in an oil-on-canvas style, with visible brushwork, earthy colors, and a timeless 17th-century Dutch master aesthetic.
So ganz funktioniert es nicht. Rembrandts Figuren sind im Sinne von Netflix divers, das heißt maximalpigmentiert. Da muss die KI noch woker werden.
Gott sei Dank
Irgendjemand schrieb in irgendwelchen sozialen Medien: „Welche Bücher (maximal 10) haben euch in eurem Leben maßgeblich beeinflusst?“
Interessante Frage. Es geht also nicht darum, ob ein Buch gut ist, sondern wie und warum es einen maßgeblich beeinflusst hat. Das ist zugleich eine Reise zurück in der eigenen Biografie.
Bei mir ist das erste Buch klar: Die Bibel, nicht ganz freiwillig fast auswendig gelernt und mindestens ein Dutzend Jahre meines Lebens täglich ausführlich studiert. Ich habe ein paar Ausgaben, darunter ein Faksimile der Originalausgabe Luthers von 1525 – weil die Verehrer höherer Wesen sich selbstredend nicht einig sind, was genau dazugehört. Bei den Evangelen sind die vier Makkabäer-Bücher apokryph, das heißt nicht „würdig“ genug, um bei Ritualen zitiert zu werden; in der jüdischen Tora, von der alle abgeschrieben haben, fehlen sie ganz. Flavius Josephus kannte sie aber.
Auch hier: Die Wirkungsgeschichte kann nicht überschätzt werden (ist es so richtig?). „Wie das Schlusswort von Theodor Herzls Programmschrift Der Judenstaat verdeutlicht, war die zionistische Bewegung seit ihren Anfängen mit der Erinnerung an den Unabhängigkeitskampf der Makkabäerbrüder verbunden.“
Ich war noch Schüler, 15 oder 16 Jahre alt, und wollte mehr über die Welt wissen, mehr als in der Bibel zu finden war. Meine Eltern wussten nichts, alle redeten unentwegt nur über Religion. Also blieb mir nur die Flucht in das Lesen. Aber was? In Unna gab es nur eine Buchhandlung, und ich hatte nur mein kärgliches Taschengeld.
Zufällig fiel mir dort Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus (1933) in die Finger, ein Werk, das heute niemand mehr suchen oder ausstellen würde. Reich ist am Ende seines Lebens in seine ganz eigene Welt abgedriftet, aber das wusste ich noch nicht. Das Buch war der erste Sargnagel, wenn nicht gar der Auslöser dafür, dass ich dem Glauben an Götter und heilige Bücher entkommen konnte. Ich erkannte so viele „faschistische“ Strukturen, die Reich beschreibt, in meiner eigenen Sekte wieder – es gab nach der Lektüre irgendwie kein Zurück mehr. Aber ich konnte natürlich mit niemandem darüber diskutieren.
Danach verschlang ich alles, was so ähnlich zu sein schien, Freud, Jung, Psychologie eben. Ich wollte sogar Psychologie studieren, aber der Numerus Clausus ließ es damals nicht zu. Mein Glück, denn sonst wäre ich statt nach Münster und Berlin nach Heidelberg gegangen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre….
Irgendwann – noch vor dem Abitur – schenkte mir meine Mutter, ohne es selbst gelesen zu haben, von Leon Uris Exodus. Auch das Pflichtlektüre für alle, die über Israel meinen das Maul öffnen zu müssen. Seitdem hat sich meine Meinung über Israel und die Juden nicht geändert-
Im ersten Semester in Münster Anfang der 70-er Jahre wurde eine Arbeitsgruppe über Ludwig Feuerbach und Marx angeboten, organisiert von einer der maoistischen Sekten. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass man erst um 20 Uhr begann, wenn die regulären Veranstaltungen vorbei waren, und dass wir manchmal noch kurz vor Mitternacht herumdebattierten, eine Motivation, die sich heutige Studenten vermutlich gar nicht vorstellen können.
Ludwig Feuerbach (1841): Das Wesen des Christentums machte der Verehrung höherer Wesen vollends den Garaus. Wer nicht gleich mit Marxens Thesen über Feuerbach anfangen will, kann Feuerbach heute immer noch lesen: Was er sagt, obzwar ein wenig schwurbelig formuliert, gilt für alle Religionen gleichermaßen und gehört zum auf burks.de vom Publikum eingeforderten Bildungskanon.
Apropos: maßgeblich. Vergleichbar ist – für die 70-er Jahre nur Altvaters Marxens: Das Kapital (1867ff.), alle drei Bände.
Danach kam eine Weile nichts mit maßgeblich, Bücher, die meine Meinung in eine andere Richtung lenkten. Rian Malan: Mein Verräterherz sollte ich erwähnen. Das ist nicht nur ein unglaublich spannend und manchmal haarsträubend, sondern haut einem manchmal um. Die Geschichte über den „Hammermörder“ prägt bis heute meine Ansichten, wenn es um Kriminalität von Einwanderern überall auf der Welt geht. Es könnte es immer noch ein Mal im Jahr lesen, und es wäre nicht langweilig.
Meine Lieblingsbücher habe ich schon 2010 erwähnt: Neben Malan Elias Canetti: Masse und Macht, Robert Ranke-Graves: Die weiße Göttin, Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Umberto Eco: Der Name der Rose. Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter, Hertha von Dechend: Die Mühle des Hamlet. Richard Powers: Der Klang der Zeit, Cruz Smith: Eine Nacht in Havanna, Jack London: Wolfsblut, Jurek Becker: Amanda Herzlos, Stefan Heym: Nachruf, Salman Rushdie: Die Satanischen Verse.
Lieblingszitat:
„Und ich dank‘ es dem lieben Gott tausendmal, daß er mich zum Atheisten hat werden lassen. (Lichtenberg)“












































