Niña Campesina und anderes

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Postkarte aus Bolivien von einer meiner Ex-Loverinnen, 1984. „Niña Campesina“, Fotograf Tilo Avilés, Vilacayma (südlich von Cochabamba)

Nachmal zu der „Linken“ Lateinamerikas. Gestern hatte ich wenig Zeit und beließ es bei dem Satz: “ Die „Linke“ ist völlig hilflos und kümmert sich einen feuchten Kehricht um das, was die Leute umtreibt.“ Das Thema ist natürlich sehr kompliziert, und ich habe keine Patentlösungen.

„Die“ Linke gibt es natürlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten, zumindest in den Andenstaaten. Brasilien ist politisch ganz anders strukturiert, und die kleinen Länder wie Guyana oder Surinam passen ohnehin nicht in das Schema.

Hilfreich ist eine marxistische Klassenanalyse eingedenk der Tatsache, dass die Geschichte eine von Klassenkämpfen ist, die aber nur selten in reiner Form auftreten, sondern oft religiös oder anders kostümiert sind. Auch im Kapitalismus gibt es nicht nur idealtypisch Proletariat und Bourgeoisie. Es geht also darum, wer gegen wen und wer sich mit wem temporär verbündet.

Wir setzen voraus, dass in ganz Lateinamerika Kapitalismus herrscht – aber anders als in Westeuropa. Die Arbeiterklasse dominiert nirgendwo die politischen Konflikte. Die heftigsten Kämpfe gab es dann, wenn – wie beispielhaft in Bolivien – die „Linke“ sowohl proletarisch als auch „indigen“ war. Der Bergarbeiter in Bolivien waren – aus reiner Notwehr – perfekt organisiert und die einzige Klasse, die in der Lage war, den zahlreichen Diktatoren Widerstand zu leisten.

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Vgl. Cesar Lora, Isaac Camacha und die permanente Revolution, 31.11.2013

Alles, was sonst unter „indigen“ summiert wird und sich zeitweilig mit der städtischen traditionellen Linken verbündete, war fast immer kleinbäuerlich, wie zum Beispiel die klassische Klientel von Sendero Luminoso. Kleinbauern führen einen „reaktionären“ Abwehrkampf gegen Landraub, gegen Konzerne, gegen Zinsen, vom antiken Rom bis zum heutigen Indien. Kleinbauern waren während des chinesischen Bürgerkriegs die treibende Kraft, aber nicht die ideologische Avantgarde: Die Volkskommunen verwandelte sie später in Landarbeiter, so ähnlich wie die Kooperativen in Peru in den 80-er Jahren. Die „Linken“ machten also genau das, was der Kapitalismus auch plante, nur schneller.

Der Kapitalismus in Lateinamerika ist noch rückständig. Oft geht es nur darum, dass die herrschenden Klassen sich Land und Bodenschätze aneignen wollen – wie in Kolumbien und Venezuela oder Bolivien. Die „Linke“, wenn sie denn an der Macht war, verteilte die Güter nur anders, aber die Ökonomie blieb genauso wie vorher. Deswegen sind die gegenwärtigen Machthaber Venezuelas nicht „links“, auch wenn sie sich so geben. Natürlich muss jede herrschende Klasse, wenn sie nicht gerade die Diktatur als Herrschaftsform wählt, Zugeständnisse machen, um das Volk ruhig zu halten. Es kann also durchaus sein, dass eine „rechte“ Bewegung – also eine, die von den herrschenden Klassen sozial und politisch dominiert wird – klassische „linke“ Forderungen aufstellt. Das war bei der NSDAP auch nicht anders.

Das bedeutet: Eine radikale Transformation der Ökonomie – etwa Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien – ist in Lateinamerika nicht auf der Tagesordnung, weil es diese Industrien gar nicht gibt, nur Rohstoffe, Lithium in Bolivien, Öl in Venezuela und Ecuador.

In Kolumbien und Chile und im Norden Brasiliens ist die Migration (aus Venezuela) ein wichtiges Thema. Natürlich ist das weltweit ein „rechtes“ Thema, weil Verteilungskämpfe innerhalb der unterdrückten Klassen den Herrschenden in die Hände spielen. Wenn die „Linke“ aber dazu schweigt oder, wie in Deutschland, erwartet, dass „die da unten“ alle stillhalten, wenn ihnen von Einwanderern von dem wenigen, das sie haben, auch noch etwas weggenommen wird, dann wird sie kläglich scheitern.

Lateinamerika macht es vor. Aber man sollte nicht erwarten, dass irgendjemand etwas daraus lernt. Die gehen alle unter oder werden irrelevant wie die Mapai, die in Israel sogar die Regierung stellte.

Flash

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Mündung des Rio Negro in den Solimoes (Amazonas) bei Manaus, fotografiert Februar 1980

Ich hatte jüngst nostalgische Anwandlungen. An welche Momente auf meinen Reisen kann ich mich besonders gut erinnern, und welche haben eine Art „Flash“ erzeugt? Das kann man schwer beschreiben, und es sind gar nicht so viele, die extrem positive Gefühle und Adrenalin hervorriefen.

Auf meiner ersten Reise 1979/80 durch die USA, Mexiko, Belize, Guatemala, Honduras, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Brasilien, Guyana und Barbados habe ich das trotz der Exotik nicht gespürt. In Belize gefiel es mir außerordentlich, vor allem, weil ich so gut wie nichts über das Land wusste. Aber es fehlte dieser „Wow“-Moment.

Ziemlich nah dran war, als ich zum ersten Mal den Amazonas sah. In dem Milieu, aus dem ich komme, waren Reisen dieser Art damals gar nicht denkbar bzw. vorstellbar, genau so wenig wie der Berufswunsch „Journalist“ oder „Schriftsteller“.

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Der Rio Coco, Grenzfluss zwischen Honduras und Nicaragua (auf der gegenüberliegenden Seite), fotografiert Dezember 1981.

Auf der zweiten Reise gab es so einen unvergesslichen Moment. Als wir in einer gottverlassenen Pampa und allein am Rio Coco in Honduras saßen und einen Einbaum sahen, der uns herüberholen wollte, gesteuert von einem Mädchen, das fast noch ein Kind war. Und dann am anderen Ufer der misstrauische Empfang durch bis an die Zähne bewaffneten Sandinistas, die unser gesamtes Gepäck auseinandernahmen. Und – endlich! – die Einladung des „Revolutionskommandanten“ zu einem comida international („internationalen Essen“) mit allen zusammen, womit Spagetti gemeint war. Das war wie ein „Flash“ – nach dem Motto: Das glaubt uns keiner! Und das lässt sich nicht wiederholen.

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Salzwüste in Bolivien westlich von Oruro, 1984

Dritte Reise 1984, sieben Monate Peru und Bolivien. Zwei Tage Fußmarsch durch eine Salzwüste, zuerst mit schwerem Gepäck, dann mit leichtem. Und dann endlich am späten Nachmittag die primitiven Hütten von Chipaya am Horizont. In einer der ersten wurde gerade Brot gebacken. Die Nachricht, dass damals in Bolivien eine Inflation wie in der Weimarer Republik war, war noch bis dorthin nicht vorgedrungen. Die beiden Brote, die wir kauften, kosteten weniger als damals zehn Pfennig. Ich habe noch nie so leckeres (Weiß)Brot gegessen. Das war schon wie im Film. Man fragt sich: Ich das jetzt real oder nur ein Traum?

Ausangate
Ein Dorf östlich von Urcos in Peru. Der schneebedeckte Berg ist der Ausangate (6.384 m) am westlichen Rand der Cordillera Vilcanota (984.

Der zweite Flash-Moment ist klar zu benennen, aber nicht der Ort (vielleicht Mahuayani). Ich war mit einem LKW (illegaler Holztransport, rund 20 Personen auf der Ladefläche und ein paar Benzinkanister) unterwegs von Puerto Maldonado im Urwald von Peru nach Cusco, zwei Tage und eine Nacht, auf einer der damals gefährlichsten Straßen (Teil der Interoceanica Sur) der Welt.

In der Nacht hatten wir bei klirrender Kälte den Pass nördlich des Lago Sinkrinaqucha (4.377 m, spanisch: Singrenacocha) überquert. Ich weiß noch, dass der LKW gegen Mitternacht ein paar Stunden anhielt, weil der Fahrer sich nicht traute weiterzufahren, und dass ich austreten musste und fast alles anzog, was ich hatte, um nicht zu Eis zu erstarren: Zwei Pullover, Wollmütze, Wollhandschuhe. Wir führen weiter und erreichten kurz darauf dieses Dorf kurz nach Sonnenaufgang.

Ich sprang immer noch bibbernd vor Kälte vom LKW. Dann kam mir ein Reiter entgegen, der vom Pferd stieg und die anderen „Fahrgäste“ fragte, wer ich sei (ich trug eine Art Poncho und einen Hut). Alles war total unwirklich, aber ein unvergessliches Erlebnis.

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Mein Rucksack auf der Plaza Falcón in Coro, Venezuela, kurz vor Sonnenaufgang, 18.1.1998

Auch 1998 in Venezuela gab es Momente wie die Tänzerinnen in Coro. Aber noch mehr flashte mich ein paar Tage vorher die Ankunft dort:

Der Bus fährt direkt nach Coro. Krachendes TV, daily soap auf venezolanisch, ich brauche nicht lange, um mich daran zu gewöhnen und trotzdem zu schlafen. Um kurz nach fünf rüttelt mich jemand – wir sind schon da. Eine Brise, irgendwo muss das Meer sein. Mit schweren Füßen durch schmale, holprige Straßen einer Vorstadt. Ich bin ganz allein. Hunde bellen mich an, ohne mich zu sehen. [Ich habe mir das angesehen: Der Terminal Terreste Polica Salas – der Busbahnhof – von Coro ist an der Calle Maparari, es sind von dort gut zwei Kilometer zu Fuß bis ins Stadtzentrum.]

Endlich: die Plaza von Santa Ana de Coro, gegründet 1527 vom Spanier Juan de Ampiés, der sich dazu die Erlaubnis des Kaziken Manaure holte. Die kleine Kathedrale, dem heiligen Franziskus geweiht. Als Georg Hohermuth von Speyer und Philipp von Hutten 1528 auf diesem Platz standen, war sie noch nicht fertig. Sonnenaufgang.

Ich sitze auf einer Bank und versuche mir vorzustellen: 400 deutsche Landsknechte und sächsische Bergknappen, die hier, genau an dieser Stelle, damals, vor fast 500 Jahren, aufgebrochen sind nach El Dorado. Ich schaue auf die Uhr. Es ist unfassbar. Von Berlin nach Coro in weniger als 48 Stunden.

coro

Je mehr ich in Erinnerungen schwelge, um so mehr fällt mir ein. Aber einen Flash habe ich noch, und der ist gar nicht so lang her.

Jaffa Gate
Jaffa Gate, Jerusalem, 10.10.2023

Ich kann mich daran erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Es war wie im Fieber. Ich hätte am liebsten einen Passanten gepackt und ihn gebeten, mich zu schütteln. Bin ich wirklich hier? Ist das wahr?

Im Oktober werden ich ein bisschen gelassener sein, wenn ich wieder da stehe.

Einfach traumhaft

Brief

Georgetown, 22.2. [Guyana 1982]
Liebe Eltern!

Vielleicht rufen wir von Trinidad aus per R-Gespräch an, das ist der einzige Ort, wo es möglich ist. Wenn ihr also Englisch am Telefon hört, legt nicht auf, sondern antwortet „yes“,

Wir haben eure Post erhalten, in Manaus war allerdings nichts, nur eine Karte von Susannes Mutter aus Israel.

Rupununi
Das Takatu-Guesthouse in Lethem, Guyana, fotografiert im Februar 1982. Heute steht da offenbar ein Neubau. (Vgl. Rebellion in der Rupununi, 21.10.2012 sowie Termiten in der Rupununi, 10.07.2011)

Wir sind heute hier [Georgetown, Guyana] angekommen, nachdem wir zuletzt vor ca. 3 Wochen aus einem kleinen Ort an der Grenze zwischen Kolumbien und Brasilien geschrieben hatte. Vielleicht ist der Brief ja angekommen. Wir haben uns entschieden, nicht mehr nach Surinam zu fahren, sondern ein paar Tage zuerst nach Tobago, dann nach Trinidad, dann 2 Wochen Grenada und zum Schluß Barbados. Wir werden versuchen, in Trinidad unseren genauen Rückflugtermin zu buchen, sodaß wir unseren letzten Brief aus St. Georges/Grenada losschicken werden mit genauer Ankunftszeit. Ich nehme an, daß H. und A. uns in Luxemburg abholen werden und war dann nach Unna kommen werden. Aber was soll’s, wir haben ja noch fast 6 Wochen karibische Sonne vor uns und vermutlich noch mehrere Sonnenbrände.

Transamazônica
Die Transamazonica von Manaus nach Boa Vista in Brasilien (das Foto hatte ich schon 1980 gemacht)

Wir sind ein bißchen erschöpft, obwohl wir eine Woche in totaler Stille und Abgeschiedenheit auf einer Ranch im Westen Guyanas verbracht haben. Die Vorgeschichte dazu war wieder etwas anstrengend: 26 Stunden mit dem Bus durch den Amazonas-Urwald von Manaus in Richtung Norden nach Boa Vista im Dreiländereck Guyana/Venezuela/Brasilien. Das ist die einzige Straße in Richtung Norden, ist erst 1977 fertiggestellt und bis vor kurzem fuhren die Busse nur im Konvoi, weil die um ihr Land betrogenen Indianer Überfälle veranstalteten.

Wir verloren mitten in der Nacht die beiden linken Hinterräder, weil die Schrauben sich auf der Schotterpiste gelöst hatten. Heute morgen ging noch die Benzinpumpe kaputt, aber die beiden Fahrer schafften es dann doch noch völlig verdreckt und verschwitzt (sowieso), uns in Boa Vista abzuliefern. Boa Vista ist ein völlig isoliertes Provinznest [das ist heute anders], mit Straßen, Gebäuden und Busbahnhof für die Zukunft gebaut, aber alles verrottet, weil die Zukunft noch keinen Einzug gehalten hat.

boa vista
Kathedrale Cristo Redentor, Boa Vista, Roraima, Brasilien, fotografiert Februar 1982. Boa Vista liegt nicht weit von der Grenze zu Guyana entfernt, in das ich anschließend reiste (1980 und 1982). Nicht weit von Boa Vista entfernt ist Normandia: „Normandia takes its name from the region of Normandy in France, the birthplace of settler Henri Charrière, better known as „Papillon“. Charrière was sentenced to serve time in a maximum security prison on Devil’s Island in French Guiana. He and several inmates managed to escape from French Guiana to Brazil and settled in the area of present-day Normandia.“ Vgl. „Gute Aussicht für Papillon“ 01.07.2028

Nach vorsichtigem Herumfragen verwies man uns zum Apotheker (!) zum Geldwechseln, weil die Banken keine Guyana-Dollars verkauften, obwohl die Grenze nicht weit weg und kein anderer Ort dazwischen ist. Der Apotheker sagte erst, er hätte keine Guyana-Dollars, aber nachdem wir ihm deutlich gemacht hatten, daß wir nicht brasilianische Cruzeiros, sondern amerikanische Dollars hatten, hellte sich seine Miene auf und er sagte, das sei natürlich etwas anderes. Wenn wir in Georgetown [Guyana] getauscht hätten, hätten wir für 1 US-$ 2.60 Guyana-Dollar bekommen, der ehrenwerte Herr Apotheker gab uns für 200 US $ ganze 1000 Guyana-Dollar, sodaß sich für uns alle Preise in Guyana halbieren, sonst könnten wir uns hier auch überhaupt nichts leisten, alles ist schrecklich teuer. –

Rio Branco
Der Rio Branco nordwestlich von Boa Vista, Roraima, Brasilien (ungefähr hier). Das Foto habe ich 1980 gemacht. Die Berge im Hintergrund sind die Kanuku Mountains in Guyana (vgl. Rio Branco, 13.09.2016).

Zur Ranch: Im Westen Guyanas liegt ein sehr interessantes Gebiet, die einzige Savanne Amerikas, sonst gibt es nur noch Savannengebiete in Südafrika. Es gibt nur einen einzige Ort Lethem hatte 2012 1702 Einwohner] mit weniger als 1000 Einwohnern in diesem Gebeite, das halb so groß wie die Bundesrepublik ist. Von diesem Ort (Lethem) kann man über das Gebirge an die Küste fliegen, was wir auch gemacht haben. Sonst gibt es ein paar Indianer-Dörfer und ein paar riesige Ranches, die Rinder züchten.

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Die Rupununi-Savanne im Westen Guyanas in der Nähe der Manari-Ranch, fotografiert Ende Februar 1980. Ich war auch schon einmal 1980 da. Aber beim ersten Mal war meine Kamera kaputt, weil sie in Brasilien in den Rio Branco gefallen war. Ich habe daher von meinem ersten Aufenthalt in Guyana keine Fotos (vgl. „Weites Land“, 22.07.2022).

Eine halbe Stunde mit dem Jeep von der Grenze war eine solche Ranch, das „Manari Ranch Hotel„, das exklusive Zimmer hatte (nur 8 und wir waren die einzigen Gäste), sogar Duschen (Wasserleitungen gibt es natürlich nicht, aber die Flüsse sind sauber), und [man] servierte sagenhafte 4 Mahlzeiten am Tag, inklusive „Tee“ um 5 auf gute englische Art (Guyana war bis vor wenigen Jahren englische Kolonie, man spricht auch Englisch).

Wir konnten reiten, im Fluß schwimmen, ein Boot stand zu unserer Verfügung, ein alter englischer Billartisch, der Blick von unserem Fenster gibt über eine sandige Ebene mit kargem Buschwerk und bis zu 4m hohen Termitenhügeln, am Horizont eine blau-graue Bergkette – einfach traumhaft.

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Rupununi-Savanne in der Nähe der Manari-Ranch, Guyana, fotografiert Ende Februar 1980. Im Hintergrund die Kanuku-Mountains.

Das Ganze für 60 DM für 2, uns bei unserem Umtauschkurs wasen das 15 DM alles inklusive für eine Person – Voraussetzung war allerdings, daß wir das Geld über die Grenze schmuggeln mußten, weil die Einfuhr von Guyana-Dollar verboten ist. Wir hatten uns zum Glück schon in Berlin eine Sondergenehmigung der Regierung in Georgetown besorgt, uns in der Savanne aufhalten zu können (wegen eines Aufstands der Rancher und der Indianer in den frühen 70-er Jahren lassen sie normalerweise keinen dahin) und alles lief bestens – unser Geldgürtel ist ein Geld wert.

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Paddeln auf dem Manari River (vgl. „Vorschau Paddeln“, 18.04.2018).

Die einzige unangenehme Begleiterscheinung war, daß Suanne 1 Woche lang Durchfall hatte, woher, wissen wir nicht. Und ich eine Kombination von Muskelkater und Sonnenbrand vom Rudern auf dem kleinen Fluß.

Beim Flug nach Georgetown mußten wir überrascht feststellen, wie schwer unser Gepäck mittlerweile schon ist – zusammen fast 50kg! [D.h. mein Rucksack war rund 30kg schwer, weil meine Begleiterin nicht so viel tragen konnte.] Wir werden auf Barbados alles überflüssige Zeug verkaufen oder verschenken.

Hier in Georgetown ist es schwül und drückend warm wie vor einem Sturm, und wir haben kaum die Energie, uns fortzubewegen. Heute waren wir den ganzen Tag im Zoo und im botanischen Garten, anschließend cninesisch essen – die vielen Chinesen hier sprechen fast alle nur ein paar Worte Englisch – immer nur einer in der Familie, dafür ist das Essen aber richtig chinesisch. Als wir nach längeren Verhandlungen endlich statt Messer und Gabel Stäbchen bekamen, mußte erst einmal – wie überall – das gesamte Küchenpersonal kichernd um die Ecke schauen.

papageien
Guyana Zoological Park, Georgetown, 1982 – wahrscheinlich der einzige Zoo einer Hauptstadt eines Landes, der keine Website hat. Die Vögel sind Eigentliche Aras.(vgl. „Eigentliche Vögel“, 26.07.2022>)

Wir hoffen, hier vor Sonntag noch wegfliegen zu können Richtung Trinidad – die nächste Post (und die letzte, wenn nichts wichtiges mehr passiert) in ca 2. Wochen von Grenada.

Bitte Grüße an alle, ich schreibe keinen Karten mehr […] sonst haben alle mindestens eine bekommen – wir werden ja sehen! Grüße auch von Susanne
Burkhard

Ich weiß nicht. wo J.s Brief angelangt ist – ich habe den Eindruck, daß ich meine gesamte Post in Manaus nicht bekommen habe, weil der Schaltermensch meinen Namen überhaupt weder lesen, schreiben noch aussprechen konnte.

So ist das hier am Amazonas

Brief

Am Rio Amazonas, 2.2.82
Liebe Eltern!
In dem kleinen Ort [Benjamin Constant], wo wir uns gerade aufhalten, haben wir ein Gebäude entdeckt, das stolz den Namen „correios“=Post trägt. So versuchen wir, einen Brief loszuwerden. Wenn er, wie wir vermuten, per Schiff transportiert wird, wird er genau so lange brauchen wie wir – bis Manaus.

Benjami Constant
Benjamin Constant (Brasilien) im Dreiländereck Kolumbien-Brasilien-Peru, Februar 1982

Wir haben gestern Kolumbien verlassen, sind auf die andere Seite des Amazonas übergesetzt und sind den zweiten Tag in Brasilien. Am Donnerstag (wer weiß?) soll angeblich ein größeres Schiff ankommen, das den ganzen Amazonas oder Rio Solimoes, wie er hier heißt, bis Manaus runterfährt. Es wird ca. 115 DM kosten und wahrscheinlich eine knappe Woche brauchen, so daß wir um den 12.2. da ankommen werden.

Brief

In Kolumbien ist alles etwas anders gekommen, als wir geplant haben. Erst haben wir 11 Tage in Bogota verbracht, bis A. [ein Bekannter aus Deutschland] aus Ecuador ankam, sind dann genau so lange nach Ost-Kolumbien in den Bergurwald, haben aber dort herausgefunden, daß absolut keine Möglichkeit besteht, über andere Flüsse als den Amazonas nach Brasilien zu gelangen. In der Trockenzeit ist zu wenig Wasser, oder zu viele Stromschnellen oder Wasserfälle. Man würde ein halbes Jahr brauchen und es gab keine Information über die Indianer in Brasilien.

Wir haben in Bogota noch zwei holländische Anthropologinnen getroffen, die zeitweise im Grenzgebiet Kolumbien / Brasilien arbeiten, die uns auch abgeraten haben, weil alle „Amtspersonen“ in Ost-Kolumbien in Rauschgifthandel verwickelt sind, inklusive der Polizei, die die Schlimmsten von allen sind, und die ab und zu mal einen brauchen zum Verhaften und vorzeigen, und dafür eignen sich unschuldige Ausländer ganz besonders.

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Der Amazonas bei Leticia, Kolumbien, vgl. „Am Solimões“ 18.01.2011

So haben wir uns noch einmal nach Bogota gewagt und nach einigen Schwierigkeiten einen Flug direkt in den äußersten Südostzipfel Kolumbiens nach Leticia am Amazonas gefunden. Dieser Flug über den Amazonas-Urwald Kolumbiens war ein Erlebnis für sich – 2 Stunden Flug (die Strecke entspricht ungefähr Hamburg-München) und bis zum Horizont der dunkelgrüne undurchdringliche Dschungel, nur unterbrochen von schmalen, braunen Flüssen, die sich in unzähligen Kurven durch den Urwald kringeln. Und dann taucht der Amazonas auf, von doppelter oder dreifacher Breite des Rheins, mit vielen Nebenarmen und Inseln – und plötzlich senkt sich das Flugzeug und landet in einem Ort von 18000 Einwohnern, wo die tropische Hitze (Durchschnittstemperatur 32 Grad!) einem wie eine Mauer entgegenschlägt. Hier ist das Dreiländereck Kolumbien – Peru – Brasilien, und je Land gibt es nur einen Ort, aber viele Bootsverbindungen. A. ist nicht mitgekommen, so daß wir jetzt wieder zu zweit sind.

amazonas

In Bogota haben wir noch zwei SPIEGEL-Ausgaben kaufen können und uns gewundert, wie kalt es in Europa ist (oder war?). Übrigens haben wir bis jetzt nichts verloren trotz aller Diebe, die in Kolumbien herumlaufen. In Brasilien ist alles anders in der Beziehung, die Leute sind viel weltoffener. Wir haben gerade einen Mann kennengelernt, der Brasilianer ist, aber deutsche Eltern und Großeltern hat, die alle in Südbrasilien wohnen. Er ist verheiratet mit einer Frau, die aus Kolumbien stammt, aber einer ihrer Vorfahren war Neger (sie ist braun und hat Kraushaar), besitzt aber einen Pass der USA. Die beiden sind so alt wie wir, sprechen also fließend Portugiesisch, Spanisch und Englisch, der Mann fließend Deutsch, und die beiden Kinder, die sie haben, sprechen Spanisch, lernen in der Schule Portugiesisch, die Mutter bringt ihnen Englisch, der Vater Deutsch bei. So ist das hier.

Wir beide sind jetzt schon 4 1/2 Monate unterwegs und recht gelassen allen Dingen gegenüber geworden. Wir haben noch 1 Monat Brasilien, Guyana und evtl. Surinam, der restlichen vier Wochen werden wir uns auf den Karibik-Inseln erholen und bräunen lassen. Auf jeden Fall werden wir von Manaus + Georgetown [Guyana] noch schreiben.

Serranía de la Macarena
Serranía de la Macarena, Kolumbien

Z. B. noch ein kleines Problem heute morgen: Uns war aufgefallen, daß unser Öfchen sehr stark rußte. Da wir mittlerweile einen ganzen Reparatur-Satz mit uns führen, habe ich ihn deshalb auseinandergenommen. Jetzt muss ich noch etwas zoologisches erklären: ihr kennt vermutlich keine Cucarachas. Das sind in ganz Südamerika verbreitete braune Käfer [gemeint ist die amerikanische Großschabe (Periplaneta americana, ca. 5 cm lang mit ebensolangen Fühlern, die sie eklig hin- und herschwenken. Diese Cucarachas sind eigentlich sehr hilflos, wenn sie auf den Rücken fallen, kommen sie nicht wieder herum, sie beißen auch nicht, sondern sind gaz schlicht eklig. Nachts kommen sie aus ihren Löchern, im Urwald auch tagsüber, und fressen kleine Löcher in die Lebensmitteltüten vorwiegend ausländischer Reisender. Gegen sie ist kein Kraut gewachsen, nur starkes Gift, das aber auch die Lebensmittel ungenießbar macht.

Da sind uns die Ameisen lieber, die wir vorwiegend mit Benzin bekämpfen. Ach so, gegen die Moskitos haben wir in den Abendstunden natürliche Verbündete gefunden. Rund umdie Lampen sitzen kleine durchsichtige Eidechsen an den Wänden, die so ca. alle 10 Sekunden vorschnellen und ein Moskito fressen.

Die Geschichte mit dem Ofen: in der Brennkammer fand ich mehr als 25 kleine und große Cucaracha-Leichen, völlig verkohlt. Da sie die Dunkelheit lieben, waren sie, als wir in Kolumbien im Urwald waren, nachts in den Ofen geklettert, aber morgens nicht schnell genug hinaus, wenn wir Kaffee kochten. Wir hatten uns schon gewundert, daß beim Anzünden jede Menge Cucarachas, einige mit geknickten Beinen, in alle Richtungen auseinanderstoben. Jetzt brennt übrigens der Ofen wieder völlig normal. Aber nur wenige Cucarachas erleben eine Flugreise über den Amazonas-Urwald, dazu als Leiche.

Serranía de la Macarena
Cascadas de Caño union, Meta, Kolumbien

Wo ich so schön hier in der Mittagshitze sitze und schreibe, noch ein paar Geschichtchen.

In Kolumbien haben wir uns von einem Dorf aufgemacht mit Hängematte, Eßgeschirr und Machete, um 2 Wasserfälle [Cascadas de Caño union] zu suchen, die am Rand des Gebirges mehrere 100 Meter hinabstürzen. Morgens um 4, weil es da angenehm kühl ist, ging es los, nach 8 Sttd. kamen wir über einen Pfad, über mehrere halsbrecherische Flußübergänge und Hängebrücken zu einem Dorf mit weniger als 10 Häusern. Bis dahin begleitete uns ein Mann mit Pferd, der dort wohnte. Wir marschierten noch 2 1/2 Std. weiter, is wir den einen Wasserfall in ca. 3 km Entfernung ab und zu durch da Dickicht sahen. Jede Stunde gab es eine kleie Hütte oder Finca, wie sie hier Höfe nennen, wo die Leute unter schwierigsten Bedingungen dem Urwald ihr täglich Brot abringen.

Nach 20 Minuten hatten wir uns völlig verirrt (wir waren zusammen mit A.), und selbst einen Weg mit der Machete (das sind die ca. 50 cm langen Haumesser, die jeder im Urwald trägt, war dem Unterholz nicht mehr beizukommen. Unter großen Mühen fanden wir den Weg zur letzten Finca zurück, entschlossen nun, zu dem Dorf zurückzukehren. Nach insgesamt 13 Stunden Fußmarsch kamen wir dann da an und der Lehrer des Ortes, der gerade seine Schule selbst baute, wies uns einen Platz für unsere Hängematte an.

Serranía de la Macarena
Unter Machetenträgern

Am nächsten Tag fanden Susanne und ich dann den anderen Wasserfall, und am dritten Tag ging es noch mal 9 Stunden zu Fuß zurück bis zu unserem Ausgangsort. An dem letzteren, einem Dorf, [Vistahermosa] wo das Pferd bzw. der Esel das wichtigste Verkehrsmittel its, sind wir 10 Tage geblieben und waren, wie uns eine Frau sagte, „das Wunder des Dorfes“.

Zum Schluß wurden wir von einem Soldaten des „Stützpunkts“ (das einzige Gebäude des Stützpunkts war eine Schilfhütte mit einem ausgedienten Armeefallschirm als Dach) eingeladen. Bei der Ausreise per Bus müssen alle Männer aussteigen und sich von den Soldaten nach Waffen abtasten lassen – Ost-Kolumbien ist nämlich das Operationsgebiet der Guerilleros [der FARC]. Wir wurden bei der Ausreise [gemeint ist Abreise] per Handschlag begrüßt, während sich die anderen Fahrgäste des Busses wohl darüber gewundert haben, was wir wohl für hochgestellte Persönlichkeiten gewesen sind.

Na ja, trotz aller Probleme hat uns Kolumbien eigentlich sehr gut gefallen – wir sind genau einen Monat dageblieben, so daß wir jetzt zwei 2 Wochen hinter unserem Plan herhinken. Aber wir haben noch genug Zeit und auch noch recht viel Geld; wir haben uns selbst gewundert, bei der Einreise nach Brasilien mußten wir 600 US Dollar pro Person vorzeigen (sonst hätten sie uns vermutlich nur unter Schwierigkeiten hineingelassen), aber wir hatten noch 400 mehr und 1000 DM pro Person und Monat wird reichen.

Villavicencio
Villavicencio, meine damalige Freundin knüpfte Bändchen aus bunten Baumwollfäden zu Armbinden und alle Mädchen wollten das auch können…, vgl. In den Llanos, revisited (09.10.2022)

Wir haben in Kolumbien gelernt, Armbändchen aus Baumwolle zu knüpfen, haben uns billig alle möglichen Farben Stickgarn in Bogota verkauft und fabrizieren in Mußestunden wunderschöne Bänder, ganz bunt mit Mustern, jedes Bändchen ca. 1000 Knoten. Heute haben wir gerade eins für 8.50 DM verkauft!

So weit – wir hoffen auf Post in Manaus, auch aus Berlin.

Herzliche Grüße an alle…

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Wie es weiterging, hatte ich schon beschrieben: „Traumhaus und Traumschiff am Amazonas“ (26.10.2021)

Regenzeit

Rio Mamore

Trinidad, 22.2.80 [gemeint ist nicht die Insel Trinidad, sondern die Stadt in Bolivien, angekommen in Unna 1.3.]

Liebe Eltern!
Im Augenblick stecken wir in einer kleinen Siedlung im Norden von Bolivien seit 5 Tagen fest. Es gibt keine Straßen nach Norden zur brasilianischen Grenze, wo wir hinwollen, keine Flugzeuge, weil das Flugzeug der Linie, mit der wir fliegen, in La Paz festsitzt, weil die Piste des „Flughafens“ (Graspiste) vorher unter Wasser stand und alle anderen Flugzeuge bis März ausgebucht sind. Schiffe bzw. Lastkähne, mit denen wir heruntergeschaukelt sind bis hierher, gibt’s auch nicht, weil der „Hafen“ (nur 10 Holzhäuser) völlig unter Wasser steht. Jetzt wissen wir, was Regen ist, denn es hat seit drei Tagen und drei Nächten geschüttet wie aus Eimern und alles ist überschwemmt.

Das Dschungelgebiet im Norden Boliviens ist 1/3 so groß wie die BRD, aber es gibt nur drei Siedlungen mit mehr als 1000 Einw., sonst nur Flüsse und Dschungel. Wir wollen mit einer Militärmaschine zu einem Dorf hoch im Norden an der Grenze, von dort gibt’s eine Straße nach Brasilien + weiter nach Manaus am Amazonas. Mit einem Lastkahn dauert es 5 Tage, so viel Zeit haben wir nicht. Ich hoffe, daß das komische Flugzeug in den nächsten Tagen endlich losgeht – wenn es nicht wieder regnet.

Allerdings gab es im Büro der Militärs in den letzten Tagen, wo wir alle 2 Stunden hingerannt sind, sehr unterschiedliche Informationen von denselben Personen: 1. das Flugzeug fliegt nicht, weil es regnet, 2. sie fliegen nicht, weil Karneval ist, 3. das Flugzeug ist mit nur einem Motor gelandet und sie können es nicht reparieren, 4. die Elektronik ist ausgefallen, 5. das Flugzeug ist von La Paz gestartet, aber wir wissen nicht, wo es ist (!!!). Es ist zum Ausflippen.

Unternehmen kann man auch nichts, weil die „Stadt“ nur aus ein paar Straßen besteht und praktisch von der Außenwelt nur per Flugzeug erreichbar ist – und es fliegt eben keines in die richtige Richtung – leider.

Wir sitzen den ganzen Tag am der Plaza, trinken Kaffee oder sonstige leckeren Sachen, gucken uns die nassen Palmen und riesigen Gummibäume an oder spielen Schach oder Rommee oder schreiben Briefe. Und alle 2 1/2 Stunden heißt es im Flugbüro: Wir informieren 3 Stunden später!

mine san jose Oruro
Silbermine San Jose in Oruro, Bolivien

Ansonsten ist Bolivien sehr schön, der große Geheimtip in Südamerika. Die Leute sehr freundlich und ausgesprochen höflich, aber mit der üblichen Südamerika-Mentalität, wenn’s heute nicht geht – mañana – morgen. Wir waren zwei Wochen auf dem Altiplano, das ist das Andengebiet, die Städte inkl. La Paz liegen alle über 3000m hoch. In Oruro haben wir eine Silbermine besichtigt nach langem Hin- und Herfragen – sehr interessant, die Mine sieht aus wie eine Mischung aus Korallenriff und Tropfsteinhöhle, überall hängt grünen oxidiertes Kupfer herunter und dazwischen glitzernde Silberadern. Die Arbeit ist sehr anstrengend, wie bei uns vor 50 Jahren. Die mineros waren auch sehr erstaunt über uns, weil normalerweise keiner reinkommt – vielleicht will die Verwaltung nicht, dass die Gringos was über die Arbeitsbedingungen erfahren. Außerdem verdienen die Bergleute umgerechnet 2.30 DM pro Tag, sehr wenig auch bei den Preisen, denn 1 Essen in einem billigen Restaurant kostet schon 2 DM!

Die Städte sind aber wesentlich sauberer und gepflegter als in Peru, die schönsten Plätze mit riesigen Palmen und unwahrscheinlich bunten Blumen (was in Deutschland mühselig gezüchtet wird, wächst hier wie Unkraut – trotz der Höhenlage) gibts hier. Selbst in Potosi, zur Zeit der Spanier wegen seiner Silberminen die größte Stadt ganz Amerikas, das aber 3900 m hoch liegt, wachsen Palmen!

sucre
Sucre, die Hauptstadt Boliviens, La plaza 25 de Mayo, Februar 1980

Und obwohl die Busse im Vergleich zu Peru reine Luxusbusse sind, haben wir schon 3 Buszusammenbrüche hinter uns. Beim letzten montierte der Busfahrer abends um 9 beim Schein einer Taschenlampe mitten auf der Straße (ohne Absperrung!) die Hinterachse raus, weil das Hinterrad immer eine andere Richtung wollte als der restliche Bus – und jede 10 Minuten, wenn ein Auto kam, hämmerte er die Achse wieder rein, weil sonst kein Platz auf der Straße gewesen wäre. Wir waren nach 2 Std. bedient und sind getrampt, aber haben es nur geschafft, weil zwei sehr hübsche Bolivianerinnen einen Bus angehalten und uns als ihre Begleiter ausgegeben haben – die ganze Meute aus unserem Bus wollte nämlich auch mit und der andere Busfahrer wollte nur 2 Leute mitnehmen – uff!

Wir sind bis hierher auf einem kleinen Lastkahn einen Urwaldfluß abwärts gefahren, haben den ganzen Tag in der Hängematte gelegen und uns die Dschungelbäume beguckt. Die Ruhe brauchten wir auch, denn es gab nur Flußwasser zu trinken (der Fluß ist eine schmutzig-braune Brühe) und wir hatten leichte Magen- und Darmbeschwerden – aber Hygiene ist ein eigenes Kapitel.

puerto villaroel
Puerto Villaroel am Rio Mamoré, Boliven 1980.

In 5 Tagen gab es 1 Dorf, wo wir auch angelegt haben, aber in der einzigen Kneipe buw. dem Krämerladen gab es nur eine einzige (!) Flasche Bier, und unser Kapitän war schneller als wir. Ursprünglich wollten wir noch 1 Woche im Norden ganz tief in den Dschungel zu den Kautschukzapfern und uns mal ein paar Krokodile und Affen „live“ ansehen [dazu bin ich erst 1984 gekommen], aber wir sitzen ja hier fest und haben das gestrichen.

Zum Glück ist unser „Hotel“ ganz nett, man kann in einem teilweise überdachten Hof sitzen und auch essen, denn selbst wenn es hier gießt, kühlt es sich kaum ab, es sind immer 25° und mehr, und wenn es trocken ist, sind es über 30. Aber das Nichtstun nervt uns ganz schön. Wir sind auch schon etwas wieder auf Europa eingestellt [wir waren schon fünf Monate unterwegs], weil wir jetzt die 2000 km rauf nach Guyana nur mit einem Stop in Manaus machen, weil wir erst unsere Flugbuchungen in Georgetown bestätigen lassen müssen und dann erst wieder eine Woche Zeit haben, um in Guyana etwas zu unternehmen.

Und außerdem wollen wir ja noch ein paar Tage in Barbados am Strand liegen, daß wir wenigstens knackig braun sind, obwohl wir jetzt auch schon ganz schön braun sind.

Hier gibt’s auch einen ganz kleinen putzigen Papagei im Hotel, der überall herumkrabbelt und alles anknabbert, vor allem Kugelschreiber und Zehen. Wenn man ihn anflötet, piepst er zurück und krabbelt das Hosenbein hoch bis auf die Schulter oder den Kopf. Vielleicht ist es auch ein Kakadu, denn einen großen Papagei haben sie auch und der sieht etwa anders aus, aber sehr würdevoll.

Aus Berlin werden wir ja bis zu unserer Rückkehr nichts mehr erfahren (…). Mein Auto wurde wohl abgemeldet – leider. Sonst geht#s uns gut, auch gesundheitlich, ich hoffe, auch allen auch. Macht euch keine Gedanken, denn gefährlich wird es jetzt nicht mehr besonders – Hauptsache, der Flug mit den Klapperdingern klappt. Wenn ihr den Brief bekommt, bin ich hoffentlich schon tief in Brasilien, wenn nicht schon in Guyana. Bis dann, viele liebe Grüße…

chica
Ein Mädchen auf der Mario Angel, einem „Seelenverkäufer“ auf dem Río Mamoré im Dschungel Boliviens.

Drei Fenster

machu picchu

Postkarte am meinen Großvater (väterlicherseits) am 05.01.1980 aus Cusco, Pero, wenige bevor ich zu meinem ersten Marsch nach Machu Picchu aufbrach. Das Foto zeigt den Tempel der drei Fenster, den ich natürlich auch fotografiert habe.

Ich werde erst bei dieser Karte wieder daran erinnert, dass ich auf meiner ersten halbjährigen Reise eigentlich von Bolivien nach Brasilien wollte, und von dort aus über Surinam nach Guyana. Aber da ich mich mit meinem Reisebegleiter nicht einig wurde, habe ich letztlich nachgegeben, und wir sind von Bolivien über den Rio Mamoré nach Puerto Velho und von dort nach Manaus am Amazonas.

machu picchu

Benjamin Constant, reloaded and revisited

Tabatinga

Benjamin Constant (Brasilien) im Dreiländereck Kolumbien-Brasilien-Peru. In Benjamin Constant war ich 1982 mehrere Tage. Ich war von Bogota nach Leticia (Kolumbien) geflogen und von dort aus per Fähre nach Tabatinga. Ich habe hier schon mehrfach darüber geschrieben – in den Beiträgen vor 2014 habe ich Benjamin Constant mit Tabatinga verwechselt. In Tabatinga ist der Grenzüberganz zu Leticia, Kolumbien, von wo aus ich kam. Nach meinem Reisetagebuch habe ich mehrere Tage in Benjamin Constant auf ein Schiff gewartet. Weiteres Indiz: die Kirche, die ich fotografiert hatte, steht in Benjamin Constant (7. Foto von oben).

Vgl. Tabatinga am Solimões (11.08.2014), Am Solimões (18.01.2011), Die Mutter aller Flüsse (02.02.2004) und Am Amazonas (14.12.2004).

Das war das vermutlich letzte Foto meiner beiden Aufenthalte in Brasilien (1980 und 1982). Aber, wie schon angemerkt: Vielleicht finde ich noch eines in den Backups, die ich, wenn ich Zeit und Lust habe, noch mal durchsehen werde.

Angeln am Amazonas

solimoes

Leider habe ich keine Fischbestimmungsapp. Falls hier Angler mitlesen: Welche Fischart könnte das sein?

Amazonas ist nicht ganz korrekt, die Mutter aller Flüsse (vermutlich vom indianischen Wort Amassona: „Schiffezerstörer„) wird von den Brasilianern Solimões genannt. Das Foto habe ich 1982 gemacht, ein paar hundert Kilometer westlich von Manaus. Ich bin damals per Schiff von Kolumbien den Amazonas hinunter (vgl. Am Solimões, 18.01.2011, sowie Am Solimões, revisited II, 17.06.2022) gereist und von Manaus per Bus nach Norden nach Guyana.

Am Amazonas, revisited [Update]

Tabatinga

Tabatinga (Brasilien) am Amazonas, der in Brasilien hier Solimões genannt wird, im Dreiländereck Kolumbien-Brasilien-Peru. In Tabatinga war ich 1982 mehrere Tage. Ich war von Bogota nach Leticia (Kolumbien) geflogen und von dort aus per Fähre nach Tabatinga. Ich habe hier schon mehrfach darüber geschrieben, u.a.: Tabatinga am Solimões, revisited (06.01.2020), Tabatinga am Solimões (18.01.2011), In den Spelunken Leticias (09.08.2020).

[Update] Es könnte auch Banjamin Constant gewesen sein. Das ist eine Art Doppelstadt, die durch den Amazonas getrennt wird.

Achte auf das große Brüllen

solimoes

Der Oberlauf des Amazonas wird von den Brasilianern Solimões genannt. Das Foto habe ich 1982 gemacht, ein paar hundert Kilometer westlich von Manaus. Ich bin damals per Schiff von Kolumbien den Amazonas hinunter (vgl. Am Solimões, 18.01.2011) gereist und von Manaus per Bus nach Norden nach Guyana.

Die Hütte wird vermutlich nur zeitweise benutzt. Dem Pororoca könnte sie nicht standhalten.

Qual der Wahl bei den Rios

Fotos aus Lateinamerika

Welches hänge ich nun wo auf im Schlafzimmer? Auf eines der drei selbst fotografierten Bilder muss ich beim stationären Fahrradfahren immer gucken. Die Motive sind der Leserschaft schon bekannt: Der Rio Urubamba in Peru, der Rio Branco in Brasilien und der Rio Beni in Bolivien.

Am Solimões, revisited II

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Irgendwo am Solimões (Amazonas), Brasilien, vermutlich bei Tabatinga.

[Forsetzung von Am Solimões, revisited I

…Kleiner Zoo unterhalb der Kathedrale: schrecklich kleine und verdreckte Käfige, trotz großer Schilder überall füttern die Leute mit dumm-trotziger Miene die Tiere mit Bonbons. (…)

Komische Amerikaner [erzählen] am Frühstückstisch: Es gebe einen Stamm, dessen hübsche Mädchen „primera“ des Dorfes werden, d.h. wenn eine Frau schwanger ist, darf ihr Mann zu diesem Mädchen gehen, aber nur dann. – Bei einem anderen Stamm würden die Babys von Frauen, die im Kindbett sterben, lebendig mit der Mutter verbrannt. (…)

Im Hafen sehr putzige kleine Boote, eigentlich nur überdachte Ruderboote. Alles ist fürchterlich verdreckt. Als einem Bratrost-Spieß-Verkäufer beim Wedeln alles in den Müll fällt, legt er den Rost seelenruhig wieder drauf, ohne auch nur den Anschein eines Säuberns.

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Mädchen in Tabatinga (Amazonas), Brasilien (von vorn, mit Geschwistern

Das Schiff nach Belem ist ein reckiger, riesiger moderner Kahn. Interessanter wäre es gewesen, auf einem kleineren Schiff zu reisen. An den meisten Schiffen steht sowohl angeschlagen, wohin sie fahren als auch wann und wie viele Passagiere sie mitnehmen,..(…)

Am Hafen gibt es auch viele kleinere Restaurants, die für 100 [Cruzeiros] ein Essen verkaufen, was gar nicht schlecht ist. Wir haben Probleme mit dem pfefferähnlichen Gewürz, das bei mir Dünnpfiff verursacht, die Tränen in die Augen treibt und noch am nächsten Tag die Schleimhäute reizt.

Die Fischer nehmen Eisblöcke aus ungereinigtem Flusswasser mit, legen den gefangenen Fisch darin ein, das Eis schmilzt, und die Fische werden in dem Zustand verkauft. Ich weiß nicht, warum hier keine Epidemien ausbrechen. (…)

In den Supermärkten gibt es alles, z.B. Knorr- und Maggi-Suppen, spottbilligen Mate-Tee und Stockfisch. (…)

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Irgendwo am Solimões (Amazonas), Brasilien, vermutlich bei Tabatinga.

Am Solimões, revisited I

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Unser Kochgeschirr samt Benzinofen im „Hotel“zimmer in Manaus (Brasilien).

10.12.1981 Wir erreichen Manaus in der Nacht. Wir machen uns früh auf zum Hotel Fortaleza, das mittlerweile 700 kostet [[ich war 1980 schon einmal in Manaus – vielleicht das in der Rua Saldanha Marinho N°321; in meinem älteren Reisetagebuch steht aber die Rua dos Barés – dort habe ich kein Hotel Fortaleza gefunden]. (…)

Am nächsten Tag hat das Studentenhotel, wo fast alle anderen (die gestern schon weiter nach Santarem/Belem gefharen sind) übernachten, keine Plätze für Frauen, dafür aber „Mensaessen“ für 200.

Salesianer-Museum [Museu do Índio] typisch für paternalistische Art der „Indianerbehandlung“ in Brasilien: Statistiken, wie viele zur „salesianischen Familie“ gehören und wie viele noch im „primitiven Stadium“ verharren. (…) auf den Fotos sind alle sittsam gekleidet, besonders schlimm die Jubelbilder über die „Integration“ – stramm stehende Schulkinder vor Militärmaschinen. Ein kleines Modell: „Wie richte ich eine Mission ein“.

Mich beeindrucken nur die Krüge und die Waffen. Sie tranken fermentierten Alkohol und Kokosmilch. [Fortsetzung morgen]

Traumhaus und Traumschiff am Amazonas

benjamin constant

Nachtrag zu Am Solimões (18.01.2011) – Tabatinga Benjamin Constant am Amazonas, der in Brasilien bis zur Mündung des Rio Negro Solimões genannt wird.

Von Benjamin Constant bis Manaus sind es mehr als tausend Kilometer. Wir waren eine Woche per Schiff unterwegs.

Ich schrieb am 14.12.2004: „Wenn man weiß, dass die Tide in Manaus mehr als zwölf Meter beträgt, kann man ahnen, welch unbändige Urgewalt hier am Werk ist. Der Amazonas fordert heraus, und niemand hat eine Chance gegen ihn. Und deshalb ist der Reisende auf einem Schiff nur auf ihm geduldet.“ In Tabatinga ist die Tide des Amazonas noch nicht so hoch.

Aus meinem Reisetagebuch, 5.Januar 1982:
„Am nächsten Morgen schüttet es. Wir schaffen es gerade noch, zum DAS zu kommen. Ausreisestempel [aus Kolumbien] gibt es ohne größere Probleme, obwohl sich der Mensch natürlich erst einmal zwei Mal beim Datum vertut. Wir müssen ein Taxi für 1000 (!) nach Tabatinga nehmen. Dort bei der Policia Federal müssen wir beim dunkelhäutigen Einreisebeamten 600 US Dollar cada persona vorzeigen. Sie sind freundlich, aber kaum zu verstehen. Der erste Eindruck von Tabatinga ist natürlich sehr vom Regen verwischt. Die Fähre kostet 400.“

Jetzt muss ich mich korrigieren. Ich wunderte mich über meinen Tagebuch, weil dort nach Tabatinga Benjamin Constant, auch Brasilien, folgt. Umgekehrt würde auch gar keinen Sinn machen, weil Tabatinga die Grenzstadt zu Kolumbien ist und man einfach laufen kann. 2012 habe ich hier die „Skyline“ des brasilianischen Ortes gepostet, inklusive der markanten Catedral, und die gehört eindeutig nicht zu Tabatinga, sondern zu Benjamin Constant. Wir haben also in Tabatinga nicht übernachtet, sondern sind mit der Fähre nach Benjamin Constant gereist.

Weiter im Tagebuch:
„Benjamin Constant unterscheidet sich sehr von Leticia [Kolumbien]. Die Häuser sind den Umständen entsprechend gepflegt. Sogar gejätete Vorgärten gibt es. Nirgendwo fehlt die Mülltonne vor dem Haus. Straßenbeleuchtung, saubere Kneipen, manchmal mit Samba.

Das Hotel Pousada São Jorge [das gibt es tatsächlich noch!] ist total vollgehängt mit Wäsche, aber wir können kochen und haben Platz für die Hängematten, während zwei komische Schweden lieber das teuerste Hotel am Ort nehmen.

Drei Bayern mit dementsprechenden Hüten (und das am Amazonas!). Drei Schweizer, die sich gerade für 1200 $ ein Boot bauen lassen [Foto unten] und damit bis Belém fahren wollen. Sie laden uns ein mitzukommen. Wir sind erst angetan, aber der Fluss soll sehr gefährlich wegen der Strudel sein, die [vermutlich sollte das Boot einen Scheinwerfer bekommen] sind ausgeleuchtet, aber keiner von ihnen weiß wie, sie haben noch nicht einmal eine Karte. [Wir haben abgelehnt.]

Ein Engländer aus Leticia. Ein Costaricenser, der Schnickschnack verkauft. Ein Brasilianer mit deutschen Vorfahren und kolumbianischer Frau, die Kreolin ist (das gibt viersprachige Kinder!) – sie sind den Putumayo einen Monat lang runtergefahren [per Einbaum – die hatten ein Baby dabei, aber kaum Geld und sind so mitten durch den härtesten Dschungel Kolumbiens gereist. Ich sprach mit dem Mann Deutsch – er war in meinem Alter -, und seine bildschöne Frau verstand kein Wort und machte sich immer lustig über den Klang des Deutschen und imitierte ihn wie wie Adenoid Hynkel].

Es gibt eine Kirche, die jeden Morgen die Leute mit flotter Musik unterhält – unmöglich bei uns! An den Ufern und Nebenarmen des Rio Solimões sieht es aus wie in der Karibik.

Das Schiff, die Marcia Maria, ist ein wahrer „Luxus“dampfer, wenn man von den Platzproblemen absieht. Es gibt eine tadellos funktionierende Dusche, ein sauberes Klo usw. Die Brasilianer schrubben sowieso ihre Schiffe mehr als woanders [Bolivien, Kolumbien usw.]. Es gibt jede Menge Wasserfilter und sonstige Kleinigkeiten, die das Leben im Dschungel erleichtern. Nur der ganze Müll kommt natürlich in den Fluss, auch das Öl.

benjamin constant

Porto de Ceasa, revisited

porto de Ceasa

Die Ankunft der Fähre von Porto do Careiro Castanho am Solimoes (Amazonas, Brasilien) in Porto de Ceasa. (Den Bus, mit dem ich von Porto Velho nach Manaus gereist bin, hatte ich am 05.11.2020 hier schon gezeigt.) Das Foto ist vom 26.02.1980.

Porto de Ceasa

porto de Ceasa Brasil amazonas

Die Ankunft der Fähre von Porto do Careiro Castanho am Solimoes (Amazonas) in Porto de Ceasa. Mit dem Bus auf dem Bild bin ich von Porto Velho nach Manaus gereist.

Aus meinem Reisetagbuch, 24.02.1980 [Porto Velho]:
Brasilianisches Portugiesisch ist das letzte: Ich verstehe kein Wort. Wir fragen uns trotzdem durch zur Busgesellschaft Rondonia. [Scheint es nicht mehr zu geben.] Im Bus [von Guaramirim] quatschen wir mit Kenneth, der einen schottischen Vater und eine deutsche Mutter hat und recht gut Deutsch spricht. Er lädt uns in sein Appartement ein und bezahlt auch noch das teure Taxi.

Kenneth arbeitet in irgendeiner Landwirtschaftsbehörde. Jedenfalls hat er nicht viel zu tun. Es gibt Kaffee aus großen Kanistern. Er führt uns über den Markt von Porto Velho, und wir probieren alles aus: Ein Getränk aus Cupuaçu, Tapioka (schmeckt wie Maniok mit Zimt, lecker!), Tambaqui, ein wahnsinnig großer Fisch. Eine Gemüserolle mittags schmeckt auch ausgezeichnet. Das Essen ist vergleichsweise teuer, aber auch um mehrere Klassen besser als in Bolivien.

[Was nicht in meinem Tagebuch steht, was ich aber nie vergessen werde: Auf dem Markt begegnete uns ein Mann in sehr ärmlicher Kleidung, der seinen zerfetzen Hut abnahm, in den Händen drehte und unseren Gastgeber Kenneth in unterwürfiger Haltung bat, die „reichen ausländischen Herren“ – also uns! – zu fragen, ob sie nicht Arbeit für ihn hätten.]

Wir gehen noch in ein Eisenbahn-Museum. Alle Lokomotiven sind schon sehr schrottig.

Kenneth hat sich mehrere Flächen Land gekauft, 200 km südlich von Porto Velho, 500 Hektar für 40.000 DM. Die Leute aus den südlichen Regionen Brasiliens kommen alle in den Norden und arbeiten für die Grundbesitzer. Die Indianer hätten zwei seiner Leute umgebracht. So etwas hören wir auch von der Busstrecke nach Boa Vista, wo wir nach Manaus hinwollen. Aus irgendwelchen Gründen greifen die Indianer nur in der Nacht an, deswegen warten die Busse vor dem gefährlichen Gebiet, bis ein Konvoi zusammen ist.

Der Bus nach Manaus kostet 1022 Cruzeiros – wir nehmen versehentlich den Luxus-Bus, der doppelt so teuer wie der normale Bus ist, weil wir nicht kapieren, dass leito „mit Liegesitzen“ bedeutet. Nur drei Sitze nebeneinander! Mit Kopfkissen, großen Colaflaschen, Kaffee und Bonbons.

26.02. Wir kommen um ca. acht Uhr am Rio Solimoes an und warten eine Stunde auf die Fähre. Ich rede mit dem Busfahrer, der sogar einen Schlips trägt. Der erzählt, dass er studieren wollte, aber dass ihm die Regierung das nicht erlaubt habe, weil er bei den Studentenunruhen vor 12 Jahren mitgemischt hat.

Marcia Maria und reisende Rassisten

marcia maria

Mit der Marcia Maria war ich 1982 zehn Tage unterwegs auf dem Rio Solimões (Amazonas), von Tabatinga bzw. Benjamin Constant in Brasilien bis nach Manaus.

„Reiselustige Personen, so heißt es, sind weitaus weniger rassistisch. Das ist natürlich grober Unsinn. Selbst den größten Fremdenfeind begeistert eine schöne Aussicht. In Wahrheit reisen vor allem Rassisten. Die glauben in fremden Ländern etwas anderes zu finden als immerzu das Ewiggleiche. Am schlimmsten sind die Weltenbummler, ehemals Landstreicher genannt. Landstreicher aber konnten noch etwas. Oft waren das vorzügliche Taschendiebe, Trickbetrüger oder unterhaltsame Tölpel. Die Weltenbummler können gar nichts. Die brauchen auch nichts mehr zu können, weil sie nicht die Armut treibt, sondern ihr stumpfsinniger Reichtum. Die wollen niemanden berauben. Die wollen sich nur selbst bereichern. Und das nicht einmal mit Geld, denn davon haben sie genug. Nein, sie wollen Erlebnisse. Sie müssen ständig etwas erleben, um nur ja nicht leben zu müssen. Und sie wollen Erfahrungen. Sowohl gute als auch schlechte. Sie wollen lieber Erfahrungen sammeln, anstatt Wissen anzuhäufen.“ (Lisa Eckhart: Omama)

Hula Hoop

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Wer kennt noch Hula Hoop? Ich kann mich vage erinnern, dass ich als Kind die Erfindung bestaunt habe. Das Foto habe ich im Februar 1982 in Manaus (Brasilien) gemacht.

In den Spelunken Leticias

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Leticia am Amazonas im Süden Kolumbiens. (Die Fotos hatte ich hier schon gepostet, aber nicht die Passage aus meinem Tagebuch.)

Aus meinem Reisetagebuch, etwas erweitert:
Am Eingang der Stadt steht ein Schild: 18.000 Einwohner, temperatura 32o [Grad Celsius]. Viele kleine Läden mit allem, mit dem man handeln kann. Ein paar Schiffchen im Kleinformat. Manchmal sieht man „zivilisierte“ Indianer – die Physiognomie ist hier schon im Durchschnitt anders als im Hochland, rundlicher, die Menschen sind in der Regel kleiner.

Die wenigen Ausländer treffen sich unvermeidlich abends in den nicht sehr Vertrauen erweckenden Spelunken am Fluss mit dazu passendem Publikum. Ein Engländer erzählt uns von einem Überfall in Cali: zwei Polizisten hätten auf ihn eingeschlagen – sie wollen 300 Dollar haben. Sie schleppten ihn in sein Hotel, weil niemand seine Schecks hätte wechseln können, mit Wachtposten vor der Tür. Ein Freund lenkt den Mann mit einer Prostituierten ab, der Engländer kann seinen Konsul anrufen. Der wiederum ist mit dem Polizeichef befreundet. Es wird hin- und her telefoniert, alles ist informell – Südamerika eben. Am nächsten Tag rückt ein Kommando der DAS an, des Departamentos Admistrativo de Seguridad – die „Drogenpolizei“ und sorgt für Ordnung. Mit denen ist normalerweise nicht gut Kirschen essen. Die DAS verhält sich zur normalen Polizei Kolumbiens wie die GSG 9 zu einem Verkehrspolizisten. Der Engländer ist jedenfalls freigekommen, ohne seine Barschaft zu verlieren. Und vermutlich hat der Konsul den Polizeichef dann beim Golf gewinnen lassen oder so ähnlich.

Irgendwann stößt ein völlig betrunkener deutschstämmiger Kolumbianer zu uns, der alle Getränkerechnungen bezahlt.

Am nächsten Morgen gibt es einen Flaggenaufzug mit schräger Militärmusik und einem „Gleichschritt“, bei dem sich jeder Preuße schaudernd abwendet. Auf dem Fussballplatz läuft jemand mit einem DDR-T-Shirt herum, wo auch immer er das aufgetrieben hat. Ein Kolumbianer wird von seinen Landsleuten angemacht, weil er während der Nationalhymne sitzen bleibt.

Tabatinga ist der erste Ort in Brasilien. Die Grenzbeamten möchten gern 600 Dollar pro Person vorgezeigt bekommen, mittellose gringos dürften nicht einreisen. Ich verstehe kein Wort von dem merkwürdigen Portugiesisch, was hier gesprochen wird. Wir haben 1600 Kilometer per Schiff auf dem Amazonas vor uns. Bis Manaus werden wir zehn Tage brauchen.

Garoto

garoto

Junge (port.: garoto) aus Tabatinga Benjamin Constant, Brasilien, am Amazonas (Solimoes) an der Grenze zu Kolumbien (1982)

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