Der Zwang zum Hauen und Stechen oder : Seigneural privileges

Quedlinburger Knüpfteppich

Quedlinburger Knüpfteppich, der nur noch in fünf Fragmenten vorhanden ist, ca. 1200, geknüpft mit so genannten spanischen Knoten, aus Hanf und Wolle, ursprüngliche Größe ca. 7,5 x 6 Meter. Die Motive stammen aus dem im Frühfeudalismus weit verbreiteten allegorisch-enzyklopädischen Lehrgedicht De Nuptiis Philologiae et Mercurii (die Hochzeit des Merkur und der Philologie) des römischen Schriftstellers Martianus Capella. Der Teppich war natürlich im Original knallbunt.

Thomas Labusiak u. Jaos Stekovics Kostbarer als Gold: Der Domschatz in der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg erwähnen die merkwürdige Tatsache, dass ein Teppich mit antiken – also weder christlichen noch hagiografischen – Motiven in der Stiftskirche ausgebreitet wurde. Vermutlich hat man den Inhalt einfach im religiösen Sinn umgedeutet.

Die feudale Gesellschaft definiert sich durch den antagonistischen Gegensatz zwischen den Besitzern der Produktionsmitteln, den Eigentümern von Grund und Boden (aka Feudalherrn) und denen, die darauf arbeiten: Die feudalen Grundherrn sind permanent (und per Gewalt) bestrebt, sich den gesamten Surplus anzueignen, den die Bauern erwirtschaften. Die „biologische“ Schranke ist nur der Hungertod der Bauern.

Dieses „Streben“ darf man nicht psychologisch sehen; es ist analog zur kapitalistischen Charaktermaske gemeint. Die Individuen einer bestimmten Gesellschaft handeln als Funktion der unmittelbar gesellschaftlichen Formen von Arbeit. Sie können nicht anders – bei Strafe des Untergangs. Hieß es bei Marx über den Kapitalismus: „Je ein Kapitalist schlägt viele tot“, so ist das im Feudalismus wörtlich gemeint. Johannes Fried schreibt in Die Anfänge der Deutschen: Der Weg in die Geschichte über die damalge herrschende Klasse:
Was ihm von seinen Vorfahren überkam, war oft nichts weiter als ein Anspruch, den er gewöhnlich mit der Waffe in der Faust, realisieren musste, wellte er sein Recht und seinen Status wahren. Wer nicht kämpfte, ging unter; wer zur Waffe griff, riskierte ebenfalls „Leben und Gut“. (…) Die meisten der alten Adelsfamilien erloschen bis ins 12./13. Jahrhundert, nur wenige überstanden die Fremd- und Selbstdezimierung. (S. 132f.)

In einigen Teiles des frühfeudalen Europa bleiben Genossenschaften freier Bauern mit Überresten gentiler Organisation jedoch bestehen (vgl. Allmende)

Dazu ein paar längere Zitate von Rodney Howard Hilton, einem marxistischen britischen Historiker (natürlich kein deutscher Wikipedia-Eintrag), dessen „Kommentar zum Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus“ (1953/76) auf deutsch übersetzt in Feudalismus – Materalien zur Theorie und Geschichte (1977) publiziert wurde (vgl. die Rezension Rodney Hiltons: „The Transition from Feudalism to Capitalism“, 1978).

„In solchen Fällen (beispielsweise in England vor den dänischen Invasionen) sieht sich die Militäraristokratie, die selbst ihrem Wesen nach halb stammesmäßig organisiert ist, dem komplexen Problem gegenübergestellt, die Abgaben der Bauern, die früher freiwillig dem Stammeskönig gezahlt und nun dem Adel durch den König übertragen worden waren, in feudale Rente umzuwandeln und gleichzeitig diese Position eines Rentenempfängers dadurch zu strlken, dass sie die Kolonisation von unbebautem Land durch Sklaven, halbfreie Klienten etc. fördern. Zur gleichen Zeit gelangen in einigen Dörfern (…) infolge der Auflösung der Stammesgemeinschaft einige Bauernfamilien zu mehr Macht und Besitz als ihre Genossen und „treiben“ somit dem Status von Renten beziehenden Adligen zu. Andererseits war die römische Aristokratie in anderen Teilen Europas (im allgemeinen Italien, West- und Südgallien) dem Transformationsprozess zum Feudaladel seit dem 3. Jahrhundert erlegen. Ihre von Sklaven bewirtschafteten Latifundien wurden in von unfreien Bauern bewirtschafteten Grundherrschaften umgewandelt, wobei die unfreien Bauern zum Teil frühere Sklaven, zum Zeil abgestiegen freie Grundeigentümer waren. Diese Art der Ausbeutung wurde teilweise von den germanischen militärischen Eindringlingen (hospites) wie den Burgundern und Westgoten übernommen, die sich mit dem alten römischen Adel vermischten (…)

Quedlinburger Balliste

Quedlinburger Balliste (Windenarmbrust, 1335) (Wirkungsweise)

Um das 9. Jahrhundert – eine Periode, die von deutschen und französischen Historikern als Hochmittelalter bezeichnet wird – wurde die Feudalwirtschaft in Europa von Großgrundherrschaften dominiert. Die großen Grundherrschaften überzogen natürlich nicht einmal den größeren Teil des Territoriums im feudalen Europa, aber sie waren die bestimmenden Elemente der Wirtschaft. Die Rolle fortbestehender bäuerlicher Allodie oder der Grundherrschaft von Kleinadingen [wie etwa in Polen, B.S.] sollte bis zum beginnenden Niedergang der feudalen Produktionsweise keine Bedeutung erhalten,…

Zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert ging die Überführung in die Leibeigenschaft (enserfment) rasch vonstatten, aber im Laufe der Zeit wurde die rechtliche Stellung der Ausgebeuteten verschlechtert und vereinheitlicht. Die Entwicklung der Warenproduktion brachte Veränderungen in der Form der Rente hervor, so dass Renten in Form, von Naturalabgaben und Geld gegen Ende des 13. Jahrhunderts (mit Ausnahme von England) größtenteils die Rente in Form von unmittelbaren Abgaben abgelöst hatte, was ihrerseits eine Verbesserung des Rechtsstatus bewirkte. Aus verschiedenen Gründen, die mit der Entwicklung der Warenproduktion zusammenhängen (darunter sind die Zersplitterung der Bauernwirtschaften und die Entwicklung bäuerlichen Widerstandes gegen die Ausbeutung am bedeutsamsten), lockerte sich die direkte Aneignung der Rente, die den Bauernhöfen auferlegt war, aber der Gesamtbedarf nach Feudalrente seitens der Feudalherren wurde durch die Ausbeutung anderer herrschaftlicher Privilegien (seigneural privileges) und durch die Entwicklung von privaten und öffentlichen „Steuern“ aufrechterhalten.“ [Vgl. den Kampf zwischen der Äbtissin Hedwig und der Stadt Quedlinburg.

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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, 05.05.2019 – über den Begriff Feudalismus (Fotos:Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
Fatimidisch und fernöstlich (12.06.2019) – über Entwicklungstendenzen im sogenannten „Hochmittelalter“ (Quedlinburger Domschatz IV)

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Fatimidisch und fernöstlich

Remember: „Orale Gesellschaften theoretisieren nicht, sie inszenieren. Das Ritual ersetzt, ja ist geradezu ihre soziale Theorie.“ Objekte sind dingliche bzw. verdinglichte Zeichen der sozialen Hierarchien und der Rituale.

„Nicht seelische Regungen oder psychische Prozesse sollten jeweils sichtbar gemacht werden, sondern objektivierende Formen sozialer Ordnung und Interaktionen. (…) Prestige und Status waren im Auftreten sichbar zu machen; nur ritualisiert ließen sie sich wahrnehmen, Herrschaftszeichen, Gaben, Kleider, Gebärden machten Leute.“ (Johannes Fried. vgl. auch Marcel Mauss: Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften).

servatiusstab

Quedlinburger Domschatz: Der Servatiusstab oder Äbtissinnenstab, Lothringen (?); Mitte des 10. Jahrhunderts. Eschenholz, getriebenes Silber und Gold, geschmiedetes Eisen. Der Stab war ganz mit gemustertem Samit umhüllt, vom dem nur noch winzige Reste vorhanden sind, ebenso fehlen große Teile des Goldbeschlags. Dietrich Kötzsche schreibt: „Die Manschette aus getriebenem und vergoldetem Silber, [sic] in der Mitte des Schaftes, verdeckt dort einen Bruch des Stabes, der, wie die Formen des schmalen Rankenornaments zeigen, wohl in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts repariert worden ist.“

Der ottonische Geschichtsschreiber Thietmar von Merseburg berichtet von einem goldenen Stab, den Kaiser Otto III. seiner Schwester Adelheid 999 aus Italien bringen ließ, als Symbol ihrer Ernennung zur Äbtissin von Quedlinburg. Der Servatiusstab könnte dieser Stab sein. Koetzsche zweifelt das an, da „auf den mittelalterliche Münzen und auf allen erhaltenen Siegeln der Quedlinburger Äbtissinen“ bis zur Mitte des 14. Jh. nur ein Lilien- oder Blütenszepter als Insignie erwähnt sei, nicht jedoch ein Krummstab. Um 1544 wird der Stab wird im Verzeichnis des Stiftes als „Sanct Ceruacius stap met golt beschlagen“ und später sogar als „Kayser Heinrici Auceps stab, so oben wie ein hacken, umher und herunterwerts mit golde beschlagen“. Vermutlich sei der Stab, so Koethsche, eher eine Reliquie, nicht jedoch das Zeichen eines Amtes.

Ich schrieb: Im Unterschied etwa zu Polen emanzipierten sich jedoch die hörigen Bauern ab dem 10. Jahrhundert wieder mehr und mehr von der Grundherrschaft. ein kritischer Leser bemängelte die mangelnde Faktenlage dieser These und fragte nach, womit man da belegen könne. (auch hier: Vergesst Wikipedia!)

Meine These: ab dem 10. Jahrhundert entwickelten sich die Produktivkräfte rapide: Die Dreifelderwirtschaft setzte sich durch. Große Flächen, vor allem im Osten, wurden urbar gemacht – die Siedler bekamen mehr Rechte und schufen oft bäuerliche Genossenschaften. Die Bevölkerung wuchs erheblich – das änderte sich erst durch die Pandämien im 14. Jahrhundert wieder. Mit der so genannten 2. Leibeigenschaft Ende des 15. Jahrhunderts endet der Klassenkampf von oben zuungunsten der meisten Bauern; hundert Jahre später im Bauernkrieg im Desaster.

seidenfragment

Seidenfragment aus Italien, 2. Hälfte d. 14. Jahrhunderts. (Thomas Labusiak u. Jaos Stekovics: Kostbarer als Gold: Der Domschatz in der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg erwähnen dieses Stück nicht, obwohl ich es mit am interessantesten finde.) Das Seidengewebe ist mit einem Pergamentstück versteift. D. Kötzsche: „In einer Schrift wohl des 12. Jahrhunderts enthält es einen Abschnitt aus dem Hohenlied, 5-6.

Das rot-goldene Muster zeigt einen brüllenden Löwen, der eine Hirschkuh jagt. Das Motiv sei typisch für italienische Seiden des 14. und 15. Jahrhunderts. „Die Anregungen zu solchen Muster, deren Aufbau von dem bis dahin im Mittelmeerraum üblichen völlig abweicht, stammt aus dem fernen Osten, vor allem aus China, das durch das riesige, sich bis zum Schwarzen Meer erstreckende Mongolenreich leichter zugänglich geworden war.“ Die Mongolen und das größte Reich der Weltgeschichte wurden in meinem Geschichtsunterricht im Gymnasium mit keinem Wort erwähnt. 1221 schlossen die Mongolen ein Bündnis mit venezianischen Kaufleuten – das könnte erklären, wie das Motiv nach Italien gelangte. (James Chambers: The Devil’s Horsemen: The Mongol Invasion of Europe)

seidenfragment

Fischförmige Bergkristall-Reliquiare (Ostensorium), fatimidisch, 10. Jahrhundert (ursprünglich Kosmetikfläschchen), Goldschmiede-Montage in Quedlinburg Mitte des 13. Jahrhunderts. Durch den Kristall kann man eine in Stoff gewickelte Reliquie erkennen; was genau es ist, weiß man nicht. Im 19. Jahrhundert vermutete man, es seien Haare der Maria Magdalena (K. Voigtländer Die Stiftskirche St. Servatii zu Quedlinburg. Geschichte ihrer Restaurierung und Ausstattung, 1989).

müll

Quedlinburger Schlossmuseum: „Der ‚Heuschreckenschwarm‘ verlässt die Pfalz und hinterlässt leere Scheunen und Ställe und Müll…“ (um 1000) Zwei Kugeltöpfe – Kochgeschirr, das nur ein halbes Jahr zu nutzen war und danach weggeworfen wurde. Ein eisernes Messer mit Griffdorn, Zimmermannsbeil, Hufeisen, Reste eines eisernen Sporns, Spatenblatt eines Holzspatens, Webgewicht, für einen senkrechten Gewichtswebstuhl, Handspindel aus Kalkstein, Knochen von Schafen, Ziegen, Rindern, Schweinen und Geflügel…
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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, 05.05.2019 – über den Begriff Feudalismus (Fotos:Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)

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Savant-Syndrom oder: All systems go

riemann

„Der Große Kunstgriff, kleine Abweichungen von der Wahrheit für die Wahrheit selbst zu halten, worauf die ganze Differential-Rechnung aufgebaut ist, ist auch zugleich der Grund unserer wizzigen Gedancken, wo offt das Ganze hinfallen würde, wenn wir die Abweichungen in einer philosophischen Strenge nehmen würde.“ (Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbücher, verfasst 1764–1799)

Jetzt muss ich also die Wünsche des Publikums abarbeiten?! Da habe ich mir etwas eingebrockt. Ich kann aber zunächst zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Themen Riemann sowie Donald Byrne gegen Bobby Fischer haben beide etwas mit der so genannten Inselbegabung aka Savant-Syndrom zu tun. Riemann war ein Mathematik-Genie, und Robert Jamnes „Bobby“ Fischer ein Schach-Genie, den Stefan Zweig in seiner Schachnovelle vielleicht zum Vorbild genommen hätte, wäre er damals schon am Leben gewesen. (Fischers Sieg gegen Byrne ist IMHO eines der interessantesten und schönsten Schachspiele aller Zeiten.)

Zweigs grandiose und immer noch lesenswerte Novelle ist politisch: Die Nazis hielten den literarischen Helden in Isolationshaft, und das Schachspiel diente ihm dazu, dem Wahnsinn zu entkommen. Fischer war außerhalb des Schachbretts ein Antisemit, Frauenverächter, paranoid (er wurde aber vom FBI beobachtet) und ziemlich bekloppt exzentrisch.

These: Auch Schach, das so streng logisch ist wie Mathematik, kann man politisch diskutieren. (Ich bin, wie man weiß, begeisterter Schachspieler, spiele mit Weiß im Blitz fast immer Königsgambit, habe aber Mathematik in der Schule immer gehasst.)

Und nun zu uns, Riemann. Ich verstehe überhaupt nichts auf Anhieb. Lasst mich also in Frieden mit der Zahlentheorie et al. Von der Riemannschen Geometrie hatte ich eine blasse Ahnung. Ich kann jedoch nichts volkstümlich erklären, und wenn ich es versuchte, wäre das Ergebnis vermutlich Unsinn.

Ich stöberte deshalb in meiner Bibliothek und fand drei Büchlein zum Thema (alle Buchlinks führen zu Amazon). Karl Marx: Mathematische Manuskripte (mit einer (!) albernen Rezension bei Amazon) – Textexzerpte, die Marx benötigte, um die politische Ökonomie auszuarbeiten. Der Herausgeber schreibt im Vorwort (1974): „Wir sind der Meinung, daß eine fruchtbare Verbindung von mathematischen Methoden und kritischer Gesellschaftsanalyse möglich ist, in der weder die letztere hinter dem mathematischen Formalismus verschwindet, noch in bornierter Abwehrhaltung verbleibt“. Nichts über Riemann in diesem Buch, was nicht verwundert.

Interessanter klingt schon Herbert Meschkowski: Mathematik als Grundlage: Ein Plädoyer für ein rationales Bildungskonzept mit der Überschrift des ersten Kapitels: „Erziehung zur Objektivität“ sowie Kapitel VI.1: „Die Grenzen wissenschaftlicher Verfahren – Unmöglichkeitsaussagen in der modernen Mathematik“. Schon einer der ersten Sätze ließ mich schmunzeln: „In einem Kreis von Schulmathematikern vertrat ich die Ansicht, daß jeder Schüler eine gewisse Zeit lang in der Überzeugung leben müsse: „‚Es gibt keine Zahl, deren Quadrat gleich 2 ist.'“ Auch der letzte Satz des Buches, ein Zitat des Physikers Max Born, ist bemerkenswert: „Ist doch der Glaube an eine einzige Wahrheit und die Überzeugung, deren einziges Besitzer zu sein, die tiefst Wurzel allen Übels in der Welt.“ Ich habe auch hier nichts über Riemann gefunden.

Dritter Versuch. Oskar Becker: Grundlagen der Mathematik in geschichtlicher Entwicklung – Seiten 185-193 über Riemann und seine „Weiterentwicklung der nichteuklidischen Geometrie“ inklusive des Originaltextes seines Habilitationsvortrags: Über die Hypothesen, welche der Geometrie zugrunde liegen. Versteht man den? Tl;dr. Har har.

Erkenntnistheoretische Frage: Warum hat Euklid die Sache nicht so gesehen wie Riemann? Kann es einen Riemann nur im entwickelten Kapitalismus geben, nicht aber etwa in der Renaissance? Und wenn ja oder nein, warum oder auch nicht?

Da kommt jetzt einer meiner Lehrer an der Uni ins Spiel – Wolfgang Lefèvre: Naturtheorie und Produktionsweise, der sich mit den materiellen Voraussetzungen neuzeitlicher Wissenschaft beschäftigt, allerdings mehr oder weniger mit Leibniz aufhört.

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Was ihr wollt

burks
Alter Mann vor altem Kran

By the way: Ich müsste mal wieder etwas Politisches posten, sonst springen die anspruchsvollen Leserinnen und kritischen Leser ab. Welche Themen? Tendenzieller Fall der Profitrate etwa? Je ein Kapitalist schlägt viele tot? Die Hijabisierung der „Linken“ und des öffentlichen Raums? Gödel? Riemann? Polygone? Donald Byrne gegen Bobby Fischer? Das Fermatsche Theorem? Der Fetischcharakter der Ware, revisited? Oder interessiert Euch mehr der Quedlinburger Domschatz und wie der Feudalismus zu definieren sei?

If great Scientists had logos

logos

Wunschliste [Update]

wunschliste

Zu teuer oder nicht zu haben – was ein Pech. Wenn jemand eine preiswertere Version irgendwo sieht, bitte ich um eine verschlüsselte E-Mail.

Jemand schickte mir gerade Link 1 und Link 2 – funktioniert aber gerade nichts (Zeitmangel!).

Authentische Heinrichsfeiern

wilhelm Peterson

Kommentar der Ausstellung im Schlossmuseum Quedlinburg: In historischen Ausstellungen des „Dritten Reiches“ war die Gegenüberstellung von „gesundem, hochwertigen, vorbildhaften Menschen und solchen, die als „minderwertig“ oder „entartet“ galten, eines der verbreitesten ästhetischen Mittel. (Elke Harten)

Die dem „GermanenheldenHeinrich I. vorgeführten slawischen Gefangenen wurden von der NS-Rassentheorie den „slawischen Untermenschen“ zugeordnet. Das Bild war ein Geschenk von Himmler an den Quedlinburger Oberbürgermeister Karl Selig.

Wilhelm Petersen [Falsche Schreibweise in der Quedlinburger Ausstellung, Petersen gestaltete ab 1953 die Mecki-Bücher, die ich als Kind begeistert gelesen habe.]

„Gefangene vor Heinrich I. am Jagdhof Bodfeld im Harz“ (Ich habe dieses Bild nirgendwo sonst gefunden.)

Krypta

Sie lernen nichts dazu. Die Nationalsozialisten benutzten Sachsen Heinrich, um ihre mörderischen Idee des „Lebensraums im Osten“ weltanschaulich zu untermauern. Vor fast 20 Jahren publizierte die Zeit einen langen Artikel (nur eine Seite verfügbar) über diese pseudoreligiösen Phantastereien: „Himmlers Heinrich“. Wikipedia: „Er hielt die bei Grabungen von Rolf Höhne am Schlossberg aufgefundenen Knochenreste für die Gebeine Heinrichs I. und ließ sie 1937 feierlich in der leeren Grabstelle neben Königin Mathilde beisetzen. Im Schlossmuseum werden heute die Überreste des Sarkophages und eine Dokumentation zur NS-Zeit ausgestellt.“

Aber es geht immer noch nur um die herrschende Klasse – in Ausstellungen, Museen und Dokumentationen – und nur um die. Welchen Sinn macht es, das Grab einer Feudaladligen in einer Krypta anzustarren? Der MDR entblödet sich nicht, das Thema als eine Art Soap-Opera anzubieten und holpert stabreimend herum: „Mathilde von Quedlinburg – Vom Mädchen zur Machtfrau“.

himmler Krypta

Die Nazis hatten die angeblichen Gebeine des Sachsenherrschers verbuddelt. Als man nach dem Krieg das Grab öffnete, fand man nur Bretter.

Immer wenn ich die Fotos von damals sehe, denke ich nicht nur an Fackelzüge, sondern auch an die gemäßigte Version, die Kerzen- oder Lichterkette. Wenn der Deutsche an sich etwas im Schilde führt, spielt er gern und in der Nacht mit dem Feuer herum, das ist eben gemütlich.

Krypta

Die Stadt Quedlinburg schreibt heute: Heinrich I. ist der erste Sachse auf dem Königsthron. Er befriedet das ostfränkische Reich, steigt zum mächtigsten Herrscher im damaligen Europa auf und begründet eine Herrscherdynastie. Sein Sohn wird als Kaiser Otto der Große in die Geschichte eingehen. Wer ist dieser Heinrich, der im Jahr 919 plötzlich König wird? 2019 feiert die Welterbestadt Quedlinburg sein 1.100-jähriges Thronjubiläum mit einer gemeinsamen Sonderausstellung am authentischen Ort der Geschichte: dem Schlossmuseum und der Stiftskirche. Heinrichs Grab in der Quedlinburger Stiftskirche steht am Anfang einer florierenden mittelalterlichen Stadt und im Zentrum eines einzigartigen historischen Welterbes.

Große Männer machen die Geschichte? Und was soll uns das lehren? „Die Zeit Heinrichs I. gehört zu den quellenärmsten des gesamten europäischen Mittelalters“, lese ich auf Wikipedia. Dann kann man ja um so mehr herumphantasieren und feiern.

Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen?
So viele Berichte,
So viele Fragen.

wilhelm Peterson

Schrödinger’s cat, reloaded

schroedinger's cat

Credits: The Language Nerds

Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht

st. wiperti reliquiar

Evangelistar (liturgisches Buch) aus St. Wiperti, vielleicht von Goldschmiedemeister Michel aus Quedlinburg, 1513 – ein Vertrag der Äbtissin von Sachsen mit ihm über Reliquiare ist überliefert.

Das Buch hat einen Holzkern mit gegossenem und getriebenem Silber, mehrere der ursprünglich 34 Edelsteine sind verloren (nach Dietrich Kötzsche (Hrsg.): Der Quedlinburger Schatz wieder vereint], 1993)

An dem Beschlag der Kanten des Deckels kann man ANNO DOMINI MVCXIII lesen, links SVB LAVRENCIO PREPOSITO (unter dem Probst Laurentius). Die Christusfigur besteht aus einem Stück Silber und ist mit durchsichtigem Email überzogen. Ursprünglich trug Christus eine Weltkugel in der Hand, die ist jedoch verloren. Der Rahmen zeigt die vier bibischen Evangelisten und „Kirchenväter“. Das Seidengewebe des Deckels stammt aus Florenz oder Venedig. (Wie so etwas hergestellt wurde, beschreibt Regula Schorta: „Il Trattato dell’arte della seta: a Florentine 15th century treatise on silk manufacturing“, 1991).

Die Handschrift im Innern aus Pergament hat 59 beschrieben Blätter und einige leere Seiten und enthält Perikopen aus den Evangelien, die während der Messen gelesen wurden. Der Text sei im Vergleich zum kostbaren Deckel „unaufwenig“, schreibt K. Koetzsche: „Höchstwahrscheinlich handelt es sich um eine Arbeit von Wanderminiatoren. Unter den erhaltenen Quedlinburger Handschriften dieser Zeit gibt es jedenfalls keine weiteren illuminierten Pergamentcodices.“

Die historisch interessierten Leser und mediävistisch gebildeten Leser sollten der Tatsache eingedenk sein, dass das obige Evangelistar rund 300 Jahre jünger ist als die jüngst vorgestellten Exemplare aus dem Quedlinburger Domschatz. In Quedlinburg tobte Ende des 15. Jahrhunderts der Klassenkampf (den bürgerliche Historiker und Wikipedia natürlich nicht so nennen). Der feudale Adel, auch der kirchliche, kämpfte gegen die Städte um Mühlen, Münzprägung, Fischerei und Holzrechte und die Gerichtsbarkeit. Die Stadtbürger Quedlinburgs verloren und mussten sich unterwerfen, der steinerne Roland am Rathaus wurde geschleift. „Quedlinburg hatte aus der Hanse und allen Schutzbündnissen auszutreten und der Äbtissin Erbhuldigung zu leisten. Ohne Einwilligung der Äbtissin konnte die Stadt weder einen Rat, noch einen Stadthauptmann wählen oder die Stadtbefestigung ausbessern. Die Stadtentwicklung erlitt einen entscheidenden Rückschlag; in den kommenden Jahrhunderten blieb Quedlinburg eine kleine Ackerbürgerstadt.

roland quedlinburg

Was ist also in den mehr als 500 Jahren passisert – zwischen Heinrich, dem sächsischen König des Ostfrankenreichs und den Königen und Kaisern des späten Feudalismus aka „Spätmittelalter“?

Die Feudalklasse hat sich etabliert und zwischen den Kaiser, der zu Zeit etwa der Karolinger Zeit noch der mit abstand Mächtigste Kriegsherr war – aufgrund seiner ökonomischen Basis -, und die Bauern geschoben. „Das frühmittelalterliche Heer war mehr als eine moderne Armee; es war der Pupulus, das Volk in Waffen“, schreibt Johannes Fried in Die Anfänge der Deutschen: Der Weg in die Geschichte (S.529). Die Vasallen des obersten Herrschers drängten aber danach, „selbst zu befehlen“. „Es bedurfte spezieller Vasallen mit großem Vermögen- fünfzig bis zweihundert Bauernstellen sind unter Karl dem Großen bezeugt -, die der König bereitstellen musste, denn die teure Ausrüstung der Ritter überstieg die Leistungskraft einfacher Freier. Die Königsvasallen blieben fortan des Königs Rückhalt gegen die großen Adelsfamilien…“( S. 269). Die probten den Aufstand in Permanenz.

Ein halbes Jahrtausend später sind die Bauern entwaffnet, die herrschende Feudalklasse hat das militärische Monopol, der König ist allein militärisch machtlos.

Im Unterschied etwa zu Polen emanzipierten sich jedoch die hörigen Bauern ab dem 10. Jahrhundert wieder mehr und mehr von der Grundherrschaft. Ich schrieb hier schon: Der Feudalstaat entwickelte sich in Polen ganz anders zum Kapitalismus, mit weit reichenden Folgen. Die polnische Adelsrepublik Rzeczpospolita, also die Union von Polen und Litauen, war „fortschrittlicher“ organisiert als die Herrschenden in Westeuropa. Fast ein Zehntel der polnischen Bevölkerung gehörte zum bäuerlichen Kleinadel, der Schlachta (auch: Szlachta); der Kleinadel organisierte sich durch Wahlen und durch Delegierte. Die Dominanz der Schlachta aber verhinderte auch, dass sich, anders als in Deutschland, die Städte im Gegensatz zur Feudalherrschaft organisierten. In Polen gab es weniger Klassenkämpfe zwischen Bauern und Feudaladel als in Deutschland. aber: „Die Identifizierung von Schlachta und Staat bewirkte allerdings schon im 16. Jahrhundert eine dem städtischen Bürgertum und seinen Rechten abträgliche Tendenz.“ Die Bourgeoisie hatte kaum eine Chance – der Adel war immer schon da. Ohne Bourgeoisie aber kein Kapitalismus und die ihm angemessene Herrschaftsform.

Die Feudalisierung war also zur Zeit des Kampfes zwischen der Äbtissin von Sachsen und der Stadt Quedlinburg abgeschlossen. Auch der Bauernkrieg im frühen 16. Jahrhundert scheiterte, was zu erwarten war, ein Proletariat war nur embryonal vorhanden. Nur wenige Städte waren frei und von den Bürgern selbstverwaltet.

kana Krugkana-Krug

Kana-Krug , Alexandria oder Rom, 1. Jahrhundert n. Chr.., aus Alabaster. Ein Henkel ist abgebrochen, ein Deckel fehlt. Laut Kötzsche sei der Krug vermutlich ein Kantharos, die Mehrzahl dieser Gefäße wurde in Italien gefunden, auf Friedhöfen dienten sie als Aschenurnen. Otto I. hatte mehrere Krüge aus Italien mitgebracht und verschenkte sie an diverse Kirchen; ein anderer Krug ist in St. Ursula in Köln erhalten. (Ich finde kein Foto davon.) „Obwohl Alabasterurnen noch im 2. und frühen 3. Jahrhundert n. Chr. in Gebrauch waren, gehört dieses Gefäß auf Grund des besonderen Henkelform und ihrer Parallelen in das frühe 1. Jahrhundert n. Chr.“
Dass der Krug von der biblischen Hochzeit zu Kana stammen soll, macht ihn im feudalen Sinn wieder zu einer Reliquie mit magischer Macht. Der Krug wurde den Gläubigen am 2. Sonntag nach Epiphanias gezeigt.

bergkristall

Großes Bergkristall mit Vögeln (geringfügiger Bruch), fatimidisch, die Montierung stammt aus dem 13. oder 14. Jahrhundert, Quedlinburg. Die mittlere Höhlung ist leer, in den anderen beiden sind in roten Stoff gehüllte Reliquien, angeblich von den Windeln und Kleidern Christi.

Der Titeltext stammt von Wolfram von Eschenbach: Parzival.

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Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum

servatiusreliquiar

Servatius-Schrein, so genannter Reliquienkasten Ottos I., Rom, 1. Jahrhundert n. Chr. (Dionysoskopf); Westfränkisches Reich, vielleicht (!) vom Hof Karl des Kahlen*, um 870 (Elfenbeinreliefs), Goldmontierung um 1200, Quedlinburg. Geschnitztes Elfenbein mit graviertem und ziseliertem Gold, Goldzellenschmelz, Steinschmuck, Glasflüsse, Silber mit Niello. Der Dionysoskopf ist ein Amethyst.

Die Platten des Elfenbeinkastens wurden mit Nut und Feder zusammengefügt und an den Ecken mit Zapfen verbunden. Rundum sind insgesamt zwölf Figuren zu sehen, vermutlich die Apostel. In den Rundbögen über den Figuren sind die Tierkreiszeichen geschnitzt. Warum ein Tierkreiszeichen einem bestimmten Apostel zugeordnet worden ist, weiß man nicht. Die Vertiefungen waren früher mit polychromen Farbpasten ausgefüllt.

Um ca. 1200 wurde der Kasten mit zusätzlichem Gold und Edelsteinen versehen, auch mit dem sehr alten Kopf des Dionysos – dessen metallene Fassung verdeckt teilweise Figuren und Tierkreiszeichen. D. Koetzsche aber meint, dass der Amethyst „ursprünglich zur Goldmontierung des Servatiusreliquiars“ gehört habe, „obwohl er in seiner heutigen, sehr groben Anbringung wie nachträglich hinzugefügt erscheint.“ Vielleicht sei er auch mit einer Schlaufe am Deckel befestigt gewesen. Der Kopf gehöre stilistisch eindeutig in den späten Hellenismus. Auch die Emailplättchen sind älter und stammen vermutlich aus demselben Jahrhundert wie der Kasten.

Im Kasten waren ursprünglich die Reliquien zahlreicher namentlich bezeichneter Heiliger. Ein vergleichbarer Kasten war Teil des von Heinrich II. gegründeten Stifts St. Stephan in Bamberg, Fragmente sind heute im Bayrischen Nationalmuseum München.

Dieses Reliquiar ist für mich eindeutig das interessanteste Stück aus dem Quedlinburger Domschatz. „Er zählte vielleicht zu jenen tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum = drei Schreine aus Elfenbein mit Heiligenfiguren, die im ältesten Quedlinburger Inventar aus dem 2. Drittel des 11. Jahrhunderts erwähnt sind.“** Dass Christus und die Tierkreiszeich kombiniert werden, sei, schreibt D. Koetzsche, „ungewöhnlich“. Es gebe nur eine Parallele in einer Illustration des Utrechtpsalters (S. 36r, Javascript erforderlich).

Der altgriechische Gott der Ekstase und christliche Motive – zusammen auf einem Kasten? Was sofort einleuchtet: Es geht keinesfalls um Kunst oder Ästhetik im heutigen Sinn. Heute würde man es vermutlich eklektizistischen Kitsch nennen, wenn jemand ganz unterschiedliche Dinge aus mehreren Epochen einfach zusammenpappte. Man darf auch annehmen, dass den Bearbeitern und Betrachtern des Kastens Dionysos nicht unbedingt bekannt war. Die Objekte waren selten und exotisch und waren im Besitz derer gewesen, von denen man sein eigene Legitimation bezog, die christlichen Motive „veredelten“ alle anderen – alles, was als wertvoll galt, wurde in und auf einem Reliquienbehälter versammelt.

Dessen gemeinsames Betrachten stellte Gesellschaft für die herrschende Klasse (und nicht nur für die) dar; erschuf sie, wem die Objekte gehörten, war deshalb Herrscher. Die Natur macht Könige und Adlige genau so, wie sie Münder und Nasen macht. Wie Marx in den Grundrissen schrieb: „…ein Teil der Gesellschaft wird von dem andren selbst als bloß unorganische und natürliche Bedingung seiner eignen Reproduktion behandelt.“ Die Bauern, die die Feudalklasse ernähren, sind „natürliche“ Bedingung ihrer Existenz, sie tauchen als „Arbeiter“ nicht auf – auch nicht in der Literatur.

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit von helden lobebæren, von grôzer arebeit (Nibelungenlied, 12. Jahrhundert)

Die Feudalklasse kann die Realität erkenntnistheoretisch nur verzerrt wiedergeben, da sich sich nur per Gewalt und Konsum auf die Natur bezieht. Man kann diese notwendige ideologische „Behinderung“ (ähnlich wie Religion) mit dem Waren- und Geldfetisch vergleichen – eine nur ökonomische Form wird von den Akteuren als Eigenschaft des Dings an sich angesehen. Deswegen glaubt auch die FDP an den „Markt“ als eigenständig handelndes höheres Wesen – ähnlich wie ein feudaler Adliger des 10. Jahrhunderts eine Reliquie als magisches wirkmächtiges Objekt ansah.

Man weiß nicht, wie der Reliquienkasten in den Schatz des Quedlinburger Stifts gekommen ist. Vielleicht stammen sowohl das Quedlinburger Examplar als auch das von Bamberg aus dem ottonischen Besitz und wurden an die Kirchen verschenkt.

Wappenkasten

Wappenkasten in Wulstwickeltechnik, vielleicht fatimidisch, 12. Jahrhundert, die Fassung stammt aus Niedersachsen/Quedlinburg. Beschläge aus Eisen, Klebemittel tierischer Leim.

Die Ritter tragen die für das späte 12. und 13. Jahrhundert typischen Topfhelme, auch die Pferde sind gepanzert. „Die Entwicklung des Topfhelmes war eine Reaktion auf die geänderten Kampftaktiken des Hochmittelalters. Die Einführung des Steigbügels ermöglichte es, den Gegner mit eingelegter Lanze anzugreifen und direkt auf dessen Kopf zu zielen.“ (Diese Darstellung vom deutschen Wikipedia bezweifele ich, da Steigbügel schon viel früher bekannt und in Gebrauch waren, sogar schon bei der oströmischen Kavallerie, die Steigbügel aber offenbar von den Awaren übernommen hatte.)

Der Kasten zeigt zwölf Wappen von Feudaladligen (Skizze bei B. Schwinekörper). Die langgestreckte Form des Kastens ist ungewöhnlich: „Die überaus feine, dichte und ornamentierte Wulstwickelarbeit hat ihre Parallelen nur im fatmimidischen Nordafrika. So ließe sich denken, daß es sich bei der einzigartigen Arbeit um einen wesentlich älteren, verehrten Gegenstand handelt, den man 1208/10 ganz bewußt einer neuen Verwendung zugeführt hat. (…) Körbe aus dieser Zeit sidn außerordentlich selten und niemals datiert.“ (D. Koetzsche) Vergleichbare Körbe gibt es in der Zisterzienserabtei Pforta (nicht Schulpforta, Druckfehler bei D. Koetzsche), im Domschatz Halberstadt und in der Stiftskirche Fritzlar.

*Dieser Karl ist das historische Vorbild für den Kaiser Karl aus Vikings, der dem Wikinger Ragnar loðbrókar aka Reginheri eine große Summe übergab, um die Besatzer von Paris loszuwerden.

**B. Bischoff: Mittelalterliche Schatzverzeichnisse, 1967, zit. n. Dietrich Kötzsche (Hrsg.): Der Quedlinburger Schatz wieder vereint. [Katalog zur Ausstellung im Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz]], 1993. Zum Bamberger Reliqienkasten fand ich diese interessane Bemerkung: „Beschläge eines Kästchens von sehr ähnlicher Form und Konstruktion wurden 2004 in einem Wikingergrab bei Haldum nahe Århus entdeckt.“

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Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun

Kamm Heinrichs I.

So genannter Kamm Heinrichs I.. Der Kamm ist aus Elfenbein und stammt aus Syrien oder Ägypten, 7.-8. Jahrhundert. Die Fläche ist mit geschnitzen Weinlaubranken überzogen. Die Goldmontierung und der Steinschuck wurden erst viel später hinzugefügt, da sie die Ranken zum Teil bedecken. Der Beschlag ist teilweise beschädigt. Es fehlen einige Edelsteine, wie auch die Pferdeköpfe – sie wurden vermutlich abgeschnitten oder -gefeilt. Ursprünglich war der Kamm insgesamt rechteckig. Die stilisierten Zügel, „Rhombus und Rahmen der runden Fassung sind aus drei miteinander zu Streifen verlöteten Perlstäben gebildet. (…) Perlstäbe aus Gold sind vornehmlich im Münzschmuck des 9. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland bekannt.“ (Peter Berghaus: „Der Münzschmuck von Gärsnäs, Ksp. Herrestad (Skåne), 1965, zit. n. Dietrich Kötzsche (Hrsg.): Der Quedlinburger Schatz wieder vereint. [Katalog zur Ausstellung im Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz]], 1993 [das mit Abstand beste Buch zum Quedlinburger Domschatz!]. Der Kamm wird 1544 in einem Verzeichnis des Quedlinburger Domschatzes erwähnt: Keisser Heinrichs Kamme mit stein und golt beschlagen.

Der Kamm ist also ein Konglomerat aus verschiedenen Arbeiten und Zeiten. Vielleicht gehörte er zur Mitgift der Theophanu. Es gibt aber ähnliche Kämme aus derselben Zeit wie den Kamm des Hl Heribert aus Metz im Museum Schnütgen in Köln.

Wie kriegen wir also den Feudalismus in den Griff? These: Wer begreift, was eine Reliquie ist (vergesst den oberflächlichen Unsinn auf Wikipedia), ist auf dem richtigen Weg.

Wir haben hier eine orale Gesellschaft vor uns mit der Sippe „als mentaler Realität“ (Johannes Fried) „Orale Gesellschaften theoretisieren nicht, sie inszenieren. Das Ritual ersetzt, ja ist geradezu ihre soziale Theorie.“ Objekte sind dingliche bzw. verdinglichte Zeichen der sozialen Hierarchien und der Rituale.

„Nicht seelische Regungen oder psychische Prozesse sollten jeweils sichtbar gemacht werden, sondern objektivierende Formen sozialer Ordnung und Interaktionen. (…) Prestige und Status waren im Auftreten sichbar zu machen; nur ritualisiert ließen sie sich wahrnehmen, Herrschaftszeichen, Gaben, Kleider, Gebärden machten Leute.“ (Vgl. Marcel Mauss: Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften).

Samuhel Evangeliar

Samuhel-Evangliar, Quedlinburg (um ca. 1230). Eichenholzkern mit getriebenem Silber und vergoldet, dazu Perlen, Korallen und Glassfluss. Der Rückendeckel ist aus rot gefärbetem Schafsleder. Neun Emails sind älter als der Kasten und stammen aus Byzanz. Einige Senkschmelzen ähneln denen des Patriarchenkelchs von San Marco in Venedig. Teile des Beschlags und einige Edelsteine fehlen. „Von 180 Fassungen sind 43 leer“. (D. Kötzsche) Das Evangeliar wurde 1991 neu gebunden und restauriert.

Orale Gesellschaften wie die des Feudalismus beschreiben etwas, sie analysieren nicht. „…die Welt selbst erscheint für primitive Denken als eine unendliche Kette von Ähnlichem und Gleichartigem. Raum und Zeit werden nicht exakt gemessen. (…) Verwandtschaft präsentiert, so zeigen ethnologische Vergleichsstudien, in illiteraten Gesellschaften die Kategorie sozialer Ordnung und Wahrnehmung schlechthin.“

Wieso muss ich jetzt an Araber-Clans in Neukölln denken?

Otto-Adelheid-Evangeliar

Otto-Adelheid-Evangeliar, Konstantinopel, 2. Hälfte 10. Jahrhundert, Goldschmiedearbeiten Quedlinburg 1220-1230. Geschnitztes Elfenbein mit Gold, Schmuck ähnlich wie beim Samuhel-Evangeliar, leicht beschädigt. „Von 96 Fassungen heute 44 leer“. (D. Koetzsche) In der Mitte ein byzantinisches Elfenbeinrelief mit der Christi Geburt, Taufe, Kreuzigung und Kreuzabnahme, die durch griechische Buchstaben wiedergegeben werden. „Die vier Löcher im Rahmen, heute als Nagellöcher genutzt, lassen darauf schließen, daß das Relief die Mitteltafel eines Tryptychons war; sie haben höchstwahrscheinlich zur Befestiung von Leisten gedient, in die die Seitenflügel gehängt waren. Auf ihnen könnten sich weitere Szenen befunden haben. (…) Aufgrund ikonographischer Details wurde das Relief zuletzt in das 3. Viertel des 10. Jahrhunderts datiert und seine Herkunft mit Kaiserin Theophanu direkt in Beziehung gebracht.“ (D. Koetzsche) Der Rahmen stammt aus dem 13. Jahrhundert, vermutlich wurde er in Halberstadt oder Quedlinburg angefertigt.

Das erinnert mich auch an die Zeit, als wir als marxistische Altgermanisten in schweißtreibenden Seminaren das Nibelungenlied auseinandernahmen. „Die Schönheit einer Frau besteht in der feudalen Vorstellung sowohl aus dem ‚Adel‘ des Körpers als auch aus der standesgemäßen äußeren Ausstattung mit Elementen des repräsentativen Reichtums“. Mindestens die Hälfte der Verse des feudalen Epos besteht aus Schilderungen der Kleidung, die aber nicht individuell ist – wie auch nicht die „charakterlichen“ Eigenschaften -, sondern bei allen gleich. Das muss man doch ernst nehmen?!

Hierzu ein bisschen geistreiches Geschwurbel gefällig? Da nehmen wir am besten Hegel: „Phänomenologie des Geistes“:
Ebenso bezieht sich der Herr mittelbar durch den Knecht auf das Ding; der Knecht bezieht sich, als Selbstbewußtsein überhaupt, auf das Ding auch negativ und hebt es auf; aber es ist zugleich selbstständig für ihn, und er kann darum durch sein Negieren nicht bis zur Vernichtung mit ihm fertig werden, oder er bearbeitet es nur. Dem Herrn dagegen wird durch diese Vermittlung die unmittelbare Beziehung als die reine Negation desselben, oder der Genuß; was der Begierde nicht gelang, gelingt ihm, damit fertig zu werden, und im Genusse sich zu befriedigen. Der Begierde gelang dies nicht wegen der Selbstständigkeit des Dinges; der Herr aber, der den Knecht zwischen es und sich eingeschoben, schließt sich dadurch nur mit der Unselbstständigkeit des Dinges zusammen, und genießt es rein; die Seite der Selbstständigkeit aber überläßt er dem Knechte, der es bearbeitet.

Damals schrieb ich: Hegel definiert hier präzise die feudale Identität, den Zusammenhang zwischen Existenzform und Gedankenform. Sowohl der Bauer (der Knecht) als auch der Herr (der Feudaladlige) beziehen sich zur Natur negativ, über ihre Begierde, die zur Vernichtung drängt. Der Unterschied ist aber, daß der Feudalherr die Bearbeitung der Natur dem Bauern überlässt und sich nur mittelbar, d.h. nur vermittelt über seine Herrenexistenz auf sie bezieht, die Natur nicht bearbeitet, sondern nur konsumiert.

Daher sind Gewalt und Konsum nur zwei Seiten einer Medaille, der feudalherrlichenn Aneignung der Natur. Die Natur erscheint ferner in der Form des Konsums als natürliche Voraussetzung der Existenz, genauso wie der Bauer natürliche Bedingung seiner Herrenexistenz ist…

Alles klar? Puls und Atmung und so?

Katharinenreliquiar

Katharinenreliquiar, Niedersachsen 1230-1240, aus einem Eichenholzkern, Silberblech und Kupfer, vergoldet, leicht beschädigt. Um Sancta Katarina vergulte kestgen erwähnt. Der genaue Zweck ist nicht bekannt. Die Bilder zeigen Motive aus dem Alten Testament und die Apostel. „Stilistisch folgen die Figuren dem sogenannten Zackenstil, der im 13. Jahrhundert als charakteristischer Stil vor allem in der Buchmalerei auftritt. Er zeichnet sich durch bewegte Figuren aus, deren detailreiche Gewänder zerklüftete Faltensysteme mit jähen Umbrüchen bilden.“ (Thomas Labusiak u. Jaos Stekovics: Kostbarer als Gold: Der Domschatz in der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg, 2016.

Wir haben mit dem Feudalismus gerade erst angefangen. Um welche Zeit geht es? Zur Zeit der Merowinger und der Karolinger haben wir noch einen relativ starken und ökonomisch unabhängigen König. „Die Kosten des Aufstiegs der Karolinger trug, wie stets, das einfache Volk“, schreibt Fried ganz nebenbei – für einen bürgerlichen Historiker eine erstaunliche These.

Reliquienkasten Heinrich I.

Reliquienkasten Heinrich I., Oberitalien, 10. Jahrhundert (Elfenbeinreliefs), 2. Hälfte 11. Jahrhundert (Walrosszahnreliefs), Quedlinburg, 1230-1240 (Goldschmiedearbeiten). Der Kern des Kastens ist auch Buchenholz, Silver vergoldet, Schmuck und Edelsteine ähnlich wie beim Samuhel-Evangeliar. Die Figuren sind stark abgenutzt, Details fehlen, auch vom Schmuck. Von 121 Fassungen heute 36 leerund zumeist beschädigt (…), es fehlen die Perlenschnur um die Mandorla und Teile der Perlenschnüre an der Frontseite; Schloß aus Eisen später hinzugefügt, zahlreiche Eisennägel, besonders im Deckel…“ (D. Koetzsche) Auch hier wurden ältere Stücke wiederverwendet und neu arrangiert.

Gleichzeitig wurde aber die feudale Grundherrschaft (auch bekannt als „Lehnswesen“) mit nackter Gewalt ausgebaut. Zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert gab es eine kleine landwirtschaftliche Revolution, u.a. wurde der asymmetrisch wendende Pflug erfunden, die Viehhaltung verbesserte sich, Wassermühlen wurden gebaut (kann man alles nur archäologisch beweisen) usw.. Der Feudaladel emanzipiert sich ökonomisch und damit auch militärisch vom König. Permanentes Hauen und Stechen ohne Gefühlsduselei war die Regel und nicht die Ausnahme.

Straußenei-Reliquiar

Das Straußenei-Reliquiar, Norddeutschland, 15. Jahrhundert, stamm aus dem Schatz des Prämonstratenserklosters St. Wiperti. Ähnliche Eier sind im Domschatz von Halberstadt. Das Material von Fuß und Knauf ist billiger Kupfer, „das eine feine Bearbeitung nicht erlaubte. An sich war den Goldschmieden wegen der Betrugsgefahr das Verarbeiten von vergoldetem Kupfer verboten, doch erlaubten die Zünfte Ausnahmen bei Geräten für den Gottesdienst. (nach Johann M. Fritz: Goldschmiedekunst der Gotik in Mitteleuropa, 1982, hier in D. Koetzsche) Das Straußenei galt als Symbol für Geburt und Auferstehung Christi; hier sind keine Reliquien im Inneren erhalten.

Heute bin ich zu müde, um mehr zu schreiben. Aber die Puzzleteile setze sich allmählich zusammen…

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Feudal oder nicht feudal? (tl;dr,)

ständerhausvorhof zur Hölleschuhhofvorhof zur Höllehölle 7

Stopp! Nicht nur flüchtig hingucken! Das Fachwerkhaus ganz oben rechts (1346/47) und das Steinhaus (ab 1215) ganz unten sind Mittelalter, die Häuser in der Mitte sind erheblich jünger (16. und 17. Jh.) und schon frühe Neuzeit.

Ja, ihr müsst jetzt stark sein! Tl;dr,! Wie schon drohend angekündigt, las ich jüngst Heide Wunders Feudalismus – 10 Aufsätze. Warum?

Erstens: Man interessiert sich im Alter nicht mehr für die Details, weil man die schon alle kennt, sondern eher für das große Ganze, auch bekannt als die Frage: Warum ist die Geschichte so, wie sie ist, und nicht anders (eingedenk der Tatsache, dass höhere Wesen nicht an den Weltläuften herumfummeln)?

Zweitens las ich Johannes Fried: Die Anfänge der Deutschen: Der Weg in die Geschichte (1056 S.!) – das beste Buch über den Feudalismus, was die bürgerliche Geschichtswissenschaft bis jetzt hervorzubringen vermochte.

Bürgerlich deshalb, weil Fried den Begriff Feudalismus gar nicht verwendet, obwohl der Sprachgebrauch der internationalen historischen Wissenschaft das nahelegen könnte, und weil man als bürgerlicher Wissenschaftler in Deutschland auf Theorie insoweit verzichten muss, als jeder Versuch, die Geschichte nicht nur bloß zeitlich („Mittelalter“, „Neuzeit“) zu periodisieren, sondern eine Struktur zu erkennen, die – OMG! – auch die dem Feudalismus nachfolgende Gesellschaftsform aka Kapitalismus nicht als Ende der Geschichte definiert. Was aber, wenn die Frage erlaubt sei, könnte danach kommen? Das darf man gar nicht denken.

Warum muss man als nicht-marxistischer Historiker den Begriff Feudalismus vermeiden? Heide Wunder schrieb 1974 (!): Die Fronten sind heute so verhärtet, daß erst wieder Kommunikation möglich werden muß, um die gegenseitigen Vorurteile in Frage zu stellen.“ Feudalismus zu sagen, war in der alten Bundesrepublik fast so schlimm wie „BRD“. Das roch nach DDR und Schwefel.

Es ist so ähnlich wie mit der Diskussion über den Wert im Marxschen Kapital: Obwohl die zentrale These schon von Aristoteles stammt, muss der Kapitalismus-affine „Volkswirtschaftler“ dagegen sein, weil er eben qua definitionem eben keine Wissenschaft betreibt, sondern Apologetik, also eine esoterische Glaubenslehre vertritt, die den Markt als eine Art höheres Wesen anbetet.

Feudalismus als Begriff taucht jedoch schon bei Hegel auf und wird zum Beispiel sowohl von Max Weber, Marc Bloch: La société féodale als auch von Otto Brunner (der des Kommunismus an sich unverdächtig ist) ausführlich verwendet und diskutiert. Dass heute der Begriff (nur in Deutschland) weitgehend tabu ist, beweist, dass die bürgerliche Geschichtswissenschaft, was das theoretische Niveau angeht, noch vor den Stand vor einem halben Jahrhundert zurückgefallen ist. Johannes Fried macht keine Ausnahme, aber er nimmt wenigstens phänotypisch die Quellen zur Spätantike bzw. zum frühen Feudalismus ernst und behauptet nichts, was man nicht beweisen kann, sondern gibt manchmal zu (das können sich auch marxistische Historiker hinter die Ohren schreiben!): Wir wissen es nicht und werden es nicht wissen können, weil die bekannten Quellen und Fakten es nicht hergeben.

Heide Wunder: Die deutsche Mediävistik beteiligt sich nicht an der internationalen Diskussion über den Begriff Feudalismus (…) Letztlich ist die Ursache für die Abwehrreaktionen der bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft gegenüber der DDR in dem Fehlen einer eigenen deutschen undogmatischen marxistischen Wissenschaftstradition zu suchen, wie sie besonders in Frankreich und den angelsächsischen Ländern – wenn auch hier weniger ausgeprägt und einflußreich – vorhanden ist. Es hat sich also nichts geändert.

Frage: Kann man Feudalismus als ökonomischen Begriff auf alle Länder übertragen – etwa auf Japan, China, Afrika, die arabischen Länder? Diese Frage stellte sich schon den Historikern der DDR, die den Fesseln des Stalinismus in den 60-er Jahren entschlüpft, merkten, dass man mit dem mitteleuropäischen Modell à la „Lehnswesen“ et al in den „Entwicklungsländern“ auf den Holzweg geriet. Gelöst hat man das Problem nicht, sondern zog sich auf die oberflächlichen zeitlichen Kategorien vorfeudal, frühfeudal, hochfeudal und spätfeudal in offiziellen Lehrbüchern zurück, was genauso albern ist wie die Erfindung einer frühbürgerlichen Revolution.

Für den DDR-Historiker Bernhard Töpfer war der Feudalismus die am weitesten entwickelte Stufe der vorkapitalistischen Gesellschaften; er könne sich sowohl aus einer „zersetzenden“ Urgesellschaft [also aus einer tribalistischen Gesellschaft, B.S.] wie auf dem Hintergrund der asiatischen Produktionsweise oder einer Sklavenhalterordnung entwickeln. Das ist immerhin originell, aber nicht letzlich befriedigend.

Sein Kollege Eckehard Müller-Mertens vertrat die Thesen (ich wiederhole mich), dass 1) „die Durchbrüche zu weltgeschichtlich weiterführende Entwicklungen“ meist in „verhältnismäßig rückständigen Randgebieten“ erfolgt sei“, was die Frage aufwerfe, ob der Feudalismus in Europa vielleicht nur eine „primitive Variante“ einer Gesellschaftsformation ist, „die feudale und andere, nichtfeudale, vorkapitalistische Produktionsverhältnisse“ einschließe, und 2) was das okzidentale „Mittelalter“ so besonders gemacht habe, dass sich daraus – und nur dort – der Kapitalismus entwickelt habe? („Trotz seines marxistischen Weltverständnisses konnten sich seine Werke in den Leitdarstellungen der DDR-Geschichtswissenschaft nicht durchsetzen“. Der Staat – die DDR -, kommentiert Heide Wunde missbilligend, habe damals einen „erkenntnistheoretischen Rahmen“ vorgegeben, der „nicht transzensiert werden darf“.)

Wer bis hierher durchgehalten hat, kriegt noch mehr Fotos:

FleischhofschuhhofschuhhofschuhhofschuhhofStiftskirche St. Servatii

Von oben nach unten: Fleischhof, auch 2. Reihe rechts, 2. Reihe links: in dem Haus residiert ein Deutsch-Seminar für Stundenten aus Texas, ganz unten die Stiftskirche St. Servatius.

Jetzt fragt das genervte Publikum natürlich mit Recht: Was soll das alles? Und was ist mit dem feierlich angekündigten Domschatz? Wartet doch noch ein Weilchen! Es geht munter weiter, und ich werde Euch nicht enttäuschen! Auch den Feudalismus werden wir noch in den Griff bekommen – das war nur der Prolog!

Das Gold der Barbaren

das gold der barbarenfürsten

Der Bucheinband zeigt Apahida Grab II (Website). Sattelbeschläge eines Gepidenfürsten

Beim Einräumen neuer Bücher fiel mir ein prächtiger Band in die Hand, den ich beim Kauf vor vielen Jahren offenbar nur flüchtig durchgeblättert hatte: Das Gold der Barbarenfürsten, Schätze aus Prunkgräbern des 5. Jahrhunderts n. Chr. zwischen Kaukasus und Gallien (Ausstellungskatalog). Das Thema passt zu dem, was mich gerade interessiert: Wie und zu welchem Ende periodisiert man die so genannte Urgesellschaft, sowie die Spätantike bzw. frühe Feudalgesellschaft?

Die Ausstellung war offenbar grandios und einzigartig, ich habe aber nur wenige Besprechungen gefunden (Rainer Atzbach vom Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der Universität Bamberg, Peter Dirrmar in der Welt).

Atzbach: Gezeigt werden die prachtvollsten Hinterlassenschaften der Völkerwanderungszeit, als sich im Spannungsfeld zwischen Rom und dem Hunnenreich germanische Herrschaften etablierten. Sie standen im Dienste beider Mächte – und zögerten nicht, bei Bedarf die Fronten zu wechseln. (…)

Der Rundgang beginnt mit den ältesten Fürstengräbern des 3. und 4. Jahrhunderts, die bereits die neue Verbindung germanischer, griechisch-römischer und irano-asiatischer Elemente erkennen lassen. Den zweiten Abschnitt bildet die Darstellung der mit den Römern verbündeten Völker. Dort finden sich nicht nur die reichen Grabausstattungen von Lébény-Magasmart, Untersiebenbrunn und Fürst, sondern auch ausgewählte Seiten der „Notitia Dignitatum“. Dies ist ein wohl im ausgehenden 4. Jahrhundert entstandener, reich illuminierter „Almanach“ zur römischen Verwaltungs- und Militärstruktur, der nur als spätmittelalterliche Kopie überliefert ist. (…). Eine weitere Gruppe bilden die stark reiternomadisch geprägten Gräber von der östlichen Grenze des Römischen Reiches. Besonders ist hier auf die Bestattung von Brut aus dem Kaukasus hinzuweisen. Sie enthält ein wahrhaft atemberaubend mit Goldblech verziertes Langschwert, das eines Samurais würdig wäre. Der Hauptteil der Ausstellung schließlich ist dem archäologischen „Who-is-Who“ des fünften Jahrhunderts gewidmet: hier laden die prunkvollen Grabbeigaben des Frankenkönigs Childerich, der „Fürsten“ von Pouan, Apahida I-III, Blucina-Cézavyj, Gültlingen und der Schatzfund von Cluj-Someseni zum unmittelbaren Vergleich. Sie enthalten durchgehend Spitzenprodukte des spätantiken Kunsthandwerks.

Gerade diese Gelegenheit zum direkten Vergleich führt eindrucksvoll vor Augen, dass das 5. Jahrhundert nicht nur aus bärtigen Männern (Barbaren) auf struppigen Pferden bestand, die mehr oder minder eindringlich für die Völkerwanderung sammelten. Gleichzeitig bildete sich vielmehr an der römischen Nord- und Ostgrenze eine neue europäische Kultur aus. Ihre Führungselite bot vom Kaukasus bis nach Frankreich hinein ein überraschend uniformes Erscheinungsbild.

Wer weiß schon davon? Die im Katalog abgebildeten Schätze sind atemberaubend schön, dagegen ist die Ausstattung von Game of Thrones (SCNR) eine hässliche Müllhalde.

Lehrreich ist auch die Einführung: Man erfährt im Schnelldurchgang und besser als Wikipedia (man muss dort erst wissen, was man suchen soll), wer und was zum Beispiel die Gepiden, Skiren, Sweben, Heruler, Rugier usw. sind. Erst nach knapp 90 Seiten geht es anhand gefühlt zahlloser Abbildungen mehr in die Details.

Mich interessierte, wo diese Dinge heute aufbewahrt werden. Das Ergebnis überraschte: Überall in Europa verstreut! Wenn es den Katalog nicht gäbe, erführe man nur durch Zufall davon. Beispiele:

➨Goldene Zwiebelknopffibel, Insignie eines römischen Offiziers: Musée des antiquités nationales ,Saint-Germain-en-Laye, ein anders Exemplar ist im Louvre
➨Goldener Kolbenarmring, Insignie eines germanischen Fürsten: Musée de Brou
➨Schätze aus dem Königsgrab von Mušov: Regionalmuseum Mikulov, Tschechien
Grab II von Ostrovany: Ungarisches Nationalmuseum, Budapest
➨Grab, benannt nach Messaksoudi, Kertch, Ukraine: Musée des antiquités nationales, Saint-Germain-en-Laye (wieso haben das die Franzosen?)
➨Schatz von Cosovenii de Jos, (Kleine Walachei): Muzeul Național de Istorie a României
➨Männergrab von Lébény, Magasmart, Ungarn: Hansági múzeum (Finno-Ugrisch lerne ich jetzt nicht!)
➨Männergrab von Bříza, Litoměřice (dt. Leitmeritz): Národní muzeum, Prag
➨Grabschatz einer Frau von Untersiebenbrunn, Gde. Gänserndorf, Niederösterreich – liegt gegenüber Carnutum, der Hauptstadt der römischen Provinz Pannonia I.: Kunsthistorisches Mueum Wien
➨Schätze aus dem Männergrab von Fürst, Gemeinde Fridolfing Bayern (danach habe ich jetzt zehn Minuten gesucht und es nicht wirklich gefunden): Archäologische Staatssammlung München
Grabschatz eines Reiters in Kurgan 2 von Brut, Ossetien, Russland (das ist einer aus David W. Anthonys Buch Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World!

(Es geht noch 50 Seiten weiter, aber daran säße ich noch übermorgen…)

Doggerbank (im Besserwissermodus)

doggerbank
Credts: Wikipedia, User:Juschki

Ein Artikel der Süddeutschen „Der erste Brexit“ machte mich auf das Thema Doggerbank aufmerksam. Ich war unwissend und habe mich gern weitergebildet.

Nur die Insel Helgoland ragt heute noch als sichtbarer Rest aus dem Wasser. „Helgoland bot damals als gut sichtbarer, rot leuchtender Sandsteinfelsen inmitten einer weiten Graslandschaft einen sicherlich imposanten Anblick, ähnlich dem Ayers Rock [der heißt heute Uluru – vielleicht ist das hierzulande noch nicht bekannt] im heutigen Australien“, sagt die Archäologin Ursula Warnke, die im Rahmen des Forschungsnetzwerks „Splashcos“ Doggerland untersuchte.

Ceterum censeo: Wären deutsche Medien und Journalisten Internet-affin, würden sie Links setzen, allein schon aus Höflichkeit gegenüber den Lesern. Hier muss man entschuldigend feststellen, dass zum Forschungsnetzwerk Splashcos nicht viel zu finden ist. Im Jahresbericht 2014 des Deutschen Schiffahrtsmuseums [sic! IMHO schreibt man das heute mit drei „f“] fand ich, dass „Splashcos“ für Submerged Prehistoric Landscapes and Archaeology of Continental Shelf steht. Dazu finde ich auch keine aussagekräftigen Links.

Römische Zeitkapseln am Meeresgrund

Österreichische Akademie der Wissenschaften: „Unweit der spanischen Küste lag über 2000 Jahre unentdeckt ein römisches Handelsschiff. Nun wird die Fracht schrittweise geborgen. ÖAW-Archäologe Horacio Gonzalez Cesteros freut sich über hunderte original-versiegelter Gefäße, die ihm einiges über die Essgewohnheiten im Römischen Reich verraten.“

Beresheet Crashed

beresheet

Schade. Aber es wird bestimmt noch einen weiteren Versuch geben. Sie waren ganz nah dran.

Fuck you, Time Magazine!

time magazine

Ich wollte das Interview im „Time Magazine“ mit Katie Bouman (da ist eine Schiefertafel im Hintergrund!) lesen. Ohne sie gäbe es kein Foto des Schwarzen Lochs. Ohne Javascript komme ich auch nicht weiter. Also lese ich lieber woanders.

Dionysus, die Schlange und orgiastische Feten mit dem Stier

bus
Credits: Prof saxx [Public domain], via Wikimedia Commons

Und den stierförmigen Gott bracht
Er zur Welt, als er gereift war
Von der Zeit, kränzte mit Schlangen
Ihm die Stirn, daß die Mänaden
In die Haarlocken sich flechten
Dies gefangene Tier.

(Euripides: Die Bakchen)

Mythen haben mich immer fasziniert – kryptische, ja geheimnisvolle Erzählungen, deren wahren Kern man vielleicht entschlüsseln kann. Heute weiß ich, dass es immer um Astronomie geht, dass diese Tatsache aber nicht immer im Bewusstsein derer, die Mythen tradieren, präsent ist. (Ich sage nur: Hertha von Dechend und Die Mühle des Hamlet!)

Vor und parallel zum Mythos existiert der Ritus mit seiner Teilmenge „Tanz“. Bei Marija Gimbutas: Göttinnen und Götter des Alten Europa: Mythen und Kultbilder fand ich eine interessante Passage über stiergestaltige Gottheiten (schon im 5. Jahrtausend v. Chr. auf dem Balkan präsent), die den gebildeten Europäer natürlich sofort an Dionysus erinnern. Die alten Griechen machten dazu voll die Party. Gimbutas schreibt:

… bei diesen Feuerlichkeiten, in die Elemente hohen Alters eingegangen sind, erscheint Dionysos als Jahresgott. Bei den Winter- und Frühjahrsfeiern herrscht die Idee der Erneuerung vor; in dem Fest wird ein orgiastisches Szenario von ackerbäuerlicher Kultur mit Phallen, phallusförmigen Krügen, Schöpflöffeln und Kultschalen wiederbelebt, und der Stiermann (Dionysos) heiratet die Königin (Göttin).

Den im Januar angehaltenen Lenaia gingen die ländlichen Dionysia voran, bei denen Phalli in Prozessionen unter allgemeiner Lustbarkeit herumgetragen wurden, um die Fruchtbarkeit der Herbstsaat sowie der im Winter ruhenden Scholle zu befördern. Dem Bildnis des Dionysos wurden Opfergaben dargeboten (…); es wurden Priapuslieder und solche über Ziegen gesungen.

bus
Credits: Sailko, via Wikimedia Commons.

Der Sinn der Lenäen bestand darin, die schlummernde Natur zu erwecken (Deubner, 1956; James 1968: 142f.). Die Stadtdionysien im März dienten ebenfalls dazu, Fruchtbarkeit zu fördern; zu diesem Fest sandten alle Städte des athenischen Herrschaftsbereichs das vornehmliche Fruchtbarkeitssymbol, den Phallus, als einen Teil ihres schuldigen Tributes (Webster 1959: 59). Die Anthesteria schließlich waren ein Blumenfest zu Ehren des Dionysos, schlossen Trinkgelage ein und waren von ausgelassener Fröhlichkeit beherrscht. Der zweite Tag wurde Choes genannt, der Tag der Weinbecher. Der Wein wurde den Krügen entnommen und zum Heiligtum des Dionysos in den Sumpfgebieten gebracht; dort wurde er in kleinen Krügen schweigend an alle Bürger verteilt, die älter waren als vier Jahre. Nachdem jeder getrunken hatte, wurde die Frau des Stadtvorstehers im Bukoleion (Rinderstall), assistiert von Frauen, die dem Dionysos zugunsten ein Keuschheitsgelübde abgelegt hatte, mit dem Gott vermählt. (…)

Ein Heiligtum des Dionysos, dessen Gebrauch bis ins fünfzehnte Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgt werden kann, wurde auf der Insel Keos entdeckt (Caskey 1964: 326).

Man muss sich das alles bildlich vorstellen! Es gibt gefühlt drei Fatastillionen Filme und Dokumentationen über das antike Griechenland, aber das Thema bleibt immer ausgespart.

Apropos Stiergott und Astronomie: Das wird kompliziert.

Warum rufen die Frauen von Elis [ein Heiligtum des Dionysos] mit ihren Liedern Dionysos an, auf daß er mit seinem Stierfuß zu ihnen komme? (…) Weil in alten Zeiten der Sakralkönig des Mysteriendramas, der auf die Anrufung der Drei Grazien hin erschien, tatsächlich einen Stierfuß hatte. (Robert von Ranke-Graves: Die Weiße Göttin)

Die gesamte antike Welt kennt die Hochzeit des (stierköpfigen) Sonnenkönigs mit der Erdkönigin (oft: die Schlange). Man kennt das: Die zweite Jahreshälfte bringt die erste um, abgeschwächt: Der Sonnenkönig wird sakral gelämht und hat eine Hinkefuß wie Hephaistos.

So ein Ritual (im Bonsai-Format) habe ich selbst mitgemacht, als ich inkognito bei den Freimaurern war: Der Hinkende will immer von einer Welt in die andere.

Wenn wir das aber jetzt anfangen würden zu diskutieren, müssten wir vorher Ranke-Graves auch noch noch einmal studieren (639 Seiten). Oder wir lesen einfach die Bibel, Offenbarung des Johannes – aka Apokalypse (damit wurde ich schon in meiner Kindheit traktiert, aber mittlerweile gilt alles nicht mehr):

Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen.

Ein anderes Zeichen erschien am Himmel und siehe, ein Drache [Schlange], groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen. Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde herab.

Der Drache stand vor der Frau, die gebären sollte; er wollte ihr Kind verschlingen, sobald es geboren war. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der alle Völker mit eisernem Zepter weiden wird. Und ihr Kind wurde zu Gott und zu seinem Thron entrückt. Die Frau aber floh in die Wüste, wo Gott ihr einen Zufluchtsort geschaffen hatte; dort wird man sie mit Nahrung versorgen, zwölfhundertsechzig Tage lang.

Nun könnte ihr versuchen, diesen biblischen Mythos astronomisch zu entschlüsseln!

Miscellanous oder: Wenig bekleidete Menschen, Chili und die Sintflut

mehr oder weniger bekleideter Mensch mit menstruationshintergrund
Symbolbild für „mehr oder weniger bekleidete Menschen (weiblich)“

Ein User schrieb:
Hmmmmm, Burks, was in diesem Blog immer geht ist:
1. Mehr oder weniger bekleidete Menschen (weiblich!)
2. Irgendwas mit Essen
3. Alles mit historischer Geschichte

Zu 3) muss ich anmerken, dass „historische Geschichte“ ein weißer Schimmel aka Oxymoron ist, es sei denn, es gäbe eine ahistorische Geschichte – wobei wir schon fast bei einer grundlegenden und tiefschürfenden Analyse der bürgerlichen Geschichtswissenschaft wären, die bekanntlich, wenn es darum geht, die Vergangenheit in Phasen oder Epochen einzuteilen, die sich – eingedenk des Widerspruches zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivenkräften – in dialektischen Widersprüchen aka Klassenkampf auszutoben pflegen, jämmerlich versagt, da sie, sobald sie die stukturelle Analyse des Kapitalismus theoretisch erreicht hat (merke: schon Aristoteles hat die Ware an sich erklärt, was die heutige Volkswirtschartslehre feige igorieren muss), dessen Wurzeln im Feudalismus liegen, den er selbst vernichtet hat, aber dennoch auf ihm aufbaut, eine weitere Entwicklung zu etwas Höherem und Komplexeren, das wir gar nicht näher bezeichnen müssen, da das K-Wort zur zeit inpportun ist, leugnen muss, auch wenn es so klar vor den Augen erscheint wie eine Fata Morgana.

chili con carne

Ich bin den Ratschlägen des hiesigen sachkundigen Publikums gefolgt und habe den Zucker und den Wein bei Chili con Carne weggelassen und habe stattdessen Tabasco und Zartbitterschokolade zugefügt.

noah's flood

Zu 3): Ich muss es erst noch lesen, aber das Thema ist spannend. „David Brown (The Washington Post): A fascinating lesson in geology, oceanography, archaeology, and inductive reasoning.“

Over the millennia, the legend of a great deluge has endured in the biblical story of Noah and in such Middle Eastern myths as the epic of Gilgamesh. Now two distinguished geophysicists have discovered a catastrophic event that changed history, a gigantic flood 7,600 years ago in what is today the Black Sea.
Using sound waves and coring devices to probe the sea floor, William Ryan and Walter Pitman revealed clear evidence that this inland body of water had once been a vast freshwater lake lying hundreds of feet below the level of the world’s rising oceans. Sophisticated dating techniques confirmed that 7,600 years ago the mounting seas had burst through the narrow Bosporus valley, and the salt water of the Mediterranean had poured into the lake with unimaginable force, racing over beaches and up rivers, destroying or chasing all life before it. The rim of the lake, which had served as an oasis, a Garden of Eden for farms and villages in a vast region of semi-desert, became a sea of death. The people fled, dispersing their languages, genes, and memories.

Ich habe übrigens keine deutsche Ausgabe bzw. Übersetzung gefunden. irgendwie ist das bezeichnend.

Pontos Euxeinos

chicas

Le Déluge von Léon-François Comerre, Musée d’Arts de Nantes

Was und zu welchem Ende studieren wir die Urgesellschaft Steinzeit? Ich bin eher durch Zufall auf das Thema gekommen: Seit Wochen quäle ich mich unter anderem durch Heide Wunders (Hrsg.): Feudalismus – 10 Aufsätze – dort wird eine interessante Diskussion innerhalb der marxistischen Geschichtswissenschaft der 60-er Jahre referiert. Thema: Wie definiert man vorfeudale Gesellschaften, die weder durch Sklavenhaltung geprägt sind noch im Marxschen Sinne eine „Orientalische Despotie“ bzw. „asiatische“ Produktionsweise sind?

Eckehard Müller-Mertens vertrat die Thesen, dass 1) „die Durchbrüche zu weltgeschichtlich weiterführende Entwicklungen“ meist in „verhältnismäßig rückständigen Randgebieten“ erfolgt sei“, was die Frage aufwerfe, ob der Feudalismus in Europa vielleicht nur eine „primitive Variante“ einer Gesellschaftsformation ist, „die feudale und andere, nichtfeudale, vorkapitalistische Produktionsverhältnisse“ einschließe, und 2) was das okzidentale „Mittelalter“ so besonders gemacht habe, dass sich daraus – und nur dort – der Kapitalismus entwickelt habe? („Trotz seines marxistischen Weltverständnisses konnten sich seine Werke in den Leitdarstellungen der DDR-Geschichtswissenschaft nicht durchsetzen“ – wahrscheinlich hatte er also mit seinen Thesen recht.) Je detaillierter man das diskutiert, um so komplizierter wird es. Da es in Deutschland keine marxistischen Historiker mehr gibt, bleibt das Problem vorerst ungelöst.

Marx schreibt in den Grundrissen: „Nicht die Einheit der lebenden und tätigen Menschen mit den natürlichen, unorganischen Bedingungen ihres Stoffwechsels mit der Natur, und daher ihre Aneignung der Natur – bedarf der Erklärung oder ist Resultat eines historischen Prozesses, sondern die Trennung zwischen diesen unorganischen Bedingungen des menschlichen Daseins und diesem tätigen Dasein, eine Trennung, wie sie vollständig erst gesetzt ist im Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital.“

Wann man aber von einer „Einheit“ sprechen kann oder, wie Marx es oft nennt, von „ursprünglichen“ oder „naturwüchsigen“ Bedingungen der Produktion“, ist unklar – der Begriff „Urgesellschaft“ kann alles bedeuten – eine Horde Neandertaler oder diejenigen Zivilisationen, die mehrere Jahrtausende vor dem antiken Griechenland außerordentliche komplexe Kunstwerke geschaffen haben, wie sie bei Marija Gimbutas: Göttinnen und Götter des Alten Europa: Mythen und Kultbilder bewundert werden können. (Ein großartiges Buch! Offenbar gibt es gar kein anderes, das die Kunst Alteuropas – also vor der Einwanderung der Indoeuropäer – so zusammenfasst.)

Wie ich schon erwähnte, stieß ich dann auf Harald Haarmanns Das Rätsel der Donauzivilisation: Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas. Diese Zivilisation, die auch Alteuropa“ genannt wird, habe die „Voraussetzungen für den rasanten Aufstieg der griechischen Kultur im ersten Jahrtausend v. Chr. geschaffen“. Ohne diese wiederum ist das heutige Europa nicht zu denken. Was wissen wir über die sechs oder gar mehr Jahrtausende davor?

donauzivilisation

Übersicht: Haarmann: Das Rätsel der Donauzivilisation

Schon zu Beginn der Lektüre musste ich bei mir große Bildungslücken entdecken. Noch weniger war mir zum Beispiel bewusst, dass es ca. 6700 v. Chr. eine Sintflut gab – das Mittelmeer brach durch die heutigen Dardanellen, ergoß sich in das Schwarze Meer und überflutete weite Landstriche der Ufer. Auf Grund des heutigen geologischen Forschungsstandes kann man davon ausgehen, dass es keine Hypothese mehr ist, sondern ein Faktum.

Black Sea

Das Dunkelblaue zeigt die ursprüngliche Größe des Schwarzen Meeres – im Altertum als Pontus Euxeinos bekannt -, das Hellblaue die überfluteten Regionen ab Ende des 6. Jahrtausends v. Chr..

Haarmann diskutiert, dass vor der großen Flut eine Migration von Anatolien nach Thessalien (und auch in die Gegenrichtung) stattgefunden habe, was unter anderem auch die Humangenetik beweisen kann, und dass die Technik des Ackerbaus so in das heutige Nordgriechenland gelangte. „Die Besiedelung Thessaliens durch sesshafte Ackerbauern markiert den Beginn einer Ära, die man als Inkubationszeit der Donauzivilisation bezeichnen kann“ (Haarmann, S. 22) Diese frühe Phase des Neolithikums kannte noch keine Töpferei, die entstand erst ab ca. 6500 v. Chr..

alteuropa

Credits: David W. Anthony: Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World

Das ökologische Gleichgewicht der Schwarzmeerregion änderte sich nach der Sintflut dramatisch. Um ca. 6200 v. Chr. erlebten die Menschen eine „kleine Eiszeit„. „Solange die Kälteperiode anhielt, blieb die Kultivierung von Nutzpflanzen auf Gebiete südlich der Dobau beschränkt. In Anatolien war die Verschlechterung der klimatischen Bedingungen noch drastischer als in Europa. Die feuchten Niederungen rings um Çatalhöyük – die um 7400 v. Ch. gegründete, nach Jericho zweitälteste Stadt der Alten Welt -, trockneten aus, ebenso die in der Nähe der Stadt bebauten Felder.“ Çatalhöyük wurde ca. 6000 v. Chr. von den Einwohnern verlassen.

Um 5800 v. Chr. erwärmte sich das Klima wieder – und die Bewohner Thessaliens gründeten zahlreiche Siedlungen (oder brachten die Idee des Ackerbaus dorthin) „in den Schluchten des Balkan“ und an der Donau, zum Beispiel Karanovo im heutigen Bulgarien oder Lepenski Vir in Serbien. (Die Ortsnamen hatte ich noch gehört…)

Ich habe mir gleich noch das Standardwerk für das gekauft, was danach – in der Bronzezeit – spannend und interessant wird: David W. Anthonys Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World.
Anthony gives a broad overview of the linguistic and archaeological evidence for the early origins and spread of the Indo-European languages, describing a revised version of Marija Gimbutas’s Kurgan hypothesis. Anthony describes the development of local cultures at the northern Black Sea coast, from hunter-gatherers to herders, under the influence of the Balkan cultures, which introduced cattle, horses and bronze technology.

When the climate changed between 3500 and 3000 BCE, with the steppes becoming drier and cooler, those inventions led to a new way of life in which mobile herders moved into the steppes, developing a new kind of social organisation with patron-client and host-guest relationships. That new social organisation, with its related Indo-European languages, spread throughout Europe, Central Asia and South Asia because of its possibilities to include new members within its social structures.

david w. Anthony

Demnächst mehr in diesem Theater. Nun der Vorhang zu und alle Fragen offen.

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