What ist to be done (?)

cat reading Lenin

– Ich sage nur – und wiederhole mich: Normenklarheit.
Der Verfassungsgerichtshof hat die aktuelle Bußgeldvorschrift außer Kraft gesetzt. Aber nur das. Ansonsten wurde der Antrag eines Berliner Rechtsanwalts, eine “Einstweilige Verfügung” zu erlassen, abgeschmettert. (Sehr geehrte Juristen: Das ist besser und verständlicher als “der Antrag auf Erlass einer” usw..)

“Die Vorschrift versetzt die Bürgerinnen und Bürger nicht in ausreichender Weise in die Lage, zu erkennen, welche Handlung oder Unterlassung bußgeldbewehrt ist. Diese mangelnde Erkenntnismöglichkeit kann gerade rechtstreue Bürgerinnen und Bürger veranlassen, sich in ihren Grundrechten noch weiter zu beschränken, als es erforderlich wäre, um keine Ordnungswidrigkeit zu begehen.”

Ich bin dafür, solche Urteile auf Latein zu verfassen. Die wären dann kürzer, vermutlich auch logischer, und übersetzt werden müssen sie allemal. Deutsch ist einfach keine Sprache für Juristerei.

– Was zu Tieren: Der letzte Alligator, der (!) Hitler lebend gesehen hat, ist jetzt gestorben. In Englisch klingt das sehr süffisant:
“Saturn the alligator had an eventful life. He was born in Mississipi, USA, in 1936 before being taken to Germany, where he lived in the Berlin Zoo. This wasn’t the ideal time to grow up in Germany, even if you’re largely unaware of what’s going on by virtue of being an alligator. (…) In July 1946, Soviet soldiers took Saturn from Berlin to Moscow zoo, where he lived out the rest of his life, with zookeepers describing him as “a very peaceful character” apart from one incident “in 1970, when he almost bit off the arm of a young guard who was too inexperienced and tried to feed him out of his hand.”

By the way: Elefanten können weniger gut saufen als der Homo sapiens.

New York Times: “How the Taliban Outlasted a Superpower: Tenacity and Carnage”. Zum Gruseln, aber es war zu erwarten.

Ein ähnliches Frauenbild wie die Taliban scheinen die Mexikaner zu haben.

– Zum Schluss: Nehmt dies, Trump-Basher aus dem deutschen Feuilleton! “People in Republican states are moving more, buying more, and suffering less unemployment”. Ach?!

Kurbelwelle und Schubstange

sägemühle

Noch ein schweres Rätsel. Hier haben wir zum Beispiel die schematische Darstellung der Sägemühle von Hierapolis (heutige Türkei) aus der zweiten Hälfte des 3. Jh. n. Chr..

sägemühle

Was uns daran interessiert, ist nicht die innovative Säge, sondern das Getriebe.

Klaus Grewe, durch den ich auf die Mühle aufmerksam wurde, schreibt dazu in Meisterwerke antiker Technik:
Was die Inschrift des Nonius Datus uns für die Rekonstruktion der Organisation einer antiken Tunnelbaustelle bedeutet, ist das Relief auf dem Sarkophag des Ammianos (2. Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr.) für die Maschinentechnik. Ammianos, der sich selbst als großen Daedalus (Erfinder) bezeichnet, liefert uns mit diesem Relief eine detaillierte Beschreibung der Kraftübertragung von einem Wasserrad auf eine Doppelsteinsäge. Nach dieser bildlichen Darstellung wurde die von einem Wasserrad erzeugte Drehbewegung über Wellenbaum, Zahnrad, Drehling mit Kurbelwelle und eine Schubstange in eine oszillierende Bewegung umgewandelt, wodurch die Sägen schließlich in ihre “Hin- und Herbewegung” versetzt worden sind. Damit kann man Ammianos als den Erfinder des mechanischen Getriebes bezeichnen zumindest legt er uns die erste zeichnerische Darstellung eines solchen vor. (…) Zur Herstellung der Unmengen von Marmorplatten, wie sie u. a. für den Bau der antiken Thermen massenhaft gebraucht worden sind, muss man das Vorhandensein derartiger Steinsägemaschinen auch an anderen Orten voraussetzen. Ausonius beschreibt die von Steinsägen verursachten Geräusche im Ruwertal in seiner Mosella* (…), und archäologische Funde der letzten Jahre belegen, dass Steinsägen z. B. in Ephesus (Türkei) und in Gerasa (Jordanien) im Einsatz waren – allerdings erst in byzantinischer Zeit (6. Jahrhundert n. Chr.).

dampfmaschine

Diese Grafik zeigt das Prinzip einer Dampfmaschine, wie sie durch Thomas Newcomen und James Watt entwickelt wurde. [Nachbau des Originals]

Frage also: Das Drehmoment wird bei der Sägemühle in einer lineare Bewegung übertragen. Das ist nicht so schwierig sich vorzustellen, und außergewöhnliche Materialien braucht man auch nicht dazu. Warum haben die alten Ägypter so etwas nicht erfunden und benutzt? Warum nicht die Kelten, die nördlichen “Nachbarn” der Römer, bevor sie überrannt wurden?

Warum wurde die Dampfmaschine erst im 18. Jahrhundert erfunden und nicht etwa 300 Jahre früher? Ideen fallen nicht vom Himmel: Ihre materiellen Voraussetzungen müssen auch vorhanden sein. So etwas geschieht nicht einfach zufällig. Ein Prinzip kann lange bekannt sein, aber wann und warum wird es irgendwann ein- und umgesetzt?

Ein Hinweis aus dem Bellum Gallicum Julius Caesars:
… hatte Caesar beschlossen, den Rhein zu überqueren; doch er glaubte, mit Schiffen überzusetzen sei nicht sicher genug, und war der Ansicht, dass eine Überfahrt weder seiner noch des römischen Volkes Würde entsprechen würde. Daher hielt er, auch wenn wegen der Breite, Strömung und Tiefe des Flusses ein Brückenbau äußerst schwierig war, dennoch dafür, dies angehen zu müssen oder andernfalls sein Heer nicht übersetzen zu dürfen. Er beschloss folgendes Verfahren für die Brücke: Je zwei anderthalb Fuß [ca. 30 Zentimeter] dicke Balken, von unten ein wenig angespitzt, abgemessen nach der Tiefe des Flusses, verband er in einem Abstand von zwei Fuß untereinander. Diese hatte er mit Maschinen in den Fluss eingelassen, in den Boden eingesteckt und mit Rammen hineingestoßen, nicht nach Art gewöhnlicher Brückenpfeilers senkrecht, sondern geneigt und giebelförmig, sodass sie sich nach der Strömung des Flusses vorneigten; diesen setzte er zwei auf dieselbe Weise verbundene Balken in einem Abstand von je 40 Fuß, vom unteren Abschnitt aus gemessen, gegenüber und zwar gegen die Kraft und den Strom des Fluss gerichtet. Diese beiden wurden an ihrem Ende mit darüber gelegten, zwei Fuß breiten Balken (in dem Abstand waren die Tragbalken miteinander verbunden), auseinandergehalten, wobei je zwei Spangen auf beiden Seiten waren; weil diese Balken voneinander getrennt und mit dem gegenüberliegenden Paar verbunden waren, hatte das Bauwerk eine so große Festigkeit und eine derartige Beschaffenheit, dass die Verbindungen umso fester zusammengehalten wurden, je stärker die Strömung war. Diese Bauteile wurden mit in gerader Richtung darüber gelegtem Holz verbunden und mit langen Stangen und Flechtwerk bedeckt; und nicht anders wurden Balken zusätzlich am unteren Teil des Flusses schräg eingerammt, die, als Wellenbrecher untergesetzt und mit dem ganzen Bauwerk verbunden, die Kraft des Fluss absorbieren sollten; und ebenso wurden weitere Pfähle oberhalb der Brücke in mittlerem Abstand eingefügt, um – falls die Barbaren Baumstämme oder Schiffe zur Zerstörung des Baus ins Wasser gelassen hätten – die Kraft dieser zu vermindern damit sie der Brücke nicht schaden würden. Innerhalb von zehn Tagen, seit man begonnen hatte, das Baumaterial herbeizuschaffen, wurde das ganze Werk fertig gestellt und das Heer hinübergeführt. (…) Sobald Caesar dies erfahren hatte, glaubte er – nachdem all diejenigen Dinge erledigt waren, wegen deren er die Überfahrt seines Heeres beschlossen hatte, nämlich den Germanen Furcht einzujagen, die Sugambrer zu strafen und die Ubier von der Bedrängnis zu befreien – dass nach 18 Tagen jenseits des Rheins genug für den Ruhm und Nutzen des römischen Volkes gewonnen worden sei, zog sich zurück nach Gallien und ließ die Brücke abreißen.

Warum ließ Caesar dieses technische Meisterwerk (nur zehn Tage Bauzeit!) wieder abreißen? Oder: Warum haben die rechtsrheinischen Germanen keine Brücken gebaut? Was fehlte ihnen dazu?
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*Im Original: Probra canunt seris cultoribus: astrepit ollis
Et rupes et silua tremens et concauus amnis.
Nec solos homines delectat scaena locorum…

Was sonst noch…

das leben ist schön

Ich müsste die letzten drei Tage aufbereiten, welche Miszellen die Weltläufte an mich herantrugen…

Ich hatte schon gefühlt zehn Dutzend Male angemerkt, dass es äußerst schwierig ist, jemanden aus einer Partei oder einem Verein auszuschließen. Mit nicht mehr erklärbarer Dummdreistigkeit ignorieren fast alle Journalisten diese Tatsache, sei es bei Thema Sarrazin oder jetzt beim Nazi Andreas Kalbitz. Wenn Nazis Nazis ausschließen, sollte man feixend danebenstehen, und, wie zu erwarten, ist die AfD sogar zu blöde, den Mitgliedsantrag Kalbitzens zu finden. Den brauchen sie aber dringend, um vor Gericht zu beweisen, dass er eventuell falsche Angaben gemacht hat.

Ich schrieb hier vor zehn Jahren:
“Die zentrale Norm ist § 10 Abs. 4 PartG: Ein Mitglied kann danach nur ausgeschlossen werden, wenn es bestimmte Schutzgüter in qualifizierter Weise verletzt und dadurch für die Partei einen schweren Schaden verursacht. Schutzgüter sind die Satzung, die Grundsätze und die Ordnung der Partei. Der Satzungsbegriff entspricht demjenigen des sonstigen Vereinsrechts. Mit Ordnung sind alle Verhaltensregeln gemeint, die eingehalten werden müssen, damit eine Partei funktionieren kann.”

Vereins- und Parteifunktionäre neigen dazu, die jeweilige Organisation als ihr persönliches Eigentum zu betrachten und lästige Kritiker per Formalia loszuwerden. Dummerweise wehren sich die meisten nicht, weil sie nicht wissen, dass das deutsche Partei- und Vereinsrecht gegen einen Ausschluss hohe Hürden vorgesehen hat.

“Zuletzt muss der qualifizierte Verstoß einen schweren Schaden für die Partei verursachen.” Den Nachweis vor Gericht zu erbringen wird dem Lichterketten-tragenden Parteivorstand der [Parteinamen bitte selbst ausfüllen] wohl schwer fallen. Aber das sind ja Autisten – die Welt als Wille und Vorstellung ist per default gesetzt. [Name des auszuschließenden Mitglieds bitte selbst ausfüllen] und der [Parteinamen bitte selbst ausfüllen]-Vorstand passen also gut zusammen. Man sollte das, was zusammengehört, nicht auseinanderreißen.

Wenn Kalbitz vor Gericht zöge, wäre er bald wieder Mitglied.

future
1962 an Italian magazine described what the world would look like in 2022.

Jetzt haben wir noch das deutsche Antisemitenpack. Die Süddeutsche berichtet:
Am Montag haben 377 Wissenschaftler und Künstler aus 30 Ländern ein Schreiben veröffentlicht, in dem sie sich gegen “politische Einmischung” verwehren, die darauf abzielt, “Befürworter*innen der völkerrechtlich garantierten Rechte von Palästinenser*innen zum Schweigen zu bringen”.

Gendersternchen! Da weiß man, was man bekommt. Ich sehe da einen Zusammenhang.

Ein Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung haut dem kamerunischen Philosophen und Historiker Achille Mbembe dessen Statements um die Ohren: “Es ist, Entschuldigung, einfach lächerlich, wenn er so tut, als sei es üble Nachrede, ihn mit BDS in Verbindung zu bringen.”

Die Besetzung Palästinas ist der größte moralische Skandal unserer Zeit, eine der entmenschlichsten Prüfungen des Jahrhunderts, in das wir gerade eingetreten sind, und der größte Feigheitsakt des letzten halben Jahrhunderts.
Und da sie nur bereit sind, einen Kampf bis zum Ende anzubieten, sind sie bereit, den ganzen Weg zu gehen – Gemetzel, Zerstörung, schrittweise Ausrottung -, und es ist Zeit für globale Isolation. (Mbembe ‘On Palestine’, 2015)

Wer so etwas sagt, ist Antisemit, und ein dummer dazu. Ganz einfach. Ich halte alle Unterzeichner dieser ominösen Erklärung auch für Antisemiten. Ich hätte Lust, nach den Deutschen auf der Liste einzeln zu googeln, aber es ist Sonntag, ich brauche mehr Kaffee und habe besseres zu tun, als mich mit Pappnasen zu beschäftigen.

Simone Seguin

Zur Erholung möchte ich auf die Biografie Simone Seguins aufmerksam machen.
Simone Segouin, mostly known by her codename, Nicole Minet, was only 18 when the Germans invaded. Her first act of rebellion was to steal a bicycle from a German military administration, slicing the tires of all of the other bikes and motorcycles so they couldn’t pursue her. She found a pocket of the Resistance and joined the fight, using the stolen bike to deliver messages between Resistance groups.

She was an extremely fast learner and quickly became an expert at tactics and explosives. She led teams of Resistance fighters to capture German troops, set traps, and sabotage German equipment. As the war dragged on, her deeds escalated to derailing German trains, blocking roads, and blowing up bridges, helping to create a German-free path to help the Allied forces retake France from the inside. She was never caught.

Segouin was present at the liberation of Chartres on August 23, 1944, and then the liberation of Paris two days later. She was promoted to lieutenant and awarded several medals, including the Croix de Guerre.

After the war, she studied medicine and became a pediatric nurse. She is still going strong, and this October (2020) will turn 95.

haushaltsübliche menge

Noch etwas: Der Schockwellenreiter schreibt über digitale Keilschrifttafeln. Der Nachruf der Süddeutschen über Rolf Hochhuth ist lesenswert. Ebenso die NZZ über Boris Palmer und die opportunistische deutsche Journaille. Wer noch nicht genug hat, sollte bei Hal Faber weiterlesen.

Sumero-Akkadian Cuneiform

Sumero-Akkadian
Credits: Maks Viktor Antiquarian Books

Unter geistigen Wesen

Die Zeit schreibt über den “aufständischen” Beamten, der an allem zweifelt (via Fefe). [Original-Dokument] Der Link “geht auf die Seite zweier Leute, die ihr Geld mit alternativen Krebstherapien verdienen, Klaus Pertl und Lothar Hirneise.”

Schöne Recherche!

Maschine zum Schreiben

schreibmaschine

Zwei Artikel in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, die ich 1977 plante zu lesen. (Werner Ernst)

Die Karteikarte habe ich in einem meiner Bücher gefunden. Für die Nachgeborenen: Ich habe damals mit einer Schreibmaschine geschrieben. Guckst du bei Google, was das ist.

corvid19

YASUKE, DAIMOS UND SAMURAI [II]

fachwerk

Fotos: Fachwerkmuseum im Ständerbau, Quedlinburg.

Jetzt wird es kompliziert. Wir überdenken auf die Schnelle, eingedenk der ursprünglichen Frage, was die Zukunft bringen könnte, zwei Jahrtausende. Anders geht es nicht. Vermutlich sind wir der historischen Erleuchtung schon nahe, wenn wir die richtigen Fragen stellen? (Ich höre es raunen: Was zum Teufel hat ein Fachwerkhaus mit den Samurai zu tun?)

Zum Periodensystem der Elemente Gesellschaftsformen: Rein phänotypisch haben wir in Mitteleuropa 1. tribalistische Formen der Herrschaft in vorgriechischer Zeit. Danach 2. die Sklavenhaltergesellschaft (Sparta, Athen, Rom, wenn man die vorherrschende und dynamischste ökonomische Form nimmt), danach 3. Feudalismus, danach, als Vorstufe zur 4. ausgebildeten kapitalistischen Gesellschaft den Merkantilismus als Theorie, deren politische Form der Absolutismus ist.

Nochmal phänotypisch: In Japan fehlt Nummer zwei, aber der Feudalismus ist dort in seiner Struktur fast identisch. Komisch! Das Christentum ist also keinesfalls eine conditio sine qua non feudaler Herrschaft. Andererseits ist sowohl die Zeit zwischen dem Ende Roms und dem so genannten Hochmittelalter eine der Rituale, der Objekte, die Gesellschaft konstituieren und der oral history – genau wie in Japan und China.

Dennoch hat sich der Kapitalismus zuerst in Mitteleuropa entwickelt: Bedurfte es dazu der Vorstufe einer Ökonomie, die im wesentlichen darauf beruhte, dass Menschen, die arbeiteten, den Status eine Sache hatten (Sklaven)? Oder ist das ein historischer Zufall? Wenn das so wäre, fiele die These weg, der europäische “Weg” sei auch der, an dessen Ende zwangsläufig irgendeine Form des Sozialismus stehe (was bekanntlich stimmt, aber der ist gescheitert, was die Sache nicht besser macht).

Ist also China die Speerspitze der Zukunft? Erst Staatskapitalismus, obwohl sozialistisch kostümiert, danach etwas, was man noch nicht so genau definieren kann, aber auf jeden Fall eine Art Planwirtschaft sein wird, inklusive Vergesellschaftung relevanter Branchen sowie kollektiver Eigentumsformen als Alternative zum kapitalistischen Privateigentum an Produktionsmitteln.

fachwerk

Wozu das Geschwurbel? Reminder – ich schrob schrieb am 24.07.2019 (Yasuke, Daimos und Samurai [I]): Das Thema ist für mich sehr interessant – insbesondere nach meinem Aufenthalt in Quedlinburg – und dient sozusagen als Vorarbeit zum Einen und Einzigen Wahren und Autorativen, Historisch Genauen und Amtlich Anerkannten Bericht über den Feudalismus und wie er den Kapitalismus gebar und warum und warum anderswo nicht – der geplante Beitrag soll allem Widerspruch und Streit zum Thema ein Ende setzen.

(Die folgenden Fragen und Thesen beziehen sich im wesentlichen auf John Witney Hall: Feudalism in Japan – a Reassessment, Cambridge 2009, zuerst erschienen 1962/63, abgedruckt in Heide Wunder; Feudalismus – 10 Aufsätze.) Hall referiert die Diskussion zum Thema ab den 1920-er Jahren.

John Witney Hall schlug vor, Feudalismus in Japan zu sagen, was einen zwingt, genau darüber nachzudenken, was die wesentliche Struktur ist, die allen “Feudalismen” gemeinsam ist.

Am Anfang war auch in Japan der chief einer military band, hier Minamoto no Yoritomo, den man in Europa etwa mit Karl dem Großen vergleichen kann. Im Unterschied zu Europa wird aber das Lehnswesen aka Vasallität, – also das Machtgefüge innerhalb der herrschenden Klasse – mit Begriffen beschrieben, die aus der Familie stammen. Military authority gradually overreached civil authority. Gleichzeitig verschwindet das territory aministered as “public domain” (Kōryō). Dieses “öffentliche Land” entspricht in Deutschland etwa der Allmende, also dem Gemeineigentum, um das in Europa Jahrhunderte gekämpft und gestritten wurde, bis es fast vollständig in die Hände der feudalen Herrschenden geriet.

[Einschub]: Der zentrale (Klassen-)Konflikt im Nibelungenlied thematisiert genau das Problem: Während die eine Fraktion darauf beharrt, dass die Kriegerkaste hierarchisch geordnet ist – mit dementsprechenden eindeutigen Rechten und Pflichten, aber auch dem Risiko, dass jeder jedem baldmöglichst den Schädel einschlägt, um sozial aufzusteigen, verweigert die andere das, sondern schmuggelt unverbindliche Begriffe wie friund ein, die das Lehnswesen aushebeln, weil niemand weiß oder nachvollziehen kann, wer bei “Freunden” das Sagen hat. Das ist das Todesurteil für eine orale Gesellschaft. Das Nibelungenlied – eigentlich eine Art Propagandaschrift der Ministerialen, die nicht mehr Vasallen waren, lässt die “altertümliche” Fraktion sich gegenseitig abschlachten, bis niemand mehr übrig bleibt, was die Rezipienten sicher richtig verstanden haben. Das wäre so, als stünde am Schluss eines “Tatorts” auch der Tod der Kommissare und aller Statisten.

Das Nibelungenlied ist aber trotzdem “altertümelnd”, weil alle vergleichbaren Epen, die im 13. Jahrhundert entstanden, etwa der Parzival – für mich das feudale Epos schlechthin – zwar Hauen und Stechen exzessiv schildern, aber die Protagonisten fast immer überleben lassen. So grimmig und gruselig (wenn man den stabgereimten Original-Text sich vorliest) wie das Nibelungenlied endet nur noch das rätselhafte Hildebrandslied, das aber rund 300 Jahre älter ist. [Ende des überflüssigen Einschubs]

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Im 16. Jahrhundert war in Japan die ursprüngliche Kriegerkaste der Samurai und ihrer Warlords ersetzt worden durch die Daimyōs. Der Anführer besaß absolute Macht über seine Vasallen. (Das ist etwa ganz anders als in Polen, wo der niedere Adel eine Art gefühlter Republik (Rzeczpospolita) hatte, die viel “demokratischer” war als die absolute Herrschaft in Frankreich oder Preußen, aber offenbar auch ein ökonomischer Hemmschuh in Richtung Merkantilismus, also dem Frühkapitalismus. Never forget: Die Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen!) By the beginning of the eighteenth century mearly ninety per cent of the daimy had forced their entire retinues to draw subsistence from the domain granaries.

In Japan endet das System des Feudalismus 1871 – die traditionellen Lehen werden durch eine staatliche Verwaltung ersetzt – und mit der Landreform 1873.

In a discourse on »the feudal legacy« in Japan Reischauer suggests that the feudal experience in Japan »which so closely paralleled that of Europe, may have had something to do with the speed and ease with which the Japanese during the past century refashioned their society and government on European models.«

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Feudalismus ist immer nötig, um Kapitalismus zu erreichen. Feudalismus bedeutet in diesem Sinn, dass der Bauer nicht mehr Herr über seine Produktionsmittel, vor allem den Boden, ist. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Erst dann kann er auch von dort vertrieben werden, wenn man die Bauernbefreiung nüchtern und zynisch sieht, um als Arbeiter in die Städte zu ziehen und dort seine Arbeit dem Kapital zu geben. (In suggestivem Neusprech – nur in Deutschland: Arbeitnehmer)

To be continued. Als nächstes nehmen wir die Kulturrevolution in China durch.
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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, 05.05.2019 – über den Begriff Feudalismus (Fotos:Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
Fatimidisch und fernöstlich (12.06.2019) – über Entwicklungstendenzen im sogenannten “Hochmittelalter” (Quedlinburger Domschatz IV)

Once upon a virus

Hua Mulan

Hua Mulan
Painting of Hua Mulan, 18th century, housed in the British Museum

Ars Technica: “Ancient Mongol warrior women may have inspired legend of Mulan”.

The story of Mulan, a young woman who disguises herself as a man to fight for China’s emperor, has become one of best known and most beloved narratives worldwide, thanks in no small part to Disney. (Zeichentrickfilme sind nichts für mich, aber die neue Version als Abenteuerfilm werde ich garantiert ansehen.)

Die Legende von Hua Mulan kannte ich bisher nicht. m/doi/full/10.1002/ajpa.23308″>Female warriors kennen wir schon von den Wikingern. Ich finde es immer lustig, wenn man das Frauenbild, was immer noch vorherrscht – oder noch schlimmer: das aus den 50-er Jahren – vergleicht mit dem, was die Geschichte an Vorlagen zu bieten hat.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie “Experten” mir bei der Recherche zu meinem allerersten Buch erklären wollten, dass Frauen aus biologischen Gründen nicht in der Lage sein sollten, bei der Feuerwehr mitzuarbeiten. Vermutlich trifft man auch immer noch Männer, die das auch fürs Militär behaupten. Lachhaft!

corvid19

Atheismus, Queen Corona und COVID19

sleep with an atheist
Credits: Atheist Republic

Zur eindringlichen Lektüre empfohlen: Sterbende weiße Männer von Susanne Schröter.

Dass der neue Hass nicht allein eine Mode, sondern das Produkt wissenschaftlicher Theorien ist, wird deutlich, wenn man die ideologische Aufladung der Adjektive “weiß”, “männlich” und “alt” getrennt voneinander betrachtet. Sie lassen sich nämlich drei separat entstandenen Diskursen zuordnen, die zunehmend verwoben werden: der postkolonialen Theorie, dem intersektionalen Feminismus sowie der Umwelt- und Klimabewegung.

Sehr interessant, wie sich ursprünglich emanzipatorische Ideen zu einem reaktionären und absurden Unfug entwickeln können.

Sogar die taz hatte aktuell einen guten Artikel zum Thema “Postkoloniale Theoretiker”: “Leerstelle Antisemitismus – Die Verdienste postkolonialer Forschung sind groß. Doch die Causa Achille Mbembe zeigt, dass sie das Wesen des Antisemitismus verkennt.” (Autoren: Saba-Nur Cheema und Meron mendel). Lesenwert, aber die Kommentare habe ich mir gar nicht erst angetan.


landwehrkanal
Landwehrkanal Berlin, auf dem Heimweg von der Nachtschicht, ca. 6 Uhr morgens

“Erst wenn der letzte Substantiv ein Binnen-I hat, das letzte Dingwort mit einem Sternchen verunziert und das letzte generische Maskulinum durch einen Unterstrich unleserlich wurde, werdet ihr merken, dass man mit Gendersprache nicht den Kapitalismus reformieren kann.” (Weissagung der Cree)

And now for something completely different. (Surprise!) Auf Reddit fand ich eine anschauliche interaktive Grafik: “Coronavirus Deaths vs Other Epidemics From Day of First Death (Since 2000)”. Obwohl die statistische Basis wie gewohnt immer fragwürdig ist, zeigt das Schaubild eindringlich, dass COVID19 eben nicht wie eine Grippe ist. In diesem Zusammenhang sind ultrakonservative Prediger im Bibel Belt eindeutig ein Fall für den Darwin Award. Das Einzige, was Trump noch an einer Wiederwahl hindern kann, ist, dass seine Wähler dahinsterben. Religioten eben.

sleep with an atheist
Source: Malca Goldstein-Wolf/Facebook

“Mit gut sechzig Jahren besaß Burkhard immer noch die Haltung eines jungen Mannes.” (Beginn eines nicht geschriebenen Romans von Louis Aragon)

Da nur die Ökonomie zählt, hier noch was von der New York Times: “Large, Troubled Companies Got Bailout Money in Small-Business Loan Program”. Immer schön dran denken: Je ein Kapitalist schlägt viele tot, und das wird durch Seuchen wie diese beschleunigt. (Nieder mit der Kleinbourgeoisie!)

masken
Nein, Masken sind nicht das neue Klopapier, ich habe in der nächstbesten Apotheke welche bekommen, sogar FFPT2-Masken.

Surprise, Corona!

 maske
Bestellt am 17. März und noch immer nicht eingetroffen. Surprise, surprise.

Ich muss das Publikum auf unangenehme Thesen hinweise, die sich diskutieren ließen, wenn man wollte. Die Washington Post warnt in Gestalt von Robert Redfield – “director of the Centers for Disease Control and Prevention” – vor der zweiten Welle der CORVID19-Pandemie, die sei ” is likely to be even more devastating”. Das ist nicht neu, und in Singapur scheinen die erste Anzeichen darauf hinzudeuten: “Singapore Seemed to Have Coronavirus Under Control, Until Cases Doubled. The spread suggests that it is unrealistic for the United States, Europe and the rest of the world to return to the way they were anytime soon, even if viral curves appear to flatten.”

Es gibt aber auch ernüchternde Thesen, die etwas ganz anderes behaupten. Telepolis: “Social distancing. Reisebeschränkungen. Ausgangssperren. Im Zuge der COVID-19-Krise sind mehr als 50% der Weltbevölkerung von WHO-empfohlenen Maßnahmen betroffen, für deren Wirksamkeit es laut WHO-Bericht vom Oktober 2019 wenig bis keine wissenschaftlichen Belege gibt”.

Dazu passt die Times of Israel: “Top Israeli prof claims simple stats show virus plays itself out after 70 days”. Der genannte Isaac Ben-Israel ist kein Mediziner, sondern Mathematiker und Militär. Sein Artikel “The end of exponential growth: The decline in the spread of coronavirus” bezieht sich aber, so weit ich das verstanden habe, statistisch nur auf Israel.

Ich glaube, ich muss jetzt ein paar Forenbeiträge bei Heise lesen, um mich zu erholen.

Spock unter Experten

covid
Grafik: DKLG

Ich habe hier eine öminose griechische Quelle und erfrage die kompetente Meinung der wohlwollenden Stammleserinnen und geneigten Stammleser (ich kann kein Griechisch, aber der Artikel ist in Englisch): “Spiegel’s coronavirus research, a Russian longevity expert and Spock”.

Die zweifeln dort die These des “Spiegel” an, Deutschland sei “sicher” im Vergleich zu Griechenland, was die COVID19-Pandemie angeht:
“Doesn’t Germany have more deaths than Greece as a percentage on the population?”, we asked the author of the article in Deutsche Welle, who replied: “Yes.

Der “Spiegel” beruft sich als einzige Quelle (!) für die Statistik auf eine Londoner Deep Knowledge Group (DKG). Auch der israelische Premierminister hat sich wohl auf diese Organisation bezogen (Quellen im Artikel).

Die Selbstauskunft erschien mir sofort merkwürdig: “Deep Knowledge Group is a consortium of commercial and non-profit organizations active on many fronts” – aber so many sind die fronts offenbar nicht: Sie haben weder in Russland noch in China Niederlassungen, dafür aber in der Ukraine und in der Republik Moldau.

Die griechische Quelle nimmt sich einen der Gründer der DKG vor – Dimitri Kaminski – ein Experte für “Langlebigkeit” (!), der offenbar (das Foto ist identisch) früher in der Marketing-Branche war. Ich habe mir das mal angeschaut: “…in all aspects of web development, online marketing and user experience”.

Die griechische Quelle weiter: Most of the companies of the Deep Knowledge Group seem to have been founded by a Romanian, mentioned in company documents as Dmitri Caminschii. Der scheint laut Facebook Moldavier zu sein, was die Sache erklärte (wenn er überhaupt existiert).

Mein Fazit: Ich würde den Herrn noch nicht einmal mit der Kneifzange anfassen und schon gar nicht zitieren. Schöne Recherche!

Der CCC über die App des RKI:
Cloudanbindung: Das RKI holt sich die Daten der meisten Nutzer wider Erwarten nicht vom Smartphone, sondern direkt von den Anbietern der Fitnesstracker – und hat über einen Zugangscode potentiell Zugriff sowohl auf Klarnamen der Spender als auch deren Fitnessdaten vor Beginn der Spende. covidBei einer einfachen Deinstallation der App bleibt dieser Zugriff auch weiterhin bestehen.

Mangelhafte Pseudonymisierung: Entgegen der Darstellungen werden die hochsensiblen Gesundheitsdaten der meisten Nutzer nicht schon auf dem Smartphone pseudonymisiert, sondern vollständig und teils mitsamt Klarnamen der Datenspender abgerufen. Eine Pseudonymisierung findet erst auf Seiten des RKI statt und kann durch die Nutzer nicht kontrolliert oder verifiziert werden.

Unzureichender Schutz der Zugangsdaten: Bei Verknüpfung der App mit einem Fitnesstracker müssen dessen Zugangsdaten eingegeben werden. In der Mehrzahl der Fälle könnten diese durch Man-in-the-Middle-Angreifer mitgelesen werden. Zudem können Zugangsdaten beispielsweise zum Google-Konto des Nutzers bei Verlust oder Diebstahl des Smartphones durch Dritte ausgelesen werden.

Organisatorische Defizite: Das RKI weiß weder, wer die Daten spendet, noch ob der Spender überhaupt existiert. Dies öffnet Manipulation Tür und Tor. Auch die bei Einwilligung zugesagten Betroffenenrechte können nicht gewährt werden, da nicht sichergestellt ist, dass es sich tatsächlich um den Betroffenen handelt. Das RKI holt keine wirksame Einwilligung in die Datenverarbeitung ein.

Einmal mit Profis arbeiten!

Zum Schluss vom Kollegen Andreas Kaiser auf Fratzenbuch: “An alle, die jetzt so vehement auf ihre Persönlichkeitsentfaltung (z.B. durch Konsum, Biergarten, Bundesliga) pochen und in Kommentaren über Merkels Zorn auf “Öffnungsdiskussionsorgien” herfallen, sei hier einfach mal aus Artikel 2 des Grundgesetzes zitiert: “(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt … (2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.” Das einschränkende Wörtchen “soweit” und der Zusatz in Absatz 2 werden hier sicher nicht umsonst genannt!”

Mutti macht Mathe. R0! [Update]

Tagesspiegel: “Schon wenn wir darauf kommen, dass jeder 1,1 Menschen ansteckt, dann sind wir im Oktober wieder an der Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems mit den angenommenen Intensivbetten”, sagte Merkel. “Wenn wir 1,2 haben, also jeder steckt 20 Prozent mehr an, also von fünf Menschen steckt einer zwei an und vier einen, dann kommen wir im Juli schon an die Belastungsgrenze unseres Gesundheitssystems”, so die Kanzlerin weiter.

Ich bin froh, dass die Chefin des Ausschusses der herrschenden Klasse, der sich Regierung nennt, eine Naturwissenschaftlerin ist und nicht Politikwissenschaftler oder Jurist (andere Version).

Wie das gewohnte intellektuelle Niveau ist, enthüllt die Autorin des obigen Artikels mehr oder weniger unfreiwillig: “ratterte sie [Merkel] in beeindruckender Manier eine Reihe von Zahlen herunter.”

Wenn jemand einfache mathematische Formeln erklären kann, ohne etwas vom Blatt ablesen zu müssen, ist das schon “beeindruckend”.

[Update] Der Guardian schreibt bewundernd: “She knows the laws of formal logic and is therefore capable of building logical chains with speed and determination.”

Durchseucht

Je mehr eine Gesellschaft von Religion durchseucht ist, um so mehr ist sie gegen Fakten immun.

Unter nationalen Akademikern und spätmodernen Experten

kabel
Klassengesellschaft, aus der Sicht eines bürgerlichen Soziologen (Symbolbild)

Zugegeben – und vermutlich eine unverzeihliche Bildungslücke: Ich wusste gar nicht, dass es eine so genannte Leopoldina und die dazu passenden Experten gibt.

Jetzt weiß ich, dass diese Damen und Herren sich schon vor zwei Jahren für ein profitorientiertes Gesundheitssystem ausgesprochen haben. (“Qualifiziertes medizinisches Personal ist derzeit im Grunde ausreichend vorhanden, aber auf zu viele Häuser verteilt.” WTF?)

Von denen soll ich mir Ratschläge anhören, ob der “Lockdown” gelockert werden darf und kann? Da frage ich doch lieber einen x-beliebigen Taxifahrer oder Polizisten aus Wuhan.

Wir haben da noch einen Experten, der im Tagesspiegel etwas über die Klassenstruktur sagt:
Auch wenn sich das Social Distancing an alle richtet, betrifft die Krise die sozialen Milieus in sehr unterschiedlicher Weise. Generell stellt sich die Sozialstruktur der Spätmoderne als die einer Drei-Klassen-Gesellschaft dar: die neue Mittelklasse der Akademiker, die traditionelle Mittelklasse und die neue prekäre Klasse (service class) stehen einander gegenüber.

Die herrschende Klasse hat er vergessen, aber die ist ja auch so klein – die sieht man kaum. Und die Arbeiterklasse? Die akademische Mittelschicht ist mittlerweise so borniert, dass sie nur noch sich selbst sieht – überall bröselt es. Das ist aber nicht neu.

By the way:
Es ist sehr zu vermuten, dass die Pandemie dieser Renaissance des Staates einen Schub gibt: der Staat muss langfristig für eine entsprechende Gesundheits-Infrastruktur sorgen, aber auch insgesamt das dynamische Geschehen der Weltgesellschaft mit Regeln versehen.

Disagree, Herr Experte! Ich vermute, dass nicht. Wetten dass? Der Staat sind wir alle, die Regierung ist im Kapitalimus ein Gremium der herrschenden Klasse(n), und die können den Rest auch verrecken lassen, solange das den Profit nicht schmälert oder (in Deutschland nur theoretisch) die Untertanen sich empören. Diejenigen, die das Gesundheitssystem profitabel machen wollen, sind doch nicht besonders bösartig, sondern Charaktermasken, Getriebene – die können gar nicht anders, es sei denn, man zwänge sie dazu.

Dazu fehlt aber der politische Konsens. Das wird auch so bleiben in einem Land, in dem Gewerkschaftler von “Tarifpartnerschaft”, von “Arbeitergebern” und “Arbeitnehmern” faseln.

kabel
Klassengesellschaft, aus der Sicht eines bürgerlichen Soziologen (noch ein Symbolbild)

[Mir fällt kein Titel ein]

landwehrkanal
Radelnd auf dem Weg zur kapitalistischen Lohnarbeit, Ostersonntag um 5.30 Uhr, Landwehrkanal

Philipp Sarasin [sic] fragt (danke, T.!): “Mit Foucault die Pandemie verstehen?”
Die Lepra und die Lepros­o­rien, die in der frühen Neuzeit zu Armen­häu­sern und zu Asylen für die Wahn­sin­nigen wurden, waren für Foucault damit ein erstes Modell der Macht: Die Macht trennt die Gesunden von den Kranken, schließt die Devi­anten und Verrückten aus der Gesell­schaft aus… (…)

Dieses “Lepra_Modell” sei im 17. Jahrhundert durch das “Pest-Modell” abgelöst worden: Devi­ante wurden nicht einfach länger ausge­stoßen und wegge­sperrt, sondern “alle” – Kinder, Soldaten, Arbeiter, Gefan­gene, Arme, etc. – wurden einer rigo­rosen Diszi­pli­nie­rung unter­worfen, die nicht zuletzt der Einübung einer strengen Arbeits­dis­zi­plin und damit dem “Produk­tiv­ma­chen” ihrer Körper diente.

Beim aktuellen “Pocken-Modell” gehe nicht mehr um Diszi­pli­nie­rung wie noch zu Zeiten der Pest: “[D]as grund­le­gende Problem ist viel­mehr zu wissen, wie viele Leute von Pocken befallen sind, in welchem Alter, mit welchen Folgen, welcher Sterb­lich­keit, welchen Schä­di­gungen und Nach­wir­kungen, welches Risiko man eingeht, wenn man sich impfen lässt, wie hoch für ein Indi­vi­duum die Wahr­schein­lich­keit ist, zu sterben oder trotz Impfung an Pocken zu erkranken, welches die statis­ti­schen Auswir­kungen bei der Bevöl­ke­rung im allge­meinen sind (…).” Dem entspre­chend sei es ange­sichts der Pocken um “das Problem der Epide­mien und der medi­zi­ni­schen Feld­züge [gegangen], mit denen man epide­mi­sche oder ende­mi­sche Phäno­mene einzu­dämmen versucht.

Fazit: Das Pocken-Modell der Macht beschreibt, mehr oder weniger, aber doch ganz zutref­fend die Form des Regie­rens in Zeiten der Pandemie, der trotz aller Unter­schiede und trotz vieler natio­naler Egoismen die euro­päi­schen Regie­rungen folgen.

Dann haben wir noch auf Bloomberg: “It’s Still Hard to Predict Who Will Die From Covid-19 – The complicated ways in which the coronavirus interacts with human immune systems.” Auch lesenswert.

Meedia.de: “Heinsberg Protokoll: Zum ersten Mal spricht Philipp Jessen über ein Storymachine-Projekt”. Da kriegt man einen Hals beim Lesen. Embedded Forschung oder “embedded journalism” – oder beides.

Übrigens siegt der Kommunismus in Indien (Quelle: Washington Post) – der Bundesstaat Kerala wird seit drei Jahrzehneten kommunistisch regiert und hat daher und naturgemäß das beste Gesundheitssystem Indiens.

Das Wort zum Sonntag spricht Stephan Anpalagan angesichts einer besonders albernen Religiotin:
Als Theologe zitiere ich mal den Brief an die Gemeinde in Ankh-Morpork, 3. Salamander Kapitel 4, Vers 17:
“Doch hütet Euch vor den faulen Prophetinnen der Schundblätter, die Euch befehligen des Heilands Haus zu öffnen in Zeiten der Pestilenz! Des Teufels Schergen sind sie, die Gedeih und Verderben mit sich bringen. Lasset Euch nicht beirren von leeren Worten, die des Kaufmanns Brot verfluchen und nur der Niedertracht Willen das Manna des Herrn preisen.
Geister der Wirrnis haben sich ihrer bemächtigt. Bleibt wachsam!”
Ehret den Drosten! Hallelujah!

Trotzdem ist das Ende wie immer nahe.

Gestern (ich konnte nicht wirklich bloggen): Vergesst Dutschke nicht!

Lesen hier Frauen aus der Mittelschicht mit? Ich hätte da noch was:

landwehrkanal

Grim records and flattening the curve

truth

[Coole und zum Thema gar nicht passende Musik ertönt]

The New York Times: “New York City officials have hired contract laborers to bury the dead in its potter’s field on Hart Island as the city’s daily death rate from the coronavirus epidemic has reached grim new records in each of the last three days.” Das nenne ich mal apokalypisch. Gilt auch für kleine Details: Laut WDR muss der Katastrophenschutz ein Pflegeheim übernehmen, weil alle Mitarbeiter positiv getestet wurden.

Spiegel online attestiert den Mexikanern eine “gläubig-abergläubische” und “irrationale” Denkweise. Den “Schwarzen” übrigens auch: “Manche Schwarze halten sich offenbar für immun gegen das Virus – ein alter Aberglaube.”

Ich kommentierte auf Fratzenbuch, bei Spiegel online schrieben Rassisten: “In Illinois, einem der wenigen Bundesstaaten, die Corona-Statistiken nach Rasse aufschlüsseln, sind Schwarze die Gruppe, die so schwer betroffen ist wie keine andere.” Beim Homo sapiens gibt es keine Rassen. Und wer ist “schwarz”? Auch die Hellbraunen?”

Der Satz wurde alsbald geändert, jetzt steht da nicht mehr “nach Rasse”, sondern “ethnische Zugehörigkeit”. Das macht es nicht besser. Man kann auch nicht alles mit Rassismus erklären. Das ist zu einfach. Wer religiös ist oder abergläubisch, ist selbst schuld. Und sollte man nicht in Kuba nachfragen, ob dort “die Schwarzen” auch öfter infiziert werden? Und wenn nein, warum nicht? Man könnte mit Blick auf die Statistik behaupten:

Je religiöser eine Gesellschaft ist, um so mehr Infektionen gibt es.

Eine der Lehren aus Wuhan ist: “Ärzte und medizinisches Personal sollten nur sechs Stunden arbeiten”.
Man hat in Wuhan eine klare Relation zwischen der Länge der Arbeitsschichten und der Überlebenswahrscheinlichkeit der Patienten sowie der Ansteckungswahrscheinlichkeit der Krankenhaus-​Mitarbeiter entdeckt. In der ersten hektischen Phase arbeiteten Ärzte und medizinisches Personal in Wuhan oft 12 bis 14 Stunden. Sehr viele Helfer haben sich damals angesteckt. Diese Entwicklung sehen wir auch in Italien und Spanien. Erst als in China sehr viel mehr Personal zur Hilfe kam und die Schichten sich auf sechs Stunden verkürzten, sanken die Ansteckungs-​ und Sterberaten. Das Personal konnte sich dann sehr viel genauer an die Vorschriften halten.

Jetzt kann man schon vorhersehen, was unsere grandiosen Politiker-Pappnasen hierzulande (laut Neues Deutschland u.a.) daraus machen: “Arbeitsminister Heil [nomen non est omen] erlaubt Ausweitung der Arbeitszeiten für Menschen in systemrelevanten Berufen”. Eine Krankenschwester in einer Rettungsstelle schrieb mir: “In der Schutzkleidung hält man es vier Stunden aus, dann ist man schon fix und fertig. Man kann nichts trinken oder essen. Meistens bleiben wir acht Stunden drin, mit ein oder zwei kurzen Unterbrechungen.”

Reporter ohne Grenzen hat im gewohnten Lautsprecherduktus Fake News verbreitet, der Begriff “Coronavirus” werde in Turkmenistan zensiert. So was kann im freiheitlich-demokratischen “Westen” natürlich nicht passieren.

Wer einen langen Text zu lesen imstande ist, sollte Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt lesen – obwohl der Titel “ein besorger Bürger” abschreckt: Der Mann ist ganz vernünftig und zerlegt das kapitalistische schweizer Gesundheitssystem in winzige Stücke und trampelt darauf herum.

Die Kurve hat sich abgeflacht. Ja, aber das ist kein Grund, etwas zu ändern. Sie kann auch sehr schnell wieder in die Höhe schießen.

curve

Reproduktionszahl et al oder: Wuhan-style Lockdown

Vom Akzent her tippte ich darauf, dass die Dame (Mai Thi Nguyen-Kim) von maiLab aus dem Ruhrpott kommt (stimmt aber nicht).*

Wenn die ohne Teleprompter spricht (was man nicht sehen kann – sie liest aber nicht ab oder so, dass man es kaum merkt), ist sie rhetorisch richtig gut (was für Youtube-Videos extrem selten ist).

In gut 22 Minuten alles noch einmal erklärt, was wir schon wissen oder glaubten zu wissen:
#Flattenthecurve kann man nicht durchhalten. “Die Reproduktionszahl muss kleiner als 1 sein.” Und das ist unter den gegebenen Umständen nicht zu schaffen.

Ohne Impfstoff wird die Pandemie nicht enden.

* “würden” spricht man im Ruhrpott “wüaden” aus – “härten” hört sich wie “häaten” an – also ohne “r”.

Drastisch kann gut sein

cooperation

According to science: Die drastischen Maßnahmen der Kommunistischen Partei Chinas und der Regierung haben in Wuhan hunderttausende Infektionen verhindert und viele Leben gerettet.

Ganz anders sieht es in Schweden aus, obwohl ich den effekthaschenden Titel “Schwedischer Sonderweg offenbar gescheitert” unseriös finden. Ein (nur einer!) Korrespondent meint, es sei “möglicherweise” so. Das reicht mir nicht (obwohl er vermutlich recht hat).

Der Guardian sät noch einmal kräftig Zweifel, was die aktuellen Zahlenangaben zur COVID19-Pandemie angeht.

Ich habe prophezeit, dass Trump wiedergewählt wird. Ich vermute immer nich, dass das so sein wird, obwohl es fraglich ist, was überhaupt geschieht, wenn sich die Leichenberge türmen. Die New York Times klärt auf, ob sich die Wahlen verschieben lassen könnten. (Die Antwort lautet: Vermutlich nicht.)

Was lese ich da bei Spiegel online? “Kapitalistischer Gesellschaftsvertrag”? War da der freiwillige Selbstzensor gerade pinkeln und hat das K-Unwort übersehen? Ich dachte, wir lebten in einer überaus freien Marktwirtschaft, die alle reich und glücklich macht? Und wer sind die Vertragspartner? Die Kapitalisten und die Arbeiterklasse?

Zum Schluss: Die Religioten sind noch religiotischer, als ich eh schon dachte. Mein Vorschlag: Lasst sie doch gemeinsam höhere Wesen verehren und nominiert alle anschließend für den Darwin-Award. Das gilt übrigens auch in Israel.

kommunismus-test

Raetia et Gallia cisalpina

Tropaeum_Alpium
Römisches Siegesdenkmal, La Turbie

Jüngst las ich von Werner Zanier einen interessanten Aufsatz: “Der römische Alpenfeldzug unter Tiberius und Drusus im Jahre 15 v. Chr.- Übersicht zu den historischen und archäologischen Quellen” (1).

Das ist natürlich kein Thema, das gegenwärtig unter den Nägeln brennt. Dennoch war ich fasziniert: Man kann an diesem Ereignis, das nur einen Sommer dauerte, ganz wunderbar und exemplarisch erklären, was am Römische Weltreich so speziell war. Außerdem ist es spannend, weil man eigentlich gar nicht viel weiß und die antiken Quellen wie gewohnt – im heutigen Sinne – auch nicht annähernd objektiv, sondern reine Propaganda sind. Geschichte allein reicht daher nicht, es muss auch die Archäologie ran – vor allem die.

Die Vorgeschichte: Um 26. v.u.Z. hatten die westgermanischen Sugambrer zusammen mit anderen Völkern in Gallien geplündert, sogar den Adler der Legio V Alaudae erbeutet. Die Basis der V. Legion waren nicht-römische Söldner, die Julius Caesar 52. v.u.Z. privat finanziert und in der römischen Provinz Gallia Transalpina ausgehoben hatte. Der römische Senat hatte die Legion anerkannt. Danach erhielten die miles gregarius (“Legionär” ist eine moderne Wortschöpfung, die Römer nannten die Soldaten nicht so) das römische Bürgerrecht.

Der Diktator und Kaiser Augustus war daher persönlich nach Gallien gereist; vermutlich kam damals schon der Plan auf, die Alpen im Sinne des römischen Imperiums zu “befrieden”, also den Überfällen auch auf Reisende ein Ende zu bereiten. Die Alpenbewohner waren für die Römer selbstredend “Barbaren”. Die beiden “Feldherren” Tiberius und Drusus (der spätere Germanicus) waren Stiefsöhne des Imperators.

…uidere Raeti bella sub Alpibus
Drusum gerentem; Vindelici – quibus
mos unde deductus per omne
tempus Amazonia securi (Horaz, Ode 4,4)

In den Alpen und insbesondere in der heutigen Schweiz siedelten (nein, nicht Germanen!) Kelten – zum Beispiel die Genaunen und die Breonen im heutigen Tirol. Beide Völker waren die “Nachfahren” der Hallstadt-Kultur der Eisenzeit. Anders die Räter – nach denen die spätere römische Provinz benannt wurde: Sie sind mit den Etruskern verwandt (also keine Kelten), nach dem neuesten Stand der Wissenschaft also Einwanderer aus Anatolien. (War neu für mich.)

rätien
Die spätere römische Provinz Raetia – Droysens Historischer Handatlas, 1886

Aus dem oben genannten Artikel: Als erster rückte der erst 23-jährige Drusus mit seiner Heeresgruppe von Süden durch das Tal der Etsch vor, besiegte bei den Bergen von Trient die Räter und erhielt dafür den Rang eines Prätors. Auf seinem weiteren Weg nach Norden wird Drusus, der schon damals eine Tras­se der 60 Jahre später voll ausgebauten via Claudia Augusta anlegen ließ, sowohl den Brenner als auch den Reschenpass mit verschiedenen Heeresabtei­lungen genutzt haben. Der ranghöhere, 27-jährige Tiberius marschierte etwas später von Gallien entweder durch die Burgundische Pforte oder durch das Schweizer Mittelland zum Bodensee, wo es zu einem Seegefecht mit den Vindelikern kam. Anschließend zog er weiter an die Donauquellen. Eine schwere Schlacht (grave proelium) gegen die Rä­ter beendete er siegreich. Eine dritte Vorstoßachse führte wahrscheinlich ein Unterfeldherr über einen der Bündner Pässe ins Alpenrheintal und weiter nach Norden ins Schweizer Mittelland und bis zum Bodensee.

Soweit, so traditionell erzählt. Wenn man sich eine Schilderung aus dem Jahr 1880 über die “Räubereien der Alpenvölker” zu Gemüte führt, klingt das genau so wie die Propaganda der Römer: die seien “eine Schädigung der friedlichen Unterthanen Roms in Italien, sondern auch ein Eingriff in die Ehre des römischen Namens”.

Ich finde das aus Sicht der Logistik interessant. Wie bringt man mehrere zehntausend Mann samt einem riesigen Tross und Belagerungsmaschinen über die Alpenpässe? Und was lese ich da? Ein antikes Seegefecht auf dem Bodensee? Wie darf man sich das vorstellen?

Während Cassius Dio davon berichtet, dass man Transportschiffe baute und übersetzte, erwähnt Strabon, dass die Insel Mainau als Stützpunkt ausgebaut wurde. Es soll eine Seeschlacht gegen die Vindelici stattgefunden haben. Es gab auf beiden Seiten nur wenig Schiffe und Material, aber es soll unter den Römern einige Verluste gegeben haben.

Unfassbar, aber eine Meisterleistung der “Pioniere” und sonstigen Handwerker des römischen Heeres. Die hatten sogar eine Marineinfantrie. Wie lange dauert es, eine Liburne zu bauen – und vermutlich eine Werft gleich dazu?

Wenn ich noch Geschichtsunterricht gäbe, würde ich der Schulklasse das als Aufgabe stellen – was muss man alles bedenken bei einem imperialistischen Raubzug? Oder so ähnlich.

Der Alpenfeldzug sollte den beiden jungen Stief­söhnen des Augustus einen grandiosen mili­täri­schen Erfolg bescheren. Die römische Gene­ralität musste also schon im Vorfeld versuchen, jedes Ri­siko zu vermeiden. Dazu waren genaue geographi­sche Kennt­nisse über den zu erobernden Alpen­raum erforder­lich, das Heer einschließlich seiner Ausrüstung war bereitzustellen, die Versorgung sowie die Kontrolle der Nachschubwege mussten gewährleistet sein. Zweifellos war der Feldzug mi­nutiös vorbereitet, die Vorbereitungsphase begann vermutlich schon im Jahr zuvor.

alpenfeldzüge
Abbildung aus Zanier.

Ich hatte die Alpen bisher nicht wirklich unter archäologischen Gesichtspunkten betrachtet. Auch Kempten aka Cambodunum finde ich jetzt interessant.

Den Feldzug selbst wird man sich als ein breit gefächertes, simultanes Vorrücken vieler Truppen­teile vorzustellen haben. Kampfabteilungen aus Legions­ detachements und Hilfstruppen drangen rasch vor und haben die einzelnen Täler systema­tisch durchkämmt. Wer sich nicht freiwillig ergab, bekam die Übermacht der römischen Kriegsma­schinerie zu spüren: Siedlungen wurden belagert, Fluchtburgen erstürmt, Widerstandsnester ausge­hoben, Flüchtige verfolgt. Mit vielen kleinen Schar­mützeln ist zu rech­nen.

Die Kelten und Räter hatten natürlich militärisch keine Chance. Nur in Hollywood-Filmen sähe das anders aus. Besonders spannend bei der Lektüre fand ich die Tatsache, dass aus dem gesamten Imperium Spezialeinheiten zusammengezogen wurden, zum Beispiel Bogenschützen aus Syrien. Man muss sich das heute vorstellen: Syrien war eine römische Provinz (Bäder, Hygiene, Fußbodenheizung usw.), Germanien aber nicht. Und wieso waren ausgerechnet die Syrer gut im Bogenschießen? (Gut, auch Straubing ist jetzt interessant geworden.)

alpenfeldzüge
Abbildung aus Zanier

Riom kannte ich nicht, auch nicht die Carp-Ses-Schlucht am Julierpass (!), wo vermutlich in vorrömischer Zeit ein ein matriarchalisches Heiligtum war.

Die Schleuderbleie und Schuhnägel aus der Crap Ses-Schlucht und vom Septimer sowie die drei flügeligen Pfeilspitzen, Geschossspitzen, Katapultpfeilspitzen und Schuhnägel vom Döttenbichl sind formal und herstellungstechnisch in sich so gleich­ förmig und einheitlich, dass man die Produktion der jeweiligen Gattungen während einer kurzen Zeit­spanne in denselben Werkstätten vermuten kann. Die hervorragende Qualität der meisten Ob­jekte so­ wie die exakte Stempelung der Katapult­pfeilspitzen und Schleuderbleie sprechen außerdem für eine äußerst sorgfältige Herstellung. Man ge­winnt den Eindruck, dass die Ausrüstung ohne Zeitdruck her­gestellt werden konnte.

Schon wieder: Es kommt auf die Logistik an.

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Abbildung aus Zanier. Der Pfeil am Septimerpass zeigt auf die Stelle, wo ein römisches Lager war.

Unmittelbar nach dem siegreichen Feldzug wurde das Land militärisch besetzt, und alle Be­wohner wurden durch den Initialzensus amtlich registriert. Da Aufstände zu befürchten waren, schickten die Römer den größten Teil der wehr­tauglichen Männer außer Landes und ließen nur so viele zurück, wie nö­tig waren, um das Land aus­reichend zu bestellen. Bei diesen Deportationen und Zwangsaushebungen entstanden die frühes­ten Räter- und Vindelikerkohorten. (…) Wie erfolgreich die römische Eroberung Rä­tiens und die an­schließenden Verwaltungsmaßnah­men waren, zeigt eine Bemerkung Strabons aus dem Jahr 19 n. Chr., wonach die beim Alpenfeldzug be­siegten Völkerschaften schon 33 Jahre lang Ruhe bewahrten und ordentlich ihre Steuern entrichteten.

Exakt: Zensus und Steuer bedeuten Zivilisation, wenn man dann noch genug Straßen baut und eine Post einrichtet, ist alles gut für ein paar hundert Jahre. Bis die Germanen kommen – die machen dann alles wieder kaputt.
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(1) in Rudolf Aßkamp und Tobias Esch (Hrsg.): Imperium – Varus und seine Zeit. Beiträge zum internationalen Kolloquium des LWL-Römermuseums am 28. und 29. April 2008 in Münster. Veröffentlichungen der Altertumskommission für Westfalen Landschaftsverband Westfalen-Lippe Band XVIII, herausgegeben von Torsten Capelle, Aschendorff Verlag 2010

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