Islam, Autoritarismus und Unterentwicklung

islam

Ich habe mir die Einleitung Ahmet T. Kurus Islam, Authoritarianism, and Underdevelopment: A Global and Historical Comparison (New York 2019) übersetzen lassen, sie gestrafft und Links hinzugefügt.

Im Juni 2025 schrieb ich über sein Thema: „Warum zeigen Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit im Vergleich zu weltweiten Durchschnittswerten ein hohes Maß an Autoritarismus und ein niedriges Maß an sozioökonomischer Entwicklung? Ahmet T. Kuru kritisiert Erklärungsansätze, die den Islam selbst als Ursache dieser Unterschiede anführen, da Muslime zwischen dem neunten und zwölften Jahrhundert philosophisch und sozioökonomisch weiter entwickelt waren als die westeuropäischen Gesellschaften. Auch der westliche Kolonialismus sei nicht die Ursache: Politische und sozioökonomische Probleme hatten die muslimischen Gesellschaften bereits vor Beginn der Kolonialzeit.“

Seine These: „Im elften Jahrhundert jedoch begann sich ein Bündnis zwischen orthodoxen islamischen Gelehrten (den Ulema) und den Militärstaaten herauszubilden. Dieses Bündnis behinderte nach und nach die intellektuelle und wirtschaftliche Kreativität, indem es intellektuelle und bürgerliche Schichten in der muslimischen Welt an den Rand drängte.“

Das ist natürlich eine typische Interpretation bürgerlicher Historiker und Soziologen, die sich ausschließlich in den luftigen Gefilden des Überbaus bewegt. Karl Marx schreibt aber im Vorwort Zur muslimisch geprägten vorkapitalistischen Gesellschaften? Kudu sieht das Problem auch: Der Islam war vor einem Jahrtausend an der Spitze des intellektuellen Fortschritts – wie kann man den unaufhaltsamen Abstieg erklären?

Im Prolog stellt Kudu fest: „…[he] argued that it was only Protestant nations who truly contributed to modern civilization, while Muslim nations were mere consumers of it.“ Mit „Zivilisation“ ist – das ich – der Kapitalismus gemeint. Höre ich da im Hintergrund Max Weber trapsen?

Kitab al-Tafhim
Illustration der verschiedenen Mondphasen, aus dem Manuskript des Kitab al-Tafhim (Buch der Unterweisung in die Anfänge der Kunst der Sterndeutung) von Al-Biruni (973–1048)

Einleitung

Im November 2014 berichteten die Medien, dass innerhalb eines einzigen Monats die von sechzehn verschiedenen dschihadistischen Gruppen verübten Anschläge mehr als 5.000 Menschen töteten; der Großteil dieses Blutvergießens ereignete sich im Irak, gefolgt von Nigeria, Afghanistan und Syrien.¹ Spätestens seit dem 11. September 2001 haben die weltweiten Medien muslimische Täter im Zusammenhang mit Terrorismus, kleineren Konflikten und Kriegen häufig thematisiert. Die Prominenz von Muslimen in dieser Berichterstattung kann nicht vollständig als journalistischer Sensationalismus oder Voreingenommenheit abgetan werden. Wissenschaftliche Daten stützen die unverhältnismäßige Aufmerksamkeit für Muslime in der Berichterstattung über Gewalt. Zwei Drittel aller Kriege und etwa ein Drittel aller kleineren militärischen Konflikte im Jahr 2009 fanden in Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit statt.²

Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit haben zudem überproportional häufig autoritäre Herrschaftsformen erlebt, was einen wesentlichen Faktor darstellt, der zu Gewalt beiträgt. Im Jahr 2013 klassifizierte Freedom House weniger als ein Fünftel der neunundvierzig Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit als Wahldemokratien, während es drei Fünftel der 195 Länder weltweit als Wahldemokratien einordnete. Autoritarismus ist darüber hinaus ein vielschichtiges Phänomen; er steht mit mehreren Faktoren in Zusammenhang, insbesondere mit sozioökonomischer Unterentwicklung. Um das Jahr 2010 lagen in Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit die Durchschnittswerte des Bruttonationaleinkommens pro Kopf (BNE pro Kopf), der Alphabetisierungsrate, der Schuljahre sowie der Lebenserwartung sämtlich unter den weltweiten Durchschnittswerten, wie Tabelle 1.1 zeigt. Diese Daten führen zu der Frage: Warum sind Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit weniger friedlich, weniger demokratisch und weniger entwickelt?

Tabelle 1.1: Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit und die Welt (um 2010)
Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit (49) Alle Länder (ca. 195)
Gewalt (Gesamtzahlen) Kriege: 4
Kleinere Konflikte: 9
Kriege: 6
Kleinere Konflikte: 30
Autoritarismus Wahldemokratien: 14 % Wahldemokratien: 60 %
Unterentwicklung (Durchschnittswerte) BNE pro Kopf: 9.000 USD
Alphabetisierungsrate: 73 %
Schulbildung: 5,8 Jahre
Lebenserwartung: 66 Jahre
BNE pro Kopf: 14.000 USD
Alphabetisierungsrate: 84 %
Schulbildung: 7,5 Jahre
Lebenserwartung: 69 Jahre

Quellen: Gewalt: Daten des Uppsala Conflict Data Program (UCDP) für 2009, zitiert in Harbom und Wallensteen 2010, S. 506–7. Das UCDP definiert Konflikte mit mindestens 1.000 Todesopfern als Kriege und solche mit 25 bis 999 Todesopfern als kleinere Konflikte. Wahldemokratien: Freedom House 2013. BNE pro Kopf: Weltbank 2010. In meiner Berechnung wurde das BNE pro Kopf Katars (179.000 USD), das etwa dreimal so hoch war wie das des zweitplatzierten Landes weltweit, Luxemburg (61.790 USD), ausgeschlossen. Alphabetisierungsraten: Statistikabteilung der Vereinten Nationen 2013. Schuljahre und Lebenserwartung: Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen 2011.

Die gegenwärtigen Probleme von Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit³ erscheinen besonders rätselhaft angesichts der wissenschaftlichen und sozioökonomischen Leistungen ihrer Vorgänger zwischen dem achten und zwölften Jahrhundert. In dieser Zeit brachte die muslimische Welt bedeutende Universalgelehrte hervor, wie etwa al-Fārābī, al-Bīrūnī und Ibn Sīnā, und spielte eine zentrale Rolle im interkontinentalen Handel,⁴ während Westeuropa⁵ einen randständigen Bereich der Alten Welt darstellte.⁶ Diese historische Erfahrung zeigt, dass der Islam durchaus mit wissenschaftlicher Blüte und sozioökonomischem Fortschritt vereinbar war.

al-Bīrūnī
Bildnis al-Bīrūnīs auf einer sowjetischen Briefmarke

Ab dem 11. und 12. Jahrhundert kehrte sich jedoch das Verhältnis der wissenschaftlichen und sozioökonomischen Entwicklung zwischen der muslimischen Welt und Westeuropa allmählich um. Insbesondere zwischen dem sechzehnten und achtzehnten Jahrhundert erlebte Westeuropa mehrere fortschreitende Transformationen, während die muslimische Welt stagnierte und zurückfiel. Als Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die umfassende westliche Kolonisierung muslimischer Gebiete einsetzte, waren Muslime bereits mit vielfältigen intellektuellen, sozioökonomischen und politischen Problemen konfrontiert.

Daraus folgt, dass die politischen und sozioökonomischen Probleme gegenwärtiger muslimischer Länder langfristige historische Ursprünge haben und nicht einfach als Ergebnis entweder des Islams oder des westlichen Kolonialismus erklärt werden können. Der Unterschied zwischen der intellektuell und wirtschaftlich dynamischen muslimischen Welt ihrer Frühzeit einerseits und der stagnierenden muslimischen Welt ihrer späteren Geschichte andererseits erfordert eine differenziertere und anspruchsvollere Erklärung. Welche historischen Faktoren erklären diesen Unterschied und bilden die Wurzeln der gegenwärtigen Probleme der Muslime?

islam
Ein Kommentar zu Nāṣir ad-Dīn al-Ṭūsī’s Tadhkira von ʿAlī b. Muḥammad al-Dschurdschānī

Die Allianz zwischen Ulema und Staat

Meine These: Die Beziehungen zwischen religiösen, politischen, intellektuellen und wirtschaftlichen Klassen waren die Haupttriebkraft hinter den Veränderungen und Umkehrprozessen in den Entwicklungsniveaus sowohl der muslimischen Welt als auch Westeuropas. In der frühen islamischen Geschichte betrachteten islamische Gelehrte enge Verflechtungen mit politischen Autoritäten im Allgemeinen als korrumpierend; sie zogen es vor, durch Handel finanziert zu werden, und pflegten enge Beziehungen zu Kaufleuten. Einer Analyse zufolge arbeiteten vom achten bis zur Mitte des elften Jahrhunderts 72,5 Prozent der islamischen Gelehrten oder ihrer Familien im Handel und/oder in der Industrie.⁷

Die Distanz islamischer Gelehrter gegenüber staatlichen Autoritäten geht auf die Mitte des siebten Jahrhunderts zurück, als die Abū Ḥanīfa, Mālik, asch-Schāfiʿī und Ahmad ibn Hanbal -, die sich allesamt weigerten, in den Dienst des Staates zu treten. Darüber hinaus wurden diese Begründer aufgrund ihrer abweichenden Auffassungen von staatlichen Autoritäten inhaftiert und verfolgt. Schiitische religiöse Führer sahen sich seitens der politischen Klasse noch stärkerer Verfolgung ausgesetzt.

In der frühen islamischen Geschichte ermöglichte die Unabhängigkeit der islamischen Gelehrten vom Staat sowie der wirtschaftliche Einfluss der Kaufleute die von ihnen genossene Gedankenfreiheit, unterstützt von
Philosophen, einer vielfältigen Gruppe, die nicht nur sunnitische und schiitische Muslime, sondern auch Christen, Juden und Agnostiker umfasste. Diese Philosophen wurden sowohl von Kaufleuten als auch von politischen Autoritäten finanziert. Die Herrscher förderten insbesondere die Übersetzung antiker Werke (aus dem Griechischen, Syrischen, Mittelpersischen und Sanskrit ins Arabische). Gleichwohl existierten keine staatlich geleiteten Schulen, die Philosophie zu standardisieren. Daher war die staatliche Förderung von Philosophen in der frühen islamischen Geschichte für die intellektuelle Entfaltung weniger schädlich als die staatliche Förderung islamischer Gelehrter (der Ulema; Singular: ʿālim), wie sie sich nach dem elften Jahrhundert entwickelte.

Was sich im elften Jahrhundert in Zentralasien, Iran und Irak ereignete, war eine mehrdimensionale Transformation. Die abbasidischen Kalifen in Bagdad, die durch das Aufkommen schiitischer Staaten in Nordafrika, Ägypten, Syrien und sogar im Irak erheblich geschwächt waren, riefen zur Vereinigung der sunnitischen Muslime auf, um dieser Bedrohung zu begegnen. Um sunnitische Sultane, die Ulema und die Bevölkerung zu einen, proklamierten zwei abbasidische Kalifen zu Beginn des elften Jahrhunderts ein „sunnitisches Glaubensbekenntnis“; diejenigen, deren Ansichten als diesem widersprechend galten, darunter bestimmte Schiiten, rationalistische Theologen (Muʿtaziliten) und Philosophen, wurden zu Abtrünnigen erklärt und sahen sich der Gefahr der Hinrichtung ausgesetzt. Dieser Aufruf zur Formierung einer sunnitischen Orthodoxie fiel zeitlich mit dem Aufstieg der Ghaznawiden zusammen, eines sunnitischen Militärstaates in Zentralasien. Später entwickelte sich das Seldschukenreich (1040–1194) zu einem noch mächtigeren sunnitischen Militärstaat, der über ein ausgedehntes Territorium herrschte, das den größten Teil Zentralasiens, Irans, des Irak und Anatoliens umfasste.

Zentral für die seldschukische Herrschaft war die Ausweitung des iqṭāʿ, eines bereits bestehenden Systems der Zuweisung von Land- und Steuereinnahmen, das darauf abzielte, insbesondere landwirtschaftliche Erträge und die Wirtschaft insgesamt unter militärische Kontrolle zu bringen. Diese Politik schwächte die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die gesellschaftliche Stellung der Kaufleute, die zuvor sowohl die Ulema als auch die Philosophen finanziell unterstützt hatten. Ein seldschukischer Großwesir initiierte zudem die Gründung einer Reihe von Madrasen, der sogenannten Niẓāmīya-Schulen, mit dem Ziel, konkurrierende sunnitische Rechtsschulen und theologischen Richtungen zu vereinnahmen und sunnitische Ulema auszubilden, die Schiiten, Muʿtaziliten und Philosophen herausfordern konnten. Der herausragende Gelehrte al-Ġazālī spielte in diesem Projekt eine zentrale Rolle, indem er zahlreiche einflussreiche Werke verfasste, die diese drei „unorthodoxen“ Gruppen kritisierten.

Vom zwölften bis zum vierzehnten Jahrhundert verbreitete sich das seldschukische Modell der Allianz zwischen Ulema und Staat auf andere sunnitische Staaten in al-Andalus, Ägypten und Syrien, insbesondere auf das Mamlukenreich. Die Invasionen der Kreuzfahrer und der Mongolen beschleunigten die Ausbreitung dieser Allianz, da muslimische Gemeinschaften angesichts des Chaos fremder Eroberungen Schutz bei militärischen und religiösen Autoritäten suchten. Später, etwa im sechzehnten Jahrhundert, errichteten Muslime drei mächtige Militärreiche: das sunnitische Osmanische Reich, das schiitische Safawidenreich und das sunnitisch geprägte (jedoch nicht konfessionell gebundene) Mogulreich. Diese Reiche etablierten Varianten der Allianz zwischen Ulema und Staat in einem Gebiet, das sich vom Balkan bis nach Bengalen erstreckte.⁸ Diese Reiche waren militärisch sehr mächtig, doch es gelang ihnen nicht, die intellektuelle und ökonomische Dynamik der frühen Muslime wiederzubeleben, da sie Philosophen weitgehend ausschalteten und Kaufleute marginalisierten.⁹

Während die muslimische Welt an intellektuellem und wirtschaftlichem Schwung verlor, setzte der Aufstieg Westeuropas ein. In der zweiten Hälfte des elften Jahrhunderts vollzogen sich in Westeuropa drei Transformationen. Erstens versuchten die katholische Kirche und die königlichen Autoritäten, einander zu beherrschen, scheiterten jedoch daran – was zur Institutionalisierung ihrer Trennung als modus vivendi führte. Dies trug wesentlich zur Dezentralisierung sowie zum Machtgleichgewicht zwischen westeuropäischen Akteuren und Institutionen bei. Zweitens entstanden Universitäten, die eine institutionelle Grundlage für das allmähliche Auftreten und den wachsenden Einfluss der intellektuellen Klasse bildeten. Viele revolutionäre Denker – von Thomas von Aquin über Martin Luther bis hin zu Kopernikus, Galileo und Newton – waren Universitätsabsolventen und -professoren. Drittens begann die Kaufmannsschicht, die zum Motor der wirtschaftlichen Durchbrüche Westeuropas werden sollte, zu florieren.¹⁰ Diese neuen Beziehungen zwischen religiösen, politischen, intellektuellen und wirtschaftlichen Klassen setzten schließlich verschiedene fortschrittliche Prozesse in Gang, darunter die Renaissance, die Revolution des Buchdrucks, die geographischen Entdeckungen, die protestantische Reformation, die wissenschaftliche Revolution, die Amerikanische und die Französische Revolution sowie die Industrielle Revolution. Infolge dieser Entwicklungen übertraf Westeuropa seine einst überlegenen Konkurrenten, die muslimische Welt und China.

Nach nahezu einem Jahrhundert westlichem Kolonialismus begannen Muslime in den 1920er und 1930er Jahren, unabhängige Staaten zu errichten. Diese Staaten erbten tiefgreifende politische und sozioökonomische Probleme als Ergebnis jahrhundertelanger intellektueller und wirtschaftlicher Stagnation, gefolgt von kolonialer Ausbeutung. Um die Probleme von Gewalt, Autoritarismus und sozioökonomischer Unterentwicklung zu bewältigen, benötigten muslimische Länder kreative Intellektuelle (d. h. Denker, die etablierte Perspektiven kritisch hinterfragen und originelle Alternativen entwickeln) sowie eine unabhängige Bourgeoisie (d. h. wirtschaftliche Unternehmer wie Kaufleute, Bankiers und Industrielle).¹¹

Doch diese beiden Klassen entstanden in den meisten muslimischen Ländern nicht – ein Fehlen, das ich auf die historische (nach dem elften Jahrhundert einsetzende) Dominanz der Allianz zwischen Ulema und Staat zurückführe. Gleichwohl schafften neu entstandene Staaten in der muslimischen Welt – mit wenigen Ausnahmen wie Saudi-Arabien – seit den 1920er Jahren, beginnend mit der Türkei und dem Iran, diese Allianz ab und übernahmen säkularere Arrangements politischer Herrschaft. Doch warum bildeten sich selbst in diesen Fällen politischer Säkularisierung keine unabhängigen intellektuellen und bürgerlichen Klassen mit maßgeblichem Einfluss heraus?

auge
Darstellung des menschlichen Auges nach Hunayn ibn Ishaq, aus einem Manuskript um 1200.

Säkularisten und islamische Akteure

Trotz ihrer jahrhundertelangen Auseinandersetzungen haben sowohl Säkularisten als auch islamische Akteure zur anhaltenden Marginalisierung von Intellektuellen und Bürgertum in ihren Gesellschaften beigetragen. Für den Beitrag der Säkularisten lassen sich drei Hauptgründe anführen. Erstens waren die meisten säkularistischen Führer des 20. Jahrhunderts in Ländern wie der Türkei, dem Iran, Ägypten, dem Irak, Syrien, Algerien, Tunesien, Pakistan und Indonesien ehemalige Militärangehörige. Aufgrund ihrer Ausbildung und Sozialisation waren sie kaum in der Lage, die Bedeutung von Intellektuellen und Bürgertum für die politische und wirtschaftliche Entwicklung ihrer Länder angemessen zu würdigen. Zweitens standen diese säkularistischen Führer im Allgemeinen unter dem Einfluss sozialistischer und faschistischer Ideologien im Besonderen sowie autoritär-modernistischer Ideen im Allgemeinen. Folglich setzten sie der Gesellschaft ideologische Vorstellungen auf und etablierten staatliche Kontrolle über die Wirtschaft, indem sie die intellektuellen und bürgerlichen Klassen einschränkten. Drittens versuchten viele säkularistische Herrscher willkürlich, den Islam zur Legitimation ihrer Regime zu instrumentalisieren. Eine solche Kooptation stärkte letztlich die etablierte Ulema auf Kosten unabhängiger islamischer Gelehrter und Intellektueller.

Obwohl viele moderne Staaten in der muslimischen Welt von säkularistischen Führern gegründet wurden, erlebten sie infolge politischer Fehlleistungen der Säkularisten und eines allgemeinen gesellschaftlichen Konservatismus eine Islamisierung des öffentlichen Lebens. Diese Islamisierung erhöhte den Status dreier Gruppen islamischer Akteure, die gegenüber Intellektuellen und Bürgertum eine ablehnende Haltung teilen. Eine dieser Gruppen sind die Ulema, die in Madrasen oder in deren modernisierten Entsprechungen (wie etwa den theologischen Fakultäten in der Türkei) in islamischen Disziplinen ausgebildet werden, darunter Rechtswissenschaft (fiqh), Hadith und Koranexegese. Eine weitere Gruppe sind die Islamisten, die über politische Parteien und Bewegungen an Wahlen oder anderen Formen politischer Aktivität teilnehmen. Die dritte Gruppe bilden die Sufi-Scheichs, die als mystische und soziale Führer von Sufi-Orden (ṭarīqas) fungieren.

Trotz ihrer internen Differenzen teilen diese islamischen Akteure eine ablehnende Haltung gegenüber einer unabhängigen Bourgeoisie, was auf ihre staatszentrierte und hierarchische Sichtweise zurückzuführen ist, der zufolge religiöse und politische Autoritäten als Träger des höchsten sozialen Status gelten. Diese islamischen Akteure haben zudem eine gemeinsame antiintellektuelle Haltung entwickelt. Diese Haltung folgt der Erkenntnistheorie der Ulema, die auf vier hierarchisch geordneten Quellen basiert: dem Koran, den Hadithen (den Überlieferungen der Worte und Handlungen des Propheten), dem Konsens der Ulema (iǧmāʿ) sowie dem Analogieschluss (qiyās).¹² Zwei Merkmale dieser Erkenntnistheorie wirken neuen Interpretationen des Islams, insbesondere durch muslimische Intellektuelle, entgegen. Erstens beschränkt sie die Vernunft auf die Bildung von Analogien in Fällen, in denen die wörtliche Bedeutung von Koran und Hadithen keine eindeutige Regelung bietet und unter den Gelehrten kein Konsens besteht.¹³ Zweitens etabliert sie – eng damit verbunden – den Konsens der Ulema als verfestigte Autorität, wodurch alternative Auffassungen geschwächt werden.

Tatsächlich beruht das Konzept des Konsenses als rechtsmethodisches Prinzip auf einem Hadith: „Meine Gemeinschaft wird sich niemals auf einen Irrtum einigen.“ Der Begriff „Gemeinschaft“ bezog sich hierbei ursprünglich auf die muslimische Gemeinschaft insgesamt. Wäre diese weite Bedeutung beibehalten worden, hätte dieses Konzept Möglichkeiten für Partizipation und Wandel eröffnen können. Die Ulema haben jedoch das Konzept des Konsenses monopolisiert, indem sie es ausschließlich auf sich selbst bezogen interpretierten und es so zu „einer Bastion des Konservatismus“ machten.¹⁴

Die frühen Muslime maßen der Vernunft tatsächlich eine bedeutendere und emanzipatorische Rolle bei. Abū Ḥanīfa (699–767), der Begründer der frühesten sunnitischen Rechtsschule, erkannte das auf Vernunft gegründete Urteil eines Juristen als wichtige Quelle rechtlicher Autorität an. Zwei Generationen später entwickelte jedoch asch-Schāfiʿī eine rechtsmethodische Lehre, die dem wörtlichen Verständnis von Koran und Hadithen den Vorrang einräumte, gefolgt vom Konsens der Ulema, und die Rolle der Vernunft auf bloße Analogie beschränkte. Darüber hinaus beeinflusste diese rechtsmethodische Konzeption – insbesondere durch die Werke bedeutender Ulema wie al-Ġazālī – auch andere Bereiche islamischen Wissens, etwa die Theologie und den Sufismus.¹⁵ Zunächst war die Methode asch-Schāfiʿīs nur eine von mehreren konkurrierenden rechtsmethodischen Ansätzen. Mit der Etablierung der Allianz zwischen Ulema und Staat seit dem elften Jahrhundert entwickelte sie sich jedoch allmählich zur zentralen Grundlage sunnitischer Orthodoxie. Schließlich übernahmen auch die Hanafiten diese Methodologie, ebenso wie die Malikiten und Hanbaliten.¹⁶

Folglich entwickelte sich die von asch-Schāfiʿī begründete Rechtsmethodik zu einer dominanten Erkenntnistheorie, die auch andere Wissensbereiche in der muslimischen Welt ordnete. „Wenn es zulässig wäre, die islamische Kultur nach einem ihrer Produkte zu benennen“, schrieb Mohammed Abed al-Jabri in den 1980-er Jahren, „dann würden wir sie als ‚Kultur des fiqh (der Rechtswissenschaft)‘ bezeichnen, in demselben Sinne, in dem wir von der griechischen Kultur als einer ‚Kultur der Philosophie‘ und von der zeitgenössischen europäischen Kultur als einer ‚Kultur von Wissenschaft und Technologie‘ sprechen.“ Für al-Jabri sind die von asch-Schāfiʿī formulierten Regeln der Rechtsmethodik „für die Herausbildung der arabisch-islamischen Vernunft nicht weniger bedeutsam als die von Descartes aufgestellten ‚Regeln der Methode‘ für die Formierung der französischen Vernunft“.¹⁷

Es gab einige Versuche, zusätzliche Wissensquellen in diese rechtsmethodische Erkenntnistheorie einzubeziehen. Obwohl al-Ġazālī ein bedeutender Vertreter dieser Erkenntnistheorie war, insbesondere hinsichtlich der Zurückdrängung der Vernunft, war er zugleich ein differenzierter Gelehrter mit komplexen, nicht immer konsistenten Auffassungen. Er vertrat die Idee der fünf „höheren Ziele“ (maqāṣid) des islamischen Rechts. Etwa drei Jahrhunderte später entwickelte der andalusische Jurist aš-Šāṭibī diese fünf Ziele – den Schutz von Religion, Leben, Verstand, Nachkommenschaft und Eigentum – weiter, um die Rechtswissenschaft flexibler zu gestalten.¹⁸ Auch die Förderung mystischen Wissens durch Sufi-Scheichs stellte einen Versuch dar, die erkenntnistheoretischen Beschränkungen des muslimischen Geisteslebens zu lockern.¹⁹ Dennoch blieben diese Bemühungen im Vergleich zur dominanten, ursprünglich von asch-Schāfiʿī formulierten Erkenntnistheorie weitgehend folgenlos, da diese der Vernunft nur eine marginale Rolle und empirischer Erfahrung überhaupt keine Rolle zuweist. Diese Erkenntnistheorie war eine Quelle des Antiintellektualismus unter den Ulema, Islamisten und Sufi-Scheichs.

Seit den 1980er Jahren erlebten viele muslimische Länder eine Islamisierung des öffentlichen Lebens²⁰ als Teil des globalen Aufstiegs religiöser Bewegungen.²¹ Ulema, Islamisten und Sufis gewannen an öffentlichem Einfluss und verstärkten die Marginalisierung der intellektuellen und bürgerlichen Klassen. Auch die Säkularisten waren bei der Umsetzung ihrer autoritären säkularistischen Ideologien und Politiken weitgehend antiintellektuell und antibürgerlich ausgerichtet. Unter diesen klassenstrukturellen Bedingungen ist es den muslimischen Ländern größtenteils nicht gelungen, ihre vielschichtigen und historisch verwurzelten Probleme zu lösen.

Diejenigen, die den Islam als inhärent gegen eine Trennung von Religion und Staat gerichtet betrachten, mögen meine Erklärung als pessimistisch ansehen. Für sie gilt: Wenn die Allianz zwischen Ulema und Staat die Ursache der Probleme der Muslime ist, dann gibt es keinen Weg zu ihrer Lösung, da diese Allianz auf einem im Wesen des Islams angelegten, nicht-trennenden Verständnis der Beziehungen zwischen Religion und Staat beruht. Meine Analyse zeigt jedoch, dass die Allianz zwischen Ulema und Staat weder ein wesentlicher Bestandteil von Koran und Hadithen noch ein dauerhaftes Merkmal der islamischen Geschichte ist. Die frühe islamische Geschichte enthält Beispiele für eine Trennung von Religion und Staat, und es ist ein Irrtum, den Islam als grundsätzlich gegen eine solche Trennung gerichtet zu betrachten. Doch worin liegt die Ursache dieses weit verbreiteten und inzwischen konventionell gewordenen Missverständnisses?

Imaginäre Debatte
Imaginäre Debatte zwischen AverroesPorphyrios. Quelle: Monfredo de Monte Imperiali „Liber de herbis“, 14. Jahrhundert. Reproduktion in Samuel Sadaune: „Inventions et decouvertes au Moyen-Age“

Religion und Staat (dīn wa dawla)

Es gibt zwei Hauptquellen der verbreiteten Auffassung über das Verhältnis des Islams zum Staat. Eine Quelle ist das Werk westlicher (d. h. nordamerikanischer und westeuropäischer) Gelehrter, die die quasi-islamischen politischen Auffassungen der Ulema, wie sie im elften Jahrhundert und danach formuliert wurden, als Definition dessen übernommen haben, was im Wesentlichen als islamisch gilt. In seinem bekannten Werk Political Thought in Medieval Islam schreibt Erwin Rosenthal fälschlicherweise dem Propheten Muhammad die Aussage zu: „Religion und (weltliche) Macht sind Zwillinge.“²² Rosenthal behauptet, es sei al-Ġazālī gewesen, der diesen „Hadith“ zitiert habe.²³ In Moderation in Belief – von Rosenthal zitiert – definiert al-Ġazālī tatsächlich Religion und Staat als Zwillinge: „Es ist gesagt worden, dass Religion und Sultan Zwillinge sind, und auch, dass die Religion ein Fundament und der Sultan ein Wächter ist: Was kein Fundament hat, stürzt ein, und was keinen Wächter hat, geht verloren.“²⁴ Als al-Ġazālī jedoch schrieb „es ist gesagt worden“, bezog er sich nicht auf einen Hadith. Tatsächlich war die Maxime „Religion und königliche Autorität sind Zwillinge“ ein wohlbekanntes Sprichwort, das nicht prophetischen, sondern sassanidischen Ursprungs ist.²⁵

Etwa eineinhalb Jahrhunderte vor al-Ġazālī zitierte der Historiker al-Masʿūdī in seinem Werk eine arabische Übersetzung eines sassanidischen Textes. In der Darstellung al-Masʿūdīs gibt der Gründer des Sassanidenreiches, A“rdašīr I. (reg. 224–242), in seinem Testament folgenden Rat: Religion und königliche Autorität sind Zwillinge, die nicht ohne einander existieren können; denn die Religion ist das Fundament der königlichen Autorität, und die königliche Autorität ist der Wächter der Religion. Jede Struktur, die nicht auf einem Fundament ruht, stürzt ein, und jede Struktur, die nicht geschützt wird, geht zugrunde.“²⁶ Bereits vor al-Masʿūdī war das Testament Ardašīrs mehrfach aus dem Mittelpersischen ins Arabische übersetzt worden; die erste Übersetzung entstand bereits im achten Jahrhundert.²⁷ Insgesamt stammt die Idee einer Einheit von Religion und Staat in der muslimischen Welt aus einem sassanidischen und nicht einem islamischen Text.

In verschiedenen Phasen seines Lebens unterhielt al-Ġazālī (1058–1111) widersprüchliche Beziehungen zu staatlichen Autoritäten – ein weiterer Hinweis darauf, dass die Beziehungen zwischen Islam und Staat nie eindeutig waren. Zu Beginn seiner Laufbahn lehrte al-Ġazālī an einer staatlich kontrollierten Madrasa und unterlag direktem Einfluss der Herrscher. Später sagte er sich vollständig vom Staat los, um ein unabhängiger Sufi und Gelehrter zu werden, und erklärte sein Bedauern über frühere Verflechtungen mit staatlichen Autoritäten.²⁸ Gegen Ende seines Lebens änderte sich die Situation erneut, als er vorübergehend an eine öffentliche Madrasa zurückkehrte. Die Schriften al-Ġazālīs spiegeln diese inkonsistente Beziehung zum Staat wider. In seinem Hauptwerk, Die Wiederbelebung der Religionswissenschaften (Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn), das den Sufismus fördert, wiederholte al-Ġazālī zwar seine Aussagen über die „Bruderschaft“ von Religion und Staat,²⁹ mahnte jedoch zugleich die Ulema, enge Verbindungen zu Herrschern zu vermeiden, die er im Allgemeinen als korrupt und repressiv charakterisierte.³⁰ Somit überlebten trotz der Ausbildung der Allianz zwischen Ulema und Staat im elften Jahrhundert die früheren Vorstellungen der Ulema von einer notwendigen Distanz zwischen Gelehrten und politischen Autoritäten teilweise in den muslimischen Gesellschaften.

Die islamistische Propaganda stellt die zweite Quelle der Fehlwahrnehmung dar, der zufolge der Islam grundsätzlich gegen eine Trennung von Religion und Staat gerichtet sei. Obwohl Islamisten nur in wenigen Ländern politische Macht erlangt haben, trugen sie wesentlich zur Islamisierung der öffentlichen Sphäre in der muslimischen Welt bei und prägten die globalen Wahrnehmungen des Islams. Im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts lehnten islamistische Führer – darunter Ḥasan al-Bannā (der Gründer der Muslimbruderschaft in Ägypten), Abū l-Aʿlā Maudūdī (der Gründer der Ǧamāʿat-i Islāmī auf dem indischen Subkontinent) und Rūḥollāh Ḫomeinī (der Begründer der Islamischen Republik Iran) – die Idee eines säkularen Staates ab und befürworteten die Integration von Religion und Staat, wobei sie über das vormoderne Konzept einer Allianz zwischen Religion und Staat hinausgingen.

Al-Bannā (1906–1949) popularisierte die Vorstellung, dass der Islam zugleich Religion und Staat sei (al-islām dīn wa dawla).³¹ Ḫomeinī (1902–1989) war sowohl ein bedeutendes Mitglied der schiitischen Ulema als auch ein islamistischer Revolutionsführer.³² Für Ḫomeinī sind der „Slogan der Trennung von Religion und Politik sowie die Forderung, dass islamische Gelehrte sich nicht in gesellschaftliche und politische Angelegenheiten einmischen sollen“ von den Imperialisten verbreitet worden, und „“ die Irreligiösen wiederholen sie“.³³ Ḫomeinīs Konzept der Herrschaft des Rechtsgelehrten (velāyat-e faqīh), das eine in dieser Form beispiellose Dominanz der Ulema über sowohl judikative als auch exekutive Gewalt implizierte, wurde zur Grundlage des nachrevolutionären politisch-rechtlichen Systems im Iran.

Im zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhundert gab es jedoch auch westliche Gelehrte und muslimische Denker, die argumentierten, dass der Islam eine Trennung von Religion und Staat nicht inhärent ablehne. Der Historiker Ira Lapidus vertrat in mehreren Publikationen die Auffassung, dass bereits in der frühen islamischen Geschichte ein gewisses Maß an Trennung zwischen Islam und Staat existierte. Für ihn entstand die Allianz zwischen Ulema und Staat erst im Verlauf und nach dem elften Jahrhundert.³⁴

Drei muslimische Denker haben in ähnlicher und überzeugender Weise argumentiert, dass die Trennung von Religion und Staat integraler Bestandteil islamischen Denkens und Handelns sei. Einer dieser Denker war Sayyid Bey, ein islamischer Jurist und Mitglied der osmanischen Ulema. Nach der Gründung der Türkischen Republik wurde er Justizminister. Im Jahr 1924 hielt Sayyid Bey eine berühmte Rede im türkischen Parlament, die viele Abgeordnete davon überzeugte, das Kalifat abzuschaffen. In dieser Rede argumentierte er für die Notwendigkeit und Realität einer gewissen Trennung von Islam und Staat, indem er geltend machte, dass (1) der Islam keine politische Institution wie das Kalifat vorschreibe und es den Menschen überlasse, ihre politischen Institutionen selbst zu bestimmen; (2) das Kalifat auf der Repräsentation des Volkes beruht habe und das neue und wahre Repräsentationsorgan des Volkes das Parlament sei; (3) der Prophet Muḥammad erklärt habe, dass das wahre Kalifat nur dreißig Jahre nach ihm bestehen werde und danach durch ein korrumpiertes Sultanat ersetzt werde; und (4) sich viele Araber im Ersten Weltkrieg gegen den osmanischen Kalifen mit Großbritannien verbündet hätten.³⁵

Ein Jahr später verfasste der ägyptische islamische Jurist und Richter ʿAlī ʿAbd ar-Rāziq eine einflussreiche Abhandlung gegen die Idee eines islamischen Kalifats. Er argumentierte, dass (1) weder im Koran noch in den Hadithen ein Beleg für die Notwendigkeit einer islamischen politischen Autorität (Kalifen) existiere; (2) die politischen Handlungen des Propheten Muḥammad aus weltlichen Notwendigkeiten resultierten und nicht Teil seiner eigentlichen religiösen Mission gewesen seien; (3) der Prophet weder einen politischen Nachfolger noch ein politisches System hinterlassen habe; und (4) die Geschichte der umayyadischen und abbasidischen Kalifate von Aufständen und Unterdrückung geprägt gewesen sei, was den korrumpierenden Charakter politischer Herrschaft zeige.³⁶

Etwa ein Jahrhundert später verteidigte ein weiterer Ägypter, Gamal al-Bannā, eine ähnliche These. Er war ein autodidaktischer muslimischer Denker, ein linksgerichteter Autor sowie der jüngste Bruder von Ḥasan al-Bannā. In seinem Werk al-Islām dīn wa umma wa laysa dīnan wa dawla („Der Islam ist Religion und Gemeinschaft, nicht Religion und Staat“), argumentiert Gamal, dass staatliche Macht jede Religion, einschließlich des Islams, inhärent und unvermeidlich korrumpiert. Er führt Koranverse an, die betonen, dass der Prophet Muḥammad ein Gesandter und kein Herrscher war; dass es Gott und nicht einer menschlichen Autorität – nicht einmal dem Propheten – obliegt, den Glauben in die Herzen der Menschen zu legen; dass Glauben oder Nichtglauben eine persönliche Entscheidung ist; dass es keine weltliche Strafe für Apostasie gibt; und dass der Islam die Gemeinschaft und nicht den Staat in den Mittelpunkt stellt. Gamal vertrat die Auffassung, dass die politische Autorität des Propheten heute nicht als Vorbild dienen sollte, da seine Herrschaft sich in ihren institutionalisierten Zwangs- und anderen Kapazitäten grundlegend vom modernen Staat unterschied.³⁷

Im Gegensatz zu Ḥasan al-Bannā, Maudūdī und Ḫomeinī hatten jene muslimischen Denker, die eine Trennung von Religion und Staat befürworteten, nur geringen Einfluss auf die Politik in muslimischen Gesellschaften. Obwohl Sayyid Bey kein Islamist war, galt er aus der Sicht Mustafa Kemals (später Atatürk) als zu islamisch-konservativ. Unmittelbar nachdem Sayyid Bey zur Abschaffung des Kalifats beigetragen hatte, ersetzte Mustafa Kemal ihn durch einen neuen, strikt säkularistischen Justizminister. Auch ʿAlī ʿAbd ar-Rāziq sah sich einer ähnlichen Entlassung gegenüber, die von den Ulema ausging, die – anders als ihre Gegenstücke im säkularisierenden Türkei – in Ägypten weiterhin einflussreich waren. Als Reaktion auf ʿAbd ar-Rāziqs Buch, das die Idee des Kalifats kritisierte, verurteilte ihn der Ulema-Rat von al-Azhar – der berühmten Madrasa, an der er studiert hatte -, entzog ihm seine Lehrbefugnis und machte es ihm damit unmöglich, als Richter tätig zu sein. In jüngerer Zeit erreichte der Einfluss von Gamal al-Bannā nicht annähernd den seines islamistischen älteren Bruders.

Für den begrenzten Einfluss dieser muslimischen Denker lassen sich zwei Gründe anführen. Erstens fand ihre vermittelnde Position zwischen Islamisten und Säkularisten bei keiner dieser beiden polarisierten Gruppen Unterstützung. Zweitens war die Vorstellung einer Allianz zwischen Islam und Staat – genauer gesagt der Allianz zwischen Ulema und Staat – in der Türkei, in Ägypten und in vielen anderen muslimischen Gesellschaften so fest etabliert, dass diejenigen, die sie kritisierten, mit hoher Wahrscheinlichkeit marginalisiert, wenn nicht sogar verfolgt wurden.
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¹ Ian Black, „Jihadi Groups Killed More than 5,000 People in November“, The Guardian, 10. Dezember 2014.
² Siehe Tabelle 1.1.
³ Der Einfachheit halber werde ich im Folgenden „Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit“ als „muslimische Länder“ bezeichnen.
⁴ In dieser Zeit entwickelten muslimische Kaufleute mehrere wirtschaftliche Instrumente, wie etwa den Scheck und den Wechsel (vgl. Braudel 1982, S. 556; Udovitch 1979, S. 263, 269; Van Zanden 2009, S. 61). Das persische Wort sakk ist der Ursprung des heutigen Begriffs „Scheck“ (Bloom und Blair 2002, S. 114).
⁵ Bei der Analyse des Mittelalters verwendet dieses Buch im Allgemeinen die Begriffe „westliche Christen“ oder „Katholiken“, wenn sie mit einer anderen religiös-kulturellen Einheit, den „Muslimen“, verglichen werden. Insbesondere seit Reformation und Aufklärung wird es jedoch zunehmend schwierig, diese Begriffe angesichts der komplexen religiösen und säkularen Identitäten in Westeuropa zu verwenden. Für die Neuzeit verwende ich daher den Begriff „Westeuropäer“ und beziehe mich dabei auf eine kulturell-zivilisatorische und nicht lediglich geografische Einheit. Mit „westeuropäischen Ländern“ sind die heutigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union gemeint, mit Ausnahme Bulgariens, Zyperns und Griechenlands (die Osteuropa zugerechnet werden), sowie einschließlich der Schweiz und Norwegens.
⁶ Im späten achten Jahrhundert war der wirtschaftliche Einfluss der muslimischen Welt auf Westeuropa so groß, dass im angelsächsischen Königreich Mercia König Offa Nachprägungen von abbasidischen Goldmünzen herstellen ließ, die (fehlerhafte) arabische Inschriften trugen: „Es gibt keinen Gott außer Gott [Allah], der keinen Gefährten hat“ und „Muhammad ist der Gesandte Gottes [Allah]“ (Beckett 2003, S. 58).
Cohen 1970, S. 36 (Tabelle A-1).
⁸ Obwohl diese drei Reiche die muslimische Welt dominierten, existierten weitere muslimische politische Einheiten, darunter kleinere Staaten im heutigen Indonesien und Malaysia. Im Unterschied zu den drei Großreichen verfügten mehrere dieser südostasiatischen Staaten nicht über eine Allianz zwischen Ulema und Staat und waren vorwiegend handelsorientiert (vgl. Hefner 2000, S. 14, 26; Lombard 2000, S. 120;
Reid 1993a
, Kap. 1 und 2).

Diese Staaten konnten jedoch aus zwei Hauptgründen kein alternatives Modell von Klassenbeziehungen für die muslimische Welt bereitstellen. Erstens existierte der Islam selbst noch im sechzehnten Jahrhundert in diesen Regionen neben lokalen religiösen Überzeugungen und Praktiken. Nach Anthony
Reid
(1993b, S. 156) „sind keine islamischen Texte in südostasiatischen Sprachen bekannt, die vor 1590 entstanden sind.“ Zweitens setzte die europäische Kolonisation in dieser Region bereits im siebzehnten Jahrhundert ein. Folglich war die Zeitspanne zwischen Islamisierung und Kolonisierung zu kurz, um ein südostasiatisches Modell auszubilden. Zudem beeinflussten im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert Interpretationen des Islams aus dem Nahen Osten die Muslime Südostasiens, und nicht umgekehrt (vgl. Hefner 2009, S. 15–23).

⁹ Nach Ibn Khaldūn (gest. 1406) in der Geschichtswissenschaft, ʿAlī Kušǧī (gest. 1474) in der Astronomie sowie Taftāzānī (gest. 1390) und Ǧurǧānī (gest. 1414) in der Theologie brachte die muslimische Welt nur noch selten Gelehrte dieses Formats hervor, mit wenigen Ausnahmen wie Taqīyuddīn (gest. 1585) in der Astronomie und Mullā Ṣadrā (gest. 1640) in der Philosophie.
¹⁰ Europäische Universitäten lehrten bis ins sechzehnte Jahrhundert hinein Übersetzungen mehrerer Werke muslimischer Universalgelehrter, etwa von Ibn Sīnā.
¹¹ Nach Eric Hobsbawm (1987, S. 170) ist die Definition der Bourgeoisie „bekanntermaßen schwierig“, und verschiedene westliche Sprachen verwenden „schwankende und unpräzise Kategorien“ wie „Großbürgertum“ oder „Kleinbürgertum“.
¹² Die Rolle der Muslimbruderschaft bei der Ausarbeitung einer neuen ägyptischen Verfassung im November 2012 spiegelt die Anerkennung der Autorität der Ulema zur Interpretation des islamischen Rechts durch islamistische Akteure wider. In diesem Verfassungsentwurf statteten die islamistischen Akteure die führenden Ulema von al-Azhar mit beratender Autorität „in Angelegenheiten des islamischen Rechts“ (Art. 4) aus, das als „Hauptquelle der Gesetzgebung“ in Ägypten galt (Art. 2). Vgl. auch Euben und Zaman 2009, S. 19; Roy 1996, S. x.
¹³ Die Erkenntnistheorie der schiitischen Ulema ist ähnlich, wenngleich für sie der Konsens weniger verbindlich ist und der Vernunft größere Bedeutung beigemessen wird (vgl. Weiss 1998, S. 36). Die überwiegende Mehrheit der Muslime weltweit (87–90 %) sind Sunniten, während der Rest (10–13 %) Schiiten sind (vgl. Pew Research Center 2009, S. 1). Unter den muslimischen Ländern sind fünfundvierzig mehrheitlich sunnitisch, während die übrigen vier (Iran, Irak, Aserbaidschan und Bahrain) mehrheitlich schiitisch sind.
¹⁴ Lambton 1981, S. 10, 12.
¹⁵ al-Ġazālī 2015 [ca. 1097].
¹⁶ Lambton 1981, S. 4; McAuliffe 2015, S. 196; Abou El Fadl 2014, S. xxxiv–vii.
¹⁷ Al-Jabri 2011 [1984], S. 109, 114.
¹⁸ Opwis 2010; Masud 1995; al-Raysuni 2005; Zaman 2012, Kap. 4.
¹⁹ Al-Ġazālī spielte ebenfalls eine Rolle bei der Förderung mystischen Wissens. Er kritisierte die Überbetonung des fiqh als Übertreibung und versuchte, sie durch den Sufismus auszugleichen. Al-Ġazālī (2015 [ca. 1097], S. 87–90) stellte fest, dass der Begriff fiqh im Koran und in den Hadithen nicht im engen Sinne der Rechtswissenschaft (im Sinne der Kenntnis juristischer Details) zu verstehen ist, sondern vielmehr umfassendere Bedeutungen wie Verständnis, Frömmigkeit und mystische Einsicht umfasst.
²⁰ Eine zwischen 2002 und 2010 in fünfzehn Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas durchgeführte Umfrage zeigt, dass sich 70 % der Befragten in erster Linie als Muslime und nicht über nationale oder andere Identitäten definieren (vgl. Tessler 2015, S. 81).
²¹ Casanova 1994;
Berger
1999; Juergensmeyer 2007.

²² Rosenthal 1958, S. 8; vgl. auch Lambton 1981, S. xv.
²³ Rosenthal 1958, S. 39.
²⁴ al-Ġazālī 2013 [1095], S. 231.
²⁵ Bagley 1964, S. xlii; Abbès 2015, S. 56.
²⁶ Zitiert nach al-Masʿūdī 1863 [947], S. 162; vgl. auch Le Testament d’Ardashir 1966, S. 49, 62.
²⁷ Askari 2016, S. 155; Boyce 1968, S. 14.
²⁸ Griffel 2009, S. 43–44.
²⁹ „Staat und Religion sind Zwillinge. Die Religion ist das Fundament, während der Staat ihr Wächter ist. Was kein Fundament hat, wird gewiss zusammenbrechen, und was keinen Wächter hat, geht verloren.“ Al-Ġazālī 1962 [ca. 1097], S. 33–34; vgl. auch al-Ġazālī 1974a [ca. 1097], S. 15.
³⁰ al-Ġazālī 1962 [ca. 1097], S. 172–176; al-Ġazālī 2015 [ca. 1097], S. 199–203; al-Ġazālī 1974b [ca. 1097], S. 344.
³¹ al-Bannā 1979 [1938–1945], S. 179; ebenso S. 18, 317–318, 356. Der Muslimbruderschaft zufolge bedeute der Aufruf zum Islam zugleich, dass „die Regierung ein Teil davon ist“. Wenn Kritiker sagen: „Das ist Politik“, solle man antworten: „Das ist der Islam, und wir erkennen solche Trennungen nicht an.“ al-Bannā 1978 [1938–1945], S. 36; vgl. auch al-Bannā 1979 [1938–1945], S. 110.
³² Maudūdī erhielt ebenfalls eine Madrasa-Ausbildung, verbarg dies jedoch. Vgl. Nasr 1996, S. 19; Moosa 2015, S. 24.
³³ Ḫomeinī 1981 [1970], S. 38; vgl. auch 1960, insbesondere S. 202–204.
³⁴ Lapidus 1975; Lapidus 1996.
³⁵ Bey 1969 [1924], S. 40–61; Bey 1942 [1924].
³⁶ ʿAbd ar-Rāziq 2012 [1925], insbesondere S. 36–56, 71–74, 87–96, 104–107. Für Befürworter und Kritiker von ʿAbd ar-Rāziqs These siehe Filali-Ansary 2002, insbesondere S. 47–77; Filali-Ansary 2003, S. 95–114; Radhan 2014, S. 22–24, 112–125; Ali 2009.
³⁷ al-Bannā 2003, S. 3–4, 12–18, 38–39; vgl. auch al-Bannā 2001.

Footsteps

moon

#Artemis II just captured the #Apollo 11 landing site in extreme detail, closing the debate of Fake #Moon landings forever. #science

So einfach ist es nicht. Mein Opa, Hauptschüler aus Westpreußen, hat nie geglaubt, dass jemand auf dem Mond gelandet ist. Fotos können nicht überzeugen. Merke: Fakten helfen weder gegen Religion noch gegen selbst verschuldete Unmündigkeit noch gegen Gendersprache.

Genau abgepasst

artemis II

Animiertes GIF von Tony Bela – InfographicTony auf X: „You can see the precision planning needed for a spacecraft to rendezvous with the moon“.

By the way: Vielen Dank dem edlen Spender Andreas N.!

Die dunkle Seite des Mondes

Artemis

Es gibt nur eine wichtige Meldung heute. Die Schildkröte lebt Die Menschheit ist nach langer Zeit wieder auf dem Weg zum Mond. Netflix hat die Astronauten nach den üblichen Kriterien ausgesucht.

Man höre zu diesem Posting The Ark Side of the Moon, Interstellar oder Mei-lan Mauris.

Mal im Ernst: Ich kriege immer noch Gänsehaut. Der erste motorisierte, kontrollierte Flug fand am 17. Dezember 1903 statt. Das sind 123 Jahre her. Das ist nicht viel! Ich kann mich noch an Juri Gagarin erinnern: Der erste Mensch im All! Ich war ein kleiner Junge, und meine Eltern gingen 1961 zu meinem Großonkel (1.v.r.), weil der als einziger ein Radio besaß.

Es ist eigentlich unvorstellbar: Dieses winzige Ding fliegt genau dorthin, wo es hin soll.

– Durchschnittliche Entfernung Erde–Mond: ca. 384.400 km
– Hin- und Rückflug: ≈ 768.800 km
– Dazu kommt die Bahn um den Mond + Flugkurven

👉 Insgesamt ergibt sich eine Flugstrecke von ungefähr 800.000 bis 900.000 Kilometern

Man wird sehen, ob die Chinesen jetzt schneller sind…

Wüstendrachen oder: Gebaute Gemeinschaft

Taş Tepeler
Menschliche Männliche Statue, ca. 9600-8200 vor. Chr.

Wie schon angedeutet, war ich jüngst in der Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft – Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“. (Nicht im heutigen Türkiye“, wie die staatlichen Museen belieben zu schreiben, sondern in der heutigen Türkei.)

Fazit: Kann man machen. Man braucht ca. eine Stunde. Für jemanden, der noch nicht im Israel-Museum oder in Jericho war (sage ich mal ganz arrogant), ist das exotisch. Über Göbeklitepe lesen wir bei Wikipedia: „Als am besten etabliert kann die von Schmidt aufgestellte Hypothese gelten, wonach es sich um jungsteinzeitliche Bergheiligtümer handelt, deren Errichtung mit einem Arbeitsaufwand einherging, den zu erbringen nur ein gruppenübergreifendes Bündnis in der Lage gewesen sei. In dieser kognitions-archäologisch konzipierten Betrachtung gilt das Dasein der Monumente als Beleg der These, dass die überschaubar kleinen Jäger-und-Sammler-Gruppen des Homo sapiens bereits vor zwölftausend Jahren fähig waren, politische Organisationen zu vereinbaren.“

Taş Tepeler

Ich hatte am 14.03.2019 schon gefragt: Was und zu welchem Ende studieren wir die Urgesellschaft Steinzeit? Noch genauer: Ist das jetzt, sehr geehrte marxistischen Historiker, Urgesellschaft oder gar, da es um koordiniertes Handeln vermutlich recht großer Gruppen geht, unsere berüchtigte „asiatische Produktionsweise“? Oder wieder etwas, das bei schematischen Denkern gar nicht vorgesehen ist? Wie ich schon über Jericho schrieb: Zehn Jahrtausende vor unter Zeitrechnung? Was war da hierzulande los? Lebte man noch auf Bäumen?

– Die Weichsel-Kaltzeit (die letzte Eiszeit) ging gerade zu Ende.
– Große Teile Norddeutschlands waren noch von Tundra oder Steppe bedeckt.
– Die Gletscher hatten sich weitgehend zurückgezogen, aber:
– In Skandinavien lagen noch mächtige Eisschilde.
– Die Ostsee war damals ein Süßwassersee (Ancylussee).

Das heutige Nordseegebiet war kein Meer, sondern eine riesige, fruchtbare Steppe: die sogenannte Doggerland-Ebene, die Großbritannien mit dem europäischen Festland verband. Es gab Rentiere, Wildpferde, Wollnashörner und Mammut, Riesenhirsche, Auerochsen, Wisente, Bären, Wölfe, Luchse und Füchse.

Taş Tepeler

Das Projekt Taş Tepeler („Taş Tepeler“ Projesi / The Taş Tepeler Project) (Text der Ausstellung)

Das Taş-Tepeler-Projekt ist ein vom türkischen Ministerium für Kultur und Tourismus initiiertes archäologisches Großprojekt (Start 2021). Es wird von der Universität Istanbul koordiniert und untersucht mehrere neolithische Fundstätten in der Provinz Şanlıurfa (Südostanatolien), darunter Orte aus dem 10.–8. Jahrtausend v. Chr..

Ziel des Projekts ist: die systematische Erforschung dieser frühen Siedlungen, die Sicherung des Kulturerbes, die Rekonstruktion der Umwelt und Lebensweise der Menschen der Jungsteinzeit, sowie die Dokumentation archäologischer Beobachtungen. (Vgl. zur Jungsteinzeit Çatalhöyük, revisited (07.04.2016 bzw. Çatalhöyük (31.01.2010.)

Taş Tepeler

Das Projekt ist international angelegt: Wissenschaftler aus der Türkei, Deutschland, Japan, Großbritannien und weiteren Ländern arbeiten gemeinsam. Alle Ausgrabungen folgen einheitlichen wissenschaftlichen Standards, um die Ergebnisse vergleichbar zu machen.

Die bisherigen Forschungen haben bereits bahnbrechende Erkenntnisse geliefert und verändern unser Verständnis der neolithischen Revolution und der frühen Gesellschaften in dieser Region grundlegend. (Text des Museums)

Taş Tepeler

Die Zeitleiste ordnet die Funde ein in: Pleistozän, Eiszeit, Jungpaläolithikum / Neolithikum. Sie zeigt Zeiträume etwa zwischen 30.000 und 9.000 v. Chr. und stellt die Entwicklung bis zu frühen symbolischen Darstellungen (z. B. Venus von Laussel) dar. (Text des Museums)

fruchtbarer halbmond
Der so genannte „Fruchtbare Halbmond“, vgl. Schädel bei Pflaunloch (05.01.2022)

Die ersten niedergelassenen Gemeinschaften lebten noch als Jäger. Mit der gemeinschaftlich organisierten Jagd sicherten sie lange Zeit die Fleischversorgung ihrer Gruppen. Dazu errichteten sie Fallen aus Steinmauern, die trichterförmig angeordnet zu einem Pferch am Ende führten. Sie werden in Englisch als „desert kites“, Wüstendrachen, bezeichnet und sind noch heute auf Luft- oder Satellitenbildern zu sehen. Treiber und Jäger arbeiteten zusammen, um Herdentiere wie Gazellen oder Wildesel in den Pferch zu treiben. Von dort konnten die Tiere nicht entkommen und die Jäger konnten auswählen, welche Tiere sie töten wollten.

Als Jagdwaffen nutzten sie in Holzschäfte eingesetzte Geschossspitzen aus Feuerstein oder Obsidian. Die Größe war auf das Jagdwild abgestimmt, Material und Gestalt zeigen ihre Herkunft und Produktionstradition an. Zur Vorbereitung des Holzes dienten Pfeilschaftglätter, die Tiermotive tragen konnten.

Mit der Verbreitung von Haustieren verlor die Jagd ihre wirtschaftliche Bedeutung. Die Jagd auf gefährliche Tiere blieb aber weiterhin ein wichtiges soziales Ereignis. (Text des Museums)

Taş Tepeler

Die jungsteinzeitlichen Gemeinschaften in der Region Şanlıurfa errichteten in ihren Siedlungen monumentale Gebäude aus lokalem Kalkstein. Diese waren wie künstliche Höhlen tief in den Untergrund eingegraben, deshalb war es innen dunkel. Die Bauten konnten über eine Öffnung im Dach oder einen seitlichen Zugang betreten werden.

In der Mitte des zentralen Raums standen zwei große T-förmige Steinpfeiler als zentrale Dachstützen. Mit seitlichen Armen und vor dem Körper gefalteten Händen zeigt ihre abstrahierte Gestalt sie als Menschen. Entlang der Außenwände standen kleinere Pfeiler, oft mit Tierbildern im Relief bedeckt. Das Flackern von Fackeln erzeugte die Illusion von Bewegung. Die Errichtung dieser Bauwerke und Aufstellung der Pfeiler erforderte zahlreiche Hände. Gewaltige Mengen Aushub mussten bewegt werden und jeder monolithische T-Pfeiler wog mehrere Tonnen. (Text des Museums)

Taş Tepeler

Bei vielen der ausgestellten Objekten (von denen mal nicht immer weiß, ob sie ein Original oder eine Reproduktion sind) merkt man, dass viel herumspekuliert wird, weil wir nicht wirklich wissen, wozu die da waren. Die Begleittexte sind allgemeiner Natur; vermutlich bekäme man genau so viel oder sogar mehr Informationen, wenn man Fotos davon von ChatGPT interpretieren lassen würde.

In den Ausgrabungstätten gibt es riesige Pfeiler und große Statuen. Gleichzeitig hat man aber auch winzige Versionen davon gefunden, wie in einem Museumsshop. Es liegt natürlich nahe zu vermuten, dass den Gegenständen eine Art magische Kraft zugeschrieben wurde, die man „mit nach Hause“ nehmen konnte. Das wäre ein Argument dafür, dass es sich nicht um bloße Nutzbauten handelte.

Es gab garantiert schon zu der Zeit Warlords, Mächtige und weniger Mächtige. Aber gab es schon eine etablierte herrschende Klasse wie die Priesterschaft und Pharaos der ägyptischen Dynastien? Die sind erst rund 5000 Jahre später entstanden!

Taş Tepeler

Gruppen versammelten sich anlässlich von Ritualen und Festen in den Pfeilergebäuden. Dabei wurde die soziale Ordnung erneuert und der Zusammenhalt bekräftigt. Vielleicht trugen einige Teilnehmer anschließend Miniaturpfeiler (oben) als Erinnerung mit sich. (Text des Museums)

Taş Tepeler Taş Tepeler

Viele Gebäude wurden mehrfach repariert und die Wände von innen verstärkt, wenn der Druck des umgebenden Erdreichs zu stark war. Am Ende ihrer Lebenszeit wurden die Gebäude mit Steinen und Erdreich verfüllt und so symbolisch beerdigt. (Text des Museums)

Taş Tepeler
Pfeilspitzen Typ Byblos. Material: Feuerstein, Fundort: Gürcütepe. Datierung: 7.500–7.000 v. Chr. Şanlıurfa Museum, Türkei

Taş Tepeler

Tiere nehmen in der steinzeitlichen Bildwelt einen zentralen Platz ein. Die aus Kalkstein geschlagenen Skulpturen fangen den charakteristischen Ausdruck der wilden Tiere ein und zeugen von der genauen Beobachtung der Künstler. (Text des Museums)

Taş Tepeler

Die Darstellungen fokussieren den Blick auf besonders gefährliche Tiere: Leoparden mit gefletschten Zähnen, mit gesenktem Kopf angreifende Auerochsen, rennende wilde Eber. All diese Tiere sind männlich gekennzeichnet und wirken aggressiv. Hinzu treten wimmelnde Schlangen und Skorpione, und auch Füchse, Strauße und Wasservögel sind zu sehen. (Text des Museums)

Taş Tepeler

Die Motivwahl verdeutlicht, dass die Bildwerke keineswegs die damalige Umwelt abbilden, denn das wichtigste Jagdwild, die Gazellen, fehlen unter den Motiven. Vielmehr beschwören die Skulpturen eine Welt voller Gefahren herauf, in der Menschen auf der Hut sein und ihren Mut beweisen müssen. (Text des Museums)

Taş Tepeler

Eine besondere Stellung nehmen Skulpturen ein, die wilde Tiere und Menschen zusammenführen. Ihre Interpretation entzieht sich bisher einer Deutung. Leoparden auf dem Rücken von Menschen – sind sie eine Gefahr oder ein Schutz? (Text des Museums)

Taş Tepeler

Durch das ganze Neolithikum hindurch stellen Menschen sich selbst dar. Ihre Bildnisse aus Stein oder Ton heben die Besonderheiten der menschlichen Körper und ihre biologischen Fähigkeiten hervor. Die Darstellung der primären Geschlechtsorgane erlaubt für viele eine klare Unterscheidung in männliche und weibliche Skulpturen. Zugleich sind zahlreiche schematische und uneindeutige Figuren bekannt. (Text des Museums)

Taş Tepeler

Männerbilder überwiegen während der frühen Phasen der Jungsteinzeit. Skulpturen von Männern zeigen einen oft übergroßen erigierten Penis als sichtbaren Ausdruck männlicher Zeugungskraft. Auch die großen zentralen T-Pfeiler der Sondergebäude bilden Männer ab, und Männer sind ebenso zentral in den Szenen aus Sayburç. Weibliche Figuren werden in den späteren Phasen der frühen Jungsteinzeit häufig, als Ackerbau und Viehzucht bereits etabliert sind. Die nun oftmals nur handgroßen Frauenfiguren betonen die lebensspendende Gabe der Frauen durch ihre körperliche Fülle. (Text des Museums)

Taş Tepeler

Wir wissen wenig über die tatsächlichen Rollen von Männern und Frauen in den jungsteinzeitlichen Gesellschaften. Die Bildwerke verweisen auf idealisierte Weise auf die sichtbaren Beiträge von Männern und Frauen zum Fortbestand der Gruppe. (Text des Museums)

Taş Tepeler
Geierstatue, Karahantepe,ca. 9400-8000 v. Chr.

Mich haben am meisten die Gesichter fasziniert, soweit man sie noch erkennen kann. Dass Menschen sich als halbes Tierwesen darstellen, ist aus allen Kulturen bekannt, von tribalistischen bis zu Hochzivilisationen. Aber was haben die gedacht? Waren die uns entfernt ähnlich? Für mich ist jemand, der an höhere Wesen glaubt, genauso weit „entfernt“ wie ein Mensch aus der Altsteinzeit.

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Es ging auch damals um die einfachen Dinge: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

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Neue Ware eingetroffen

Bücher

Simon Bernfeld: Der Tanach in Deutscher Übersetzung: Eine Umfassende, Kritisch Überarbeitete Gesamtausgabe von Tora, Propheten und Schriften, 2025 sowie Eusebius von Caesarea; Kirchengeschichte 1-10, 2025.

Stärke und Schönheit oder: Yasuke, Daimos und Samurai, Addendum

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„The small garrison force was quickly defeated, but according to the Sō Shi Kafu, one samurai, Sukesada, cut down 25 enemy soldiers in individual combat.“ (James P. Delgado: Khubilai Khan’s Lost Fleet: In Search of a Legendary Armada, 2009)

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Hier weitere Fotos aus dem Samurai-Museum und ein paar kritische Gedanken dazu, die historischen Wissenschaften der marxistischen Art betreffend, was der hiesigen Leserschaft schon bekannt vorkommen mag – eingedenk der Tatsache, dass das erste Posting dieser Reihe vor zehn Jahren erschien.

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Vorbemerkung I:

Die Frage, ob man Japan zu Recht als feudal geprägt bezeichnen kann, ist keineswegs geklärt. Obwohl westliche Historiker seit über hundert Jahren über „japanischen Feudalismus“ schreiben, ist die Berechtigung dieser Bezeichnung unter Historikern, insbesondere unter denen, die sich auf das mittelalterliche Europa spezialisiert haben, nach wie vor umstritten. Für eine lange Reihe westlicher Historiker (…) stand die Angemessenheit der Bezeichnung „feudal“ für Japan jedoch außer Frage. Auch der zeitgenössische japanische Historiker hinterfragt diesen Begriff nicht, da er zu einem so wichtigen Bestandteil seines Fach- und Alltagsvokabulars geworden ist. In einem Japan, in dem die Leserschaft täglich daran erinnert wird, dass der „Kampf gegen den Feudalismus“ noch immer geführt wird, erscheint der Feudalismus als eine gegenwärtige Realität, deren Existenz in Japans Vergangenheit sich naturgemäß nicht leugnen lässt.
Übersetzter Auszug aus John Witney Hall: Feudalism in Japan – a Reassessment, Cambridge 2009, zuerst erschienen 1962/63, abgedruckt in Heide Wunder; Feudalismus – 10 Aufsätze). Hall referiert die Diskussion zum Thema ab den 1920-er Jahren. Vgl. Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)

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Vorbemerkung II

In allen Ländern Westeuropa’s [sic] ist die feudale Produktion durch Theilung des Bodens unter möglichst viele Untersassen charakterisirt. Die Macht des Feudalherrn, wie die jedes Souverains, beruhte nicht auf der Länge seiner Rentenliste, sondern auf der Zahl seiner Unterthanen, d.h. der Zahl der auf ihren Gütern ansässigen Bauern.*
*
Japan, mit seiner rein feudalen Organisation des Grundeigenthums und seiner entwickelten Kleinbauernwirthschaft, liefert in vieler Hinsicht ein viel treueres Bild des europäischen Mittelalters, als unsre sämmtlichen, meist von bürgerlichen Vorurtheilen diktirten Geschichtsbücher. Es ist gar zu bequem, auf Kosten des Mittelalters »liberal« zu sein.

Marx bezieht sich auf H[ermann] Maron: Bericht an den Herrn Minister für die landwirthschaftlichen Angelegenheiten über die japanische Landwirthschaft. In: Annalen der Landwirthschaft in den Königlich Preußischen Staaten [Monatshefte] (Berlin), Jg. 20, Bd. 39, von Januar 1862, pp. 44 u. 50, zit. nach: Justus von Liebig: Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie. 7. Aufl. Th. 2, Braunschweig 1862, pp. 425 u. 432. Ich zitiere nach Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie | Erster Band Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals Neue Textausgabe, bearbeitet und herausgegeben von Thomas Kuczynski. Vgl. Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)

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Vorbemerkung III

Meine These in Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020), es habe in Japan keine Sklaverei gegeben, ist komplett falsch. In der Yamato-Zeit (ca. 3.–7. Jh.) existierte echte Sklaverei. Diese Menschen wurden Nuhi (奴婢) genannt. In der Zeit vor den Shogunaten wurde Sklaverei durch die Ritsuryō-Gesetze geregelt.

Ab dem 8. Jahrhundert ging die klassische Form der Sklaverei zurück, erstaunlicherweise fast zeitgleich mit der Entwicklung in Nordwesteuropa, obwohl es keine Verbindung gab. Die Bevölkerungs- und Steuerregister (Shōsōin-Dokumente) aus dem 8. Jh. belegen unstrittig eine sinkende Zahl registrierter Sklaven und eine wachsende Zahl halbfreier oder freier Bauern. Staatliche Sklaven tauchen immer seltener auf.

Das verblüfft mich. Wie kann es sein, dass eine ökonomische Entwicklung – von einer Gesellschaft mit Sklaven zum klassischen Feudalismus – in zwei Regionen der Welt faktisch parallel abläuft, ohne dass es irgendeine Form des Kontakts gab? Sollte Marx doch Recht haben mit der These, es gebe eine historische Gesetzmäßigkeit?

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Mal abgesehen von China, was ein eigenes Kapitel ist, kann man also die Thesen aufstellen:

– Die Sklavenhaltergesellschaft geht weltweit dem Feudalismus voraus, sowohl in Asien also auch in Europa und Afrika. Südamerika und Australien müssen nicht berücksichtigt werden, weil die Entwicklung der Produktivkräfte dort noch in der Bronzezeit verharrten bzw. auf dem Niveau von Jägern und Sammlern.

– Eine direkte Entwicklung von einer sich auflösenden Urgesellschaft, also von tribalistischen Formen der Gesellschaft, zum Feudalismus gibt es nicht.

– Die so genannte Asiatische Produktionsweise „verlangsamt“ die Entwicklung zum klassischen Feudalismus.

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Interessant ist auch, dass es noch mehr strukturelle (meint: das Verhältnis der Klassen zu den Produktionsmitteln) Parallelen zwischen Japan und Nordwest- und Mitteleuropa gibt, was gleichzeitig den Beweis erhärtet, dass Religion, also der luftige Überbau, für die Ökonomie keine wesentliche Rolle spielt. Das Christentum in Europa legitimierte den Feudalismus, sowohl der Islam als auch der Buddhismus die Skalvenhaltergesellschaft und den Feudalismus. Religion legitimiert immer das herrschende System; neue Religionen versprechen, dass die Klassenschranken durchlässiger werden, werden aber immer irgendwann – wie das Christentum im Römischen Reich – von den herrschenden Klassen übernommen.

Die Zeit vor den Shogunaten in Japan lässt sich mit dem Frühfeudalismus in Nordwesteuropa – also den Karolinger- und Frankenreichen – vergleichen. In der Asuka-Zeit (ca. 592–710) und in der Nara-Zeit (710 bis 794) setzt sich der Buddhismus als „Staatsreligion“ durch. Grund und Boden gehören zum großen Teil dem Herrscher/Kaiser. Die ökonomische Tendenz ist aber genau wie in Europa: Klöster und die Feudalklasse eigneten sich immer mehr Land an, es entsteht eine Art von „Beamten“ (in Europa: Ministerialen). In der Heinan-Zeit (794–1192) wird die Macht des zentralen Herrschers gebrochen. In der Edo-Zeit beginnt der „klassische“ Feudalismus und die Herrschaft der Shoguns und Samurais – also des „Schwertadels“. Wikipedia drückt sich marxistisch aus: „Feudal-Clans verwalteten in zunehmendem Maße die steigende landwirtschaftliche Produktion und die bäuerlichen Tätigkeiten.“

Die Feudalklasse bekriegt sich gegenseitig („japanisches Mittelalter“ ist ein nichtssagender Begriff) bis hin zur Zeit der Streitenden Reiche, die man mit der Situation im „Alten Reich“ vergleichen kann. Sogar Stände wie in Europa gab es in Japan.

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Man erwartet spätestens jetzt eine Stärkung einer zentralen Gewalt zuungunsten der Feudalklasse – in europa der Absolutismus, ökonomisch der Merkantilismus, in Japan.

Die Endphase der Edo-Zeit wird auch als Bakumatsu-Zeit bezeichnet. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts verlangten westliche Mächte immer stärker Zugang zu Japan und seinen Märkten, allen voran Russland, England und die USA. Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu Bauernaufständen, viele Samurai waren hoch verschuldet. Dem Shōgunat entglitt zunehmend die Kontrolle.

Jetzt wird es interessant. Wir haben alles, was dazugehört: Bauernkriege, Interventionen auswärtiger Mächte wie in Deutschland, zur Zeit des 30-jährigen Krieges, wirtschaftlicher Abstieg von Teilen der Feudalklasse. Die Europäischen Staaten waren aber ökonomisch weiter und im späten 19. Jahrhundert schon im Kapitalismus angelangt.

Wir machen hier aber kein Seminar zur japanischen Geschichte. Mir reicht, dass ich mir ein paar Fragen beantworten konnte. Also zurück zum Samurai-Museum.

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„Dieser eindrucksvolle Helm ist eine sogenannte Nomonari kabutobachi (wörtl. „pfirsichförmige Helmschale“), ein japanischer Helmtyp, der durch spanische Cabasset-Helme beeinflusst wurde. Mit der Ankunft portugiesischer Händler im Jahr 1545 begann der sogenannte Nanban-Handel (wörtl. „südliche Barbaren-Handel“) zwischen Japan und verschiedenen europäischen Ländern.

Momonari kabuto haben eine erhöhte und spitz zulaufende Schale mit einem Flansch in der Mitte und ähneln insgesamt der Form eines Pfirsichs. Während der Momoyama-Zeit (1573–1615) erfreuten sie sich zunehmender Beleibtheit.“

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Diese Pferdemaske besteht aus gekochtem und geformtem Leder, welches anschließend gold lackiert wurde. Pferdemasken nahmen generell die Gestalt von Karikaturen eines Drachens oder Pferdes an. In diesem Fall ist es wahrscheinlicher, dass es sich um die Karikatur eines Drachens handelt. Die Maske besteht aus zwei vorderen Stücken, die unter dem Teil für die Augen zusammengebunden sind, und zwei Seitenstücken, die an dem oberen Teil der Maske befestigt sind. Dies gewährleistet Flexibilität, wenn die Maske von einem Pferd getragen wird. (K. Ogorek)

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Als Reaktion auf die Verbreitung von Schusswaffen und die Einfuhr europäischer Rüstungsteile durch portugiesische und holländische Händler ab dem 16. Jahrhundert begannen japanische Rüstungsschmiede, Helmschalen und Kürasse aus robustem und kugelsicherem Eisen herzustellen.

Zu dieser Zeit benutzten die Japaner die Sammelbezeichnung Nanban (wörtl. „südliche Barbaren“) sowohl für importierte ausländische Rüstungen und Rüstungsteile, die für den japanischen Träger angepasst wurden, als auch für Rüstungen japanischer Hersteller, die sich an ausländischen Rüstungsmodellen orientierten.

Heute werden japanische Rüstungen, die das Erscheinungsbild vermeintlich exotischer europäischer Rüstungen imitieren, als wasei nanban yoroi (wörtl. „in Japan gefertigte südliche Barbaren-Rüstung“) bezeichnet, um sie von den importierten Rüstungen zu unterscheiden.

Bei dem Kürass dieser eleganten Rüstung handelt es sich um einen sogenannten wasei nanban dō (wörtl. „in Japan gefertigter südlicher Barbaren-Kürass“), auch hatomune dō (wörtl. „Taubenbrustkürass“) genannt. Dieser ist aus Eisenplatten mit rostbraunem Patina-Finish (tetsu sabi-ji) gefertigt. Charakteristisch für diesen Rüstungstyp ist der Mittelgrat auf der Frontplatte des Kürasses, der das Ableiten gegnerischer Waffen begünstigt.

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„Shishi-Löwen“ sind auch in einem japanischen Sprichwort zu finden, welches folgendermaßen übersetzt werden kann: „Zu den Löwen noch Pfingstrosen“. Beide Motive werden oft miteinander dargestellt und symbolisieren Stärke sowie Schönheit. Dies umfasst somit gleich zwei gute Eigenschaften, die eine Einheit bilden und gewissermaßen zusammengehören, ähnlich, wie wir es im Deutschen von der Redewendung „wie Pech und Schwefel“ kennen.

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Man kann auch hier den minimalen technischen Vorsprung Europas erkennen. Im Gegensatz zu China hat die japanische Feudalklasse keine Schusswaffen entwickelt, die den europäischen Waffen hätten Paroli bieten können. Auch der Kürass aus Metall ist keine japanische Erfindung.

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Es muss mal gesagt werden: Die Samurai waren keine besseren Krieger als etwa die Kreuzritter. Wenn man von Kind alle vorhandenen Waffen trainiert, ist man vermutlich genauso fit wie ein heutiger Navy Seal, für den es auf Handwaffen wie Schwerter nicht ankommt. Auch die Ritterrüstungen entsprachen dem heutigen Marschgepäck mit etwa 30 Kilogramm.

Das Albernste an „Der letzte Samurai“ fand ich, dass der Held nach wenigen Monaten so gut mit dem Katana umgehen kann wie ein Samurai, der schon seit dem dritten Lebensjahr damit übt. Das ist einfach scientologischer Blödsinn.

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Und warum sieht man keinen Samurai-Film, bei dem die Krieger einen Helm tragen, auf dem übergroße Flügel von Fliegen oder anderen Insekten montiert sind? Weil das für das heutige Publikum blöd aussieht?

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Die kleinen Metalltierchen mit winzigen Scharnieren sind in Europa eher unbekannt, aber technisch nicht aufwändiger herzustellen als etwa die uns wohlbekannten Reliquienbehälter aus diversen Domschätzen.

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Fazit: Das (übrigens private] Museum lohnt sich und ist auch auf dem neuesten technischen Stand (wenn man es mit einem israelischen Museum vergleicht).

Natürlich kann man kein inhaltliches Niveau als etwa das von burks.de erwarten, das einem Wissenschaftler viel Neues aufbereitet. Auch eine Analyse der Gesellschaftsform (Kasten? Klassen?) sucht man vergeblich – aber das ist auch nicht der Sinn des Museums. Übrigens gibt es in ganz Europa nichts Vergleichbares.

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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
– Agrarisch und revolutionär II (15.05.2021)
– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
– Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III) (27.11.2021)
– Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV) (17.12.2021)
– Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V) (23.12.21)
– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
– Blut, Nägel und geküsste Tafeln, schmuckschließend (Essener Domschatz VI) (18.04.2022)
– Missing Link oder: Franziska und kleine Könige (28.05.2022)
– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)

Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)

Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)

Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II

Abbasiden-Kalifat
Das Reich der Abbasiden um ca. 850 n. Chr, also zeitgleich mit dem Frankenreich in Nordwesteuropa, Thomas Lessman / Wikipedia 2008, CC BY 4.0

Wir können vorläufige Arbeitshypothesen aufstellen, die einige meiner Thesen modifizieren.

1. Die Sklaverei existierte weltweit in allen Gesellschaften, in ökonomisch relevantem Maßstab aber erst in Klassengesellschaften.
Anmerkung: Die Aborigines von Australien müssen nicht berücksichtigt werden, da sie seit mehr als 40.000 Jahren nur als Jäger und Sammler lebten und das Stadium der Bronzezeit bis zur Ankunft der europäischen Kolonisatoren nicht erreicht hatte – im Gegensatz etwa zu den südamerikanischen Völkern. Das gilt auch für Teile der Ureinwohner von Papua-Neuguinea, die aber im Weltmaßstab zahlenmäßig irrelevant sind.

2. Die (zahlenmäßig) umfangreichste Sklavenhaltergesellschaft (oder „sklavistische Gesellschaft“) und am längsten andauernde war die islamische, die mit der arabischen Eroberung Nordafrikas begann, aber zum Teil schon vorher in Ansätzen bestand.
Anmerkung: Religion – also auch der Islam – ist Überbau. Sie fällt nicht vom Himmel oder ist einfach da, sondern wird von Menschen gemacht. „In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte notwendige von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen.“ (Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859), Vorwort, MEW Bd.13, S. VII) Der Islam ist also nicht an der Sklaverei „schuld“.

Aber – laut Flaig: „Da die menschliche Arbeitskraft die Hauptressource jeglicher Ökonomie ist, strukturierte die islamische Herrschaft die interkontinentalen Handelsläufe der gesamten bekannten Welt völlig um: Der Islam verschaffte der Sklaverei einen außerordentlichen Auftrieb und begünstigte die Entwicklung des Sklavenhandels entlang transkontinentaler Routen.“

handelsrouten
Karte aus Rudolf Fischers „Gold, Salz und Sklaven: die Geschichte der grossen Sudanreiche Gana [Ghana], Mali, Songhai“

Man muss sich noch einmal die Entwicklung im antiken Rom vergegenwärtigen – nicht nur die der Sklavenwirtschaft, sondern auch die der Bauern, was sich gegenseitig bedingt: Nach den 40er Jahren – also nach der Eroberung Galliens – reichten die römischen Kriege nicht mehr aus, um die Sklavenmärkte zu versorgen.

„Diese Expansion strukturierte die italische Agrikultur um. Einerseits belastete der Kriegsdienst das Bauerntum erheblich; kleinere Höfe verkrafteten die langen Abwesenheiten wichtiger Arbeitskräfte nicht, verschuldeten sich und wurden aufgekauft. Andererseits flossen riesige Reichtümer nach Italien, welche teils eine rege Bautätigkeit vorantrieben, teils einen auf Prestige angelegten Konsum beförderten, teils in Land investiert wurden. Der Zustrom von Sklaven lieferte dafür die massenhaften Arbeitskräfte.

So nahm der Großgrundbesitz nach 200 v. Chr. rasant zu; jedoch entstanden keine Latifundien. Das Latifundium ist eine spezielle Form des Großgrundbesitzes, in der ein Eigentümer über ein großes zusammenhängendes Areal verfügt; dazu kam es erst am Ende der Republik und vermehrt in der Kaiserzeit.

Hingegen besaßen die Großgrundbesitzer des 2. und 1. Jahrhunderts v. Chr. mehrere landwirtschaftliche Betriebe, meist von mittlerer Größe (25 bis 50 ha), bewirtschaftet teils von eigenen Sklaven, teils von Pächtern. Die freien Bauern wurden keinesfalls ersetzt, ihr Kaiserzeit waren weit über 75 % der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte Italiens freie Bauern. Doch immer mehr freie Bauern waren nun coloni, d. h. Pächter. Die Quote der Bauern, die auf eigenem Boden wirtschafteten, war immer noch ansehnlich, aber sie sank allmählich.“

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Aus Tidiane N’Diaye: Le génocide voilé: Enquête historique, 2017

Die Sklavenhaltergesellschaft ruiniert auf lange Sicht die Kleinbauern und macht sie vom Großgrundbesitz abhängig. (Ich bin nicht sicher, ob man so eine Frage stellen kann: Wäre das auch ohne Sklaven so passiert? Hypothetische Antwort: Ja, aber wesentlich langsamer, weil der Großgrundbesitz urbane Zentren als „Kunden“ voraussetzt, für die Bauern aber nicht genug produzieren.)

Man muss das mit den arabischen bzw. afrikanischen Gesellschaften vergleichen, hat aber das Problem, dass diese zeitlich nicht parallel sind. Die Römer hatten mindestens ein halbes Jahrtausend „Vorsprung“. Als der Norden Afrikas von Sklavenhaltergesellschaften dominiert wurde – und Zentralafrika ebenso, aber als „Lieferant“ der ökonomischen Ressource Mensch – entwickelte sich in Nordwesteuropa schon der Feudalismus, der auf der Arbeit selbständiger Bauern beruhte und der völlig ohne Sklaven auskam.

Ich schrieb am 20.08.2022: „Die antike Sklavenhaltergesellschaft trieb als Basis die Ökonomie im Frühfeudalismus an. ‚Man kann nicht behaupten, dass Latifundien und das Kolonat die conditio sine qua non waren, aber wenn sie als Grundlage existierten, beschleunigten sie offenbar die Agrarrevolution. Und das war nur im Frankenreich und in England so. In anderen Regionen des ehemalige römischen Reiches stimmte die Ökologie nicht.'“

Jetzt wird es kompliziert. War das Reich der Abbasiden (vgl. Karte oben) eine sklavistische Gesellschaft oder schon Feudalismus oder noch etwa anderes?

Die KI ist natürlich kein Marxist und antwortet etwas unstruktuiert:

Worauf gründete sich die Ökonomie des Abbasidenreiches?

Die Ökonomie des Abbasidenreiches (ca. 750–1258) beruhte auf mehreren eng
miteinander verflochtenen Säulen, die das Reich zu einem der wirtschaftlich dynamischsten Räume der mittelalterlichen Welt machten.

Grundlagen der Wirtschaft

1. Landwirtschaft als Basis

  • Intensiver Bewässerungsfeldbau (v. a. in Mesopotamien, Ägypten, Persien)
  • Anbau von Weizen, Gerste, Reis, Datteln, Baumwolle, Zuckerrohr
  • Neue Nutzpflanzen durch interregionalen Austausch (oft als „arabische Agrarrevolution“ beschrieben)
  • Großgrundbesitz und staatlich kontrollierte Ländereien als wichtige Faktoren

2. Steuern und Abgaben

Ein ausgefeiltes Steuersystem bildete das finanzielle Rückgrat von Verwaltung, Heer und Hof:

  • Ḫarāǧ – Grundsteuer auf landwirtschaftliche Flächen
  • Ǧizya – Kopfsteuer für nichtmuslimische Untertanen
  • Zakāt – religiöse Abgabe für Muslime

3. Fernhandel und Märkte

  • Zentrale Lage zwischen Mittelmeer, Indien, Zentralasien und China
  • Einbindung und teils Kontrolle wichtiger Handelsachsen (u. a. Seidenstraßen-Netzwerke)
  • Export: Textilien, Metallwaren, Glas, Papier
  • Import: Gewürze, Seide, Edelsteine
  • Bagdad als bedeutendes Handels- und Finanzzentrum

4. Handwerk und frühe Industrie

  • Hochentwickelte Produktion von Papier, Keramik, Seide, Waffen
  • Städtische Märkte (Suqs) sowie private und staatliche Werkstätten
  • Städte als wirtschaftliche Motoren

5. Geldwirtschaft und Finanzwesen

  • Weit verbreitete Währungen: Dinar (Gold) und Dirham (Silber)
  • Nutzung von Wechseln (ṣakk) als Vorläufer moderner Schecks
  • Kreditwesen und Handelsgesellschaften erleichterten größere Investitionen

Zusammenfassung:
Produktive Landwirtschaft + effiziente Besteuerung + internationaler Handel + städtisches Handwerk
+ fortschrittliches Finanzsystem.

Nicht vergessen: Der Aufstand der Zandsch war der größte Sklavenaufstand der Weltgeschichte – zwischen 869 und 883 in Mesopotamien gegen die Abbasiden, angeführt von Ali ibn Muhammad. Der steht gleichberechtigt neben Spartacus! Und er war ideologisch viel weiter, „denn er forderte die Gleichheit aller Menschen ohne Rücksicht auf ihre ethnische Zugehörigkeit“. Das beantwortet auch die Frage nach dem ökonomischen Charakter des Abbasidenreiches.

Es gibt offenbar drei ökonomische Gründe, warum Gesellschaften, die teilweise sklavistisch sind, aber „auf dem Weg“ zum Feudalismus, der Entwicklung in Nordwesteuropa „hinterherhinken“:

1. Gesellschaften, die sich aus einer tribalistischen Gesellschaft zur so genannten asiatischen Produktionsweise weiterentwickeln – wie der vordere Orient -, sind „langsamer“. Die Bauern stehen der staatlichen Herrschaft direkt gegenüber, die sie zu kollektiven Arbeiten zwingt.
Anmerkung: „Was die asiatische Produktionsweise jedoch von allen anderen Klassengesellschaften unterscheidet, ist, dass hier diese Funktionen direkt über die einfache Arbeitsteilung zwischen Hand- und Kopfarbeit ausgeführt werden, während sie in anderen Klassengesellschaften über das Privateigentum vermittelt sind. Hier tritt die im Staat organisierte Bürokratie als Organisator der Produktion und Kooperation auf.“

2. Die Arabische Agrarrevolution (zur Zeit des Abassidenreiches) stieß auf eine ökologische und ökonomische Grenze (wie auch die Green Revolution zur Zeit der Song-Dynastie in China, vgl. „Agrarisch und revolutionär (I), 21.02.2021), lief also in eine „Sackgasse“. Die Bauern wurden nicht – wie im mitteleuropäischen Frühfeudalismus – in der Grundherrschaft „organisiert“, sondern von ihrem Land vertrieben.

3. Die Sklavenhaltergesellschaften des Vorderen Orients und Afrikas entwickelten sind ähnlich wie die Ökonomie in West- und Nordeuropa – in Richtung Feudalismus -, aber hatten die Stufe der industriellen Revolution, die der Kapitalismus voraussetzt, noch nicht erreicht, als sie der europäische Kolonialismus schon überrollte.

Beispiel aus Flaig: „Dabei war die soziale Entwicklung in den einzelnen Regionen vielgestaltig und folgte keiner einheitlichen Entwicklungslinie. Mancherorts in der islamischen Welt wurden Bauern seit dem 9. Jh. hörig oder gar leibeigen; dagegen verwandelte beispielsweise das Emirat Bahrain unter dem Einfluss einer sozialrevolutionären Sekte im 11. Jh. 30 000 schwarze Staatssklaven, um seine Einwohner von niedrigen Arbeiten freizustellen. Massenhafte Sklaverei brauchte man auch in den Salz- und Kupferminen in der Sahara. In anderen Regionen entstanden regelrechte Latifundien mit großen Sklavenkontingenten, so z. B. in Tunesien und Algerien seit dem 9. Jh..“

„Hinzu kamen die Minen. Ihre Ausbeutung erreichte einen hohen Pegel. Das betraf nicht nur den Abbau von Gold im Senegal, welcher arbeitsintensiv war aber nicht mörderisch; es betraf vor allem den Ausbau der westsaharischen Salzminen bei Sijilmassa [Sidschilmasa], Idjil und Teghaza; die größte, Idjil, war 30 km lang und 12 km breit, abgebaut wurde Salz und Alaun. Das Salz ging auf Karawanen in den Sahel und den Sudan; diese Transporte übertrafen alles, was zu Lande vor der Erfindung der Eisenbahnen möglich war; manche Karawanen umfassten 6000 Kamele. Die Reisenden Ibn Battuta und Leo Africanus berichteten vom massenhaften Einsatz von Sklaven unter entsetzlichen Bedingungen; die Lebensdauer dieser Menschen war kurz, darum verschlangen diese Minen unablässig hohe Mengen an menschlicher Zufuhr, ebenso wie die Kupferminen bei Takkeda im mittleren Sudan“ [heute Niger].

وتَكَدَّةُ مدينةٌ كبيرةٌ، ليس بها شجرٌ، وبها معادنُ النحاس، وأهلُها يقتاتون منه،
والحرُّ بها شديدٌ، وكثيرٌ من الناس يموتون في العمل بها.

Takedda ist eine große Stadt, in der es keine Bäume gibt, und in der es Kupferminen gibt; und ihre Bewohner leben davon.
Die Hitze dort ist sehr stark, und viele Menschen sterben bei der Arbeit dort.
Ibn Baṭṭūṭa, Riḥla (14. Jh.), Passage zu Takedda

Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied, wie jeweils die herrschenden Klassen organisiert sind. In Griechenland entwickelte sich zuerst eine Demokratie, auch bekannt als „Volksherrschaft“, wobei mit „Volk“ nur die Freien gemeint sind. Auch Rom war ursprünglich eine Republik von Wehrbauern – erst in der Kaiserzeit ließ man die „demokratische“ Maske fallen.

In den muslimisch geprägten Sklavenhaltergesellschaften im vorderen Orient und in Afrika war das ganz anders: Demokratische Formen der Herrschaft hat es nie gegeben. Das hat einen Nachteil und einen Vorteil. Der Nachteil: Ist die herrschende Klasse tribalistisch organisiert („Stämme“ – wirksam bis heute), macht das das System instabil und anfällig für innere Revolten, weil jeder, der mit dem jeweiligen Herrscher verwandt ist, Ansprüche stellen kann. Die Situation ist vergleichbar mit dem Frühfeudalismus im Europa, dessen Struktur dazu führte, dass sich die herrschende Feudalklasse gegenseitig durch permanente Kriege aller gegen alle fast auslöschte.

Der Vorteil: Islamische Staaten unterschieden sich von allen anderen Hochkulturen, weil die Kinder der Herrscher Nachkommen von Sklavinnen (die eigentliche Funktion des „Harems“), also immun gegen tribalistische Loyalitäten waren. („Das abbasidische Kalifat gewann auf diese Weie eine relative Stabilität, allerdings um den Preis, daß nach 800 kein Kalif mehr eine freie Mutter hatte“ (Flaig)).

Das hat aber auch Folgen für die Form der Klassenherrschaft und der Staatsbildung: Da die „Bürokratie“ und das Militär – allesamt Sklaven – nur dem Herrscher gegenüber verpflichtet waren, konnte sich keine Form irgendeiner Teilhabe der Bürger entwickeln wie in Europa. Gleichzeitig wurde der Herrscher von seinen „Untergebenen“ absolut abhängig.

„Die islamische politische Kultur erzeugte somit einen Staatstyp, in dem alle Bestimmungen von Staatlichkeit – nämlich daß Menschen sich politisch organisieren . auf radikalste Weise pervertiert waren. Nach Meillassoux erreichte dieser Staatstyp das äußerste Stadium der Sklaverei und trieb ihre Logik auf die Spitze: Sklaven fungierten als Rädchen im Getriebe eine militärischen Maschine, welche jegliche Change auf politische Selbstbestimmung – von Städten oder Gemeinden zunichte macht; diese Maschinerie war aller politischen Freiheit tödlich, da sie – sogar bei Freilassung der Militärsklaven – einen Zustand perpetuierte, der immer weiter Rekrutierung von Sklaven erheischt.“

Merkmal Indien Römisches Reich Islamische Welt
Zeitlicher Schwerpunkt ca. 1500 v. Chr. – 1500 ca. 500 v. Chr. – 500 n. Chr. ca. 700 – 1600
Rechtlicher Status Sozial und religiös reguliert Sache (res), rechtlos Mensch mit eingeschränkten Rechten
Wirtschaftliche Rolle Haushalt, Tempel, Dorfsysteme Latifundien, Bergbau, Städte Haushalt, Militär, Verwaltung
Massensklaverei nicht systemprägend zentral für Wirtschaft regional unterschiedlich
Freilassung möglich, sozial eingebettet häufig, aber statusbegrenzt religiös gefördert
Soziale Mobilität stark durch Kaste begrenzt begrenzt, aber vorhanden vergleichsweise hoch

Wir können jetzt Indien einschließen – der Norden wurde ohnehin islamisch, unterscheidet sich strukturell und ökonomisch nicht von Nordafrika. China ist ein Spezialfall, dazu kommen wir später.

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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
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– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
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– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)

Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)

Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)

Sklavenhaltergesellschaften in Afrika 1, Addendum

– Addendum zu Sklavenhaltergesellschaften in Afrika 1 v. 02.01.2026 –

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Solche historischen Dokumente würden so genannte „linken“ Verlage nicht mehr abdrucken – oder sie verfälschen.

Das hiesige Publikum empfahl als zusätzliche Lektüre von Eric Eustace Williams Kapitalismus und Sklaverei Kapitalismus und Sklaverei: Mit einem Vorwort von William A. Darity Jr., einer Einleitung von Colin A. Palmer und einem Beitrag von Bafta Sarbo und René Arnsburg (Marxistische Schriften).

Triggerwarnung: Das Buch ist mit Gendersternchen/Gendersprache gespickt („Sklav*innen“) und somit fast unleserlich. Nicht nur das: Es zensiert historische Zitate und schreibt diese im Sinne woker Sitten um, was ich schon reichlich unverschämt finde und respektlos gegenüber den Lesern. Wenn also jemand vor 200 Jahren auf Englisch „Nigger“ gesagt hat, steht da „n*****. Ich finde das unfassbar dämlich und zum Fremdschämen. Für so einen reaktionären sprachesoterischen Quatsch gebe ich kein Geld aus; ich hätte gleich die englische Version nehmen sollen. Ich habe gar nicht mehr nachgesehen, ob sie das auch bei Marx-Zitaten machen. Zuzutrauen wäre es dem Verlag – das ist schon fast wie in einem Sektenmilieu. Ich werde von denen kein weiteres Buch mehr kaufen und auch anderen davon abraten.

Der Autor von Capitalism and Slavery (1944) war der 1. Premierminister von Trinidad und Tobago und hatte Geschichte an der Universität von Oxford studiert. Sein Einfluss in Trinidad kann gar nicht unterschätzt werden, was seine Publikationen angeht. Und natürlich hat sein Hauptwerk sowohl wütende Ablehnung als auch begeisterten Zuspruch gefunden. „Als Williams später Premierminister wurde, machte man ihm gelegentlich den Vorwurf, er sei ein Marxist“… Das ist für mich kein Vorwurf, sondern ein Kompliment.

Für unser Thema ist „Rassismus“ nicht das primäre Problem, obwohl das auch bei Egon Flaigs: „Weltgeschichte der Sklaverei: Von der Antike bis zur Gegenwart“ ausführlich behandelt wird.

Die neuere Forschung, insbesondere die Arbeit des verstorbenen Cedric Robinson, scheint Williams Position anzufechten. In seiner Analyse des »racial capitalism« argumentiert Robinson, dass der Rassismus – die Praxis, »die Anderen« für von Natur aus minderwertig zu erklären und zu behaupten, dass sie ihre Unterwerfung verdient hätten – älter ist als der transatlantische Sklavenhandel und die Sklaverei in Amerika. Er verweist auf die vorhergehende Rassifizierung einiger europäischer Gruppen durch andere als festen Bestandteil der gruppenbezogenen Ausbeutung und des Kolonialismus innerhalb Europas.

Aber das geht an der Sache vorbei; Williams lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Ursprünge des Rassismus gegen Schwarze, nicht auf die Ursprünge des Rassismus allgemein. Er behauptet, dass der Beginn der weißen Vorherrschaft eine materielle Basis hatte.

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Detail of Contrabands Aboard U.S. Ship Vermont, Port Royal, South Carolina, 1862

Was Williams aber von anderen Autoren – vor allem auch von den marxistischen Historikern – unterscheidet, ist seine dritte These:

Die dritte These, die in »Kapitalismus und Sklaverei« über weite Strecken eine große Rolle einnimmt, ist das Argument, dass der afrikanische Sklavenhandel und die Sklaverei in der Karibik die industrielle Entwicklung in Großbritannien befeuerten und die Sklaverei die Grundlage für den britischen Kapitalismus bildete. Williams argumentiert, dass, während der Sklavenhandel und die Sklaverei während des größten Teils des 18. Jahrhunderts für die Entwicklung der britischen Wirtschaft entscheidend waren, ihre Bedeutung schwand, nachdem das Projekt der »Manufakturperiode« erst einmal abgeschlossen war.

Das bedeutet: Obwohl in Mittel-und Nordeuropa seit der Spätantike sich der Feudalismus durchsetzt – und in klassischer Weise auch in Japan -, sei die immer noch vorhandene Sklaverei die Basis für die Entwicklung zum Kapitalismus. Die interessante These wäre erwägenswert, wenn sie sich auf Regionen bezöge, die sich noch gar nicht bis zum Feudalismus entwickelt hatte. Aber das gibt es nicht: Der Frühkapitalismus braucht freie Arbeitskräfte, die er in einem bestimmten Stadium von der Landflucht und vom „Bauernlegen“ bekommt.

Natürlich ist, was die Arbeitsbedingungen des Frühkapitalismus angeht, der Unterschied zwischen der klassischen Lohnarbeit und Sklaverei marginal und nur theoretisch-analytischer Natur.

Nichtsdestotrotz drückte Marx sich im 24. Kapitel des ersten Bandes von »Das Kapital« [„Die Ursprüngliche Akkumulation“] sehr deutlich aus, als er die Sklaverei in der »Neuen Welt« als wesentlichen Pfeiler des Aufstiegs der britischen Industrie bezeichnete. Marx’ Kommentar, dass »die verhüllte Sklaverei der Lohnarbeiter in Europa zum Piedestal die Sklaverei sans phrase (ohne Hülle) in der Neuen Welt« benötigte, entspricht voll und ganz der dritten These in »Kapitalismus und Sklaverei«.

Marx dachte und schrieb extrem präzise – ich verstehe das obige Zitat metaphorisch. Das Problem ist ohnehin nicht neu: „In marxistischen Diskussionen wurde oftmals die Frage diskutiert, ob die ursprüngliche Akkumulation eine historische Phase oder ein kontinuierlicher Prozess sei.“ Wäre letzteres der Fall, würde ein immer Sklaverei geben, auch im voll entwickelte Kapitalismus, zum Beispiel heute in Russland und Indien.

Ich habe mir das Thema von einem Roboter kurz zusammenfassen lassen:

Eric Williams hat in seinem vielbeachteten Buch
Capitalism and Slavery von 1944 vier Thesen vorgebracht:

  1. Der Rassismus sei nicht die Ursache der Sklaverei, sondern deren Folge.
  2. Die Plantagenwirtschaft habe die industrielle Revolution beschleunigt.
  3. Seit 1776 habe sich die Plantagenökonomie im Niedergang befunden.
  4. Die Abolition sei weniger den Bemühungen religiöser Eliten zu verdanken, sondern den ökonomischen Interessen der neuen englischen Eliten.

Egon Flaig hat sich ebenso mit den Thesen Williams‘ beschäftigt: Die erste These hat sich durchgesetzt und ist nicht mehr umstritten. [Das bezieht Flaig – mit vielen Argumenten – auch auf Afrika und den Islam.] Die dritte ist durch eine Vielzahl ökonometrischer Studien umfassend widerlegt. Die vierte wurde nur von marxoiden [sic] Strömungen in der Forschung ernst genommen und darf nach gründlichen kulturgeschichtlichen Forschungen als falsch bezeichnet werden. (Die zweite These Williams‘ bezieht sich nur auf die USA und die Karibik.)

[Der zweite Teil zu Sklavenhaltergesellschaften in Afrika folgt.]

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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
– Agrarisch und revolutionär II (15.05.2021)
– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
– Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III) (27.11.2021)
– Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV) (17.12.2021)
– Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V) (23.12.21)
– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
– Blut, Nägel und geküsste Tafeln, schmuckschließend (Essener Domschatz VI) (18.04.2022)
– Missing Link oder: Franziska und kleine Könige (28.05.2022)
– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)

Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)

Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)

Tanais

hereford map
Hereford-Weltkarte, Ende 13. Jh.

Ich habe den Beyer erst halb durch, er ist interessanter, als ich dachte.



כל ארץ צפון כלה עד די דבק ל[…]¹¹
ים רבא […]¹⁶ פניה נהרא […]⁸¹⁷ […]
לחזקק […] לארם ארנא די […]¹⁰
דן ועבר חולקא די למערבא עד דבק […]¹¹
ועל ריש תלח חולקא […]¹⁶
לגמר יהב לקדמין בצפונא עד די דבק לים
נהרא ובתרה למגוג […]


¹⁶¹¹ […] das ganze nördliche Land insgesamt, bis er (= sein Anteil)
angrenzte an […]¹² diese Grenze das Wasser des großen Meeres
(des Mittelmeeres) […]¹⁶ den Fluß Tina [Tanais, heute Don]
[…]¹⁷⁸ im Westen nach Assur, bis er angrenzte an den Tigris
[…] ⁹ dem Aram das Land, welches […], bis er angrenzte an die
Spitze von […]¹⁰ diesen Berg des Stiers (Amanusgebirge nördlich
des Golfs von Alexandret ta), und dieser Anteil erstreckte sich nach
Westen bis er angrenzte an […]¹¹ und gegen die Spitze der drei
Anteile […] dem Arpaksad […]¹⁶ dem Gomer gab er zuerst im
Norden, bis er angrenzte an den Fluß Tina, und nach ihm dem
Magog […].

Übersetzung einer der Qumran-Texte durch Breyer

Moment aka wait a minute. Die ältesten Schriften aus Qumran stammen aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert, die jüngsten aus dem 1. Jh. n. Chr.

Die obige Passage handelt davon, wie Noah (aka Noach) die Erde unter seinen Nachkommen verteilt (das ist der mit der Arche). Die Sintflut fand ungefähr um 7500 v. Chr. statt, als das Mittelmeer durch die Dardanellen brach, und hat sich bei vielen Völkern als Legende in das kollektive Gedächtnis eingebrannt, wie etwa dem Gilgamesch-Epos aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend (aus dem die Bibel vermutlich abgeschrieben hat).

Frage: Woher kennen die Qumran-Schreiber den Don am Asowschen Meer?

(Vgl. oben) Der ist ganz schon weit weg von der Levante. Der Don hieß in der Antike Tanaïs und galt als die östliche Grenze Europas – laut gotischen und isländischen Geschichtsschreibern.

Aber heute glaube ich nichts und hake nach, weil ich auch noch das Interview mit KI-Forscher Michael Gerlich gelesen habe: „Aber wenn man hundertmal die KI nutzt und hundertmal zufrieden war oder sogar schon automatisch die Antworten übernimmt, dann entscheidet im Endeffekt längst die KI und nicht mehr der Mensch. Aber diejenigen, die das nicht möchten, und das hat meine Studie gezeigt, die erreichen bis zu 60 Prozent Verbesserung der Leistung, also des Outputs, indem sie gezielt mit der KI zusammenarbeiten.“ Ich bin für „gezielt“.

Kurzantwort:
Im hebräisch-aramäischen Text steht nicht die deutsche Wortgruppe
„der Fluss Tina“, sondern der Ausdruck

נהרא טינא

(nahrā Tīnā), wörtlich:
„der Fluss Tina / Tanais“.

Sprachliche Erklärung:

נהרא

(nahrā) ist aramäisch für „Fluss“ und entspricht dem
hebräischen נהר (nahar).

טינא

(Tīnā) ist die aramäische Lautform von
Tanais, dem antiken Namen des Don.

Zur Textüberlieferung:
In der gedruckten Edition erscheint die relevante Stelle nur
fragmentarisch (mit […]). Der Eigenname
טינא
ist dort nicht vollständig erhalten, wird jedoch aus
Parallelüberlieferungen und aus dem geographischen Kontext
(Grenzbeschreibung des Nordens) zuverlässig erschlossen.

hereford map

Ich fragte natürlich die KI, wo der Tanais aka Don auf der Hereford-Karte sei, und ChatGPT sollte gefälligst auf der hochgeladenen Karte markieren, wo Tanais stehe. Ich kriegte aber eine komplett halluzinierte Karte, die sogar dreist verfälscht (vgl oben).

„Auf der Original-Karte steht das Worte Tanais aber nicht: Es gibt auch keine Verbindung zwischen dem nord-südlichen Fluss oberhalb der Insel zu der Region, die orange markiert ist.“

„Du hast vollkommen recht – und danke, dass du so genau hinschaust. Die vorherige Markierung war nicht korrekt“. Bitte und gern geschehen. „Auf der Hereford-Mappa-Mundi ist der Tanais nicht eindeutig lokalisierbar wie auf ptolemäischen oder schematischen Weltkarten.“

Quellen? Scott D. Westrem, The Hereford Map: A Transcription and Translation of the Legends (2001) – Standardwerk: The river traditionally taken to represent the Tanais is not clearly distinguished from other northern rivers on the map.“ Es gibt also gar keine antike oder mittelalterliche Karte, die den Don zeigt. Aber Quellen:

Die Berufung auf den Tanais auf der Hereford-Karte stützt sich auf diese lateinischen Autoritäten:

1. Isidor von Sevilla
Etymologiarum sive Originum libri XX,
Buch XIV, Kapitel 3, §31.
Maßgebliche Edition:
W. M. Lindsay (Hg.), Isidori Hispalensis Episcopi Etymologiarum sive Originum Libri XX,
2 Bände, Oxford: Clarendon Press, 1911.

2. Paulus Orosius
Historiae adversus paganos,
Buch I, Kapitel 2, §48.
Maßgebliche Edition:
C. Zangemeister (Hg.), Pauli Orosii Historiarum adversum paganos libri VII,
Leipzig: Teubner, 1889 (Nachdrucke gebräuchlich).

3. Plinius der Ältere
Naturalis Historia,
Buch IV, §78.
Maßgebliche Edition:
L. Ian & K. Mayhoff (Hg.), C. Plini Secundi Naturalis Historiae Libri XXXVII,
Leipzig: Teubner, 1892–1909.

4. Gaius Iulius Solinus
Collectanea rerum memorabilium,
Kapitel 19, §1.
Maßgebliche Edition:
Th. Mommsen (Hg.), C. Iulii Solini Collectanea rerum memorabilium,
Berlin: Weidmann, 1895.

Das Asowsche Meer aka Palus Maeotis war nie Teil des römischen Reiches. Der Schreiber der Qumran-Texte, der dem legendären Noach gute geografische Kenntnisse unterjubelten, war auch nicht schlecht in Erdkunde. Und man muss davon ausgehen, dass auch die Leser oder Zuhörer, des es gab, wenn die Schriftrollen in Gebrauch waren, mit dem Begriff etwas anfangen konnten.

🕍 Die früheste jüdische Quelle: Flavius Josephus, Werk: Antiquitates Iudaicae Zeit: ca. 93/94 n. Chr. Stelle: I, 6, 1 (Ant. Iud. 122–124, Zählung je nach Edition).

οἱ δὲ τοῦ Ἰάφεθ υἱοὶ τὴν ἀπὸ τοῦ Ταύρου καὶ Ἀμανῶν ὄρους μέχρι Τανάϊδος χώραν ᾤκησαν. (Die Söhne Japhets aber bewohnten das Land vom Taurus- und Amanusgebirge bis zum Tanais. Nein, ich kann kein Griechisch.)

👉 Hier erscheint der Tanais erstmals explizit in einem jüdischen Werk.

Neue Ware eingetroffen

aramäische Textearamäische Texte

Neu in meiner Bibliothek: Klaus Beyer: Die aramäischen Texte vom Toten Meer: Bd 1: Samt den Inschriften aus Palästina, dem Testament Levis aus der Kairoer Genisa, der Fastenrolle und den alten talmudischen Zitaten, Göttingen 1984 (kostete früher 240,00 DM, neu jetzt 300 Euro. ich habe es natürlich gebraucht für einen Bruchteil der Summe gekauft).

Muss man das kennen? Natürlich nicht. Da die Nachgeborenen des Lesens längere Sätze ohnehin unkundig sind, suhle ich mich in dem Gefühl, eine aussterbende Kulturtechnik zu beherrschen, was aber heißt, dass ich hier Perlen vor die Säue würfe, es sei denn, das Publikum bestünde aus bildungsbeflissenen EDV-Opas, was ein nicht existierendes höhere Wesen verhüten möge.

Der Breyer hat knapp 800 Seiten, aber die Hälfte davon besteht aus Grammatik des Aramäischen, Wörterbuch und Register. Das erinnerte mich an eine meiner Studentinnen, die auf die Frage, was ihre Muttersprache sei „Aramäisch“ antwortete und mich so dabei ansah, als erwartete sie, ich würde antworten: „Was ist das denn“?, wobei sie sich bei mir natürlich irrte. Hätte sie „Turoyo“ gesagt, wäre ich mit meinem Latein [sic] am Ende gewesen.

Ich habe die Qumram-Höhlen im Oktober auf meiner To-Do-Liste; im Kalya Kibbutz war ich schon 2023, aber nur ein paar Minuten, bei der Reise per Bus von Jerusalem zum Toten Meer und zurück.

dead sea

The international community considers Israeli settlements in the West Bank illegal under international law, but the Israeli government disputes this.

Da muss ich dann sowieso hin und der international community zuwinken. Die tiefste Bar der Welt ist natürlich auch ganz nett.

pa‘‘el

Der Faktitiv-Resultativstamm (pa‘‘el) wird durch Längung des mittleren Konsonanten
(ursprünglich durch Verdoppelung der ganzen Wurzel) gebildet. Er zeigt im Perf. und Imp.
die Form qattēl, dessen teilweise durch ’ bezeichnet ist (→ 417):
זבינת „ich verkaufte“ (M), מליל „er redete“ (aRES 1785B,4: um 100 v. Chr.),
מגיש „er nahm magische Beschwörungen vor“ (aKAI 265,2: um Christi Geburt),
עזיד „er richtete her“ (aŠimbar 1–5: 2. Jh. n. Chr.).

Das Impf. hat den Präformativvokal (a) (→ 111).
Das Perf. passiv lautet qottēl (→ 152. 492),
der Inf. absol. qattālā (mit Femininenendung: → 435. 449;
mittelaram. mit m-: → 150: מאסירא „heilen“: oo),
constr. qattālût (→ 456),
das Partz. maqattēl,
das Partz. passiv maqattāl (→ 111. 130f.)
oder maqottāl (→ 37 Anm. 1).

Als Verbalabstrakta dienen
qatalīn (?) qittūl qalqūl maqlāl
taqtūlā taqtīl qattālût.

Wozu? Ich finde es auch lustig, den letzten Teil durchzublättern, weil ich vielleicht mein dürftiges Hebräisch auffrischen kann. Ich werde das ganze Buch heute während meiner 12-stündigen Nachtschicht durchlesen, natürlich nur während der gesetzlich vorgeschriebenen Pausen – sonst wäre das verboten.

Unten: Osten-Sacken, Peter von der (Hrsg.): Zionismus – Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, Institut Kirche und Judentum, 1986.

zionismus

Araber, Juden und Christen im unheiligen Land

Wir müssen heute etwas total Überflüssiges durchnehmen. Warum und zu welchem Ende liest man Heyer, Friedrich: Kirchengeschichte des Heiligen Landes, was ich vorgestern und gestern getan habe? Natürlich interessiert das niemanden außer mir, und ich machte das auch nur aus egoistischen Gründen dergestalt, dass ich hier auf meinem Blog sozusagen das Exzerpt platziere, obwohl ich auch in jedem Buch, das ich lese, herum- und unterstreiche, dass ich das Wichtigste beim nächsten Mal schneller finde.

[Die kursiven Passagen sind Zitate.] Ich war jedoch von diesem Buch recht überrascht. Ich erwartete drögen Stoff, den man im Schnellverfahren abhandeln könnte, nur der Form halber, weil es als Standardwerk zum Thema gilt.

Stattdessen kam ich aus dem Staunen über mein eigenes Unwissen gar nicht mehr heraus.

Kirchengeschichte

Ich musste nicht nur zahllose Namen und Begriffe googlen, sondern lernte auch Nützliches über die Spätantike. Man merkt doch immer wieder, wie eurozentiert der Blick ist, ganz zu schweigen davon, dass das Thema in den hiesigen Universitäten vermutlich gar nicht auftaucht oder nur eineinhalb Interessenten beschäftigt, die des Genderns überdrüssig sind. [Es war auch zum Teil schwierig, die richtigen Links zu finden, weil manche Namen über die Jahrhunderte mehrfach auftauchen. Aber die Recherche parallel zur Lektüre und kombiniert mit ChatGPT machte Spaß, weil sie viel mehr Details liefert und sogar kleine Fehler im Buch – das ja vor dem Internet entstanden ist – richtigstellt. Zum Beispiel gab es keinen Vertrag zwischen Karl dem Großen und Harun al-Raschid, obwohl Heyer das behauptet. ChatGPT spuckte sogar unaufgefordert das lateinische Zitat aus Einhards Vita Karoli Magni (um 830) aus: Cum Aarone rege Persarum, qui totum pene Orientem tenebat, amicitiam fecit. (Mit Aaron, dem König der Perser, der fast den ganzen Orient beherrschte, schloss er Freundschaft). Nur dass – und keinen Vertrag.]

Aber zunächst Unterhaltung.

Des Apphianus Halbbruder Ädesius, der allzeit im ärmlichen Philosophenmantel ein Asketenleben führte, in der wissenschaftlichen Bildung seinem Bruder noch überlegen (Mitschüler des Euseb[ius von Caesarea] in der Schule von Cäsarea), wagte in Alexandria ähnliches wie sein Bruder. Als er sah, wie der dortige Richter angesehene Männer, weil sie Christen waren, mißhandelte und Jungfrauen Bordellhaltern übergab, trat er an den Richter heran, schlug ihn mit beiden Händen ins Gesicht, überhäufte ihn mit Schimpfworten und warf ihn zu Boden. Auch er wurde ertränkt. In Tyrus wurde in der gleichen Zeit der junge Ulpianus nach fürchterlichen Geißelungen mit einem Hund und einer Giftschlange in rohe Rindshaut eingenäht und ins Meer geworfen.

Vermutlich hätte ich noch eine Warnung voranschicken sollen. „Beim Lesen der Zitate könnte das Publikum verstört werden! Jugendliche unter 18 dürfen die Passagen nur embedded in Gegenwart eines weltanschaulich gefestigten Journalisten Erwachsenen konsumieren.“

Als Kaiser Maximinius Daja am 20. November 306 in Cäsarea zur Feier seines Geburtstages Festspiele veranstaltete, bei denen Verbrecher in der Arena mit Tieren aus Indien oder Äthiopien kämpfen sollten, holte man den Agapius zusammen mit einem Sklaven, der seinen Herrn ermordet hatte, heran. Agapius war schon drei- oder viermal zum Tierkampf ins Stadion geführt, aber immer wieder zurückgestellt worden. Das Theater hallte von Beifallsbezeugungen wider, als der Kaiser dem Mörder Leben und Freiheit schenkte. »Den Kämpfer für das Christentum liebe der Tyrann vor sich rufen«, verlangte von ihm die Verleugnung des Glaubens, wofür er ihm die Freiheit anbot. Agapius schritt lieber der losgelassenen Bärin entgegen. Noch atmend brachte man ihn ins Gefängnis, wo er noch einen Tag lebte. Mit Steinen an den Füßen wurde er ins Meer versenkt.

Ghassaniden

Hätten Sie’s gewusst? Die Araber waren Alliierte Roms und Christen. Erst in der Spätantike wurden sie Muslims. Sie lebten damals auch nicht in Palästina. Von wegen „Palästinenser“. Aber sage das jemand den heutigen hohlköpfigen Palituch-Trägern und so genannten „Linken“!

Um das Jahr 500 hatten sich arabische Stämme, die sich um die mächtige Familie Ghassan gruppierten – vom byzantinischen General Romanos besiegt – dem Kaiser Anastasios gegenüber zum Dienst bereit gezeigt. Sie grenzten das byzantinische Reich gegen Persien ab und halfen die aufständischen Samariter zu überwältigen. Ihre Herrscher hingen freilich dem antichalcedonensischen Glauben an. Verfolgte Monophysiten aus dem byzantinischen Reich suchten bei ihnen Zuflucht. Daß die Kaiser infolge ihres Ränkespiels den Grenzschutz der Ghassaniden einbüßten, machte einen Einfall der Perser unter Chosroes ins Heilige Land im Jahre 614 möglich. Juden und Samariter begrüßten sie stürmisch.

Auch das noch! Juden bejubeln die Iraner Perser, die das Heilige Land erobern, in dem die Mehrheit Christen, also Byzantiner waren! Antichalcedonisch? Monophysiten? Das sage ich bei einem Barbesuch auf die Frage: „Bist du religiös?“ – „Ich bin antichalcedonischer Monophysit!“

Die Perser unterwarfen die palästinensische Hauptstadt Cäsarea (die damit ihre Bedeutung verlor) und Lydda und erschienen vor Jerusalem. Die Mönche der jüdischen Wüste flohen über den Jordan. Im Vertrauen, Gott werde seine Heilige Stadt schützen, hinderten rebellische Gruppen den Patriarchen Zacharias an friedlichen Verhandlungen mit dem Feind. So schickte Zacharias den Mönch Modestus aus dem Theodosioskloster zur byzantinischen Garnison von Jericho, Hilfe aufzubieten. Umsonst! Nach 20 Tagen brach die Eudokiamauer unter den Stößen des persischen Rammbocks zusammen. Als die Perser am 20. Mai in die Stadt stürmten, stachen sie nieder, wen sie trafen, und verbrannten Grabeskirche, Himmelfahrtskirche und Sion. Aus den Übriggebliebenen, aus den Verstecken gerufen, wurden nur die Handwerker zum Abtransport ausgesucht. Die in diesem Sinne Unbrauchbaren wurden in den Teich von Mamilla getrieben und dort ertränkt, oder sie erhielten einen Gnadenstoß von jüdischer Hand.

Moment. Die Juden brachten die Christen um, die nicht „nützlich“ waren?

Der tugendhafte Thomas und seine Gattin begruben die 33 000 Toten. Patriarch Zacharias wurde in die Gefangenschaft verschleppt, die Kreuzreliquie nach Persien entführt. – Unter den Deportierten befand sich der Diakon Eusebios mit seinen zwei Töchtern, 8 und 10 Jahre alt. Die persischen Priester forderten die Kinder zur persischen Feueranbetung auf, doch gestützt auf die Ermahnungen ihres Vaters verweigerten sich die Mädchen. Sie wurden hingemordet, der Vater ins Feuer gestoßen. Darüber schrieb Patriarch Sophronios einen Hymnus, den bewegendsten unter allen seinen Dichtungen.

sophronicus
Patriarch Sophronius von Jerusalem, Menologion von Basil II

Die christlichen Araber sind schuld, dass die muslimischen Araber Palästina erobern konnten. Und das kam so:

Nachdem 635 Damaskus in arabische Hand gefallen war, erkannte Kaiser Heraklius die drohende Gefahr. Zwei Heere entsandte er gegen Omar [ʿUmar ibn al-Chattāb, auch: Omar ibn–al-Khattab], eines, das in Armenien ausgehoben war, unter Fürst Vahan, das andere unter Theodor Trithyrios.

Am heißen Sommertag des 20. August 636 verloren die Byzantiner am Jarmuk, dem östlichen Nebenfluß des Jordan, die Entscheidungsschlacht. Mitten im Kampf gingen 12 000 christliche Araber [die Ghassaniden] zum Feind über. Als Nonchalcedonenser haßten sie Byzanz. Den Soldaten des Kaisers wehte der Sandsturm in die Augen. Als Sophronios erfuhr, daß Jericho in gegnerischer Hand sei, schaffte er die Kreuzreliquie bei Nacht zur Küste, damit sie nach Konstantinopel verbracht würde.

battle Yarmuk
Schlacht von Jarmuk, 638 n. Chr., anonyme katalanische Illustration, ca. 1310 – 1325

Über den Fall der Heiligen Stadt gibt es unterschiedliche historische Berichte. Am wahrscheinlichsten ist, daß Jerusalem von einem unbekannten Stammesscheich Khalid b. Thabit al-Fahmi eingenommen wurde, der Jerusalem gegen Tributzahlung unzerstört ließ. Die spätere Phantasie haftete jedoch an einem Bericht, demzufolge der greise Patriarch Sophronios die Heilige Stadt den Muslimen übergeben habe. Der Patriarch habe gefordert, daß Kalif Omar [Omar ibn–al-Khattab] selbst in Person anwesend sei. Im 17. Jahr der Hedschra, das heißt im Februar 638, begegneten sich Sophronios und Omar auf dem Ölberg. Der alte Patriarch mußte sich vor dem Eroberer demütigen. Sophronios bot dem Kalifen an, in der Anastasis zu beten. Doch Omar erwiderte: »Wenn ich in Deinem Tempel beten würde, würdest du ihn später verlieren, denn die Muselmanen würden ihn dir nach meinem Tod wegnehmen, indem sie sagten: Hier hat Omar gebetet.«

„Jhesus aber sprach zu ihnen: Sehet jr nicht das alles? Warlich ich sage euch, Es wird hie nicht eyn steyn auff dem andern bleiben, der nicht zu brochen werde.“ (Matthäus 24,2, Lutherbibel 1525)

Der Kalif wünschte statt dessen ein Terrain zu sehen, auf dem er eine Moschee bauen könnte. Die Sage berichtet, Sophronios habe ihn auf den Tempelplatz geführt, der bis dahin wüst gelegen hatte; die Christen respektierten nämlich die Prophezeiung des Herrn, daß hier kein Stein auf dem andern bleiben werde. Omar habe sogleich mit eigenen Händen begonnen, in der Mitte des Platzes Trümmer wegzuräumen. Der Felsendom, von syrischen Kirchenarchitekten nach der Art errichtet, wie sie eine christliche Kirche gebaut haben würden, entstand freilich erst 691. Der arabische Historiker Mukkadasi [al-Muqaddasī] beschreibt das dabei vorwaltende Motiv so: Dieser Bau sei errichtet worden, damit die Pracht der Grabeskirche die Muslime nicht verwirre.

Trotz der Herrschaft muslimischer Mächte war Palästina bis zu den Kreuzzügen noch immer ein majoritär christliches Land geblieben.

Jerusalem
Jerusalem auf der Mosaikkarte von Madaba, 6. Jh. n. Chr.

Die Juden, denen Julian Apostata die Rückkehr nach Jerusalem gestattet hatte, waren von den Kreuzfahrern wieder ausgetilgt worden. Nach Zerstörung des Kreuzfahrerreichs durften sie wieder in ganz Palästina siedeln.

Als die katholischen Majestäten 1492 die Judenschaft Spaniens vertrieben, nahm Sultan Bayazid die Exulanten [sic] großzügig im Osmanischen Reich auf. Unter 70000 Sefarden, die sich in den türkischen Häfen einfanden und in urbanen Zentren des Inneren ihre Kolonien schufen, waren vor allem religiös gestimmte Juden vertreten, die in der Kabbala lebten – jener mystischen Strömung, die anfangs des 13. Jhs. in der spanischen Stadt Gerona [Girona] ihre bedeut3enden Schriftsteller gefunden hatte. Im Heiligen Land gewann das Judentum eine neue geistige Präsenz iim obegaliläischen Safed….“

1777 trafen die ersten Chassidim aus Russland in Palästina ein… Also noch mal ganz langsam. Wie kann jemand behaupten, die Juden seien „Kolonisten“, obwohl sie viel früher als die Araber in Palästina waren?

Aber wenden wir uns von der Politik ab und den Religonen des Friedens zu. Heyers Buch reicht bis in die Gegenwart – also die 80er-Jahre. Über die Grabeskirche, in der ich jetzt schon zwei Mal war und mich immer noch nicht auskenne (das ist die mit dem afrikanischen Kloster auf dem Dach):

Das Protokoll der Berliner Konferenz von 1878 bestätigte den Status quo. Diese Regelung der Rechtsverhältnisse an den Heiligen Stätten blieb das letzte Wort. Tatsächlich handelte es sich um eine bloße Beschreibung der Gebräuche, wie sie sich historisch eingespielt hatten. Ein Versuch, 1902 den Status quo in eine Kodifikation umzumünzen, mißlang. Die bisherigen Rechte der Kustodie gingen auf das lateinische Patriarchat über. Die Forderung der Franziskaner, daß das Aedicuium der Grabeskirche, die obere Geburtsbasilika in Bethlehem und das Mariengrab im Josaphattal zurückgegeben würden, die 1757 den Lateinern genommen waren, blieb unerfüllt.

Auch den nonchalcedonensischen Kirchen – den Armeniern, Kopten und Syrern [gemeint ist die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien] – spricht der Status quo bestimmte Rechte zu. So besitzen die Kopten das Recht, Tag und Nacht in der Grabeskirche zu räuchern und bestimmte Lampen aufzuhängen, etwa am Salbungsstein zwei Lampen, außerdem in der Karwoche in Prozession das Christusgrab zu umschreiten. In Fastenzeiten dürfen die Kopten täglich eine Eucharistie in der Grabeskirche feiern, sonst zweimal in jeder Woche. Am Himmelfahrtstage dürfen sie im Imbomon ihr Zelt aufschlagen und einen eigenen Altar errichten. Auch in Bethlehem und am Mariengrab besitzen die Kopten bestimmte Rechte.

Jede der im Status quo privilegierten Kirchen wachte eifersüchtig darüber, daß die Partner ihre Grenzen in den im Vertrag einbezogenen Stätten nicht überschritten und die im Text nicht aufgeführten Kirchengemeinschaften ausgeschlossen blieben. Da der Status quo katholischen Institutionen nur insofern Rechte zuerkennt, als diese sich an das lateinische Patriarchat ankristallisieren, sind die mit Rom unierten Christen ausgeschlossen. Unierte Kleriker dürfen in der Grabes- und der Geburtskirche nicht einmal privat zelebrieren.

Als 1888 der Präsident der Russischen Palästina-Gesellschaft, Großfürst Sergij, und seine Gattin Elisaveta Jerusalem besuchten, erfolgte insofern ein Übergriff über die vom Status quo gezogenen Grenzen, als der russische Archimandrit auf dem Kalvarienberg für die hohen Herrschaften in Kirchenslawisch zelebrierte. Beim Eucharistischen Kongreß, den die katholischen Christen vom 15.–20. Mai 1893 nach Jerusalem einberiefen, ließen die Lateiner, was im Status quo nicht vorgesehen ist, die mit Rom unierten Ostchristen an diesem Ort feiern. Als im Jahre 1960 der syrisch-katholische Hierarch Ephraim aus Mossul am lateinischen Altar in der Geburtsgrotte zelebrierte, prügelte ihn ein griechischer Mönch – mitten in der Messe – hinaus.

Man kann die Israelis nur bedauern, dass sie da für Ordnung sorgen müssen. Vermutlich müssen sie auch immer erst nachsehen in einer langen Liste, mit wem sie es gerade zu tun haben.

Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I

sklavenkarawane

Vorrede 1: Ich hatte am 23.07.25 auf das Thema „Sklavenhandel in Afrika“ und das Buch Egon Flaigs: „Weltgeschichte der Sklaverei: Von der Antike bis zur Gegenwart“ hingewiesen.

Vorrede 2: Ich hätte Flaig schon viel früher lesen sollen, aber ich kannte ihn nicht. Leider müssen wir die Sklavenhaltergesellschaft daher noch einmal aus einer anderen Perspektive durchnehmen betrachten (bevor wir mit dem Needham-Rätsel, wie schon angedeutet, fortfahren). Ich muss auch meine Arbeitshypothese vom 08.05.2025 („Abstrahierte ökonomische Universale, revisited“) ein wenig modifizieren.

Die marxistisch geprägte Geschichtswissenschaft irrte, wenn sie die Abfolge der Gesellschaftsformationen, wie sie in Europa zu beobachten ist, auf den Rest der Welt übertragen wollte. Es gab weder überall eine Sklavenhaltergesellschaft, wie in der Antike, vor allem im römischen Reich, noch ist sie eine notwendige Entwicklungsstufe zum Feudalismus.

Das stimmt noch. Aber man muss die Frage stellen: Waren die muslimischen Staaten Afrikas – vor der europäischen Kolonisierung – Sklavenhaltergesellschaften, vergleichbar mit Sparta oder dem antiken Rom? Wenn nicht – gab es Ansätze von Feudalismus? Die Reiche von Gana, Mali oder Songhai kann man wohl kaum als „asiatische Produktionsweise“ oder gar als eine Form der tribalistischen „Urgesellschaft“ verstehen. Hat die bisherige marxistische Geschichtswissenschaft etwas Wesentliches übersehen – eine bisher unbekannte Gesellschaftsformation – , weil sie zu eurozentrisch dachte? (Vgl. 28.12.2024: „Mansa Musa und unterkomplexe Wahlaufrufe“ und 20.08.2025: „Sklavenhaltergesellschaft und verschleierter Völkermord, revisited“.)

songhai
Das Songhai-Reich in Afrika in orthografischer Azimutalprojektion. Source: KarnRedsun / Wikipedia

Wenn ja: Hat sich Afrika – wegen der Intervention der kapitalistischen Kolonialmächte – direkt zum Kapitalismus entwickelt und somit den Feudalismus „übersprungen“?

„Übersprungen“ – das hört sich sich absurd an, ist es aber nicht. Dafür gibt es mehrere Beispiele in der Menschheitsgeschichte. Seit der Ankunft der Europäer in Australien im 18 und frühen 19. Jahrhundert wurde dort der Kapitalismus eingeführt – die indigenen Völker aka Aborigines waren aber, obzwar hoch spezialisiert, technisch noch auf der Stufe der „Urgesellschaft“. Vergleichbar ist das bekannte Schicksal der Ureinwohner Nordamerikas, die weder eine Sklavenhaltergesellschaft noch Feudalismus (in der klassischen Typologie) hervorgebracht haben. Was aber dann?

Merke und ceterum censeo: Meine These, dass die „Gesellschaftsformationen“ – wie zum Beispiel „Sklavenhaltergesellschaft“ – in der marxistischen Diskussion nur analytische Kategorien sind bzw. sein sollten und keineswegs etwas über eine zeitliche Abfolge aussagen, bestätigt sich. „Analytisch“ meint: Wie ist die Beziehung des Menschen zu den Produktionsmitteln?

Das Problem löst sich in Luft auf, wenn wir es von heute aus ansehen – aus der Perspektive des Kapitalismus. Dieser ist die erste Gesellschaftsform, der es gelungen ist, wirklich alle Teile der Welt zu beherrschen (außer zum Beispiel die Sentinelesen und die Mashco-Piro). Alle „älteren“ Gesellschaftsformen waren geografisch begrenzt, vor allem wegen der Ungleichzeitigkeit der ökonomischen Evolution. Die Basis aller Produktion ist aber die bäuerliche Subsistenzwirtschaft. Das galt auch für die klassische antike Form der Sklavenhaltergesellschaft – die Kampf für „Landreform“ war daher systemimmanent. Aber es existierten immer „Inseln“, die sich dem Zugriff der staatlichen Herrschaft entzogen, also keiner „Gesellschaftsform“ zugehörten. Sogar bis heute – die Raramuri aka Tarahumara zum Beispiel.

„Gesellschaftsform“ heißt: Die Form ökonomischer Herrschaft.

Jetzt kommt Flaig ins Spiel:

Sklaverei hat seit Jahrtausenden existiert, fast überall, auch in „vorstaatlichen“ Gesellschaften, ob bei den nordamerikanischen Cherocee [„Irokesen“ bei Karl May], den Tupinamba Südamerikas, den polynesischen Maori oder den alten Germanen; sie bestand in allen Hochkulturen. (S. 11)

Die Conclusio Flaigs in Bezug auf Afrika: Dabei war die antike Sklaverei unter quantitativen Gesichtspunkten nicht herausragend. Die islamische war die umfangreichste der Geschichte; die transatlantische ist bedeutsam, weil sie von Anfang an bekämpft wurde und weil ihre politische und teilweise gewaltsame Abschaffung der Hebel war, um die Sklaverei weitweit zu beseitigen.

Flaig muss hier minimal korrigiert werden: Die Sklaverei ist nicht weltweit beseitigt. Und: Die Sklaverei wurde nicht aus moralischen Gründen abgeschafft, sondern weil sie der kapitalistischen Ökonomie widerspricht.

Für das vorkoloniale Afrika fehlen schriftliche Quellen und Angaben darüber, wie weit Sklavenhandel in die Geschichte zurückreicht. Deshalb spricht Jacques Heers von sehr alten Zeiten, in denen die Völker südlich der Sahara sich in Ethnien und Stämmen gegenüberstanden und oft ihre Krieger in benachbarte Dörfer schickten, um Frauen und Männer zu fangen. „In den meisten Ländern Schwarzafrikas war die Anzahl der Sklaven Kennzeichen des sozialen Ranges.“ Man habe bei einem Reichen nicht dessen Landbesitz, sondern seine Gefangenen und Frauen gezählt. Noch vor der Ausbreitung des Islam hätten in vielen Gegenden die Besiegten und Abgabepflichtigen als Zeichen ihrer Ergebenheit eine bestimmte Anzahl an Frauen und Männern abliefern müssen. Seit dem 7. Jahrhundert lieferten das christliche Äthiopien und Schwarzafrika (Nubien, Sudanregion) Millionen von Sklaven in den arabisch-islamischen Raum, später auch über den Transsaharahandel, vor allem über Ägypten als Handelszentrum.

jemen
Eine im 13. Jahrhundert in Bagdad von al-Wasiti angefertigte Buchillustration, die einen Sklavenmarkt in der Stadt Zabid im Jemen zeigt.

Schwarze Sklaven haben im 12., 13. und 14. Jahrhundert im afrikanischen Gao, im Malireich und Songhaireich die Hauptrolle gespielt, und zwar bis in die Zeiten des atlantischen Sklavenhandels. In Benin, einem wichtigen Sklavenhalterstaat und Lieferant von Gefangenen für die europäischen und amerikanischen Menschenhändler, habe zum Beispiel im Jahre 1778 Jabou [dazu hat die KI großartig recherchiert, was ich so nie hinbekommen hätte], ein wichtiger Kriegsherr, mehr als 10000 Sklaven besessen, die er nie verkaufte. Sei er in den Krieg gezogen, habe er immer 5000 bis 6000 Sklaven befehligt.

Für den Norden Afrikas hat Flaig den Begriff „intrusive Sklaverei“ geprägt:

Intrusive Sklaverei entzieht ihrer geopolitischen Umwelt permanent Menschen, also die kostbarste soziale Ressource überhaupt. Sie erzeugt geographische Zonen, die Menschen liefern, also «Lieferzonen». Solche Lieferzonen fungieren als «Peripherie», welche unablässig Menschen an die «Metropole» abgibt. Damit ist eine dichotomische Entwicklung eingeleitet:

a) In den Lieferzonen nehmen die Versklavungen zu. Das geschieht teils indirekt, indem die gerichtliche Praxis, Verurteilte zu versklaven, stimuliert wird, ebenso wie die Gewohnheit, Familienangehörige zu verkaufen; teils geschieht es «direkt», indem diejenigen Kriege sich vervielfachen, bei denen die Aussicht besteht, Gefangene zu machen. Solche Versklavungsprozesse können längst intern bestanden haben; doch die Nachfrage von außen beschleunigt und intensiviert sie. Die sklavenimportierende Metropole verändert also die sozialen Abläufe im Innern der betroffenen Kulturen.

b) Eine militärisch überlegene Metropole braucht die Sklaven nicht unbedingt zu kaufen. Will sie ihren Militärapparat beschäftigen, dann beschafft sie sich Sklaven mit kriegerischen Einfällen in die Lieferzone.

c) Sie kann ihren Militärapparat auch schonen für «wichtigere» Zwecke. Sie muß dann ihre Überlegenheit in eine dauerhafte politische Überordnung transformieren, um Tributeleistungen in Form von Sklaven zu verlangen. Islamische Emirate und Sultanate praktizierten diesen Brauch in großem Stil. Tributpflichtige Stämme werden versuchen, auf Kosten schwächerer Nachbarn die geforderte Sklavenzahl zu besorgen; damit erfolgt der Prozeß des Versklavens de facto durch Krieg, den die Metropole stimuliert, ohne daß er sie etwas kostet. Solche Tributeleistungen deformieren die politischen Vorgänge und Verhältnisse in der Lieferzone erheblich.

d) In jedem Falle spaltet sich die Lieferzone politisch: die siegreichen Stämme oder Staaten werden zu Sklavenjägern; die unterliegenden Völker werden zu dauerhaften Opfern von regelmäßigen Razzien. Ist diese Spaltung eingetreten, dann ist die Nachfrage aus der Metropole kein wichtiger Faktor mehr, um die Versklavungen in Gang zu halten. Denn die sklavenjagenden Staaten verändern sich dermaßen, daß ihre neue soziale Struktur sie aus häufiges Kriegführen festlegt.“ (Übrigens spricht Flaig in diesem Abschnitt vom „Sonderfall China“!)

Als die Muslime ihr Weltreich eroberten, errichteten sie das größte und langlebigste sklavistische System der Weltgeschichte.

Die Sklaverei ergriff über 12 Jahrhunderte hinweg in schwankender Intensität weite soziale und ökonomische Bereiche. In den Sultanaten am Westmittelmeer des 9. und 10. Jahrhundert herrschte Sklaverei auch in mittleren und selbst kleineren Betrieben, sowohl in den Städten als auch auf dem Land. In manchen Regionen basierten einzelnen Produktionszweige auf Sklavenarbeit.

Dazu kommt die islamischen Besonderheit der Militärsklaverei – die Mameluken, die Militärsklaverei („die in Besitz Genommenen“).

araber
Arabische Sklavenhandelskarawane, die Sklaven aus Subsahara-Afrika durch die Sahara nach Nordafrika transportiert, Kupferstich aus dem 19. Jahrhundert

Der Nordwesten Europas wurde nur deshalb nicht zur „Lieferzone“ für den islamisierten Mittelmeerraum – wie die russischen Steppengebiete und Zentralafrika, weil die Karolinger- und Frankenreiche das – auch militärisch – nicht zuließen und ökonomisch auf dem „Weg“ zum progressiveren Feudalismus waren. Schwarzafrika hingegen wurde zum größen Sklavenlieferanten der Weltgeschichte, das sei, so Flaig, mittlerweile Konsens in der wissenschaftlichen Literatur [Es gibt außer Flaig so gut wie keine deutschen Bücher zum Thema – aber Flaigs Literaturliste umfasst mehr als hundert Werke in Englisch und Französisch.]

Die Sklaverei war in Zentralafrika nicht neu. Die drei Großreiche wurden von einer Militäraristokratie regiert – wie im römischen Kaiserreich. Es kam sogar soweit, dass die – durch den Islam eingeführten – Militärsklaven die traditionelle Aristokratie verdrängten, wie im Königreich Waalo – nur dass die Bauern rebellierten und das System zum Einsturz brachten. [Auch hierzu eine ausführliche Recherche der KI mit Quellen mit dem fast schon intelligenten Kommmentar: „ein paradigmatisches Beispiel für die strukturellen Grenzen militärischer Sklavensysteme“.]

Teil II folgt.

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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
– Agrarisch und revolutionär II (15.05.2021)
– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
– Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III) (27.11.2021)
– Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV) (17.12.2021)
– Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V) (23.12.21)
– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
– Blut, Nägel und geküsste Tafeln, schmuckschließend (Essener Domschatz VI) (18.04.2022)
– Missing Link oder: Franziska und kleine Könige (28.05.2022)
– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)

Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)

Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)

Zion, Gudit, Dihya und Banu Nadir und noch mehr

Ich habe mir Auszüge eines weiteren Kapitels des (nur für mich) höchst interessanten Buchs von Robert Wolfe: „From Habiru to Hebrews and Other Essays“ (2011) übersetzen lassen (umformuliert, alle Links sind von mir). Ich habe unendlich viel Neues gelernt und würde am liebsten alle erwähnten Bücher lesen. Wolfes Thesen sind großartig und sehr originell.

titusbogen
Relief am Titusbogen, das die während des Triumphzuges von 71 n. Chr. mitgeführten Tempelbeute darstellt.

Zion

Für die meisten Menschen ist jüdische Geschichte etwas, das mit Gott beginnt und mit Jesus endet. Selbst Historiker neigen dazu, das Interesse an den Juden zu verlieren, sobald die Wunder vorbei sind. Wenn sie uns überhaupt erwähnen, dann um darauf hinzuweisen, dass wir in den folgenden 1900 Jahren umherwanderten – eine verachtete und verfolgte Minderheit –, bis die Nazis uns schließlich in die Öfen steckten. Manche bringen Bedauern über diese Geschichte zum Ausdruck, andere finden Gründe, warum wir sie verdient hätten. Nur sehr wenigen kommt es in den Sinn, uns irgendeinen Einfluss zuzuschreiben, und noch weniger einen positiven Einfluss. Dass wir die Welt in mancher Hinsicht verändert haben könnten, kommt kaum jemandem in den Sinn.

Die Kehrseite dieser massiven Gleichgültigkeit gegenüber der post-römischen jüdischen Geschichte ist die obsessive Mystifizierung der Ursprünge des modernen jüdischen Staates Israel. Israel ist die eine historische Tatsache, die darauf hinzuweisen scheint, dass das jüdische Volk einen gewissen Einfluss besitzt. Und da sich kaum jemand für die Möglichkeit interessiert, dass sich dieser Einfluss über lange Zeit als progressive politische Kraft entfaltet haben könnte, ist es verführerisch, zu dem Schluss zu kommen, dieser Einfluss sei okkulter, finsterer Natur. Israel müsse also das Produkt einer geheimen jüdischen Verschwörung gewesen sein, die in Zusammenarbeit mit dem britischen Imperialismus, dem amerikanischen Imperialismus, internationalen Bankiers, den Freimaurern und möglicherweise dem KGB agierte. Oder, falls Israel nicht das Produkt einer Verschwörung war, dann sei es eine Art Trostpreis gewesen, den die siegreichen Alliierten dem jüdischen Volk als Belohnung dafür überreichten, dass es von den Nazis abgeschlachtet worden war.

Jeder, der sich mit jüdischer Geschichte beschäftigt, weiß, dass das jüdische Volk seit 2000 Jahren darum ringt, das Ergebnis der Jüdischen Kriege rückgängig zu machen; doch die Welt tut sich sehr schwer damit, einen Zusammenhang zwischen diesem Ringen und der Entstehung Israels anzuerkennen. Dies zu tun hieße, Israel als Ergebnis eines langen historischen Prozesses zu begreifen und das jüdische Volk als eine progressive Kraft in der Weltgeschichte anzuerkennen.

Viele Menschen stellen sich den Zionismus als ein jüngeres Phänomen vor, das auf das späte 19. Jahrhundert zurückgeht, als Nebenprodukt des europäischen Kolonialismus und Nationalismus. Doch die Sehnsucht nach der Rückkehr nach Zion ist so alt wie die babylonische Gefangenschaft und wahrscheinlich noch älter. Und von Anfang an hatte diese Sehnsucht radikale Implikationen aufgrund der radikalen Traditionen, die mit Zion verbunden waren. In der römischen Epoche kristallisierten sich diese Traditionen um die Legende des Messias, und von diesem Zeitpunkt an waren der Traum vom Messias und der Traum von Zion im Wesentlichen derselbe Traum.

2. Tempel Jerusalem
Maßstabsgetreue Rekonstruktion des Tempelbergs im ersten Jahrhundert n. Chr., mit dem Zweiten Tempel in der Mitte und der Antonia-Festung oben rechts. Israel-Museum Jerusalem, fotografiert am 11.10.1225.

Die Aufgabe des Messias in der jüdischen Tradition wurde darin gesehen, die Sammlung der Verbannten herbeizuführen und die Wiederherstellung der jüdischen Nation im Land Israel zu bewirken. Fast 2000 Jahre lang entstanden in verschiedenen Teilen der jüdischen Welt immer wieder messianische Bewegungen, die versuchten, diese Ziele auf die eine oder andere Weise zu verwirklichen. Keine dieser Bewegungen war bis in die Neuzeit erfolgreich – doch bedeutet das, dass sie ohne Einfluss waren? Im Gegenteil: Sie hatten einen starken Einfluss nicht nur auf das jüdische Volk, sondern auch auf Nichtjuden. Sie trugen dazu bei, sowohl im Christentum als auch im Islam eine radikale Strömung hervorzubringen, ebenso wie eine Vielzahl anderer radikaler Tendenzen weltweit. Dennoch ist ihre Geschichte fast vollständig unbekannt, vor allem wegen der großen Zurückhaltung der Weltöffentlichkeit, dem jüdischen Volk irgendwelche positiven Leistungen zuzuschreiben.

Selbst im Land Israel, das von den Römern gründlich verwüstet worden war, lebten im Jahr 135 n. Chr. noch etwa 750.000 Juden.

Die Bewegung zur Rückkehr nach Zion war in den ersten etwa 500 Jahren nach dem Ende der „Jüdischen Kriege“ im Jahr 135 n. Chr. besonders breit verankert und einflussreich. Weit davon entfernt, durch die „Jüdischen Kriege“ zerstört worden zu sein, ging das jüdische Volk aus dieser Prüfung in mancher Hinsicht stärker hervor als je zuvor. Selbst im Land Israel, das von den Römern gründlich verwüstet worden war, lebten im Jahr 135 n. Chr. noch etwa 750.000 Juden. Und außerhalb des Römischen Reiches nahm die Zahl der Juden in den Jahrhunderten unmittelbar nach den „Jüdischen Kriegen“ rasch zu, hauptsächlich durch Konversion.

2. Tempel Jerusalem
Maßstabsgetreue Rekonstruktion Jerusalems und des Tempelbergs im ersten Jahrhundert n. Chr., mit dem Zweiten Tempel. Israel-Museum Jerusalem, fotografiert am 11.10.1225.

Bis zum Aufstieg des Islam im 7. Jahrhundert n. Chr. lebten weiterhin Millionen von Juden im Nahen Osten, insbesondere im Irak, Iran, in Arabien, Äthiopien und Nordafrika. Diese Juden verfolgten den Traum von Zion aktiv durch militärische Feldzüge gegen die Römer und ihre byzantinischen Nachfolger. Weder der Triumph des Christentums noch die Ursprünge des Islam können ohne Bezug auf diesen Kampf verstanden werden. Dennoch erwähnen Standarddarstellungen dieser Epoche die Juden oft überhaupt nicht; und wenn sie es doch tun, dann fast immer nur, um darauf hinzuweisen, dass entweder jemand die Juden verfolgte oder dass ein einzelner Jude etwas Anrüchiges getan habe.

Was Historiker ignorieren oder verschweigen, ist der Einfluss der zionistischen Bewegung dieser Zeit auf andere Bewegungen nationaler Befreiung im Nahen Osten.

Das Judentum sprach die Völker des Nahen Ostens an, weil es ein Modell dafür bot, wie nationale Unabhängigkeit angesichts römischen und byzantinischen Imperialismus bewahrt und verteidigt werden konnte. Die Konversion zum Judentum erforderte nicht die Aufgabe der nationalen Traditionen der Konvertiten. Sie konnten Aramäer, Araber, Äthiopier oder Berber in Sprache und Kultur bleiben und dennoch die jüdische Religion und das jüdische Recht annehmen.

Unter dem Einfluss der vielen jüdischen Flüchtlinge, die während der Zeit der „Jüdischen Kriege“ gezwungen waren, aus dem Land Israel zu fliehen, entstanden im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. in allen Teilen des Nahen Ostens große jüdische Gemeinden, die außerhalb der Reichweite der römischen Armee lagen. In manchen Regionen gingen aus diesen Gemeinden sogar jüdische Königreiche hervor. Diese gesamte jüdische Welt des Nahen Ostens war durch die Opposition gegen Rom und die Hingabe an den Traum von Zion geeint. Ihre verschüttete Geschichte freizulegen ist der Schlüssel zum Verständnis, wie und warum die jüdische radikale Tradition die Welt verändern konnte.

bibel
Targum Onkelos – Übersetzung der Tora aus dem Hebräischen ins Aramäische, British Library Oriental MS. 1,497, במדבר (Bamidbar) / Numeri 6,3–104, 4. Buch Mose 6,3-10. 12. Jh.

Aramäisches Judentum

Das wichtigste Bindeglied zwischen der Nation Juda und anderen Völkern des Nahen Ostens war das aramäische Judentum. Im Verlauf des 1. Jahrtausends v. Chr. wurde Aramäisch allmählich zur gesprochenen Sprache der Mehrheit der Menschen in dem Gebiet, das heute aus Jordanien, Syrien, Irak, Libanon und Israel besteht. Zur Zeit der Römer sprachen die meisten Juden in dieser Region Aramäisch und nicht Hebräisch. Die Tora wurde ins Aramäische übersetzt, und viele jüdische Texte – darunter Teile der biblischen Bücher Esra und Daniel – wurden auf Aramäisch verfasst.

Da Hebräisch und Aramäisch eng verwandte Sprachen sind, blieb die Kenntnis des Hebräischen unter Juden ebenfalls verbreitet; doch für die meisten praktischen Zwecke bildeten die Juden des Nahen Ostens in römischer und byzantinischer Zeit tatsächlich einen Teil einer größeren aramäischen Nationalität. Sie sprachen dieselbe Sprache, teilten dieselbe materielle Kultur und hatten in etwa dasselbe äußere Erscheinungsbild wie die nichtjüdischen Aramäer.

Die religiösen Gottesdienste wurden überwiegend auf Aramäisch abgehalten, so sehr, dass viele Gebete, die bis heute rezitiert werden, ursprünglich auf Aramäisch und nicht auf Hebräisch verfasst wurden. Auch der Talmud wurde auf Aramäisch geschrieben. Dennoch ist trotz der umfangreichen Belege für eine jüdische religiöse und weltliche Kultur auf Aramäisch von Historikern wenig oder gar keine Aufmerksamkeit der Erforschung einer aramäischen Nationalität gewidmet worden.

Es existieren zwar zahlreiche Studien zur aramäischen Sprache, doch kaum jemand scheint die Menschen, die diese Sprache sprachen, als Aramäer zu betrachten. Eines der wenigen wissenschaftlichen Werke, das sich tatsächlich mit aramäischer Geschichte befasst, ist Aram and Israel von Emil Kraeling. Kraeling beschäftigt sich jedoch hauptsächlich mit der frühen Phase der aramäischen Geschichte, jener Zeit, in der die Aramäer eine Reihe kleiner Königreiche mit Zentren um Harran und Damaskus bildeten. Diese Phase endete im Jahr 732 v. Chr. mit der Eroberung von Damaskus durch die Assyrer.

Doch obwohl die Aramäer ihre politische Unabhängigkeit nie wiedererlangten, wuchs ihr kultureller Einfluss weiter, wie sich an der raschen Verbreitung der aramäischen Sprache unter assyrischer, babylonischer und persischer Herrschaft zeigt. Kraelings Erklärung für diese Entwicklung ist jedoch völlig abwegig. Er argumentiert auf Seite 139, die Aramäer seien „große Händler“ gewesen und daher habe ihre Sprache „die Möglichkeit gehabt, zu einem Austauschmedium zu werden“. Er fügt hinzu:

Darüber hinaus trennte die Zerstörung der aramäischen Staaten diese Sprache von allen nationalen Bestrebungen oder religiöser Propaganda, sodass sich kein Vorurteil gegen ihren Gebrauch entwickeln konnte.

Diese Sichtweise einer aramäischen Kultur als vollständig frei von „nationalen Bestrebungen“ oder „religiöser Propaganda“ ist charakteristisch für die moderne Geschichtswissenschaft. Millionen von Menschen vom Euphrat bis zum Nil sprachen und schrieben über einen Zeitraum von weit mehr als 1000 Jahren Aramäisch, und dennoch sollen wir glauben, dies sei ausschließlich deshalb geschehen, weil Aramäisch ein von „großen Händlern“ aufgezwungenes „Austauschmedium“ gewesen sei.

Ein Faktor, der mit Sicherheit zur Verbreitung des Aramäischen beitrug, war seine Einführung als Amtssprache des Persischen Reiches in dem Gebiet, das heute aus Jordanien, Syrien, Irak, Libanon und Israel besteht. Aramäisch wurde in einer alphabetischen Schrift geschrieben , das sogenannte „quadratische Hebräisch“, das bis heute in Gebrauch ist, ist daraus abgeleitet) und war als Schriftsprache wesentlich leichter zu verwenden als die akkadische Keilschrift, die von Assyrern und Babyloniern bevorzugt wurde. Aramäisch wurde jedoch bereits in Babylon selbst gesprochen, noch bevor es zur persischen Eroberung kam. Die Perser verbanden sich mit dem aramäischsprachigen Element im ehemaligen babylonischen Reich, um ihre eigene Herrschaft zu legitimieren. Ihre wohlwollende Haltung gegenüber den jüdischen Exilierten in Babylon war ein Aspekt dieser Politik. Umgekehrt akzeptierten die zurückkehrenden Exilierten die persische Herrschaft und unterließen jede Forderung nach der Wiederherstellung der jüdischen Monarchie im Land Israel, solange das Persische Reich bestand.

akkadisch
Vergleich des Akkadischen mit Hebräisch

Die aramäische Sprache und Kultur wurden so zum gemeinsamen Bezugspunkt zwischen den Persern auf der einen und den Juden auf der anderen Seite. Infolgedessen entwickelte sich allmählich eine populäre aramäische religiöse Kultur, in der Elemente der zoroastrischen Religion der Perser, der hebräischsprachigen Religion der Juden sowie der heidnischen Glaubensvorstellungen der alten aramäischen Königreiche eine Rolle spielten.

Charakteristisch für diese religiöse Kultur war der Glaube an ein wohlwollendes höchstes Wesen, das die Toten auferwecken und sie am Jüngsten Gericht entweder in den Himmel oder in die Hölle senden würde. Auch die Tendenz, Hierarchien von Engeln und Dämonen auszubilden, gehörte zu diesem Glaubenssystem. Das rabbinische Judentum war in hohem Maße in diesem Glaubenssystem verwurzelt, das sich deutlich von der Religion der frühen Hebräer unterschied, insbesondere durch seine Betonung des Schicksals der Seele im Jenseits.

Die Rabbiner rechtfertigten diese Neuerungen mit dem Argument, sie seien Teil der sogenannten „mündlichen Tora„, von der behauptet wurde, sie sei von Mose an seine Nachfolger überliefert worden, jedoch nicht in der schriftlichen Tora enthalten. Diese „mündliche Tora“ kann auch als Chiffre für aramäische religiöse Kultur verstanden werden. Die Rabbiner, die diese Lehre ausarbeiteten, waren im gesamten Gebiet aktiv, in dem Aramäisch gesprochen wurde. Hillel, der von vielen als Begründer des rabbinischen Judentums angesehen wird, wurde im Gebiet des heutigen Irak geboren und ausgebildet; und in späteren Jahrhunderten wurde auch der größte Teil des Talmud im Gebiet des heutigen Irak verfasst.

Unglücklicherweise lag der größte Teil des aramäischsprachigen Raums innerhalb der Reichweite der römischen Armee, deren völkermörderischer Angriff auf die Nation Juda mit der systematischen Herabwürdigung und Unterdrückung aller Formen aramäischer Kultur einherging.

Die römische Politik in diesem Gebiet wurde symbolisiert durch den Tempel, des „Jupiter Heliopolitanus“, den die Römer im 1. Jahrhundert n. Chr. in Baalbek – heute ein Teil des Libanon – errichteten. Die Statue des Jupiter im Inneren des Tempels, beschrieben von Friedrich Ragette auf Seite 20 von „Baalbek“, zeigte ihn mit einer Peitsche in der einen und einem Blitz in der anderen Hand.

Das rabbinische Judentum (hebräisch יהדות רבנית Yahadut Rabanit) oder auch Rabbinische Zeit war eine rabbinische Strömung, die sich nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.) zur Hauptströmung des Judentums entwickelte und ab ca. 200 n. Chr. maßgeblich Ritus und Theologie prägte. Kennzeichnend für diese Bewegung ist zum einen die Anerkennung der Autorität weniger Rabbiner als maßgeblich für die Auslegung der heiligen Schriften und zum anderen die nach der Zerstörung des Tempels notwendige neue Kultordnung, die nicht mehr in der Opferung von Tieren, sondern im Feiern von Gebetsgottesdiensten besteht. Mit dem 11. Jahrhundert war die Verständigung über Inhalte und Umfang der Schriftkorpora grundsätzlich abgeschlossen und damit der Grundstein des gelebten Judentums gelegt.

Hunderttausende von Juden im Gebiet des heutigen Libanon und Syriens wurden im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. von den Römern massakriert, während diese zugleich das Land Israel verwüsteten. Das Gebiet des heutigen Irak jedoch blieb während des größten Teils dieser Zeit unter parthischer Kontrolle, trotz periodischer römischer Invasionen. Nissim Rejwan schätzt auf Seite 29 von „The Jews of Iraq“, dass um 200 n. Chr. etwa zwei Millionen Juden in diesem Gebiet lebten. „Die wichtigste und häufigste Beschäftigung der babylonischen Juden war die Landwirtschaft“, vermerkt Rejwan auf Seite 24. Sie bildeten zu dieser Zeit „die einzige große jüdische Gemeinschaft, die nicht unter römischer Herrschaft stand“.

Möglicherweise aus diesem Grund starteten die Römer im Jahr 194 n. Chr. unter dem Befehl des Kaisers Septimius Severus eine massive Invasion des Irak. Das Gebiet wurde verwüstet, doch schließlich wurden die Römer von den Parthern zurückgeschlagen.

Freya Stark sieht diese Invasion in „Rome on the Euphrates“ als Auslöser für die Wiederbelebung des Persischen Reiches zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. Die parthische Herrschaft wurde von den Persern unter Führung der sassanidischen Dynastie gestürzt, und eine deutlich aggressivere antirömische Politik wurde eingeführt. Stark merkt auf Seite 262 an, dass die Münzen des ersten sassanidischen Herrschers Ardaschir I. in Aramäisch und nicht in Griechisch geprägt wurden, das zuvor von den Parthern verwendet worden war. Dies deutete auf den Wunsch der sassanidischen Könige hin, die gesamte aramäischsprachige Region von den Römern zu befreien.

Bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. gingen die Perser zur Offensive über, und im Jahr 260 n. Chr. nahmen sie den römischen Kaiser Valerian gefangen, der in der Gefangenschaft starb. Den Persern gelang es jedoch nicht, die Römer dauerhaft aus Syrien zu vertreiben, und es entwickelte sich ein jahrelanger Stellungskrieg, der buchstäblich Hunderte von Jahren andauerte. Das aramäischsprachige Gebiet Syriens und des Irak bildete dabei das Hauptschlachtfeld zwischen den Persern auf der einen Seite und den Römern und Byzantinern auf der anderen.

Dies war der historische Kontext, in dem die jüdische messianische Bewegung, die nach der Niederlage der jüdischen Streitkräfte im „Zweiten Jüdischen Krieg“ zunächst zum Erliegen gekommen war, in der gesamten aramäischsprachigen Welt erneut auflebte.

Valerian
Ein Flachrelief zeigt Kaiser Valerian, der im Hintergrund steht und von König Schapur I. gefangen gehalten wird. Das Relief wurde in Naqsch-e Rustam, Schiras, Iran, gefunden. Bei dem knienden Mann handelt es sich vermutlich um Philippus Arabs.

Michael Avi-Yonah beschreibt in „The Jews of Palestine“ ausführlich das Wiederaufleben messianischer Agitation unter den Juden im römischen Palästina während des 3. Jahrhunderts n. Chr. Er stellt auf Seite 131 fest:

Der Hass auf Rom und die messianische Idee verbanden sich zu einer einzigen Vision von Erlösung und Vergeltung. Nach Rabbi Levi werde der Messias aus dem Haus Josephs nach dem Wiederaufbau des Tempels gegen Rom ziehen und es erobern, so wie Josua Jericho eroberte; denn „unser Vater Jakob sagte voraus, dass die Nachkommen Esaus in die Hände der Nachkommen Josephs ausgeliefert würden“.

Ähnliche Vorstellungen wurden in derselben Zeit auch unter den Juden des Irak verbreitet. Viele Juden aus dieser Region dienten im persischen Heer in der Erwartung, dass nach einem Sieg der Perser über die Römer den Juden erlaubt würde, in das Land Israel zurückzukehren und den Tempel wieder aufzubauen. Die Juden Palästinas hingegen, die im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. noch vielleicht eine halbe Million Menschen zählten, wollten nicht untätig auf die Perser warten. Im Jahr 351 n. Chr., ermutigt durch Berichte über eine neue persische Offensive, übernahmen Juden die Kontrolle über die Städte Tiberias, Sepphoris und Lydda in Galiläa und riefen – wie die Römer es ausdrückten – „eine Art Königreich“ aus. Der Aufstand wurde jedoch vom römischen Kaiser Gallus [Constantius Gallus war nur der Stellvertreter des Kaisers Constantius_II.. B.S.] niedergeschlagen, und von diesem Zeitpunkt an trat die jüdische Bevölkerung Palästinas in eine Phase stetigen Niedergangs ein.

Im Nahen Osten nahm der militärische Konflikt zwischen Römern und Persern zugleich die Form eines kulturellen Konflikts zwischen Griechisch und Aramäisch an. In dieser Region waren die Römer zahlenmäßig zu schwach, um ihren Untertanen die lateinische Sprache und Kultur aufzuzwingen. Sie übernahmen daher Griechisch als Amtssprache ihrer Verwaltung, während die Perser weiterhin auf Aramäisch setzten. Der Aufstieg des Christentums zur offiziellen Religion des Römischen Reiches im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. muss in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Das Christentum war im Wesentlichen eine griechischsprachige Anpassung religiöser Vorstellungen, die nicht nur jüdisch, sondern auch aramäisch waren. Der Glaube an das Jüngste Gericht sowie an Himmel und Hölle gelangte aus derselben Quelle in das Christentum wie in das Judentum, nämlich aus der aramäischen Volkskultur. Das einzige originäre Merkmal des Christentums aus aramäischer Sicht war die Verbindung dieser Glaubensvorstellungen mit einem kannibalistischen Ritual, bei dem vorgegeben wird, das Fleisch zu essen und das Blut des Messias der Juden zu trinken. Dieses Ritual, das aus den griechisch-römischen Mysterienreligionen abgeleitet war, verlieh dem Christentum eine tiefgreifende antisemitische Schlagseite, eine Schlagseite, die es zu einer geeigneten Staatsreligion für das Römische Reich im Nahen Osten machte. Als Reaktion auf die persische Offensive und das Wiedererstarken des jüdischen Messianismus bot das Christentum den Römern und ihren byzantinischen Nachfolgern ein Mittel, griechische kulturelle Hegemonie über die aramäischsprachigen Völker in einer pseudo-aramäischen, antijüdischen Form durchzusetzen.

Die eigentliche Bedeutung des Christentums wurde besonders deutlich in Palästina, wo seine Einführung als offizielle Religion Roms den Beginn eines gezielten Versuchs signalisierte, das Judentum im Land seines Ursprungs vollständig zu beseitigen. Der Hauptgrund für den Rückgang der jüdischen Bevölkerung Palästinas nach dem gescheiterten Aufstand von 351 n. Chr. war das Wachstum der christlichen Bevölkerung. Ab der Mitte des 4. Jahrhunderts begannen griechischsprachige christliche Mönche und Missionare aus Ägypten und Syrien in großer Zahl nach Palästina zu strömen. Bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. bestand in Palästina eine christliche Bevölkerungsmehrheit.

Die Christen nutzten ihre Machtposition, um Synagogen zu verbrennen und zu plündern und die zahlreichen antijüdischen Erlasse umzusetzen, die von den christlichen Kaisern in Konstantinopel erlassen worden waren. Die heidnischen Römer hatten den Juden Palästinas ein gewisses Maß an Autonomie zugestanden, symbolisiert durch die Institution des Sanhedrin, eines Gremiums von Rabbinern mit begrenzten richterlichen Befugnissen. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts schafften die Christen den Sanhedrin ab, was dazu führte, dass die formale Autorität über die jüdische Welt von den Rabbinern Palästinas auf die Rabbinerschulen im Irak überging. Obwohl danach noch mehrere Hunderttausend Juden in Palästina verblieben, war ihr Einfluss stark geschwächt.

judäo-aramäischer Sprache
Beschwörungsschale mit einer Inschrift in judäo-aramäischer Sprache

Im Gebiet von Syrien und Libanon waren die meisten Juden bereits zur Zeit der sogenannten „Jüdischen Kriege“ von den Römern und ihren griechischen Verbündeten getötet worden. Dennoch erwiesen sich die Versuche des Byzantinischen Reiches, den Aramäern dieser Region ein griechischsprachiges Christentum aufzuzwingen, als weitgehend erfolglos. Der Widerstand gegen alles Griechische war so stark, dass die Christen gezwungen waren, ihre Literatur ins Aramäische zu übersetzen. Bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden in diesem gesamten Gebiet aramäischsprachige christliche Kirchen. Diese Kirchen waren von den „griechisch-orthodoxen“ Autoritäten als „häretisch“ angesehen, weil sie jüdischen Praktiken und Traditionen gegenüber offener waren als die Griechen. Auf dem Konzil von Ephesus im Jahr 431 n. Chr. wurden die aramäischsprachigen Kirchen formell aus der „griechisch-orthodoxen“ Kirche ausgeschlossen, mit der Begründung, ihre Auffassungen ähnelten denen eines griechischsprachigen Christen namens Nestorius, dem man vorwarf, geleugnet zu haben, dass Jesus der Sohn Gottes sei. Die sogenannten „Nestorianer“ wurden gezwungen, nach Irak und Iran zu fliehen, von wo aus sie allmählich eine Kette nestorianischer Gemeinden in ganz Zentralasien aufbauten.

Eine kleine Zahl aramäischsprachiger christlicher Gemeinden überlebte auch im Libanon und in Syrien unter dem Namen der Jakobiten. Trotz der Beibehaltung bestimmter jüdischer Praktiken unterschieden sich die Lehren der Nestorianer und Jakobiten nicht wesentlich von denen der „orthodoxen“ Christen; doch allein die Tatsache, dass sie auf Aramäisch statt auf Griechisch formuliert waren, genügte, um ihre spätere Verurteilung sicherzustellen.

Obwohl Aramäisch natürlich die Sprache Jesu Christi war, war das Vorurteil dagegen in der griechischen und römischen Welt so stark, dass selbst die aramäischsprachigen Ebioniten, die aus Freunden und Verwandten Jesu selbst bestanden haben sollen, ebenfalls als „Häretiker“ verurteilt wurden. Genau dieses Vorurteil ist eindeutig verantwortlich für das vollständige Desinteresse moderner Gelehrter an der Geschichte einer aramäischen Nationalität. Dem Prinzip „teile und herrsche“ folgend, sprechen die Gelehrten nie von den Aramäern als einer Gruppe, sondern nur von „Babyloniern“, „Syrern“ und „Juden“, die zufälligerweise alle dieselbe Sprache sprachen und viele der gleichen Glaubensvorstellungen und kulturellen Merkmale teilten.

Ein wichtiger Bestandteil dieser Kultur war das aramäische Judentum, das Elemente aramäischer Volkskultur mit traditionellen jüdischen Glaubensvorstellungen verband – in einer Form, die in der gesamten aramäischsprachigen Welt weit verbreitet war. In hohem Maße war es gerade durch das aramäische Judentum, dass jüdische Glaubensvorstellungen und Praktiken anderen nahöstlichen Völkern an den Rändern des Römischen Reiches vermittelt wurden. Angeregt durch den heroischen Kampf der Juden gegen den griechisch-römischen Imperialismus, begannen diese Völker ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. in großer Zahl zum Judentum zu konvertieren. An erster Stelle standen dabei die Araber, Äthiopier und Berber, die nach dieser Darstellung zunächst Juden wurden, bevor sie später Christen oder Muslime wurden.

juden tripolis/
Der Schmuck jüdischer Frauen in Libyen, Israel-Museum, Jerusalem, fotografiert 11.10.2025
„Das hier gezeigte Schmuckensemble ist typisch für Frauen aus der Stadt Tripolis, weist jedoch auch einige ländliche Elemente auf. Die Schmuckstücke, die die Schläfen der Frau zieren, spiegeln die Tradition der libyschen Silberschmiedekunst wider, die besonders in der Technik des Repoussé (Treibarbeit) und der Durchbrucharbeit hervorragte. Sie zeigen bemerkenswerte Kombinationen aus geometrischen Motiven, Blumen, Fischen und Vögeln, Hamsa- und Mondmustern sowie Davidsternen
Um ihren Hals trug die jüdische Frau eine sha’irya („Gerstenkorn“), eine Halskette mit mondförmigen Anhängern, die die Fruchtbarkeit sichern sollten. Die Halskette enthält Bernsteinperlen, die aus gewürztem Teig geformt wurden und durch den Duft, den sie bei Hautkontakt freisetzen, anziehend wirken sollten. Der Gürtel, gefertigt aus gegossenen Silbergliedern – deren Anzahl je nach Taillenmaß der Frau variierte – betont auf auffällige Weise die Hüften der Frau. [Ich fand das unglaublich schön – man muss sich vorstellen, wie eine dunkelhäutige Frau damit ausgesehen hat!

die Verbreitung des Judentums

Die Ausbreitung des Judentums in den Jahrhunderten nach den „Jüdischen Kriegen“ ist eine gut belegte historische Tatsache, wurde jedoch in allen Standardgeschichten dieser Epoche systematisch ignoriert.

Eine einfache Darstellung der Fakten zeigt, wie vollständig und schockierend diese Unterdrückung der jüdischen Rolle in der Weltgeschichte gewesen ist.

Shlomo Goitein beschreibt ab Seite 47 von „Jews and Arabs“ die Wanderung von Juden auf die arabische Halbinsel, die bereits im 2. Jahrhundert n. Chr. zur Entstehung einer jüdischen Gemeinde im Jemen führte. Jemen war damals wie heute der bevölkerungsreichste Teil Arabiens und Heimat der rivalisierenden Königreiche Saba und Himyar. Bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. war die jüdische Gemeinde im Jemen durch Konversion so stark angewachsen, dass sie zu einem bedeutenden Faktor in der Politik der Region wurde.

Das Königreich Himyar war zu Beginn des 4. Jahrhunderts dominant, wurde jedoch 375 n. Chr. von den Truppen Asʿad Ab-Karibs gestürzt, der zum Judentum konvertierte und ein neues sabäisches Königreich gründete. Asʿad Ab-Karib, von späteren arabischen Historikern auch Asʿad Kamil al-Tubba genannt, machte das Judentum zur Staatsreligion des Königreichs Saba. Dieses gesamte Ereignis wird von Robert Stookey auf Seite 20 von „Yemen“ detailliert geschildert.

Das Judentum blieb für die nächsten 150 Jahre Staatsreligion des Königreichs Saba, bis etwa 525 n. Chr. der jüdische König Joseph Dhu Nuwas durch christlich-äthiopische Invasoren gestürzt wurde. Da Jemen der einzige dicht besiedelte Teil Arabiens war, ist es sehr wahrscheinlich, dass in dieser Zeit die Mehrheit der Araber Juden waren. Auch in den Karawanenstädten Nordarabiens blühten jüdische Gemeinden. Die Stadt Medina, in die Mohammed im Jahr 622 n. Chr. floh, war zu dieser Zeit zu einem Drittel jüdisch.

Die äthiopische Monarchie, die die Herrschaft Joseph Dhu Nuwas stürzte, war seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. christlich. Wie bekannt ist, folgten die Äthiopier einer Form des Christentums mit stark jüdischen Zügen: Sie praktizierten die Beschneidung, hielten die jüdischen Speisegesetze ein, verwendeten den Davidstern als Symbol und hielten sowohl den jüdischen Sabbat als auch den christlichen Sonntag.

Nach äthiopisch-christlicher Tradition war dies deshalb so, weil die äthiopische Monarchie von einem gewissen König Menelik gegründet worden sei, einem Nachkommen aus der Verbindung König Salomos mit der Königin von Saba. Diese Legende ist zwar weit verbreitet, wurde jedoch von Historikern widerlegt, die darauf hinweisen, dass Saba der hebräische Name für das im Jemen gelegene Reich Saba ist und nicht für Äthiopien. Warum also beanspruchten die äthiopisch-christlichen Könige jüdische Abstammung und förderten jüdische Praktiken? Die wahrscheinliche Erklärung ist, dass die Monarchie von jüdischen Königen gegründet worden war, die später zum Christentum konvertierten.

kebra nagast/
Das Kebra Nagast (Ge’ez: ክብረ ነገሥት, kəbrä nägäśt), oder „Der Ruhm der Könige“, ist ein äthiopisches Nationalepos aus dem 14. Jahrhundert[1], verfasst in Ge’ez. In seiner heutigen Form ist der Text mindestens 700 Jahre alt und versucht, die Ursprünge der salomonischen Dynastie, einer Linie äthiopisch-orthodoxer christlicher Monarchen, die das Land bis 1974 regierten, auf den biblischen König Salomo und die Königin von Saba zurückzuführen. (Moderne Illustration)

Es gibt keinerlei Belege für ein äthiopisches Königreich irgendeiner Art vor dem 1. Jahrhundert n. Chr., als erstmals Hinweise auf das Königreich Aksum erscheinen. Die Herrscher von Aksum waren es, die im 4. Jahrhundert n. Chr. zum Christentum konvertierten und das nationale Epos Kebra Nagast verfassten, das eine Abstammung von Salomo beansprucht, der etwa 1300 Jahre zuvor gelebt hatte. David Kessler stellt jedoch auf Seite 3 von „The Falashas“ fest: „Nach äthiopischer Tradition war die Hälfte der Bevölkerung jüdisch, bevor das Land im vierten Jahrhundert zum Christentum konvertiert wurde.“

Diese Schlussfolgerung wird durch die Geschichte der Falasha oder äthiopischen Juden gestützt, die einst Millionen zählten. Bis ins 17. Jahrhundert hinein standen große Teile Äthiopiens unter Falasha-Herrschaft. Die Falasha weigerten sich, die Autorität der christlichen Könige anzuerkennen, die sie im Kebra Nagast als „Feinde Gottes“ diffamiert hatten. Im 10. Jahrhundert n. Chr. versuchten die Falasha sogar, unter der Führung einer jüdischen Königin namens Judith (oder Esther, je nach Quelle) [richtig ist Gudit, B. S.] die Kontrolle über das gesamte Land zu übernehmen.

„Eines der wenigen Dokumente aus der Zeit Königin Judiths ist ein Brief, der kurz nach 979 vom abessinischen König an seinen christlichen Zeitgenossen, König Georg von Nubien, geschrieben wurde, in dem er um Hilfe bat, um der Verfolgung von Christen durch eine Königin entgegenzutreten, die seinen Thron an sich gerissen hatte.“

Kessler stellt außerdem auf Seite 93 fest, dass im 17. Jahrhundert noch bis zu 500.000 Falasha in Äthiopien lebten, zu einer Zeit, als ihre Unabhängigkeit durch christliche Könige mit europäischer Militärhilfe drastisch eingeschränkt wurde. Verfolgung reduzierte ihre Zahl erheblich, doch europäische Reisende berichteten noch Mitte des 19. Jahrhunderts von nahezu 200.000 Falasha in Äthiopien. In der Neuzeit schrumpfte ihre Zahl weiter.

Die Zahl war auf etwa 30.000 gesunken, von denen die meisten in den letzten Jahrzehnten nach Israel auswanderten.

Gudit
Gudit (altäthiopisch ጉዲት, Yodit, deutsch „Judith“) – die sagenhafte Königin der Beta Israel. Credits: Burks/KI

Die Geschichte der Berberjuden Nordafrikas wird von André Chouraqui in Between East and West: A History of the Jews of North Africa erzählt. Bis zur Zeit der „Jüdischen Kriege“ gab es große jüdische Gemeinden in Ägypten und Libyen. Die meisten Historiker schätzen, dass es allein in Ägypten zur Zeit der „Jüdischen Kriege“ etwa eine Million Juden gab. Josephus ging davon aus, dass es auch in Libyen – das damals Kyrenaika genannt wurde – ungefähr 500.000 Juden gab.

Fast alle Juden Ägyptens und Libyens wurden jedoch während der „Jüdischen Kriege“ getötet oder zerstreut, sodass es ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. kaum noch Hinweise auf jüdisches Leben in diesen Ländern gibt. Ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. tauchen jedoch Berichte über die Konversion von Berberstämmen zum Judentum im Gebiet des heutigen Tunesien, Algerien und Marokko auf.

Die Berber sind das indigene Volk dessen, was die Araber den „Maghreb“ nennen, die Küstenregion Nordafrikas. In den küstennahen Gebieten wurden die Berber von aufeinanderfolgenden Wellen von Eroberern unterworfen und kolonisiert, beginnend mit den Phöniziern und fortgesetzt durch Griechen und Römer. Weiter im Landesinneren blieben die Berberstämme unabhängig, und es waren diese unabhängigen Stämme, die im 2. Jahrhundert n. Chr. in großer Zahl zum Judentum übertraten.

Im 3. Jahrhundert n. Chr. waren die meisten Berberstämme außerhalb der römisch dominierten Küstenstädte jüdisch geworden. Chouraqui zitiert auf Seite 21 den christlichen Theologen Tertullian, der berichtete, „dass die Berber den Sabbat, die jüdischen Feste und Fasten sowie die Speisegesetze einhielten“. Diese Stämme blieben bis zur arabischen Eroberung Nordafrikas im 7. Jahrhundert n. Chr. jüdisch.

Tatsächlich wurde der Widerstand gegen die arabische Eroberung im Maghreb von jüdischen Berberstämmen angeführt, insbesondere vom Stamm der Jerawa [Dscharawa, Vorläufer der Chaouia, B. S.], der von Dahya al-Kahena, einer jüdischen Priesterin (»Kahena« bedeutet „Priesterin“), geführt wurde. Chouraqui vermerkt auf Seite 35, dass die unter ihrem Kommando stehenden Truppen im Jahr 688 n. Chr. am Ufer des Flusses El Meskiana ein arabisches Heer besiegten und die Araber für etwa fünf Jahre nach Libyen zurückdrängten.

Die Araber kehrten später mit größerer Macht zurück und töteten Dahya al-Kahena, womit der Weg zur Eroberung des restlichen Maghreb frei wurde. Viele Berberjuden konvertierten zum Islam, andere blieben jüdisch.

Von den etwa 500.000 Juden, die in der Neuzeit in Nordafrika lebten, schätzt Chouraqui, dass etwa die Hälfte berberischer Herkunft war. Viele sprachen noch Berber, insbesondere in Marokko. Laut Chouraqui sprachen von den über 200.000 Juden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Marokko lebten, 15 % ausschließlich Berberisch, 59 % sowohl Berberisch als auch Arabisch und 29 % ausschließlich Arabisch.

Die arabischen, äthiopischen und berberischen Konvertiten zum Judentum im Zeitraum vom 3. bis zum 6. Jahrhundert n. Chr. wiesen bestimmte gemeinsame Merkmale auf. Zum einen lebten sie jeweils knapp außerhalb der Reichweite der römischen Armee. Die Römer eroberten das arabische Königreich Nabatäa im Gebiet des heutigen Jordanien, doch ihr einziger Versuch, in den Jemen einzudringen, scheiterte. Südlich von Ägypten drangen die Römer bis nach Nubien vor, erreichten jedoch Äthiopien nicht. Ebenso begnügten sie sich im Maghreb damit, die reiche Küstenebene zu beherrschen, und ignorierten die nomadischen Stämme des Hinterlandes.

Diese Berberstämme lebten überwiegend von Viehzucht, ebenso wie viele Araber und Äthiopier. Im Jemen und in Äthiopien betrieben jüdische Konvertiten auch sesshafte Landwirtschaft, doch in keinem dieser Gebiete gab es große, wohlhabende Städte. Mit seinem egalitären Rechtssystem und seiner langen Geschichte des Widerstands gegen fremde Eroberung muss das Judentum diesen Völkern als ein Mittel erschienen sein, Rom zu widerstehen.

Es kann kein bloßer Zufall gewesen sein, dass der Nettoeffekt ihrer Konversion darin bestand, ein loses Netzwerk jüdischer Stämme und Königreiche zu schaffen, das den Römern entlang einer langen Frontlinie gegenüberstand, die sich von Marokko im Westen bis nach Arabien im Osten erstreckte. Bezieht man die jüdische Gemeinde des Irak mit ein – die damals die größte jüdische Gemeinde der Welt war –, so ergibt sich das Bild eines jüdisch-afroasiatischen Widerstands gegen den europäischen Imperialismus, der eindeutig der Vorläufer und das Modell für den Aufstieg des Islam war. [Eine sehr kühne These! B.S.]

Kahina
Statue der Königin Dihya – „schöne Gazelle“ aka Kāhina in Baghaï, errichtet von der Association Aurès El-Kahina.

Die wichtigste Waffe der Römer in ihrem Kampf gegen diesen Widerstand erwies sich als das Christentum. Durch christlichen Einfluss wurden die jüdischen Königreiche sowohl in Äthiopien als auch im Jemen gestürzt. Das Christentum ähnelte dem Judentum in vielerlei Hinsicht, war jedoch mit einer pro-römischen politischen Ausrichtung verbunden. Je weiter sich das Christentum jedoch vom römischen Reich entfernte, desto „häretischer“ erschien es.

Dies lag daran, dass es gezwungen war, sich dem pro-jüdischen politischen Klima anzupassen, das praktisch überall an den Rändern des römischen Reiches herrschte. Selbst in Nordeuropa, wo direkter jüdischer Einfluss nicht sehr stark war, begannen die germanischen Stämme, die das Gebiet entlang der römischen Grenze beherrschten, zu einer „häretischen“ Form des Christentums zu konvertieren, die als Arianismus bekannt ist.

In The Arians of the Fourth Century, geschrieben von dem bedeutenden englischen katholischen Autor des 19. Jahrhunderts John Newman, wird die arianische „Häresie“ auf die Lehren von Paul von Samosata, dem christlichen Bischof von Palmyra im 3. Jahrhundert n. Chr., zurückgeführt. Palmyra war eine aramäischsprachige Stadt im Gebiet des heutigen Irak, bekannt für ihre pro-jüdischen Sympathien. Newman nennt auf Seite 5 die Lehren Pauls von Samosata „eine Art Judentum in der Lehre“. Auf Seite 18 charakterisiert er den Arianismus wie folgt:

Ich will nicht sagen, dass die arianische Lehre das direkte Ergebnis einer judaisierenden Praxis ist, doch verdient es Erwägung, ob die Neigung, Christus die ihm gebührende Ehre zu verweigern, nicht durch die Beobachtung jüdischer Riten entstanden ist – und noch mehr durch jene fleischliche, selbstgenügsame Religion, die zu jener Zeit offenbar in der verworfenen Nation vorherrschte.

Obwohl der Arianismus im Nahen Osten entstand, fand er seine wichtigste Unterstützung schließlich bei den Goten, die im 5. Jahrhundert n. Chr. Südeuropa und Rom selbst überrannten.

Alle Formen des Christentums – ob „orthodox“, „katholisch“ oder „häretisch“ – entwickelten eine doppelte Haltung gegenüber dem Judentum und dem jüdischen Volk. Einerseits war das Christentum selbst eine Erscheinungsform der Ausbreitung des Judentums. Die Christen verehrten die jüdischen Schriften und trugen dazu bei, sie in Regionen zu verbreiten, die Juden selbst nicht erreichten. Andererseits wurden christliche Ausgaben der jüdischen Schriften stets vom Neuen Testament begleitet, einer zutiefst antisemitischen Schrift, die die Juden für den Tod Jesu Christi stigmatisierte.

Der Unterschied zwischen orthodoxen Christen und Häretikern bestand darin, wo sie die Grenze zwischen dem pro-jüdischen und dem anti-jüdischen Aspekt des Christentums zogen. Je näher man den Rändern des römischen Reiches war und je niedriger die soziale Stellung innerhalb des Reiches, desto pro-jüdischer wurde die christliche Lehre. Je näher man den Machtzentren Roms kam, desto anti-jüdischer wurde sie.

So entwickelte sich ein Spektrum: Die „orthodoxen“ und „katholischen“ Christen verteidigten das Reich, die „Häretiker“ schwankten an den Rändern, und die offenen „Judaisten“ bezeugten ihre Ablehnung des Reiches, indem sie zum Judentum konvertierten.

Am äußersten linken Rand dieses gesamten Spektrums standen die Juden selbst. Es war der Kampf des jüdischen Volkes – zunächst zur Verteidigung und dann zur Wiederherstellung der Nation Juda -, der letztlich für die Ausbreitung des Judentums in all seinen Erscheinungsformen verantwortlich war. Die „Jüdischen Kriege“ setzten eine eigentümliche Dynamik in Gang: Je größer die Verluste waren, die das jüdische Volk im Land Israel und im umliegenden aramäischsprachigen Raum erlitt, desto größer wurde die politische Anziehungskraft des Judentums in einem viel weiteren Gebiet, das den gesamten Nahen Osten sowie große Teile Europas, Afrikas und Asiens umfasste.

Diese Dynamik führte zuerst zur Entstehung des Christentums und dann des Islam und auch zur Veränderung des ethnischen Charakters des jüdischen Volkes. Bis zur Zeit der „Jüdischen Kriege“ überwiegend semitisch, wurde das jüdische Volk in den folgenden 500 Jahren durch Konversion, Kampf und Heirat zu einem Weltvolk mit überwiegend nahöstlichen ethnischen Merkmalen. Dieses Weltvolk übte einen radikalen Einfluss auf die gesamte Alte Welt aus, doch nirgends war dieser Einfluss stärker als im Kernland der nachrömischen jüdischen Gemeinschaft – dem Persischen Reich. (…)

Banu Nadir
Unterwerfung des jüdisch-arabischen Stammes der Banu Nadir vor den muslimischen Truppen (Gemälde aus dem 14. Jahrhundert)

Islam

Konventionelle Darstellungen der Geschichte des Islam ignorieren nahezu vollständig den Einfluss der frühen zionistischen Bewegung auf Mohammed und die frühen Muslime. Der jüdische Einfluss auf Mohammed kann jedoch nicht völlig übergangen werden, da der Islam dem Judentum in so vieler Hinsicht ähnelt; dieser Einfluss wird jedoch gewöhnlich damit erklärt, dass Mohammed auf seinen Reisen einigen Juden begegnet sei und daher mit ihren Lehren vertraut gewesen sei. Diese beiläufigen Kontakte sollen angeblich ausgereicht haben, Mohammed dazu zu veranlassen, zu behaupten, denselben Gott wie die Juden zu verehren, dieselben Speisegesetze zu fördern, seine frühen Anhänger zu lehren, in Richtung Jerusalem zu beten, und zu behaupten, dass die gesamte arabische Nation von Abraham, einem Hebräer, abstamme.

Dieser Glaube war jedoch nicht originär bei Mohammed; er wurde aus einer jüdischen Tradition übernommen, nach der die Araber von Ismael, dem Sohn Abrahams und Hagars, abstammten. In den konventionellen Darstellungen der Ursprünge des Islam fehlt fast ausnahmslos die Tatsache, dass Juden zur Zeit von Mohammeds Geburt einen großen Anteil der Bevölkerung Arabiens ausmachten, ebenso wie die Tatsache, dass Mohammeds Entscheidung, in Mekka seine Version des Judentums zu predigen, zeitlich mit dem offensichtlichen Triumph der jüdischen zionistischen Bewegung zusammenfiel.

Eine teilweise Ausnahme von der üblichen Praxis, den Islam vom Judentum zu distanzieren, stellt ein Buch von Patricia Crone und Michael Cook mit dem Titel Hagarism: The Making of the Islamic World dar. Dieses Buch sorgte bei seinem Erscheinen im Jahr 1977 für erhebliches Aufsehen, da es den Islam als einen Auswuchs des „jüdischen Messianismus“ darstellte. Während Standarddarstellungen des Lebens Mohammeds die Feindseligkeit zwischen ihm und der großen jüdischen Gemeinde von Medina betonen, erklären die Autoren von Hagarism auf Seite 7:

Im Gegensatz zur standardmäßigen islamischen Darstellung der Beziehungen zwischen Mohammed und den jüdischen Stämmen von Medina erscheinen die Juden in dem als „Verfassung von Medina“ bekannten Dokument als eine Gemeinschaft (umma) zusammen mit den Gläubigen, trotz der Beibehaltung ihrer eigenen Religion, und sie sind namenlos unter einer Reihe arabischer Stämme verteilt.

Wie alle anderen schenkten jedoch auch Crone und Cook der tatsächlichen jüdisch-messianischen Bewegung zur Zeit Mohammeds nur wenig Aufmerksamkeit und zogen es vor, Mohammeds Überzeugungen auf seine eigenen inneren Denkprozesse zurückzuführen. Die Befreiung Jerusalems im Jahr 614 n. Chr. wird nicht einmal erwähnt. Der Ton des Buches ist – wie schon der Titel zeigt – sowohl gegenüber dem Judentum als auch gegenüber dem Islam respektlos; ob dies eine Verbesserung gegenüber der üblichen Praxis darstellt, nur gegenüber dem Judentum respektlos zu sein, ist unklar.

Jerusalem
Maßstabsgetreue Rekonstruktion Jerusalems im 1. Jahrhundert n. Chr. mit dem Tempelberg, Israel-Museum Jerusalem, fotografiert am 11.10.1225.

Mohammeds Laufbahn lässt sich in zwei Phasen einteilen: eine pro-jüdische und eine anti-jüdische. Mohammed wurde im Jahr 570 n. Chr. geboren, im selben Jahr, in dem eine äthiopisch-christliche Invasion Mekkas und Nordarabiens zurückgeschlagen wurde. Er stammte aus einer angesehenen Familie, wurde jedoch früh verwaist und verbrachte die ersten vierzig Jahre seines Lebens in relativer Bedeutungslosigkeit.

Um 610 n. Chr., als die persische Offensive ihre ersten großen Erfolge erzielte, begann Mohammed auf dem Marktplatz von Mekka zu predigen. In den folgenden zwölf Jahren, während die Juden für Jerusalem kämpften, es befreiten und versuchten, es zurückzugewinnen, predigte Mohammed den Menschen von Mekka seine Version des Judentums. Als er 622 n. Chr. aus Mekka vertrieben wurde, floh er nach Medina, wo er gute Beziehungen zur jüdischen Gemeinde unterhielt.

Doch um 624 n. Chr., als sich das Kriegsglück im Norden zugunsten der Byzantiner wendete und die Lage der Juden in Palästina immer verzweifelter wurde, brach Mohammed mit den Juden. Er und seine Anhänger töteten oder versklavten die Juden Medinas und anderer Städte Nordarabiens, und in seinen Reden begannen Schmähungen gegen die Juden aufzutauchen. Dieser Verrat an der jüdischen Sache wurde von schmeichelhaften Bemerkungen über die Christen begleitet, um die Mohammed nun ebenso zu umwerben begann, wie es zuvor die Perser getan hatten.

Als die Muslime im Süden Arabiens die Kontrolle über den Jemen übernahmen, versuchten sie erfolglos, die gesamte jüdische Bevölkerung zur Konversion zum Islam zu zwingen. Viele taten es, doch eine große Zahl weigerte sich, was die Grundlage für eine bedeutende jüdische Gemeinde bildete, die im Jemen bis in die Neuzeit überlebte.

Mohammeds Bruch mit den Juden wurde bereits durch das eine klar nichtjüdische Element seiner frühen Lehren angedeutet: sein Beharren darauf, Gott einen arabischen und nicht einen hebräischen Namen zu geben – „Allah“ statt „El“. Mohammed appellierte an den Nationalstolz der Araber, indem er erklärte, er sei der Prophet, der speziell zu ihnen gesandt worden sei, so wie Mose speziell zu den Hebräern gesandt worden war.

Als deutlich wurde, dass die Juden erneut besiegt werden würden, war Mohammed gut positioniert, sich im Namen Allahs und der arabischen Einheit gegen sie zu wenden. Über Jahrhunderte war die arabische Welt zwischen konkurrierenden jüdischen und christlichen Fraktionen geteilt gewesen – die eine von den Persern unterstützt, die andere von den Byzantinern und Äthiopiern. Solange es so aussah, als würden die Juden siegen, stand Mohammed auf ihrer Seite; der Bruch mit ihnen hatte jedoch den großen Vorteil, dass er den Konflikt zwischen Christen und Juden transzendieren und die Araber um seine eigenen Lehren vereinen konnte.

Nach Mohammeds Tod im Jahr 632 n. Chr. waren die muslimischen Streitkräfte groß genug, um nach Norden vorzustoßen und die Invasion des gesamten Nahen Ostens zu beginnen. Der Erfolg von Mohammeds Politik besiegelte das Schicksal der Juden, indem er sie zu einer kleinen Minderheit reduzierte, die sowohl im Neuen Testament als auch im Koran verachtet und verunglimpft wurde.

Aus jüdischer Sicht sind die engsten historischen Parallelen zu Mohammed Luther und Stalin. Alle drei dieser Gestalten haben dem jüdischen Volk in gleichem Maße geholfen und geschadet. Mohammed war verantwortlich für die Zerstörung des größten Teils der jüdischen Gemeinschaft Arabiens und für die Diffamierung des jüdischen Volkes im Koran; zugleich jedoch könnte die muslimische Eroberung des Nahen Ostens das jüdische Volk vor der vollständigen Vernichtung bewahrt haben.

Wie zu erwarten war, reagierten die Byzantiner auf die Befreiung Jerusalems mit einem vollständigen Verbot des Judentums im gesamten Reich und forderten sogar benachbarte Königreiche auf, dasselbe zu tun. So negativ sie auch war, die muslimische Politik gegenüber den Juden war dennoch weitaus toleranter als die christliche. Unter muslimischer Herrschaft durften die jüdischen Gemeinden des Nahen Ostens überleben – stark reduziert an Zahl und Prestige, gewiss, aber dennoch formal als „Leute des Buches“ anerkannt und zu einem gewissen Maß an Schutz vor christlicher Verfolgung berechtigt.

Darüber hinaus steigerte der Triumph des Islam – da er so eindeutig aus dem Judentum hervorgegangen war – das Prestige, wenn nicht der Juden selbst, so doch zumindest des jüdischen Denkens. Mohammed trug somit dazu bei, eine paradoxe Situation zu schaffen, in der ein großer Teil der Alten Welt jüdischen Ideen in christlicher oder muslimischer Gestalt huldigte, während die Juden selbst auf die Position einer kleinen und unbedeutenden Minderheit reduziert wurden.

Im Kern geschah Folgendes: Der Islam ersetzte das Judentum als Ideologie der nahöstlichen Koalition, die sich dem griechisch-römischen Imperialismus widersetzte. Der Grund war einfach: Es bedurfte eines Reiches, um ein Reich zu besiegen. Trotz seines Bündnisses mit dem Perserreich war das Judentum grundsätzlich allen Formen des Imperialismus feindlich gegenüber, da es auf der Forderung nach nationaler Selbstbestimmung des jüdischen Volkes beruhte.

Das Judentum versuchte, den griechisch-römischen Imperialismus durch eine Koalition unabhängiger Nationen unter persischer Führung zu bekämpfen; doch die Ereignisse des frühen 7. Jahrhunderts – die Befreiung Jerusalems, gefolgt vom persischen Verrat und der byzantinischen Wiedererstarkung – diskreditierten diese Strategie endgültig. Der Islam unterschied sich vom Judentum darin, dass er sich auf ein Volk stützte – die Araber –, die bereit und willens waren, ihren Willen mit Gewalt im Nahen Osten durchzusetzen.

Sie taten dies im Namen jüdischer Ideen, lehnten jedoch die jüdische Vorstellung nationaler Selbstbestimmung vollständig ab. Wo immer die Araber hinkamen, versuchten sie, den eroberten Völkern ihre Religion und ihre Sprache aufzuzwingen. Der Islam war daher weniger radikal und idealistisch, aber erfolgreicher als das Judentum. Wie zuvor das Christentum wurde er zur Ideologie eines Reiches, und zwischen ihnen beherrschten die christlichen und muslimischen Reiche den größten Teil der Alten Welt.

Das Judentum war nahezu vergessen, doch selbst unter diesen widrigen Umständen wirkte die jüdische Tradition weiterhin als eine mächtige Kraft in der Weltgeschichte.

Nicht immunologisch naiv

corona

Ist Corona nicht völlig out? Wieso machen die noch Impfreklame?

Auch wenn sich das komisch anhört: Ich hatte noch nie Corona, und wenn, dann hatte ich keinerlei Symptome. Fragen wir die KI, ob ich eine kleine radikale Minderheit bin:

Ja – es gibt wissenschaftliche Schätzungen dazu, wie viele Menschen in Deutschland (stand früherer Pandemie-Phasen) noch nie mit SARS-CoV-2 in Kontakt gekommen sind oder infiziert waren (also immunologisch naïv). Allerdings stammen die meisten belastbaren Studien aus frühen oder mittleren Phasen der Pandemie (bis 2022) und berücksichtigen nicht unbedingt die vielen Omikron-Wellen danach. Hier die wichtigsten Ergebnisse aus Modellierungen und Untersuchungen:

🧪 Schätzungen zur „nie infiziert“-Gruppe
📍 Modellrechnung bis Ende Mai 2022
Eine mathematische Modellierung, die Infektionszahlen, Impfquoten und Dunkelziffern berücksichtigt, kam zu folgendem Ergebnis:
➡️ Etwa 5,6 % der Gesamtbevölkerung hatten bis 31. Mai 2022 weder eine Corona-Infektion noch eine Impfung und gelten daher als immunologisch naïv (nicht infiziert, nicht geimpft) – mit einer Spanne zwischen ca. 2,5 % und 8,5 % je nach Bundesland und Alter. Bei 18- bis 59-Jährigen lag der Anteil sogar niedriger (ca. 1,6 %–5,9 %).

📍 Frühere Modellierung bis März 2022
Eine andere Analyse bezifferte den Anteil Menschen in Deutschland, die weder geimpft noch mit SARS-CoV-2 in Kontakt gekommen sind, auf etwa 7 % bis Ende März 2022. (Ärzteblatt)

📌 Wichtige Hinweise
– Diese Schätzungen beziehen sich nicht direkt auf den Zeitpunkt Ende 2025. Seit 2022 gab es sehr viele weitere Infektionen (insbesondere durch Omikron-Subvarianten), weshalb der Anteil an noch nie infizierten Personen heute wahrscheinlich noch deutlich niedriger ist als die genannten ~5 %–7 % aus früheren Studien.
– Seroprävalenz- und Modellstudien können zwischen berichteten und tatsächlich stattgefundenen Infektionen stark variieren, da nicht jede Infektion getestet bzw. gemeldet wird.
– Zudem gibt es Menschen, die zwar nie getestet positiv waren, aber unbemerkt infiziert wurden (z. B. asymptomatisch), was die Schätzungen weiter kompliziert.

🧠 Fazit
Nach den besten verfügbaren Modellrechnungen aus der Pandemie bis 2022 hatten nur eine kleine Minderheit (einige Prozent) der deutschen Bevölkerung bis dahin weder Infektion noch Impfung erlebt. Für die aktuelle Situation 2025 gibt es meines Wissens keine aktuelle, repräsentative Schätzung, aber es ist zu erwarten, dass dieser Anteil seitdem weiter gesunken ist, da fast alle Menschen mehrfach durch Infektionen oder Impfungen „in Kontakt“ mit dem Virus gekommen sind.

Für Ende 2025 kenne ich [ChatGPT] keine frei zugängliche, repräsentative Zahl, die denselben Trick (Spike vs. Nukleokapsid + Impfhistorie) sauber auf die gesamte geimpfte Bevölkerung hochrechnet. Was man aber ziemlich sicher sagen kann: Durch weitere Omikron-Wellen seit 2022 dürfte der Anteil „geimpft und wirklich noch nie infiziert“ deutlich kleiner sein als die obigen (2022er) Obergrenzen.

Geimpft & „noch nie Corona“ (Schätzung aus N-Antikörpern) – Deutschland, Juni–Nov 2022 (IMMUNEBRIDGE)
Impfstatus N-AK positiv
(Hinweis auf Infektion)
N-AK negativ
(= „max. nie infiziert“)
„Waning“-korrigierte Spanne
(plausibler Anteil „nie infiziert“)
Annahme für Korrektur
2 Impfungen 55,8% 44,2% 17,9% – 37,3% Wenn N-AK-Nachweis nach Infektion je nach Zeit seit Infektion ca. 68% bis 89% beträgt
3 Impfungen 47,7% 52,3% 29,9% – 46,4% Gleiche Korrekturanahme (68%–89% Sensitivität)
4 Impfungen 30,5% 69,5% 55,1% – 65,7% Gleiche Korrekturanahme (68%–89% Sensitivität)


Quelle: IMMUNEBRIDGE (33.637 Teilnehmer, Juni–Nov 2022). „N-AK negativ“ ist ein oberes Limit für „nie infiziert“, weil N-Antikörper nach Monaten abnehmen können.
Die „Waning“-Spanne korrigiert grob mit im Paper berichteten Nachweisraten (≈89% bis 5 Monate, ≈68% nach >5 Monaten) für Infektionen nach ≥2 Impfungen.

Unter historisch-kritischen Exegetikern

Mich hat Wissenschaft – herauszufinden, was wirklich und wahr ist – immer fasziniert. In meiner Studienzeit musste ich auch noch lernen, wie man wissenschaftlich zitiert. Das gehört zum Handwerk.

Was aber passiert, wenn man Wissenschaft auf heilige Bücher loslässt? (Wir hatten schon Secondlife, was niemanden außer mir interessiert, also kann ich mit hochaktuellen Themen, die allen unter den Nägeln brennen, gleich weitermachen.)

weippert
Ausriss aus Manfred Weippert, Landnahme

Und der Herr sprach zu Josua: Fürchte dich nicht und zage nicht! Nimm mit dir alles Kriegsvolk und mache dich auf und ziech hinauf gen Ai! Siehe da, ich habe den König zu Ai samt seinem Volk, seiner Stadt und Land in deine Hände gegeben. Und sollst mit Ai und ihrem König tun, wie du mit Jericho und ihrem König getan hast, nur daß ihr ihren Raub und ihr Vieh unter euch teilen sollt. Aber bestelle einen Hinterhalt hinter der Stadt.

Da machte sich Josua auf und alles Kriegsvolk, hinaufzuziehen gen Ai. Und Josua erwählte dreißigtausend streitbare Männer und sandte sie aus bei der Nacht. Und gebot ihnen und sprach: Sehet zu, ihr sollt der Hinterhalt sein hinter der Stadt; machet euch aber nicht allzu ferne von der Stadt und seid allesamt bereit!

Ich aber und alles Volk, das mit mir ist, wollen uns zu der Stadt machen. Und wenn sie uns entgegen herausfahren wie vorhin, so wollen wir vor ihnen fliehen, daß sie uns nachfolgen heraus, bis daß wir sie heraus von der Stadt reißen. Denn sie werden gedenken, wir fliehen vor ihnen wie vorhin. Und weil wir vor ihnen fliehen, sollt ihr euch aufmachen aus dem Hinterhalt und die Stadt einnehmen; denn der HERR, eurer Gott, wird sie in eure Hände geben.

Wenn ihr aber die Stadt eingenommen habt, so stecket sie an mit Feuer und tut nach dem Wort des Herrn. Siehe, ich hab’s euch geboten. (Josua 8, 1ff. nach dem Luther-Text von 1545)

Schöne Geschichte für Netflix, für The Last Kingdom oder so etwas. Was aber sagt die Wissenschaft? Manfred Weippert: Die Landnahme der israelitischen Stämme in der neueren wissenschaftlichen Diskussion, Göttingen 1967, schreibt:

„Bei der Erzählung von der Eroberung und Zerstörung der Stadt Ai (Jos. 8,1-19) muß das Urteil über die Historizität sogar durch aus negativ ausfallen, da die Ausgrabungen auf der sicher mit diesem Ort zu identifizierenden Ruinenstätte et-tell eine Besiedlungslücke zwischen der Frühbronze- und der Eisen-I-Zeit ergeben haben, so daß die Sage, die den großen Trümmerhaufen mit der israelitischen Landnahme, also mit der Zerstörung eine spätbronzezeitlichen Siedlung verband, um mehr als ein Jahrtausend danebengriff.“

Und auch Wikipedia ist aktuell: „Der Name עי ist das hebräische Wort für Trümmerhaufen, entsprechend dem arabischen Tell – so auch der heutige Name التل –, so dass die namensgebende Bevölkerung an dieser Stätte schon Ruinen vorgefunden haben muss. Daher geht die historisch-kritische Exegese davon aus, dass es sich bei der biblischen Erzählung um eine ätiologische Legende handelt, die erklären soll, wie der Trümmerhaufen entstanden ist.“

Alles wieder Fake News.

Ich habe ChatGPT befohlen, die Anmerkung (2) zu et-tell in der Original-Schreibweise für ein WordPress-Blog aufzubereiten.

„(2) Seit E. Robinson, Palästina und die südlich angrenzenden Länder II (Halle/S. 1841), 562—564, beherrscht die Alternative et-tell : ḥirbet ḥayyān die Diskussion um die Lokalisierung von Ai (Übersicht bei W. F. Albright, AASOR 4 [1922/23], 141—149; J. M. Grintz, Bibl 42 [1961], 201—206). Die schließlich allgemein anerkannte Kompromißlösung, die z. T. auf den archäologischen Befunden an beiden Orten beruhte, setzte das scheinbar spätbronzezeitliche Ai auf et-tell, die eisenzeitliche Nachfolgesiedlung (?) (ḥā-ʿay Es. 2,28; Neh. 7,32; ʿayyā Neh. 11,31; 1. Chr. 7,28; ʿayyat Jes. 10,28; vielleicht ḥā-ʿawwīm Jos. 18,23) auf der ḥirbet ḥayyān an. Ḥirbet ḥayyān scheidet nach dem Ausgrabungsbefund von 1964 (J. A. Callaway, BASOR 178 [1965], 16 Anm. 4; B. T. Dahlberg, BA 28 [1965], 28; H. Donner, ZDPV 81 [1965], 16—18) jedoch völlig aus, da die Schichten dort erst in der früharabischen Zeit beginnen. Zum Ausgrabungsbefund von et-tell s. S. 32 Anm. 1. Auf Grund einer dem Rabbi Berechja (4. Jh. n. Chr.) zugeschriebenen Notiz im Midrasch Ex. R. XXXII, daß die Entfernung zwischen Jericho und Ai 3 römische Meilen betrage, möchte B.-Z. Luria, Məqōmāh šel hā-ʿay (Iyyūnīm bə-sēfer yəhošūaʿ [1960 (s. S. 26 Anm. 1)], 12—41) Ai auf der ḥirbet bēt ġāber et-taḥtānī oder den tellāl abū el-ʿalāʾiq suchen, wogegen freilich spricht, daß nach Aussage der biblischen Quellen Ai sicher auf dem Gebirge, nicht in der Araba gelegen hat. Auch Lurias unkritische Behandlung der biblischen Texte wie das junge Alter der Redaktion des Midrasch (11./12. Jh.; vgl. L. Zunz, Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden [Berlin² 1892], 256—258; H. L. Strack, Introduction to the Talmud and Midrash [New York u. Philadelphia 1959], 215) beeinträchtigen den Wert seiner These. Ebenso reichen aber die Gründe von J. M. Grintz, „Ai which is beside Beth-Aven“: A Re-examination of the Identity of ʿAi (Bibl 42 [1961], 201—216) zu einer Widerlegung der Gleichung Ai = et-tell nicht aus.“

Wisst ihr Bescheid.

weippert

Aramäische Papyri aus Elephantine

Papyri

Mit welchen Wörtern der Überschrift kann das Publikum nichts anfangen?

Im Ernst: Manchmal gönne ich mir für zwischendurch etwas Schmökerei, die zu fast gar nichts nützlich ist. Die Muse der Gelehrsamkeit an sich küsst mich. Ich hatte die Literaturangabe irgendwo bei Barbara Schmitz gefunden, aber noch nie etwas von diesen besagten Papyri gehört.

Warum ist das interessant? Es könnte Verehrer höherer Wesen der jüdischen Art beunruhigen. Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

„Die Elephantine-Papyri sind eine Reihe verschiedener Papyri, die auf der ägyptischen Nilinsel Elephantine in der Nähe von Assuan gefunden wurden. Die dort ansässige Militärkolonie beherbergte Söldner verschiedener Herkunft, darunter griechische, phönizische und syrische Gruppen. Das Wüstenklima begünstigte den Erhalt von Papyrus, daher finden sich aus einer Zeitspanne von rund 1000 Jahren entsprechende Dokumente in Demotisch, Altgriechisch, Aramäisch, Latein und Koptisch.“

Jetzt die Pointe: „In Elephantine gab es schon vor dem Jahr 525 v. Chr. eine jüdische Kolonie, die einen eigenen JHWH-Tempel mit Opferkult hatte. Otto Rubensohn fand bei seinen Ausgrabungen das Archiv der jüdischen Gemeinde“. (Chapeau, Hugo Ibscher! Solche Leute wie Dich gibt es in Deutschland nicht mehr.)

Die hatten da einen jüdischen Tempel. Nicht in Jerusalem. Nein, auf einer Insel im Nil. Und wenn es da einen gab, dann existieren auch andere davon.

Was sagt denn die Tora-kundige KI?

„Ein zentrales Beispiel aus der Tora, das zeigt, dass es nur einen legitimen Ort für Opferkult / Tempel geben soll, steht in Devarim (Deuteronomium) Kapitel 12.

Sondern nur an dem Ort, den der HERR, euer Gott, aus allen euren Stämmen erwählen wird, um seinen Namen dort wohnen zu lassen, dorthin sollt ihr gehen. Dorthin sollt ihr eure Brandopfer, Schlachtopfer, Zehnten und Weihegaben bringen

– Die Tora verbietet ausdrücklich mehrere Opferstätten,
– Opfer dürfen nicht dezentral oder privat dargebracht werden,
– Es gibt einen einzigen von Gott erwählten Ort.“

Ach. Ach was.

Unter Ethnic Scholars oder: Wie man antisemitische Propaganda in akademische Pubikationen einschleust

Ich habe mir einen Text des Blogs Elder of Zyon übersetze lasse, weil er beispielhaft zeigt, wie das vermutlich auch an deutschen Universitäten abläuft:

ethnic scholars

Letzten Sommer beschrieb die Princeton-Professorin Lorgia García Peña auf der Konferenz „Sozialismus 2025“, wie man antiisraelischen Aktivismus in alle Bereiche der Wissenschaft, einschließlich Naturwissenschaften, Ingenieurwesen und Mathematik, einbringen könne. (Nebenbei bemerkte sie, ihr Ziel sei es, „die Universität in ihrer jetzigen Form abzuschaffen“, während sie weiterhin von „der kolonisierenden, rassistisch-kapitalistischen, weiß-suprematistischen Institution, die mein Gehalt zahlt, das ich dringend benötige“, bezahlt werde.)

Dies geschieht bereits. Ich sehe, wie Lügen über Israel in zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten eingeschmuggelt werden, die nichts mit Israel zu tun haben, wobei „Völkermord“ als bevorzugte Bezeichnung als Fakt dargestellt wird.

Ein besonders heuchlerisches Beispiel findet sich in einem Aufsatz über Ethik in „Qualitative Research in Psychology“.

Ethik, Macht und Verantwortung in der qualitativen Psychologie: Eine ethnografische Duo-Studie
Chiara Fiscone, Guido Veronese, Desmond Painter & Ashraf Kagee
Online veröffentlicht: 11. November 2025

Zusammenfassung
Dieser Beitrag ist das Ergebnis einer ethnografischen Duo-Studie zu den gelebten und umstrittenen Dimensionen von Ethik in der qualitativen psychologischen Forschung. Ausgehend von unseren unterschiedlichen Positionen als Forschende in verschiedenen disziplinären, institutionellen und geopolitischen Kontexten reflektieren wir die anhaltende Dissonanz zwischen institutionalisierter Verfahrensethik und den in der Praxis auftretenden ethischen Komplexitäten. Durch reflexive und kollaborative Analyse identifizieren wir vier miteinander verwobene Spannungsfelder, die unsere Untersuchung strukturieren: die Diskrepanz zwischen institutioneller Ethik und ethischer Verantwortung; die informierte Einwilligung als ethischer und politischer Konfliktpunkt; die Herausforderungen im Umgang mit den Spannungen und Paradoxien innerhalb ethischer Praxis; und die Verflechtung von Ethik mit politischen Strukturen und Machtdynamiken. Anstatt vorschreibende Lösungen anzubieten, verweilen wir in diesen Spannungen – wir leben in dem Unbehagen, den Widersprüchen und der Unsicherheit, die ethische Forschung als einen andauernden, situationsbedingten Kampf definieren.

Im Abstract findet sich kein Hinweis auf Gaza oder Israel, doch die Arbeit erwähnt den Begriff „Völkermord in Gaza“ aufgrund einer Stichwortsuche. Alle vier der Autoren haben in verschiedenen Bereichen (soziale Medien, Petitionen, andere Veröffentlichungen) zum Ausdruck gebracht, dass sie den „Völkermord“ in Gaza für eine unbestreitbare Tatsache halten.

Wie ich letzte Woche mit dem Münchhausen-Trilemma – einem einfachen logischen Test, der die strukturelle Unmöglichkeit eines „Völkermords in Gaza“ gemäß der Völkermordkonvention aufzeigt – bewiesen habe, ist all dies haltlos. Jede Veröffentlichung, Rede, jeder Artikel, jedes Kinderbuch, jede Konferenz oder jeder Podcast, der den Begriff „Völkermord in Gaza“ ohne weitere Erläuterung verwendet, ist eine Lüge.

In meiner Kultur gilt Lügen als unethisch. (Die Verwendung des Wortes „Positionalitäten“ anstelle von „Positionen“ ist nicht ganz so verwerflich.)

Noch unethischer ist es, Lügen in Bereiche einzuschleusen, in denen man sie nicht erwartet. Und genau hier entfalten die modernen antisemitischen Ritualmordlegenden ihre erschreckende Wirkung: Wenn man den Begriff „Gaza-Genozid“ in einem Kontext fernab der Politik liest oder hört, geht man psychologisch davon aus, dass es sich um eine bewiesene Tatsache handeln muss. Man erwartet, dass das Gelesene redigiert, geprüft und weitgehend wahr ist; man mag zwar wachsam sein und die Hauptargumente kritisch hinterfragen, aber die zugrundeliegenden Fakten gelten als wohlwollend dargestellt. Und das ist nicht mehr der Fall.

Dies ist nur ein Beispiel. Eine aktuelle bibliometrische Analyse von Artikeln zum Gaza-Krieg ergab eine große Anzahl in Top-Fachzeitschriften wie The Lancet und BMJ, die ihn ohne Vorbehalte als „Genozid“ bezeichnen – pro-palästinensische Beiträge dominieren dabei im Verhältnis 2:1 gegenüber pro-israelischen, oft in fachfremden Bereichen wie der öffentlichen Gesundheit. Auch dieser Artikel selbst gehörte dazu und berief sich wiederholt auf den „Gaza-Genozid“ als Fakt.

Allein im letzten Monat erschienen in Publikationen von Taylor & Francis rund 47 Artikel, die von „Völkermord“ in Gaza sprachen. Gegen diese Lüge anzukämpfen, grenzt an beruflichen Selbstmord, vergleichbar mit der Holocaustleugnung.

Und das Erschreckende daran: Das stammt direkt aus dem antisemitischen Propaganda-Handbuch der Nazis der 1930er-Jahre. Institutionen mit falschen „Fakten“ unterwandern, die große Lüge durch ständige Wiederholung in „seriösen“ Medien normalisieren und zusehen, wie die Gesellschaft zerbricht, bis das Undenkbare unausweichlich wird. Die Hetzer erfinden nichts Neues: Sie setzen das Drehbuch um und streben dieselben Ergebnisse wie in den 1940er-Jahren an.

Wir dürfen das nicht zulassen. Wir müssen es anprangern. Immer wieder. Wir müssen sie in die Defensive drängen. Wir müssen sie zwingen, jedes Wort zu beweisen. Wir müssen ihre Herausgeber zu verantwortungsvollem Handeln zwingen. Wir müssen die Zeitschriften, die diese Verleumdungen veröffentlichen, anprangern. Wir müssen Briefe an jede einzelne Zeitschrift schreiben und aufzeigen, dass ihre redaktionellen Prozesse versagt haben und dass diese Versäumnisse realen Schaden anrichten.

Entlarve die Lügen jedes Mal!

Der Führer ist anwesend oder: Epilog: Was sollte das?, Nachtrag

north Korea

Was mir gestern beim Anhören grauenhafter Kirchenlieder – nur aus Recherchegründen! – auffiel: Es gibt eine gewissen strukturelle Ähnlichkeit der öffentlich bekundeten Emotionen, hier des Weinens.

Man kann sich aus europäischer Sicht über die Massenhysterie der Nordkoreaner lustig machen, weil sie uns so fremd sind wie die Arjenyattah-Epidemie in Judäa und Samaria. Aber so weit entfernt von „uns“ ist das gar nicht.

Elias Canetti hat zum Thema die schöne Überschrift „Zähmung der Massen in den Weltreligionen“ geprägt. Das gilt auch für säkulare Religionen, wobei die Grenze zwischen bloßer autokratischer Herrschaft und Verehrung „höherer“ Wesen fließend wird.

Was sie sich wünschen, ist im Gegensatz zu dieser eine folgsame Herde. Es ist üblich, die Gläubigen als Schafe zu betrachten und für ihren Gehorsam zu loben. Auf die wesentliche Tendenz der Masse, nämlich zu raschem Wachstum, verzichten sie ganz. Sie begnügen sich mit einer zeitweiligen Fiktion von Gleichheit unter den Gläubigen, die aber nie zu streng durchgeführt wird; mit einer bestimmten Dichte, die in gemäßigten Grenzen gehalten wird, und einer starken Richtung. Das Ziel setzen sie gern in eine sehr weite Ferne, ein Jenseits, in das man gar nicht gleich hineinkommen soll, da man noch lebt, und das man sich durch viel Bemühungen und Unterwerfungen verdienen muß. Die Richtung wird allmählich das wichtigste. Je ferner das Ziel, um so mehr hat es Aussicht auf Bestand. An die Stelle jenes anderen, scheinbar unerläßlichen Prinzips des Wachstums wird etwas davon ganz Verschiedenes gesetzt: die Wiederholung.

In bestimmten Räumen, zu bestimmten Zeiten werden die Gläubigen versammelt und durch immer gleiche Verrichtungen in einen gemilderten Massenzustand versetzt, der sie beeindruckt, ohne gefährlich zu werden, und an den sie sich gewöhnen. Das Gefühl ihrer Einheit wird ihnen dosiert verabreicht. Von der Richtigkeit dieser Dosierung hängt der Bestand der Kirche ab.

Wo immer Menschen sich an dieses präzis wiederholte und präzis begrenzte Erlebnis in ihren Kirchen oder Tempeln gewöhnt haben, können sie es nicht mehr entbehren. Sie sind darauf angewiesen wie auf Nahrung und alles, was sonst ihr Dasein ausmacht. Ein plötzliches Verbot ihres Kultes, die Unterdrückung ihrer Religion durch ein staatliches Edikt, kann nicht ohne Folgen bleiben. Die Störung ihres sorgfältig ausbalancierten Massen-Haushalts muß nach einiger Zeit zum Ausbruch einer offenen Masse führen. Diese hat dann alle elementaren Eigenschaften, die man kennt. Sie greift rapid um sich.

Das kollektive Weinen – weil der Führer gestoben ist oder unerwartet auftaucht (vgl. unten) – ist die andere Seite der „Medaille“ der disziplinierten Masse, vergleichbar mit einem ritualisierten Ausbruch aus dem ansonsten starren Gefüge, wie beim Karneval oder den Saturnalien.

Wie jemand sagte: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

NAK

PS Mir fällt gerade auf, dass die Marseillaise der Protestanten nach Südafrika ausgewandert ist, und auch nach Tafelsig. Wenn das der Luther wüsste!

PPS Weltweit gibt die NAK aktuell rund 9,4 Millionen Mitglieder an (Stand Ende 2024). Etwa 87 % aller Mitglieder leben auf dem afrikanischen Kontinent.

Neue Ware eingetroffen, reloaded

Neu in meiner Bibliothek (und der Literaturliste):

Lemche, Niels Peter: Die Vorgeschichte Israel – Von den Anfängen bis zum Ausgang des 13. Jahrhunderts v. Chr., Stuttgart 1996 (Biblische Enzyklopädie 1)

Ben-Sasson, H. H.: Geschichte des jüdischen Volkes – Von den Anfängen bis zur Gegenwart, (1969) 1978 (dt.)

Crowley, Roger: Der Fall von Akkon – Der letzte Kampf um das Heilige Land, Darmstadt 2019

Redford, Donald B.: Egypt, Canaan and Israel in Ancient Times, Princeton | New Jersey 1992

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