Theorien der Inflation (Teil IV)

„Steigende Arbeitsproduktivität wirkt grundsätzlich preissenkend. Sinkende Profitabilität bremst jedoch produktive Investitionen und damit das Produktivitätswachstum. Wird dies durch eine Ausweitung von Geld und Kredit kompensiert, entsteht Inflationsdruck.“
In diesem letzten Teil der Reihe über die Ursachen der Inflation befasse ich mich [Michael Roberts] mit dem Zeitraum seit dem Ende des pandemiebedingten Einbruchs im Jahr 2020.
Der Artikel untersucht die Ursachen der seit dem Ende des Pandemieeinbruchs 2020 wieder deutlich gestiegenen Inflation. In den USA lag die Verbraucherpreisinflation in den 2020er Jahren bislang durchschnittlich bei 3,9 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie in den 2010er Jahren. Seit Januar 2020 stiegen die Verbraucherpreise annualisiert um etwa vier Prozent; damit hat die Fed ihr Inflationsziel von zwei Prozent deutlich verfehlt.
Nach Ansicht des Autors [Michael Roberts] haben die herrschenden Inflationstheorien versagt. Zunächst wurde die Inflation als vorübergehende Folge pandemiebedingter Lieferengpässe betrachtet. Als sie anhielt, griffen Ökonomen wieder auf bekannte Erklärungen zurück: Monetaristen machten eine zu lockere Geldpolitik verantwortlich, Keynesianer Lohnsteigerungen und die Phillips-Kurve, andere zu hohe Staatsausgaben oder Inflationserwartungen. Der Autor hält keine dieser Erklärungen für überzeugend. Insbesondere seien Inflationserwartungen eher Folge als Ursache steigender Preise. Selbst Ökonomen wie Larry Summers und der ehemalige Bank-of-England-Chef Mervyn King räumten grundlegende Probleme der bisherigen Inflationstheorien ein.
Auch heterodoxe Erklärungen, die Inflation auf steigende Unternehmensgewinne und „Preistreiberei“ durch Monopole zurückführen, hält der Autor für unzureichend. Unternehmen mit Marktmacht konnten während der Lieferengpässe 2020/21 zwar ihre Preise und Gewinne erhöhen. Als sich die Lieferketten normalisierten und der Wettbewerb zunahm, ließ sich dies jedoch nicht fortsetzen. Entscheidend sei deshalb die jeweilige Phase des Konjunkturzyklus und nicht die Existenz von Monopolen an sich. Preiskontrollen seien ebenfalls keine dauerhafte Lösung; der Autor plädiert stattdessen für öffentliches Eigentum an großen Energie- und Lebensmittelkonzernen.
Die tiefer liegende Ursache der Inflation sieht der Artikel in der bereits vor der Pandemie bestehenden Schwäche der kapitalistischen Produktion: Seit Jahrzehnten verlangsamten sich Produktivitätswachstum und produktive Investitionen. Die großen Volkswirtschaften befanden sich schon vor COVID nahe an einem Abschwung und konnten deshalb die pandemiebedingten Angebots-, Energie- und Lebensmittelschocks schlecht verkraften.
Hier knüpft die marxistische Werttheorie der Inflation von Guglielmo Carchedi, Michael Roberts und ähnlich auch Paul Mattick Jr. an. Steigende Arbeitsproduktivität wirkt grundsätzlich preissenkend. Sinkende Profitabilität bremst jedoch produktive Investitionen und damit das Produktivitätswachstum. Wird dies durch eine Ausweitung von Geld und Kredit kompensiert, entsteht Inflationsdruck. Entscheidend für die sogenannte Value Rate of Inflation (VRI) ist dabei die Differenz zwischen dem Wachstum der umlaufenden Geldmenge und dem Wachstum der geleisteten Arbeitsstunden in den produktiven Wirtschaftssektoren.
Nach dieser Berechnung sei die tatsächliche Inflation langfristig erheblich höher als die offiziell ausgewiesene. Für 1949–2019 liege die durchschnittliche VRI ungefähr doppelt so hoch wie CPI und BIP-Deflator. Ein Grund seien unter anderem hedonische Qualitätsbereinigungen und Veränderungen des Warenkorbs. Corbin Trent kommt mit einem anderen, auf der zum Erwerb lebensnotwendiger Güter erforderlichen Arbeitszeit beruhenden Verfahren zu einem ähnlichen Ergebnis: Ein Medianeinkommen von 42.220 Dollar 2023 hätte etwa 102.024 Dollar betragen müssen, um dieselbe Kaufkraft für grundlegende Bedürfnisse wie 1950 zu erreichen.
Auch die eigene VRI-Berechnung des Autors ergibt ein wesentlich schlechteres Bild der Einkommensentwicklung: Während offizielle Daten einen Anstieg des realen Medianeinkommens amerikanischer Familien von 62 Prozent zwischen 1960 und 2024 ausweisen, ergibt sich nach der werttheoretischen Inflationsmessung ein Rückgang um 20 Prozent. Reale Einkommenszuwächse habe es demnach hauptsächlich im „Goldenen Zeitalter“ 1960–73 gegeben; danach seien die Realeinkommen gesunken.
2022 stieg die VRI auf fast 11 Prozent, während die bereinigte Geldmenge M2 um mehr als 14 Prozent zunahm und sich das Wachstum der Arbeitsstunden verlangsamte. Die geldpolitische Straffung 2023/24 ließ sowohl VRI als auch offizielle Inflation wieder sinken, allerdings nicht auf das Niveau vor der Pandemie.
Für die Zukunft erwartet der Autor erneut stärkeren Inflationsdruck: Die Arbeitsstunden wachsen nur um etwa 0,5 Prozent jährlich, während die umlaufende Geldmenge inzwischen um mehr als 8 Prozent zunimmt. Daraus prognostiziert er für 2026 eine VRI von etwa 7,5 Prozent und für 2027 eine offizielle Inflation von 4,5–5 Prozent. Bei einem US-Wirtschaftswachstum von nur etwa 1,5 Prozent drohe damit Stagflation.
Eine mögliche Gegenkraft wäre ein kräftiger Produktivitätsschub durch KI. Darauf setzt Fed-Chef Kevin Warsh. Der Autor bezweifelt jedoch, dass dies ausreichen wird, zumal die höhere Profitabilität bislang stark auf IT, Energie und Finanzwirtschaft konzentriert sei. Bleiben Produktivitäts- und Investitionsschub aus, werde die Kombination aus schwachem Wachstum und starker Geldmengenausweitung die höhere Inflation verstetigen. Der seit 2020 deutliche Anstieg der Renditen von US-Staatsanleihen wird als Zeichen dafür gewertet, dass auch die Finanzmärkte mit dauerhaft höherer Inflation rechnen.
Teil vier: Inflation nach der Pandemie
Mit der Pandemie endete die Phase der Disinflation, und die Inflation kehrte zurück. In den USA lag der durchschnittliche jährliche Anstieg der Verbraucherpreise in den 2020er Jahren bislang bei 3,9 Prozent. Diese Rate dürfte angesichts der Auswirkungen des Iran-Krieges auf die Weltmarktpreise für Energie, Lebensmittel und andere Rohstoffe weiter steigen. Der bisherige Preisanstieg in den 2020er Jahren ist damit mehr als doppelt so hoch wie in den von Disinflation geprägten 2010er Jahren und der höchste seit den 1980er Jahren.
Die US-Notenbank Fed hat sich ein Inflationsziel von 2 Prozent pro Jahr gesetzt. Sie ist kläglich daran gescheitert, dieses Ziel zu erreichen. Seit Januar 2020 ist der offizielle Verbraucherpreisindex mit einer annualisierten Rate von 4,0 Prozent gestiegen und liegt inzwischen 13 Prozent über dem Preisniveau, das sich bei einer Inflationsrate von 2 Prozent ergeben hätte. Das zeigt ein massives Versagen der herrschenden Wirtschaftstheorie und der darauf beruhenden Inflationspolitik.
Doch die Vertreter der herrschenden Wirtschaftslehre und die Verantwortlichen für das Geldsystem führen weiterhin dieselben Ursachen für die Inflation an und ergreifen dieselben wirtschaftspolitischen Maßnahmen wie vor 2020. Zunächst argumentierten sie – wie Jay Powell, der damalige Vorsitzende der US-Notenbank Federal Reserve –, der Anstieg der Inflation sei nur vorübergehend und durch den „Schock“ der Engpässe in der weltweiten Produktion und im Handel mit Waren und Dienstleistungen verursacht worden. Später mussten sie zunehmend anerkennen, dass die Inflation keineswegs nachließ, sondern sich beschleunigte und von Dauer war. Daraufhin wurden erneut die altbekannten Erklärungen der herrschenden Wirtschaftslehre für die Inflation bemüht – obwohl, wie wir im ersten Teil dieser Reihe gesehen haben, sowohl die monetaristischen als auch die keynesianischen Theorien sich als unzureichend erwiesen hatten.
Huw Pill, Chefökonom der Bank of England, bekräftigte erneut das übliche Rezept der Zentralbanken zur Senkung der Inflationsraten nach der Pandemie: Die Zinserhöhungen in den USA und im Vereinigten Königreich im vergangenen Jahr sollten die Kaufkraft dämpfen und die Möglichkeiten von Unternehmen und Privatpersonen einschränken, die Belastungen durch die Inflation auf andere abzuwälzen. Wer genau diese Belastungen tragen sollte, sagte er nicht. Klar ist jedoch, dass es die Realeinkommen der Beschäftigten waren.
Der führende keynesianische Makroökonom Gauti Eggertsson bemühte sich nach Kräften, die gescheiterte Phillips-Kurve wiederzubeleben. Diese besagt, dass ein Rückgang der Arbeitslosigkeit in Richtung Vollbeschäftigung die Löhne steigen lässt und dies wiederum zu einer höheren Inflation führt. Eggertsson räumte ein, dass die traditionelle Phillips-Kurve auf die gegenwärtige Inflation nicht anwendbar sei. Aber, so seine Argumentation, die Kurve sei inzwischen „nichtlinear“ geworden: Die Arbeitslosigkeit könne also stark sinken, ohne dass dies irgendeinen Einfluss auf die Inflation habe, bis plötzlich ein Wendepunkt erreicht werde und die Inflation sprunghaft ansteige – womit es faktisch überhaupt keine „Kurve“ mehr gibt.
Auch die Monetaristen versuchten, ihre Theorie wiederzubeleben, um den Inflationsschub nach der Pandemie zu erklären. John Taylor, der Urheber der Taylor-Regel, die angeblich vorgibt, wie sich durch die Festlegung des „richtigen“ Zinssatzes durch die Fed sowohl Inflation als auch Arbeitslosigkeit vermeiden beziehungsweise begrenzen lassen, vertrat die Auffassung, die Inflationsspirale sei darauf zurückzuführen, dass die Fed bereits vor der Pandemie die Zinsen zu spät angehoben und anschließend seine Taylor-Regel nicht befolgt habe. Als die Fed ihren Leitzins dann jedoch tatsächlich erhöhte, gelang es ihr nicht, die Inflation auf ihr Zielniveau zu senken (wie wir oben gesehen haben).
Eine Variante sowohl der monetaristischen als auch der keynesianischen Theorie lautete, der Inflationsschub sei durch „zu hohe“ Staatsausgaben verursacht worden. Robert Barro, ein konservativer Ökonom aus Harvard, der seit jeher darauf bedacht ist, die Staatsausgaben zu senken, weil sie seiner Ansicht nach den privaten Sektor „verdrängen“ (crowding out), legte Daten für 37 OECD-Länder vor, denen zufolge die fiskalische Expansion dem Inflationsschub von 2020 bis 2022 zugrunde liegt. Christopher Sims von der Princeton University vertrat gegenüber den Keynesianern ebenfalls diese fiskalische Theorie der Inflation. Er argumentierte, die USA hätten seit 1950 drei Phasen hoher Inflation erlebt, die jeweils durch fiskalische Expansionen verursacht worden seien: Nicht eine zu lockere Geldpolitik, sondern übermäßige Staatsausgaben verursachten demnach eine hohe Inflation – im Gegensatz zu Taylors oben dargestellter Auffassung. Dies ist ein klassischer Fall, in dem die Richtung des Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs verkannt wird. Während der Pandemie stiegen die Staatsausgaben und Haushaltsdefizite im Verhältnis zur gesamten Wirtschaftsleistung stark an, weil die Volkswirtschaften heruntergefahren wurden und die Gesamtproduktion sank. Als sich die Wirtschaft wieder zu erholen begann, gingen die jährlichen Haushaltsdefizite im Verhältnis zum BIP wieder zurück.
Schließlich wurde auch die Theorie der Inflationserwartungen wiederbelebt. Der IWF unter seiner damaligen Direktorin Gita Gopinath hatte eingeräumt, dass weder die monetaristische und fiskalische Theorie noch die Theorie der Phillips-Kurve die jüngste Inflation erklären konnten, und wandte sich daher erneut den „Inflationserwartungen“ zu. Die Ökonomen des IWF behaupteten, seit 2020 seien die „kurzfristigen Inflationserwartungen“ in den entwickelten Volkswirtschaften der wichtigste Treiber der Preissteigerungen und in den Schwellenländern der zweitwichtigste Faktor gewesen. Der MIT-Professor Ivan Werning vertrat die Auffassung, die steigende Inflation sei das Ergebnis irrationaler Erwartungen der Verbraucher. Damit wurde die Inflationstheorie erneut auf Psychologie reduziert.
Wenn man sich in der oben stehenden Grafik des IWF die Belege für die Bedeutung der Erwartungen ansieht, erkennt man, dass zunächst die „anderen Faktoren“ – etwa Lieferengpässe und weitere nicht näher bestimmte Faktoren (grauer Block) – die Hauptursache für den einsetzenden Inflationsanstieg waren. Die „Erwartungen“ (blauer Block) kamen erst später ins Spiel, nachdem die Menschen erkannt hatten, dass die Preise weiterhin stark steigen würden. Als die Inflationsrate zurückging, begannen auch die Inflationserwartungen wieder zu sinken. Die Erwartungen folgten also den realen Ursachen und nicht umgekehrt.
Der Keynesianer Larry Summers fasste das folgendermaßen zusammen: Die Theorie, der sich viele Ökonomen inzwischen zuzuwenden scheinen, besagt, dass die Phillips-Kurve im Grunde flach ist, dass die Inflation durch Inflationserwartungen bestimmt wird und dass die Inflationserwartungen wiederum von den Menschen bestimmt werden, die Inflationserwartungen bilden. Das ist ein wenig so wie die Theorie, dass sich die Planeten aufgrund der Umlaufkraft um das Universum bewegen. Das ist eher eine Theorie, die einem Phänomen einen Namen gibt, als eine wirkliche Theorie. Ich denke daher, dass sich die Inflationstheorie in erheblicher Unordnung befindet – sowohl wegen der Probleme mit der Phillips-Kurve als auch deshalb, weil wir keinen wirklich überzeugenden Nachfolger für eine Theorie monetaristischer Art haben.
[Iván] Werning versuchte, eine Inflationstheorie zu entwickeln, die sämtliche möglichen Ursachen berücksichtigt. Inflation steigt demnach, wenn eine übermäßige Nachfrage entsteht, die durch zu große Geldspritzen der Zentralbank und zu hohe Staatsausgaben verursacht wird. Hinzu kommen verschiedene Verkrustungen und Starrheiten – etwa Monopole und Gewerkschaften –, die die Preise nach oben treiben, außerdem Energiepreisschocks und schließlich Inflationserwartungen. Dieser Cocktail von Ursachen liefert uns letztlich überhaupt keine Erklärung. Kein Wunder, dass Werning seine Arbeit mit den Worten zusammenfasste, dass wir am Ende oft weniger wissen als zuvor.
In einer jüngeren Mea culpa rückte der frühere Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, von seinen früheren Auffassungen ab und räumte ein: Die Zentralbanken verfügen nicht mehr über eine Theorie der Inflation. Die heute verbreitete Ausgestaltung von Inflationszielen unterscheidet sich völlig von ihrem ursprünglichen Zweck. Der Ökonom Milton Friedman vertrat bekanntlich die Auffassung, Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen, das durch die Geldschöpfung der Zentralbanken bestimmt werde. Dieser monetaristische Ansatz ist jedoch nur begrenzt aussagekräftig, „da sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes verändern kann und private Akteure Geld schaffen“ – ein Echo auf unsere Argumentation im ersten Teil dieser Reihe. King griff auch die Theorie der Inflationserwartungen an: Das ist die König-Knut-Theorie der Inflation, sagte er in Anspielung auf den englischen König des 11. Jahrhunderts, der der Überlieferung nach versucht haben soll, den Wellen mit Worten Einhalt zu gebieten – und daran scheiterte. Oder, um eine andere Metapher zu verwenden: Schamanen, die versuchen, durch verbale Interventionen die Preise zu beeinflussen.
Im vergangenen Jahr legte Michael Bordo von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich eine umfangreiche Studie für die Bank of England vor, um die Inflation nach der Pandemie im Vereinigten Königreich zu erklären. Nach einer Fülle von Seiten und Grafiken gelangte er jedoch offenbar zu keinem wesentlichen Ergebnis. Die Inflation entstand demnach anscheinend deshalb, weil die Angebotsseite der britischen Wirtschaft zu wenig produktiv war und nicht in der Lage war, eine Wirtschaft mit niedriger Inflation hervorzubringen, die nachhaltiges Wachstum gewährleisten kann … Dies führt uns im Fazit dieser Studie zu grundlegenderen Fragen. Wie viel von der Inflationserfahrung war angesichts des Zusammenbruchs von Bretton Woods als disziplinierendem Mechanismus, der strukturellen Probleme auf der Angebotsseite der britischen Wirtschaft und ihrer Offenheit – die das Vereinigte Königreich anfällig für Schocks aus dem Ausland machte – unvermeidlich? In welchem Umfang handelte es sich um ein Versagen des institutionellen Rahmens der britischen Geld- und Fiskalpolitik, der sich nicht schnell genug an diese Veränderungen anpasste? Und in welchem Umfang lag es daran, dass politische Entscheidungsträger und Politiker die grundlegenden Veränderungen im ökonomischen Denken der 1960er Jahre nur langsam erkannten und aufnahmen? Antworten auf diese Fragen gab es keine.
Auch heterodoxe Ökonomen griffen auf ihre bisherigen Theorien zurück, um die Inflation nach der Pandemie zu erklären. Die Postkeynesianer verwiesen auf die Gewinnaufschläge. Demnach war es die Fähigkeit von (Monopol-)Unternehmen, ihre Preise durch Aufschläge zu erhöhen und Preistreiberei zu betreiben, die die Inflation nach der Pandemie verursachte. Wie wir jedoch im zweiten Teil unserer Reihe argumentiert haben, gibt es monopolistische oder oligopolistische Kartelle bereits seit der Entwicklung des reifen Kapitalismus. Zwar haben Konzentration und Zentralisation des Kapitals zugenommen, wie Marx vorausgesagt hatte, doch darauf folgte keineswegs immer eine Beschleunigung der Inflation. Eine höhere Inflation kann sowohl bei relativ wettbewerbsintensiven als auch bei oligopolistischen Marktstrukturen auftreten. Im späten 19. Jahrhundert war das sogenannte Gilded Age durch den Aufstieg von Kartellen gekennzeichnet – gleichzeitig herrschte jedoch Preisdeflation. Und in den 1990er Jahren, die häufig als zweites Gilded Age mit zunehmender Marktkonzentration betrachtet werden, kam es bei der Preisinflation zur sogenannten Great Moderation, also zu einer Disinflation. Während der letzten großen Inflationsspirale in den 1970er Jahren gingen die Gewinne sogar zurück.
Auch die Gewinnaufschlagstheorie der Inflation wird durch die empirischen Befunde nicht bestätigt. James Crotty formulierte es so: Das Kalecki-Modell der Gewinnbestimmung mit konstantem Gewinnaufschlag, das vom postkeynesianischen Vordenker Minsky verwendet wurde, ist offensichtlich unbefriedigend. Crotty zufolge zeigt der überwiegende Teil der empirischen Befunde, dass sowohl der Gewinnaufschlag als auch der Gewinnanteil erheblichen konjunkturellen Schwankungen unterliegen. Mit anderen Worten: Die Fähigkeit der Unternehmen, ihre Preise zu erhöhen und einen größeren Anteil der Gewinne für sich zu beanspruchen, hänge vom Expansionstempo der Wirtschaft ab. Vor dem pandemiebedingten Einbruch entfielen lediglich 11 Prozent der Veränderungen der Stückpreise auf Unternehmensgewinne.
Die bedeutendste heterodoxe Erklärung für den Inflationsschub nach der Pandemie stammt von Isabella Weber und Evan Wasner. Sie weisen darauf hin, dass vor der Pandemie über einen langen Zeitraum eine relative makroökonomische Preisstabilität herrschte: Die Inflation war niedrig, und der Zuwachs der nominalen Wertschöpfung verteilte sich im Allgemeinen auf Löhne und Gewinne. Erst in den beiden Jahren nach der Pandemie beanspruchten die Gewinne einen größeren Anteil des durch Preissteigerungen je Produktionseinheit entstandenen Wertzuwachses.
Wie ihre unten stehende Tabelle jedoch zeigt, waren es im ersten Teil des Jahres 2020 zunächst die Löhne, die am stärksten von den Preissteigerungen profitierten, während die Gewinne während des pandemiebedingten Einbruchs abstürzten. Im Verlauf des Jahres 2021 kehrte sich dieses Verhältnis allmählich um, und die Gewinne erhielten den Löwenanteil. Doch bereits 2022 verteilte sich der durch Preissteigerungen entstandene Wertzuwachs wieder ungefähr gleichmäßig auf Löhne und Gewinne. Im dritten Quartal 2022 war der Anteil der Arbeit an den Preissteigerungen sogar größer.
Es hängt also alles davon ab, an welchem Punkt im Zyklus von Expansion und Kontraktion sich eine kapitalistische Wirtschaft befindet, und nicht von der Fähigkeit der Monopole zur „Preistreiberei“ an sich. Die Daten deuten darauf hin, dass Unternehmen mit Preissetzungsmacht in der Phase der Lieferkettenengpässe und stark steigender Preise für grundlegende Rohstoffe und Güter – insbesondere Lebensmittel und Energie – ihre Preise erhöhten, um ihre Gewinne zu sichern oder sogar zu steigern (2020–2021). Als die Lieferengpässe jedoch nachließen und die Produktion 2021–2022 wieder anzog, verschärfte sich der Wettbewerb, sodass weitere Gewinnaufschläge nicht aufrechterhalten werden konnten.
Indem Weber und andere Linke die Ursache der steigenden Inflation in den wachsenden Gewinnen sehen, haben sie als Alternative zur Geldpolitik der Zentralbanken die Einführung von Preiskontrollen gefordert. Eine Begrenzung der Energiepreise für die privaten Endverbraucher würde jedoch die Preissteigerungen auf der Produzentenseite nicht beseitigen, sondern lediglich private Energieversorger in den Bankrott treiben. Die Regierungen wären dann gezwungen, entweder die Preiskontrollen aufzuheben oder die scheiternden Unternehmen zu übernehmen. Tatsächlich wäre die letztgenannte Lösung die beste politische Antwort: die Überführung der internationalen Energie- und Lebensmittelkonzerne, die entlang der gesamten globalen Lieferkette tätig sind, in öffentliches Eigentum. Eine solche Politik steht bei den heterodoxen Ökonomen jedoch nicht auf der Tagesordnung.
Was weder die herrschenden noch die heterodoxen Theorien beantworten, ist die Frage, warum die großen Volkswirtschaften nicht in der Lage waren, die Energie- und Lebensmittelschocks zu bewältigen, die durch die nach COVID verbliebenen Schäden an Lieferketten und Handelsverbindungen verursacht wurden. Die Antwort liegt in der allgemeinen Verlangsamung des Produktivitätswachstums und der produktiven Investitionen während der beiden vorangegangenen Jahrzehnte und insbesondere in der Zeit unmittelbar vor dem COVID-Einbruch. Entscheidend ist hier, dass die großen kapitalistischen Volkswirtschaften bereits vor Ausbruch der COVID-Pandemie kurz vor einem Abschwung standen. Die Angebotsseite war also bereits geschwächt, als die weltweiten Lieferengpässe einsetzten.
Dies ist eine von mehreren wichtigen Erkenntnissen, die der marxistische Ökonom Paul Mattick Jr. in seinem ausgezeichneten kurzen Buch über die Ursachen der Inflationsspirale nach der Pandemie herausarbeitet. Mattick schrieb 2011 außerdem eines der besten kurzen Bücher über die Ursachen des weltweiten Finanzcrashs und der Großen Rezession. In seinem neuen Buch vertritt Mattick denselben Gedanken, den Carchedi und ich mit unserer werttheoretischen Erklärung der Inflation entwickelt haben: Eine steigende Arbeitsproduktivität hat die Tendenz, die Preise zu senken. Doch das Produktivitätswachstum gerät in Konflikt mit der Profitabilität. Verlangsamt sich das Wachstum der Profitabilität, gehen die produktiven Investitionen zurück, und damit verlangsamt sich auch das Produktivitätswachstum. Die Währungsbehörden und das Finanzsystem versuchen dies durch eine Ausweitung des Kredits zu kompensieren, doch dadurch wird lediglich die Inflation angeheizt.
Es ist der tendenzielle Rückgang der globalen Profitabilität, der sich im allgemeinen Rückgang der Wachstumsraten seit den 1970er Jahren zeigt – wobei diese Wachstumsraten nur durch eine stetige Zunahme der Verschuldung des Staates, der Unternehmen und der privaten Haushalte auf ihrem tatsächlichen Niveau gehalten wurden –, den ich zur Erklärung der inflationären Tendenz des Kapitalismus seit dem Zweiten Weltkrieg heranziehe.
Damit gelangen wir zurück zu unserer Werttheorie der Inflation, wie sie im dritten Teil dieser Reihe dargestellt wurde. Wir stellten fest, dass die durchschnittliche Rate der werttheoretisch bestimmten Inflation im Zeitraum von 1949 bis 2019 etwa doppelt so hoch war wie die offiziellen Inflationsraten, gemessen am Verbraucherpreisindex (CPI) und am BIP-Deflator. Das deutet darauf hin, dass die offiziellen Messgrößen der Preisinflation die tatsächliche Inflation erheblich unterschätzen.
Corbin Trent analysierte die Realeinkommen in den USA anhand eines anderen Maßes für die Preisinflation. Nach den offiziellen Statistiken der US-Regierung sind die durchschnittlichen Reallöhne seit 1950 um 252 Prozent gestiegen. Trent argumentiert dagegen, dass die Realeinkommen gegenüber 1950 tatsächlich 61 Prozent ihrer Kaufkraft verloren hätten. Wie erklärt sich dieser Unterschied? Die amtlichen Statistiker „bereinigen“ die Preise vieler Waren, um deren gestiegene Leistungsfähigkeit beziehungsweise verbesserte Qualität zu berücksichtigen. Diese sogenannten hedonischen Qualitätsbereinigungen reduzieren die gemessene tatsächliche Inflation laut dieser Argumentation um etwa 50 bis 60 Prozent. Außerdem sei der für die Inflationsmessung verwendete „Warenkorb“ zugunsten von Gütern verzerrt, deren Preise sinken, und zulasten von Dienstleistungen, deren Preise steigen.
Trent untersuchte stattdessen die inflationsbereinigten Einkommen danach, wie viele Arbeitsstunden erforderlich sind, um bestimmte Waren und Dienstleistungen zu kaufen:
Ich habe die statistischen Spielereien beiseitegelassen. Keine hedonischen Anpassungen. Keine theoretischen Mietäquivalente. Keine Neugewichtung des Warenkorbs. Nur einfache Mathematik. Wie viel verdienen wir, und wie viel kosten die grundlegenden Dinge des Lebens? Ich habe die offiziellen Daten der Regierung untersucht: Medianeinkommen von der US-Steuerbehörde IRS und dem Census Bureau sowie die tatsächlichen Preise lebensnotwendiger Güter aus den Daten des HUD und anderen Bundesbehörden. Dann stellte ich eine einzige einfache Frage: Wie viele Jahre, Wochen oder Monate müssen wir arbeiten, um das kaufen zu können, was wir benötigen?
Trent berechnete die Auswirkungen der Preisinflation auf die Einkommen also danach, wie viel Arbeitszeit erforderlich ist, um Waren und Dienstleistungen zu kaufen. Diese Berechnung zeigt: Um sich die lebensnotwendigen Güter leisten zu können, die sich die Großeltern der heutigen Amerikaner im Jahr 1950 tatsächlich leisten konnten, hätte das offizielle Medianeinkommen von 42.220 Dollar im Jahr 2023 bei 102.024 Dollar liegen müssen. Nach diesem werttheoretischen Maßstab ergibt sich somit ein Verlust des Realeinkommens von 60 Prozent.
Unsere Theorie der werttheoretischen Inflationsrate verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Nach den offiziellen Daten stieg das reale Medianeinkommen amerikanischer Familien von 1960 bis 2024 um 62 Prozent. Zieht man jedoch die werttheoretisch bestimmte Inflationsrate vom Nominaleinkommen ab, lag das Realeinkommen 20 Prozent niedriger als 1960. Tatsächlich stiegen die Realeinkommen nach unserem werttheoretischen Maßstab nur im sogenannten Goldenen Zeitalter von 1960 bis 1973.
In der neoliberalen Periode von 1974 bis 2000 sanken die Realeinkommen um 14 Prozent, und während der langen Depression von 2000 bis 2019 gingen sie um weitere 10 Prozent zurück. In der Zeit nach der Pandemie gab es selbst nach den offiziellen Daten praktisch keinen Anstieg mehr. Kein Wunder also, dass das Verbrauchervertrauen in den USA nahe seinem historischen Tiefstand liegt.
Die werttheoretische Inflationsrate (VRI) stieg 2022 stark auf fast 11 Prozent an; auch der BIP-Deflator verzeichnete einen deutlichen Anstieg. Die bereinigte Geldmenge M2 nahm 2022 um mehr als 14 Prozent zu, da die geldpolitischen Mittelzuführungen größtenteils in den Wirtschaftskreislauf gelangten. Gleichzeitig verlangsamte sich das Wachstum der geleisteten Arbeitsstunden, sodass die VRI kräftig anstieg.
In den darauffolgenden Jahren 2023 und 2024 drosselten die Währungsbehörden das Wachstum der Geldmenge. Sie gingen also von der quantitativen Lockerung (Quantitative Easing, QE) der Jahre 2020–2021 zur quantitativen Straffung (Quantitative Tightening, QT) über. Der anschließende Rückgang der VRI in den Jahren 2023 und 2024 ging mit einem ähnlichen Rückgang der offiziellen Inflationsrate einher. Beide Inflationsmaße liegen jedoch weiterhin deutlich über dem Niveau vor der Pandemie und über dem offiziellen Inflationsziel der US-Notenbank von 2 Prozent pro Jahr.
Ist die Inflation gekommen, um zu bleiben? Erinnern wir uns an die entscheidenden Faktoren, die Inflation verursachen, wie sie im dritten Teil dieser Reihe dargestellt wurden. Die Theorie der werttheoretischen Inflationsrate besagt, dass die Inflationsrate von der Differenz zwischen der Veränderung des Wachstums der umlaufenden Geldmenge und dem Wachstum der geleisteten Arbeitsstunden in den produktiven Sektoren der Wirtschaft abhängt. Letzteres wiederum hängt von der Ausweitung der Investitionen in produktives Kapital und Arbeitskraft ab, die ihrerseits von der Profitrate des Kapitals beeinflusst wird.
Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden steigt derzeit um etwa 0,5 Prozent pro Jahr, wobei sich das Wachstum infolge des schwächeren Beschäftigungszuwachses verlangsamt. Die umlaufende Geldmenge wächst dagegen inzwischen um mehr als 8 Prozent pro Jahr, nachdem sich ihr Wachstum 2024 auf etwa 4,5 Prozent verlangsamt hatte. Daher dürfte die werttheoretische Inflationsrate im Jahr 2026 durchschnittlich 7,5 Prozent betragen. Das würde auf eine offizielle Preisinflationsrate von 4,5 bis 5,0 Prozent im Jahr 2027 hindeuten. Da das Wirtschaftswachstum in den USA in diesem Jahr nur bei etwa 1,5 Prozent liegt, ist die „Stagflation“ – niedriges oder ausbleibendes Wachstum bei gleichzeitig hoher und steigender Inflation – zurückgekehrt.
Für diese Prognose gibt es allerdings einige Vorbehalte. Die Profitabilität des US-Kapitals ist seit 2020 gestiegen. Dies müsste eigentlich ein stärkeres Investitionswachstum und eine Zunahme der geleisteten Arbeitsstunden fördern. Ein großer Teil dieser gestiegenen Profitabilität konzentriert sich jedoch auf nur wenige Sektoren: Informationstechnologie, Energie und Finanzwirtschaft. In weiten Teilen der nichtfinanziellen US-Wirtschaft ist dagegen kein nennenswerter Anstieg der Profitabilität zu verzeichnen. Und wie bereits in früheren Beiträgen dargelegt wurde, hängt ein anhaltender Anstieg der Investitionen und des Produktivitätswachstums inzwischen fast vollständig von der Künstlichen Intelligenz (KI) ab.
Der derzeitige Fed-Vorsitzende Kevin Warsh setzt dabei ganz auf KI: KI ist vielleicht die bedeutendste Veränderung unserer Wirtschaft, die ich in meinem Erwachsenenleben erlebt habe. KI wird eine bedeutende disinflationäre Kraft sein, die Produktivität steigern und die Wettbewerbsfähigkeit der USA stärken.
Sollte dies nicht eintreten, werden das gegenwärtige Ausmaß der Geldmengenausweitung und eine sich abschwächende Wirtschaft dafür sorgen, dass die höhere Inflation von Dauer sein wird.
Besonders für Anleihebesitzer ist Inflation problematisch, da sie für ihre Anleihen einen festen Zinssatz erhalten. Steigt die Inflation, schmälert sie die reale Rendite ihrer Anlage. Der gegenwärtige Anstieg der Anleiherenditen deutet darauf hin, dass Investoren nur noch bereit sind, niedrigere Preise für Anleihen zu zahlen, weil sie befürchten, dass deren reale Rendite langfristig sinken wird.
Deshalb haben die Renditen US-amerikanischer Staatsanleihen seit 2020 deutlich nach oben gedreht. Die Finanzinvestoren glauben nicht, dass Kevin Warsh recht hat.





































































































