YASUKE, DAIMOS UND SAMURAI [II]

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Fotos: Fachwerkmuseum im Ständerbau, Quedlinburg.

Jetzt wird es kompliziert. Wir überdenken auf die Schnelle, eingedenk der ursprünglichen Frage, was die Zukunft bringen könnte, zwei Jahrtausende. Anders geht es nicht. Vermutlich sind wir der historischen Erleuchtung schon nahe, wenn wir die richtigen Fragen stellen? (Ich höre es raunen: Was zum Teufel hat ein Fachwerkhaus mit den Samurai zu tun?)

Zum Periodensystem der Elemente Gesellschaftsformen: Rein phänotypisch haben wir in Mitteleuropa 1. tribalistische Formen der Herrschaft in vorgriechischer Zeit. Danach 2. die Sklavenhaltergesellschaft (Sparta, Athen, Rom, wenn man die vorherrschende und dynamischste ökonomische Form nimmt), danach 3. Feudalismus, danach, als Vorstufe zur 4. ausgebildeten kapitalistischen Gesellschaft den Merkantilismus als Theorie, deren politische Form der Absolutismus ist.

Nochmal phänotypisch: In Japan fehlt Nummer zwei, aber der Feudalismus ist dort in seiner Struktur fast identisch. Komisch! Das Christentum ist also keinesfalls eine conditio sine qua non feudaler Herrschaft. Andererseits ist sowohl die Zeit zwischen dem Ende Roms und dem so genannten Hochmittelalter eine der Rituale, der Objekte, die Gesellschaft konstituieren und der oral history – genau wie in Japan und China.

Dennoch hat sich der Kapitalismus zuerst in Mitteleuropa entwickelt: Bedurfte es dazu der Vorstufe einer Ökonomie, die im wesentlichen darauf beruhte, dass Menschen, die arbeiteten, den Status eine Sache hatten (Sklaven)? Oder ist das ein historischer Zufall? Wenn das so wäre, fiele die These weg, der europäische “Weg” sei auch der, an dessen Ende zwangsläufig irgendeine Form des Sozialismus stehe (was bekanntlich stimmt, aber der ist gescheitert, was die Sache nicht besser macht).

Ist also China die Speerspitze der Zukunft? Erst Staatskapitalismus, obwohl sozialistisch kostümiert, danach etwas, was man noch nicht so genau definieren kann, aber auf jeden Fall eine Art Planwirtschaft sein wird, inklusive Vergesellschaftung relevanter Branchen sowie kollektiver Eigentumsformen als Alternative zum kapitalistischen Privateigentum an Produktionsmitteln.

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Wozu das Geschwurbel? Reminder – ich schrob schrieb am 24.07.2019 (Yasuke, Daimos und Samurai [I]): Das Thema ist für mich sehr interessant – insbesondere nach meinem Aufenthalt in Quedlinburg – und dient sozusagen als Vorarbeit zum Einen und Einzigen Wahren und Autorativen, Historisch Genauen und Amtlich Anerkannten Bericht über den Feudalismus und wie er den Kapitalismus gebar und warum und warum anderswo nicht – der geplante Beitrag soll allem Widerspruch und Streit zum Thema ein Ende setzen.

(Die folgenden Fragen und Thesen beziehen sich im wesentlichen auf John Witney Hall: Feudalism in Japan – a Reassessment, Cambridge 2009, zuerst erschienen 1962/63, abgedruckt in Heide Wunder; Feudalismus – 10 Aufsätze.) Hall referiert die Diskussion zum Thema ab den 1920-er Jahren.

John Witney Hall schlug vor, Feudalismus in Japan zu sagen, was einen zwingt, genau darüber nachzudenken, was die wesentliche Struktur ist, die allen “Feudalismen” gemeinsam ist.

Am Anfang war auch in Japan der chief einer military band, hier Minamoto no Yoritomo, den man in Europa etwa mit Karl dem Großen vergleichen kann. Im Unterschied zu Europa wird aber das Lehnswesen aka Vasallität, – also das Machtgefüge innerhalb der herrschenden Klasse – mit Begriffen beschrieben, die aus der Familie stammen. Military authority gradually overreached civil authority. Gleichzeitig verschwindet das territory aministered as “public domain” (Kōryō). Dieses “öffentliche Land” entspricht in Deutschland etwa der Allmende, also dem Gemeineigentum, um das in Europa Jahrhunderte gekämpft und gestritten wurde, bis es fast vollständig in die Hände der feudalen Herrschenden geriet.

[Einschub]: Der zentrale (Klassen-)Konflikt im Nibelungenlied thematisiert genau das Problem: Während die eine Fraktion darauf beharrt, dass die Kriegerkaste hierarchisch geordnet ist – mit dementsprechenden eindeutigen Rechten und Pflichten, aber auch dem Risiko, dass jeder jedem baldmöglichst den Schädel einschlägt, um sozial aufzusteigen, verweigert die andere das, sondern schmuggelt unverbindliche Begriffe wie friund ein, die das Lehnswesen aushebeln, weil niemand weiß oder nachvollziehen kann, wer bei “Freunden” das Sagen hat. Das ist das Todesurteil für eine orale Gesellschaft. Das Nibelungenlied – eigentlich eine Art Propagandaschrift der Ministerialen, die nicht mehr Vasallen waren, lässt die “altertümliche” Fraktion sich gegenseitig abschlachten, bis niemand mehr übrig bleibt, was die Rezipienten sicher richtig verstanden haben. Das wäre so, als stünde am Schluss eines “Tatorts” auch der Tod der Kommissare und aller Statisten.

Das Nibelungenlied ist aber trotzdem “altertümelnd”, weil alle vergleichbaren Epen, die im 13. Jahrhundert entstanden, etwa der Parzival – für mich das feudale Epos schlechthin – zwar Hauen und Stechen exzessiv schildern, aber die Protagonisten fast immer überleben lassen. So grimmig und gruselig (wenn man den stabgereimten Original-Text sich vorliest) wie das Nibelungenlied endet nur noch das rätselhafte Hildebrandslied, das aber rund 300 Jahre älter ist. [Ende des überflüssigen Einschubs]

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Im 16. Jahrhundert war in Japan die ursprüngliche Kriegerkaste der Samurai und ihrer Warlords ersetzt worden durch die Daimyōs. Der Anführer besaß absolute Macht über seine Vasallen. (Das ist etwa ganz anders als in Polen, wo der niedere Adel eine Art gefühlter Republik (Rzeczpospolita) hatte, die viel “demokratischer” war als die absolute Herrschaft in Frankreich oder Preußen, aber offenbar auch ein ökonomischer Hemmschuh in Richtung Merkantilismus, also dem Frühkapitalismus. Never forget: Die Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen!) By the beginning of the eighteenth century mearly ninety per cent of the daimy had forced their entire retinues to draw subsistence from the domain granaries.

In Japan endet das System des Feudalismus 1871 – die traditionellen Lehen werden durch eine staatliche Verwaltung ersetzt – und mit der Landreform 1873.

In a discourse on »the feudal legacy« in Japan Reischauer suggests that the feudal experience in Japan »which so closely paralleled that of Europe, may have had something to do with the speed and ease with which the Japanese during the past century refashioned their society and government on European models.«

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Feudalismus ist immer nötig, um Kapitalismus zu erreichen. Feudalismus bedeutet in diesem Sinn, dass der Bauer nicht mehr Herr über seine Produktionsmittel, vor allem den Boden, ist. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Erst dann kann er auch von dort vertrieben werden, wenn man die Bauernbefreiung nüchtern und zynisch sieht, um als Arbeiter in die Städte zu ziehen und dort seine Arbeit dem Kapital zu geben. (In suggestivem Neusprech – nur in Deutschland: Arbeitnehmer)

To be continued. Als nächstes nehmen wir die Kulturrevolution in China durch.
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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, 05.05.2019 – über den Begriff Feudalismus (Fotos:Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
Fatimidisch und fernöstlich (12.06.2019) – über Entwicklungstendenzen im sogenannten “Hochmittelalter” (Quedlinburger Domschatz IV)

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Kommentare

11 Kommentare zu “YASUKE, DAIMOS UND SAMURAI [II]”

  1. ... der Trittbrettschreiber am Mai 4th, 2020 9:47 am

    “…wenn wir die richtigen Fragen stellen? …”

    nein, ich traus mich nicht – nicht in dieser Lernphase…

    Danke Burks – starker Tobak der Marke “Adicted”.

  2. Wolf-Dieter Busch am Mai 4th, 2020 9:53 pm

    Ins Unreine gesprochen – Sklavenhalterei können wir als Gesellschafts- oder als Wirtschaftsform ansehen. Ich bevorzuge Letzteres.

    Was wir im Schulunterricht Latein mitkriegten waren Haussklaven. Jedoch meiner Meinung nach war der größere Teil der Sklaven ökonomisch eingesetzt – vor allem in der Landwirtschaft. (Das waren die, die es besonders übel erwischt hatte.)

    Nun zu Japan in seiner Insellage und ständiger Erdbebengefahr – Landwirtschaft (Reisanbau) gab es sicher, aber waren die Güter/Höfe so landgreifend? Vergleichbar mit Sizilien? Kann es sein, dass Sklaverei sich dort nicht „gerechnet“ hat?

  3. bentux am Mai 5th, 2020 11:12 am

    https://en.wikipedia.org/wiki/Slavery_in_Asia
    Kastensystem war auch drin: https://en.wikipedia.org/wiki/Burakumin Was will man erwarten, mit einem Gott Kaiser? Irgendwie muss das ja Gemanagt werden.
    Deswegen das Kastensystem:
    https://330642.wixsite.com/10-1-16-1-14-5-19-5/history?lightbox=dataItem-iwlmi9i2
    Für mich sieht es so aus. Wenn man seine Leute nur scheiße genug behandelt braucht man keine Sklaven und spart sich die Extra Infrastruktur mit den Aufsehern.
    Es ist eine feine Balance zwischen wie viel muss man investieren und was lassen sich die Leute gefallen. Wenn der geneigte Herrscher dann noch ein bisschen Krieg spielen will, dann muss es halt etwas effektiver sein.

  4. Wolf-Dieter Busch am Mai 5th, 2020 11:49 am

    Noch weiter ins Unreine – die erwähnten Feldsklaven dürften Gefangene aus Feldzügen gewesen sein. (Irgendwoher mussten sie ja kommen.) Rom war das Reich mit der permanenten Expansion und den erfolgreichen Feldzügen.

    Japan mit seiner Insellage hatte dagegen eine Politik der „Splendid Isolation“ – vom Hörensagen weiß ich, dass sogar Fischerbooten, durch Sturm abgetrieben mit starker Verzögerung heimgekehrt, die Landung verweigert wurde.

    Japan war nie ein Biotop für ausdrückliche Sklavenwirtschaft.

  5. Jochen Muckenheim am Mai 5th, 2020 3:26 pm

    Aber andererseits hatte der Samurai das Recht der ersten Nacht bei den Bewirtschaftern seiner “Liegenschaften” und er war so mächtig das er willkürlich seinen Human Resources das Leben nehmen durfte?!
    dhttp://www.tufs.ac.jp/common/is/kyoumu/pg/pdf/244_romulo_youshi_e.pd

    jetzt habe aber den Verdacht das Konzepte und Wahrnehmung sowie Definition schwierig weil es ja auch Leibeigenschaft gab…
    https://unsilencedvoices.org/serfdom/

    Aber im Endeffekt sehe ich nur den armen malochenden Kerl,den anderer mit einem scharfen Stück Metall das Leben ohne triftigen Anlass und ungestraft nehmen kann.

    Und dann gab es auch noch die Schuldknechtschaft aka Debt Bondage!
    Und Japan existieren die Burakumin (Unberührbare):
    Eta-die Verschmutzten und
    die Hinin -Die Nicht-Menschen
    (haben z.B die Körper der Exekutierten begraben)

    Offiziell sind die Kasten abgeschafft…
    Und doch kümmern sich die Religioten um solche diskriminierte Menschen:
    https://www.welt-sichten.org/artikel/3742/das-schwere-erbe-der-schlachter-und-totengraeber

    Wenn man genau hinschaut…ist nicht alles so sauber im sauberen Japan,wie wir es gerne hätten!

  6. Wolf-Dieter Busch am Mai 5th, 2020 8:16 pm

    @Jochen Muckenheim – Der Leibeigene ist nicht freie Handelsware wie der Sklave.

  7. blu_frisbee am Mai 6th, 2020 1:06 am

    Europa ist humider Kontinent, hier wird Getreide angebaut.
    In Europa gab es immer Freibauern. In Asien wird Reis angebaut. Bewässerungssysteme nur kollektiv gemanaged.

    Insbesondere empfehl ich asiatische Produktionsweise nachschlagen, maybe Dutschke, Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen.
    In den italienischen Handelsrepubliken wurden doppelte Buchführung erfunden und die negativen Zahlen (Schulden).

  8. Wolf-Dieter Busch am Mai 6th, 2020 5:44 am

    @Jochen Muckenheim war dieser Link gemeint?

    http://www.tufs.ac.jp/common/is/kyoumu/pg/pdf/244_romulo_youshi_e.pdf

  9. Jochen Muckenheim am Mai 7th, 2020 2:40 am

    Ja,Herr Busch! Der Link war gemeint.

    http://www.heuerleute.de/vom-mittelalter-her-waren-die-bauern-nicht-frei/
    http://www.heuerleute.de/das-verdingwesen-in-der-schweiz/
    Im Endeffekt läuft es bei den Unterscheidungen auf akademische Verbalerotik raus!
    Ansonsten auf ein Nützlichkeitsdenken!!

    Das basiert auf realen Unterlagen mit heutiger Historiker-Kommentierung:
    https://profilebooks.com/how-to-manage-your-slaves-by-marcus-sidonius-falx.html

    http://www.eyewitnesstohistory.com/slaveryrome.htm
    Sklaverei in USA:
    http://www.digitalhistory.uh.edu/teachers/lesson_plans/pdfs/unit4_5.pdf
    und die wirtschaftliche Perspektive:
    https://hbr.org/2013/09/plantations-practiced-modern-management
    Es waren also eiskalte wirtschaftliche Überlegungen, Sklaven Freiheiten wie eigne Felder zuerlauben…
    Menschen,die sich freifühlen,sind produktiver…
    wenn das System entsprechend gebaut ist!
    Dann läuft die Maschinerie…
    Eine, wie es aussieht, ganz normale “Un”menschlichkeit…
    Achja die netten sozialen Skandinavier haben da auch was zu bieten:
    Ekman, Ernst, „Sweden, The Slave Trade and Slavery,1784–1847“
    So jetzt aber genug ge-hi-jacked…
    Habe mich hinreissen lassen.
    Sorry,Herr Schröder!

  10. Unter Neee… : Burks' Blog am Juni 21st, 2020 11:18 am

    […] von Büchern, die keinen Menschen mehr interessieren (zur Zeit), die aber wichtig sind für mein Puzzle als “Vorarbeit zum Einen und Einzigen Wahren und Autorativen, Historisch Genauen und Amtlich […]

  11. FYI: Lustkauf : Burks' Blog – in dubio pro contra am Juli 23rd, 2020 11:57 am

    […] Ancestry? Bücher schreiben (eines ist konkret in Arbeit), die Konquistadoren als E-Book? Den Feudalismus endlich hinreichend beschreiben? Oder die letzen 900 Fotos aus Lateinamerika weiter sortieren, […]

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