Feudal oder nicht feudal? (tl;dr,)

ständerhausvorhof zur Hölleschuhhofvorhof zur Höllehölle 7

Stopp! Nicht nur flüchtig hingucken! Das Fachwerkhaus ganz oben rechts (1346/47) und das Steinhaus (ab 1215) ganz unten sind Mittelalter, die Häuser in der Mitte sind erheblich jünger (16. und 17. Jh.) und schon frühe Neuzeit.

Ja, ihr müsst jetzt stark sein! Tl;dr,! Wie schon drohend angekündigt, las ich jüngst Heide Wunders Feudalismus – 10 Aufsätze. Warum?

Erstens: Man interessiert sich im Alter nicht mehr für die Details, weil man die schon alle kennt, sondern eher für das große Ganze, auch bekannt als die Frage: Warum ist die Geschichte so, wie sie ist, und nicht anders (eingedenk der Tatsache, dass höhere Wesen nicht an den Weltläuften herumfummeln)?

Zweitens las ich Johannes Fried: Die Anfänge der Deutschen: Der Weg in die Geschichte (1056 S.!) – das beste Buch über den Feudalismus, was die bürgerliche Geschichtswissenschaft bis jetzt hervorzubringen vermochte.

Bürgerlich deshalb, weil Fried den Begriff Feudalismus gar nicht verwendet, obwohl der Sprachgebrauch der internationalen historischen Wissenschaft das nahelegen könnte, und weil man als bürgerlicher Wissenschaftler in Deutschland auf Theorie insoweit verzichten muss, als jeder Versuch, die Geschichte nicht nur bloß zeitlich („Mittelalter“, „Neuzeit“) zu periodisieren, sondern eine Struktur zu erkennen, die – OMG! – auch die dem Feudalismus nachfolgende Gesellschaftsform aka Kapitalismus nicht als Ende der Geschichte definiert. Was aber, wenn die Frage erlaubt sei, könnte danach kommen? Das darf man gar nicht denken.

Warum muss man als nicht-marxistischer Historiker den Begriff Feudalismus vermeiden? Heide Wunder schrieb 1974 (!): Die Fronten sind heute so verhärtet, daß erst wieder Kommunikation möglich werden muß, um die gegenseitigen Vorurteile in Frage zu stellen.“ Feudalismus zu sagen, war in der alten Bundesrepublik fast so schlimm wie „BRD“. Das roch nach DDR und Schwefel.

Es ist so ähnlich wie mit der Diskussion über den Wert im Marxschen Kapital: Obwohl die zentrale These schon von Aristoteles stammt, muss der Kapitalismus-affine „Volkswirtschaftler“ dagegen sein, weil er eben qua definitionem eben keine Wissenschaft betreibt, sondern Apologetik, also eine esoterische Glaubenslehre vertritt, die den Markt als eine Art höheres Wesen anbetet.

Feudalismus als Begriff taucht jedoch schon bei Hegel auf und wird zum Beispiel sowohl von Max Weber, Marc Bloch: La société féodale als auch von Otto Brunner (der des Kommunismus an sich unverdächtig ist) ausführlich verwendet und diskutiert. Dass heute der Begriff (nur in Deutschland) weitgehend tabu ist, beweist, dass die bürgerliche Geschichtswissenschaft, was das theoretische Niveau angeht, noch vor den Stand vor einem halben Jahrhundert zurückgefallen ist. Johannes Fried macht keine Ausnahme, aber er nimmt wenigstens phänotypisch die Quellen zur Spätantike bzw. zum frühen Feudalismus ernst und behauptet nichts, was man nicht beweisen kann, sondern gibt manchmal zu (das können sich auch marxistische Historiker hinter die Ohren schreiben!): Wir wissen es nicht und werden es nicht wissen können, weil die bekannten Quellen und Fakten es nicht hergeben.

Heide Wunder: Die deutsche Mediävistik beteiligt sich nicht an der internationalen Diskussion über den Begriff Feudalismus (…) Letztlich ist die Ursache für die Abwehrreaktionen der bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft gegenüber der DDR in dem Fehlen einer eigenen deutschen undogmatischen marxistischen Wissenschaftstradition zu suchen, wie sie besonders in Frankreich und den angelsächsischen Ländern – wenn auch hier weniger ausgeprägt und einflußreich – vorhanden ist. Es hat sich also nichts geändert.

Frage: Kann man Feudalismus als ökonomischen Begriff auf alle Länder übertragen – etwa auf Japan, China, Afrika, die arabischen Länder? Diese Frage stellte sich schon den Historikern der DDR, die den Fesseln des Stalinismus in den 60-er Jahren entschlüpft, merkten, dass man mit dem mitteleuropäischen Modell à la „Lehnswesen“ et al in den „Entwicklungsländern“ auf den Holzweg geriet. Gelöst hat man das Problem nicht, sondern zog sich auf die oberflächlichen zeitlichen Kategorien vorfeudal, frühfeudal, hochfeudal und spätfeudal in offiziellen Lehrbüchern zurück, was genauso albern ist wie die Erfindung einer frühbürgerlichen Revolution.

Für den DDR-Historiker Bernhard Töpfer war der Feudalismus die am weitesten entwickelte Stufe der vorkapitalistischen Gesellschaften; er könne sich sowohl aus einer „zersetzenden“ Urgesellschaft [also aus einer tribalistischen Gesellschaft, B.S.] wie auf dem Hintergrund der asiatischen Produktionsweise oder einer Sklavenhalterordnung entwickeln. Das ist immerhin originell, aber nicht letzlich befriedigend.

Sein Kollege Eckehard Müller-Mertens vertrat die Thesen (ich wiederhole mich), dass 1) „die Durchbrüche zu weltgeschichtlich weiterführende Entwicklungen“ meist in „verhältnismäßig rückständigen Randgebieten“ erfolgt sei“, was die Frage aufwerfe, ob der Feudalismus in Europa vielleicht nur eine „primitive Variante“ einer Gesellschaftsformation ist, „die feudale und andere, nichtfeudale, vorkapitalistische Produktionsverhältnisse“ einschließe, und 2) was das okzidentale „Mittelalter“ so besonders gemacht habe, dass sich daraus – und nur dort – der Kapitalismus entwickelt habe? („Trotz seines marxistischen Weltverständnisses konnten sich seine Werke in den Leitdarstellungen der DDR-Geschichtswissenschaft nicht durchsetzen“. Der Staat – die DDR -, kommentiert Heide Wunde missbilligend, habe damals einen „erkenntnistheoretischen Rahmen“ vorgegeben, der „nicht transzensiert werden darf“.)

Wer bis hierher durchgehalten hat, kriegt noch mehr Fotos:

FleischhofschuhhofschuhhofschuhhofschuhhofStiftskirche St. Servatii

Von oben nach unten: Fleischhof, auch 2. Reihe rechts, 2. Reihe links: in dem Haus residiert ein Deutsch-Seminar für Stundenten aus Texas, ganz unten die Stiftskirche St. Servatius.

Jetzt fragt das genervte Publikum natürlich mit Recht: Was soll das alles? Und was ist mit dem feierlich angekündigten Domschatz? Wartet doch noch ein Weilchen! Es geht munter weiter, und ich werde Euch nicht enttäuschen! Auch den Feudalismus werden wir noch in den Griff bekommen – das war nur der Prolog!

Kommentare

8 Kommentare zu “Feudal oder nicht feudal? (tl;dr,)”

  1. Martin Däniken am Mai 5th, 2019 4:01 pm

    Blondie:
    “ Es gibt zwei Arten von Menschen.
    Die einen haben einen geladenen Revolver
    und die anderen buddeln!“
    „Es gibt zwei Arten von Menschen.
    Die einen, die ’n Strick um den Hals haben…
    und die anderen, die erhängt werden.“
    „Es gibt zwei Kategorien von Menschen.
    Die einen, die den Strick um den Hals haben und die anderen, die ihn abschneiden.
    Es könnte doch sein, daß ich mal dabei draufgehe. Also ist mein Risiko größer!“

  2. ... der Trittbrettschreiber am Mai 5th, 2019 4:32 pm

    Das Herumwandern in uralten, seit Äonen blank gewichsten Schuhen ist eine tröstende Ablenkung vom HIER durch retrospektive Parallel-Realitäten. Abgesehen, davon, dass mir in bis aufs Mikrofitzelchen restaurierte Wohn-Denkmälern mit modernen Butzenscheiben in Originalgröße immer ganz unheimlich wird, bin ich eher der Epoche zugewandt, die selbst den Neofeudalismus der Nazis in die Gewölbe des 20. Jahrhunderts geworfen hat und sich nun heimlich über Alibi-Themen wie Klimawandel und Rassismus dem wahren Feudalismus unterwirft – dem Neo-Neo-Global-Feudalismus, wobei mir immer wieder die Assoziation mit einem Wischmob (Feudel) die wahrscheinlich zu wenig gewarteten Fissuren meines Neo-Cortex verklebt.

  3. flurdab am Mai 5th, 2019 4:39 pm

    Schön soweit, mein Lieber.
    Aber bitte verate mir doch warum der Begriff Feudalismus so wichtig erscheint?
    Es hat ihn gegeben und er war der Vorläufer des Kapitalismus und scheint derzeit wieder zu erstarken. Das „unser“ Kapitalismus, also der europäische, erst von den Italienern, dann von den Niederländern und schließlich den Briten mit Kannonenbooten um die Welt exportiert wurde ist ja nun kein Geheimnis. Die USA machen dies mit ihren Regierungsumstürzen ja immer noch, und zwar mit Hilfe von feudalen Strukturen.
    Ich gedulde mich, vielleicht fällt der Groschen noch.

  4. admin am Mai 5th, 2019 5:26 pm

    Er ist wichtig, um eine Gesellschaft beschreiben zu können, die komplett anders als die unsrige funktionierte (um das zu visualisieren, brauche ich den Domschatz). Das alte Stanislaw-Lem-Problem…

  5. ... der Trittbrettschreiber am Mai 5th, 2019 5:39 pm

    Das interessiert mich auch sehr. Vor allem die Unterschiede im Leben des Leibeigenen und dessen Probleme mit der Methaphysik im Alltag. Ich will Gold sehen, Burks ;-)

  6. aljioscha am Mai 5th, 2019 7:04 pm

    Die Zeit, die Zeit… .
    Borowsky, Vogel, Wunder: Einführung in die Geschichtswissenschaft. Teil 1: Grundprobleme, Arbeitsorganisation, Hilfsmittel.
    Eine meiner ersten Anschaffungen zu Beginn des Geschichtsstudiums.

  7. Aljioscha am Mai 5th, 2019 7:11 pm

    Sie werden es eh bestimmmt kennen. Ich fand die Ausführungen zum Mittelalter von Michael Mitterauer sehr überzeugend. Gerade sein Buch „Warum Europa?“

  8. Yasuke, Daimos und Samurai [I] : Burks' Blog am Juli 24th, 2019 7:44 pm

    […] Das – IMHO ungelöste – Problem für Historiker, die sich an Marx orientieren (um das Wort „Marxisten“ zu vermeiden), ist: Die teleologische Idee, es gebe die so genannte „Urgesellschaft“ (ein Begriff, der nur vermeiden will, genauer hinzugucken), danach die Sklavenhaltergesellschaft, danach den Feudalismus, dann den Kapitalismus, dann den Sozialismus, und das Ganze noch bitteschön zwangläufig, ist, obzwar unter Stalin noch Doktrin, schlicht und einfach Bullshit, und zwar noch nicht mal gehobener, sondern – ich wiederhole mich gern – totaler Quatsch, und ließ die Historiker der DDR, die sich die „Dritte Welt“ ansahen, verwirrt zurück. […]

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