Reaktionäre Schichttorte

ständepyramide

Ist eine Gesellschaft „natürlich“? Natürlich nicht und niemals. Ein zentrales Anliegen der jeweils herrschenden Klassen und ihrer medialen Helfershelfer ist es jedoch, genau das Gegenteil zu behaupten und das Volk in diesem Sinn zu indoktrinieren. Das war schon seit dem Neolithikum so.

Dazu gehört, dass man bestimmte Begriffe im öffentlichen Diskurs tabuisiert oder – im Sinne der freiwilligen politischen Selbstkontrolle (TM) – nur solche benutzt, die die Realität verschleiern oder diese nach Gusto der Herrschenden verfälschen. (Wie das geht, wird hier unter dem Tag „Lautsprecher des Kapitals“ exemplarisch aufgeführt. Wer zusammenzuckt: Da das hier mein Blog ist, darf ich auch mit dem Holzhammer argumentieren.)

Ein Beispiel, das niemand abstreiten wird: Im Feudalismus (in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft meistens als „Lehnswesen“ tituliert) galt die so genannte „Ständepyramide“ (vgl. oben) als „natürlich“. Gott hatte es so gewollt, dass es Könige und Feudalherrn gab, und es war „natürlich“, dass die Bauern diese unterhielten. Wer das in Frage stellte, den ließen die Herrschenden umbringen.

Im 14. Jahrhundert sagte die Priester Johann Ball: „Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann?“ Natürlich wurde er hingerichtet.

Marx hat das ideologische Prinzip des Feudalismus in einigen genialen Sätzen so formuliert:
Da die Geburt dem Menschen nur das individuelle Dasein gibt und ihn zunächst nur als natürliches Individuum setzt, die staatlichen Bestimmungen wie die gesetzgebende Gewalt etc. aber soziale Produkte, Geburten der Sozietät und nicht Zeugungen des natürlichen Individuums sind, so ist eben die unmittelbare Identität, das unvermittelte Zusammenfallen zwischen der Geburt des Individuums und dem Individuum als Individuation einer bestimmten sozialen Stellung, Funktion etc. das Frappante, das Wunder. Die Natur macht in diesem System unmittelbar Könige, sie macht unmittelbar Pairs etc., wie sie Augen und Nasen macht. (Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen Staatsrechts, MEW Bd. 1 S. 310)

Man könnte das leicht auf die Gegenwart übertragen: Kapitalisten (affirmativ: „Unternehmer“) und Arbeiter und der Markt sind „natürlich“, von der Evolution (die heute oft „Gott“ ersetzt) so gewollt. Die Natur macht in diesem System unmittelbar die Märkte, Unternehmer und Arbeitnehmer, sie macht den Markt etc. unmittelbar, wie sie Augen und Nasen macht. Eigentlich gehört die „Marktwirtschaft“ in den Biologie-Unterricht. Wer das System in Frage gestellt, wird (medial) geächtet.

ständepyramide

Der Kampf um die Begriffe und was sie bedeuten und wer sie wie benutzen darf, ist noch viel subtiler. Von den christlichen Missionaren wissen wir, dass ihr ersten Ziel, die jeweilige Gesellschaft zu zerstören und ihre Version der Religion aufzupfropfen, immer war, den „Opfern „zu verbieten, diejenigen Wörter zu benutzen, die deren oft kompliziertes System der Verwandtschaft beschrieb. Die Miskito in Nicaragua zum Beispiel konnten nur mit diesen Wörtern ihre Gesellschaft beschreiben – also erklären. Die Missionare der Moravier (die sitzen auch hier in Rixdorf und tun ganz unschuldig) zwangen die Miskito, in Nicaragua nur noch „Bruder“ und „Schwester“ im christlichen Sinn zu sagen – zu allen. Die Gesellschaft der Miskito brach schon nach wenigen Jahrzehnten in sich zusammen. (Übrigens einer der Gründe dafür, warum die Miskito gegen die Sandinistas waren – die Revolutionäre waren katholisch oder taten so. Ich war Augenzeuge und meine damalige Reisebegleiterin war Ethnologin.)

Das wäre so, als wenn man einem „Volkswirtschaftler“ verböte, das Wort „Markt“ auszusprechen – er wüsste vermutlich gar nicht mehr, was er sagen sollte.

Im Zuge der allgegenwärtigen Reaktion werden auch in den Universitäten nur noch Begriffe gelehrt und erwähnt, die den Kapitalismus als Ende der Geschichte suggerieren. Das gilt für alle geisteswissenschaftlichen Fächer. Man sagt auch nicht mehr „Feudalismus“, sondern ganz unpolitisch „Mittelalter“ oder eben „Lehnswesen“. „Kapitalismus“ taucht auch in den Medien nicht als Begriff so auf, dass eine Alternative denkbar wäre.

Es erstaunt mich, wie schnell das geht und wie alle mitmachen, ohne dass es jemand befiehlt. Ein besonders schönes Beispiel ist die „Schicht“ – ein Begriff, der das Oben und das Unten in einer Gesellschaft beschreiben will, als sei das „natürlich“. Mit „Schicht“ kann man auch die feudale Ständepyramide darstellen – der Begriff sagt eigentlich gar nichts aus und ist entpolitisiert.

Der von Marxisten benutzte Terminus „Klasse“ will hingegen beschreiben, wie die Menschen zu den Produktionsmitteln stehen – vereinfacht: Haben sie welche oder nicht? Die traditionelle „Kleinbourgeoisie“ sind zum Beispiel Handwerker, die ihre eigene Mittel, um zu produzieren, besitzen, aber keine Arbeiter im großen Maßstab beschäftigen. Dazwischen gibt es unzählige Schattierungen. Es geht um Macht, um die Stücke des Kuchens und des Reichtums, wer wieviel bekommt und nicht und warum. Wer „Klasse“ im Marxschen Sinn sagt, weiß, dass es auch anders ginge. Deswegen gibt es im Grundgesetz versehentlich „Vergesellschaftung“ und „Gemeineigentum“ – werden einem „Volkswirtschaftler“ diese Wörter vorgeworfen, wird der zusammenzucken wie ein Vampir vor einer Knoblauchzehe.

Man könnte das Thema ja wissenschaftlich und gelassen sehen und einfach fragen, welcher Begriff – „Schicht“ oder „Klasse“ die Realität am besten beschreibt. Aber so funktioniert es nicht. „Klasse“ ist „verboten“, niemand, keine Zeitung und kein anderes Mainstream-Medium in Deutschland, wird das Wort ernsthaft benutzen – wegen Schwefelgeruchs.

Es ist wie im „Mittelalter“. Die Welt, wie wir sie kennen, ist eben „natürlich“.

Aber so viel wollte ich gar nicht schreiben, sonst kommen mir die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser wieder mit tldnr… Ich will nur anregen, selbst weiter zu denken.

Kommentare

7 Kommentare zu “Reaktionäre Schichttorte”

  1. tom am Januar 31st, 2015 5:55 pm

    ntldril
    not too long did read incl. links
    Danke mal wieder für die Mühe; mir gefiel`s!

  2. Wat. am Januar 31st, 2015 9:30 pm

    „Der von Marxisten benutzte Terminus “Klasse” will hingegen beschreiben, wie die Menschen zu den Produktionsmitteln stehen – vereinfacht: Haben sie welche oder nicht? Die traditionelle “Kleinbourgeoisie” sind zum Beispiel Handwerker, die ihre eigene Mittel, um zu produzieren, besitzen, aber keine Arbeiter im großen Maßstab beschäftigen.“

    Darum erklärt sich eine Klasse nach Marx wohl nach ihrer Stellung zu den Produktionsmitteln, aber eben nicht nur so einseitig, ob sie welche haben – sondern auch – womit bzw. woraus sie ihren Lebensunterhalt bestreiten.

    Der von Dir s.g. große Maßstab fängt da an, wo jemand allein von fremder Arbeit, also nur von seinen angestellten/beschäftigten Arbeitern, leben kann.

    (Daß er dann vielleicht trotzdem noch selbst ‚handwerkert‘, wäre ab da völlig nebensächlich und er statt Kleinbourgeoisie dann der Bourgeoisie zugehörig. So wie jemand, der ein paar Aktien hat, aus denen er Dividenden zieht, diese aber nicht allein zum Leben reichen würden, nicht Kapitalist/Bourgeoisie sein kann)

    Sorry. Konnte nicht anders…

  3. Harald Böckenkamp am Januar 31st, 2015 11:31 pm

    Ich habe deinen Artikel zu Ende gelesen! Du schreibst mir aus dem Herzen.
    Leider bin ich, wie Du weißt, nur Handwerker!
    Habe Marx während des Philosophikums (im ersten Leben an der Uni Münster) etwas studiert (Manifest und einiges später mehr)!
    Gruß aus Hamm
    Harald

  4. Juza46 am Februar 1st, 2015 4:24 pm

    Ich war neulich einen Woche im Krankenhaus und habe – um die Zeit am Laufen zu halten – mir ein Buch geholt: „Der Glöckner von Notre-Dame“ von Victor Hugo. Ich war erstaunt, weil ich es schon vor vielen Jahren einmal gelesen hatte, ich mich aber nicht erinnern konnte, wie präzise Hugo in diesem Werk die gesellschaftlichen Strukturen im Frankreich um 1260 beschreibt und wie sie funktionierten.
    „Ist eine Gesellschaft “natürlich”? Natürlich nicht und niemals“, ist deine Frage. Und ich kann sie nach dem Lesen des Buches nur bestätigen.

  5. Fatimidisch und fernöstlich : Burks' Blog am Juni 12th, 2019 8:42 pm

    […] zum Thema Feudalismus erschienen: – Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse – Feudal oder nicht feudal? tl;dr, […]

  6. Der Zwang zum Hauen und Stechen oder : Seigneural privileges : Burks' Blog am Juni 15th, 2019 5:24 pm

    […] zum Thema Feudalismus erschienen: – Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse – Feudal oder nicht feudal? tl;dr, […]

  7. Yasuke, Daimos und Samurai [I] : Burks' Blog am Juli 24th, 2019 7:42 pm

    […] zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges 15.06.2019) – Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse – Feudal oder nicht feudal? tl;dr, […]

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