Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum

servatiusreliquiar

Servatius-Schrein, so genannter Reliquienkasten Ottos I., Rom, 1. Jahrhundert n. Chr. (Dionysoskopf); Westfränkisches Reich, vielleicht (!) vom Hof Karl des Kahlen*, um 870 (Elfenbeinreliefs), Goldmontierung um 1200, Quedlinburg. Geschnitztes Elfenbein mit graviertem und ziseliertem Gold, Goldzellenschmelz, Steinschmuck, Glasflüsse, Silber mit Niello. Der Dionysoskopf ist ein Amethyst.

Die Platten des Elfenbeinkastens wurden mit Nut und Feder zusammengefügt und an den Ecken mit Zapfen verbunden. Rundum sind insgesamt zwölf Figuren zu sehen, vermutlich die Apostel. In den Rundbögen über den Figuren sind die Tierkreiszeichen geschnitzt. Warum ein Tierkreiszeichen einem bestimmten Apostel zugeordnet worden ist, weiß man nicht. Die Vertiefungen waren früher mit polychromen Farbpasten ausgefüllt.

Um ca. 1200 wurde der Kasten mit zusätzlichem Gold und Edelsteinen versehen, auch mit dem sehr alten Kopf des Dionysos – dessen metallene Fassung verdeckt teilweise Figuren und Tierkreiszeichen. D. Koetzsche aber meint, dass der Amethyst „ursprünglich zur Goldmontierung des Servatiusreliquiars“ gehört habe, „obwohl er in seiner heutigen, sehr groben Anbringung wie nachträglich hinzugefügt erscheint.“ Vielleicht sei er auch mit einer Schlaufe am Deckel befestigt gewesen. Der Kopf gehöre stilistisch eindeutig in den späten Hellenismus. Auch die Emailplättchen sind älter und stammen vermutlich aus demselben Jahrhundert wie der Kasten.

Im Kasten waren ursprünglich die Reliquien zahlreicher namentlich bezeichneter Heiliger. Ein vergleichbarer Kasten war Teil des von Heinrich II. gegründeten Stifts St. Stephan in Bamberg, Fragmente sind heute im Bayrischen Nationalmuseum München.

Dieses Reliquiar ist für mich eindeutig das interessanteste Stück aus dem Quedlinburger Domschatz. „Er zählte vielleicht zu jenen tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum = drei Schreine aus Elfenbein mit Heiligenfiguren, die im ältesten Quedlinburger Inventar aus dem 2. Drittel des 11. Jahrhunderts erwähnt sind.“** Dass Christus und die Tierkreiszeich kombiniert werden, sei, schreibt D. Koetzsche, „ungewöhnlich“. Es gebe nur eine Parallele in einer Illustration des Utrechtpsalters (S. 36r, Javascript erforderlich).

Der altgriechische Gott der Ekstase und christliche Motive – zusammen auf einem Kasten? Was sofort einleuchtet: Es geht keinesfalls um Kunst oder Ästhetik im heutigen Sinn. Heute würde man es vermutlich eklektizistischen Kitsch nennen, wenn jemand ganz unterschiedliche Dinge aus mehreren Epochen einfach zusammenpappte. Man darf auch annehmen, dass den Bearbeitern und Betrachtern des Kastens Dionysos nicht unbedingt bekannt war. Die Objekte waren selten und exotisch und waren im Besitz derer gewesen, von denen man sein eigene Legitimation bezog, die christlichen Motive „veredelten“ alle anderen – alles, was als wertvoll galt, wurde in und auf einem Reliquienbehälter versammelt.

Dessen gemeinsames Betrachten stellte Gesellschaft für die herrschende Klasse (und nicht nur für die) dar; erschuf sie, wem die Objekte gehörten, war deshalb Herrscher. Die Natur macht Könige und Adlige genau so, wie sie Münder und Nasen macht. Wie Marx in den Grundrissen schrieb: „…ein Teil der Gesellschaft wird von dem andren selbst als bloß unorganische und natürliche Bedingung seiner eignen Reproduktion behandelt.“ Die Bauern, die die Feudalklasse ernähren, sind „natürliche“ Bedingung ihrer Existenz, sie tauchen als „Arbeiter“ nicht auf – auch nicht in der Literatur.

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit von helden lobebæren, von grôzer arebeit (Nibelungenlied, 12. Jahrhundert)

Die Feudalklasse kann die Realität erkenntnistheoretisch nur verzerrt wiedergeben, da sich sich nur per Gewalt und Konsum auf die Natur bezieht. Man kann diese notwendige ideologische „Behinderung“ (ähnlich wie Religion) mit dem Waren- und Geldfetisch vergleichen – eine nur ökonomische Form wird von den Akteuren als Eigenschaft des Dings an sich angesehen. Deswegen glaubt auch die FDP an den „Markt“ als eigenständig handelndes höheres Wesen – ähnlich wie ein feudaler Adliger des 10. Jahrhunderts eine Reliquie als magisches wirkmächtiges Objekt ansah.

Man weiß nicht, wie der Reliquienkasten in den Schatz des Quedlinburger Stifts gekommen ist. Vielleicht stammen sowohl das Quedlinburger Examplar als auch das von Bamberg aus dem ottonischen Besitz und wurden an die Kirchen verschenkt.

Wappenkasten

Wappenkasten in Wulstwickeltechnik, vielleicht fatimidisch, 12. Jahrhundert, die Fassung stammt aus Niedersachsen/Quedlinburg. Beschläge aus Eisen, Klebemittel tierischer Leim.

Die Ritter tragen die für das späte 12. und 13. Jahrhundert typischen Topfhelme, auch die Pferde sind gepanzert. „Die Entwicklung des Topfhelmes war eine Reaktion auf die geänderten Kampftaktiken des Hochmittelalters. Die Einführung des Steigbügels ermöglichte es, den Gegner mit eingelegter Lanze anzugreifen und direkt auf dessen Kopf zu zielen.“ (Diese Darstellung vom deutschen Wikipedia bezweifele ich, da Steigbügel schon viel früher bekannt und in Gebrauch waren, sogar schon bei der oströmischen Kavallerie, die Steigbügel aber offenbar von den Awaren übernommen hatte.)

Der Kasten zeigt zwölf Wappen von Feudaladligen (Skizze bei B. Schwinekörper). Die langgestreckte Form des Kastens ist ungewöhnlich: „Die überaus feine, dichte und ornamentierte Wulstwickelarbeit hat ihre Parallelen nur im fatmimidischen Nordafrika. So ließe sich denken, daß es sich bei der einzigartigen Arbeit um einen wesentlich älteren, verehrten Gegenstand handelt, den man 1208/10 ganz bewußt einer neuen Verwendung zugeführt hat. (…) Körbe aus dieser Zeit sidn außerordentlich selten und niemals datiert.“ (D. Koetzsche) Vergleichbare Körbe gibt es in der Zisterzienserabtei Pforta (nicht Schulpforta, Druckfehler bei D. Koetzsche), im Domschatz Halberstadt und in der Stiftskirche Fritzlar.

*Dieser Karl ist das historische Vorbild für den Kaiser Karl aus Vikings, der dem Wikinger Ragnar loðbrókar aka Reginheri eine große Summe übergab, um die Besatzer von Paris loszuwerden.

**B. Bischoff: Mittelalterliche Schatzverzeichnisse, 1967, zit. n. Dietrich Kötzsche (Hrsg.): Der Quedlinburger Schatz wieder vereint. [Katalog zur Ausstellung im Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz]], 1993. Zum Bamberger Reliqienkasten fand ich diese interessane Bemerkung: „Beschläge eines Kästchens von sehr ähnlicher Form und Konstruktion wurden 2004 in einem Wikingergrab bei Haldum nahe Århus entdeckt.“

Reminder: Photos are licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 3.0 Germany License.

Kommentare

7 Kommentare zu “Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum”

  1. Martin Däniken am Mai 10th, 2019 9:41 am

    Musste bei den Behältnissen an die Kartons denken,die man so unterm Bett aufbewahrt.
    Diewo,für einen wertvolles Zeug drin ist:
    Drachenschnur,uralte Taschenlampe,Messer mit abegebrochner Klinge(weil S.A.K.-Klon),der erste Jever-Kronkorken,erotische Lektüre…
    Yps und Lego-Sachen…
    Alles Dinge,die einen erinnern lassen
    und einem Hoffnung/Glaube geben(können)!
    Bei weiblichen Mitglieder unserer Spezies etwas anders sortiert und farblich orientiert ;-)

  2. ... der Trittbrettschreiber am Mai 11th, 2019 9:33 am

    @Martin Däniken

    „…der erste Jever-Kronkorken,erotische Lektüre…“

    Du must dich entscheiden – Mann hat immer eine Qual.

  3. Martin Däniken am Mai 11th, 2019 11:25 pm

    @Trittbrettschreiber:
    Das erste selbst von eigenen Geld gekaufte Bier muss „verewigt“ werden und
    die erotische bildhafte Lektüre
    im Bahnhof mit hochrotem Kopf und
    kicksender Stimme/Trenchcoat-tragend (hihi) erworben
    brauchen doch einen Ehrenplatz!
    Die vom älteren Bruder ge“mops“ten Blätter zählen nicht! Nichtwirklicht!

  4. ... der Trittbrettschreiber am Mai 12th, 2019 11:11 am

    @Martin Däniken

    Schniief, herrjeh – der beige Trenchcoat:

    Fest wie Segeltuch, anschmiegsam wie Seide, Unterwaden lang und oversized. Ich trug ihn wie ‚er‘, nur nicht in Casablanca. Was gäbe ich dafür, noch einmal in diesem offen wehenden Statement für alles der unverstandenen Welt Fliehende starken schnellen Schrittes am Ernst-Reuter-Platz zu flanieren. Von hinten sah der immer aus, als hätte man gerade noch Höchstwichtiges verkündet, um dann mit einem großen Schwung von der Weltbühne zu schlendern. Nur die Berliner Hundscheiße versaute einem so manchen glorreichen Abgang. Platsch…Igitt… Nur ein Sprung seitwärts in den Tiergarten war dann die Rettung vor dem einer Kastration gleichenden Gesichtsverlust.

  5. Martin Däniken am Mai 13th, 2019 10:23 am

    Der ist nicht so lang geschnitten
    https://www.mey-edlich.de/inspector-s-trench/p/24-7658-6
    (Wie kann man etwas lang schneiden!Dieser Klopstock…)

  6. Moralisierender Kindermüll : Burks' Blog am Mai 23rd, 2019 3:34 pm

    […] ich würde mir jetzt die Haare blau färben, mein Blog mit Musik unterlegen, auf Diskussionen zum Frühfeudalismus und der Programmierung merkwürdiger Polygone verzichten und unpolitischen Quatsch faseln über das […]

  7. Fatimidisch und fernöstlich : Burks' Blog am Juni 12th, 2019 8:42 pm

    […] Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I) – Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntistheoretische Schranke […]

Schreibe einen Kommentar