Unter schleimigen Opportunisten

Faz.net über Philipp Mißfelder (CDU):
Inzwischen meidet Mißfelder politische Festlegungen. Manche denken: Der kann Kanzler werden. Es gebe wohl keinen Politiker, der sich derart schamlos zur Leere bekenne wie Mißfelder, schrieb der „Spiegel“-Autor Dirk Kurbjuweit in einem Porträt über ihn. Der Text zeigte einen schleimigen Opportunisten. Vielen tat Mißfelder hinterher leid, aber er ist weiter gut vorangekommen: in der CDU bis ins Parteipräsidium.

Hungerspiele

hunger games

Vor einigen Tagen habe ich mir auf einem Streaming-Portal meines Vertrauens (ja, ich wiederhole mich) „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ angeschaut sowie den zweiten Teil The Hunger Games: Catching Fire (im Original, deshalb auch Links auf das englische Wikipedia).

Ich muss zugeben, dass ich überrascht war. Angesichts des kommerziellen Erfolges vermutet ich eher eine Hollywood-Mainstream-Fantasy-Soap-Opera und dergleichen oder einen Schrott wie „Game of Thrones“. (Rezensionen auf „Rotten Tomatoes“) Außerdem finde ich die Heldin Katniss weder sexy noch hübsch noch agiert sie intelligent – und sie schluchzt zu viel herum. Sie passt also nicht in mein Beuteschema. „Katniss ist damit die bis dahin erfolgreichste weibliche Heldenfigur der US-amerikanischen Kinogeschichte.“ hunger gamesWTF?! Das sagt ja schon viel aus.

Dennoch musste ich über den Plot und wie er umgesetzt wurde, nachdenken, und ich wurde auch gut unterhalten. Das reicht mir schon, um die Filme insgesamt als positiv anzusehen und sie zu empfehlen.

Peter Suderman schreibt in „The Washington Times„: „that [m]aybe it’s a liberal story about inequality and the class divide. Maybe it’s a libertarian epic about the evils of authoritarian government. Maybe it’s a feminist revision on the sci-fi action blockbuster. Maybe it’s a bloody satire of reality television“, but concludes the film only proposes these theories and brings none of them to a reasonable conclusion.“

Das fasst genau das zusammen, was ich auch denke. Vieles könnte vielleicht so sein, was uns dazu zwingt, daüber zu theoretisieren, wie Filme beeinflussen – und ob. Manche Filme und Kunstwerke wirken ja ganz anders, als der oder die Erschafferin es sich dachte. Die Antwort ist wie immer: Filme und andere Medien (auch Burk’s Blog) bestärken das, was der Rezipient ohnehin denkt. Wenn ein feiger Reaktionär „the Hunger Games“ anschaut, wird er (oder sie) nicht zum mutigen Revolutionär.

Ich liebe aber ganz besonders den „Showmaster“ Caesar Flickerman (vgl. Screenshot oben rechts), genial gespielt von Stanley Tucci. Ich habe selten so eine ätzende medienkritische Satire auf das Fenrsehen und seine verblödende und systemerhaltene Wirkung gesehen. Einfach unglaublich gut und zynisch und zum Totlachen. Ich vermute aber, dass die Zuschauer von MDR, von DSDS und „Germanys next Topmodel“, Dschungelcamp und anderen so genannten „Unterhaltungssendungen“ im deutschen TV gar nicht merken, wie „Caesar Flickerman“ sie auf die Schippe nimmt, weil sie ihr eigenes Rezeptionsverhalten schon als „normal“ ansehen.

hunger games

Nun zu den Frauen bzw. zu der Heldin Katniss. Die „Hungerspiele“ sind – von mir aus gesehen – natürlich Kinderfilme. Die werberelevante Zielgruppe, die Devotionalien der Figuren, mit denen sie sich identifiziert, kauft, ist unter 20. Dementsprechend sind auch die medialen Abfallprodukte (vgl. Screenshot oben) an „Mädchen“ (Was ist der beste Lippenstift?) und Jungen gerichtet. Von Emanzipation keine Spur. Ich sehe auch kein Rollenschema, das irgendwie kritisch oder interessant oder neu wäre. Frauen als „Kämpferinnen“ kommen in Fantasy-B-und C-Movies schon lange vor. Die „Tribute von Panem“ sind sogar noch reaktionärer als „Lara Croft“, weil Sex noch nicht einmal angedeutet wird (wegen der Zielgruppe und der US-calvinistischen Prüderie).

Die Filme lässt mich rätselnd zurück (dann sind sie sowieso gut). Man kann sie auch als Metaphern der Macht interpretieren: Wie den Untertanen von der herrschenden Klasse medial vermittelt wird, dass das System gut ist.

Revolutionär oder gar „links“ sind die „Hungerspiele“ jedoch nicht, weil sie nicht die Realität zeigen. Das trauen sie sich nicht, genausowenig wie in Elysium. Ausbeutung und Verblödung der Massen im Kapitalismus? Dürfen wir nicht zeigen. Also müssen wir das Thema in eine fantastische ferne Zukunft verlegen. Sonst kämen die Untertanen auf dumme Gedanken über ihre eigene Realität.

FDP ist jetzt GFM(TM)?

fdp

Welt online: „FDP denkt über einen neuen Namen nach“ (kein Aprilscherz!).

Da habe ich einen guten Vorschlag. Die hiesigen wohlwollenden Stammleserinnen und geneigten Stammleser werden wissen, für was die Abkürzung steht.

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werbung

Ich habe mir gerade auf einem Streaming-Portal meines VertrauensRiddick 3: Rule the Dark“ (Genre: Action | Sci-Fi | Thriller) angeschaut. Fallen Leute, die solche Filme ansehen, auf diese Werbung rein, die drumherum spammt? Dann bin ich in sehr dämlicher komischer Gesellschaft…

Deutsche Ansichten

rixdorfrixdorf

Pofallismus

In den USA kann man sich einen Botschafterposten kaufen, auch wenn man nicht wirklich weiß, wo das Land liegt und was es da so gibt. Und wir haben bald Pofalla als Verantwortlichen für „Compliance“ bei der Bahn. Das ist auch nicht wirklich besser.

Das doppelte DJVchen, revisited

djv

„Es gibt manche Leute, die nicht eher hören können, bis man ihnen die Ohren abschneidet.“ (Georg Christoph Lichtenberg)

Wenn unter Journalisten Hauen und Stechen angesagt ist, mische ich gern mit. Die Sache wird nämlich immer doppelt interessant, wenn man hinter die Kulissen blickt: Die Öffentlichkeit interessiert sich nicht für Vereinmeierei, spannend ist also, was nicht berichtet wird, vom wem – und wer wie involviert ist. So war es beim Deutschen Journalistenverband (DJV) schon oft. Deren Vereinsblättchen „Journalist“ hat sich nicht mit investigativem Ruhm bekleckert, wenn es um die eigenen Querelen und die unzähligen Prozesse ging, mit dem man sich seit 10 Jahren gegenseitig überzogen hat.

Aktuell berichtet der geschätzte Kollege Daniel Bouhs (kann verschlüsseln!) in der Taz (05.05.2014) und zeitnah im medium magazin (nicht online verfügbar) erfreulich korrekt über die Situation in Berlin. Dort gibt es gleich zwei Landesverbände des DJV, den DJV Berlin (das Original – dort bin ich Mitglied) und den JVBB (eine Abspaltung vom DJV Berlin). Ich habe darüber hier und anderswo seit 2004 unzählige Male geschrieben; zu einigen Details empfehle ich zum Beispiel Telepolis („Kein Platz für Rechtsextremisten“ beim Deutschen Journalisten-Verband?“, 12.06.2004) oder auf dem Recherchegruppe-Blog („Krise? Welche Krise?“, 02.11.2005) Wie immer ging und geht es um Geld, aber auch um Pöstchen. Ich schrieb 2006: „Zum Glück habe ich im DJV Berlin nicht viel zu sagen, sonst würde ich sofort militärisch-juristische Maßnahmen anordnen. Meine Rolle beschränkt sich nur darauf, bei Bedarf den Vorstand zu stürzen.“

Was also steht jetzt auf der Agenda? Eine Fusion beider Landesverbände in Berlin? Bouhs schreibt in der Taz:
Es ist fast alles geklärt. Der jüngere JVBB soll im Berliner Altverband aufgehen, aus jeweils knapp 2.000 ein knapp 4.000 Mitglieder starker Hauptstadtverband werden. Was der Einigung noch im Wege steht, ist mitunter richtig peinlich: Die bisherigen Vorsitzenden – Alexander Fritsch (JVBB) und Bernd Lammel (DJV Berlin) – können sich nicht darauf einigen, wer dann führen darf, ob keiner von beiden, alle beide oder ein Neuer nach freier Wahl.

Das ist zwar irgendwie richtig, aber man sollte vielleicht noch ein paar für Vereinsmeier interessante Details hinzufügen, warum das so ist. Die Mitgliederversammlungen des abgespaltenene Verbands JVBB waren in letzter Zeit nicht so gut besucht – weniger als rund fünf Prozent der Mitglieder waren interessiert, sich das anzutun. Beim DJV ist das besser. Und vermutlich fürchtet man beim JVBB, dass man bei einer Fusion rein stimmenmäßig gnadenlos untergebuttert wird, wenn es darum geht, die ach so wichtigen Pöstchen zu verteilen. Zugeben würde das natürlich niemand. Merke, wie schon Lichtenberg sagte: „Die kleinsten Unteroffiziere sind die stolzesten.“ Deswegen hat der JVBB offenbar ein Interesse daran, sich bei der Fusion die Pöstchen und deren Anzahl vorab abzusichern. Beim DJV Berlin ist man da lässiger: Der Vorstand kann sich auch komplette Neuwahlen aller Ämter vorstellen.

Nun muss ich bekennen, dass ich auch kein Kind von Traurigkeit bin. Wenn man mir dumm kommt, setze ich gern auf einen groben Klotz einen groben Keil. Ich erinnere mich heute noch mit diebischem Vergnügen an einen Tag im Jahr 2004 (wenn ich mich recht erinnere), als ich mit einer einstweiligen Verfühgung in der Hand und einer Gerichtsvollzieherin neben mir in die Geschäftsstelle des DJV Berlin einmarschierte, um mir die Teilnahme an der Sitzung des erweiterten Vorstands zu erzwingen. Der damalige Vorsitzende hatte mich nicht eingeladen, obwohl ich gewählt worden war. Die Damen und Herren spritzten panisch auseinander, so dass sogar die Gerichtsvollzieherin schmunzeln musste. Ein Vereinsmitglied, das sich seine Rechte erkämpft? Das hatte es ja noch nie gegeben.

Da ich seit 2004 ständig Interna und andere unerfreuliche Dinge über alle Beteiligten auf meinen „Recherchegruppe“-Blog publizierte, habe ich zahllose Feinde außerhalb des eigenen DJV-Landesverbands (in dem die Guten gewonnen haben). Kritik ist im DJV oft nicht erwünscht. Das ist aber in anderen Vereinen nicht anders. Der Vorstand des abgespaltenen Berliner DJV-Landesverbands JVBB (der 2006 noch VBJ hieß), schäumte in einem Brief an den Vorstand des damaligen Konkurrenzverbands DJV Berlin über mich:
Auf seiner Internet-Seite äußert sich das Mitglied des DJV Berlin, Burkhard Schröder, zum wiederholten Male über den Verein Berliner Journalisten. (…) In der von Herrn Schröder bekannten und für seine vermeintlich journalistische Tätigkeit typischen Mischung aus (wenigen) Tatsachen, (vielen) Halbwahrheiten und (vor allem) Unwahrheiten wird dabei (…) der VBJ verunglimpft, Das für sich wäre angesichts des Autors und seiner zweifelhaften Reputation nicht weiter erwähnenswert.

Da ist aber ein Nerv getroffen worden. Wenn ein Journalist Unwahrheiten verbreitet, könnte man ja juristisch dagegen vorgehen…

djv

Nach dieser langen Vorrede aber kommen wir jetzt zum heutigen Thema. Mir wurde da eine E-Mail aus dem JVBB zugespielt, also dem Verein, der gerade eine fragwürdige „Online-Umfrage“ über die Fusion gestartet hatte. Ein Mitglied schreibt an den erweiterten Vorstand des JVBB, die „Einladung zur Umfrage“ hinterlasse „noch mehr Fragen, als ich sowieso schon habe, was den Stand der längst beschlossenen Fusion mit dem DJV Berlin anbetrifft.“ Und jetzt kommt ein kleiner Sprengsatz:

Ich verstehe nicht, wie irgendeinem Kandidaten von vornherein schädliches Handeln unterstellt werden kann. Aber genau das tut der Text. Weiterhin suggeriert der Text, dass es jeweils nur einen Kandidaten pro Verband um den neuen Vorsitz geben würde. Eine Unterstellung, die mich unmündig fühlen lässt in einem Verband, der Loyalität, Solidarität und Kollegialität in seiner Satzung verankert hat. Demokratie funktioniert per Definition anders.

Ich stelle hiermit den offiziellen Antrag auf eine außerordentliche Mitgliederversammlung. Dabei berufe ich mich auf die Satzung des JVBB.

Da müssen wir jetzt zur Bibel des deutschen Vereinslebens greifen, die liegt bei mir immer auf dem Schreibtisch – eingedenk der Weisheit: Wer die Regeln kennt, hat gewonnen. „Der eingetragene Verein – Gemeinverständliche Erläuterung des Vereinsrechts unter Berücksichtigung neuester Rechtsprechung mit Formularteil“. Wer dieses Buch auswendig kennt, braucht vereinsinterne Kriegs- und Kampfhandlungen nicht mehr zu fürchten.

Vereinswelt.de fasst das Thema ganz richtig zusammen:
Eine außerordentliche Mitgliederversammlung findet auch dann statt, wenn eine bestimmte Anzahl von Mitgliedern einen entsprechenden Antrag stellt. Ist die Mindestzahl in der Satzung nicht angegeben, müssen mindestens 10 % der Mitglieder diesen Antrag stellen (§ 37 BGB). In der Satzung können abweichende Regelungen getroffen werden, beispielsweise 1/3 der Mitglieder als Mindestzahl.

Da sieht man schon die schwere juristische Artillerie am Horizont. Im Gesetzestext heißt es nämlich drohend – wenn der betreffende Vorstand dem formgerechten Verlangen eines Mitglieds nach einer außerordentlichen Mitgliederversammlung nicht nachkommt:
Wird dem Verlangen nicht entsprochen, so kann das Amtsgericht die Mitglieder, die das Verlangen gestellt haben, zur Berufung der Versammlung ermächtigen; es kann Anordnungen über die Führung des Vorsitzes in der Versammlung treffen. Zuständig ist das Amtsgericht, das für den Bezirk, in dem der Verein seinen Sitz hat, das Vereinsregister führt.

Sehr hübsch. Man kann sich vorstellen, wie Vereinsvorstände ausnahmslos reagieren, wenn ein Mitglied die „Berufung auf Verlangen einer Minderheit“ bemüht. Richtig. Salopp gesagt: Sie kotzen ab.

Natürlich, so informierten mich gewöhnlich gut unterrichtete Kreise, sperrte sich auch der Vorstand des JVBB dagegen. Demokratie von unten oder gar ausreichende Informationen an die da unten? Igitt. Wo kämen wir denn da hin.

In der Satzung des JVBB (die ich online nicht gefunden habe, was vielleicht kein Zufall ist), heißt es:
Will ein Mitglied eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen lassen, so ist ihm vom Vorstand unverzüglich die Möglichkeit einzuräumen, über die Geschäftsstelle alle Mitglieder von dem Vorhaben zu informieren. Dabei darf die Information keine anderen Inhalte haben als die Ankündigung des Vorhabens, die Angabe eines Grundes sowie eine Kontaktadresse des betreffenden Mitglieds. Weitere Kommentare oder Zusätze sind unzulässig.
Die Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung hat unverzüglich nach Eingang des entsprechenden Antrags zu erfolgen. Abweichend von § 6 Abs. 5 wird eine außerordentliche Mitgliederversammlung durch schriftliche Einladung aller Mitglieder unter Angabe einer Tagesordnung mindestens zwei Wochen vor dem Versammlungstermin vom Vorstand einberufen.

Die Pointe ist ja, dass man die Mitgliederliste einsehen muss, wenn eine Minderheit im Verein eine Versammlung wünscht, um eben diese benachrichtigen zu können. Der Bundesgerichtshof hat dazu einschlägig geurteilt:
Ein berechtigtes Interesse eines Vereinsmitglieds, Kenntnis von Namen und Anschriften der übrigen Mitglieder zu erhalten, kann auch außerhalb des unmittelbaren Anwendungsbereichs des § 37 BGB bestehen, wenn das Mitglied nach den Umständen des konkreten Falles die in der Mitgliederliste enthaltenen Informationen ausnahmsweise benötigt, um das sich aus seiner Mitgliedschaft ergebende Recht auf Mitwirkung an der Willensbildung im Verein wirkungsvoll ausüben zu können.

„Dummerweise“ und zum Missvergnügen von Vereinsvorständen kommt bei einem solchen Procedere auch immer heraus, wie viele Mitglieder ein Verein wirklich hat; deren Zahl wird ja gern und oft ein wenig nach oben geschummelt.

Die Gerichte verstehen keinen Spaß, wenn es darum geht, den Mitgliedern eines Vereins, die vom Vorstand oder anderen gemobbt werden, die „Mitwirkung an der Willensbildung“ zu erzwingen. Deswegen ist es auch ausgesprochen schwierig oder fast unmöglich, ein Vereinsmitglied (eine Partei wird juristisch wie ein Verein behandelt) auszuschließen, wenn dieses Mitglied sich entschlossen zur Wehr setzt. Auf dem Höhepunkt des Hauens und Stechens im DJV Berlin – vor einem Jahrzehnt – versuchte der damalige Vorstand drei Mal, mich unter fadenscheinigen Gründen rauszuwerfen. Die Richter am Landgericht Berlin machten immer kurzen Prozess und traten die Anträge auf meinen Ausschluss schon nach wenigen Minuten in die Tonne, und kommentierten die Sache, weil sie vermutlich ahnten, was der wahre Anlass war, mit dem strengen Hinweis an die Antragsteller: „Vereinsinterne Kritik am Vorstand ist erlaubt.“

Man darf also gespannt sein, wie es bei den journalistischen Vereinsmeiern in Berlin weitergeht (wen das interessiert). Vielleicht gewinnen ja auch im JVBB irgendwann mal die Guten. Ihnen ist ein „Langer Atem“ zu wünschen.

Chinas Geisterstädte oder: Fears grow of a serious slump in the market

In China stehen laut Al Jazeera (Video) rund 50 Millionen Wohnungen leer. „Recovery is not in sight“.

Vgl. auch Beijing Rundschau: „Abgeordnete sollen sich um überhitzten Immobilienmarkt kümmern“.
Die staatlichen Banken haben staatlichen Immobilienentwicklern Geld für den Bau von Eigentumswohnungen zur Verfügung gestellt. Nutzungsrechte an Grund und Boden sind zu einem sehr hohen Preis erworben worden, der sich angesichts steigender Quadratmeterpreise bei Wohnungen bislang jedoch amortisieren ließ. Sollte sich aber die Regierung nun zu einer Regulierung der Preise für Wohnraum entschließen, könnte der Kreditmarkt in eine Schieflage geraten, weil die Immobilienentwickler mit der Tilgung ihrer Kredite womöglich in Verzug geraten.

Muahahahaha. Der überhitzte freie Markt in Schieflage wird es schon richten.

Der freie Markt(TM) am Karl-Marx-Platz

Karl-Marx-Platz

Levante oder: Sykes-Picot, reloaded [Update]

Die New York Times schrieb schon vor zwei Jahren ganz richtig: „Russia has long argued that the West should not support popular uprisings against dictatorships in the Middle East lest Islamic fundamentalism take hold.“ Genau das ist in Syrien und im Irak jetzt eingetroffen: Die stärkste Macht nach dem Abzug der neo-imperialistischen „Koalition der Willigen“ ist die sich „islamisch“ kostümierende ISIL („Islamischer Staat im Irak und in der Levante“).

Die Levante ist ein Synonym für das „Morgenland“, also alles, was der durchschnttliche ungebildete Mitteleuropäer für den „Orient“ im Sinne Karl Mays hält; man könnte auch „Vorderer Orient“ sagen, über den man heutzutage in Deutschland nicht viel weiß. Der ideelle Gesamt-Oberstudienrat assoziiert vielleicht noch „Bagdad-Bahn“ und hat zusätzlich noch ein paar Sätze Peter Scholl-Latours behalten, die gesamte US-Orientpolitik sei ein totaler Fehlschlag undsoweiter.

Die deutschen Mainstream-Medien bleiben leider, aber nicht unerwartet auf Karl-May-Niveau und „erklären“ die aktuelle politische Gemengelage mit „Machtstreben“ und „Religion“ oder – wie gewohnt – mit „Extremismus“. Damit kann man praktisch alles seit dem 30-jährigen Krieg beschreiben – also nichts.

Andererseits wissen wir, dass die Geschichte immer eine Geschichte von Klassenkämpfen ist, also ein Kampf um ökonomische Ressourcen, der sich aber eben auch religiös kostümieren kann. Damit kommt man schon ein wenig weiter, wenn man genau hinschaut.

osmanisches reich

Source: Wikipedia: „Karte des Osmanischen Reiches“ mit den Provinzen Mossul (heute Kurdistan), Basra (heute der schiitische Teil des Irak) und Bagdad (sunnitischer Teil des Irak).

Ich habe mich ein wenig umgesehen und eine Stunde kostbarer Lebenszeit geopfert, einen Parforceritt durch die Jahrhunderte gemacht, um mir zu erklären, was aus allem zwischen Bagdad und Stambul zukünftig wohl werden wird.

Alle heutigen Staaten im „Morgenland“ sind aus dem Osmanischen Reich entstanden, dem Konkurrenten und späteren „Erben“ des Byzantinischen Reiches -, also einem Gebiet, das im Osten ungefähr das uralte Mesopotamien umfasst, und im Westen die Anrainerstaaten des Mittelmeeres, zwischen der anatolischen Halbinsel und Ägypten, also die ehemaligen Staaten Irak und Syrien, dann Jordanien, Israel, den Libanon sowie das real schon existierende Kurdistan. (Update: Erstaunlicherweise ist die „Grenze“ zwischen der „Levante“ und dem Irak immer noch da, wo sie zur Zeit der Kriege zwischem dem Römischen Reich und den Sassaniden (Persern) war.)

„Die Araber“ kommen erst im Ersten Weltkrieg ins Spiel. Die heutige Situation ist gar nicht neu, Sondern hat sich ganz ähnlich schon einmal ergeben. Damals versprachen die imperialistischen Mächte England und Frankreich den Armeniern im Osten der Türkei einen selbständigen Staat, was zum Völkermord der Türken an den Armeniern führte. Auch den Arabern wurde von den Engländern auch „Freiheit“ versprochen (verfilmt in „Lawrence von Arabien„). Heute wiederholt sich die Geschichte in Lybien, Syrien und dem Irak: die alten und neuen imperialistischen Mächte versprechen denjenigne, die gegen die einheimsichen Diktatoren aufbegehren, die „Freiheit“ (also das in Wahrheit das „Privileg“, dass ausländischen Konzernen neue Märkte eröffnmet werden), aber denken im Traum nicht daran, sondern verfolgen nur die eigenen Interessen.

University of Michigan: The outbreak of World War I found Turkey lined up with the Central Powers. Although Turkish troops succeeded against the Allies in the Gallipoli campaign (1915), Arabia rose against Turkish rule, and British forces occupied (1917) Baghdad and Jerusalem. In 1918, Turkish resistance collapsed in Asia and Europe. An armistice was concluded in October, and the Ottoman Empire came to an end. The Treaty of Sèvres confirmed its dissolution. With the victory of the Turkish nationalists, who had refused to accept the peace terms and overthrew the sultan in 1922, modern Turkey’s history began.

levante

Credits:“Geschichte der Araber“, Bd. 2: „Die Araber im Kampf gegen osmanische Despotie und europäische Kolonialeroberung“, Autorenkollektiv, Akademie-Verlag Berlin (DDR) 1975 (in meinem Besitz). „Prior to World War I, three Mesopotamian provinces centered on Basra, Baghdad, and Mosul, formed part of the Ottoman Empire. When the Empire was divided in 1920, the League of Nations, a precursor to the United Nations, gave the British a Mandate to establish a new nation-state in the region.“ (Quelle)

Ein pädagogisch wertvolles Beispiel ist das Sykes-Picot-Abkommen, „eine geheime Übereinkunft zwischen den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs, durch die deren koloniale Interessensgebiete im Nahen Osten nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg festgelegt wurden.“

By the way: Erst der Sieg der Revolution in Russland machte diesen Geheimvertrag öffentlich. „Die bolschewistische Regierung veröffentlichte daraufhin den Inhalt des geheimen Sykes-Picot-Abkommens am 23. November 1917 in den russischen Tageszeitungen Prawda und Iswestija. Drei Tage später erschien der Inhalt des Abkommens auch in der britischen Tageszeitung The Guardian. Die Veröffentlichung löste große Verärgerung unter den Entente-Mächten und wachsendes Misstrauen bei den Arabern aus, was die Arabische Revolte zusätzlich anstachelte.“

Offiziell gab es nur den Vertrag von Sèvres (10.08.1920): „Durch den Vertrag von Sèvres hätte das Osmanische Reich einen Großteil seines Territoriums verloren. Hedschas (dieses wurde 1925 von Saudi-Arabien erobert), Armenien und Mesopotamien sollten unabhängig werden. Kurdistan sollte gemäß Artikel 62 Autonomie erhalten, durch Artikel 64 wurde darüber hinaus auch eine mögliche staatliche Unabhängigkeit in Aussicht gestellt.“

Das Völkerbundmandat für Syrien und Libanon gab England und Frankreich 1920 das Recht, eigene „Staaten“ nach Gutdünken zu erschaffen. Wenn etwas geschah, was den Kolonialmächten nicht passte, griffen die ein und zerschlugen das neue Gebilde wieder (vgl. Evolution des Völkerbundmandates für Syrien und Libanon) oder errichteten eine Marionetten-Regierung. Diese Konzepte – divide et impera – sind sehr aktuell – was man nicht nur am Beispiel des heutigen Libyen sehen kann.

levante

Credits: Levante (Wikipedia, made from a public domain map of the CIA)

Zur Geschichte der ISIL empfehle ich Foreignpolicy.com („A Trusted Advisor for Global Leaders When the Stakes are Highest“): „The Beginning of a Caliphate: The Spread of ISIS, in Five Maps“. Da sich übrigens Saddam Hussein vorwiegend auf die sunnitischen Familien-Clans (die von deutschen Medien von sinnlos als „Stämme“ bezeichnet werden) stützte, kann es durchaus ein Revival derjenigen Koalitionen geben, die den Irak unter Saddam kontrollierten, aber eben ohne den Südosten und Kurdistan. Wikipedia: „Nach Angaben eines Funktionärs der kurdischen DPK sind die meisten Rebellen, die sich der ISIL-Offensive angeschlossen haben, keine Islamisten, sondern nicht-radikale sunnitische Iraker, die mit der schiitischen Maliki-Regierung nicht einverstanden sind[96]. Als Grund nennen sie vielfältige Diskriminierung durch die schiitisch dominierte irakische Regierung“.

Interessant, dass die Idee der pseudo-islamischen ISIL – die ja von den reaktionären Golfstaaten finanziert und indirekt von den USA bewaffnet wird – eines „Kalifats“ in ihrer Geographie dem alten arabischen Konzept von Groß-Syrien frappierend ähnelt:
Die Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem vom Irak ausgehende politische Konzeption eines vereinten Fruchtbaren Halbmondes spannt einen geographischen Bogen vom Irak über Syrien und Jordanien bis Libanon und Palästina, die meisten Großsyrien-Konzeptionen hingegen schließen den Irak nicht ein. Einige Extremvarianten erstrecken sich jedoch über das gesamte Gebiet der heutigen Staaten Syrien, Libanon, Israel, Jordanien, Irak, Kuwait, Zypern, die Palästinensergebiete sowie Teile der Türkei (Hatay), Ägyptens (Sinai), Saudi-Arabiens (Syrische Wüste, Dschauf) und Irans (Chuzestan).

Es geht natürlich um Öl, wie die Karte unten von der Website mit dem hübschen Ttel „Securing America’s Future Energy“ zeigt.

oil fields iraq

Credits: „Securing America’s Future Energy

Wer werden also mehrere staatenähnliche Gebilde bekommen: Das frühere Syrien, aber verkleinert, Kurdistan, das sich wie ein Sperriegel zwischen die Türkei und Bagdad legen wird, einen schiitischen geprägten Rest-Irak sowie ein Niemandsland, das von der ISIL beherrscht wird. Der Vordere Orient wird also immer mehr denjenigen Teilen Afrikas ähneln, deren durch die Kolonialmächte geschaffenen „Staatsgrenzen“ niemand mehr ernst nimmt, sondern die durch wechselnde Koalitionen lokaler Warlords, korrupter einheimischer „Eliten“ und ausländische Konzerne geprägt werden – mit dem Unterschied, dass die Bodenschätze Afrikas aktuell nicht so wichtig sind wie das Öl.

Der Himmel über Kreuzberg

Kreuzberg

Nach dem Kapital sehnen oder: Nach Ostland wollen wir reiten

Der Wanderpokal „Lautsprecher des Kapitals“ geht heute an das Wirtschaftsressort von Spiegel online für den typischen Satz: „Ostdeutschland sehnt sich nach Kapital“.

By the way: Es gibt eine „Ostbeauftragte“ der Bundesregierung? Müsste es nicht „Ostlandbeauftragte“ heißen oder „Beitrittsgebietsbeauftragte“?

Ostdeutschland sehnt sich nach einer kämpferischen und selbstbewussten Arbeiterklasse – wie zur Weimarer Zeit.

Remember: Der Wanderpokal „Lautsprecher des Kapitals“ geht an Journalisten, die nichts davon beherzigen, die sich die Propaganda der Kapitalisten unkritisch zu eigen machen, die deren Neusprech und und Propaganda-Worthülsen übernehmen, die in Populär-Okonomie dilettieren, ohne jemals ein Buch über den tenzenziellen Fall der Profitrate oder die Theorie des Wert gelesen zu haben. Kurzum: die ihren Beruf nicht nur verfehlt haben, sondern auch noch dummschwätzen und sich als Lobbyist missbrauchen lassen, freiwillig oder aus Dummheit und/oder Ignoranz.

Preussische Anwälte

„Wir ordnen und befehlen hiermit allen Ernstes, dass die Advocati wollene schwarze Mäntel, welche bis unter das Knie gehen, unserer Verordnung gemäß zu tragen haben, damit man diese Spitzbuben schon von weitem erkennen und sich vor ihnen hüten kann.“ (Friedrich Wilhelm I, König von Preussen, Kabinettsorder vom 15. Dezember 1726)

Communism 2.0

A spectre is haunting the world – the spectre of communism 2.0. All the powers of capitalism have entered into a holy alliance to exorcise this spectre: Pope and Taliban, NSA and GCHQ, the chinese oligarchy and free market(TM) worshipers, russian right-wing Radicals and German police-spies.

Wird ja mal Zeit, die olle Klamotte upzugraden.

Babylonien, revisited, 12.0

Kreuzberg

Babylonien, revisited, 12.0: Brahui. Der Mann kam aus Pakistan.

By the way: Beim Herumklicken in der Link-Umgebung fand ich die Oase Merw (nie gehört) in Turkmenistan und die Sprache Burushaski (nie gehört). Unfassbar, was es alles (noch zu lernen und zu wissen) gibt.

Bestimmte Gedanken

„Aber mein Ehrgeiz, ein breites Publikum zu erreichen, war immer begrenzt. (…) Mir kommt es ja nicht auf die Zahl der Leser an, sondern darauf, dass bestimmte Gedanken ihren Weg in die Öffentlichkeit finden.“ (Jürgen Habermas)

Wo König Fußball regiert

„Wo König Fußball regiert, werden seine Untertanen systematisch verblödet.“ (Hal Faber)

Gefällt mir.

Wir sind nicht allein!

„Wer seinen Rechner einschaltet, muss sich bewusst sein, dass er von dem Moment an nicht mehr allein ist. Egal, wer sich da gerade reinhackt, ob das die Chinesen oder die Amerikaner oder die Russen sind. Es ist doch nichts Neues, dass all diese Länder Daten einsammeln.“ (Lorenz Caffier, Innenminister Mecklenburg-Vorpommern in Zeit online, via Hal).

Der Herr Forstfacharbeiter („Ich bin das, was man nach der Wiedervereinigung eine Blockflöte genannt hat“) ist offenbar auch eine Pfeife. Wer sich wohl in dessen Kopf gehackt hat?

21. Juni: Köpenicker Blutwoche

Die Köpenicker Blutwoche war eine Verhaftungs-, Folter- und Mordaktion der SA auf Zivilisten im Jahr 1933 – also vor 81 jahren. Sie fand vom 21. bis zum 26. Juni 1933 im Berliner Stadtteil Köpenick statt. Etwa 500 Gegner des Nationalsozialismus wurden dabei von der Köpenicker SA-Standarte 15 gefangen genommen, gedemütigt, gefoltert; ein Teil der Verfolgten wurde ermordet oder erlag den Folgen der Folter, etliche blieben dauerhaft körperlich und psychisch gezeichnet.

Auf der Website der Gedenkstätte in Köpenick lesen wir: „Die 4. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin (Ost) verhandelte vom 5. Juni bis 19. Juli 1950 gegen 32 anwesende und 24 abwesende Personen. Das Tribunal verurteilte 15 Angeklagte zum Tode, 13 zu lebenslanger Haft und die übrigen Beschuldigten zu Haftstrafen zwischen fünf und 25 Jahren. Zahlreiche Täter lebten in der Bundesrepublik und waren für die Justiz der DDR nicht greifbar. In der BRD wurde zu keinem Zeitpunkt gegen Köpenicker SA-Männer prozessiert.“

Ich werde mir bei Gelegenheit diese Gedenkstätte mal ansehen, zumal das letztjährige Motto „des Themenjahres ‚Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933 – 1938 – 1945′“ so unverschämt unpolitisch ist, dass sich mir der Verdacht aufdrängt, da hätte ein Totalitarismus-Theoretiker sein Unwesen getrieben. Vermutlich war es aber der politische Druck, in Deutschland auch bekannt als freiwillige ideologische Selbstkontrolle. Ich bin auch gespannt, wer da heute noch hingeht und warum – und ob das überhaupt noch jemanden interessiert.

Blühende Landschaften im Irak

Ich schrieb hier am 14.04.2003, also vor mehr als elf Jahren: „Wie die blühenden Landschaften im Irak aussehen werden, zeichnet sich ab: nicht nur Anarchie, sondern der Bürgerkrieg“.

Aber auf mich hört ja keiner.

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