Yasuke, Daimos und Samurai [I]

yasuke
Credits: The Incredible Legend of the First Black Samurai

Die Fakten sind so: Es ist brüllend heiß, anstatt auf dem Wasser herumzupaddeln, was erst für morgen geplant ist, habe ich zwei Keller entrümpelt. Außerdem habe ich vier Tage Urlaub, aber keine Lust, an Büchern (under construction) weiterzuschreiben. Es wartet noch eine virtuelle Stadt in Second Life, die zu bauen ich die Ehre hatte beauftragt zu werden, aber alldieweil das eine entsetzliche Fummelei ist, für die sich eher die Kühle der Nacht eignet, muss ich das Publikum mit dem beliebten und total aktuellen Thema Feudalismus in Japan – oder doch nicht? behelligen; bitte aber, überhaupt gar nicht und nie an schwachsinnige Filme (außer an eine Szene) zu denken, die zwar dort handeln, in denen aber ein Scientologe herumschauspielert, den ich auf der Leinwand nicht ausstehen kann, wegen seiner allzuglatten Fresse und auch der Ideologie.

Das Thema ist für mich sehr interessant – insbesondere nach meinem Aufenthalt in Quedlinburg – und dient sozusagen als Vorarbeit zum Einen und Einzigen Wahren und Autorativen, Historisch Genauen und Amtlich Anerkannten Bericht über den Feudalismus und wie er den Kapitalismus gebar und warum und warum anderswo nicht – der geplante Beitrag soll allem Widerspruch und Streit zum Thema ein Ende setzen.

(Die folgenden Thesen beziehen sich im wesentlichen auf John Witney Hall: Feudalism in Japan – a Reassessment, Cambridge 2009, zuerst erschienen 1962/63, abgedruckt in Heide Wunder; Feudalismus – 10 Aufsätze.) Hall referiert die Diskussion zum Thema ab den 1920-er Jahren.

Vorbemerkung 1:
The question of whether Japan can rightly be said to „have had feudalism“ is by no means settled. Although Westerners have been writing about „Japanese feudalism“ for well over a hundred years, the acceptability of this practice is still a matter of controversy among professional historians, notably among those who make the study of medieval Europe their specialty. To a long line of Western historians (…), however, there was no question about the appropriateness of placing the feudal label on Japan. Nor does the contemporary Japanese historian question a term which has become so important a part of his professional as well as everyday vocabulary. In a Japan in which the reading public is daily reminded that the „struggle against feudalism“ is still being waged, feudalism seems a present reality which by its very nature cannot be denied to have existed in Japan’s past. (Extract of John Witney Hall)

Vorbemerkung 2:
Wenn andrerseits die Naturalform der Grundrente, in Asien zugleich das Hauptelement der Staatssteuer, dort auf Produktionsverhältnissen beruht, welche sich mit der Unwandelbarkeit von Naturverhältnissen reproduciren, erhält jene Zahlungsform rückwirkend die alte Produktionsform. Sie bildet eines der Selbsterhaltungsgeheimnisse des türkischen Reichs. Zieht der durch Europa aufoctroyirte Freihandel in Japan die Verwandlung von Naturalrente in Geldrente nach sich, so ist es um seine musterhafte Agrikultur geschehn. Ihre ökonomischen Existenzbedingungen sind zu eng, um einer solchen Revolution zu widerstehen, und werden sich auflösen. (110)

Vorbemerkung 3:
In allen Ländern Westeuropa’s [sic] ist die feudale Produktion durch Theilung des Bodens unter möglichst viele Untersassen charakterisirt. Die Macht des Feudalherrn, wie die jedes Souverains, beruhte nicht auf der Länge seiner Rentenliste, sondern auf der Zahl seiner Unterthanen, d.h. der Zahl der auf ihren Gütern ansässigen Bauern.*
* Japan, mit seiner rein feudalen Organisation des Grundeigenthums und seiner entwickelten Kleinbauernwirthschaft, liefert in vieler Hinsicht ein viel treueres Bild des europäischen Mittelalters, als unsre sämmtlichen, meist von bürgerlichen Vorurtheilen diktirten Geschichtsbücher. Es ist gar zu bequem, auf Kosten des Mittelalters »liberal« zu sein.

Marx bezieht sich auf H[ermann] Maron: Bericht an den Herrn Minister für die landwirthschaftlichen Angelegenheiten über die japanische Landwirthschaft. In: Annalen der Landwirthschaft in den Königlich Preußischen Staaten [Monatshefte] (Berlin), Jg. 20, Bd. 39, von Januar 1862, pp. 44 u. 50, zit. nach: Justus von Liebig: Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie. 7. Aufl. Th. 2, Braunschweig 1862, pp. 425 u. 432. Ich zitiere nach Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie | Erster Band Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals Neue Textausgabe, bearbeitet und herausgegeben von Thomas Kuczynski – jetzt wisst ihr auch, warum ich neulich fragte, wo ich Marx hineinschieben solle.

Das – IMHO ungelöste – Problem für Historiker, die sich an Marx orientieren (um das Wort „Marxisten“ zu vermeiden), ist: Die teleologische Idee, die Marx nie vertreten hat, es gebe die so genannte „Urgesellschaft“ (ein Begriff, der nur vermeiden will, genauer hinzugucken), danach die Sklavenhaltergesellschaft, danach den Feudalismus, dann den Kapitalismus, dann den Sozialismus, und das Ganze noch bitteschön zwangläufig, ist, obzwar unter Stalin noch Doktrin, schlicht und einfach Bullshit, und zwar noch nicht mal gehobener, sondern – ich wiederhole mich gern – totaler Quatsch, und ließ die Historiker der DDR, die sich die „Dritte Welt“ ansahen, verwirrt zurück.

Die Geschichte in Japan hätte sich ähnlich linear entwickeln müssen, und erstaunlicherweise völlig unabhängig von Europa. Jedoch gab es dort nie eine „Sklavenhaltergesellschaft“ – und auch der weltanschauliche Überbau – die Religion – ist nicht wirklich vergleichbar. Andererseits erkennt jeder erstaunliche – auch zeitliche – Parallelen zum europäischen „Mittelalter“ – die Kriegerkaste der Samurai entspricht in ihrer Funktion dem europäischen Ritter. Reminder: An important element of feudalism is arms-bearing as a class-defining profession. (Hall)

Sogar der Tenno als Charaktermaske entwickelt sich ähnlich – er hat immer weniger zu sagen und zu tun, bis die Warlords alles unter sich aufgeteilt haben und gegenseitig permanent Krieg führen. John Witney Hall schlägt als Arbeitshypothese vor, anstatt von einem japanischen Feudalismus vom Feudalismus in Japan zu reden – ein sehr praktischer Vorschlag, der vermeidet – wie auch in Mitteleuropa -, eine Gesellschaft nach einem Idealtypus zu beschreiben, sondern zunächst die historischen Fakten ernst zu nehmen. Feudalismus war in Mitteleuropa über mehrere Jahrhunderte die vorherrschende Produktionsweise – dennoch gab es immer noch freie Bauern und deren Genossenschaften.

Wenn es die Linearität der historischen Entwicklung nicht gibt, kann man auch die These, der Sozialismus folge zwangsläufig auf den Kapitalismus, in die nächste Tonne treten, was unter Linken für betretene Gesichter sorgt. Oder man sagt: Wenn die Chinesen uns in allem überholen (werden), ohne an dem tendenziellen Fall der Profitrate zu leiden, was dem Kapitalismus – auch dem staatlichen – immanent sein müsste, dann wäre das, was dem Kapitalismus in China vorausging, der einzig wahre Feudalismus, weil der am schnellsten den Kapitalismus wieder abschafft. Oder es ist alles ganz anders.

Wenn ihr den zweiten Teil zu lesen bekommt, setze ich die Lektüre diesen Teils voraus – sonst dürft ihr nicht kommentieren. SCNR
_________________________________________

Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges 15.06.2019)
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, 05.05.2019 – über den Begriff Feudalismus (Fotos:Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
Fatimidisch und fernöstlich (12.06.2019) – über Entwicklungstendenzen im sogenannten „Hochmittelalter“ (Quedlinburger Domschatz IV)

Der Zwang zum Hauen und Stechen oder : Seigneural privileges

Quedlinburger Knüpfteppich

Quedlinburger Knüpfteppich, der nur noch in fünf Fragmenten vorhanden ist, ca. 1200, geknüpft mit so genannten spanischen Knoten, aus Hanf und Wolle, ursprüngliche Größe ca. 7,5 x 6 Meter. Die Motive stammen aus dem im Frühfeudalismus weit verbreiteten allegorisch-enzyklopädischen Lehrgedicht De Nuptiis Philologiae et Mercurii (die Hochzeit des Merkur und der Philologie) des römischen Schriftstellers Martianus Capella. Der Teppich war natürlich im Original knallbunt.

Thomas Labusiak u. Jaos Stekovics Kostbarer als Gold: Der Domschatz in der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg erwähnen die merkwürdige Tatsache, dass ein Teppich mit antiken – also weder christlichen noch hagiografischen – Motiven in der Stiftskirche ausgebreitet wurde. Vermutlich hat man den Inhalt einfach im religiösen Sinn umgedeutet.

Die feudale Gesellschaft definiert sich durch den antagonistischen Gegensatz zwischen den Besitzern der Produktionsmitteln, den Eigentümern von Grund und Boden (aka Feudalherrn) und denen, die darauf arbeiten: Die feudalen Grundherrn sind permanent (und per Gewalt) bestrebt, sich den gesamten Surplus anzueignen, den die Bauern erwirtschaften. Die „biologische“ Schranke ist nur der Hungertod der Bauern.

Dieses „Streben“ darf man nicht psychologisch sehen; es ist analog zur kapitalistischen Charaktermaske gemeint. Die Individuen einer bestimmten Gesellschaft handeln als Funktion der unmittelbar gesellschaftlichen Formen von Arbeit. Sie können nicht anders – bei Strafe des Untergangs. Hieß es bei Marx über den Kapitalismus: „Je ein Kapitalist schlägt viele tot“, so ist das im Feudalismus wörtlich gemeint. Johannes Fried schreibt in Die Anfänge der Deutschen: Der Weg in die Geschichte über die damalge herrschende Klasse:
Was ihm von seinen Vorfahren überkam, war oft nichts weiter als ein Anspruch, den er gewöhnlich mit der Waffe in der Faust, realisieren musste, wellte er sein Recht und seinen Status wahren. Wer nicht kämpfte, ging unter; wer zur Waffe griff, riskierte ebenfalls „Leben und Gut“. (…) Die meisten der alten Adelsfamilien erloschen bis ins 12./13. Jahrhundert, nur wenige überstanden die Fremd- und Selbstdezimierung. (S. 132f.)

In einigen Teiles des frühfeudalen Europa bleiben Genossenschaften freier Bauern mit Überresten gentiler Organisation jedoch bestehen (vgl. Allmende)

Dazu ein paar längere Zitate von Rodney Howard Hilton, einem marxistischen britischen Historiker (natürlich kein deutscher Wikipedia-Eintrag), dessen „Kommentar zum Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus“ (1953/76) auf deutsch übersetzt in Feudalismus – Materalien zur Theorie und Geschichte (1977) publiziert wurde (vgl. die Rezension Rodney Hiltons: „The Transition from Feudalism to Capitalism“, 1978).

„In solchen Fällen (beispielsweise in England vor den dänischen Invasionen) sieht sich die Militäraristokratie, die selbst ihrem Wesen nach halb stammesmäßig organisiert ist, dem komplexen Problem gegenübergestellt, die Abgaben der Bauern, die früher freiwillig dem Stammeskönig gezahlt und nun dem Adel durch den König übertragen worden waren, in feudale Rente umzuwandeln und gleichzeitig diese Position eines Rentenempfängers dadurch zu strlken, dass sie die Kolonisation von unbebautem Land durch Sklaven, halbfreie Klienten etc. fördern. Zur gleichen Zeit gelangen in einigen Dörfern (…) infolge der Auflösung der Stammesgemeinschaft einige Bauernfamilien zu mehr Macht und Besitz als ihre Genossen und „treiben“ somit dem Status von Renten beziehenden Adligen zu. Andererseits war die römische Aristokratie in anderen Teilen Europas (im allgemeinen Italien, West- und Südgallien) dem Transformationsprozess zum Feudaladel seit dem 3. Jahrhundert erlegen. Ihre von Sklaven bewirtschafteten Latifundien wurden in von unfreien Bauern bewirtschafteten Grundherrschaften umgewandelt, wobei die unfreien Bauern zum Teil frühere Sklaven, zum Zeil abgestiegen freie Grundeigentümer waren. Diese Art der Ausbeutung wurde teilweise von den germanischen militärischen Eindringlingen (hospites) wie den Burgundern und Westgoten übernommen, die sich mit dem alten römischen Adel vermischten (…)

Quedlinburger Balliste

Quedlinburger Balliste (Windenarmbrust, 1335) (Wirkungsweise)

Um das 9. Jahrhundert – eine Periode, die von deutschen und französischen Historikern als Hochmittelalter bezeichnet wird – wurde die Feudalwirtschaft in Europa von Großgrundherrschaften dominiert. Die großen Grundherrschaften überzogen natürlich nicht einmal den größeren Teil des Territoriums im feudalen Europa, aber sie waren die bestimmenden Elemente der Wirtschaft. Die Rolle fortbestehender bäuerlicher Allodie oder der Grundherrschaft von Kleinadingen [wie etwa in Polen, B.S.] sollte bis zum beginnenden Niedergang der feudalen Produktionsweise keine Bedeutung erhalten,…

Zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert ging die Überführung in die Leibeigenschaft (enserfment) rasch vonstatten, aber im Laufe der Zeit wurde die rechtliche Stellung der Ausgebeuteten verschlechtert und vereinheitlicht. Die Entwicklung der Warenproduktion brachte Veränderungen in der Form der Rente hervor, so dass Renten in Form, von Naturalabgaben und Geld gegen Ende des 13. Jahrhunderts (mit Ausnahme von England) größtenteils die Rente in Form von unmittelbaren Abgaben abgelöst hatte, was ihrerseits eine Verbesserung des Rechtsstatus bewirkte. Aus verschiedenen Gründen, die mit der Entwicklung der Warenproduktion zusammenhängen (darunter sind die Zersplitterung der Bauernwirtschaften und die Entwicklung bäuerlichen Widerstandes gegen die Ausbeutung am bedeutsamsten), lockerte sich die direkte Aneignung der Rente, die den Bauernhöfen auferlegt war, aber der Gesamtbedarf nach Feudalrente seitens der Feudalherren wurde durch die Ausbeutung anderer herrschaftlicher Privilegien (seigneural privileges) und durch die Entwicklung von privaten und öffentlichen „Steuern“ aufrechterhalten.“ [Vgl. den Kampf zwischen der Äbtissin Hedwig und der Stadt Quedlinburg.

______________________________________________

Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, 05.05.2019 – über den Begriff Feudalismus (Fotos:Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
Fatimidisch und fernöstlich (12.06.2019) – über Entwicklungstendenzen im sogenannten „Hochmittelalter“ (Quedlinburger Domschatz IV)

_________________________________________________
Reminder: Photos are licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 3.0 Germany License.

Fatimidisch und fernöstlich

Remember: „Orale Gesellschaften theoretisieren nicht, sie inszenieren. Das Ritual ersetzt, ja ist geradezu ihre soziale Theorie.“ Objekte sind dingliche bzw. verdinglichte Zeichen der sozialen Hierarchien und der Rituale.

„Nicht seelische Regungen oder psychische Prozesse sollten jeweils sichtbar gemacht werden, sondern objektivierende Formen sozialer Ordnung und Interaktionen. (…) Prestige und Status waren im Auftreten sichbar zu machen; nur ritualisiert ließen sie sich wahrnehmen, Herrschaftszeichen, Gaben, Kleider, Gebärden machten Leute.“ (Johannes Fried. vgl. auch Marcel Mauss: Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften).

servatiusstab

Quedlinburger Domschatz: Der Servatiusstab oder Äbtissinnenstab, Lothringen (?); Mitte des 10. Jahrhunderts. Eschenholz, getriebenes Silber und Gold, geschmiedetes Eisen. Der Stab war ganz mit gemustertem Samit umhüllt, vom dem nur noch winzige Reste vorhanden sind, ebenso fehlen große Teile des Goldbeschlags. Dietrich Kötzsche schreibt: „Die Manschette aus getriebenem und vergoldetem Silber, [sic] in der Mitte des Schaftes, verdeckt dort einen Bruch des Stabes, der, wie die Formen des schmalen Rankenornaments zeigen, wohl in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts repariert worden ist.“

Der ottonische Geschichtsschreiber Thietmar von Merseburg berichtet von einem goldenen Stab, den Kaiser Otto III. seiner Schwester Adelheid 999 aus Italien bringen ließ, als Symbol ihrer Ernennung zur Äbtissin von Quedlinburg. Der Servatiusstab könnte dieser Stab sein. Koetzsche zweifelt das an, da „auf den mittelalterliche Münzen und auf allen erhaltenen Siegeln der Quedlinburger Äbtissinen“ bis zur Mitte des 14. Jh. nur ein Lilien- oder Blütenszepter als Insignie erwähnt sei, nicht jedoch ein Krummstab. Um 1544 wird der Stab wird im Verzeichnis des Stiftes als „Sanct Ceruacius stap met golt beschlagen“ und später sogar als „Kayser Heinrici Auceps stab, so oben wie ein hacken, umher und herunterwerts mit golde beschlagen“. Vermutlich sei der Stab, so Koethsche, eher eine Reliquie, nicht jedoch das Zeichen eines Amtes.

Ich schrieb: Im Unterschied etwa zu Polen emanzipierten sich jedoch die hörigen Bauern ab dem 10. Jahrhundert wieder mehr und mehr von der Grundherrschaft. ein kritischer Leser bemängelte die mangelnde Faktenlage dieser These und fragte nach, womit man da belegen könne. (auch hier: Vergesst Wikipedia!)

Meine These: ab dem 10. Jahrhundert entwickelten sich die Produktivkräfte rapide: Die Dreifelderwirtschaft setzte sich durch. Große Flächen, vor allem im Osten, wurden urbar gemacht – die Siedler bekamen mehr Rechte und schufen oft bäuerliche Genossenschaften. Die Bevölkerung wuchs erheblich – das änderte sich erst durch die Pandämien im 14. Jahrhundert wieder. Mit der so genannten 2. Leibeigenschaft Ende des 15. Jahrhunderts endet der Klassenkampf von oben zuungunsten der meisten Bauern; hundert Jahre später im Bauernkrieg im Desaster.

seidenfragment

Seidenfragment aus Italien, 2. Hälfte d. 14. Jahrhunderts. (Thomas Labusiak u. Jaos Stekovics: Kostbarer als Gold: Der Domschatz in der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg erwähnen dieses Stück nicht, obwohl ich es mit am interessantesten finde.) Das Seidengewebe ist mit einem Pergamentstück versteift. D. Kötzsche: „In einer Schrift wohl des 12. Jahrhunderts enthält es einen Abschnitt aus dem Hohenlied, 5-6.

Das rot-goldene Muster zeigt einen brüllenden Löwen, der eine Hirschkuh jagt. Das Motiv sei typisch für italienische Seiden des 14. und 15. Jahrhunderts. „Die Anregungen zu solchen Muster, deren Aufbau von dem bis dahin im Mittelmeerraum üblichen völlig abweicht, stammt aus dem fernen Osten, vor allem aus China, das durch das riesige, sich bis zum Schwarzen Meer erstreckende Mongolenreich leichter zugänglich geworden war.“ Die Mongolen und das größte Reich der Weltgeschichte wurden in meinem Geschichtsunterricht im Gymnasium mit keinem Wort erwähnt. 1221 schlossen die Mongolen ein Bündnis mit venezianischen Kaufleuten – das könnte erklären, wie das Motiv nach Italien gelangte. (James Chambers: The Devil’s Horsemen: The Mongol Invasion of Europe)

seidenfragment

Fischförmige Bergkristall-Reliquiare (Ostensorium), fatimidisch, 10. Jahrhundert (ursprünglich Kosmetikfläschchen), Goldschmiede-Montage in Quedlinburg Mitte des 13. Jahrhunderts. Durch den Kristall kann man eine in Stoff gewickelte Reliquie erkennen; was genau es ist, weiß man nicht. Im 19. Jahrhundert vermutete man, es seien Haare der Maria Magdalena (K. Voigtländer Die Stiftskirche St. Servatii zu Quedlinburg. Geschichte ihrer Restaurierung und Ausstattung, 1989).

müll

Quedlinburger Schlossmuseum: „Der ‚Heuschreckenschwarm‘ verlässt die Pfalz und hinterlässt leere Scheunen und Ställe und Müll…“ (um 1000) Zwei Kugeltöpfe – Kochgeschirr, das nur ein halbes Jahr zu nutzen war und danach weggeworfen wurde. Ein eisernes Messer mit Griffdorn, Zimmermannsbeil, Hufeisen, Reste eines eisernen Sporns, Spatenblatt eines Holzspatens, Webgewicht, für einen senkrechten Gewichtswebstuhl, Handspindel aus Kalkstein, Knochen von Schafen, Ziegen, Rindern, Schweinen und Geflügel…
______________________________________________

Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, 05.05.2019 – über den Begriff Feudalismus (Fotos:Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)

_________________________________________________
Reminder: Photos are licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 3.0 Germany License.

Was ihr wollt

burks
Alter Mann vor altem Kran

By the way: Ich müsste mal wieder etwas Politisches posten, sonst springen die anspruchsvollen Leserinnen und kritischen Leser ab. Welche Themen? Tendenzieller Fall der Profitrate etwa? Je ein Kapitalist schlägt viele tot? Die Hijabisierung der „Linken“ und des öffentlichen Raums? Gödel? Riemann? Polygone? Donald Byrne gegen Bobby Fischer? Das Fermatsche Theorem? Der Fetischcharakter der Ware, revisited? Oder interessiert Euch mehr der Quedlinburger Domschatz und wie der Feudalismus zu definieren sei?

Der Kommunismus ist …?

fragebogen

Symbolbild für alles Mögliche, Schlossmuseum Quedlinburg

Angeregt durch den Tipp eines Lesers und den Freitag habe ich den ominösen Fragebogen für Politiker auch ausgefüllt:

Was mögen Sie an Angela Merkel?
Sie könnte mir vermutlich die kosmologische Inflation erklären, ohne vorher zu googeln.

Welches Buch haben Sie zuletzt nicht zu Ende gelesen?
William Ryan / Walter Pitman: Noah’s Flood: The New Scientific Discoveries About The Event That Changed History.

Welchen linken Politiker, welche linke Politikerin bewundern Sie?
Ich bewundere niemanden außer Alexander von Humboldt und Karl Marx.

Würden Sie gerne öfter Fahrrad fahren?
Ich fahre oft genug Fahrrad.

Welches Auto gefällt Ihnen am besten?
Der Porsche 356.

Wann sind Sie zuletzt U-Bahn gefahren?
Gestern.

Welche Drogen sollten Ihrer Meinung nach legalisiert werden?
Alle. Der Staat soll den Bürgern nicht vorschreiben, womit sie sich zudröhnen.

Darf man in Ihrem Schlafzimmer rauchen?
Nein.

Wer oder was hätten Sie gerne sein mögen?
Kosmonaut.

Sollte das generische Maskulinum abgeschafft werden?
Nein.

StudentInnen oder Studierende?
Studenten.

Haben Sie ein Zeitungsabo? Wenn ja, welches?
Nein.

Wie viele Apps sind auf Ihrem Smartphone?
77.

Und welche benutzen Sie am meisten?
Whatsapp und DuckDuckGo.

Töten Sie Insekten?
Alle, die mich stechen wollen.

Ihr Lieblingsvogel?
Der Adler.

Offene Grenzen sind …?
… im Sinne des Kapitals.

Sollte man Gehälter öffentlich machen?
Bei Politikern immer.

Der Kommunismus ist…?
… die Zukunft, ob jemandem das gefällt oder nicht.

Welchen Song würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Burning Spear: Happy Day.

Toskana oder Krim?
Krim.

Sushi oder Schnitzel?
Schnitzel.

Haben Sie geweint, als die Berliner Mauer fiel?
Nein.

Gehen Sie vorsichtig mit Ihren Daten im Netz um?
Ja.

Kaufen Sie bei Amazon?
Ja.

Ihre Lieblingsgewerkschaft?
Ein notwendiges Übel. Ich bin seit vielen Jahren Verdi- und DJV-Mitglied.

Sollte der Kapitalismus überwunden werden?
Na klar.

Waren Sie schon mal auf einer Demonstration?
Seit 1970 immer wieder.

Haben Sie Aktien?
Nein.

Wo haben Sie zuletzt Urlaub gemacht?
In Unna.

Was schätzen Sie an der chinesischen Kultur?
Das Essen.

Welchen Rat würden Sie der SPD-Parteivorsitzenden geben?
Keinen, sie würde mir nicht zuhören und ihn auch nicht verstehen.

Haben Sie schon einmal einen Abend mit einem Flüchtling verbracht?
Ja. Mit meinem Großvater.

Sind einige Ihrer besten Freunde Muslime?
Nein. Ich kann mit Verehrern höherer Wesen überhauptet nicht befreundet sein.

Wem würden Sie das Bundesverdienstkreuz geben?
Dr. Michael Schmidt-Salomon.

Ihr Lieblingsfilm?
Aktuell: The Expanse.

Ihr Lieblingsmaler?
Hieronymus Bosch.

Welche Ausstellung haben Sie zuletzt besucht?
Fachwerkmuseum im Ständerbau, Quedlinburg.

Ihr Lieblingsjournalist?
Hans-Günter Wallraff.

Kaufen Sie im Bio-Laden?
Nur Obst zum Einkochen.

Wie möchten Sie sterben?
Im Schlaf.

Nespresso oder Filterkaffee?
Was ist Nespresso?

Da geht die Kohle hin

steuertruhe

Eiserne Steuertruhe des „Kaiserlich freien weltlichen Reichsstifts Quedlinburg“ mit verstecktem Deckelschloss und vierzehn Verriegelungspunkten (Schlossmuseum Quedlinburg). Die Truhe war ideal geeignet, um größere Geldbeträge zu verwahren, da ihre massive Ausführung und die 14 Schlösser für das 18. Jahrhundert ein hohes Maß an Sicherheit gewährleisteten.

Authentische Heinrichsfeiern

wilhelm Peterson

Kommentar der Ausstellung im Schlossmuseum Quedlinburg: In historischen Ausstellungen des „Dritten Reiches“ war die Gegenüberstellung von „gesundem, hochwertigen, vorbildhaften Menschen und solchen, die als „minderwertig“ oder „entartet“ galten, eines der verbreitesten ästhetischen Mittel. (Elke Harten)

Die dem „GermanenheldenHeinrich I. vorgeführten slawischen Gefangenen wurden von der NS-Rassentheorie den „slawischen Untermenschen“ zugeordnet. Das Bild war ein Geschenk von Himmler an den Quedlinburger Oberbürgermeister Karl Selig.

Wilhelm Petersen [Falsche Schreibweise in der Quedlinburger Ausstellung, Petersen gestaltete ab 1953 die Mecki-Bücher, die ich als Kind begeistert gelesen habe.]

„Gefangene vor Heinrich I. am Jagdhof Bodfeld im Harz“ (Ich habe dieses Bild nirgendwo sonst gefunden.)

Krypta

Sie lernen nichts dazu. Die Nationalsozialisten benutzten Sachsen Heinrich, um ihre mörderischen Idee des „Lebensraums im Osten“ weltanschaulich zu untermauern. Vor fast 20 Jahren publizierte die Zeit einen langen Artikel (nur eine Seite verfügbar) über diese pseudoreligiösen Phantastereien: „Himmlers Heinrich“. Wikipedia: „Er hielt die bei Grabungen von Rolf Höhne am Schlossberg aufgefundenen Knochenreste für die Gebeine Heinrichs I. und ließ sie 1937 feierlich in der leeren Grabstelle neben Königin Mathilde beisetzen. Im Schlossmuseum werden heute die Überreste des Sarkophages und eine Dokumentation zur NS-Zeit ausgestellt.“

Aber es geht immer noch nur um die herrschende Klasse – in Ausstellungen, Museen und Dokumentationen – und nur um die. Welchen Sinn macht es, das Grab einer Feudaladligen in einer Krypta anzustarren? Der MDR entblödet sich nicht, das Thema als eine Art Soap-Opera anzubieten und holpert stabreimend herum: „Mathilde von Quedlinburg – Vom Mädchen zur Machtfrau“.

himmler Krypta

Die Nazis hatten die angeblichen Gebeine des Sachsenherrschers verbuddelt. Als man nach dem Krieg das Grab öffnete, fand man nur Bretter.

Immer wenn ich die Fotos von damals sehe, denke ich nicht nur an Fackelzüge, sondern auch an die gemäßigte Version, die Kerzen- oder Lichterkette. Wenn der Deutsche an sich etwas im Schilde führt, spielt er gern und in der Nacht mit dem Feuer herum, das ist eben gemütlich.

Krypta

Die Stadt Quedlinburg schreibt heute: Heinrich I. ist der erste Sachse auf dem Königsthron. Er befriedet das ostfränkische Reich, steigt zum mächtigsten Herrscher im damaligen Europa auf und begründet eine Herrscherdynastie. Sein Sohn wird als Kaiser Otto der Große in die Geschichte eingehen. Wer ist dieser Heinrich, der im Jahr 919 plötzlich König wird? 2019 feiert die Welterbestadt Quedlinburg sein 1.100-jähriges Thronjubiläum mit einer gemeinsamen Sonderausstellung am authentischen Ort der Geschichte: dem Schlossmuseum und der Stiftskirche. Heinrichs Grab in der Quedlinburger Stiftskirche steht am Anfang einer florierenden mittelalterlichen Stadt und im Zentrum eines einzigartigen historischen Welterbes.

Große Männer machen die Geschichte? Und was soll uns das lehren? „Die Zeit Heinrichs I. gehört zu den quellenärmsten des gesamten europäischen Mittelalters“, lese ich auf Wikipedia. Dann kann man ja um so mehr herumphantasieren und feiern.

Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? Alle zehn Jahre ein großer Mann. Wer bezahlte die Spesen?
So viele Berichte,
So viele Fragen.

wilhelm Peterson

Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht

st. wiperti reliquiar

Evangelistar (liturgisches Buch) aus St. Wiperti, vielleicht von Goldschmiedemeister Michel aus Quedlinburg, 1513 – ein Vertrag der Äbtissin von Sachsen mit ihm über Reliquiare ist überliefert.

Das Buch hat einen Holzkern mit gegossenem und getriebenem Silber, mehrere der ursprünglich 34 Edelsteine sind verloren (nach Dietrich Kötzsche (Hrsg.): Der Quedlinburger Schatz wieder vereint], 1993)

An dem Beschlag der Kanten des Deckels kann man ANNO DOMINI MVCXIII lesen, links SVB LAVRENCIO PREPOSITO (unter dem Probst Laurentius). Die Christusfigur besteht aus einem Stück Silber und ist mit durchsichtigem Email überzogen. Ursprünglich trug Christus eine Weltkugel in der Hand, die ist jedoch verloren. Der Rahmen zeigt die vier bibischen Evangelisten und „Kirchenväter“. Das Seidengewebe des Deckels stammt aus Florenz oder Venedig. (Wie so etwas hergestellt wurde, beschreibt Regula Schorta: „Il Trattato dell’arte della seta: a Florentine 15th century treatise on silk manufacturing“, 1991).

Die Handschrift im Innern aus Pergament hat 59 beschrieben Blätter und einige leere Seiten und enthält Perikopen aus den Evangelien, die während der Messen gelesen wurden. Der Text sei im Vergleich zum kostbaren Deckel „unaufwenig“, schreibt K. Koetzsche: „Höchstwahrscheinlich handelt es sich um eine Arbeit von Wanderminiatoren. Unter den erhaltenen Quedlinburger Handschriften dieser Zeit gibt es jedenfalls keine weiteren illuminierten Pergamentcodices.“

Die historisch interessierten Leser und mediävistisch gebildeten Leser sollten der Tatsache eingedenk sein, dass das obige Evangelistar rund 300 Jahre jünger ist als die jüngst vorgestellten Exemplare aus dem Quedlinburger Domschatz. In Quedlinburg tobte Ende des 15. Jahrhunderts der Klassenkampf (den bürgerliche Historiker und Wikipedia natürlich nicht so nennen). Der feudale Adel, auch der kirchliche, kämpfte gegen die Städte um Mühlen, Münzprägung, Fischerei und Holzrechte und die Gerichtsbarkeit. Die Stadtbürger Quedlinburgs verloren und mussten sich unterwerfen, der steinerne Roland am Rathaus wurde geschleift. „Quedlinburg hatte aus der Hanse und allen Schutzbündnissen auszutreten und der Äbtissin Erbhuldigung zu leisten. Ohne Einwilligung der Äbtissin konnte die Stadt weder einen Rat, noch einen Stadthauptmann wählen oder die Stadtbefestigung ausbessern. Die Stadtentwicklung erlitt einen entscheidenden Rückschlag; in den kommenden Jahrhunderten blieb Quedlinburg eine kleine Ackerbürgerstadt.

roland quedlinburg

Was ist also in den mehr als 500 Jahren passisert – zwischen Heinrich, dem sächsischen König des Ostfrankenreichs und den Königen und Kaisern des späten Feudalismus aka „Spätmittelalter“?

Die Feudalklasse hat sich etabliert und zwischen den Kaiser, der zu Zeit etwa der Karolinger Zeit noch der mit abstand Mächtigste Kriegsherr war – aufgrund seiner ökonomischen Basis -, und die Bauern geschoben. „Das frühmittelalterliche Heer war mehr als eine moderne Armee; es war der Pupulus, das Volk in Waffen“, schreibt Johannes Fried in Die Anfänge der Deutschen: Der Weg in die Geschichte (S.529). Die Vasallen des obersten Herrschers drängten aber danach, „selbst zu befehlen“. „Es bedurfte spezieller Vasallen mit großem Vermögen- fünfzig bis zweihundert Bauernstellen sind unter Karl dem Großen bezeugt -, die der König bereitstellen musste, denn die teure Ausrüstung der Ritter überstieg die Leistungskraft einfacher Freier. Die Königsvasallen blieben fortan des Königs Rückhalt gegen die großen Adelsfamilien…“( S. 269). Die probten den Aufstand in Permanenz.

Ein halbes Jahrtausend später sind die Bauern entwaffnet, die herrschende Feudalklasse hat das militärische Monopol, der König ist allein militärisch machtlos.

Im Unterschied etwa zu Polen emanzipierten sich jedoch die hörigen Bauern ab dem 10. Jahrhundert wieder mehr und mehr von der Grundherrschaft. Ich schrieb hier schon: Der Feudalstaat entwickelte sich in Polen ganz anders zum Kapitalismus, mit weit reichenden Folgen. Die polnische Adelsrepublik Rzeczpospolita, also die Union von Polen und Litauen, war „fortschrittlicher“ organisiert als die Herrschenden in Westeuropa. Fast ein Zehntel der polnischen Bevölkerung gehörte zum bäuerlichen Kleinadel, der Schlachta (auch: Szlachta); der Kleinadel organisierte sich durch Wahlen und durch Delegierte. Die Dominanz der Schlachta aber verhinderte auch, dass sich, anders als in Deutschland, die Städte im Gegensatz zur Feudalherrschaft organisierten. In Polen gab es weniger Klassenkämpfe zwischen Bauern und Feudaladel als in Deutschland. aber: „Die Identifizierung von Schlachta und Staat bewirkte allerdings schon im 16. Jahrhundert eine dem städtischen Bürgertum und seinen Rechten abträgliche Tendenz.“ Die Bourgeoisie hatte kaum eine Chance – der Adel war immer schon da. Ohne Bourgeoisie aber kein Kapitalismus und die ihm angemessene Herrschaftsform.

Die Feudalisierung war also zur Zeit des Kampfes zwischen der Äbtissin von Sachsen und der Stadt Quedlinburg abgeschlossen. Auch der Bauernkrieg im frühen 16. Jahrhundert scheiterte, was zu erwarten war, ein Proletariat war nur embryonal vorhanden. Nur wenige Städte waren frei und von den Bürgern selbstverwaltet.

kana Krugkana-Krug

Kana-Krug , Alexandria oder Rom, 1. Jahrhundert n. Chr.., aus Alabaster. Ein Henkel ist abgebrochen, ein Deckel fehlt. Laut Kötzsche sei der Krug vermutlich ein Kantharos, die Mehrzahl dieser Gefäße wurde in Italien gefunden, auf Friedhöfen dienten sie als Aschenurnen. Otto I. hatte mehrere Krüge aus Italien mitgebracht und verschenkte sie an diverse Kirchen; ein anderer Krug ist in St. Ursula in Köln erhalten. (Ich finde kein Foto davon.) „Obwohl Alabasterurnen noch im 2. und frühen 3. Jahrhundert n. Chr. in Gebrauch waren, gehört dieses Gefäß auf Grund des besonderen Henkelform und ihrer Parallelen in das frühe 1. Jahrhundert n. Chr.“
Dass der Krug von der biblischen Hochzeit zu Kana stammen soll, macht ihn im feudalen Sinn wieder zu einer Reliquie mit magischer Macht. Der Krug wurde den Gläubigen am 2. Sonntag nach Epiphanias gezeigt.

bergkristall

Großes Bergkristall mit Vögeln (geringfügiger Bruch), fatimidisch, die Montierung stammt aus dem 13. oder 14. Jahrhundert, Quedlinburg. Die mittlere Höhlung ist leer, in den anderen beiden sind in roten Stoff gehüllte Reliquien, angeblich von den Windeln und Kleidern Christi.

Der Titeltext stammt von Wolfram von Eschenbach: Parzival.

Reminder: Photos are licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 3.0 Germany License.

Kleinstadt Groove

katholische Unna
Katholische Kirche Unna, mit temporärem Bewohner

Es ist schwer, an dem Ort, in dem ich meine Zeit als Gymnasiast verbracht habe, auch die Musik von damals zu hören (Don Airey ist auch nicht schlecht). Der Groove fährt einem in die Knochen, und die Finger wollen anders als sonst… aber Sometimes I Feel Like Screaming.


katholische Unna
Abbrucharbeiten Bahnhofstraße Unna

Unna hat knapp 60.000 Einwohner (wenn man es glaubt), Quedlinburg gut 20.000, beides rückläufig. Was macht man, wenn man dort als Clint Eastwood ankommt und die Kneipen sind schon voll mit Familien und Peergroups (wenn sie überhaupt geöffnet haben)?

Quedels-Pub hatte am Sonntag geschlossen, natürlich an dem Tag, als ich dort hinwollte. Meine Stammkneipe in Unna ist nach dem Umbau nicht mehr so intim und „gemütlich“ wie vorher und das Publikum am Wochenende sehr jung. Mit „gemütlich“ könnte man mich nicht locken, wohl aber mit interessanten Leuten.

markt quedlinburg
Markt Quedlinburg

Und was macht man dort, wenn man arm ist? Obdachlose sind kaum zu sehen oder bemühen sich, nicht aufzufallen. Aber wer von Stütze lebt, kann sich die Getränke in einer beliebigen Kneipe sowieso nicht leisten und auch keine kulturellen Ereignisse. Und dann? Ich würde vor dem Internet hängen…

altstadt quedlinburg
Unrenoviertes Haus in der Altstadt Quedlinburgs

Morgen fahre ich in die Großstadt zurück. Und das ist auch gut so.

Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum

servatiusreliquiar

Servatius-Schrein, so genannter Reliquienkasten Ottos I., Rom, 1. Jahrhundert n. Chr. (Dionysoskopf); Westfränkisches Reich, vielleicht (!) vom Hof Karl des Kahlen*, um 870 (Elfenbeinreliefs), Goldmontierung um 1200, Quedlinburg. Geschnitztes Elfenbein mit graviertem und ziseliertem Gold, Goldzellenschmelz, Steinschmuck, Glasflüsse, Silber mit Niello. Der Dionysoskopf ist ein Amethyst.

Die Platten des Elfenbeinkastens wurden mit Nut und Feder zusammengefügt und an den Ecken mit Zapfen verbunden. Rundum sind insgesamt zwölf Figuren zu sehen, vermutlich die Apostel. In den Rundbögen über den Figuren sind die Tierkreiszeichen geschnitzt. Warum ein Tierkreiszeichen einem bestimmten Apostel zugeordnet worden ist, weiß man nicht. Die Vertiefungen waren früher mit polychromen Farbpasten ausgefüllt.

Um ca. 1200 wurde der Kasten mit zusätzlichem Gold und Edelsteinen versehen, auch mit dem sehr alten Kopf des Dionysos – dessen metallene Fassung verdeckt teilweise Figuren und Tierkreiszeichen. D. Koetzsche aber meint, dass der Amethyst „ursprünglich zur Goldmontierung des Servatiusreliquiars“ gehört habe, „obwohl er in seiner heutigen, sehr groben Anbringung wie nachträglich hinzugefügt erscheint.“ Vielleicht sei er auch mit einer Schlaufe am Deckel befestigt gewesen. Der Kopf gehöre stilistisch eindeutig in den späten Hellenismus. Auch die Emailplättchen sind älter und stammen vermutlich aus demselben Jahrhundert wie der Kasten.

Im Kasten waren ursprünglich die Reliquien zahlreicher namentlich bezeichneter Heiliger. Ein vergleichbarer Kasten war Teil des von Heinrich II. gegründeten Stifts St. Stephan in Bamberg, Fragmente sind heute im Bayrischen Nationalmuseum München.

Dieses Reliquiar ist für mich eindeutig das interessanteste Stück aus dem Quedlinburger Domschatz. „Er zählte vielleicht zu jenen tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum = drei Schreine aus Elfenbein mit Heiligenfiguren, die im ältesten Quedlinburger Inventar aus dem 2. Drittel des 11. Jahrhunderts erwähnt sind.“** Dass Christus und die Tierkreiszeich kombiniert werden, sei, schreibt D. Koetzsche, „ungewöhnlich“. Es gebe nur eine Parallele in einer Illustration des Utrechtpsalters (S. 36r, Javascript erforderlich).

Der altgriechische Gott der Ekstase und christliche Motive – zusammen auf einem Kasten? Was sofort einleuchtet: Es geht keinesfalls um Kunst oder Ästhetik im heutigen Sinn. Heute würde man es vermutlich eklektizistischen Kitsch nennen, wenn jemand ganz unterschiedliche Dinge aus mehreren Epochen einfach zusammenpappte. Man darf auch annehmen, dass den Bearbeitern und Betrachtern des Kastens Dionysos nicht unbedingt bekannt war. Die Objekte waren selten und exotisch und waren im Besitz derer gewesen, von denen man sein eigene Legitimation bezog, die christlichen Motive „veredelten“ alle anderen – alles, was als wertvoll galt, wurde in und auf einem Reliquienbehälter versammelt.

Dessen gemeinsames Betrachten stellte Gesellschaft für die herrschende Klasse (und nicht nur für die) dar; erschuf sie, wem die Objekte gehörten, war deshalb Herrscher. Die Natur macht Könige und Adlige genau so, wie sie Münder und Nasen macht. Wie Marx in den Grundrissen schrieb: „…ein Teil der Gesellschaft wird von dem andren selbst als bloß unorganische und natürliche Bedingung seiner eignen Reproduktion behandelt.“ Die Bauern, die die Feudalklasse ernähren, sind „natürliche“ Bedingung ihrer Existenz, sie tauchen als „Arbeiter“ nicht auf – auch nicht in der Literatur.

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit von helden lobebæren, von grôzer arebeit (Nibelungenlied, 12. Jahrhundert)

Die Feudalklasse kann die Realität erkenntnistheoretisch nur verzerrt wiedergeben, da sich sich nur per Gewalt und Konsum auf die Natur bezieht. Man kann diese notwendige ideologische „Behinderung“ (ähnlich wie Religion) mit dem Waren- und Geldfetisch vergleichen – eine nur ökonomische Form wird von den Akteuren als Eigenschaft des Dings an sich angesehen. Deswegen glaubt auch die FDP an den „Markt“ als eigenständig handelndes höheres Wesen – ähnlich wie ein feudaler Adliger des 10. Jahrhunderts eine Reliquie als magisches wirkmächtiges Objekt ansah.

Man weiß nicht, wie der Reliquienkasten in den Schatz des Quedlinburger Stifts gekommen ist. Vielleicht stammen sowohl das Quedlinburger Examplar als auch das von Bamberg aus dem ottonischen Besitz und wurden an die Kirchen verschenkt.

Wappenkasten

Wappenkasten in Wulstwickeltechnik, vielleicht fatimidisch, 12. Jahrhundert, die Fassung stammt aus Niedersachsen/Quedlinburg. Beschläge aus Eisen, Klebemittel tierischer Leim.

Die Ritter tragen die für das späte 12. und 13. Jahrhundert typischen Topfhelme, auch die Pferde sind gepanzert. „Die Entwicklung des Topfhelmes war eine Reaktion auf die geänderten Kampftaktiken des Hochmittelalters. Die Einführung des Steigbügels ermöglichte es, den Gegner mit eingelegter Lanze anzugreifen und direkt auf dessen Kopf zu zielen.“ (Diese Darstellung vom deutschen Wikipedia bezweifele ich, da Steigbügel schon viel früher bekannt und in Gebrauch waren, sogar schon bei der oströmischen Kavallerie, die Steigbügel aber offenbar von den Awaren übernommen hatte.)

Der Kasten zeigt zwölf Wappen von Feudaladligen (Skizze bei B. Schwinekörper). Die langgestreckte Form des Kastens ist ungewöhnlich: „Die überaus feine, dichte und ornamentierte Wulstwickelarbeit hat ihre Parallelen nur im fatmimidischen Nordafrika. So ließe sich denken, daß es sich bei der einzigartigen Arbeit um einen wesentlich älteren, verehrten Gegenstand handelt, den man 1208/10 ganz bewußt einer neuen Verwendung zugeführt hat. (…) Körbe aus dieser Zeit sidn außerordentlich selten und niemals datiert.“ (D. Koetzsche) Vergleichbare Körbe gibt es in der Zisterzienserabtei Pforta (nicht Schulpforta, Druckfehler bei D. Koetzsche), im Domschatz Halberstadt und in der Stiftskirche Fritzlar.

*Dieser Karl ist das historische Vorbild für den Kaiser Karl aus Vikings, der dem Wikinger Ragnar loðbrókar aka Reginheri eine große Summe übergab, um die Besatzer von Paris loszuwerden.

**B. Bischoff: Mittelalterliche Schatzverzeichnisse, 1967, zit. n. Dietrich Kötzsche (Hrsg.): Der Quedlinburger Schatz wieder vereint. [Katalog zur Ausstellung im Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz]], 1993. Zum Bamberger Reliqienkasten fand ich diese interessane Bemerkung: „Beschläge eines Kästchens von sehr ähnlicher Form und Konstruktion wurden 2004 in einem Wikingergrab bei Haldum nahe Århus entdeckt.“

Reminder: Photos are licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 3.0 Germany License.

Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun

Kamm Heinrichs I.

So genannter Kamm Heinrichs I.. Der Kamm ist aus Elfenbein und stammt aus Syrien oder Ägypten, 7.-8. Jahrhundert. Die Fläche ist mit geschnitzen Weinlaubranken überzogen. Die Goldmontierung und der Steinschuck wurden erst viel später hinzugefügt, da sie die Ranken zum Teil bedecken. Der Beschlag ist teilweise beschädigt. Es fehlen einige Edelsteine, wie auch die Pferdeköpfe – sie wurden vermutlich abgeschnitten oder -gefeilt. Ursprünglich war der Kamm insgesamt rechteckig. Die stilisierten Zügel, „Rhombus und Rahmen der runden Fassung sind aus drei miteinander zu Streifen verlöteten Perlstäben gebildet. (…) Perlstäbe aus Gold sind vornehmlich im Münzschmuck des 9. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland bekannt.“ (Peter Berghaus: „Der Münzschmuck von Gärsnäs, Ksp. Herrestad (Skåne), 1965, zit. n. Dietrich Kötzsche (Hrsg.): Der Quedlinburger Schatz wieder vereint. [Katalog zur Ausstellung im Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz]], 1993 [das mit Abstand beste Buch zum Quedlinburger Domschatz!]. Der Kamm wird 1544 in einem Verzeichnis des Quedlinburger Domschatzes erwähnt: Keisser Heinrichs Kamme mit stein und golt beschlagen.

Der Kamm ist also ein Konglomerat aus verschiedenen Arbeiten und Zeiten. Vielleicht gehörte er zur Mitgift der Theophanu. Es gibt aber ähnliche Kämme aus derselben Zeit wie den Kamm des Hl Heribert aus Metz im Museum Schnütgen in Köln.

Wie kriegen wir also den Feudalismus in den Griff? These: Wer begreift, was eine Reliquie ist (vergesst den oberflächlichen Unsinn auf Wikipedia), ist auf dem richtigen Weg.

Wir haben hier eine orale Gesellschaft vor uns mit der Sippe „als mentaler Realität“ (Johannes Fried) „Orale Gesellschaften theoretisieren nicht, sie inszenieren. Das Ritual ersetzt, ja ist geradezu ihre soziale Theorie.“ Objekte sind dingliche bzw. verdinglichte Zeichen der sozialen Hierarchien und der Rituale.

„Nicht seelische Regungen oder psychische Prozesse sollten jeweils sichtbar gemacht werden, sondern objektivierende Formen sozialer Ordnung und Interaktionen. (…) Prestige und Status waren im Auftreten sichbar zu machen; nur ritualisiert ließen sie sich wahrnehmen, Herrschaftszeichen, Gaben, Kleider, Gebärden machten Leute.“ (Vgl. Marcel Mauss: Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften).

Samuhel Evangeliar

Samuhel-Evangliar, Quedlinburg (um ca. 1230). Eichenholzkern mit getriebenem Silber und vergoldet, dazu Perlen, Korallen und Glassfluss. Der Rückendeckel ist aus rot gefärbetem Schafsleder. Neun Emails sind älter als der Kasten und stammen aus Byzanz. Einige Senkschmelzen ähneln denen des Patriarchenkelchs von San Marco in Venedig. Teile des Beschlags und einige Edelsteine fehlen. „Von 180 Fassungen sind 43 leer“. (D. Kötzsche) Das Evangeliar wurde 1991 neu gebunden und restauriert.

Orale Gesellschaften wie die des Feudalismus beschreiben etwas, sie analysieren nicht. „…die Welt selbst erscheint für primitive Denken als eine unendliche Kette von Ähnlichem und Gleichartigem. Raum und Zeit werden nicht exakt gemessen. (…) Verwandtschaft präsentiert, so zeigen ethnologische Vergleichsstudien, in illiteraten Gesellschaften die Kategorie sozialer Ordnung und Wahrnehmung schlechthin.“

Wieso muss ich jetzt an Araber-Clans in Neukölln denken?

Otto-Adelheid-Evangeliar

Otto-Adelheid-Evangeliar, Konstantinopel, 2. Hälfte 10. Jahrhundert, Goldschmiedearbeiten Quedlinburg 1220-1230. Geschnitztes Elfenbein mit Gold, Schmuck ähnlich wie beim Samuhel-Evangeliar, leicht beschädigt. „Von 96 Fassungen heute 44 leer“. (D. Koetzsche) In der Mitte ein byzantinisches Elfenbeinrelief mit der Christi Geburt, Taufe, Kreuzigung und Kreuzabnahme, die durch griechische Buchstaben wiedergegeben werden. „Die vier Löcher im Rahmen, heute als Nagellöcher genutzt, lassen darauf schließen, daß das Relief die Mitteltafel eines Tryptychons war; sie haben höchstwahrscheinlich zur Befestiung von Leisten gedient, in die die Seitenflügel gehängt waren. Auf ihnen könnten sich weitere Szenen befunden haben. (…) Aufgrund ikonographischer Details wurde das Relief zuletzt in das 3. Viertel des 10. Jahrhunderts datiert und seine Herkunft mit Kaiserin Theophanu direkt in Beziehung gebracht.“ (D. Koetzsche) Der Rahmen stammt aus dem 13. Jahrhundert, vermutlich wurde er in Halberstadt oder Quedlinburg angefertigt.

Das erinnert mich auch an die Zeit, als wir als marxistische Altgermanisten in schweißtreibenden Seminaren das Nibelungenlied auseinandernahmen. „Die Schönheit einer Frau besteht in der feudalen Vorstellung sowohl aus dem ‚Adel‘ des Körpers als auch aus der standesgemäßen äußeren Ausstattung mit Elementen des repräsentativen Reichtums“. Mindestens die Hälfte der Verse des feudalen Epos besteht aus Schilderungen der Kleidung, die aber nicht individuell ist – wie auch nicht die „charakterlichen“ Eigenschaften -, sondern bei allen gleich. Das muss man doch ernst nehmen?!

Hierzu ein bisschen geistreiches Geschwurbel gefällig? Da nehmen wir am besten Hegel: „Phänomenologie des Geistes“:
Ebenso bezieht sich der Herr mittelbar durch den Knecht auf das Ding; der Knecht bezieht sich, als Selbstbewußtsein überhaupt, auf das Ding auch negativ und hebt es auf; aber es ist zugleich selbstständig für ihn, und er kann darum durch sein Negieren nicht bis zur Vernichtung mit ihm fertig werden, oder er bearbeitet es nur. Dem Herrn dagegen wird durch diese Vermittlung die unmittelbare Beziehung als die reine Negation desselben, oder der Genuß; was der Begierde nicht gelang, gelingt ihm, damit fertig zu werden, und im Genusse sich zu befriedigen. Der Begierde gelang dies nicht wegen der Selbstständigkeit des Dinges; der Herr aber, der den Knecht zwischen es und sich eingeschoben, schließt sich dadurch nur mit der Unselbstständigkeit des Dinges zusammen, und genießt es rein; die Seite der Selbstständigkeit aber überläßt er dem Knechte, der es bearbeitet.

Damals schrieb ich: Hegel definiert hier präzise die feudale Identität, den Zusammenhang zwischen Existenzform und Gedankenform. Sowohl der Bauer (der Knecht) als auch der Herr (der Feudaladlige) beziehen sich zur Natur negativ, über ihre Begierde, die zur Vernichtung drängt. Der Unterschied ist aber, daß der Feudalherr die Bearbeitung der Natur dem Bauern überlässt und sich nur mittelbar, d.h. nur vermittelt über seine Herrenexistenz auf sie bezieht, die Natur nicht bearbeitet, sondern nur konsumiert.

Daher sind Gewalt und Konsum nur zwei Seiten einer Medaille, der feudalherrlichenn Aneignung der Natur. Die Natur erscheint ferner in der Form des Konsums als natürliche Voraussetzung der Existenz, genauso wie der Bauer natürliche Bedingung seiner Herrenexistenz ist…

Alles klar? Puls und Atmung und so?

Katharinenreliquiar

Katharinenreliquiar, Niedersachsen 1230-1240, aus einem Eichenholzkern, Silberblech und Kupfer, vergoldet, leicht beschädigt. Um Sancta Katarina vergulte kestgen erwähnt. Der genaue Zweck ist nicht bekannt. Die Bilder zeigen Motive aus dem Alten Testament und die Apostel. „Stilistisch folgen die Figuren dem sogenannten Zackenstil, der im 13. Jahrhundert als charakteristischer Stil vor allem in der Buchmalerei auftritt. Er zeichnet sich durch bewegte Figuren aus, deren detailreiche Gewänder zerklüftete Faltensysteme mit jähen Umbrüchen bilden.“ (Thomas Labusiak u. Jaos Stekovics: Kostbarer als Gold: Der Domschatz in der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg, 2016.

Wir haben mit dem Feudalismus gerade erst angefangen. Um welche Zeit geht es? Zur Zeit der Merowinger und der Karolinger haben wir noch einen relativ starken und ökonomisch unabhängigen König. „Die Kosten des Aufstiegs der Karolinger trug, wie stets, das einfache Volk“, schreibt Fried ganz nebenbei – für einen bürgerlichen Historiker eine erstaunliche These.

Reliquienkasten Heinrich I.

Reliquienkasten Heinrich I., Oberitalien, 10. Jahrhundert (Elfenbeinreliefs), 2. Hälfte 11. Jahrhundert (Walrosszahnreliefs), Quedlinburg, 1230-1240 (Goldschmiedearbeiten). Der Kern des Kastens ist auch Buchenholz, Silver vergoldet, Schmuck und Edelsteine ähnlich wie beim Samuhel-Evangeliar. Die Figuren sind stark abgenutzt, Details fehlen, auch vom Schmuck. Von 121 Fassungen heute 36 leerund zumeist beschädigt (…), es fehlen die Perlenschnur um die Mandorla und Teile der Perlenschnüre an der Frontseite; Schloß aus Eisen später hinzugefügt, zahlreiche Eisennägel, besonders im Deckel…“ (D. Koetzsche) Auch hier wurden ältere Stücke wiederverwendet und neu arrangiert.

Gleichzeitig wurde aber die feudale Grundherrschaft (auch bekannt als „Lehnswesen“) mit nackter Gewalt ausgebaut. Zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert gab es eine kleine landwirtschaftliche Revolution, u.a. wurde der asymmetrisch wendende Pflug erfunden, die Viehhaltung verbesserte sich, Wassermühlen wurden gebaut (kann man alles nur archäologisch beweisen) usw.. Der Feudaladel emanzipiert sich ökonomisch und damit auch militärisch vom König. Permanentes Hauen und Stechen ohne Gefühlsduselei war die Regel und nicht die Ausnahme.

Straußenei-Reliquiar

Das Straußenei-Reliquiar, Norddeutschland, 15. Jahrhundert, stamm aus dem Schatz des Prämonstratenserklosters St. Wiperti. Ähnliche Eier sind im Domschatz von Halberstadt. Das Material von Fuß und Knauf ist billiger Kupfer, „das eine feine Bearbeitung nicht erlaubte. An sich war den Goldschmieden wegen der Betrugsgefahr das Verarbeiten von vergoldetem Kupfer verboten, doch erlaubten die Zünfte Ausnahmen bei Geräten für den Gottesdienst. (nach Johann M. Fritz: Goldschmiedekunst der Gotik in Mitteleuropa, 1982, hier in D. Koetzsche) Das Straußenei galt als Symbol für Geburt und Auferstehung Christi; hier sind keine Reliquien im Inneren erhalten.

Heute bin ich zu müde, um mehr zu schreiben. Aber die Puzzleteile setze sich allmählich zusammen…

Reminder: Photos are licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 3.0 Germany License.

Männer und ihre dampfenden Maschinen

dampflok

Selketalbahn – eine der Harzer Schmalspurbahnen, gesehen in Quedlinburg. Nein, ich finde das nicht romantisch, sondern nur interessant.

Feudal oder nicht feudal? (tl;dr,)

ständerhausvorhof zur Hölleschuhhofvorhof zur Höllehölle 7

Stopp! Nicht nur flüchtig hingucken! Das Fachwerkhaus ganz oben rechts (1346/47) und das Steinhaus (ab 1215) ganz unten sind Mittelalter, die Häuser in der Mitte sind erheblich jünger (16. und 17. Jh.) und schon frühe Neuzeit.

Ja, ihr müsst jetzt stark sein! Tl;dr,! Wie schon drohend angekündigt, las ich jüngst Heide Wunders Feudalismus – 10 Aufsätze. Warum?

Erstens: Man interessiert sich im Alter nicht mehr für die Details, weil man die schon alle kennt, sondern eher für das große Ganze, auch bekannt als die Frage: Warum ist die Geschichte so, wie sie ist, und nicht anders (eingedenk der Tatsache, dass höhere Wesen nicht an den Weltläuften herumfummeln)?

Zweitens las ich Johannes Fried: Die Anfänge der Deutschen: Der Weg in die Geschichte (1056 S.!) – das beste Buch über den Feudalismus, was die bürgerliche Geschichtswissenschaft bis jetzt hervorzubringen vermochte.

Bürgerlich deshalb, weil Fried den Begriff Feudalismus gar nicht verwendet, obwohl der Sprachgebrauch der internationalen historischen Wissenschaft das nahelegen könnte, und weil man als bürgerlicher Wissenschaftler in Deutschland auf Theorie insoweit verzichten muss, als jeder Versuch, die Geschichte nicht nur bloß zeitlich („Mittelalter“, „Neuzeit“) zu periodisieren, sondern eine Struktur zu erkennen, die – OMG! – auch die dem Feudalismus nachfolgende Gesellschaftsform aka Kapitalismus nicht als Ende der Geschichte definiert. Was aber, wenn die Frage erlaubt sei, könnte danach kommen? Das darf man gar nicht denken.

Warum muss man als nicht-marxistischer Historiker den Begriff Feudalismus vermeiden? Heide Wunder schrieb 1974 (!): Die Fronten sind heute so verhärtet, daß erst wieder Kommunikation möglich werden muß, um die gegenseitigen Vorurteile in Frage zu stellen.“ Feudalismus zu sagen, war in der alten Bundesrepublik fast so schlimm wie „BRD“. Das roch nach DDR und Schwefel.

Es ist so ähnlich wie mit der Diskussion über den Wert im Marxschen Kapital: Obwohl die zentrale These schon von Aristoteles stammt, muss der Kapitalismus-affine „Volkswirtschaftler“ dagegen sein, weil er eben qua definitionem eben keine Wissenschaft betreibt, sondern Apologetik, also eine esoterische Glaubenslehre vertritt, die den Markt als eine Art höheres Wesen anbetet.

Feudalismus als Begriff taucht jedoch schon bei Hegel auf und wird zum Beispiel sowohl von Max Weber, Marc Bloch: La société féodale als auch von Otto Brunner (der des Kommunismus an sich unverdächtig ist) ausführlich verwendet und diskutiert. Dass heute der Begriff (nur in Deutschland) weitgehend tabu ist, beweist, dass die bürgerliche Geschichtswissenschaft, was das theoretische Niveau angeht, noch vor den Stand vor einem halben Jahrhundert zurückgefallen ist. Johannes Fried macht keine Ausnahme, aber er nimmt wenigstens phänotypisch die Quellen zur Spätantike bzw. zum frühen Feudalismus ernst und behauptet nichts, was man nicht beweisen kann, sondern gibt manchmal zu (das können sich auch marxistische Historiker hinter die Ohren schreiben!): Wir wissen es nicht und werden es nicht wissen können, weil die bekannten Quellen und Fakten es nicht hergeben.

Heide Wunder: Die deutsche Mediävistik beteiligt sich nicht an der internationalen Diskussion über den Begriff Feudalismus (…) Letztlich ist die Ursache für die Abwehrreaktionen der bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft gegenüber der DDR in dem Fehlen einer eigenen deutschen undogmatischen marxistischen Wissenschaftstradition zu suchen, wie sie besonders in Frankreich und den angelsächsischen Ländern – wenn auch hier weniger ausgeprägt und einflußreich – vorhanden ist. Es hat sich also nichts geändert.

Frage: Kann man Feudalismus als ökonomischen Begriff auf alle Länder übertragen – etwa auf Japan, China, Afrika, die arabischen Länder? Diese Frage stellte sich schon den Historikern der DDR, die den Fesseln des Stalinismus in den 60-er Jahren entschlüpft, merkten, dass man mit dem mitteleuropäischen Modell à la „Lehnswesen“ et al in den „Entwicklungsländern“ auf den Holzweg geriet. Gelöst hat man das Problem nicht, sondern zog sich auf die oberflächlichen zeitlichen Kategorien vorfeudal, frühfeudal, hochfeudal und spätfeudal in offiziellen Lehrbüchern zurück, was genauso albern ist wie die Erfindung einer frühbürgerlichen Revolution.

Für den DDR-Historiker Bernhard Töpfer war der Feudalismus die am weitesten entwickelte Stufe der vorkapitalistischen Gesellschaften; er könne sich sowohl aus einer „zersetzenden“ Urgesellschaft [also aus einer tribalistischen Gesellschaft, B.S.] wie auf dem Hintergrund der asiatischen Produktionsweise oder einer Sklavenhalterordnung entwickeln. Das ist immerhin originell, aber nicht letzlich befriedigend.

Sein Kollege Eckehard Müller-Mertens vertrat die Thesen (ich wiederhole mich), dass 1) „die Durchbrüche zu weltgeschichtlich weiterführende Entwicklungen“ meist in „verhältnismäßig rückständigen Randgebieten“ erfolgt sei“, was die Frage aufwerfe, ob der Feudalismus in Europa vielleicht nur eine „primitive Variante“ einer Gesellschaftsformation ist, „die feudale und andere, nichtfeudale, vorkapitalistische Produktionsverhältnisse“ einschließe, und 2) was das okzidentale „Mittelalter“ so besonders gemacht habe, dass sich daraus – und nur dort – der Kapitalismus entwickelt habe? („Trotz seines marxistischen Weltverständnisses konnten sich seine Werke in den Leitdarstellungen der DDR-Geschichtswissenschaft nicht durchsetzen“. Der Staat – die DDR -, kommentiert Heide Wunde missbilligend, habe damals einen „erkenntnistheoretischen Rahmen“ vorgegeben, der „nicht transzensiert werden darf“.)

Wer bis hierher durchgehalten hat, kriegt noch mehr Fotos:

FleischhofschuhhofschuhhofschuhhofschuhhofStiftskirche St. Servatii

Von oben nach unten: Fleischhof, auch 2. Reihe rechts, 2. Reihe links: in dem Haus residiert ein Deutsch-Seminar für Stundenten aus Texas, ganz unten die Stiftskirche St. Servatius.

Jetzt fragt das genervte Publikum natürlich mit Recht: Was soll das alles? Und was ist mit dem feierlich angekündigten Domschatz? Wartet doch noch ein Weilchen! Es geht munter weiter, und ich werde Euch nicht enttäuschen! Auch den Feudalismus werden wir noch in den Griff bekommen – das war nur der Prolog!

Wohin mit der herrschenden Klasse?

Fallbeilraubgrafenkasten

Oben: Fallbeil, 14. Jh., unten der so genannte Raubgrafenkasten, Schlossmuseum Quedlinburg

Mir war klar, dass die Jusos Karl Marx nie gelesen haben, sonst wären sie ja nicht in der heutigen SPD. Also kann man ihnen nicht vorwerfen, sie hätten etwas falsch verstanden, genausowenig man einem Hauptschüler zum Vorwurf machen kann, er hätte die spezielle Relativitätstheorie missinterpretiert.

Karl Marx hat nie von Verstaatlichungen gesprochen. Ein Zitat, das man (als Juso) falsch anwenden könnte, steht im Kommunistischen Manifest:
Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, das heißt des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.

Haben wir zur Zeit eine „politische Herrschaft“ des Proletariats? Nicht, dass ich wüsste. Ist der Staat in den Händen des Volkes der Bevölkerung? Auch nicht wirklich. Welchen Sinn könnten Verstaatlichungen im Kapitalismus dann haben?

Natürlich kann man denselben reformieren oder so tun als ob, abmildern, damit die Leute nicht allzusehr herumrebellieren. Man könnte Strom, Wasser, Gas, Internet, Nah- und Fernverkehr in die öffentliche Hand überführen, das Gesundheitssystem sowieso, da es jedem einleuchtet, dass mit dem, was jeder umbedingt zum Leben braucht, keine Profite gemacht werden müssen. Aber Autos?

So einen Quatsch kann nur die SPD fordern. Ich vermute jedoch, dass hier nur jemand die größtmögliche Aufmerksamkeit suchte und wusste, an welches Heiligtum er pinkeln musste, um das zu erreichen.

Villa, quae dicitur Quitilingaburg

quedlinburgquedlinburg

Aha, den Domschatz darf man angeblich nicht fotografieren, obwohl zahlreiche Bilder im Internet kursieren. Ich habe schon bei der Quedlinburg-Tourismus-Marketing GmbH herumgestänkert gefragt, warum das so sei und warum niemand, auch nicht im so genannten Internet, das ja bekanntlich auch hier vorhanden sei, das verkündet habe. Die Dame wusste von nichts, vermutete aber, die Kirche sei schuld, was an sich immer eine gute Ausrede ist, hier aber dazu führen wird, dass ich denen morgen in aller Herrgottsfrühe (!) meinen Presseausweis auf den Tisch knallen werde, verbunden mit der Frage, ob Journalisten nicht fotografieren dürften und warum die Protestanten sich anmaßen, etwas, was schon ein halbes Jahrtausend und noch länger existierte, bevor dieser Bauernfeind und Antisemit Luther geboren wurde, der Öffentlichkeit vorzuenthalten.

In dem Haus in der Mitte auf dem unteren Bild wohne ich, schmale Treppen rauf und runter und natürlich ohne Fahrstuhl, weil das Gebäude 400 Jahre alt ist.

Unter Innenexperten: Kriminelle Ausländer gehören abgeschoben

Morgenpost

Deutsche Kulturbilder der Berliner Morgenpost Januar 1931 – diese „Postkarte“ ist eine Quittung der Berliner Morgenpost „über 60 Pfennig für die 05. Woche vom 01.02. bis 07.02.1931“.

In der ersten Februarwoche 1931 scheint nicht viel passiert zu sein. Immerhin erwähnt Wikipedia: „1931/1932: Die Wirtschaftskrise in Deutschland erreicht ihren Höhepunkt. Es gibt 70.000 Konkurse und 6 Millionen Arbeitslose“.

Das ist jetzt 82 Jahre her. Was werden sie im Jahr 2095 über heute schreiben? „Schwedisches Königpaar bummelte durch Quedlinburg.“ – „Dieter Wiefelspütz, der so genannte „Innenexperte“ der SPD, findet es gerechtfertigt, dem Whistleblower Edward Snowden keinen Aufenthalt in Deutschland zu gewähren: ‚Ich kann nicht erkennen, dass der Mann politisch verfolgt wird‘, sagte er der Mitteldeutschen Zeitung.“ – „Weil angeblich der frühere amerikanische Geheimdienstmitarbeiter Snowden an Bord gewesen sein sollte, wurde die aus Moskau kommende Maschine des bolivianischen Präsidenten Morales zur Landung in Wien gezwungen.“

Vielleicht aber auch anders. „Obwohl Edward Snowden, der spätere Nobelpreisträger für Transparenz und Informationsfreiheit, in seiner Heimat USA wegen seiner politischen Überzeugung verfolgt wurde und ihm eine langjährige Haaftstrafe drohte, wurde ihm in Deutschland Asyl verweigert. Hans-Peter Friedrich (CSU), der spätere kurzzeitige Alterspräsident der deutschen Militärjunta in den Jahren 2033-2045, kündigte an, Deutschland werde nichts tun, was der US-Regierung missfalle. Man müsse der Obrigkeit untertan sein, so stehe es in der Bibel. Snowden sei ein Krimineller, und kriminelle Ausländer gehörten bekanntlich ohnehin abgeschoben. Auch sei die Industriespionage seitens des Geheimdienstes NSA irrelevant; das sei eben eine Feature des freien, sozialen und alle glücklich machenden Marktes, und man solle sich über derartige Peanuts nicht künstlich aufregen.“

Im Griff der rechten Szene

BuchcoverVon Burkhard Schröder
Broschiert: 248 Seiten
Verlag: Rowohlt Tb. (1997)
ISBN-10: 349922125X
ISBN-13: 978-3499221255
Printausgabe vergriffen

Zur Online-Ausgabe:

"Im Griff der rechten Szene" erschien 1997, ein Jahr bevor der Begriff "national befreite Zone" durch die deutschen Medien geisterte. Die Online-Ausgabe Oktober 2002 ist das ungekürzte Buchmanuskript.

Inhalt

Zitate aus Rezensionen:

„In fünf Reportagen beschreibt Burkhard Schröder beispielhaft an einigen Städten in den neuen Bundesländern eine Entwicklung, die sich grundlegend von der der alten Bundesländer unterscheidet: „In einigen Städten kommt es deshalb nicht mehr zu öffentlich sichtbaren Gewalttaten, weil den Neonazis die Gegner ausgegangen sind“ – diese Städte wie z. B. Wurzen werden von den Neonazis bereits als „befreite Zonen“ bezeichnet. Die Medien verharmlosen rassistische Gewalttaten als „Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Jugendgruppen“ und die in einigen Kommunen hilflos praktizierte „akzeptierende“ Sozialarbeit folgt Konzepten des nahezu grenzenlosen Verständnisses. Damit werden den weltanschaulich gefestigten und geschulten Kadern zusätzlich Möglichkeiten der Einflußnahme auf die Jugendlichen gegeben. Sie bestimmen die Jugendkultur, das Stadtbild, ihre Ansichten finden sich in etwas „abgemilderter“ Form auch in vielen Köpfen der Erwachsenen. Diese von politischen Inhalten entleerte Art der Sozialarbeit hat die Mitläufer stabilisiert und erst recht in die Arme der Neonazis getrieben: Jugendliche, die sich nicht der rechten Szene anschließen oder für „neutral“ erklären, sondern sich bewußt entscheiden, links und antifaschistisch zu sein, wählen in diesen ostdeutschen Kleinstädten den Weg in die soziale Isolation. [VVN]

„Burkhard Schröders Reportagen aus der ostdeutschen Provinz zeigen nicht nur die wachsende Macht dieser Szene über den Alltag der Menschen; sie zeichnen auch ein bedrückendes Bild von der Mischung aus Angst, Hilflosigkeit und klammheimlicher Sympathie, mit der ihr begegnet wird.“

„Eine weitere, eher speziell ostdeutsche Entwicklung, ist die Etablierung einer rechtsextremen Subkultur in der Jugend. Diese ist nicht primär politisch organisiert, sondern dominiert als soziale Bewegung weite Bereiche der Alltagskultur (Schröder, Im Griff der rechten Szene).“ [jungdemokraten.de]

„Meine Damen und Herren, der Publizist Burkhard Schröder hat nach Recherchen in den neuen Bundesländern für sein Buch "Im Griff der rechten Szene" feststellen müssen, dass es einer organisierten Neonaziszene, die äußerlich erkennbar wäre, nicht mehr bedarf, weil eine linke und alternative Gegenkultur nicht mehr existent ist und weil rassistische und auch antisemitische Vorurteile so ins Alltagsleben der Jugendkultur eingesickert sind. Schröder wörtlich: „Man denkt, der gegenwärtige Zustand sei normal, man stört sich nicht daran, dass die rechtsextremistische Szene faktisch die Sozialisation der Jugend dominiert.“ Meine Damen und Herren, dieses Urteil wirkt umso schwerer, weil es das konstatierte Ergebnis ist von mehreren Jahren … Programm und der Durchsetzung des Konzeptes der akzeptierenden Jugendsozialarbeit, die eine Auseinandersetzung mit Rechts anpolitisierten Jugendlichen weitgehend verhindert, die Festigung einer ideologischen Einstellung durch neofaschistische Kader und die Bildung neofaschistischer Strukturen hingegen befördert hat." [Steffen Dittes, 16. März 2000]

Links

Last update: 20.01.2018