Wüstendrachen oder: Gebaute Gemeinschaft

Menschliche Männliche Statue, ca. 9600-8200 vor. Chr.
Wie schon angedeutet, war ich jüngst in der Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft – Göbeklitepe, Taş Tepeler und das Leben vor 12.000 Jahren“. (Nicht im heutigen Türkiye“, wie die staatlichen Museen belieben zu schreiben, sondern in der heutigen Türkei.)
Fazit: Kann man machen. Man braucht ca. eine Stunde. Für jemanden, der noch nicht im Israel-Museum oder in Jericho war (sage ich mal ganz arrogant), ist das exotisch. Über Göbeklitepe lesen wir bei Wikipedia: „Als am besten etabliert kann die von Schmidt aufgestellte Hypothese gelten, wonach es sich um jungsteinzeitliche Bergheiligtümer handelt, deren Errichtung mit einem Arbeitsaufwand einherging, den zu erbringen nur ein gruppenübergreifendes Bündnis in der Lage gewesen sei. In dieser kognitions-archäologisch konzipierten Betrachtung gilt das Dasein der Monumente als Beleg der These, dass die überschaubar kleinen Jäger-und-Sammler-Gruppen des Homo sapiens bereits vor zwölftausend Jahren fähig waren, politische Organisationen zu vereinbaren.“
Ich hatte am 14.03.2019 schon gefragt: Was und zu welchem Ende studieren wir die Urgesellschaft Steinzeit? Noch genauer: Ist das jetzt, sehr geehrte marxistischen Historiker, Urgesellschaft oder gar, da es um koordiniertes Handeln vermutlich recht großer Gruppen geht, unsere berüchtigte „asiatische Produktionsweise“? Oder wieder etwas, das bei schematischen Denkern gar nicht vorgesehen ist? Wie ich schon über Jericho schrieb: Zehn Jahrtausende vor unter Zeitrechnung? Was war da hierzulande los? Lebte man noch auf Bäumen?
– Die Weichsel-Kaltzeit (die letzte Eiszeit) ging gerade zu Ende.
– Große Teile Norddeutschlands waren noch von Tundra oder Steppe bedeckt.
– Die Gletscher hatten sich weitgehend zurückgezogen, aber:
– In Skandinavien lagen noch mächtige Eisschilde.
– Die Ostsee war damals ein Süßwassersee (Ancylussee).
Das heutige Nordseegebiet war kein Meer, sondern eine riesige, fruchtbare Steppe: die sogenannte Doggerland-Ebene, die Großbritannien mit dem europäischen Festland verband. Es gab Rentiere, Wildpferde, Wollnashörner und Mammut, Riesenhirsche, Auerochsen, Wisente, Bären, Wölfe, Luchse und Füchse.
Das Projekt Taş Tepeler („Taş Tepeler“ Projesi / The Taş Tepeler Project) (Text der Ausstellung)
Das Taş-Tepeler-Projekt ist ein vom türkischen Ministerium für Kultur und Tourismus initiiertes archäologisches Großprojekt (Start 2021). Es wird von der Universität Istanbul koordiniert und untersucht mehrere neolithische Fundstätten in der Provinz Şanlıurfa (Südostanatolien), darunter Orte aus dem 10.–8. Jahrtausend v. Chr..
Ziel des Projekts ist: die systematische Erforschung dieser frühen Siedlungen, die Sicherung des Kulturerbes, die Rekonstruktion der Umwelt und Lebensweise der Menschen der Jungsteinzeit, sowie die Dokumentation archäologischer Beobachtungen. (Vgl. zur Jungsteinzeit Çatalhöyük, revisited (07.04.2016 bzw. Çatalhöyük (31.01.2010.)
Das Projekt ist international angelegt: Wissenschaftler aus der Türkei, Deutschland, Japan, Großbritannien und weiteren Ländern arbeiten gemeinsam. Alle Ausgrabungen folgen einheitlichen wissenschaftlichen Standards, um die Ergebnisse vergleichbar zu machen.
Die bisherigen Forschungen haben bereits bahnbrechende Erkenntnisse geliefert und verändern unser Verständnis der neolithischen Revolution und der frühen Gesellschaften in dieser Region grundlegend. (Text des Museums)
Die Zeitleiste ordnet die Funde ein in: Pleistozän, Eiszeit, Jungpaläolithikum / Neolithikum. Sie zeigt Zeiträume etwa zwischen 30.000 und 9.000 v. Chr. und stellt die Entwicklung bis zu frühen symbolischen Darstellungen (z. B. Venus von Laussel) dar. (Text des Museums)

Der so genannte „Fruchtbare Halbmond“, vgl. Schädel bei Pflaunloch (05.01.2022)
Die ersten niedergelassenen Gemeinschaften lebten noch als Jäger. Mit der gemeinschaftlich organisierten Jagd sicherten sie lange Zeit die Fleischversorgung ihrer Gruppen. Dazu errichteten sie Fallen aus Steinmauern, die trichterförmig angeordnet zu einem Pferch am Ende führten. Sie werden in Englisch als „desert kites“, Wüstendrachen, bezeichnet und sind noch heute auf Luft- oder Satellitenbildern zu sehen. Treiber und Jäger arbeiteten zusammen, um Herdentiere wie Gazellen oder Wildesel in den Pferch zu treiben. Von dort konnten die Tiere nicht entkommen und die Jäger konnten auswählen, welche Tiere sie töten wollten.
Als Jagdwaffen nutzten sie in Holzschäfte eingesetzte Geschossspitzen aus Feuerstein oder Obsidian. Die Größe war auf das Jagdwild abgestimmt, Material und Gestalt zeigen ihre Herkunft und Produktionstradition an. Zur Vorbereitung des Holzes dienten Pfeilschaftglätter, die Tiermotive tragen konnten.
Mit der Verbreitung von Haustieren verlor die Jagd ihre wirtschaftliche Bedeutung. Die Jagd auf gefährliche Tiere blieb aber weiterhin ein wichtiges soziales Ereignis. (Text des Museums)
Die jungsteinzeitlichen Gemeinschaften in der Region Şanlıurfa errichteten in ihren Siedlungen monumentale Gebäude aus lokalem Kalkstein. Diese waren wie künstliche Höhlen tief in den Untergrund eingegraben, deshalb war es innen dunkel. Die Bauten konnten über eine Öffnung im Dach oder einen seitlichen Zugang betreten werden.
In der Mitte des zentralen Raums standen zwei große T-förmige Steinpfeiler als zentrale Dachstützen. Mit seitlichen Armen und vor dem Körper gefalteten Händen zeigt ihre abstrahierte Gestalt sie als Menschen. Entlang der Außenwände standen kleinere Pfeiler, oft mit Tierbildern im Relief bedeckt. Das Flackern von Fackeln erzeugte die Illusion von Bewegung. Die Errichtung dieser Bauwerke und Aufstellung der Pfeiler erforderte zahlreiche Hände. Gewaltige Mengen Aushub mussten bewegt werden und jeder monolithische T-Pfeiler wog mehrere Tonnen. (Text des Museums)
Bei vielen der ausgestellten Objekten (von denen mal nicht immer weiß, ob sie ein Original oder eine Reproduktion sind) merkt man, dass viel herumspekuliert wird, weil wir nicht wirklich wissen, wozu die da waren. Die Begleittexte sind allgemeiner Natur; vermutlich bekäme man genau so viel oder sogar mehr Informationen, wenn man Fotos davon von ChatGPT interpretieren lassen würde.
In den Ausgrabungstätten gibt es riesige Pfeiler und große Statuen. Gleichzeitig hat man aber auch winzige Versionen davon gefunden, wie in einem Museumsshop. Es liegt natürlich nahe zu vermuten, dass den Gegenständen eine Art magische Kraft zugeschrieben wurde, die man „mit nach Hause“ nehmen konnte. Das wäre ein Argument dafür, dass es sich nicht um bloße Nutzbauten handelte.
Es gab garantiert schon zu der Zeit Warlords, Mächtige und weniger Mächtige. Aber gab es schon eine etablierte herrschende Klasse wie die Priesterschaft und Pharaos der ägyptischen Dynastien? Die sind erst rund 5000 Jahre später entstanden!
Gruppen versammelten sich anlässlich von Ritualen und Festen in den Pfeilergebäuden. Dabei wurde die soziale Ordnung erneuert und der Zusammenhalt bekräftigt. Vielleicht trugen einige Teilnehmer anschließend Miniaturpfeiler (oben) als Erinnerung mit sich. (Text des Museums)
Viele Gebäude wurden mehrfach repariert und die Wände von innen verstärkt, wenn der Druck des umgebenden Erdreichs zu stark war. Am Ende ihrer Lebenszeit wurden die Gebäude mit Steinen und Erdreich verfüllt und so symbolisch beerdigt. (Text des Museums)

Pfeilspitzen Typ Byblos. Material: Feuerstein, Fundort: Gürcütepe. Datierung: 7.500–7.000 v. Chr. Şanlıurfa Museum, Türkei
Tiere nehmen in der steinzeitlichen Bildwelt einen zentralen Platz ein. Die aus Kalkstein geschlagenen Skulpturen fangen den charakteristischen Ausdruck der wilden Tiere ein und zeugen von der genauen Beobachtung der Künstler. (Text des Museums)
Die Darstellungen fokussieren den Blick auf besonders gefährliche Tiere: Leoparden mit gefletschten Zähnen, mit gesenktem Kopf angreifende Auerochsen, rennende wilde Eber. All diese Tiere sind männlich gekennzeichnet und wirken aggressiv. Hinzu treten wimmelnde Schlangen und Skorpione, und auch Füchse, Strauße und Wasservögel sind zu sehen. (Text des Museums)
Die Motivwahl verdeutlicht, dass die Bildwerke keineswegs die damalige Umwelt abbilden, denn das wichtigste Jagdwild, die Gazellen, fehlen unter den Motiven. Vielmehr beschwören die Skulpturen eine Welt voller Gefahren herauf, in der Menschen auf der Hut sein und ihren Mut beweisen müssen. (Text des Museums)
Eine besondere Stellung nehmen Skulpturen ein, die wilde Tiere und Menschen zusammenführen. Ihre Interpretation entzieht sich bisher einer Deutung. Leoparden auf dem Rücken von Menschen – sind sie eine Gefahr oder ein Schutz? (Text des Museums)
Durch das ganze Neolithikum hindurch stellen Menschen sich selbst dar. Ihre Bildnisse aus Stein oder Ton heben die Besonderheiten der menschlichen Körper und ihre biologischen Fähigkeiten hervor. Die Darstellung der primären Geschlechtsorgane erlaubt für viele eine klare Unterscheidung in männliche und weibliche Skulpturen. Zugleich sind zahlreiche schematische und uneindeutige Figuren bekannt. (Text des Museums)
Männerbilder überwiegen während der frühen Phasen der Jungsteinzeit. Skulpturen von Männern zeigen einen oft übergroßen erigierten Penis als sichtbaren Ausdruck männlicher Zeugungskraft. Auch die großen zentralen T-Pfeiler der Sondergebäude bilden Männer ab, und Männer sind ebenso zentral in den Szenen aus Sayburç. Weibliche Figuren werden in den späteren Phasen der frühen Jungsteinzeit häufig, als Ackerbau und Viehzucht bereits etabliert sind. Die nun oftmals nur handgroßen Frauenfiguren betonen die lebensspendende Gabe der Frauen durch ihre körperliche Fülle. (Text des Museums)
Wir wissen wenig über die tatsächlichen Rollen von Männern und Frauen in den jungsteinzeitlichen Gesellschaften. Die Bildwerke verweisen auf idealisierte Weise auf die sichtbaren Beiträge von Männern und Frauen zum Fortbestand der Gruppe. (Text des Museums)

Geierstatue, Karahantepe,ca. 9400-8000 v. Chr.
Mich haben am meisten die Gesichter fasziniert, soweit man sie noch erkennen kann. Dass Menschen sich als halbes Tierwesen darstellen, ist aus allen Kulturen bekannt, von tribalistischen bis zu Hochzivilisationen. Aber was haben die gedacht? Waren die uns entfernt ähnlich? Für mich ist jemand, der an höhere Wesen glaubt, genauso weit „entfernt“ wie ein Mensch aus der Altsteinzeit.
Es ging auch damals um die einfachen Dinge: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.
Kommentare
3 Kommentare zu “Wüstendrachen oder: Gebaute Gemeinschaft”
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1 Die Türkei baut in der Gegend Staudämme.
2 Sobald nicht mehr genug Tiere da waren mußten die Leute Pflanzen. Vorher hats genügt einen Vormittag Grassamen abzustreifen für die ganze Familie.
3 Das Weltbild war magisch mit Naturgottheiten.
Monotheismus ist später.
Man darf solche Artefakte als Laie nicht mit Unterstellungen, gar von Heute interpretieren.
Weder was Türken drüber erzählen noch Burks.
Lange dachte man das Leben wäre mühselig gewesen.
Bis einer mit Stopuhr die Kalahari besuchte.
Zum gut Leben brauchen Menschen täglich nur ein paar Stunden, den Rest der Zeit erzählen die sich Geschichten.
Über Sterne zB. Viel Freizeit.
Bei vielen Gräbern hat man inzwischen festgestellt daß die Toten Frauen waren.
Politische Einheiten hatten keine moderne Organisationsform, Mensch hatte alle ausprobiert.
Asiaten hatten Wasserreis kultiviert.
Europäer eher Emmer/Dinkel.
Marx&Engels waren zwar näher dran als ihre Zeitgenossen aber doch weit weg.
Die Türkei machts nicht aus wissenschaftlicher Neugier sondern als prospektiver Turi Hot spot.
Menschen mußten Jagd aufgeben weil zu erfolgreich.
Nicht weil sie wollten sondern mußten Tiere halten.
Wo der Mensch hinkam verschwanden die Großtiere.
Nicht plötzlich, das zog sich Jahrtausende hin.
Keiner hats gemerkt. shifting baselines
Gemessen an damals ist die Fauna heute karg.
Mit den Haustieren kamen die Krankheiten.
Aus Rinderpest wurde Windpocken.
Sobald Menschen Brei herstellen konnten hatten sie Karies.
Kriege damals waren eher wie Papua Neuguinea.
Warlords und Dynastien sind modern statt damalig.
In Göbekli Tepe wurden Parties gefeiert.
Das Neolithikum ist die Vertreibung aus dem Paradies.
Aus der Fülle in den Mangel.
Skelette wurden schmächtiger. Leute blöder.
Kapitalismus ist nicht Natur sondern Entartung.
Man kanns auch Vergewaltigung oder Perversion nennen.
Adam Smith sah überall nur Tauschhandel (Marx auch).
Immer die blöde Staatsherleitung des Thomas Hobbes.
Immer die Knappheitserzählung.
Literatur: Levi Strauss Das Rohe und das Gekochte.
https://www.youtube.com/watch?v=Ac5WVZ9M9Z8 Sterne
Graeber/Wengrow
https://www.dtv.de/buch/die-evolution-der-gewalt-28438
https://www.youtube.com/watch?v=054XkNgMsWU Gene
So, wie Ich das sehe ist das Ganze noch nicht ganz erforscht. Sonst würden Wir heute, die alten Fehler nicht wiederholen. Geschichte wiederholt sich nicht, aber Sie reimt. Der Faktor Mensch wird immer noch nicht genug berücksichtigt. Der selbe Fehler den Marx auch gemacht hat.
<8*) Der Aluhut meint: und nu, zu den Nachrichten