Der Schrein des Buches und der Kodex von Aleppo

Die Große Jesajarolle aus Qumran ist eine 7,34 m lange Pergamentrolle, die wahrscheinlich im 2. Jahrhundert v. Chr. beschrieben wurde. Sie enthält den fast vollständigen Text des Buches Jesaja in hebräischer Sprache und ist die älteste erhaltene Handschrift eines ganzen Buches der Bibel. In der Säule ist eine Kopie, weil das Original klimatisiert gelagert werden muss.
[Fotos meines Besuchs des Israel Museums in Jerusalem am 11.10.2025, hier: der Schrein des Buches.]
Ich nehme jetzt einfach Wikipedia: Der Schrein des Buches (hebräisch הֵיכָל הַסֵּפֶר Hejchal haSefer, englisch Shrine of the Book) ist ein Gebäude im Westteil Jerusalems in unmittelbarer Nähe der Knesset, des israelischen Parlaments. Das Bauwerk gehört zum Israel-Museum, dem israelischen Nationalmuseum. Bemerkenswert an diesem Gebäude ist das rundzeltähnliche Dach, das aus Beton mit weißen Keramikfliesen besteht und mehrere, teilweise unterirdische Stockwerke im Innenraum bedeckt. Darin werden Originale und Faksimiles antiker Schriftrollen des Tanachs aufbewahrt, allen voran das Buch Jesaja – daher der Name Schrein des Buches. Auch enthält die Ausstellung weitere Fundstücke von Qumran am Toten Meer.

Teile der Schriftrollen vom Toten Meer, 3. Jahrhundert v. Chr. bis ins 1. Jahrhundert n. Chr.
Dieser Teil des Museum ist sehr eindrucksvoll und erinnerte mich an meinen ersten Besuch im Museo del Oro 1979 in Bogotá, Kolumbien, nur mit dem Unterschied, dass hier alles mehr als zwei Jahrtausende alt ist. Man glaubt, in einer dunklen unterirdischen Höhle zu sein, und dann wird es langsam heller und man erkennt die ersten Dinge…

Die Gemeinschaftsregel: Der Kodex der Sekte. „Sie leben zusammen, zu Gruppen und Gemeinschaften der Kameradschaft geformt, mit gemeinsamen Mahlzeiten, und hören niemals auf, all ihre Angelegenheiten so zu führen, dass sie dem Gemeinwohl dienen.“ (Philo, Apologia pro Judaeis II, 5)
„Im Qumranschrifttum hebt sich eine Gruppe von Texten heraus, die in einer jüdischen Gemeinschaft mit besonderer Prägung verfasst worden waren. Diese Gemeinschaft nannte sich selbst Jachad und wird in der Forschung oft mit den Essenern identifiziert. Mitglieder des Jachad befolgten die Gebote der Tora mit großer Radikalität und darüber hinaus eigene Gebote, von denen man außerhalb des Jachad nichts wusste. Der Jachad lehnte den Jerusalemer Tempel ab und glaubte, dass die Liturgie in der eigenen Gruppe den Jerusalemer Opferkult ersetzen könne. Viele Verfasser waren überzeugt, in der Endzeit zu leben.“
Armageddon vor zwei Jahrtausenden… Interessant finde ich vor allem, dass sich von den vielen Varianten des Judentums, die es damals noch gab, die rabbinische Version nach der Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer als die maßgebliche Mehrheit durchgesetzt hat. Also: Bücher sind im Judentum wichtiger als Gebäude.
Eine der größten spirituellen Revolutionen der Menschheitsgeschichte begann gegen Ende der Zeit des Ersten Tempels, als das jüdische Volk den langen Prozess der Kanonisierung seiner alten Überlieferungen aufnahm. Dieser Prozess gewann insbesondere nach der Zerstörung des Tempels und dem babylonischen Exil im 6. Jahrhundert v. Chr. an Dynamik und fand seinen Höhepunkt in den ersten Jahrhunderten n. Chr. mit dem Korpus heiliger Schriften, den wir heute die Hebräische Bibel (Tanach) nennen, der sowohl dem Neuen Testament als auch dem Koran den Weg bereitete. Aufgrund dieses Beitrags zur menschlichen Kultur wurde das jüdische Volk als „das Volk des Buches“ bekannt.
Im Laufe der Zeit wurde die Bibel zum Grundpfeiler der jüdischen nationalen Identität. Es ist daher nicht überraschend, dass nach der Entdeckung der ältesten biblischen Handschriften (der Schriftrollen vom Toten Meer) in der Judäischen Wüste[noch auf meiner To-Do-Liste] in den späten 1940er-Jahren die Idee entstand, in Jerusalem – der Hauptstadt des Staates Israel – einen „Schrein des Buches“ zu errichten, um diese alten Schriften sowie andere seltene biblische Manuskripte aufzubewahren.
Die vorliegende Ausstellung ist der bemerkenswerten Geschichte eines dieser Manuskripte gewidmet, das als der Aleppo-Kodex“ bekannt ist und als der genaueste gilt. Der Aleppo-Kodex wurde im 10. Jahrhundert n. Chr. in Tiberias geschrieben. Sein Text verkörpert Traditionen der Aussprache, der Rechtschreibung, der Interpunktion und der Kantillation, die über Generationen hinweg weitergegeben und schließlich von Gelehrten in Tiberias, den sogenannten Masoreten, schriftlich festgehalten wurden. Von Tiberias wurde das Buch nach Jerusalem, nach Ägypten und schließlich nach Aleppo in Syrien gebracht; in den 1950er-Jahren wurde es heimlich nach Jerusalem zurückgebracht. Die Ausstellung des Aleppo-Kodex im Schrein des Buches kann als Erfüllung der Worte des Propheten Jesaja (2,3) gesehen werden: „Denn von Zion wird Weisung [Tora] ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem.“
Bein fast allem, was in israelischen Museen ausgestellt ist, steckt noch eine weitere Geschichte dahinter, oft ein Art Thriller, wie die Exponate überhaupt dorthin gekommen sind. Das trifft insbesondere für den Kodex von Aleppo zu.
„Mitte des 11. Jahrhunderts, etwa ein Jahrhundert nachdem er geschrieben wurde, kam der Codex in die Hände der Karäergemeinschaft von Jerusalem, anscheinend nachdem er den Erben des Aaron ben Ascher abgekauft wurde. Nicht lange danach wurde er als Beute aus Jerusalem mitgenommen (entweder 1071 von den Seldschuken oder 1099 von den Kreuzfahrern) und tauchte schließlich in der Rabbanitensynagoge in Kairo wieder auf, wo er von Maimonides benutzt wurde. Maimonides’ Nachkommen brachten ihn Ende des 14. Jahrhunderts nach Aleppo (Syrien).
Während des Pogroms von Aleppo im Dezember 1947 wurde die Aleppiner Zentralsynagoge in Brand gesetzt und zerstört. Der Codex galt zunächst als verloren.“
Als wenn das nicht schon ein filmreifer Plot wäre: „Im Januar 1958 wurde der Codex unter nicht ganz geklärten Umständen nach Jerusalem gebracht, wo er sich heute noch befindet. Ein massiver Streit entbrannte…“
„Heimlich zurückgebracht“, „nicht ganz geklärt“ und „massiver Streit“ – wir sind in Israel.
Rettung des Aleppo-Kodex
„Man glaubte, er sei verloren, doch der Aleppo-Kodex erhob sich dennoch aus der Asche. Als die Unruhen abgeklungen waren, stellte sich heraus, dass die Juden von Aleppo ihn hatten bergen und verstecken können. Etwa zehn Jahre später, 1958, wurde der Kodex in einer kühnen, geheimen Aktion nach Jerusalem gebracht, ermöglicht durch das Eingreifen des israelischen Präsidenten Jitzchak Ben-Zvi und verschiedener rabbinischer Führer. Der Aleppo-Kodex wurde dem Ben-Zvi-Institut in Jerusalem anvertraut, und ein Kuratorium, dem auch der sephardische Oberrabbiner (der Rischon le-Zion) angehörte, wurde eingesetzt, um ihn zu betreuen.
Leider war der Kodex, der Jerusalem erreichte, nicht mehr vollständig – der Anfang, das Ende und einige Seiten aus der Mitte fehlten. Aufgrund seines schlechten physischen Zustands war eine umfangreiche Konservierung notwendig; diese wurde über einen Zeitraum von etwa sechs Jahren in den Laboratorien des Israel-Museums durchgeführt. Die Arbeiten umfassten: die Entfernung früherer Reparaturen und von Klebstoff, das Fixieren und Stärken der Tinte, das Ergänzen der fehlenden Pergamentstücke sowie das Glätten der Seiten.
Es wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, die verlorenen Teile ausfindig zu machen, da gemunkelt wurde, sie existierten noch irgendwo. Diese Bemühungen waren bislang nicht erfolgreich; bis heute wurden lediglich eine vollständige Seite mit einer Passage aus dem Buch der Chronik sowie ein kleines Fragment einer Seite aus dem Buch Exodus gefunden (letzteres wird heute als Amulett im Geldbeutel eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde von Aleppo in New York aufbewahrt [WTF?]). Nur die Zeit wird zeigen, ob noch weitere Blätter des Kodex existieren.“
Ich konnte nicht widerstehen und habe mir sofort Matti Friedmans „Der Aleppo-Codex: Eine Bibel, der Mossad und das Staatsgeheimnis Israels“ bestellt. Wieso gibt es nur das eine Buch dazu? Warum nur einen Film?
Noch mal zurück zu der Sekte von Qumram.
„Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die meisten Angehörigen der Sekte in Zelten, Hütten und insbesondere in Höhlen lebten, die in die Mergelterrasse gegenüber von Chirbet Qumran und in deren Nähe gehauen waren. In diesen Höhlen wurden Öllampen, Mesusot, Holzgeräte, Keramik und andere Gegenstände des täglichen Lebens gefunden. Außerdem wurde in der Nähe einiger Höhlen ein Netz von Wegen entdeckt, das vermutlich von den Sektierern auf ihrem Weg zum und vom Gemeinschaftskomplex genutzt wurde. Darauf weisen die zahlreichen Nägel hin, die entlang der Wege gefunden wurden und vermutlich von ihren Sandalen abgefallen sind.
Die Sektierer entschieden sich trotz der beschwerlichen Bedingungen für ein Leben in der Wüste. Sie betrachteten die Öde der Wüste als Symbol der Reinheit, als eschatologisches Paradies und als Zufluchtsort vor der Verderbtheit von Gesellschaft und Kultur – im Geist der Tora und der Propheten. Ein Leben der Abgeschiedenheit in der Wüste war notwendig, um sich von einer Welt zu trennen, die sie als unrein betrachteten, und weil sie an ihre Rolle als Verkünder der unmittelbar bevorstehenden Erlösung glaubten.“
Aus meiner Kindheit, jünger als acht Jahre: Ich ging mit meinem Großvater spazieren. Von fern sah ich die Kirmes in unserem Dorf. Mein Opa sagt: „Das ist Babylon und nichts für uns.“ Das zum Thema „unreine Welt“.

Münzschatz aus Chirbet Qumran, 1. Jahrhundert v. Chr., Silber#
Auf der zeitweilig entfernten Tonscherbe (Ostrakon – Entwurf einer Schenkungsurkunde auf einer Tonscherbe, geschrieben auf Hebräisch, Chirbet Qumran, 1. Jahrhundert n. Chr.) steht:
Im zweiten Jahr [ … ]
in Jericho gab Honi, Sohn des [ … ],
dem Elasar, Sohn des Nachmani [ … ],
Hisda aus Holon [ … ],
von diesem Tag an auf ewig,
und die Grenzen des Hauses und [ … ],
und die Feigenbäume, die Olivenbäume, und
wenn er diesen (seinen Eid) gegenüber der Gemeinschaft erfüllt [ … ],
und Honi [ … ],
an ihn Hisda [ … ],
und der [ … ],
und in die Hand von [ … ],
zu [ … ],
Hisda, Sklave des Honi(?) aus
Holon [ … ].
Frage an die hier mitlesenden Araber: Gab es euch eigentlich damals schon in Jericho?
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