Code, Simulation und Hyperrealität

baudrillard Nach 50 Seiten gab ich auf und holte mir Hilfe von der KI.

„Der symbolische Tausch und der Tod“ (französisch: L’échange symbolique et la mort, 1976) gilt als eines der wichtigsten und zugleich schwierigsten Werke des französischen Soziologen und Philosophen Jean Baudrillard. Das Buch markiert den Übergang Baudrillards von einer marxistisch beeinflussten Gesellschaftskritik zu seiner späteren Theorie der Simulation und der Hyperrealität.

Die Grundidee

Baudrillard behauptet, dass moderne Gesellschaften nicht mehr hauptsächlich durch Produktion und Klassenkampf bestimmt werden, sondern durch Zeichen, Symbole und Codes. Früher wurden Dinge hergestellt, getauscht und verbraucht. Heute werden vor allem Bedeutungen produziert:

Marken statt Produkte
Images statt Wirklichkeit
Medienereignisse statt Erfahrungen
Statistiken statt Menschen

Der Mensch lebt nach Baudrillard zunehmend in einer Welt von Zeichen, die sich von der Realität gelöst haben.

Baudrillard

Was ist „symbolischer Tausch“?

Der Begriff stammt teilweise aus den Arbeiten des Ethnologen Marcel Mauss.

In traditionellen Gesellschaften waren Gaben, Opfer, Rituale und Gegengaben wichtig.

Beispiele:
Ein Geschenk verpflichtet zur Gegengabe.
Eine Beleidigung verlangt Antwort.
Ein Opfer an die Götter verlangt Gegenleistung.
Ein Ehrverlust muss ausgeglichen werden.

Dieser Austausch folgt keiner Marktlogik. Er ist:
persönlich
wechselseitig
symbolisch
sozial bindend,

Baudrillard nennt dies den symbolischen Tausch.

Baudrillard

Was macht die Moderne?

Die moderne kapitalistische Gesellschaft zerstört nach Baudrillard diesen symbolischen Austausch. Alles wird in messbare Werte übersetzt:
Geld
Preise
Statistiken
Leistungskennzahlen
Wahrscheinlichkeiten

Statt einer Gegengabe erhält man einen Preis. Statt Ehre erhält man Status. Statt Ritualen gibt es Bürokratie.

Dadurch gehe etwas Grundlegendes verloren.

Baudrillard

Warum spielt der Tod eine zentrale Rolle?

Für Baudrillard ist der Tod das größte Problem der modernen Gesellschaft.

Traditionelle Kulturen integrierten den Tod:
Ahnenkulte
Totenrituale
Opferhandlungen
religiöse Vorstellungen.

Der Tod gehörte zum sozialen Leben. Die Moderne versucht dagegen, den Tod auszuschließen:
Krankenhäuser verbergen Sterbende
Friedhöfe liegen außerhalb der Städte
Jugend wird verherrlicht
Alter wird verdrängt

Der Tod werde zum Tabu.

Baudrillard meint: Was ausgeschlossen werde, kehre in anderer Form zurück. Deshalb erscheinen Tod und Katastrophe ständig in Medien, Filmen und Nachrichten.

Baudrillard

Die Kritik an Marx

Baudrillard war ursprünglich stark von Karl Marx beeinflusst. In diesem Buch kritisiert er Marx jedoch. Marx sah die Hauptfrage in:
Arbeit
Produktion
Eigentum
Klassenverhältnissen

Baudrillard meint dagegen: Die moderne Gesellschaft werde zunehmend durch Zeichen und Information organisiert. Nicht die Fabrik sei das Zentrum der Macht, sondern:
Medien
Werbung
Verwaltung
Datensysteme

Deshalb reiche klassische Marx-Kritik nicht mehr aus.

Baudrillard

Der Code

Eine der wichtigsten Ideen des Buches ist der Code. Der Code bestimmt:
was normal ist,
was schön ist,
was erfolgreich ist,
was gesund ist,
was wahr ist.

Menschen glauben oft, frei zu handeln.

Baudrillard sagt jedoch: Der Code legt bereits fest, welche Möglichkeiten überhaupt denkbar sind.

Heute würde man dabei an Dinge denken wie:
Algorithmen
Social-Media-Rankings
Suchmaschinen
Kredit-Scores
KI-Systeme

Baudrillard schrieb dies allerdings Jahrzehnte vor dem Internet.

Baudrillard

Simulation

Hier entwickelt Baudrillard erstmals Gedanken, die später berühmt wurden. Er behauptet: Die moderne Gesellschaft produziert Abbilder ohne Original.

Beispiele:
Werbung verkauft Lebensgefühle statt Produkte.
Politiker inszenieren Bilder statt Politik.
Fernsehen erzeugt Ereignisse, die nur für das Fernsehen stattfinden.

Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Darstellung verschwimmt. Daraus entsteht später sein berühmter Begriff der Hyperrealität.

Warum war das Buch wichtig?

Baudrillard erkannte bereits in den 1970er Jahren Entwicklungen, die heute alltäglich erscheinen:
Mediengesellschaft
Influencer-Kultur
virtuelle Identitäten
permanente Selbstdarstellung
digitale Überwachung
Datenökonomie

Viele Leser sehen darin eine erstaunlich frühe Beschreibung des Internetzeitalters.

Baudrillard

Kritik an Baudrillard

Kritiker werfen ihm vor:
Er schreibe oft absichtlich schwer verständlich. [Das kann ich bestätigen.]
Seine Aussagen seien kaum überprüfbar.
Er übertreibe den Einfluss von Medien.
Er unterschätze weiterhin die Bedeutung von Wirtschaft und Klassen.

Marxisten kritisieren insbesondere, dass er die Produktionsverhältnisse zugunsten von Zeichen und Symbolen vernachlässige.

Kurzfassung in einem Satz

Baudrillards zentrale These lautet:
Die moderne Gesellschaft hat den traditionellen symbolischen Austausch verdrängt und durch ein System von Zeichen, Codes und Simulationen ersetzt; dabei wird insbesondere der Tod aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, kehrt jedoch in medialen und kulturellen Formen ständig wieder zurück.

Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II)

reliquiar mit Korallenast essener Domschatz
Reliquiar mit Korallenast, Niederrhein, 2. Hälfte des 13. Jhs., 33 cm hoch. Die Fassung besteht aus vergoldetem Silber.

Gang út, nesso, mid nigun nessiklínon, út fana themo marge an that bên, fan themo bêne an that flêsg, út fan themo flêsgke an thia húd, út fan thera húd an thesa strála. Drohtin, uuerthe só! (Altsächsischer Wurmsegen, der älteste überlieferte deutsche Zauberspruch, ca. 900)

Ich bitte das Publikum, das zufällig eine Koralle zur Hand hat, um ein Experiment: Man nehme dieses Nesseltier, am besten tot, und trage es eine Weile in einer Hosentasche. Was zu beweisen ist: Man wird nicht mehr krank, und es passieren einem weniger Unglücke als vorher.

Wie? Das sei Unfug? Das müssen wir uns genauer ansehen: Magie wirkt nicht? Alles Aberglaube? Wenn ein Pfaffe ein güldenes Gerät mit einer aufgepflanzten Koralle und Knochensplittern vermutlich unbekannter Herkunft in die Höhe hält und der versammelten Gemeinde zeigt – was geschieht dann? Nichts? Oder doch? Kann man es auch lassen?

Wir wiederholen: „Orale Gesellschaften theoretisieren nicht, sie inszenieren. koralleDas Ritual ersetzt, ja ist geradezu ihre soziale Theorie.“ (Johannes Fried) Objekte wie Reliquien sind dingliche bzw. verdinglichte Zeichen der sozialen Hierarchien und der Rituale.

Das Reliquiar mit der Koralle ist mein Lieblingsstück im Essener Domschatz – eine Mischung aus urkomisch bis lächerlich und gleichzeitig so fremd wie ein Alien, so dass es einen neugierig macht. Was haben die sich damals dabei gedacht? Und wozu das alles?

Wikipedia sagt darüber: Korallen und Korallenäste, vornehmlich von roter Farbe, wurden schon in der Antike für Amulette verwendet. Sie galten als Schutz gegen Krankheiten, Blitzschlag und Misswuchs. Sie waren im alten Ägypten der Isis und in Rom der Venus heilig. Rosenkränze aus Korallen („Paternosterkrallen“) waren im Nachmittelalter sehr beliebt. Im italienischen Volksglauben schützen Korallen Kinder gegen Unheil. Daher findet man auch viele Darstellungen des Jesuskinds mit Korallenkette und Halsband mit Korallenast.

Ich besitze auch eine Koralle (vgl. Foto), die ich vom Schnorcheln in Belize mitgebracht hatte: Sie war bunt, verlor aber alsbald ihre Farbe, nachdem ich sie abgebrochen hatte. Ich hatte nicht daran gedacht, dass es sich um ein Lebewesen handelt. Ich würde der Koralle auf meinem Bücherregal aber keine besonderen Kräfte zusprechen. Aber warum andere das tun und warum es im Katholizismus vor Magie offenbar nur so wimmelt, muss erklärt werden. Dann fragen wir noch ganz naiv als Bonus: Was unterscheidet ein Reliquiar von einem Talisman, einem Amulett oder Votivgaben?

Marcel Mauss schrieb 1950, eine Religion nenne die Überreste älterer Kulturen „magisch“. „Stehen zwei Zivilisationen in Kontakt miteinander, so wird die Magie gewöhnlich der schwächeren zugewiesen.“ Aufgeklärte Menschen nennen das Hantieren der Katholiken mit Reliquien magisch, und das Christentum schaut auf die „primitive“ Vielgötterei älterer Religionen herab. Allerdings übernimmt der Katholizismus vorsichtshalber dann doch den „Volksglauben“ (Mauss nennt Magie „Religion für den Hausgebrauch“). Die angebliche Wirkung der Koralle ist theologisch nicht abgesichert, aber man weiß ja nie, und es schadet auch nicht, wenn man daran glaubt.

Erste These: „Wir müssen die Magie als ein System apriorischer Induktionen ansehen, die unter dem Druck von Bedürfnissen von Gruppen von Indiviuen vollzogen werden.“ Ich halte diesen Satz von Mauss für ziemlich genial, impliziert er doch, dass es keine „individuelle“ Magie gibt, sondern dass Gegenstände oder Rituale nur dann „wirken“, wenn sich die Gruppe vorher darauf geeinigt hat, dass es so sei.

Mauss behauptet auch, dass es keinen religiösen Ritus gebe, der nicht seine Entsprechungen in der Magie hätte. Der Ritus sei eine Sprache; mündliche Riten nennt man Inkantation, auch ein Synonym für „Beschwörung“.

Die Reliquiare und die mit ihnen verbundenen Rituale „sprechen“ also, sie zeigen, wie die Gesellschaft beschaffen sei. Das ist im Kapitalismus nicht so oder nur in maginalisierter Form vorhanden. Im antiken Rom war die Gesellschaft „verschriftlicht“, aber viele Rituale blieben dennoch magisch, zum Beispiel bei der pompa funebris (vgl. Egon Flaig) oder bei den zahlreichen Schadenzaubereien.

armreliquiar Beatrix von Holte essener Domschatz

Oben: Armreliquiar der Beatrix von Holte (Äbtissin von 1292 bis 1327), gestiftet um 1300. Höhe 72 cm. Holzkern, mit Silberblech beschlagen, vergoldetes Kupfer. Der Holzkern hat eine Öffnung, dahinter ist ein Hohlraum für die Oberarm-Reliquie. Im Türchen, das von der Hand gehalten wird, sind weitere Reliquien, angeblich Körperpartikel der Stiftspatrone Kosmas und Damian (vgl. Essener Domschatz I) und der Heiligen Barbara.

Unten auf der Tür der Öffnung ist ein Bild der Äbtissin sowie die lateinische Inschrift (übers.:) „Die Essener Äbtissin Beatrix von Holte ließ mich machen.“ Diese feudale Dame war tatkräftig und streitbar und hatte sogar eine Gegenäbtissin, mit der sie sich vor Gericht befehdete. Nachdem die Stiftskirche 1275 abgebrannt war, ließ sie den Komplex wiederaufbauen und sicherte sich den Zugriff auf die Essener Vogtei, die der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg beanspruchte (steht bei Thomas Schilp, habe ich nicht gelesen).

„Auf dem Stifterbild steht die betende Äbtissin in prachtvoller, pelzgefütterter Kleidung mit Wimpel und Weihel unter einer Arkade.“ (Zit n. Sonja Hermann)

Zweite These: Die „Gesetze“ der Magie sind 1. Kontiguität, 2. Ähnlichkeit und 3. Kontrast. Das meint:

1. Dinge, die sich berühren sind oder bleiben eine Einheit – das Teil steht für das Ganze. Ein Fingernagel eines Heiligen ist so gut wie der ganze Kerl (pars pro toto).

2. Ähnliches bringt Ähnliches hervor: Similia similibus curentur oder attractio similum (womit gleichzeitig bewiesen wäre, das Homöopathie Magie ist, also Quatsch mit Soße und nicht besser als Alchemie). Dazu Mauss: „Die Alten, Griechen wie Römer, haben geglaubt, die Augenkrankheiten dadurch heilen zu können, dass sie das Sehvermögen einer Eidechse auf den Kranken übertrugen; die Eidechse wurde getötet und danach mit Steinen in Berührung gebracht, aus denen Amulette gemacht wurden.“

3. In der Magie werden Dinge in einer Gruppe gefasst, die jeweils das Gegenteil sind, aber aufeinander wirken. Wie Lichtenberg sagte: „Grade das Gegenteil tun ist auch eine Nachahmung…“

Als Fazit der drei Gesetze bei Mauss: „Ähnliches erzeugt Ähnliches, Ähnliches wirkt auf Ähnliches, Konträres wirkt auf Konträres, und diese Formeln unterscheiden sich voneinander nur in der Anordnung ihrer Elemente. Im ersten Fall denkt man zunächst an das Fehlen eines Zustandes; im zweiten zunächst an die Anwesenheit eines Zustandes; im dritten vor allem an das Vorliegen eines Zustandes, der demjenigen entgegengesetzt ist, den man zu erzeugen wünscht. Im einen Fall denkt man an die Abwesenheit des Regens, den es mittels eines Symbols zu realisieren gilt; im anderen Fall denkt man an den strömenden Regen, dem es mit dem Mittel eines Symbols Einhalt zu gebieten gilt; auch im dritten Fall denkt man an den Regen, den man dadurch zu bekämpfen hat, daß man mittels eines Symbols sein Gegenteil hervorruft.“

Auch bei Amuletten, Talismanen und anderen Dingen, denen magische Kräfte zugeschrieben werden, sind diese drei Gesetze in Kraft. Vermutete Eigenschaften eines Objekt werden im kollektiven Denken auf andere Objekte übertragen, die entweder ein Teil des verehrten Ganzen sind, dessen man nicht mehr habhaft werden kann, oder dem ähnlich sind und/oder es berührt haben (wie in vielen Reliquiaren die angeblichen Nägel vom Kreuz Christi), oder das Gegenteil, mit dem man zum Beispiel etwas abwehren will.

Die Reliquiare wirken magisch, weil der Glaube, dass diese irgendwie wirkten, einen intellektuellen „Mangel“ überbrückt – man kann die Gesellschaft und ihre Hierarchien nicht im heutigen Sinn rational begreifen. Die Individuen eignen sich durch die Reliquien und die mit ihnen untrennbar verbundenen Rituale kollektive Kräfte an.

reliquiar des hl. Basilius essener Domschatz
Armreliquiar mit Reliquien des Heiligen Basilius, 2. Hälfte des 11. Jhs., Höhe 47 cm. Die Standplatte ist aus Blech und mit Scharnieren am Holzkern befestig. Die „Hand“ lässt sich öffnen. Das Reliquiar stilisiert die liturgische Dalmatik der Bischöfe. Die Zierborte wurde graviert. Die Oberfläche des „Handschuhs“ zeigt eine Art Fischgrätmuster. Auf dem Handrücken ist ein Medaillion (das ich zu fotografieren vergessen habe) mit der lateinischen Aufschrift (übers.:) „Heiliger Basilius, Diener des lebendigen Gottes, segne uns“ und „Die Rechte Gottes“.

Im Liber Ordinarius der Essener Stiftskirche wird beschrieben, welche Rolle das Armreliquiar spielte: Die „Hand“ wurde in eine Kirche nach Stoppenberg getragen und dort auf dem Altar präsentiert; eine Woche später wieder zurück. Unter Gesängen schlug der Priester dann ein Kreuz mit dem Reliquiar über die Anwesenden. [Es gibt ein Examplar eines Liber Ordinarius aus dem Jahr 1908 online – wer extrem komplizierte Rituale gern schriftlich mag.]

Seit dem 5. Jahrhundert sind Reliquiare in Form von Körperteilen mündlich überliefert, seit dem 11. Jh. als Objekt. Aus dieser Zeit sind insgesamt nur fünf Armreliquiare erhalten. Das aus dem Essener Domschatz ist also exotisch und extrem selten.

In der Schatzkammer der Kirche St. Ludgerus in Werden ist sogar noch ein erhaltenes Original eines solchen Handschuhs zu sehen. [Merke II: Obwohl Werden heute ein Stadtteil Essens ist, war das dortige karolingische Reichskloster fränkisch, der Dom in Essen aber lag schon in Sachsen.]

reliquiar essener Domschatz
Armreliquiar des hl. Quintinus, nach 1491. Gestiftet von Margarete von Castell, Pröpstin des Stifts Essen. Das Exemplar ist insofern interessant, als es rund 200 Jahre jünger als die anderen Arm- und Handreliquiare ist. Das Prinzip bleibt, aber handwerklich ist es aufwändiger gearbeitet – gegossene Statuetten von Engeln, vergoldeter Brokat“stoff“, sogar Adern sind an der Hand zu erkennen. Hinter dem Fenster im Arm sind die Reliquien. Das Wappen der Stifterin ist verlorengegangen. In den Fingerspitzen sind stilisierte Nägel zu sehen, die an die Folter des Quintinus erinnern sollen: Dieser wurde angeblich im 3. Jh. zur Zeit der Kaiser Diokletian und Maximian in Gallien mit Nägeln traktiert, umgebracht und in die Somme geworfen.

Fortsetzung folgt.

* Soziologie und Anthropologie: Band 1: Theorie der Magie / Soziale Morphologie, vgl. auch Rezeption Mauss‘ in Deutschland]
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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
– Agrarisch und revolutionär II (15.05.2021)
– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
– Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III) (27.11.2021)
– Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV) (17.12.2021)
– Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V) (23.12.21)
– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
– Blut, Nägel und geküsste Tafeln, schmuckschließend (Essener Domschatz VI) (18.04.2022)
– Missing Link oder: Franziska und kleine Könige (28.05.2022)
– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)

Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)

Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)

Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I)

essener schwert

Karolingisches Schwert aus dem Essener Domschatz, hergestellt vor 1000. Die Schwertscheide hat einen Holzkern und ist mit getriebenen Goldplatten bedeckt. Der Griff ist mit Edelsteinen und Emails verziert. Länge: knapp einen Meter. Auf der Scheide sind Ranken aus sorgfältig verteilten Blättern mit fantastischen Formen vermutlich byzantinischen Ursprungs. Die Scheide ist vermutlich ein Geschenk Kaiser Otto III. an das Essener Stift.

Es ist wie mit Frauen, dem Universum und dem Mikroskop vielen Dingen: Je genauer man hinschaut, um so interessanter kann es werden. Das gilt auch für „Prunkschwerter“. Wie der Name schon sagt: Sie sind nicht zum Kämpfen, sondern zum protzen Prunken, was aber im Feudalismus etwas anders heißt als im heutigen Kapitalismus. In jenem haben wir das Problem, dass es außer der Archäologie kaum etwas gibt, das als Quelle taugt. Vor und nach der karolingischen Renaissance muss man sich an Objekte halten, meistens der religiösen Art.

Wir hatten hier schon Marcel Mauss zitiert: „Nicht seelische Regungen oder psychische Prozesse sollten jeweils sichtbar gemacht werden, sondern objektivierende Formen sozialer Ordnung und Interaktionen. (…) Prestige und Status waren im Auftreten sichbar zu machen; nur ritualisiert ließen sie sich wahrnehmen, Herrschaftszeichen, Gaben, Kleider, Gebärden machten Leute.“ (Vgl. Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften). Ich wiederhole mich: Wer begreift, was eine Reliquie ist (vergesst den oberflächlichen Unsinn auf Wikipedia), ist auf dem richtigen Weg.

Das Essener Schwert, heute Teil des Stadtwappens, ist nicht als Bodenfund erhalten geblieben, sondern als Teil des Domschatzes. Das ist selten. Es war rund 20 Jahre „in Gebrauch“; jemand hat damit gekämpft. Das haben metallurgische Untersuchungen gezeigt. Das Damaszener-Schwert wurde auch oft geschliffen und dadurch rund sechs Millimeter schmaler als ursprünglich. Das Essener Schwert ist von so hoher Qualität, dass es vermutlich für einen Königshof in Auftrag gegeben wurde.

Als Teil des Kirchenschatzes wurde es seiner „militärischen“ Qualitäten verlustig. Man nahm den ursprünglichen Griff aus Holz oder Horn und die Parierstange ab, heftete die Kostbarkeiten daran und fertigte die Scheide (die Klinge ist in der Ausstellung gar nicht zu sehen, das wird nicht allen auffallen). Das Wichtigste ist die Inschrift, die vermutlich erst im 15. Jahrhundert hinzugefügt wurde:

Gladius cu(m) quo fueru(n)t / decollatia) / p(at)ronib) / n(ost)ri
Das Schwert, mit dem unsere Patrone enthauptet wurden.

Somit hat sich ein gutes Schwert in eine Reliquie verwandelt. Man verbindet die legendären frühchristlichen Zwillingsbrüder Kosmas und Damian, die vielleicht zur Zeit des römischen Kaisers Diokletian lebten, mit dem Schwert, dazu kommen seltene, exotische und kostbare Schmuckstücke, alles kombiniert mit bestimmen Ritualen, und fertig ist die objektivierende Form sozialer Ordnung und Interaktion. Noch im 18. Jahrhundert wurde das Schwert während der Fronleichnamsprozession herumgetragen und dem gemeinen Volk vorgeführt, dass es nur so prunkte.

Wir müssen leider die Abstraktionsschraube noch ein wenig mehr anziehen. Ich hatte mich natürlich auf den Besuch des Domschatzes vorbereitet und u.a. Gold vor Schwarz: Der Essener Domschatz auf Zollverein gelesen, ein gutes, ausführliches und vor allem bezahlbares Buch zum Thema. Über das, was mich interessiert, findet man natürlich dort nichts. Über die bloße Phänotypie kommt die bürgerliche Historiografie nur selten hinaus. (Der hier schon oft zitierte Johannes Fried Johannes Fried ist eine große und um so bemerkenswertere Ausnahme.)

Was braucht es, um einen Gebrauchsgegenstand in eine Reliquie zu verwandeln? Klobürsten oder banale Dinge sind nur dann ungeeignet, wenn sie keinen Bezug zum jeweils passenden Überbau, also der Religion, haben. Ich habe auch in Essen zahlreiche Nägel gesehen, die verehrt wurden, weil sie angeblich vom Kreuz stammten, an dem angeblich der Sohn des christlichen Gottes starb. Fazit: Jedes Objekt ist theoretisch geeignet. Reliquien sind auch nicht auf das Christentum beschränkt. Wir müssen uns also auch in das luftige Reich der Magie begeben, also hinsehen, wie in einer oralen Gesellschaft das Volk im Sinne des Wortes verzaubert wird.

Fortsetzung folgt.

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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
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– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
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Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)

Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)

#Denkmalsturz und Ikonoklasmus

lenin
Source: MLPD

„Jede Aufzeichnung wurde vernichtet oder verfälscht, jedes Buch überholt, jedes Bild übermalt, jedes Denkmal, jede Straße und jedes Gebäude umbenannt, jedes Datum geändert. Und dieses Verfahren geht von Tag zu Tag und von Minute zu Minute weiter.“ (Goerge Orwell, 1984)

Die antisemitische Stalinisten-Sekte MLPD stellt sich irgendwie gegen den Trend und stellt ein Denkmal für Lenin auf. Immerhin nicht Stalin, das trauen sie sich doch nicht.

Mir fällt dazu Marcel Mauss Soziologie und Anthropologie I. Theorie der Magie. Soziale Morphologie ein. Der magische Ritus spiele sich „in einem ausdifferenzierten magischen Milieu ab, das sich (…) von anderen Milieus abgrenzt und unterschieden werden soll. Streng genommen genügen eine einfache Haltung, ein Gemurmel, ein Wort, eine Geste oder ein Blick, um anzuzeigen, daß dieses Milieu vorliegt.“

Magie ist nicht „primitiv“, sondern immer und in jeder Gesellschaft, unterhalb der Ebene der Religionen oder ist Teil dieser.

Die Bilder- und Denkmalstürmerei ist selbstredend eine magische Handlung. Vermuteten die Stürmer, dass diese Denkmäler nicht wirkten, brauchten sie diese auch nicht zu zerstören. Die Pointe ist also, dass diejenigen, die am stärksten gegen die Ikonen des jeweils neu zu definierende Böse vorgehen, am meisten daran glauben.

„Wir müssen die Magie als ein System apriorischer Induktionen ansehen, die unter dem Druck von Bedürfnissen von Gruppen von Individuen vollzogen werden.“

Welche Gruppe? Natürlich das neue Kleinbürgertum, das von oben unter Druck steht und das sich „rein“ halten will, weil – so das magische Denken – durch „Purifikation“ (das Bedürfnis) die Gruppe stabil bleibt. Das gilt für Sprache (vgl. Gendersprache), Bilder und Denkmäler bzw. Skulpturen.

Mauss meint einleuchtend, dass die ikonoklastische magische Handlung „der Religion in ihrer Sühnefunktion Konkurrenz macht.“ Schuld und Sühne – etwas Erzprotestantisches, was nicht zufällig in den USA und in Deutschland den Furor der Sitten- und Tugendwächterinnen hervorbringt. „Zwischen dem Wunsch und seiner Verwirklichung gibt es in der Magie keinen Zwischenraum.“

(Man müsste statistisch untersuchen, ob diejenigen, die Denkmäler umwerfen, auch dem Veganismus-Asketismus huldigen vegan essen und Gendersternchen benutzen. Ich will jetzt nicht anfangen zu wetten…)

Ich empfehle einen klugen Artikel von Gesine Krüger: #Denkmalsturz:
Wo soll das alles enden? Wer stünde noch zur Dispo­si­tion – Chur­chill, Bismarck, alle Natio­nal­helden der west­li­chen Welt? Kant gar? Doch hinter der Frage, wo soll das enden, verbirgt sich oft die Angst, über­haupt anzu­fangen. Und sie zeigt, dass es tatsäch­lich erst einmal kein Ende gibt, denn so vernetzt, global die Proteste sind, so vernetzt und global, so tief veran­kert in der Gesell­schaft waren Skla­ven­handel und Kolo­nia­lismus. (…) Wem wollen wir Denk­mäler setzen und in welcher Form? Das ist viel­leicht die bessere Frage als die, wer weg soll.

Fatimidisch und fernöstlich

Remember: „Orale Gesellschaften theoretisieren nicht, sie inszenieren. Das Ritual ersetzt, ja ist geradezu ihre soziale Theorie.“ Objekte sind dingliche bzw. verdinglichte Zeichen der sozialen Hierarchien und der Rituale.

„Nicht seelische Regungen oder psychische Prozesse sollten jeweils sichtbar gemacht werden, sondern objektivierende Formen sozialer Ordnung und Interaktionen. (…) Prestige und Status waren im Auftreten sichbar zu machen; nur ritualisiert ließen sie sich wahrnehmen, Herrschaftszeichen, Gaben, Kleider, Gebärden machten Leute.“ (Johannes Fried. vgl. auch Marcel Mauss: Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften).

servatiusstab

Quedlinburger Domschatz: Der Servatiusstab oder Äbtissinnenstab, Lothringen (?); Mitte des 10. Jahrhunderts. Eschenholz, getriebenes Silber und Gold, geschmiedetes Eisen. Der Stab war ganz mit gemustertem Samit umhüllt, vom dem nur noch winzige Reste vorhanden sind, ebenso fehlen große Teile des Goldbeschlags. Dietrich Kötzsche schreibt: „Die Manschette aus getriebenem und vergoldetem Silber, [sic] in der Mitte des Schaftes, verdeckt dort einen Bruch des Stabes, der, wie die Formen des schmalen Rankenornaments zeigen, wohl in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts repariert worden ist.“

Der ottonische Geschichtsschreiber Thietmar von Merseburg berichtet von einem goldenen Stab, den Kaiser Otto III. seiner Schwester Adelheid 999 aus Italien bringen ließ, als Symbol ihrer Ernennung zur Äbtissin von Quedlinburg. Der Servatiusstab könnte dieser Stab sein. Koetzsche zweifelt das an, da „auf den mittelalterliche Münzen und auf allen erhaltenen Siegeln der Quedlinburger Äbtissinen“ bis zur Mitte des 14. Jh. nur ein Lilien- oder Blütenszepter als Insignie erwähnt sei, nicht jedoch ein Krummstab. Um 1544 wird der Stab wird im Verzeichnis des Stiftes als „Sanct Ceruacius stap met golt beschlagen“ und später sogar als „Kayser Heinrici Auceps stab, so oben wie ein hacken, umher und herunterwerts mit golde beschlagen“. Vermutlich sei der Stab, so Koethsche, eher eine Reliquie, nicht jedoch das Zeichen eines Amtes.

Ich schrieb: Im Unterschied etwa zu Polen emanzipierten sich jedoch die hörigen Bauern ab dem 10. Jahrhundert wieder mehr und mehr von der Grundherrschaft. ein kritischer Leser bemängelte die mangelnde Faktenlage dieser These und fragte nach, womit man da belegen könne. (auch hier: Vergesst Wikipedia!)

Meine These: ab dem 10. Jahrhundert entwickelten sich die Produktivkräfte rapide: Die Dreifelderwirtschaft setzte sich durch. Große Flächen, vor allem im Osten, wurden urbar gemacht – die Siedler bekamen mehr Rechte und schufen oft bäuerliche Genossenschaften. Die Bevölkerung wuchs erheblich – das änderte sich erst durch die Pandämien im 14. Jahrhundert wieder. Mit der so genannten 2. Leibeigenschaft Ende des 15. Jahrhunderts endet der Klassenkampf von oben zuungunsten der meisten Bauern; hundert Jahre später im Bauernkrieg im Desaster.

seidenfragment

Seidenfragment aus Italien, 2. Hälfte d. 14. Jahrhunderts. (Thomas Labusiak u. Jaos Stekovics: Kostbarer als Gold: Der Domschatz in der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg erwähnen dieses Stück nicht, obwohl ich es mit am interessantesten finde.) Das Seidengewebe ist mit einem Pergamentstück versteift. D. Kötzsche: „In einer Schrift wohl des 12. Jahrhunderts enthält es einen Abschnitt aus dem Hohenlied, 5-6.

Das rot-goldene Muster zeigt einen brüllenden Löwen, der eine Hirschkuh jagt. Das Motiv sei typisch für italienische Seiden des 14. und 15. Jahrhunderts. „Die Anregungen zu solchen Muster, deren Aufbau von dem bis dahin im Mittelmeerraum üblichen völlig abweicht, stammt aus dem fernen Osten, vor allem aus China, das durch das riesige, sich bis zum Schwarzen Meer erstreckende Mongolenreich leichter zugänglich geworden war.“ Die Mongolen und das größte Reich der Weltgeschichte wurden in meinem Geschichtsunterricht im Gymnasium mit keinem Wort erwähnt. 1221 schlossen die Mongolen ein Bündnis mit venezianischen Kaufleuten – das könnte erklären, wie das Motiv nach Italien gelangte. (James Chambers: The Devil’s Horsemen: The Mongol Invasion of Europe)

seidenfragment

Fischförmige Bergkristall-Reliquiare (Ostensorium), fatimidisch, 10. Jahrhundert (ursprünglich Kosmetikfläschchen), Goldschmiede-Montage in Quedlinburg Mitte des 13. Jahrhunderts. Durch den Kristall kann man eine in Stoff gewickelte Reliquie erkennen; was genau es ist, weiß man nicht. Im 19. Jahrhundert vermutete man, es seien Haare der Maria Magdalena (K. Voigtländer Die Stiftskirche St. Servatii zu Quedlinburg. Geschichte ihrer Restaurierung und Ausstattung, 1989).

müll

Quedlinburger Schlossmuseum: „Der ‚Heuschreckenschwarm‘ verlässt die Pfalz und hinterlässt leere Scheunen und Ställe und Müll…“ (um 1000) Zwei Kugeltöpfe – Kochgeschirr, das nur ein halbes Jahr zu nutzen war und danach weggeworfen wurde. Ein eisernes Messer mit Griffdorn, Zimmermannsbeil, Hufeisen, Reste eines eisernen Sporns, Spatenblatt eines Holzspatens, Webgewicht, für einen senkrechten Gewichtswebstuhl, Handspindel aus Kalkstein, Knochen von Schafen, Ziegen, Rindern, Schweinen und Geflügel…
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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, 05.05.2019 – über den Begriff Feudalismus (Fotos:Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)

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Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun

Kamm Heinrichs I.

So genannter Kamm Heinrichs I.. Der Kamm ist aus Elfenbein und stammt aus Syrien oder Ägypten, 7.-8. Jahrhundert. Die Fläche ist mit geschnitzen Weinlaubranken überzogen. Die Goldmontierung und der Steinschuck wurden erst viel später hinzugefügt, da sie die Ranken zum Teil bedecken. Der Beschlag ist teilweise beschädigt. Es fehlen einige Edelsteine, wie auch die Pferdeköpfe – sie wurden vermutlich abgeschnitten oder -gefeilt. Ursprünglich war der Kamm insgesamt rechteckig. Die stilisierten Zügel, „Rhombus und Rahmen der runden Fassung sind aus drei miteinander zu Streifen verlöteten Perlstäben gebildet. (…) Perlstäbe aus Gold sind vornehmlich im Münzschmuck des 9. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland bekannt.“ (Peter Berghaus: „Der Münzschmuck von Gärsnäs, Ksp. Herrestad (Skåne), 1965, zit. n. Dietrich Kötzsche (Hrsg.): Der Quedlinburger Schatz wieder vereint. [Katalog zur Ausstellung im Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz]], 1993 [das mit Abstand beste Buch zum Quedlinburger Domschatz!]. Der Kamm wird 1544 in einem Verzeichnis des Quedlinburger Domschatzes erwähnt: Keisser Heinrichs Kamme mit stein und golt beschlagen.

Der Kamm ist also ein Konglomerat aus verschiedenen Arbeiten und Zeiten. Vielleicht gehörte er zur Mitgift der Theophanu. Es gibt aber ähnliche Kämme aus derselben Zeit wie den Kamm des Hl Heribert aus Metz im Museum Schnütgen in Köln.

Wie kriegen wir also den Feudalismus in den Griff? These: Wer begreift, was eine Reliquie ist (vergesst den oberflächlichen Unsinn auf Wikipedia), ist auf dem richtigen Weg.

Wir haben hier eine orale Gesellschaft vor uns mit der Sippe „als mentaler Realität“ (Johannes Fried) „Orale Gesellschaften theoretisieren nicht, sie inszenieren. Das Ritual ersetzt, ja ist geradezu ihre soziale Theorie.“ Objekte sind dingliche bzw. verdinglichte Zeichen der sozialen Hierarchien und der Rituale.

„Nicht seelische Regungen oder psychische Prozesse sollten jeweils sichtbar gemacht werden, sondern objektivierende Formen sozialer Ordnung und Interaktionen. (…) Prestige und Status waren im Auftreten sichbar zu machen; nur ritualisiert ließen sie sich wahrnehmen, Herrschaftszeichen, Gaben, Kleider, Gebärden machten Leute.“ (Vgl. Marcel Mauss: Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften).

Samuhel Evangeliar

Samuhel-Evangliar, Quedlinburg (um ca. 1230). Eichenholzkern mit getriebenem Silber und vergoldet, dazu Perlen, Korallen und Glassfluss. Der Rückendeckel ist aus rot gefärbetem Schafsleder. Neun Emails sind älter als der Kasten und stammen aus Byzanz. Einige Senkschmelzen ähneln denen des Patriarchenkelchs von San Marco in Venedig. Teile des Beschlags und einige Edelsteine fehlen. „Von 180 Fassungen sind 43 leer“. (D. Kötzsche) Das Evangeliar wurde 1991 neu gebunden und restauriert.

Orale Gesellschaften wie die des Feudalismus beschreiben etwas, sie analysieren nicht. „…die Welt selbst erscheint für primitive Denken als eine unendliche Kette von Ähnlichem und Gleichartigem. Raum und Zeit werden nicht exakt gemessen. (…) Verwandtschaft präsentiert, so zeigen ethnologische Vergleichsstudien, in illiteraten Gesellschaften die Kategorie sozialer Ordnung und Wahrnehmung schlechthin.“

Wieso muss ich jetzt an Araber-Clans in Neukölln denken?

Otto-Adelheid-Evangeliar

Otto-Adelheid-Evangeliar, Konstantinopel, 2. Hälfte 10. Jahrhundert, Goldschmiedearbeiten Quedlinburg 1220-1230. Geschnitztes Elfenbein mit Gold, Schmuck ähnlich wie beim Samuhel-Evangeliar, leicht beschädigt. „Von 96 Fassungen heute 44 leer“. (D. Koetzsche) In der Mitte ein byzantinisches Elfenbeinrelief mit der Christi Geburt, Taufe, Kreuzigung und Kreuzabnahme, die durch griechische Buchstaben wiedergegeben werden. „Die vier Löcher im Rahmen, heute als Nagellöcher genutzt, lassen darauf schließen, daß das Relief die Mitteltafel eines Tryptychons war; sie haben höchstwahrscheinlich zur Befestiung von Leisten gedient, in die die Seitenflügel gehängt waren. Auf ihnen könnten sich weitere Szenen befunden haben. (…) Aufgrund ikonographischer Details wurde das Relief zuletzt in das 3. Viertel des 10. Jahrhunderts datiert und seine Herkunft mit Kaiserin Theophanu direkt in Beziehung gebracht.“ (D. Koetzsche) Der Rahmen stammt aus dem 13. Jahrhundert, vermutlich wurde er in Halberstadt oder Quedlinburg angefertigt.

Das erinnert mich auch an die Zeit, als wir als marxistische Altgermanisten in schweißtreibenden Seminaren das Nibelungenlied auseinandernahmen. „Die Schönheit einer Frau besteht in der feudalen Vorstellung sowohl aus dem ‚Adel‘ des Körpers als auch aus der standesgemäßen äußeren Ausstattung mit Elementen des repräsentativen Reichtums“. Mindestens die Hälfte der Verse des feudalen Epos besteht aus Schilderungen der Kleidung, die aber nicht individuell ist – wie auch nicht die „charakterlichen“ Eigenschaften -, sondern bei allen gleich. Das muss man doch ernst nehmen?!

Hierzu ein bisschen geistreiches Geschwurbel gefällig? Da nehmen wir am besten Hegel: „Phänomenologie des Geistes“:
Ebenso bezieht sich der Herr mittelbar durch den Knecht auf das Ding; der Knecht bezieht sich, als Selbstbewußtsein überhaupt, auf das Ding auch negativ und hebt es auf; aber es ist zugleich selbstständig für ihn, und er kann darum durch sein Negieren nicht bis zur Vernichtung mit ihm fertig werden, oder er bearbeitet es nur. Dem Herrn dagegen wird durch diese Vermittlung die unmittelbare Beziehung als die reine Negation desselben, oder der Genuß; was der Begierde nicht gelang, gelingt ihm, damit fertig zu werden, und im Genusse sich zu befriedigen. Der Begierde gelang dies nicht wegen der Selbstständigkeit des Dinges; der Herr aber, der den Knecht zwischen es und sich eingeschoben, schließt sich dadurch nur mit der Unselbstständigkeit des Dinges zusammen, und genießt es rein; die Seite der Selbstständigkeit aber überläßt er dem Knechte, der es bearbeitet.

Damals schrieb ich: Hegel definiert hier präzise die feudale Identität, den Zusammenhang zwischen Existenzform und Gedankenform. Sowohl der Bauer (der Knecht) als auch der Herr (der Feudaladlige) beziehen sich zur Natur negativ, über ihre Begierde, die zur Vernichtung drängt. Der Unterschied ist aber, daß der Feudalherr die Bearbeitung der Natur dem Bauern überlässt und sich nur mittelbar, d.h. nur vermittelt über seine Herrenexistenz auf sie bezieht, die Natur nicht bearbeitet, sondern nur konsumiert.

Daher sind Gewalt und Konsum nur zwei Seiten einer Medaille, der feudalherrlichenn Aneignung der Natur. Die Natur erscheint ferner in der Form des Konsums als natürliche Voraussetzung der Existenz, genauso wie der Bauer natürliche Bedingung seiner Herrenexistenz ist…

Alles klar? Puls und Atmung und so?

Katharinenreliquiar

Katharinenreliquiar, Niedersachsen 1230-1240, aus einem Eichenholzkern, Silberblech und Kupfer, vergoldet, leicht beschädigt. Um Sancta Katarina vergulte kestgen erwähnt. Der genaue Zweck ist nicht bekannt. Die Bilder zeigen Motive aus dem Alten Testament und die Apostel. „Stilistisch folgen die Figuren dem sogenannten Zackenstil, der im 13. Jahrhundert als charakteristischer Stil vor allem in der Buchmalerei auftritt. Er zeichnet sich durch bewegte Figuren aus, deren detailreiche Gewänder zerklüftete Faltensysteme mit jähen Umbrüchen bilden.“ (Thomas Labusiak u. Jaos Stekovics: Kostbarer als Gold: Der Domschatz in der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg, 2016.

Wir haben mit dem Feudalismus gerade erst angefangen. Um welche Zeit geht es? Zur Zeit der Merowinger und der Karolinger haben wir noch einen relativ starken und ökonomisch unabhängigen König. „Die Kosten des Aufstiegs der Karolinger trug, wie stets, das einfache Volk“, schreibt Fried ganz nebenbei – für einen bürgerlichen Historiker eine erstaunliche These.

Reliquienkasten Heinrich I.

Reliquienkasten Heinrich I., Oberitalien, 10. Jahrhundert (Elfenbeinreliefs), 2. Hälfte 11. Jahrhundert (Walrosszahnreliefs), Quedlinburg, 1230-1240 (Goldschmiedearbeiten). Der Kern des Kastens ist auch Buchenholz, Silver vergoldet, Schmuck und Edelsteine ähnlich wie beim Samuhel-Evangeliar. Die Figuren sind stark abgenutzt, Details fehlen, auch vom Schmuck. Von 121 Fassungen heute 36 leerund zumeist beschädigt (…), es fehlen die Perlenschnur um die Mandorla und Teile der Perlenschnüre an der Frontseite; Schloß aus Eisen später hinzugefügt, zahlreiche Eisennägel, besonders im Deckel…“ (D. Koetzsche) Auch hier wurden ältere Stücke wiederverwendet und neu arrangiert.

Gleichzeitig wurde aber die feudale Grundherrschaft (auch bekannt als „Lehnswesen“) mit nackter Gewalt ausgebaut. Zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert gab es eine kleine landwirtschaftliche Revolution, u.a. wurde der asymmetrisch wendende Pflug erfunden, die Viehhaltung verbesserte sich, Wassermühlen wurden gebaut (kann man alles nur archäologisch beweisen) usw.. Der Feudaladel emanzipiert sich ökonomisch und damit auch militärisch vom König. Permanentes Hauen und Stechen ohne Gefühlsduselei war die Regel und nicht die Ausnahme.

Straußenei-Reliquiar

Das Straußenei-Reliquiar, Norddeutschland, 15. Jahrhundert, stamm aus dem Schatz des Prämonstratenserklosters St. Wiperti. Ähnliche Eier sind im Domschatz von Halberstadt. Das Material von Fuß und Knauf ist billiger Kupfer, „das eine feine Bearbeitung nicht erlaubte. An sich war den Goldschmieden wegen der Betrugsgefahr das Verarbeiten von vergoldetem Kupfer verboten, doch erlaubten die Zünfte Ausnahmen bei Geräten für den Gottesdienst. (nach Johann M. Fritz: Goldschmiedekunst der Gotik in Mitteleuropa, 1982, hier in D. Koetzsche) Das Straußenei galt als Symbol für Geburt und Auferstehung Christi; hier sind keine Reliquien im Inneren erhalten.

Heute bin ich zu müde, um mehr zu schreiben. Aber die Puzzleteile setze sich allmählich zusammen…

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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
– Agrarisch und revolutionär II 15.05.2021)
– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
– Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III) (27.11.2021)
– Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV) (17.12.2021)
– Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V) (23.12.21)
– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
– Blut, Nägel und geküsste Tafeln, schmuckschließend (Essener Domschatz VI) (18.04.2022)
– Missing Link oder: Franziska und kleine Könige (28.05.2022)
– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)

Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)

Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)

Holy Shit!

Die spätkarolingische Georgskirche in Second Life 2009

Die Evangelen benutzen jetzt einen „Segensroboter“. Er heisst „BlessU-2“ und ist ein ehemaliger Geldautomat. Kann man sich gar nicht ausdenken, sowas.

Da fällt mir ein, dass ich noch einmal Marcel Mauss‘ Theorie der Magie durchblättern wollte.

Bildersturm oder: Obsessed by Naked Nymphs

hylas and the nymphs

Von John William Waterhouse hörte ich jetzt zum ersten Mal. Seine Bilder gefallen mir, nachdem ich sie mir angesehen habe. So geht es offenbar nicht allen:

„In January 2018, curators at Manchester Art Gallery removed Waterhouse’s Hylas and the Nymphs from public display leaving an empty space to encourage debate as to how artistic depictions of women’s bodies should be displayed. Post-it notes were provided for visitors to air their views and postcards of the painting were removed from the gift shop. The galley’s actions prompted a backlash with accusations of censorship, puritanism, and political correctness. The painting was rehung after a week’s absence.“

Sehr aufschlussreich zum Thema finde ich einen Artikel im Telegraph: „Pre-Raphaelite art: the paintings that obsessed the Victorians“.

Den gebildeten Leserinnen und den in Kunstgeschichte bewanderten Lesern empfehle ich auch, sich mit der Lady of Shalott zu befassen: „…dürfe im Viktorianismus auch die Frau nur aus der abgeschotteten privaten Sphäre heraus das Weltgeschehen beobachten. Die unmittelbare Interaktion mit der Welt sei – für die dann: ‚gefallene‘ Frau – nur um den Preis möglich, dass sie wie der schöne Leichnam der ‚Lady von Shalott‘ selbst zu einem passiven Objekt des ästhetischen und sexuellen Begehrens werde.“

Das ist doch spannend. Doch wie soll man über Kunst diskutieren, wenn sie nicht gezeigt wird? Ich halte das Abhängen/Übermalen/Sprengen für primitive Magie; „Primitiv“ nicht abwertend, sondern im Sinne der ethnologischen Definition, wie etwa in Marcel Mauss‘ Soziologie und Anthropologie: Band 1: Theorie der Magie.

Man versucht, sich mit Abwehrhandlungen der Wirkung eines Objekts oder Bildes zu entledigen.

Francesco Furini hat das Thema auch gemalt, es hängt im Palazzo Pitti in Florenz. Die Italiener sind keine Protestanten, denen der Puritanismus und die Prüderie ab Werk weltanschaulich eingebaut worden sind. Dort werden sie nichts abhängen.

Soziales Konformitätsverlangen oder: Ist Currywurst links?

currywurst

Nach der Regel der Distanzierung vom physiologisch Ursprünglichen (bzw. der ‚Reinheitsregel‘) gilt, daß mit wachsendem Druck der sozialen Situation auf die an ihr beteiligten Personen das soziale Konformitätsverlangen dahin tendiert, sich durch die Forderung nach strikter Kontrolle der körperlichen Funktionen auszudrücken.*

„Das Wort vegan geht auf den Engländer Donald Watson zurück, der 1944 die Vegan Society gründete, eine Abspaltung der englischen Vegetarian Society (Vegetarier-Gesellschaft).“ Über Donald Watson lesen wir: „Zu welchem Zweck die Schweine dienten, erkannte er, als er sah, wie eines geschlachtet wurde – was sein Leben grundlegend veränderte. (…) Außerdem lehnte er jeglichen Konsum von Alkohol, Zigaretten oder anderen Suchtmitteln strikt ab.“

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Veganismus ist eine Form der protestantischen Askese und politisch reaktionär, was viel über das Lebensgefühl der Pseudolinken hier in Deutschland aussagt, unter denen diese esoterische Religion zur Zeit grassiert.

„Askese“ ist ein komplizierter Begriff und natürlich nicht auf den Protestantismus beschränkt. Im Prinzip geht es um Magie: Man verzichtet auf etwas in dem Glauben, die Götter seien einem dann gewogen. Die Askese ist ethnologisch verwandt mit dem Opfer. Magisches Verhalten dient insbesondere dazu, eine Gruppe und ein soziales Milieu zu schaffen, dessen Mitglieder sich untereinander erkennen wollen, „ein Milieu, das (…) von anderen Milieus abgegrenzt und unterschieden werden soll. Streng genommen genügen eine einfache Haltung, ein Gemurmel, ein Wort, eine Geste oder ein Blick, um anzuzeigen, daß dieses Milieu vorliegt.“**

Es reicht also nicht, nur bestimmte Vorschriften zu beachten, was die Nahrung betrifft, sondern es geht um ein Lebensgefühl, das sich in jedem Detail der Attitude wiederspiegelt: Wer heutzutage vegan isst, mag auch Wursthaare, wird vermutlich kaum ein traditionelles Holzfällerhemd oder ein Kostüm tragen und weiß, was ein „Plenum“ (Latein!) ist.

Der Kapitalismus ist bekanntlich nicht in einer „Krise“, sondern die Krise ist ein Feature desselben: Die Armen sollen ärmer werden und die Reichen reicher, weil der tendenzielle (nicht der absolute!) Fall der Profitrate das Kapital in „konjunkturellen Schüben“ dazu zwingt, die Löhne zu senken, eine industrielle Reservearmee auf Vorrat zu halten, um das Proletariat zu disziplinieren, und sich neue Ressourcen und Märkte zu erobern, um die Profite zu garantieren.

Vegetarisch zu leben oder gar vegan, ist teuer. Die Armen können sich das gar nicht leisten. Ich meine nicht die relativ Armen in Deutschland, wo niemand verhungern muss, sondern die wirklich Armen in aller Welt, denen es nicht darum geht, die Nahrung als Teil der Attitude zu verstehen, mit der man ausdrücken will, gut zu sein, sondern die schlicht nichts zu fressen haben und sich sorgen müssen, dass sie nicht verhungern. Man isst das, was es gibt, weil man es sich nicht aussuchen kann. Um vegan zu essen, braucht man ein spezielles Geheimwissen, welche Nahrung woraus hergestellt ist. Bolivianische Bergleute kann man das nicht fragen – die essen eben Cuy und kauen Koka-Blätter.

Der Veganismus-Asketismus ist eine neue Form des Opium des Volkes, wie die Esoterik insgesamt: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist“.“ Man protestiert nicht gegen die Produktionsverhältnisse, sondern dagegen, wie Tiere behandelt werden, weil man sich Ersteres nicht traut.

Wer vegan isst, ist auch mit großer Wahrscheinlichkeit für „fairen“ Lohn und „fairen“ Handel, hat also von Ökonomie keine Ahnung.

Interessant ist es zu beobachten, dass dieser Lebenstil vor allem von Leuten gepflegt wird, die eben nicht arm sind, sondern priviligiert, von Studenten etwa, die besonders in Deutschland vorwiegend aus den bürgerlichen und sozial abgesicherten Schichten stammen. Diese Milieus haben etwas zu verlieren. Die Angst vor dem sozialen Abstieg führt bei denen eben nicht dazu, sich gegen die Verhältnisse zu empören, was auch dazu führen würde, dass sie ihre eigenen Privilegien verlören, sondern zum Zwang, sich innerhalb des Milieus konform zu verhalten. Wer meint, dass man sich an Regeln halten müsse, damit man auf der sicheren Seite sei, gehört weder der herrschenden Klasse an noch zu denen, die wirklich die Systemfrage stellen. Ich schrieb dazu 1998: Nur die Mittelschichten fordern von allen anderen, sich an Regeln zu halten, weil sie „Angst vor dem Absturz“ (Barbara Ehrenreich) haben. Wer aufsteigen will, muß die Werte der Gesellschaft verinnerlichen und sich selbst kontrollieren.

Iss vegan, kontrolliere dich selbst freiwillig beherrsche dich, und tue Gutes! Gib den Armen etwas und kümmere dich um Flüchtlinge (aber nicht um Alte, die in Heimen dahinvegetieren oder um Obdachlose – die sind nicht sexy genug, um Mitleid zu erregen)!

vegan

*Mary Douglas: „Ritual, Tabu und Körpersymbolik. Sozialanthropologische Studien in Industriegesellschaft und Stammeskultur. Frankfurt am Main 1974, S. 3 – eines der interessantesten und klügsten Bücher, das ich besitze.
**Marcel Mauss: Soziologie und Anthropologie Band I: Theorie der Magie – soziale Morphologie, München 1978, S. 83

Ludwig lesen oder: Habt ihr noch alle Tassen im Schrank?

Bücher

Es gibt keine Glückseligkeit ohne Tugend, ihr habt Recht, ihr Moralisten […] aber merkt es euch, es gibt auch keine Tugend ohne Glückseligkeit – und damit fällt die Moral ins Gebiet der Privatökonomie oder Nationalökonomie. (Ludwig Feuerbach)

Wir machen gleich kurzen Prozess, damit es die Leser nicht allzusehr schmerzt:
Wer wissen will, wie die kapitalistische Wirtschaft funktioniert, sollte zunächst die „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx lesen (1100 Seiten), weil darin die Werttheorie entwickelt wird. Dann die drei Bände des „Kapital“ (rund 3000 Seiten, gefühlt 30.000), nicht zu vergessen Ludwig Feuerbachs „Das Wesen den Christentums sowie alles über „Herrschaft und Knechtschaft in der Hegelschen „Phänomenologie des Geistes“ (rund 600 Seiten). Ich erwarte auch fundiertes Wissen in altgriechischer, römischer und mittelalterlicher Geschichte, Grundkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie und die Lektüre der Standardwerke der Ethnologie über Fetischismus – wahlweise 500 Seiten Marcel Mauss oder – wer es ganz exotisch haben will – eine antiquierte Scharteke von Maurice Godelier, zum Beispiel „Oekonomische Anthropologie. Untersuchungen zum Begriff der sozialen Struktur primitiver Gesellschaften“.

Jetzt wackeln die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser mit den Köpfen, fragend, was dieser Burks wohl geraucht haben möge, und beschließen, sofort weiterzuzappen auf etwas Leichtes, Beschwingtes und auch für den durchschnittlichen deutschen Fernsehzuschauer verständliches Wortgebräu, das zu verdauen man das Gehirn nicht über Gebühr anstrengen muss, etwa das tägliche Horoskop, den Wirtschaftsteil deutscher Zeitungen die Börsennachrichten der Tagesschau.

Halt! So einfach ist das eben nicht mit der Wirtschaft. Wer Metzger lernen will, braucht ein paar Monate Lehrzeit, um ein Schwein sauber zerlegen zu können. Und ihr wollte mir weismachen, die Prinzipien, wie Ökonomie im Kapitalismus funktioniere, könne man so mal eben aus dem Bauch heraus, per gesundem Volksempfinden, lernen und verstehen – wie das FDP-Funktionäre Volontäre und Journalisten in Deutschland täglich tun? Habt ihr noch alle Tassen im Schrank?

In Wahrheit ist es mit Karl Marx und seinen Ideen noch viel vertrackter. Das ökonomische Hauptwerk „Das Kapital“, dessen Basis schon in den „Grundrissen“ beschrieben wurde, fußt auf dem, was Philosophie und Wirtschaftswissensschaft im frühen 19. Jahrhundert entwickelt hatten. Marx hat das nur neu und anders interpretiert. Ganz nebenbei nahm er auch heutige Theorien der Wahrnehmungspsychologie vorweg – damals beschäftigte sich die Philosophie mit der Frage: Ist die Welt wirklich so, wie wir sie glauben zu sehen, oder ist sie vielmehr nicht ganz anders? Und wenn die Welt anders ist als wir meinen, wie könnten wir das jemals erfahren?

Ich schrieb über den Warenfetisch: „Im Kapitalismus würden den Waren, dem Geld und schließlich dem Kapital Eigenschaften zugeschrieben, die diese in Wahrheit nicht haben, steht bei Wikidings. Das, was über Wirtschaft gedacht wird, ähnelt dem Abergauben der Religionen, ist also nicht wahr, sondern Unfug. Und das ist zwangsweise so: Die Mehrheit der Leute kann gar nicht anders, aus historischen Gründen, genausowenig wie ein Bauer im alten Ägypten verstanden hätte, dass sich die Erde um die Sonne dreht.“

Das kriegen wir aber erst später.

Stellen wir uns also ganz dumm. Wozu, zum Teufel [sic!], sollte heute noch jemand Ludwig Feuerbach über das Christentum lesen? Der Kerl ist doch schon seit rund 140 Jahren mausetot? Ganz einfach: „Die Religion ist nicht einfach ‚Unsinn‘ oder ‚Aberglaube‘, sie ist die bildhafte Äußerung von Eigenschaften und Impulsen, von ‚Kräften‘, die der Mensch als so wichtig und wesentlich empfindet“. Feuerbach spricht es zwar nicht aus, aber er definierte als erster Philosoph Religion als eine Projektion – im heutigen wissenschaftichen Sinn.

Daraus folgt genau das, was Marx in seinen berühmten Thesen über Feuerbach schreibt: „Feuerbach sieht daher nicht, daß das ‚religiöse Gemüt‘ selbst ein gesellschaftliches Produkt ist und daß das abstrakte Individuum, das er analysiert, einer bestimmten Gesellschaftsform angehört.“

Wer das heute sagt, wird immer noch scheel angesehen. Wie? Der religiöse Aberglaube lässt sich aus der jeweiligen Gesellschaft erklären? Wo kämen wir denn da hin? Dann gäbe es doch keine absoluten Wahrheiten mehr und die heiligen Bücher hätten Unrecht? Ja, liebe christlichen Salafisten, so ist es, und das wusste schon Feuerbach – und Marx sowieso.

Die Menschen haben also ein „falsches Bewusstsein“ (Ideologie), sie machen sich Illusionen über sich und das, was die Welt zusammenhält. Diese Projektion ist ja nach Gesellschaftsform unterschiedlich – man könnte modern sagen: In Papua-Neuguinea glaubt man, das Tänze das Wetter beeinflussten, und in deutsche Medien glaubt man daran, dass die Wirtschaft immer weiter wachsen könne und dass es eine „Konjunktur“ gebe wie die Konjunktion in der Astronomie. Der Singehalt beider Thesen ist ähnlich. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen und bewegt sich. Da kann man nix machen.

Marx hat in der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie die Sache mit dem „falschen Bewusstsein“ noch weiter ausgesponnen:
…die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik. (…) Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.

Das sind doch höchst aktuelle Sätze! Religion, Esoterik und andere Formen des Aberglaubens sind nicht ausgestorben, wie man vorschnell annehmen könnte, sondern sind äußerst beliebt – und um so mehr, wie der Kapitalismus kriselt und immer mehr Menschen in die Armut und ins gesellschaftliche Aus drängt. Mein Hausphilosoph Lichtenberg schrieb schon vor einem Vierteljahrhundert rund 250 Jahren: „Unsere Welt wird noch so fein werden, daß es so lächerlich sein wird, einen Gott zu glauben als heutzutage Gespenster.“ Leider irrte er, wenn man sich ansieht, wie viele Jugendliche dem Oberpfaffen Benedikt hinterherlaufen oder wie viele Journalisten höhere Wesen verehren und sich auch noch trauen, das öffentlich zuzugeben.

Das Publikum ahnt schon, worauf das hier hinausläuft: Im „Kapital“ wird schon ganz zu Anfang (das erste Kapitel hat rund 100 Seiten) analysiert, dass der Kapitalismus den Menschen zwangläufig eine Art Irrglauben aufzwingt: Sie meinen etwa anderes zu tun und zu haben, als in Wahrheit der Fall ist. Es heisst also nicht „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ (was es gibt), sondern: Apologeten des Systems Wirtschafts“wissenschaftler“, die „Arbeitgeber“ mit „Arbeitnehmer“ verwechseln (was genau so ein Unfug ist, aber leider gang und gäbe).

Friedrich Engels schreibt über das übliche affirmative Neusprech:
Es konnte mir nicht in den Sinn kommen, in das „Kapital“ den landläufigen Jargon einzuführen, in welchem deutsche Ökonomen sich auszudrücken pflegen, jenes Kauderwelsch, worin z.B. derjenige, der sich für bare Zahlung von andern ihre Arbeit geben läßt, der Arbeitgeber heißt, und Arbeitnehmer derjenige, dessen Arbeit ihm für Lohn abgenommen wird. Auch im Französischen wird travail im gewöhnlichen Leben im Sinn von ‚Beschäftigung‘ gebraucht. Mit Recht aber würden die Franzosen den Ökonomen für verrückt halten, der den Kapitalisten donneur de travail, und den Arbeiter receveur de travail nennen wollte.

„Kauderwelsch“ ist noch ein harmloser Begriff für den Quatsch, der schon damals in den Medien über Ökonomie stand – und unverändert auch heute noch.

Übrigens – hier mitlesende Sozialdemokraten, aufgemerkt! Nicht vergessen, was euer Parteigenosse Eduard Bernstein sehr richtig bemerkte: „Die wichtigsten Stellen sind von Marx so klar und verständlich geschrieben, dass es eigentlich Sünde ist, sie in mein versozialdemokrateltes Deutsch zu übertragen“.