Arm an Erfahrung

Ich darf die der marxistischen Theorie nicht abholden Leserschaft auf den Aufsatz „Erfahrungsarmut. Kapitalistische Vergesellschaftung und der Verlust geschichtlicher Erfahrung“ von Kevin-Rick Doß und Heinz Gess (2026) aufmerksam machen.

Wer ungern lange und verschwurbelte Texte liest – hier eine von mir modifizierte Kurzfassung der KI.

erfahrungsarmut

Warum können Menschen Kriege, Krisen, Ausbeutung und gesellschaftliche Umbrüche erleben, ohne daraus eine dauerhafte geschichtliche Erfahrung und ein Verständnis ihrer gesellschaftlichen Ursachen zu entwickeln?

Die zentrale These

Mit „Erfahrungsarmut“ ist ausdrücklich nicht gemeint, dass Menschen zu wenig erleben. Im Gegenteil: Moderne Gesellschaften produzieren eine enorme Menge von Ereignissen, Informationen und Erlebnissen. Das Problem besteht darin, dass diese Erlebnisse nicht mehr zu einem Zusammenhang verarbeitet werden. Geschichte zerfällt in einzelne Ereignisse; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verlieren ihre Verbindung. Die Autoren formulieren es sinngemäß so: Menschen verlieren nicht ihre Erinnerungen, sondern zunehmend die Fähigkeit, Erinnerungen als Geschichte zu verstehen.

Entscheidend ist für Doß und Gess, dass dies kein individuelles psychologisches Defizit, sondern gesellschaftlich erzeugt ist. Ihre Argumentation führt von Engels und Marx über Lukács, Horkheimer, Adorno und Hans Kilian zu Musil und Benjamin.

Kapitalismus und Vereinzelung

Der Ausgangspunkt von Marx und Engels war die Einsicht, dass
die kapitalistische Produktionsweise nicht nur die materiellen Lebensbedingungen der Menschen formt, sondern zugleich ihre Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Beispiel: Die Menschen leben in der Großstadt räumlich eng zusammen, begegnen sich gesellschaftlich jedoch vor allem als Konkurrenten, Käufer, Verkäufer oder Arbeitskräfte. Dadurch werden eigentlich gesellschaftlich verursachte Probleme individualisiert: Armut erscheint als persönliches Scheitern und nicht als Ergebnis bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse. Das Leiden anderer wird deshalb immer weniger als Ausdruck einer gemeinsamen Situation erfahren.

Die von Menschen selbst geschaffenen gesellschaftlichen Verhältnisse verselbständigen sich laut Marx und treten ihnen anschließend wie eine fremde Macht gegenüber. Was Menschen selbst produzieren, erscheint ihnen als unveränderliche objektive Realität – gewissermaßen als „zweite Natur“. Arbeitslosigkeit, Konkurrenz oder Krisen werden erlebt, der von Menschen geschaffene gesellschaftliche Zusammenhang dahinter verschwindet jedoch aus dem Blick.

Hier knüpft die Kritische Theorie an. Horkheimer und Adorno interessieren sich besonders dafür, warum objektive gesellschaftliche Krisen nicht automatisch zu gesellschaftlicher Erkenntnis führen. Die Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise und des Faschismus hatten gezeigt, dass die marxistische Erwartung eines relativ unmittelbaren Übergangs von gesellschaftlicher Lage zu entsprechendem Bewusstsein nicht aufging. Herrschaft müsse daher nicht nur ökonomisch, sondern auch sozialpsychologisch untersucht werden.

Enteignung des Bewusstseins

Mit Hans Kilian führen die Autoren den Begriff der „Enteignung des Bewusstseins“ ein. Menschen müssen die gesellschaftliche Realität einerseits rational genug erkennen, um sich darin behaupten zu können. Andererseits müssen sie Erkenntnisse über deren Irrationalität verdrängen, weil sie sich genau diesen Verhältnissen zur Selbsterhaltung täglich anpassen müssen.

Nichtwissen oder falsches Bewusstsein ist nicht einfach mangelnde Intelligenz oder Bildung. Die gesellschaftliche Anpassung selbst kann verhindern, dass Menschen das Ganze erkennen. Herrschaft reproduziert sich deshalb nicht nur durch Eigentumsverhältnisse oder staatliche Gewalt, sondern auch über die Formen des Wahrnehmens, Erinnerns und Urteilens.

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Erleben ist noch keine Erfahrung

Besonders anschaulich wird die These anhand des Ersten Weltkriegs. Robert Musil stellte nach dem Krieg fest, dass eine Generation etwas ungeheuer Einschneidendes erlebt hatte und dennoch kaum fähig war, daraus eine begrifflich vermittelte Erfahrung zu gewinnen. Das Problem war für ihn nicht der Mangel an Ereignissen, sondern der Mangel an Begriffen, mit denen das Geschehene gesellschaftlich verstanden werden konnte.

Walter Benjamin radikalisierte diesen Gedanken mit seinem Begriff der „Erfahrungsarmut“. Die Menschen seien aus dem Weltkrieg nicht reicher, sondern ärmer an mitteilbarer Erfahrung zurückgekehrt. Moderne Katastrophen produzieren demnach keineswegs automatisch Erkenntnis. Sie können sogar das Gegenteil bewirken: Das Erlebte bleibt fragmentiert, wird verdrängt oder erscheint als isoliertes Ereignis, nach dem möglichst schnell wieder „Normalität“ hergestellt werden soll.

Damit entsteht eine Art gesellschaftliche Amnesie: Krise folgt auf Krise, Ereignis auf Ereignis. Jedes wird für sich behandelt, während die historischen und gesellschaftlichen Verbindungen verschwinden.

Kritik an der Gegenwart

Die Autoren übertragen diese Diagnose auf den gegenwärtigen digitalen Kapitalismus. Die Gesellschaft verfügt über eine historisch beispiellose Menge an Informationen, Nachrichten und Bildern. Gerade diese permanente Verfügbarkeit bedeutet aber nicht automatisch mehr Erfahrung. Ein Ereignis verdrängt das nächste, bevor es begriffen und in einen geschichtlichen Zusammenhang eingeordnet worden ist. „Aktualität“ tritt an die Stelle von Erfahrung.

Dazu passt der von ihnen aufgegriffene Gedanke Roger Willemsens: Die Gegenwart könne gleichzeitig voller Wissen und arm an Erfahrung sein. Wissen allein schützt deshalb nach Auffassung der Autoren auch nicht vor gesellschaftlicher Blindheit. Entscheidend sei, ob Menschen das Gewusste geschichtlich und gesellschaftlich einordnen können.

Was dagegen hilft

Hier sehen Doß und Gess die Aufgabe kritischer Bildung und Kritischer Theorie. Bildung dürfe nicht bloß Faktenwissen, Qualifikation oder Kompetenzvermittlung bedeuten. Sie müsse Menschen ermöglichen, ihre individuellen Erfahrungen mit gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen zu vermitteln.

Das bedeutet insbesondere, scheinbar selbstverständliche Verhältnisse wieder als historisch entstanden sichtbar zu machen. Was historisch von Menschen hervorgebracht wurde, ist nicht naturgegeben und prinzipiell auch veränderbar. Erinnerung ist deshalb für die Autoren keine nostalgische Beschäftigung mit der Vergangenheit, sondern eine Form der Gesellschaftskritik.

Resümee

Der Aufsatz behauptet, dass der Kapitalismus nicht nur bestimmte wirtschaftliche und soziale Verhältnisse produziert, sondern zugleich eine Form des Bewusstseins, in der Menschen diese Verhältnisse zunehmend als einzelne, scheinbar natürliche Ereignisse erleben, statt sie als Teile eines von Menschen gemachten geschichtlichen Zusammenhangs zu begreifen. „Erfahrungsarmut“ bedeutet also: viel erleben und viel wissen – aber immer weniger daraus Geschichte machen können.

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