Arbeitsbuch

Arbeitsbuch

Das so genannte „Arbeitsbuch“ meines Großvaters Hugo Schröder. Als mir das in die Hände fiel, wusste ich noch nicht, worum es eigentlich geht – Geschichtsunterricht live! Das Arbeitsbuch „war ein von staatlichen Stellen ausgestelltes Dokument, das einem Arbeitgeber [Kapitalisten] bei der Einstellung verpflichtend vorzulegen war. Ziel war es, die berufliche Mobilität von Arbeitnehmern [Arbeitern] zu kontrollieren und von der Zusage durch den früheren Arbeitgeber [Kapitalisten] abhängig zu machen. Damit sollte es Arbeitnehmern Arbeitern unmöglich gemacht werden, Lohnunterschiede zwischen Unternehmen oder Branchen mittels eines Firmenwechsels auszunutzen. Das Arbeitsbuch war somit ein Mittel, die Berufsfreiheit grundsätzlich einzuschränken, nach 1935 zudem ein Instrument der wirtschaftlichen Mobilmachung zur Vorbereitung des Vierjahresplans. In einigen Ländern wie Slowenien ist das Arbeitsbuch noch gebräuchlich und für jeden Arbeitnehmer gesetzlich vorgeschrieben. In der DDR wurde das Dokument teilweise bis 1967 geführt.“

Es wird gern vergessen, dass eines der wichtigsten Anliegen des Nationalsozialismus war, die Rechte des Proletariats abzuschaffen. Die NSDAP nannte sich „sozialistisch“, in Wahrheit war sie genau das Gegenteil – eine Partei, die den Interessen des Kapitals diente – mit Terror. Deswegen hat die deutsche Großindustrie die NSDAP auch teilweise finanziell gefördert.

Unbestreitbar ist, dass in den frühen dreißiger Jahren Unterstützungsgelder der Industrie an die NSDAP flossen. Spenden kamen außer von dem bekennenden Nationalsozialisten Thyssen auch von Fritz Springorum, Paul Silverberg, Kurt Schmitt und Friedrich Flick. Kollektiv kam Geld von der so genannten Ruhrlade, dem Verein für die bergbaulichen Interessen, dem Arbeitgeberverband für den Bezirk der Nordwestlichen Gruppe des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller sowie dem I.G.-Farben-Konzern. Allein Thyssen hat von 1930 bis 1933 etwa 400.000 Reichsmark der NSDAP zukommen lassen. Auch bei dem Erwerb und der Renovierung des Palais Barlow (Braunes Haus) in München war er beteiligt. Allerdings unterstützte Thyssen wie auch die übrigen Industriellen wenn möglich solche Nationalsozialisten wie Hermann Göring oder Walther Funk, die sie für gemäßigt hielten.

Die Quellenlage ist allerdings relativ dünn. Die Interessen des Kapitals waren damals genausowenig einheitlich wie heute. Deswegen halte ich die vulgärmarxistische These, „das Kapital“ habe die Nazis finanziert und damit an die Macht gebracht, für unsinnig.

Die überwiegende Mehrzahl der deutschen Industriellen unterstützte laut Turners Forschungen in der Endphase der Weimarer Republik nämlich nicht Hitler und die NSDAP, sondern Papen und die DNVP. An sie ging der ganz überwiegende Teil der politischen Spenden. (…) Erst nach der Machtübernahme kann von einer massiven finanziellen Unterstützung der NSDAP durch die Großindustrie gesprochen werden.

Es gibt jedoch ein relativ neues Buch von Karsten Heinz Schönbach zum Thema, das ich mir trotz den hohen Preises bestellt habe: Die deutschen Konzerne und der Nationalsozialismus 1926-1943.

Der Historiker Karsten Heinz Schönbach widerspricht wiederum in seiner 2015 veröffentlichten Dissertation der Auffassung, die Unterstützung der NSDAP durch die Großindustrie sei vor 1933 eher marginal gewesen. Nach Schönbach zeigten die Quellen, dass die NSDAP von Großindustrieellen von 1927/28 an erheblich unterstützt worden sei. Allerdings könne von einer vorwiegend NS-freundlichen Haltung der Großindustrie erst nach der Wahlniederlage der konservativen Rechten am 6. November 1932 die Rede sein.

Mit dem kleinen „Arbeitsbuch“ meines Großvaters könnte man ein ganzes Seminar an einer Universität bestreiten, und eine Schulstunde sowieso. Das „Gesetz über die Einführung eines Arbeitsbuches“ stammt vom 26.02.1935.

Mein Opa war damals Bergmann, zuerst auf der Zeche Margarete in Dortmund-Sölde, die 1926 stillgelegt wurde, dann auf Zeche Caroline in Holzwickede (wo ich geboren bin). Die Zeche wurde 1951 stillgelegt.

Kommentare

6 Kommentare zu “Arbeitsbuch”

  1. Martin Däniken am Oktober 26th, 2016 6:06 pm

    „Ordnung muss sein!!!“
    Heute schauen Personaler nach facebook usw..
    ob und überhaupt vorhanden und wenn ja obs Peinlichkeiten.oder andere Hindernisse gibt..
    Der Markt kümmert sich um seine Schäfchen…so oder so
    Muss mal wieder den Paten sehen-den 1. in der Coppola-Restauration…
    Ganz altmodischer Manchester-Kapitalismus in der Hardcore-Variante..
    Und was das Arbeitsbuch angeht ,wenn man ein gutes Parteibuch oder Vitamin Beh hatte und/oder beides-konnte man das in der Schubschlade verschwinden,oder

  2. ... der Trittbrettschreiber am Oktober 26th, 2016 7:31 pm

    Wenn das der Herr Hitler alles gewusst hätte, er wäre wohl golfen gegangen.

  3. Deckname: Ossi am Oktober 26th, 2016 11:36 pm

    Lieber Herr Burkhard Schröder!

    Im Namen der Großen Geliebten Führerin oder was auch immer:
    Bitte übernimm doch in diesem Fall nicht 1:1 die Formulierung der Wikipedia.
    Setze bitte vor dem Abschnitt mit Slowenien und der DDR eine Absatzmarke mit dem Namen „Trivia“.
    Ab dieser Stelle trifft deine Folgeargumentation nämlich nicht mehr zu.

    Das „Arbeitsbuch“ wurde in der DDR vom Arbeitsamt(*) ausgestellt.(Damals noch in Verantwortung der Länder.)

    Wichtig §11:
    „Im Todesfalle ist das Arbeitsbuch von den Angehörigen des Verstorbenen dem zuständigen Arbeitsamt sofort zurückzugeben.“

    Das habe ich dann 2005 auch beim Arbeitsamt erfüllen wollen, aber die haben mich angesehen wie das Eichel-Daus,wenns sticht.

    Ansonsten entstammte das Arbeitsbuch der jungen DDR der gleichen Behördenquelle und -Schule, mit der identischen verquasten Beamtensprache wie auch im damaligen Trizonesien.

    Zusätzlich zum Arbeitsbuch gab es in dieser Zeit den Sozialversicherungsausweis, ausgestellt von der Sozialversicherung, damals noch Anstalt des öffentlichen Rechtes.
    In diesem stand dann auch quasi der SV wirksame Bruttoverdienst drin.

    Ab 1965 wurde dann zügig der grüne Ausweis für Arbeit und Sozialversicherung der DDR eingeführt, wobei beide Dokumente eins wurden.

    (*)
    Die Arbeitsämter waren in der Spätzeit der DDR jeweils dem Rat des Kreises/Stadt/Stadtbezirk als „Amt für Arbeit“ angegliedert und wurden 1990 nach der Okkupation und Kapitulation an die Vorläufer der heutigen Bundesagentur für Arbeit
    kampflos übergeben.

  4. admin am Oktober 26th, 2016 11:38 pm

    Das Arbeitsbuch des Deutschen Reichs wurde auch vom Arbeitsamt ausgestellt. Ich habe es hier.

  5. Deckname: Ossi am Oktober 27th, 2016 10:48 am

    @Burks

    Das Arbeitsbuch vom Opa wurde ja noch bis 1948 weitergeführt. Die Zechenschließung 1951 ist aber nicht mehr aufgeführt.

    Wie ging das eigentlich in Trizonesien ab 1949 weiter? Nur ein anderes Arbeitsbuch, ohne Swastika?
    Die Verwaltung wollte sicherlich auch weiterhin ganz genau Bescheid wissen!

  6. Margarethe, Caroline und der Lünschermannsweg, zum wiederholten Male revisited : Burks' Blog am Oktober 20th, 2017 3:26 pm

    […] auf de Skizze: Mein Opa hatte in den zwanziger Jahren noch auf den Zechen Margarethe und Caroline gearbeitet und wusste auch noch, wo die Schächte und Stollen des Bergwerks Schwarze Adler waren. Und ich […]

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