Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum

servatiusreliquiar

Servatius-Schrein, so genannter Reliquienkasten Ottos I., Rom, 1. Jahrhundert n. Chr. (Dionysoskopf); Westfränkisches Reich, vielleicht (!) vom Hof Karl des Kahlen*, um 870 (Elfenbeinreliefs), Goldmontierung um 1200, Quedlinburg. Geschnitztes Elfenbein mit graviertem und ziseliertem Gold, Goldzellenschmelz, Steinschmuck, Glasflüsse, Silber mit Niello. Der Dionysoskopf ist ein Amethyst.

Die Platten des Elfenbeinkastens wurden mit Nut und Feder zusammengefügt und an den Ecken mit Zapfen verbunden. Rundum sind insgesamt zwölf Figuren zu sehen, vermutlich die Apostel. In den Rundbögen über den Figuren sind die Tierkreiszeichen geschnitzt. Warum ein Tierkreiszeichen einem bestimmten Apostel zugeordnet worden ist, weiß man nicht. Die Vertiefungen waren früher mit polychromen Farbpasten ausgefüllt.

Um ca. 1200 wurde der Kasten mit zusätzlichem Gold und Edelsteinen versehen, auch mit dem sehr alten Kopf des Dionysos – dessen metallene Fassung verdeckt teilweise Figuren und Tierkreiszeichen. D. Koetzsche aber meint, dass der Amethyst “ursprünglich zur Goldmontierung des Servatiusreliquiars” gehört habe, “obwohl er in seiner heutigen, sehr groben Anbringung wie nachträglich hinzugefügt erscheint.” Vielleicht sei er auch mit einer Schlaufe am Deckel befestigt gewesen. Der Kopf gehöre stilistisch eindeutig in den späten Hellenismus. Auch die Emailplättchen sind älter und stammen vermutlich aus demselben Jahrhundert wie der Kasten.

Im Kasten waren ursprünglich die Reliquien zahlreicher namentlich bezeichneter Heiliger. Ein vergleichbarer Kasten war Teil des von Heinrich II. gegründeten Stifts St. Stephan in Bamberg, Fragmente sind heute im Bayrischen Nationalmuseum München.

Dieses Reliquiar ist für mich eindeutig das interessanteste Stück aus dem Quedlinburger Domschatz. “Er zählte vielleicht zu jenen tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum = drei Schreine aus Elfenbein mit Heiligenfiguren, die im ältesten Quedlinburger Inventar aus dem 2. Drittel des 11. Jahrhunderts erwähnt sind.”** Dass Christus und die Tierkreiszeich kombiniert werden, sei, schreibt D. Koetzsche, “ungewöhnlich”. Es gebe nur eine Parallele in einer Illustration des Utrechtpsalters (S. 36r, Javascript erforderlich).

Der altgriechische Gott der Ekstase und christliche Motive – zusammen auf einem Kasten? Was sofort einleuchtet: Es geht keinesfalls um Kunst oder Ästhetik im heutigen Sinn. Heute würde man es vermutlich eklektizistischen Kitsch nennen, wenn jemand ganz unterschiedliche Dinge aus mehreren Epochen einfach zusammenpappte. Man darf auch annehmen, dass den Bearbeitern und Betrachtern des Kastens Dionysos nicht unbedingt bekannt war. Die Objekte waren selten und exotisch und waren im Besitz derer gewesen, von denen man sein eigene Legitimation bezog, die christlichen Motive “veredelten” alle anderen – alles, was als wertvoll galt, wurde in und auf einem Reliquienbehälter versammelt.

Dessen gemeinsames Betrachten stellte Gesellschaft für die herrschende Klasse (und nicht nur für die) dar; erschuf sie, wem die Objekte gehörten, war deshalb Herrscher. Die Natur macht Könige und Adlige genau so, wie sie Münder und Nasen macht. Wie Marx in den Grundrissen schrieb: “…ein Teil der Gesellschaft wird von dem andren selbst als bloß unorganische und natürliche Bedingung seiner eignen Reproduktion behandelt.” Die Bauern, die die Feudalklasse ernähren, sind “natürliche” Bedingung ihrer Existenz, sie tauchen als “Arbeiter” nicht auf – auch nicht in der Literatur.

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit von helden lobebæren, von grôzer arebeit (Nibelungenlied, 12. Jahrhundert)

Die Feudalklasse kann die Realität erkenntnistheoretisch nur verzerrt wiedergeben, da sich sich nur per Gewalt und Konsum auf die Natur bezieht. Man kann diese notwendige ideologische “Behinderung” (ähnlich wie Religion) mit dem Waren- und Geldfetisch vergleichen – eine nur ökonomische Form wird von den Akteuren als Eigenschaft des Dings an sich angesehen. Deswegen glaubt auch die FDP an den “Markt” als eigenständig handelndes höheres Wesen – ähnlich wie ein feudaler Adliger des 10. Jahrhunderts eine Reliquie als magisches wirkmächtiges Objekt ansah.

Man weiß nicht, wie der Reliquienkasten in den Schatz des Quedlinburger Stifts gekommen ist. Vielleicht stammen sowohl das Quedlinburger Examplar als auch das von Bamberg aus dem ottonischen Besitz und wurden an die Kirchen verschenkt.

Wappenkasten

Wappenkasten in Wulstwickeltechnik, vielleicht fatimidisch, 12. Jahrhundert, die Fassung stammt aus Niedersachsen/Quedlinburg. Beschläge aus Eisen, Klebemittel tierischer Leim.

Die Ritter tragen die für das späte 12. und 13. Jahrhundert typischen Topfhelme, auch die Pferde sind gepanzert. “Die Entwicklung des Topfhelmes war eine Reaktion auf die geänderten Kampftaktiken des Hochmittelalters. Die Einführung des Steigbügels ermöglichte es, den Gegner mit eingelegter Lanze anzugreifen und direkt auf dessen Kopf zu zielen.” (Diese Darstellung vom deutschen Wikipedia bezweifele ich, da Steigbügel schon viel früher bekannt und in Gebrauch waren, sogar schon bei der oströmischen Kavallerie, die Steigbügel aber offenbar von den Awaren übernommen hatte.)

Der Kasten zeigt zwölf Wappen von Feudaladligen (Skizze bei B. Schwinekörper). Die langgestreckte Form des Kastens ist ungewöhnlich: “Die überaus feine, dichte und ornamentierte Wulstwickelarbeit hat ihre Parallelen nur im fatmimidischen Nordafrika. So ließe sich denken, daß es sich bei der einzigartigen Arbeit um einen wesentlich älteren, verehrten Gegenstand handelt, den man 1208/10 ganz bewußt einer neuen Verwendung zugeführt hat. (…) Körbe aus dieser Zeit sidn außerordentlich selten und niemals datiert.” (D. Koetzsche) Vergleichbare Körbe gibt es in der Zisterzienserabtei Pforta (nicht Schulpforta, Druckfehler bei D. Koetzsche), im Domschatz Halberstadt und in der Stiftskirche Fritzlar.

*Dieser Karl ist das historische Vorbild für den Kaiser Karl aus Vikings, der dem Wikinger Ragnar loðbrókar aka Reginheri eine große Summe übergab, um die Besatzer von Paris loszuwerden.

**B. Bischoff: Mittelalterliche Schatzverzeichnisse, 1967, zit. n. Dietrich Kötzsche (Hrsg.): Der Quedlinburger Schatz wieder vereint. [Katalog zur Ausstellung im Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz]], 1993. Zum Bamberger Reliqienkasten fand ich diese interessane Bemerkung: “Beschläge eines Kästchens von sehr ähnlicher Form und Konstruktion wurden 2004 in einem Wikingergrab bei Haldum nahe Århus entdeckt.”

Reminder: Photos are licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 3.0 Germany License.

Schrieb ich schon: Lünschermannsweg?

lünschermannsweglünschermannsweg

Ich schrob hatte schon vor drei Jahren geschrieben: Wieso fotografiere ich eigentlich immer dasselbe Motiv – wie hier (Oktober 2017), hier (Juli 2012) und hier (März 2012) und hier (November 2011) und hier (Juli 2011)?

Man sieht meinen Geburtsort Holzwickede von der Quellenstraße aus, ca. 100 Meter südlich des Lünschermannswegs (Standpunkt des Fotos oben).

Bei Google bin ich leider immer noch an sechster Stelle mit der Zeichenkette Lünschermannsweg. Ich muss mich doch irgendwie nach oben schieben können?

Спаси́бо • Thank you • Merci • Danke

torgau

Sowjetische und US-Soldaten an der Elbe, bei Torgau, am 26. April 1945.

Ich finde es immer wieder lustig, wenn AfD-Groupies und andere braun gebrannte Pappnasen mich auf (in?) den so genannten sozialen Medien “anfreunden”, weil ihnen ein Algorithmus vorgaukelt, ich sypathisierte mit ihnen (ich sage bei Anfragen fast immer “ja”), und sie mich dann wegen solcher Bilder wieder “entfreunden” oder es zähneknirschend ertragen.

Heute ist der Tag der Befreiung.

Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun

Kamm Heinrichs I.

So genannter Kamm Heinrichs I.. Der Kamm ist aus Elfenbein und stammt aus Syrien oder Ägypten, 7.-8. Jahrhundert. Die Fläche ist mit geschnitzen Weinlaubranken überzogen. Die Goldmontierung und der Steinschuck wurden erst viel später hinzugefügt, da sie die Ranken zum Teil bedecken. Der Beschlag ist teilweise beschädigt. Es fehlen einige Edelsteine, wie auch die Pferdeköpfe – sie wurden vermutlich abgeschnitten oder -gefeilt. Ursprünglich war der Kamm insgesamt rechteckig. Die stilisierten Zügel, “Rhombus und Rahmen der runden Fassung sind aus drei miteinander zu Streifen verlöteten Perlstäben gebildet. (…) Perlstäbe aus Gold sind vornehmlich im Münzschmuck des 9. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland bekannt.” (Peter Berghaus: “Der Münzschmuck von Gärsnäs, Ksp. Herrestad (Skåne), 1965, zit. n. Dietrich Kötzsche (Hrsg.): Der Quedlinburger Schatz wieder vereint. [Katalog zur Ausstellung im Kunstgewerbemuseum, Staatliche Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz]], 1993 [das mit Abstand beste Buch zum Quedlinburger Domschatz!]. Der Kamm wird 1544 in einem Verzeichnis des Quedlinburger Domschatzes erwähnt: Keisser Heinrichs Kamme mit stein und golt beschlagen.

Der Kamm ist also ein Konglomerat aus verschiedenen Arbeiten und Zeiten. Vielleicht gehörte er zur Mitgift der Theophanu. Es gibt aber ähnliche Kämme aus derselben Zeit wie den Kamm des Hl Heribert aus Metz im Museum Schnütgen in Köln.

Wie kriegen wir also den Feudalismus in den Griff? These: Wer begreift, was eine Reliquie ist (vergesst den oberflächlichen Unsinn auf Wikipedia), ist auf dem richtigen Weg.

Wir haben hier eine orale Gesellschaft vor uns mit der Sippe “als mentaler Realität” (Johannes Fried) “Orale Gesellschaften theoretisieren nicht, sie inszenieren. Das Ritual ersetzt, ja ist geradezu ihre soziale Theorie.” Objekte sind dingliche bzw. verdinglichte Zeichen der sozialen Hierarchien und der Rituale.

“Nicht seelische Regungen oder psychische Prozesse sollten jeweils sichtbar gemacht werden, sondern objektivierende Formen sozialer Ordnung und Interaktionen. (…) Prestige und Status waren im Auftreten sichbar zu machen; nur ritualisiert ließen sie sich wahrnehmen, Herrschaftszeichen, Gaben, Kleider, Gebärden machten Leute.” (Vgl. Marcel Mauss: Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften).

Samuhel Evangeliar

Samuhel-Evangliar, Quedlinburg (um ca. 1230). Eichenholzkern mit getriebenem Silber und vergoldet, dazu Perlen, Korallen und Glassfluss. Der Rückendeckel ist aus rot gefärbetem Schafsleder. Neun Emails sind älter als der Kasten und stammen aus Byzanz. Einige Senkschmelzen ähneln denen des Patriarchenkelchs von San Marco in Venedig. Teile des Beschlags und einige Edelsteine fehlen. “Von 180 Fassungen sind 43 leer”. (D. Kötzsche) Das Evangeliar wurde 1991 neu gebunden und restauriert.

Orale Gesellschaften wie die des Feudalismus beschreiben etwas, sie analysieren nicht. “…die Welt selbst erscheint für primitive Denken als eine unendliche Kette von Ähnlichem und Gleichartigem. Raum und Zeit werden nicht exakt gemessen. (…) Verwandtschaft präsentiert, so zeigen ethnologische Vergleichsstudien, in illiteraten Gesellschaften die Kategorie sozialer Ordnung und Wahrnehmung schlechthin.”

Wieso muss ich jetzt an Araber-Clans in Neukölln denken?

Otto-Adelheid-Evangeliar

Otto-Adelheid-Evangeliar, Konstantinopel, 2. Hälfte 10. Jahrhundert, Goldschmiedearbeiten Quedlinburg 1220-1230. Geschnitztes Elfenbein mit Gold, Schmuck ähnlich wie beim Samuhel-Evangeliar, leicht beschädigt. “Von 96 Fassungen heute 44 leer”. (D. Koetzsche) In der Mitte ein byzantinisches Elfenbeinrelief mit der Christi Geburt, Taufe, Kreuzigung und Kreuzabnahme, die durch griechische Buchstaben wiedergegeben werden. “Die vier Löcher im Rahmen, heute als Nagellöcher genutzt, lassen darauf schließen, daß das Relief die Mitteltafel eines Tryptychons war; sie haben höchstwahrscheinlich zur Befestiung von Leisten gedient, in die die Seitenflügel gehängt waren. Auf ihnen könnten sich weitere Szenen befunden haben. (…) Aufgrund ikonographischer Details wurde das Relief zuletzt in das 3. Viertel des 10. Jahrhunderts datiert und seine Herkunft mit Kaiserin Theophanu direkt in Beziehung gebracht.” (D. Koetzsche) Der Rahmen stammt aus dem 13. Jahrhundert, vermutlich wurde er in Halberstadt oder Quedlinburg angefertigt.

Das erinnert mich auch an die Zeit, als wir als marxistische Altgermanisten in schweißtreibenden Seminaren das Nibelungenlied auseinandernahmen. “Die Schönheit einer Frau besteht in der feudalen Vorstellung sowohl aus dem ‘Adel’ des Körpers als auch aus der standesgemäßen äußeren Ausstattung mit Elementen des repräsentativen Reichtums”. Mindestens die Hälfte der Verse des feudalen Epos besteht aus Schilderungen der Kleidung, die aber nicht individuell ist – wie auch nicht die “charakterlichen” Eigenschaften -, sondern bei allen gleich. Das muss man doch ernst nehmen?!

Hierzu ein bisschen geistreiches Geschwurbel gefällig? Da nehmen wir am besten Hegel: “Phänomenologie des Geistes”:
Ebenso bezieht sich der Herr mittelbar durch den Knecht auf das Ding; der Knecht bezieht sich, als Selbstbewußtsein überhaupt, auf das Ding auch negativ und hebt es auf; aber es ist zugleich selbstständig für ihn, und er kann darum durch sein Negieren nicht bis zur Vernichtung mit ihm fertig werden, oder er bearbeitet es nur. Dem Herrn dagegen wird durch diese Vermittlung die unmittelbare Beziehung als die reine Negation desselben, oder der Genuß; was der Begierde nicht gelang, gelingt ihm, damit fertig zu werden, und im Genusse sich zu befriedigen. Der Begierde gelang dies nicht wegen der Selbstständigkeit des Dinges; der Herr aber, der den Knecht zwischen es und sich eingeschoben, schließt sich dadurch nur mit der Unselbstständigkeit des Dinges zusammen, und genießt es rein; die Seite der Selbstständigkeit aber überläßt er dem Knechte, der es bearbeitet.

Damals schrieb ich: Hegel definiert hier präzise die feudale Identität, den Zusammenhang zwischen Existenzform und Gedankenform. Sowohl der Bauer (der Knecht) als auch der Herr (der Feudaladlige) beziehen sich zur Natur negativ, über ihre Begierde, die zur Vernichtung drängt. Der Unterschied ist aber, daß der Feudalherr die Bearbeitung der Natur dem Bauern überlässt und sich nur mittelbar, d.h. nur vermittelt über seine Herrenexistenz auf sie bezieht, die Natur nicht bearbeitet, sondern nur konsumiert.

Daher sind Gewalt und Konsum nur zwei Seiten einer Medaille, der feudalherrlichenn Aneignung der Natur. Die Natur erscheint ferner in der Form des Konsums als natürliche Voraussetzung der Existenz, genauso wie der Bauer natürliche Bedingung seiner Herrenexistenz ist…

Alles klar? Puls und Atmung und so?

Katharinenreliquiar

Katharinenreliquiar, Niedersachsen 1230-1240, aus einem Eichenholzkern, Silberblech und Kupfer, vergoldet, leicht beschädigt. Um Sancta Katarina vergulte kestgen erwähnt. Der genaue Zweck ist nicht bekannt. Die Bilder zeigen Motive aus dem Alten Testament und die Apostel. “Stilistisch folgen die Figuren dem sogenannten Zackenstil, der im 13. Jahrhundert als charakteristischer Stil vor allem in der Buchmalerei auftritt. Er zeichnet sich durch bewegte Figuren aus, deren detailreiche Gewänder zerklüftete Faltensysteme mit jähen Umbrüchen bilden.” (Thomas Labusiak u. Jaos Stekovics: Kostbarer als Gold: Der Domschatz in der Stiftskirche St. Servatii in Quedlinburg, 2016.

Wir haben mit dem Feudalismus gerade erst angefangen. Um welche Zeit geht es? Zur Zeit der Merowinger und der Karolinger haben wir noch einen relativ starken und ökonomisch unabhängigen König. “Die Kosten des Aufstiegs der Karolinger trug, wie stets, das einfache Volk”, schreibt Fried ganz nebenbei – für einen bürgerlichen Historiker eine erstaunliche These.

Reliquienkasten Heinrich I.

Reliquienkasten Heinrich I., Oberitalien, 10. Jahrhundert (Elfenbeinreliefs), 2. Hälfte 11. Jahrhundert (Walrosszahnreliefs), Quedlinburg, 1230-1240 (Goldschmiedearbeiten). Der Kern des Kastens ist auch Buchenholz, Silver vergoldet, Schmuck und Edelsteine ähnlich wie beim Samuhel-Evangeliar. Die Figuren sind stark abgenutzt, Details fehlen, auch vom Schmuck. Von 121 Fassungen heute 36 leerund zumeist beschädigt (…), es fehlen die Perlenschnur um die Mandorla und Teile der Perlenschnüre an der Frontseite; Schloß aus Eisen später hinzugefügt, zahlreiche Eisennägel, besonders im Deckel…” (D. Koetzsche) Auch hier wurden ältere Stücke wiederverwendet und neu arrangiert.

Gleichzeitig wurde aber die feudale Grundherrschaft (auch bekannt als “Lehnswesen”) mit nackter Gewalt ausgebaut. Zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert gab es eine kleine landwirtschaftliche Revolution, u.a. wurde der asymmetrisch wendende Pflug erfunden, die Viehhaltung verbesserte sich, Wassermühlen wurden gebaut (kann man alles nur archäologisch beweisen) usw.. Der Feudaladel emanzipiert sich ökonomisch und damit auch militärisch vom König. Permanentes Hauen und Stechen ohne Gefühlsduselei war die Regel und nicht die Ausnahme.

Straußenei-Reliquiar

Das Straußenei-Reliquiar, Norddeutschland, 15. Jahrhundert, stamm aus dem Schatz des Prämonstratenserklosters St. Wiperti. Ähnliche Eier sind im Domschatz von Halberstadt. Das Material von Fuß und Knauf ist billiger Kupfer, “das eine feine Bearbeitung nicht erlaubte. An sich war den Goldschmieden wegen der Betrugsgefahr das Verarbeiten von vergoldetem Kupfer verboten, doch erlaubten die Zünfte Ausnahmen bei Geräten für den Gottesdienst. (nach Johann M. Fritz: Goldschmiedekunst der Gotik in Mitteleuropa, 1982, hier in D. Koetzsche) Das Straußenei galt als Symbol für Geburt und Auferstehung Christi; hier sind keine Reliquien im Inneren erhalten.

Heute bin ich zu müde, um mehr zu schreiben. Aber die Puzzleteile setze sich allmählich zusammen…

Reminder: Photos are licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial 3.0 Germany License.

1 von 52.073.708

marktcam unna

“10,6 Millionen Menschen in Deutschland können nur fehlerhaft schreiben”, berichtet die Zeit (von rund 83 Millionen insgesamt). “Männer stellen mit 58,4 Prozent die Mehrheit der gering literalisierten Erwachsenen”, lese ich im Spiegel.

Vielleicht sollte ich hier nur noch Bilder posten? Die GEW fordert sogar noch dümmere Schüler (das “W” steht IMHO für Wissenschaft).

O tempora o mores! (Versteht das überhaupt jemand?)

Kurzer Heimaten-Check

senfladen

Location: Senfladen Unna. Speisen: XXL-Currywurst. Getränk: Kaffee. Immer meine erste Amtshandlung in meiner alten Heimat.

By the way: ich kann diese krude Diskussion in der so genannten Linken über den Begriff Heimat gar nicht verstehen. Das ist doch arrogant, sektiererisch und nicht volkstümlich! Meine Heimat ist Holzwickede, weil ich da geboren und als Kind gespielt habe. Unna ist natürlich auch meine Heimat, weil ich hier zum Gymnasium gegangen bin und auch noch alte Schulfreunde habe. Berlin, in dem ich schon mehr als 40 Jahre lebe, ist auch meine Heimat. Südamerika ist meine dritte oder meinetwegen auch die vierte oder fünfte Heimat. So what? Die spinnen doch.

Des Weiteren: Mein Hotel hat LAN!!! Ich wiederhole: L-A-N! Das ist das mit dem Kabel dran! Also schnell! Vielleicht haben die das wegen mir eingebaut, weil ich vor Jahren gemeckert habe und fast jedes Jahr einmal da bin. In meinem Zimmer kann ich bis in die Vororte von Hamm gucken – also rund 20 Kilometer weit. Das Wetter ist sonnig und kalt. Kann man aushalten. Alles vom Feinsten also.

Ich kann überall Urlaub machen und chillen, wenn ich schnelles Internet, mein Luxuslinuxlaptop und gute, spannende Bücher dabei habe.

Des Weiteren: Morgen muss ich in ein Archiv, um Dinge zu sehen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat… ach was. Aber vorher blogge ich noch etwas Wissenschaftliches Spannendes.

Männer und ihre dampfenden Maschinen

dampflok

Selketalbahn – eine der Harzer Schmalspurbahnen, gesehen in Quedlinburg. Nein, ich finde das nicht romantisch, sondern nur interessant.

Internet Survival Pack Needed

bahnreise

Bahn! Im IC gibt es kein Internet? Ich habe mein eigenes dabei. Immerhin ist Strom vorhanden, obwohl ich auch eine Weile ohne auskäme. Jetzt dürft ihr raten, was auf dem Foto ist, das ich gerade (in der Nähe von Braunschweig) bearbeite?!

Feudal oder nicht feudal? (tl;dr,)

ständerhausvorhof zur Hölleschuhhofvorhof zur Höllehölle 7

Stopp! Nicht nur flüchtig hingucken! Das Fachwerkhaus ganz oben rechts (1346/47) und das Steinhaus (ab 1215) ganz unten sind Mittelalter, die Häuser in der Mitte sind erheblich jünger (16. und 17. Jh.) und schon frühe Neuzeit.

Ja, ihr müsst jetzt stark sein! Tl;dr,! Wie schon drohend angekündigt, las ich jüngst Heide Wunders Feudalismus – 10 Aufsätze. Warum?

Erstens: Man interessiert sich im Alter nicht mehr für die Details, weil man die schon alle kennt, sondern eher für das große Ganze, auch bekannt als die Frage: Warum ist die Geschichte so, wie sie ist, und nicht anders (eingedenk der Tatsache, dass höhere Wesen nicht an den Weltläuften herumfummeln)?

Zweitens las ich Johannes Fried: Die Anfänge der Deutschen: Der Weg in die Geschichte (1056 S.!) – das beste Buch über den Feudalismus, was die bürgerliche Geschichtswissenschaft bis jetzt hervorzubringen vermochte.

Bürgerlich deshalb, weil Fried den Begriff Feudalismus gar nicht verwendet, obwohl der Sprachgebrauch der internationalen historischen Wissenschaft das nahelegen könnte, und weil man als bürgerlicher Wissenschaftler in Deutschland auf Theorie insoweit verzichten muss, als jeder Versuch, die Geschichte nicht nur bloß zeitlich (“Mittelalter”, “Neuzeit”) zu periodisieren, sondern eine Struktur zu erkennen, die – OMG! – auch die dem Feudalismus nachfolgende Gesellschaftsform aka Kapitalismus nicht als Ende der Geschichte definiert. Was aber, wenn die Frage erlaubt sei, könnte danach kommen? Das darf man gar nicht denken.

Warum muss man als nicht-marxistischer Historiker den Begriff Feudalismus vermeiden? Heide Wunder schrieb 1974 (!): Die Fronten sind heute so verhärtet, daß erst wieder Kommunikation möglich werden muß, um die gegenseitigen Vorurteile in Frage zu stellen.” Feudalismus zu sagen, war in der alten Bundesrepublik fast so schlimm wie “BRD”. Das roch nach DDR und Schwefel.

Es ist so ähnlich wie mit der Diskussion über den Wert im Marxschen Kapital: Obwohl die zentrale These schon von Aristoteles stammt, muss der Kapitalismus-affine “Volkswirtschaftler” dagegen sein, weil er eben qua definitionem eben keine Wissenschaft betreibt, sondern Apologetik, also eine esoterische Glaubenslehre vertritt, die den Markt als eine Art höheres Wesen anbetet.

Feudalismus als Begriff taucht jedoch schon bei Hegel auf und wird zum Beispiel sowohl von Max Weber, Marc Bloch: La société féodale als auch von Otto Brunner (der des Kommunismus an sich unverdächtig ist) ausführlich verwendet und diskutiert. Dass heute der Begriff (nur in Deutschland) weitgehend tabu ist, beweist, dass die bürgerliche Geschichtswissenschaft, was das theoretische Niveau angeht, noch vor den Stand vor einem halben Jahrhundert zurückgefallen ist. Johannes Fried macht keine Ausnahme, aber er nimmt wenigstens phänotypisch die Quellen zur Spätantike bzw. zum frühen Feudalismus ernst und behauptet nichts, was man nicht beweisen kann, sondern gibt manchmal zu (das können sich auch marxistische Historiker hinter die Ohren schreiben!): Wir wissen es nicht und werden es nicht wissen können, weil die bekannten Quellen und Fakten es nicht hergeben.

Heide Wunder: Die deutsche Mediävistik beteiligt sich nicht an der internationalen Diskussion über den Begriff Feudalismus (…) Letztlich ist die Ursache für die Abwehrreaktionen der bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft gegenüber der DDR in dem Fehlen einer eigenen deutschen undogmatischen marxistischen Wissenschaftstradition zu suchen, wie sie besonders in Frankreich und den angelsächsischen Ländern – wenn auch hier weniger ausgeprägt und einflußreich – vorhanden ist. Es hat sich also nichts geändert.

Frage: Kann man Feudalismus als ökonomischen Begriff auf alle Länder übertragen – etwa auf Japan, China, Afrika, die arabischen Länder? Diese Frage stellte sich schon den Historikern der DDR, die den Fesseln des Stalinismus in den 60-er Jahren entschlüpft, merkten, dass man mit dem mitteleuropäischen Modell à la “Lehnswesen” et al in den “Entwicklungsländern” auf den Holzweg geriet. Gelöst hat man das Problem nicht, sondern zog sich auf die oberflächlichen zeitlichen Kategorien vorfeudal, frühfeudal, hochfeudal und spätfeudal in offiziellen Lehrbüchern zurück, was genauso albern ist wie die Erfindung einer frühbürgerlichen Revolution.

Für den DDR-Historiker Bernhard Töpfer war der Feudalismus die am weitesten entwickelte Stufe der vorkapitalistischen Gesellschaften; er könne sich sowohl aus einer “zersetzenden” Urgesellschaft [also aus einer tribalistischen Gesellschaft, B.S.] wie auf dem Hintergrund der asiatischen Produktionsweise oder einer Sklavenhalterordnung entwickeln. Das ist immerhin originell, aber nicht letzlich befriedigend.

Sein Kollege Eckehard Müller-Mertens vertrat die Thesen (ich wiederhole mich), dass 1) “die Durchbrüche zu weltgeschichtlich weiterführende Entwicklungen” meist in “verhältnismäßig rückständigen Randgebieten” erfolgt sei”, was die Frage aufwerfe, ob der Feudalismus in Europa vielleicht nur eine “primitive Variante” einer Gesellschaftsformation ist, “die feudale und andere, nichtfeudale, vorkapitalistische Produktionsverhältnisse” einschließe, und 2) was das okzidentale “Mittelalter” so besonders gemacht habe, dass sich daraus – und nur dort – der Kapitalismus entwickelt habe? (“Trotz seines marxistischen Weltverständnisses konnten sich seine Werke in den Leitdarstellungen der DDR-Geschichtswissenschaft nicht durchsetzen”. Der Staat – die DDR -, kommentiert Heide Wunde missbilligend, habe damals einen “erkenntnistheoretischen Rahmen” vorgegeben, der “nicht transzensiert werden darf”.)

Wer bis hierher durchgehalten hat, kriegt noch mehr Fotos:

FleischhofschuhhofschuhhofschuhhofschuhhofStiftskirche St. Servatii

Von oben nach unten: Fleischhof, auch 2. Reihe rechts, 2. Reihe links: in dem Haus residiert ein Deutsch-Seminar für Stundenten aus Texas, ganz unten die Stiftskirche St. Servatius.

Jetzt fragt das genervte Publikum natürlich mit Recht: Was soll das alles? Und was ist mit dem feierlich angekündigten Domschatz? Wartet doch noch ein Weilchen! Es geht munter weiter, und ich werde Euch nicht enttäuschen! Auch den Feudalismus werden wir noch in den Griff bekommen – das war nur der Prolog!

Wohin mit der herrschenden Klasse?

Fallbeilraubgrafenkasten

Oben: Fallbeil, 14. Jh., unten der so genannte Raubgrafenkasten, Schlossmuseum Quedlinburg

Mir war klar, dass die Jusos Karl Marx nie gelesen haben, sonst wären sie ja nicht in der heutigen SPD. Also kann man ihnen nicht vorwerfen, sie hätten etwas falsch verstanden, genausowenig man einem Hauptschüler zum Vorwurf machen kann, er hätte die spezielle Relativitätstheorie missinterpretiert.

Karl Marx hat nie von Verstaatlichungen gesprochen. Ein Zitat, das man (als Juso) falsch anwenden könnte, steht im Kommunistischen Manifest:
Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, das heißt des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.

Haben wir zur Zeit eine “politische Herrschaft” des Proletariats? Nicht, dass ich wüsste. Ist der Staat in den Händen des Volkes der Bevölkerung? Auch nicht wirklich. Welchen Sinn könnten Verstaatlichungen im Kapitalismus dann haben?

Natürlich kann man denselben reformieren oder so tun als ob, abmildern, damit die Leute nicht allzusehr herumrebellieren. Man könnte Strom, Wasser, Gas, Internet, Nah- und Fernverkehr in die öffentliche Hand überführen, das Gesundheitssystem sowieso, da es jedem einleuchtet, dass mit dem, was jeder umbedingt zum Leben braucht, keine Profite gemacht werden müssen. Aber Autos?

So einen Quatsch kann nur die SPD fordern. Ich vermute jedoch, dass hier nur jemand die größtmögliche Aufmerksamkeit suchte und wusste, an welches Heiligtum er pinkeln musste, um das zu erreichen.

Villa, quae dicitur Quitilingaburg

quedlinburgquedlinburg

Aha, den Domschatz darf man angeblich nicht fotografieren, obwohl zahlreiche Bilder im Internet kursieren. Ich habe schon bei der Quedlinburg-Tourismus-Marketing GmbH herumgestänkert gefragt, warum das so sei und warum niemand, auch nicht im so genannten Internet, das ja bekanntlich auch hier vorhanden sei, das verkündet habe. Die Dame wusste von nichts, vermutete aber, die Kirche sei schuld, was an sich immer eine gute Ausrede ist, hier aber dazu führen wird, dass ich denen morgen in aller Herrgottsfrühe (!) meinen Presseausweis auf den Tisch knallen werde, verbunden mit der Frage, ob Journalisten nicht fotografieren dürften und warum die Protestanten sich anmaßen, etwas, was schon ein halbes Jahrtausend und noch länger existierte, bevor dieser Bauernfeind und Antisemit Luther geboren wurde, der Öffentlichkeit vorzuenthalten.

In dem Haus in der Mitte auf dem unteren Bild wohne ich, schmale Treppen rauf und runter und natürlich ohne Fahrstuhl, weil das Gebäude 400 Jahre alt ist.

Reisen in Deutschland

ICE

Nein, ich schimpfe nicht auf Bahn. Mir ist egal, wie ein Waggon (verdammt, ich musste wahrlich überlegen!) aussieht, und mit dem abgebildeten bin ich gar nicht unterwegs gewesen, sondern mit einer privatisierten Regionalbahn, da der Kapitalismus das offenbar so verlangt. (Wartet nur ein Weilchen: Nach der Revolution werdet auch ihr in Volkseigentum überführt verstaatlicht!) Vielleicht ist das auch Kunst am Waggon – oder eine kaputte Waschanlage?

Wer in Deutschland reist, hat sich zuvörderst der dringendsten Frage zu stellen: Wo kriege ich Internet her, welchselbiges das Niveau von Akustikkopplern signifikant überschreitet?

Am Bahnhof von Magdeburg gibt es freies WLAN beim Kaffeetrinken. Immerhin. Dafür muss man beim KZ Kunden-Zentrum Informationsdingsbums Wartemarken ziehen, was zahlreiche Dödel, die dort frei herumirren (vielleicht Bürger aus dem Beitrittsgebiet?), dazu veranlasst, an der gut sichtbaren Schlange der Wartenden vorbeizulaufen, da einer der Schalter frei zu sein scheint, weil die dortigen Proletarierinnen, anstatt den nächsten Kunden aufzurufen, unter sich soziale Geräusche verbreiten Dienstgespräche führen oder, weil ich grundsätzlich die kleinen Leute, die malochen, nicht anpisse, weil es ja auch Vorbereitungen zum Klassenkampf hätten sein können, jemand, weit über den Schalter nach vorn lehnend, während das breite Gesäß sich dem Publikum zu- und hinspreizt, labert und labert und labert und sich jedes Detail der wichtigen Reise von Wegeleben nach Ditfurt (verwandt oder verschwägert mit Jutta?) erläutern lässt, und das gleich mehrfach, um sicher zu sein, dass sich die neu und mühsam erworbenen Kenntnisse auch im nur rudimentär vorhandenen Langzeitgedächnis eingenistet haben. So was dauert. Aber ich kriege später einen Brief und einen Umschlag gratis dazu, um die Fahrtkosten erstattet zu bekommen für einen Zug, den ich gar nicht verpasst habe. Auch schön.

Im Hotel gibt es bis 20 Uhr kein Internet, weil das jemand repariert. Ich habe immer mein eigenes Modem dabei und könnte auch das Handy als Hotspot nutzen. Mal sehen, ob ich hier (wo, kriegen wir später) unzensiert surfen kann oder ob ich wieder mein VPN bemühen muss.

Betrügerische Betroffene

spam

Regionales Zahlungsbüro des Westafrikanischen Währungsfonds (IWF) (Internationaler Währungsfonds) – einfach großartig! Schön, dass es das Internet gibt!

Failed State Ukraine

Opendemocracy.net: “Ukraine: the International Workers’ Day that we lost. In the Soviet Union, May Day devolved into a formal holiday with little direct political meaning. Today, Ukraine has never been further from trade union struggle.”

Interessanter Hintergrund-Artikel, der sich wohltuend von dem Quatsch unterscheidet, den man in deutschen Mainstream-Medien zu lesen bekommt.

Behelmt, revisited

tarabuco

Das Foto habe ich 1984 in Tarabuco in den bolivianischen Anden gemacht.

Das Gold der Barbaren

das gold der barbarenfürsten

Der Bucheinband zeigt Apahida Grab II (Website). Sattelbeschläge eines Gepidenfürsten

Beim Einräumen neuer Bücher fiel mir ein prächtiger Band in die Hand, den ich beim Kauf vor vielen Jahren offenbar nur flüchtig durchgeblättert hatte: Das Gold der Barbarenfürsten, Schätze aus Prunkgräbern des 5. Jahrhunderts n. Chr. zwischen Kaukasus und Gallien (Ausstellungskatalog). Das Thema passt zu dem, was mich gerade interessiert: Wie und zu welchem Ende periodisiert man die so genannte Urgesellschaft, sowie die Spätantike bzw. frühe Feudalgesellschaft?

Die Ausstellung war offenbar grandios und einzigartig, ich habe aber nur wenige Besprechungen gefunden (Rainer Atzbach vom Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit der Universität Bamberg, Peter Dirrmar in der Welt).

Atzbach: Gezeigt werden die prachtvollsten Hinterlassenschaften der Völkerwanderungszeit, als sich im Spannungsfeld zwischen Rom und dem Hunnenreich germanische Herrschaften etablierten. Sie standen im Dienste beider Mächte – und zögerten nicht, bei Bedarf die Fronten zu wechseln. (…)

Der Rundgang beginnt mit den ältesten Fürstengräbern des 3. und 4. Jahrhunderts, die bereits die neue Verbindung germanischer, griechisch-römischer und irano-asiatischer Elemente erkennen lassen. Den zweiten Abschnitt bildet die Darstellung der mit den Römern verbündeten Völker. Dort finden sich nicht nur die reichen Grabausstattungen von Lébény-Magasmart, Untersiebenbrunn und Fürst, sondern auch ausgewählte Seiten der “Notitia Dignitatum”. Dies ist ein wohl im ausgehenden 4. Jahrhundert entstandener, reich illuminierter “Almanach” zur römischen Verwaltungs- und Militärstruktur, der nur als spätmittelalterliche Kopie überliefert ist. (…). Eine weitere Gruppe bilden die stark reiternomadisch geprägten Gräber von der östlichen Grenze des Römischen Reiches. Besonders ist hier auf die Bestattung von Brut aus dem Kaukasus hinzuweisen. Sie enthält ein wahrhaft atemberaubend mit Goldblech verziertes Langschwert, das eines Samurais würdig wäre. Der Hauptteil der Ausstellung schließlich ist dem archäologischen “Who-is-Who” des fünften Jahrhunderts gewidmet: hier laden die prunkvollen Grabbeigaben des Frankenkönigs Childerich, der “Fürsten” von Pouan, Apahida I-III, Blucina-Cézavyj, Gültlingen und der Schatzfund von Cluj-Someseni zum unmittelbaren Vergleich. Sie enthalten durchgehend Spitzenprodukte des spätantiken Kunsthandwerks.

Gerade diese Gelegenheit zum direkten Vergleich führt eindrucksvoll vor Augen, dass das 5. Jahrhundert nicht nur aus bärtigen Männern (Barbaren) auf struppigen Pferden bestand, die mehr oder minder eindringlich für die Völkerwanderung sammelten. Gleichzeitig bildete sich vielmehr an der römischen Nord- und Ostgrenze eine neue europäische Kultur aus. Ihre Führungselite bot vom Kaukasus bis nach Frankreich hinein ein überraschend uniformes Erscheinungsbild.

Wer weiß schon davon? Die im Katalog abgebildeten Schätze sind atemberaubend schön, dagegen ist die Ausstattung von Game of Thrones (SCNR) eine hässliche Müllhalde.

Lehrreich ist auch die Einführung: Man erfährt im Schnelldurchgang und besser als Wikipedia (man muss dort erst wissen, was man suchen soll), wer und was zum Beispiel die Gepiden, Skiren, Sweben, Heruler, Rugier usw. sind. Erst nach knapp 90 Seiten geht es anhand gefühlt zahlloser Abbildungen mehr in die Details.

Mich interessierte, wo diese Dinge heute aufbewahrt werden. Das Ergebnis überraschte: Überall in Europa verstreut! Wenn es den Katalog nicht gäbe, erführe man nur durch Zufall davon. Beispiele:

➨Goldene Zwiebelknopffibel, Insignie eines römischen Offiziers: Musée des antiquités nationales ,Saint-Germain-en-Laye, ein anders Exemplar ist im Louvre
➨Goldener Kolbenarmring, Insignie eines germanischen Fürsten: Musée de Brou
➨Schätze aus dem Königsgrab von Mušov: Regionalmuseum Mikulov, Tschechien
Grab II von Ostrovany: Ungarisches Nationalmuseum, Budapest
➨Grab, benannt nach Messaksoudi, Kertch, Ukraine: Musée des antiquités nationales, Saint-Germain-en-Laye (wieso haben das die Franzosen?)
➨Schatz von Cosovenii de Jos, (Kleine Walachei): Muzeul Național de Istorie a României
➨Männergrab von Lébény, Magasmart, Ungarn: Hansági múzeum (Finno-Ugrisch lerne ich jetzt nicht!)
➨Männergrab von Bříza, Litoměřice (dt. Leitmeritz): Národní muzeum, Prag
➨Grabschatz einer Frau von Untersiebenbrunn, Gde. Gänserndorf, Niederösterreich – liegt gegenüber Carnutum, der Hauptstadt der römischen Provinz Pannonia I.: Kunsthistorisches Mueum Wien
➨Schätze aus dem Männergrab von Fürst, Gemeinde Fridolfing Bayern (danach habe ich jetzt zehn Minuten gesucht und es nicht wirklich gefunden): Archäologische Staatssammlung München
Grabschatz eines Reiters in Kurgan 2 von Brut, Ossetien, Russland (das ist einer aus David W. Anthonys Buch Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World!

(Es geht noch 50 Seiten weiter, aber daran säße ich noch übermorgen…)

Tag der Arbeit

chive

Ein Nachtrag zu meinem Posting vom 04.04.2011: Der Kautschuksammler, revisited. Waschtag an einem kleinen Fluss im Urwald, wo wir bei Kautschuksammlern zu Gast waren. Es ist nicht mehr herauszufinden, wo das genau war – wir sind von Chive ein paar Stunden über einen kleinen Trampelpfad noch Nordwesten gegangen. Auf der Karte ist ein Flusslauf zu erkennen, eine Siedlung gab es damals nicht, nur zwei Hütten. Die werden natürlich nicht mehr da sein, aber der Mann hatte den Urwald ein wenig gerodet. (Es könnte hier gewesen sein.)

← Next entries