Eines Menschen gedenken

Wiglaf Droste ist tot. (Und – Ironie des Schicksals – Vera Lengsfeld lebt noch.)

Ich empfehle den Nachruf Gustav Seibts in der Süddeutschen: „Patriotismusverächter und Sprachliebhaber“:
Sein Metier dabei war weniger die Welt- als die Sprachbeobachtung. Sprachkritik war bei ihm aber nicht Knöllchenverteilung zur Verhöhnung von Unterprivilegierten, sondern ein scharfer Blick auf gesellschaftliche Praktiken, in denen Mitarbeiter „gut aufgestellt“ zu sein haben, um „zeitnah“ und „zielführend“ agieren zu können, gehetzt von rollkofferbollernden und mobiltelefonbrüllenden Managementbarbaren. Dabei mobilisierte Droste die autoerotische Sprachlust ungebremsten Schimpfens ebenso wie das raue Gelächter über öffentlichen Schwachsinn.

Einer meiner Lieblingstexte Drostes ist Mösenstövchen bleibt:
Sex/Gender-Debatten mögen einige Akademikerinnen ernähren; zu diesem einzigen Zweck wurden sie schließlich ersonnen. Sie fügen der Welt jedoch weder Wahrheit noch Schönheit zu. Was sich im feministischen Restmilieu abspielt, ist bloße Folklore. Der Wunsch, über korrekt gemeinte scheußliche Wörter Welt und Weltbewusstsein zu ändern, nervt – und scheitert.

Dieselben Leute, die früher wegen Wiglaf Drostes Kolumnen ihr Taz-Abo gekündigt haben, gehen heute vegan essen, verehren Greta und den Klimaschutz und sprechen gendergerechte Sprache.

Kommentare

4 Kommentare zu “Eines Menschen gedenken”

  1. Wolf-Dieter Busch am Mai 16th, 2019 8:44 pm

    Ich wusste ja gar nicht, dass er in der taz veröffentlicht hat. Egal. Seine Schimpfe auf Rilke und Hesse ist genial, und außerdem den mortuis nihil nisi bene.

  2. ... der Trittbrettschreiber am Mai 17th, 2019 4:41 am

    „….gehen heute vegan essen, verehren Greta und den Klimaschutz und sprechen gendergerechte Sprache.“

    ;) das gönn‘ ich denen.

  3. altautonomer am Mai 17th, 2019 8:32 am

    In den 1980er Jahren war Wiglaf Droste dabei selbst aktiver Teil der Kreuzberger Autonomenszene und saß 1987 nach den ersten 1.-Mai-Krawallen zwei Wochen in Untersuchungshaft, unangenehm für ihn vor allem deshalb, weil ihm sein Anwalt regelmäßig von der letzten rauschenden Party erzählte, die er nun leider schon wieder verpasst hatte.

    Ein Vorbild. Für Euch!

  4. Schokoladenonkel am Mai 23rd, 2019 1:21 am

    Die haben ihr taz Abo sowieso nie gekündigt, sondern immer nur damit gedroht. Wie sie auch sonst immer nur da krummkakeelen und das friedfertige Maul sperrangelweit aufreißen, wo es sie sowieso gar nichts kostet. Weltfrieden jetzt! Refugees welcome!! Gratis Eierkuchen für alle!!! Früher waren wir noch aus echten Schrott und Peng! Sowas wird heute gar nicht mehr gebaut. Aber die dauerüberforderte Neo-Biedermeierjugend von heute braucht erst mal ein Asperger Zopfliesel Mädel aus Bullerbü auf dem roten Teppich serviert, bevor sie überhaupt mal in die Pötte kommt und vorher noch eine offizielle Erlaubnis vom Elternbeirat. Wir kommen um uns zu beschweren.

    Im Grab hat ers besser, glaubt´s mir nur. Oder lasst es bleiben. Ist eh wurscht jetzt.
    Seine letzten Worte sollen gewesen sein:
    „Zieht euch warm an!“

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