Fuck the Manual, gebildete kleinbourgeoise Batteriehühner, miscellaneous

renkforce

Das Bildungsbürgertum ist weder gebildet noch bourgeois. Bildungsbürger sind ambitionierte Kleinbürger, Ärzte, Rechtsanwälte, Studienräte und ihre Gattinnen, die durch Tischdekoration und Konzertbesuch vom ordinären Pöbel sich abzuheben mühen. (Hermann L. Gremliza: Haupt- und Nebensätze, 2016, nicht mehr bei Suhrkamp)

Man muss das schmale Buch nicht lesen, auch wenn man Gremlizas Schreibe liebt. Scharfsinnige Aphorismen konnte Lichternberg in den Sudelbüchern besser – immer noch unerreicht und intellektuell brilliant.

Apropos bildungsgebürgert: Ich habe mir ein Renkforce Internet Radio per Lustkauf zugelegt, weil ich nicht immer ein Tablet oder Netbook oder Laptop von einem Zimmer ins andere oder gar in die Dusche schleppen wollte.

Der Plan war gut, aber hat schon einmal jemand versucht, mit einem Rädchen sowohl ein Menü zu bedienen oder ein 20-stelliges WLAN-Passwort einzugeben, wenn nicht nur das komplette Alphabet in Groß- und Kleinschreibung samt Sonderzeichen und Zahlen jedes Mal zur Auswahl steht? Ein VPN-Zugang für Linux einzurichten ist gar nichts dagegen. Man braucht eiserne Nerven oder gar keine. Stunden später usw…. (Die Assoziation zum Vorherigen: Da läuft gerade Klassik.)

Warum ich das hier schreibe? Auch darauf einen Gremliza:
Daß alles gut sei, solange man die Nachricht sorgfältig vom Kommentar trenne, lautet ein Glaubenssatz des Journalismus. Als sei nicht die Nachricht selber, durch Auswahl aus Hunderten anderer, durch Betonung diesen Aspekts und Vernachlässigung jenes, so zuverlässig von Meinung befallen wie ein Batteriehuhn von Salmonellen.

By the way: Gestern war World Hijab Day, wer auch immer sich diesen Quatsch für Relgiot*_/Innen ausgedacht hat.

no Hijab
Credits: Ensaf Haidar

Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes. (…) Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist. (Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, 1843/44 – immer noch der beste und prägnanteste Text über Religion, den es gibt – gehört zum Bildungskanon jedes vernunftbegabten Menschen.)

学生运动

Chinas Studenten sind politisch Klassen besser als die deutschen – sie solidarisieren sich mit dem Proletariat – statt zu veganen und zu gendern.

Quelle im Original: China Labour Bulletin (jetzt auch in der Blogroll).

Besuch in einem Swinger-Club et al

Henryk Broder erklärt, warume er vor der AfD-Bundestagsfraktion eine Rede gehalten hat.

„Und außerdem wollen Sie wissen, ob ich wirklich so sympathisch bin, wie ich im Fernsehen immer rüberkomme.

Einige von Ihnen mögen vielleicht noch nie einen leibhaftigen Juden in natura gesehen haben und warten nun darauf, dass sich der Raum mit dem Geruch von Knoblauch und Schwefel füllt.

Ich dagegen mache gerne etwas, das ich noch nie gemacht habe. (…) Auf meiner To-do-Liste, die ich gerne vor meinem 75. Geburtstag abarbeiten möchte, stehen noch: der Besuch in einem Swinger-Club, die Reise zum Mittelpunkt der Erde und eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn mit Florian Silbereisen als meinem persönlichen Butler.

Ein Besuch bei Ihnen stand nicht auf meiner Liste, ich habe die Einladung trotzdem gerne angenommen, wann bekommt ein Jude schon die Gelegenheit, in einem Raum voller Nazis, Neo-Nazis, Krypto-Nazis und Para-Nazis aufzutreten?“

Kann ich gut nachvollziehen. Ich finde die Rede übrigens großartig.

Remember!

Gestern war der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Blockade Leningrad

Credits: Von RIA Novosti archive, image #2153 / Boris Kudoyarov / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0

Am 27. Januar 1944 endete die Blockade Leningrads.

„Die Deutschen machten mehrere Versuche, die damals größte russische Stadt zu erobern, entschieden dann, sie auszuhungern. Die längste, opferreichste und verbrecherischste Schlacht des Zweiten Weltkriegs dauerte fast 900 Tage. Die Leiden der Stadt sind kaum in Worten auszudrücken, auch nicht in Zahlen. Das russische Wikipedia nennt 650.000 Zivilopfer, das deutsche 1,1 Millionen.“

Euthanasie [Update]

Special Selection

Ich habe einen Grund, warum ich das ziemlich teure Buch von Anika Burkhardt Das NS-Euthanasie-Unrecht vor den Schranken der Justiz: eine strafrechtliche Analyse gekauft habe. Ich rege mich immer noch auf.

1965 leitete Fritz Bauer ein Ermittlungsverfahren gegen sechzehn hochrangige Juristen ein, die am 23./24. April 1941 an einer Besprechung in Berlin teilgenommen hatten. Dort hatten sie offiziell von der Tötung Geisteskranker erfahren und danach widerspruchslos die Anordnung befolgt, Strafanzeigen unbearbeitet ans Reichsjustizministerium abzugeben. Die Voruntersuchungen wurden 1970 eingestellt. (…) Von 438 ‚Euthanasie‘-Strafverfahren, die bis 1999 eingeleitet wurden, endeten nur 6,8 % mit rechtskräftigen Urteilen, darunter zahlreichen Freisprüchen.

Ich erwähnte hier schon im Oktober 2017, dass mein Großonkel Helmuth Schröder, der jüngste Bruder meines Großvaters,im Zuge des Euthanasie-Programms von den Nazis ermordet wurde, weil er an Epilepsie litt. Leider wurde das Landesarchiv Berlin auf der Suche nach Unterlagen darüber nicht fündig, die Akten aus Westpreußen sind verstreut oder ungeordnet in Polen.

Der Ermordung unheilbar Kranker und Behinderter hatte Adolf Hitler im Oktober 1939 mit einem auf den 1. September zurückdatierten und auf seinem Privatbogen verfassten Schreiben die Ermächtigung gegeben: ‚unheilbar Kranken … [sollte] der Gnadentod gewährt werden‘. Die Rückdatierung des Erlasses verdeutlichte, dass mit Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 auch der innere Krieg gegen Menschen begonnen hatte, die dem Rassenideal der Nationalsozialisten nicht entsprachen und somit als „schädlich“ und „wertlos“ galten. (LEMO)

Die Zentrale Stelle für Justizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen riet mir, ich solle mich an den International Tracing Service (ITS) wenden, da man in Ludwigsburg nur für die Täter zuständig sei – die vermutlich schon alle tot sind.

Bei der ITS in Arolsen habe ich heute einen Antrag gestellt, nach den Akten über meinen ermordeten Großonkel zu suchen.

Ich bekam vorgestern noch eine Nachricht, die mich aufgewühlt hat.

…habe gestern mit der Tochter (…) vom letzten Bürgermeister (…) aus Mittenwalde telefoniert. (…) Sie kennt Deine Urgroßeltern Gustav und Emilie Schröder. Sie wußte auch, dass 3 Töchter und ein Sohn in dieser Zeit auf dem Hof waren. Die eine Tochter hieß Lina und war geistig behindert. Sie ist später abgeholt worden und der Euthanasie zum Opfer gefallen.(…). Sie kann sich nur daran erinnern, daß diese Lina immer laut geschrieen hat und sie immer Angst hatten auf den Hof zu gehen. (…) Abgeholt wurde Lina ab Ende 1940. Zeitgenau konnte sie sich auch nicht erinnern. Als Kind achtet man da nicht so darauf.

Deine Urgroßeltern hat sie als liebe und nette Menschen in Erinnerung. Nur vor der Tochter hatte sie Angst, weil sie halt so laut geschrien hat. Es gab noch eine Familie Pansegrau, deren Tochter hatte einen sehr großen und unförmigen Kopf. Diese Tochter ist ebenfalls abgeholt worden.

Niemand hat jemals darüber ein Wort verloren. Wenn es stimmt, werde ich das herausfinden, wenn es möglich ist, auch wenn das Jahre dauerte. Mord verjährt nicht.

[Update] Mir wurde mitgeteilt, dass die Suche bis zu einem Jahr dauern kann.

Böse Trump-Fans, guter „Ureinwohner“, oder: Was wirklich geschah

Über Medien: „Doch das Video, auf dem die ganze Empörung beruht, zeigt nur einen kleinen Ausschnitt der Konfrontation. Betrachtet man die Vorgeschichte, die dank mehrerer Filmaufnahmen gut dokumentiert ist, ergibt sich ein anderes, deutlich komplexeres Bild. Es widerspricht der Darstellung des Ureinwohners Nathan Phillips, der im Nachhinein zum Held stilisiert wurde. Und es bestätigt weitgehend die Aussagen der Schüler…“

Der detaillierte Bericht mit vielen Links zu den Quellen zeigt, dass man deutsche Medien nicht ernst nehmen kann, wenn die Zeichenkette „Trump“ auftaucht und alle synchron moraltheologisch hyperventilieren.

Bananenrepublik, reloaded

frauen in parlamenten

Deutschland ist nicht nur digital ein Entwicklungsland, sondern auch bei der Emanzipation.

Mit Verlaub, Herr Thierse (SPD)

Wolfgang Thierse (SPD) behauptet im Interview: „Aber es gab radikalisierte Elemente in der Arbeiterschaft. Die waren nun mit Waffengewalt zu besiegen. Das bleibt ein schmerzlicher Vorgang, auch im Rückblick, aber man kann doch wissen, dass der Weg, der dann eingeschlagen wurde, der bessere war…“

Nein, war er nicht. Ich muss jetzt an ein bestimmtes Zitat denken, das mit „mit Verlaub“ beginnt. Aus Wut und Zorn muss ich hier ein Posting aus dem Jahr 2017 wiederholen. Ich bin bekanntlich auch ein radikalisiertes Element.

Paul Weniger

Der Bergmann Paul Weniger aus Altenbögge-Bönen starb im Kampf gegen die Kapp-Putschisten, die im Frühjahr 1920 die Weimarer Republik durch eine Militärdiktatur ersetzen wollten. Paul Weniger war Mitglied der KPD und Verhandlungsführer der Roten Ruhr-Armee in Pelkum. Er wurde am 3. April 1920 im Hof des Polizeigefängnisses von Hamm erschossen. Er hinterließ eine Frau und zwei Kinder. Er war 31 Jahre alt.

Die Rote Ruhr-Armee wurde vor allem von Mitgliedern der anarchosyndikalistischen Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften (FVdG) und der Unabhängigen Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) gebildet.

Bönen (dort war mein Großvater 40 Jahre lang Bergmann) ist der einzige Ort im Ruhrgebiet, in dem eine Strasse nach eine Arbeiter benannt wurde, der von der Reichswehr ermordet wurde.

Der dressierte sozialkreditierte Mensch

Endlich ein einigermaßen objektiver Artikel zum Thema! Le Monde diplomatique: „Bis 2020 testet die chinesische Regierung in 43 Kommunen ein ausgefeiltes Sozialkreditsystem. Mit Punktabzug, öffentlichen Demütigungen oder Pluspunkten wird damit über die berufliche Zukunft, den Zugang zu Bildung und Krediten oder die individuelle Reisefreiheit entschieden.“

„Posieren in Luxuswagen bei Hochzeiten oder Begräbnissen“ ist verboten. Würde ich sofort hierzulande einführen.

Palenque, revisited

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Palenque in Mexiko, die Fotos habe ich 1981 gemacht. (vgl. auch B’aakal und Lakamha‘)

Unter Machtspielern

alexander von plato

Die primären psychologischen Reaktionen der Einzelnen, Führer oder Geführter, sind irrelevant vor den übermächtigen Verhältnissen, in die sie eingespannt sind und die ihnen ihr Verhalten weithin aufnötigen, obwohl die objektiven Tendenzen kaum so furchtbar sich durchzusetzen vermöchten, okkupierten sie nicht auch das psychische Leben wider die Interessen der Lebenden.“ (Theodor W. Adorno: Anmerkungen zum sozialen Konflikt heute (1968), in: Adorno: Gesammelte Schriften in 20 Bänden: Band 8: Soziologische Schriften I)

Wer sich dafür interessiert, was wirklich backstage geschah, als die jeweils Herrschenden beschlossen, Deutschland wiederzuvereinigen, sollte Alexander von Plato: Die Vereinigung Deutschlands – ein weltpolitisches Machtspiel von vorn bis hinten lesen. Es ist das Standardwerk zum Thema und das einzige, dessen Fazit auf allen relevanten Akten fußt – auch den sowjetischen. Plato interviewte zusätzlich die maßgeblichen Beteiligten, was zu interessanten Widersprüchen zwischen Protokollen und dem führt, an das sich die Protagonisten erinnern. (Allein die Bibliographie umfasst rund 50 Seiten. Durch die Fülle der Original-Quellen eignet sich das Buch hervorragend für den Schulunterricht oder für historische Seminare.)

Helmut Kohl ist als Bettvorleger losgesprungen und als Tiger gelandet.“ (Nikolai Portugalow im Interview, 2000)

Fazit: Die sowjetische Seite hatte zunächst gar keinen Plan und hat sich weitgehend über den Tisch ziehen lassen, auch auf Grund der lavierenden Verhandlungstaktik Gorbatschows. Andererseits hatte er keine große Wahl, denn er kämpfte an mehreren Fronten, gegen die Hardliner im Inneren und gegen den drohenden Staatsbankrott. Plato gibt zu, dass die Strategie der deutschen Bundesregierung „ohne größere Fehler“ gewesen sei und diese das Maximum herausgeholt hat, was möglich war. Dazu kommt, dass die sowjetischen Regierung die Macht und die Sogwirkung nationaler Unabhängigkeitsbewegungen, wie die in Litauen, unterschätzte, was ihre Verhandlungsposition im „Inneren“ – parallel zu den Verhandlungen mit den Deutschen – unterminierte. „Mit Litauen war die UdSSR selbst bedroht, mit der deutschen Frage ’nur‘ die Ränder ihres Hegemonialbereichs. Dadurch war wegen Litauen der Zwang zu sowjetischen Konzessionen in der deutschen und in der NATO-Frage stärker geworden.“

Die Protokolle der Verhandlungen verdeutlichen, dass ein wiedervereinigtes, aber neutrales Deutschland – also ohne NATO-Mitgliedschaft – durchaus im Bereich des Möglichen gewesen wäre. Der ökonomische Bankrott der DDR, den sich sogar Helmut Kohl nach eigenen Angaben. so hatte nicht vorstellen können, und auch der gleichzeitig drohende wirtschaftliche Kollaps der UdSSR drängten in eine andere Richtung.

Ein weiteres Fazit: Die Rolle der Opposition der DDR wird im öffentlichen Diskurs maßlos überschätzt. Es gehört wohl zum nationalen Mythos, dass die Wiedervereinigung durch „das Volk“ erzwungen worden sei, ähnlich realistisch wie die Siegfried-Sage. Die Mitglieder der Opposition waren, laut den Protokollen, über alle Maßen naiv, hatten von den ökonomischen Sachzwängen nicht die geringste Ahnung und wurden – man muss sagen: wohl zu Recht – einfach überrollt.

Schwer zu lesen und manchmal dröge, aber äußerst penibel geschrieben und teilweise spannend, weil man die Dinge hinterher anders sieht als man sie aus den Medien zum Thema kennt.

Fake-News, reloaded

Eindeutig Fake-News: „Der Generalstabsoffizier Waldemar Pabst (1880 bis 1970) hat nach eigener Aussage den Mordbefehl an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erteilt. Jahrzehnte nach der Tat behauptete er, Nahles habe ihn am Telefon indirekt zu dieser aufgefordert. Ob dies zutrifft, ist unter Historikern umstritten.“

Vor welchen Frauen die Hamas wirklich Angst hat

girlsdefense

Source: Girlsdefence (Instagram) Welcome to the wonderful world of IDF Women | בס“ד

Man sollte aber nicht vergessen, dass es auch Yuval Ofer vom Israel’s Women network gibt ( für’s deutsche Wikipedia irrelevant). „The exclusion of women constitutes one of the greatest threats to the equality and welfare of women in Israeli society today.“

Haaretz (man muss leider eine E-Mail-Adresse angeben): „1 in 6 Women Suffer Sexual Harassment in Israeli Army, Survey Finds“.

Jehova ist nicht im Internet

p0rn
Symbolbild

Kleine Aufgabe für das Publikum in Sachen Medienkompetenz: Ist die These, alles drehe sich im Internet um Pornografie, wahr, und ist die Website Netzsieger.de seriös? Und wenn ja, warum nicht?

Beim Frühstück gelesen ein hübscher Kommentar in der NZZ über den Parteichef der Grünen, Robert Habeck, der seinen Abschied von Twitter und Facebook verkündet hat:
Schliesslich fragt man sich, ob jemand, den ein paar Tweets nach eigenem Bekunden so aggressiv machen, dass er das ganze Medium meiden muss wie ein Trinker die Flasche, politische Verantwortung tragen sollte. Har har.

Mit Medien hatte der Mann ohnehin schon öfter Probleme.

Die Zeit dazu: „…die vielen Falschmeldungen und Halbwahrheiten, die auf den ersten Blick von seriöser Information kaum zu unterschieden sind – das alles gab es in dieser Weise in den Vorinternetzeiten nicht.“

Das, mit Verlaub, ist Unfug. Ich weiß nicht, wie es den medienaffinen Leserinnen und socialmediaabgebrühten Lesern dieses kleinen Blogs geht, aber ich kann „Falschmeldungen und Halbwahrheiten“ fast immer erkennen, auf den ersten Blick, ganz gleich, wo sie lauern, offline oder online. Vielleicht braucht es dazu eine gewisse Bildung oder auch ein Wissen, an dem es vielen, die sich Journalisten nennen, vermutlich gebricht. Ihr könnt mich gern arrogant nennen.

Die Idee, Politiker zu bezahlen, dass sie in den so genannten „sozialen Medien“ einfach mal das Maul halten, finde ich aber nicht schlecht.

Die Grünen sind übrigens nicht „links“, daher ist die Worthülse „links-grün“, die bürgerliche und kleinbürgerliche Texbausteinfacharbeiter gern gebrauchen, ein schlechtes Oxymoron.

Gegenwelt zur Parallelgesellschaft

tuba sarica

„Die Sommerferien verbrachten wir typischerweise immer in der Türkei. Doch anders als die meisten deutschtürkischen Familien hielten wir uns den Großteil dieser Zeit nicht bei der Verwandtschaft in der Provinz oder in Istanbul auf. Stattdessen kauften sich unsere Eltern ein Ferienhaus an der Westküste, fernab von Istanbul und fernab von muslimischen Verpflichtungen. Dieses Haus symbolisierte uns als autonome Familie. Es schrie der Verwandtschaft ins Gesicht: Wir, Vater, Mutter, Kinder, sind unsere eigene kleine Familie. Unser Familienleben ist nicht an eures gekoppelt. Ihr kontrolliert es nicht. Touristisch weitgehend unerschlossen, ist die Gegend nahe Izmir bekannt dafür, im Gegensatz zu anderen Teilen der Türkei besonders fortschrittlich zu sein. Hier machten wir auch Urlaub von der Verwandtschaft in Deutschland, die ich als hinterwäldlerisch empfand und die trotz der Grenzen, die meine Eltern ihr setzten, Druck auf unsere Familie ausübte. Hier konnten wir besonders ausgelassen und glücklich sein, den ganzen Tag in Badesachen verbringen, Burger essen, das türkische Bier Efes trinken, abends ausgehen – alles ohne die verurteilenden Blicke von konservativen Muslimen, denen man unter vielen Türken und Deutschtürken begegnet. Hier waren wir befreit von dem Gefühl, wir müssten irgendetwas verdecken oder verstecken. Sei es ein Körperteil oder der Wein im Schrank. Die Nachbarn in der Ferienhausanlage waren ebenfalls sehr inspirierend. Sie kamen aus weniger konservativen Haushalten aus Istanbul und Ankara und nahmen sich hier eine Auszeit vom Leben in den Metropolen. Zum Glück gab es keine deutschtürkischen Familien, keine herumschreienden Kinder und Eltern also. Die Kinder der vornehmen türkischen Nachbarn waren auffällig leise. Das hier war unsere kleine Gegenwelt zur Parallelgesellschaft in Deutschland.“ (Tuba Sarica: Ihr Scheinheiligen!: Doppelmoral und falsche Toleranz – Die Parallelwelt der Deutschtürken und die Deutschen.

Für mich war das Buch nichts Neues, ist aber lesenswert.

Die deutsche Journaille und ihr Antiamerikanismus

Die meisten deutschen Journalisten, die ich kennengelernt habe, halten den Journalismus für ein Instrument der „Volkspädagogik“, bei dem Tatsachen viel weniger zählen als das „richtige Denken.“ In ihrer Selbstwahrnehung stehen sie eine Stufe über den „Massen“ und halten es für ihre Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Leute das Richtige denken.“ (Tuvia Tenenboom)

James Kirchick schreibt in der FAZ über den Antiamerikanismus der deutschen „Eliten“. Relotius, so behaupte ich, konnte mit seinen Betrügereien deshalb so lange durchkommen, weil er die Vorurteile von Leuten bestätigte, die sich als Weltbürger geben, aber in Wirklichkeit ebenso provinziell sind wie die republikanisch gesinnten Hinterwäldler ihrer Phantasie.

el paso

Natürlich kann man nicht allen Thesen des Artikels zustimmen, weil er den Charakter des kapitalistischen Staates der USA nicht benennt, aber die Tendenz ist richtig:

Als Trump zum Präsidenten gewählt wurde, schien das die negativen Ansichten der Europäer über die Amerikaner nur zu bestätigen. Da zeigte sich in Gestalt unseres Reality-TV-Führers das Urbild des Amerikaners: vulgär, unhöflich, ignorant, kriegerisch. Trump mag ja all das sein, doch alle seine Anhänger mit solch einem groben Pinsel zu zeichnen ist so, als beschriebe man halb Deutschland als Bande im Stechschritt marschierender Möchtegern-Nazis. Die äußerst populären Arbeiten von Relotius lesen sich genau wie das, was man von einem schnöseligen, verweichlichten, selbstgerechten, moralische Überlegenheit vortäuschenden und Latte macchiato schlürfenden Europäer über Amerika zu hören erwartet.

Zur Zeit schreibt sich die deutsche Journaille wieder die Finger wund, um alle Kandidaten, die gegen Trump antreten werden – und auch alle seine sonstigen Gegner – hochzujazzen.

Es merkt jedoch sogar Klein Fritzchen, wenn Trump-Gegnerinnen mit Fotos abgebildet werden, die sie möglichst in gutem Licht erscheinen lassen, auch wenn es sich um Antisemiten-Pack handelt. Trumps Reaktion ist angemessen und richtig.

Ich hatte übrigens vorhergesagt, dass Trump die nächsten Präsidentschaftswahlen gewinnen wird.

Foto: El Paso 1979 (die Grenzbrücke zu Mexiko)

Nur für Kaltduscher

der neu-deutsche Antisemit

Kann man uneingeschränkt empfehlen. Arye Sharuz Shalicar: Der neu-deutsche Antisemit: Gehören Juden heute zu Deutschland? Eine persönliche Analyse. Ich habe mich amüsiert, weil er Klartext redet, der dämlichen deutschen Journaille was um die Ohren haut, manchmal musste ich auch schlucken.

Shalicars Perspektive – der im Wedding aufgewachsen ist – gleicht ungefähr der in Fauda: Großartig, spannend, aber auch beklemmend.

Leider wird das Buch wenig bewirken, weil die, die angesprochen werden, solche Bücher erst gar nicht lesen. Frau Chebli sollte es auswendig lernen.

Not Really the Dark Side

moon
Rückseite des Mondes, Quelle: NASA, Luna 3, 1959

New York Times: „In a spaceflight first, China’s Chang’e-4 has landed where no spacecraft has touched down in one piece before: the far side of the moon.“ (Xinhua hat leider keine Bilder.)

Auf der anderen Seite werden bald die Israelis landen, ein bisschen verspätet. Interessant ist eine Liste des Mülls, den die Menschheit dort schon hinterlassen hat.

Was sonst noch geschah:

– Die griechische Regierung feiert eine U-Bahn ohne U-Bahnen.

– Die Bundesregierung schweigt, obwohl sie vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages attestiert bekommen hat, dass ein Einmarsch der Türkei nach Syrien gegen das Völkerrecht verstoße. Man könnte auch sagen, dass Putin Erdogan ausgepokert hat.

– Jeff Jarvis schreibt über den aktuellen „Spiegel“-Skandal.

– Auf Telepolis lobt jemand Marx. (Promotion für ein Buch des Interviewten. Da lese ich doch lieber die Originale, vor allem, weil Marx viel weniger schwurbelt.)

Unter Fremdenhassern

„Der Täter äußerte sich fremdenfeindlich“. Oder: „Autofahrer verletzt aus Fremdenhass vier Menschen.“ Was für ein Unsinn.

Ich schrieb in Nazis sind Pop (2000):

Der Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ – auch „Xenophobie“ – wird meistens in suggestivem Sinn gebraucht: man vermutet, es gäbe ein dem Homo sapiens angeborenes Gefühl, jemandem, der unbekannt ist, „automatisch“ zu fürchten oder ihm aggressiv zu begegnen. Die These vom angeborenen „Fremdenhass“ entstammt einer falschen Analogie aus dem Tierreich und wird von einigen rechtskonservativen Forschern wie Irenäus Eibl-Eibesfeld vertreten. Der „Hass“ gegen das oder den Fremden sei ein evolutionsgeschichtliches Überbleibsel, eine Art Instinkt, der die eigenen Vorräte zum Überleben vor dem Zugriff Fremder schütze. Der Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeld behauptet, „Fremdenfeindlichkeit“ sei „stammesgeschichtlich“ angeboren. Jedes Volk wehre sich gegen „Überfremdungen“.

Den „Fremden“ an sich gibt es nicht – genausowenig wie „Fremdenfeindlichkeit“. Soziale und physische Aggression eines Kollektivs gegen bestimmte Gruppen von Menschen setzt voraus, dass man sich vorher darüber verständigt hat, welche Eigenschaften diejenigen haben sollen, gegen die man negative Gefühle wie Hass zeigt. Die „Fremden“ werden immer konstruiert, durch Gesetze oder durch den gesellschaftlichen Diskurs, der sich bestimmter Vorurteile bedient. Die Theorien, die die Begriffe „Fremdenfeindlichkeit“ oder „Xenophobie“ vertreten, reduzieren den Menschen auf Natur und interpretieren soziale Tatsachen biologistisch.

Auch die oft vertretene These, die so genannte „Fremdenfeindlichkeit“ läge in der menschlichen Pyche begründet, ist schlicht grober Unfug. Wer „Fremdenfeindichkeit“ psychologisch definiert, muss auch Rassismus und Antisemitismus aus der Seele ableiten, womöglich aus der deutschen, brasilianischen oder chinesischen Seele ganz speziell. Als „fremd“ gelten manchen Leuten auch Behinderte, Obdachlose, emanzipierte Frauen oder Angehörige bestimmter Subkulturen wie Punks oder Grufties. Im allgemeinen Sprachgebrauch benutzt man „Fremdenfeindlichkeit“ jedoch meistens für Immigranten mit oder ohne deutschen Pass. Psychologische Spekulationen, die „Fremdenfeindlichkeit“ als abweichendes Verhalten klassifizieren zu wollen, bleiben oberflächlich. Sie lassen ausser acht, dass auch „normale“ und unauffällige Menschen Vorurteile haben, also Gruppen von Menschen zu „Fremden“ machen können.

Wer „Fremdenfeindlichkeit“ bestimmen will, muss genau sagen, welche Gruppe als „fremd“ angesehen wird, wie sich diese „Feindschaft“ äussert, und wie sie sich von anderen „Feindlichkeiten“ wie rassistischen und antisemitischen Vorurteilen oder sexueller Diskriminierung unterscheidet. Das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz aus dem Jahr 1913 bestimmt zum Beispiel, dass eine deutsche Frau, die einen Ausländer heiratet, automatisch zu einer Fremden, das heisst Ausländerin wird… Die deutschen Juden wurden durch 1933 durch das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, die so genannten „Nürnberger Rassegesetze“, juristisch zu Fremden gemacht. (…)

„Fremdenfeindlichkeit“ ist eine politisch bewusst gewollte soziale Ausgrenzung und kann „künstlich“ erzeugt werden. Wird eine Gruppe von Menschen per Gesetz oder durch soziale und wirtschaftliche Diskriminierung ausgegrenzt, zieht sie automatisch Vorurteile nach sich. Wer von der Gesellschaft ferngehalten wird, entwickelt automatisch alternative Existenz- und Verhaltensweisen, die der Mehrheit fremd sind. Soziale Diskriminierung erzeugt „Fremdheit“ auf beiden Seiten – der Mehrheit und der Minderheit. Dafür gibt es den Begriff der „Selbstethnisierung“: Im Kampf um Anteile an der gesellschaftlichen Macht muss sich jeder eine Gruppe zugehörig fühlen, um eine Chance zu bekommen, gemeinsam mit anderen etwas zu erreichen. Im angelsächsischen Sprachraum gibt es schon lange eine Diskussion darüber, wie und ob die urspründlich „Fremden“, zumeist die Einwanderer und deren Nachfahren, die Nachteile ihrer Herkunft in das Gegenteil zu verkehren.

Fatwa oder: Nun zu uns, Verehrer höherer Wesen!

Jungle World: „Thierry Chervel, Autor und Publizist, im Gespräch über den Mordaufruf Ayatollah Khomeinis gegen den Schriftsteller Salman Rushdie vor 30 Jahren: »Die Fatwa besteht bis heute«.“

Seit der Rushdie-Affäre gibt es einen Riss, der die Linke spaltet. Zwar gehört Religionskritik zu ihrem vornehmsten, heute aber mehr oder weniger vergessenem Erbe. Gleichzeitig begreifen viele Linke auf der Suche nach einem revolutionären Subjekt die Muslime ausschließlich als bedrohte Minderheit beziehungsweise als passives Opfer des Kolonialismus und Imperialismus. Daraus erklärt sich die bis heute bei vielen Linken festzustellende heimliche Sympathie für den Islamismus. Für linke Intellektuelle wie Salman Rushdie war das nach der Fatwa der nächste Schock: Er selbst wurde für viele britische Linke zum Verräter, der sich gar von Margaret Thatcher beschützen lassen musste.

Ich schrieb 2010:
Woran denkt man, wenn religiöse Fanatiker der christlichen, muslimischen oder jüdischen Sorte die Demokratie und ihre Prinzipien angreifen? An Salman Rushdie natürlich und seine Satanischen Verse. Wikipedia: „Durch die in den Alpträumen eines Protagonisten widergespiegelte Darstellung des Lebens des Propheten Mohammed fühlten sich viele Muslime in ihren religiösen Gefühlen verletzt – die meisten freilich ohne das Buch überhaupt zu kennen, da es weder leicht zu lesen noch wohlfeil erhältlich und obendrein von islamischen Geistlichen verboten war. Am 14. Februar 1989 verurteilte der iranische Staatschef Khomeini Rushdie mittels einer Fatwa zum Tode, weil das Buch gegen den Islam, den Propheten und den Koran sei. satanische verseKhomeini rief die Moslems in aller Welt zur Vollstreckung auf. Um die Durchführung zu beschleunigen, wurde ein Kopfgeld von 3 Millionen US-Dollar ausgesetzt.“

Und was geschah darauf in Deutschland? Drei Mal dürfen Sie, liebe wohlwollende Leserin und lieber geneigter Leser, raten: „In Deutschland wagte kein einzelner Verlag, „Die satanischen Verse“ zu verlegen. Gleichzeitig wurde es als Akt der Verteidigung der Menschenrechte gesehen, die Publikation sicherzustellen. Schließlich gründete eine Arbeitsgemeinschaft der deutschen Verlage einen neuen Verlag mit Namen „Artikel 19 Verlag“ (dem Artikel, der in der europäischen Menschenrechtskonvention das Grundrecht auf Meinungsfreiheit zusichert), dessen einziger Zweck die Herausgabe der Verse war.“ Die Deutschen sind eben von Natur aus feige und Duckmäuser, und die Ausnahmen bestätigen nur die Regel.

Ganz so, wie es Wikipedia steht, war es nicht: Der „Artikel 19 Verlag“ bestand aus einigen Verlagen, aber vor allem aus Einzelpersonen, die den Kopf dafür hinhielten, dass Salman Rushdies Werk auch in deutscher Sprache erscheinen konnte. Übrigens: Ein gutes und interessantes Werk – lesenswert! Und da bin ich nun, wie ein Ost-Pfarrer das formulieren würde, persönlich „betroffen“. Ich gehöre mit zu den Personen, die die „Satanischen Verse“ herausgaben, der einzige Schröder neben Gerhard. Und wenn mir heute wieder ein durchgeknallter Verehrer höherer Wesen dumm käme, und sich beleidigt fühlte, weil ich mich über Religion lustig mache, würde ich mich nicht anders verhalten als damals. Jetzt erst recht – es ist mein gutes Recht! Kirchen zu Turnhallen!

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