Fatwa oder: Nun zu uns, Verehrer höherer Wesen!

Jungle World: „Thierry Chervel, Autor und Publizist, im Gespräch über den Mordaufruf Ayatollah Khomeinis gegen den Schriftsteller Salman Rushdie vor 30 Jahren: »Die Fatwa besteht bis heute«.“

Seit der Rushdie-Affäre gibt es einen Riss, der die Linke spaltet. Zwar gehört Religionskritik zu ihrem vornehmsten, heute aber mehr oder weniger vergessenem Erbe. Gleichzeitig begreifen viele Linke auf der Suche nach einem revolutionären Subjekt die Muslime ausschließlich als bedrohte Minderheit beziehungsweise als passives Opfer des Kolonialismus und Imperialismus. Daraus erklärt sich die bis heute bei vielen Linken festzustellende heimliche Sympathie für den Islamismus. Für linke Intellektuelle wie Salman Rushdie war das nach der Fatwa der nächste Schock: Er selbst wurde für viele britische Linke zum Verräter, der sich gar von Margaret Thatcher beschützen lassen musste.

Ich schrieb 2010:
Woran denkt man, wenn religiöse Fanatiker der christlichen, muslimischen oder jüdischen Sorte die Demokratie und ihre Prinzipien angreifen? An Salman Rushdie natürlich und seine Satanischen Verse. Wikipedia: „Durch die in den Alpträumen eines Protagonisten widergespiegelte Darstellung des Lebens des Propheten Mohammed fühlten sich viele Muslime in ihren religiösen Gefühlen verletzt – die meisten freilich ohne das Buch überhaupt zu kennen, da es weder leicht zu lesen noch wohlfeil erhältlich und obendrein von islamischen Geistlichen verboten war. Am 14. Februar 1989 verurteilte der iranische Staatschef Khomeini Rushdie mittels einer Fatwa zum Tode, weil das Buch gegen den Islam, den Propheten und den Koran sei. satanische verseKhomeini rief die Moslems in aller Welt zur Vollstreckung auf. Um die Durchführung zu beschleunigen, wurde ein Kopfgeld von 3 Millionen US-Dollar ausgesetzt.“

Und was geschah darauf in Deutschland? Drei Mal dürfen Sie, liebe wohlwollende Leserin und lieber geneigter Leser, raten: „In Deutschland wagte kein einzelner Verlag, „Die satanischen Verse“ zu verlegen. Gleichzeitig wurde es als Akt der Verteidigung der Menschenrechte gesehen, die Publikation sicherzustellen. Schließlich gründete eine Arbeitsgemeinschaft der deutschen Verlage einen neuen Verlag mit Namen „Artikel 19 Verlag“ (dem Artikel, der in der europäischen Menschenrechtskonvention das Grundrecht auf Meinungsfreiheit zusichert), dessen einziger Zweck die Herausgabe der Verse war.“ Die Deutschen sind eben von Natur aus feige und Duckmäuser, und die Ausnahmen bestätigen nur die Regel.

Ganz so, wie es Wikipedia steht, war es nicht: Der „Artikel 19 Verlag“ bestand aus einigen Verlagen, aber vor allem aus Einzelpersonen, die den Kopf dafür hinhielten, dass Salman Rushdies Werk auch in deutscher Sprache erscheinen konnte. Übrigens: Ein gutes und interessantes Werk – lesenswert! Und da bin ich nun, wie ein Ost-Pfarrer das formulieren würde, persönlich „betroffen“. Ich gehöre mit zu den Personen, die die „Satanischen Verse“ herausgaben, der einzige Schröder neben Gerhard. Und wenn mir heute wieder ein durchgeknallter Verehrer höherer Wesen dumm käme, und sich beleidigt fühlte, weil ich mich über Religion lustig mache, würde ich mich nicht anders verhalten als damals. Jetzt erst recht – es ist mein gutes Recht! Kirchen zu Turnhallen!

Kommentare

6 Kommentare zu “Fatwa oder: Nun zu uns, Verehrer höherer Wesen!”

  1. ... der Trittbrettschreiber am Dezember 29th, 2018 1:53 pm

    Ich habe erst im hohen Alter erkannt, dass ich ein mutmaßlicher Deutscher mit dieser Duckmäusermentalität bin – bis dahin war es aber ein kekkes, stolzes und oft in hybriden Anfällen die ganze Welt umarmendes Leben.
    Heute, über 40, nicke ich freundlich FeministInnen und Grünen zu, mache zumindest ein ernstes Gesicht, wenn Märchenwälder geräumt werden, lese artig Burks und erinnere mich etwas mürrisch an die emotionalen Schocks, die ich anlässlich Fatwas, Tsunamis, fliegender Touristenbusse und der Einführung von Mülltrennung erlitten hatte. Nur manchmal, wenn mir das stressige Mit-dem-Zeitgeist-hasten zuviel wird und ich den passiv leidenden Zustand eines Burnouts unbedingt politisch korrekt vermeiden möchte, dann macnhmal gehe ich in den Keller, dort wo ich noch ungestraft heimlich laut girrend lachen darf, und recke bei ausgeschaltetem Licht meine Faust an die modrig schimmelige, lange nicht mehr gewitchte Gewölbedecke.

  2. takeshi am Dezember 29th, 2018 4:48 pm

    Fehlt in der Überschrift nicht ein R?
    Es müsste doch grammatisch richtig „höherer“ Wesen heißen.

  3. Roman Bardet am Dezember 30th, 2018 1:15 pm

    Ein gutes und interessantes Werk – lesenswert!

    Gleichfalls kann ich Interviews, „Predigten“ und Ansprachen von Ayatollah Khomeini empfehlen. Sehr interessant bis lustig was der über Musiker wie Bach oder Mozart sagt oder generell über Musikinstrumente, Alkohol, aber auch über modische und bunte Frauenkleider oder warum er Juden im Iran unbehelligt gelassen hat.

  4. admin am Dezember 30th, 2018 8:47 pm

    @takeshi: ja

  5. Juri Nello am Dezember 31st, 2018 4:39 am

    Life of Brian

  6. Martin Däniken am Dezember 31st, 2018 6:22 am

    In einer vor Jahrzehnten gelesenen Dystopie:
    „In hundert Jahren sind wir alle tot.“
    Je nach Stimmung aufbauend oder niederschmetternd…
    In diesem Sinne :
    NEN guten Rutsch,fallt nicht auf eure Köpfe!

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