Tag der Bibliotheken
Gestern war der Tag der Bibiliotheken. Just saying.
Marcia Maria und reisende Rassisten
Mit der Marcia Maria war ich 1982 zehn Tage unterwegs auf dem Rio Solimões (Amazonas), von Tabatinga bzw. Benjamin Constant in Brasilien bis nach Manaus.
„Reiselustige Personen, so heißt es, sind weitaus weniger rassistisch. Das ist natürlich grober Unsinn. Selbst den größten Fremdenfeind begeistert eine schöne Aussicht. In Wahrheit reisen vor allem Rassisten. Die glauben in fremden Ländern etwas anderes zu finden als immerzu das Ewiggleiche. Am schlimmsten sind die Weltenbummler, ehemals Landstreicher genannt. Landstreicher aber konnten noch etwas. Oft waren das vorzügliche Taschendiebe, Trickbetrüger oder unterhaltsame Tölpel. Die Weltenbummler können gar nichts. Die brauchen auch nichts mehr zu können, weil sie nicht die Armut treibt, sondern ihr stumpfsinniger Reichtum. Die wollen niemanden berauben. Die wollen sich nur selbst bereichern. Und das nicht einmal mit Geld, denn davon haben sie genug. Nein, sie wollen Erlebnisse. Sie müssen ständig etwas erleben, um nur ja nicht leben zu müssen. Und sie wollen Erfahrungen. Sowohl gute als auch schlechte. Sie wollen lieber Erfahrungen sammeln, anstatt Wissen anzuhäufen.“ (Lisa Eckhart: Omama)
Apokalyptisches
Die Russen haben die ultimative Pandemie-Seite gedreht: Vongozero – Flucht zum See. Der Plot stammt aus dem gleichnamigen Roman (2011) der russischen Schriftstellerin Yana Wagner. (Interessant, dass ihre Bücher bei Amazon erhältlich sind, es aber weder einen deutschen noch englischen Wikipedia-Eintrag über sie gibt. Das ist vermutlich eine Empfehlung. Leider gibt es neben den russischen nur englische und französische Ausgaben der Thriller.)
Genderpolitisch geht es gleich typisch russisch, das heißt inkorrekt zur Sache. Die Frauen zu Beginn sind unerträgliche Zicken, intrigant, boshaft und irrational, so wie kein deutscher Krimi sich trauen würde, das zu beschreiben. Typisch russisch ist auch der Charakter des neureichen Dumpfbacken, der aussieht wie ein dummer Bauernknecht, aber Geld wie Heu hat und sich eine Geliebte hält, die er aus einer Bar weggeholt hat.
Den Hauptdarsteller Kirill Käro (kein deutscher Wikipedia-Eintrag – er ist Este) kennen wir schon aus Better than us. Seine Rolle in Vongozero ist ähnlich: Er muss die Familie zusammenhalten, und die Frauen, vor allem seine Ex-Frauen, werfen ihm ständig Knüppel zwischen die Füße.
Ich habe nur die erste Folge gesehen, aber ich wette, es werden auch weder Schwule noch Lesben auftauchen. Ich wage die Serie zu empfehlen. Der Plot ist interessant, natürlich aktuell, und das Ambiente ist anders als in US-amerikanischen Standard-Produktionen.

13.02.2003: Auf meine Rechner kommt Debian.
Was haben wir noch? Heise: „Der Bundesrat stimmte einem Gesetz zu, dass [sic] unter anderem Massenabmahnungen den Boden entziehen soll.“ – „Wenn sich eine Abmahnung als ungerechtfertigt herausstellt oder die nötigen Informationen fehlen, können Betroffene vom Abmahner eine Erstattung ihrer Kosten fordern. Das soll Massen-Abmahnungen als Geschäftsmodell den Boden entziehen.“ Mal sehen, ob das wirklich hilft, zum Beispiel beim Thema Webinar, und ob auch Privatpersonen geschützt werden.
Der Tagesspiegel: „Wie Deutschland Antisemitismus mitfinanziert. Palästinensische Kinder lernen in ihren Büchern – mitbezahlt von Deutschland -, Juden zu hassen.“
Das korrupte Pack, das sich Autonomiebehörde nennt, kriegt also „erhebliche Gelder“ der deutschen Steuerzahler, um den Terror gegen Israel schon bei Kindern weltanschaulich zu fördern. die Welt wies schon vor zwei Jahren drauf hin: „Eine Studie zeigt das System von Zahlungen der Palästinensischen Autonomiebehörde an Attentäter und deren Familien. Auch Deutschland und die EU zahlen Geld an die Autonomiebehörde.“ Ändern wird sich natürlich nichts.
Stultus!
Quid ais, propudium? Ebriola persolla, nugae! Endlich kann ich hier nach Herzenslust pöbeln, ohne dass mir das jemand übel nimmt. War ein Lustkauf: Der kleine Schmutzfink: Unflätiges aus dem Latein.
Ihr habt ja nicht mehr alle Tassen im Schrank bei der Neuen Zürcher Zeitung! Moment. Locutuleios et blaterones et loquaces!
Nordic Noir

Pihla Viitala als „Sofia Karppi“ in „Deadwind“
Empfehlung: Deadwind (Netflix) – eine finnische Krimi-Serie. Die Heldin Kommissarin ist ausgesprochen schnuckelig, der Prototyp einer skandinavischen Blondine, aber – was es noch besser macht – in ihrer Rolle eine richtige Zicke, meistens von ihrem Privatleben gestresst und von ihren Mitarbeitern genervt. Das zeigt sie mit sparsamen Mitteln: Meistens reichen ein Blick und ein Gesichtsausdruck, um zu zeigen, dass sie eigentlich meint, den Mittelfinger hochzuheben.
Offenbar sieht in Deutschland niemand finnische Krimiserien. Deadwind ist besser als jeder deutsche „Tatort“, weil die „nordische“ Stimmung eben nur an den Original-Schauplätzen funktioniert. Interessant, dass auch in der isländischen Produktion Valhalla Murders (ebenfalls empfehlenswert!) die Heldin Nína Dögg Filippusdóttir (schöne Namen haben die da!) als Komissarin „Kata“ in einer ähnlichen Situation ist wie ihre „Kollegin“ Pihla Viitala als „Sofia Karpii“ in „Deadwind“: Beide sind ohne Mann und haben Ärger mit den Blagen. Die Isländerin kommt eher als Walküre rüber, ist also nicht so mein Typ, aber die Finnin ist eine Augenweide. Und außerdem – wen wundert’s – ist in beiden Serien alles immer voller Schnee.
Ich will mir die Spannung nicht nehmen, aber soweit ich die wenigen ernst zu nehmenden Filmkritiken überflogen habe, kriegt „Sofia“ in der ersten Staffel keinen Kerl ab, was auch keine Wunder ist, weil sie darauf gar keine Lust zu haben scheint, was sie auch so sagt. Aber wollen die mir eine ganze Serie ohne Sex verkaufen? Ich bin gespannt.
Shtisel, du Stiesel!

Manche Filme beschreibt man am besten dadurch, dass man aufzählt, was nicht darin vorkommt. Von Shtisel (Netflix) habe ich jetzt beide Staffeln angeschaut. No sex please, we are Haredim. Keine Küsse, noch nicht einmal Händchenhalten, keine Gewalt, keine Politik, kein Terror der „Palästinenser“, keine Merkavas, keine sichtbaren langen Haare bei Frauen, keine emanzipierten Frauen, keine Bikinis, keine Schwulen, keine Lesben. Ist das noch das reale Leben in Israel? Oder ist Shtisel einfach nur eine soap opera à la Bollywood, aber in einem – auch visuell – „exotischen“ Ambiente, das sich vom Rest der Welt abschottet, vergleichbar mit den Amischen oder Jehovas Zeugen?
Mir fiel es teilweise schwer, die Episoden anzuschauen – und das ist vermutlich rein gar nicht für das hier lesende Publikum repräsentativ. Das lag zum einen an den durchweg hervorragenden Schauspielern, die in ihre Rolle so überzeugten, dass ich sie manchmal am liebsten angeschrien oder geschüttelt hätte: Wie könnt ihr nur so bescheuert sein? Zum anderen kam mir manches „unheimlich“ bekannt vor, dass ich mich einerseits gruselte, andererseits vor Wut kochte. (Wir hatten das hier schon ausführlich.)
Ich stimme Dorothee Krings zu, die in der Rheinischen Post rezensiert: „Shtisel“ ist in erster Linie eine Familienserie mit starken, ambivalenten, wahrhaftigen Charakteren. Es geht um Liebe, Kindererziehung, die Erwartungen der Alten, um den Tod. Es geht um Tradition und zaghaftes Aufbegehren, um Menschen, die einander Leid zufügen, weil sie es gut meinen, um Zuneigung und Zusammenhalt. Das Drehbuch von Yehonatan Indursky ist mit Witz, Wärme und großer Menschenkennerschaft geschrieben, und obwohl es oft um Klischees geht, sind die Dialoge nie plump. Das ist intelligente Unterhaltung, die die wahren Konflikte um die ultraorthodoxe Minderheit in Israel ausblendet, aber wahrhaftig von den universellen Konflikten in Familien erzählt.
Ja, ich musste manchmal auch herzlich lachen und oft schmunzeln. Die Ultraorthodoxen aus Ge’ula sind natürlich zerstritten, wenn es um religiöse Themen geht. Spöttische Bemerkungen fallen über die messianischen Chabad Lubawitscher, und man erinnert sich sofort an die Volkfront von Judäa.
Weltliche Israelis und Juden sind „Zionisten“, die man verachtet. Die Schüler einer Jeschiwa müssen (im Film) auch in weltlichen Feiertagen des Staates Israels lernen, aber heimlich schauen sie dann doch aus dem Fenster, um eine Flugshow zu sehen.

Hanna Rieber als Großmutter Malka Shtisel
Die Großmutter des Helden lebt im Heim und schaut Liebesfilme, obwohl das „verboten“ ist – die Dialoge zwischen den tüddeligen Damen auf Jiddisch sind zum Kaputtlachen (mit Untertiteln schauen! Überragend ist auch Ruth Geller als Rebetzen Erblich).
The Atlantic über das Sprachwirrwarr: As Shayna Weiss, the associate director of the Schusterman Center for Israel Studies at Brandeis University, has noted, the older characters in Shtisel—Shulem; his misanthropic brother, Nukhem (Sasson Gabai); and his riotously funny mother (Hanna Rieber in the first season and Leah Koenig in the second)—generally speak to one another in Yiddish. The younger characters speak mostly in Hebrew. But even haredi Hebrew is distinct. It includes Yiddish expressions, and many haredim use Ashkenazi (European) pronunciations that differ from the Sephardic (Middle Eastern) pronunciations that are normative in modern Hebrew. If that’s not complicated enough, the characters sometimes employ religious terms drawn from Aramaic.
Die Frauen in Shtisel haben ein interessante Rolle: Sie sind einerseits total unterwürfig, also rein gar nicht emanzipiert im heutigen Sinn, andererseits sind sie „lebenstüchtiger“ als die meisten Männer, was in den Ehen dazu führt, dass sie letztlich bestimmen, wo es langgeht. Ein Paradebeispiel ist Nela Riskin als „Giti Weiss“: Die Frau bzw. ihr Verhalten brachte mich zu Kochen, und ich musste mich selbst immer wieder daran erinnern, dass es nur ihre Rolle war. Die Frauen sind oft „reaktionärer“ als ihre Männer und achten mehr darauf, dass auch die – für uns – lächerlichen Regeln eingehalten werden. Das gilt auch für Shira Haas (die Hautdarstellerin von Unorthodox). Wenn man die fast ausnahmslos sehr schönen Schauspielerinnen „normal“ sieht und dann in ihrer verhuschten Rolle als unattraktive orthodoxe Jüdin, kann man kaum glauben, dass es dieselben Personen sind.
In Deutschland könnte so eine Serie nicht gedreht werden. Hier wäre die Angst viel zu groß, in irgendwelche Fettnäpfchen zu treten oder politisch „inkorrekt“ zu sein. Sieht nicht Sasson Gabai als Nuchem Shtisel aus wie der „ewige Jude“ aus irgendeinem antisemitischen Propagandafilm? Und verhält er sich in seiner misanthropischen feilschenden Geldgier nicht genauso so wie man das aus den gängigen Vorurteilen kennt? Deutsche Filmemacher würden sich das nicht trauen, aber ich wette, dass Ori Elon und Yehonatan Indursky genau wussten, was sie taten. Wahrscheinlich haben sie gegrinst. Ich glaube auch nicht, dass die Serie im deutschen TV zu Prime Time gezeigt werden wird, dazu sind die alle in den Anstalten viel zu feige. Und erst das Frauenbild! Denkt jemand an die Kinder? Und gar nichts gegendert, kein cis, kein trans, kein Quotenneger?? Darf man das überhaupt zeigen?
Die Serie soll jetzt USA adapiert werde. Dadurch kann sie nur schlechter werden – wie schon bei Hatufim und der US-amerikanischen Variante Homeland.
Fazit: Sehenswert, aber um eines höheren Wesens willen nicht synchronisiert!
Diversitäten aus der Gräfenberg-Zone
– Das KaDeWe und die SPD wollen sich „vielfältiger“ machen (mehr Arabisches und mehr Hijabs?), was immer das heisst. Vielleicht sollten beide jetzt preiswerte Mäntel für die Arbeiterklasse anbieten? Den obigen Bademantel wird es übrigens nach der Revolution für alle gratis geben.
„Das KaDeWe toleriert andere Meinungen, auch wenn wir sie nicht immer teilen. Wir alle halten das aus.“ Aha. Dann kann man vermutlich bald Alexander Gauland im Schaufenster sehen, natürlich in schwarzem Leder?
– Es wird Zeit für eine Bundeskanzlerin mit chinesischen, japanischen oder vietnamesischen Wurzeln, damit die preußischen Tugenden Fleiß, Disziplin und Selbstbeherrschung wieder mehr gepflegt werden.
– Der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard war ab 1933 Lehrbeauftragter an der Nürnberg Handelshochschule. Er äußerte sich positiv über die nationalsozialistische Zwangskartellierung, denn sie beuge den Schäden des „artfremden Preiskampfes“ vor. Deshalb schaden Altherrenwitze über die real nicht existierende Gräfenberg-Zone der Frau dem Ansehen der Ludwig-Erhard-Stiftung.
– Vielen Dank an den edlen Spender R. G.!
Fuck this and the race-faking academic

Credits: Samira, wurde mir soeben aus Kopenhagen zugeschickt.
Heute nur Belangloses, während ich Candy Dulfer zuhöre.
– Böhmermann! Die Syntax von „fuck you!“ ist weder „fick dich“! noch „fuck yourself“ (letzteres ist eine Lehnrückübersetzung der falschen deutschen Übersetzung „fick dich!“), sondern – syntaktisch notwendige Satzteile auslassend – „man ficke dich!“, wie in „fuck this fucking rifle, it’s jammed again“. Im letzteren Fall ist theoretisch auch ein Imperativ/Optativ der 2. Person möglich. Si quis negat hæc vera esse, anathema sit.
– Neu erlernt und ausprobiert: Sauer-Scharf-Suppe und Käsekuchen. Wo kommt das Saure und Süße in der Suppe her? Lesen hier chinesische Großmütter mit? 中国祖母在这里读书吗? Meine Suppe schmeckt zwar gut, könnte aber etwas pikanter sein. Mehr Essig? (Ich habe Reisessig genommen.) Mehr Zucker?
Ich habe auch meine handmade Currywurst-Sauce neu gemixt, weil ich plane, alsbald ein paar Bratwürste zu verzehren. Die Küche sieht sah aus wie ein Schlachtfeld.
– Erneute Disqualifikation bei der Opferolympiade: „The rise of the race-faking academic
Another white academic, who was pretending to be black, has resigned.“ Yeah! Mehr davon!
Da läuft gerade Lucky Backup. Ich wurde daran schmerzhaft erinnert, weil mein Hauptrechner sich heute plötzlich weigerte, die Monitorauflösung aufzuführen, sondern bei jämmerlichen 1024×768 Pixel steckenblieb, statt mir die gewohnten 1920×1080 Pixel zu zeigen. Ich musste wie gewohnt kryptische Foren-Beiträge durchforsten, hatte plötzlich unzählige Festplatten, fuhrwerkte mit Herzklopfen mit gedit im dev-Verzeichnis herum und kam mit Nautilus eigentlich nirgendwo mehr hin außer in mein Home-Verzeichnis, noch nicht einmal, wenn ich zum Erschrecken der Terminals den Dateimanager mit sudo aufrief. Das ergab alles keinen Sinn. Das Problem hat sich mit autoremove halbwegs lösen lassen, zumindest spinnt der XServer nicht mehr.
Ich wünsche jetzt eine gute Nacht. Wenn ihr noch einen guten Film sehen wollte: Training Day mit Denzel Washington in Höchstform (…stealing scene after scene as he utters gritty dialogue and glares into the camera). Natürlich im Original mit Untertiteln! Die Dialoge sind großartig.
Multikausal und ziemlich komplex

Kunst am Verkehrsschild, Rathaus Neukölln, fotografiert 2013. Symboldbild für Experten und Profis.
Was geht? – Beethoven darf in Zukunft vermutlich nur mit Gendersternchen aufgeführt werden. Oder alle Musiker müssen Farbige sein. Telepolis hat auch etwas zum allgemeinen Thema: „Cancel Culture ist unmodern!“ Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.
– Das große Sterben der Zeitungen geht weiter. Die Süddeutsche entlässt rund ein Zehntel der Belegschaft – und deutsche Medien wie die taz nennen das wie gewohnt in schönstem Neusprech „Stellenabbau“.
– Tagesspiegel: „Polizei stuft Wrangelkiez und Schlesisches Tor als Kriminalitäts-Hotspots ein“.
Vor allem Drogendealer aus Westafrika entwickeln sich für Frauen und Anwohnerinnen zu einem alltäglichen Problem. Sie werden bedrängt, beleidigt und sexuell belästigt. „Delinquentes Verhalten gegenüber Frauen stellt hierbei ein relevantes Themenfeld“, erklärte ein Polizeisprecher. Mehr als 40 Sexualdelikte – von sexueller Nötigung bis hin zu Vergewaltigungen – wurden in der Gegend seit 2017 angezeigt.“
Dazu lesen wir noch einmal alle gemeinsam im Chor: „Dealer machen heldenhafte Arbeit“.
– Wieder Telepolis über die „stumme Hälfte“: „Bei der jüngsten Kommunalwahl in NRW erreichen die Nichtwähler eine Zahl von 6,958 Millionen und übertreffen damit – wenn auch knapp – die Zahl der Wähler aller anderen Parteien zusammen.“
Was für ein Desaster! Die meisten Wähler sind mit „dem System“ aka Kapitalismus so unzufrieden, dass sie die etablieren Parteien ignorieren – und die Partei „Die Linke“ kann das nicht ausnutzen!? Vermutlich denken die, dass das Volk noch zu dumm sei, ihre Weis- und Wahrheit zu kapieren. Die „Linke“ ist definitiv auf dem Weg zu einer Politsekte, die bald an der Fünfprozenthürde“ vorbeischrammen wird.
– Die Berliner Innenverwaltung (!) erklärt das Volksbegehren, die „Deutsche Wohnen“ zu enteignen, für zulässig. Grundlage des bundesweit bisher einmaligen Vorstoßes sind Regelungen im Grundgesetz, die eine Vergesellschaftung gegen Entschädigung unter Bedingungen zulassen. Gut, dass sich mal jemand an das Grundgesetz erinnert. Das schreibt den Kapitalismus nicht zwingend vor, obwohl die üblichen Verdächtigen noch nicht einmal vor dreisten Lügen zurückschrecken, wenn es dem Kapital nur ein Klitzekleinesbisschen an den Kragen geht.
Dumm ist nur, dass die Berliner „Innenverwaltung“ nicht dafür berühmt ist, Gesetze so zu verfassen, dass diese auch vor Gericht Bestand hätten. Für juristische Expertisen würde ich die dortigen „Experten“ nicht heranziehen. Ich hätte den Titel – Enteignung sei in diesem Fall zulässig – daher korrekt als „Meinung“ ausgewiesen. Warten wir’s ab. Sie werden auch das versemmeln.
– Weiter geht es mit der beliebten Rubrik „Einmal mit Profis arbeiten“. Experten finden keine Lösung für die Probleme der IT der Justizbehörden in Berlin. Auf die Frage nach den Ursachen für die Störung erklärte Böttcher, es handele sich um ein „multikausales und ziemlich komplexes Fehlerbild“. Ach!? Wer hätte das gedacht. Für so ein Gefasel müsste es mindestens zwei Wochen Arbeit im Steinbruch geben – ohne Handschuhe.
Auch in Bayern ist es nicht besser. Weil eine Familie nicht von der Covid-Erkrankung der Großmutter wusste, feierte sie mit 100 Gästen Hochzeit. Dabei lag die 68-jährige Frau aus Vilshofen (Landkreis Passau) seit zwei Tagen mit Covid-Symptomen im Krankenhaus, wurde dort jedoch nicht auf das Virus getestet.
Wait a minute! Eine Frau hat Covid-Symptome, kommt ins Krankenhaus und wird nicht getestet? Es geht um das Krankenhaus Vilshofen. Gut zu wissen, wohin man nie gebracht werden möchte.
Schon wieder und unter anderem: Schöne Menschen mit Menstruationshintergrund
Wenn Konzerne wie Netflix oder Amazon mein Medienverhalten kennen, was Filme angeht, dürfen die wohlwollenden Leser und geneigten Leser das natürlich auch. Die Agorithmen, die mir etwas vorschlagen, sind einigermaßen gut, aber bei meinen erratischen Interessen und Sehgewohnheiten natürlich meistens überfordert. Jüngst hatte ich das überraschende Problem, dass ich nichts Sehenswertes auf Netflix mehr fand und daher auf Uralt-Produkte wie den Bone Hunter zurückgreifen musste. Denzel Washington geht immer, auch wenn der die ganze Zeit nur herumliegt und betonähnliche Sätze auf Horoskop-Niveau sagen muss. Angelina Jolie finde ich, was ihr Gesicht angeht, zu unnatürlich, ja eher Zombie-haft attraktiv. Eine ganz normale Polizistin passt einfach nicht für sie. Comic-Strip-Figur käme besser. Tomb Raider war daher ihre Paraderolle. Science Fiction ginge für Jolie auch, aber Jessica Matten finde ich hübscher. Tribal wird aber weder von Netflix noch von Amazon gestreamt und steht noch auf meiner To-Watch-Liste. Von Agelina Jolie hätte ich aber gern die Schreibmaschine.
Zappen wir weiter. Centurion kannte ich schon. Ich hielt ihn nur eine halbe Stunde aus. Ohnehin hatte ich den Film nur wegen Olga Kurylenko und ihrem Lächeln ausgewählt, obwohl sie dort überhaupt nie lächelt, sondern so viele verschiedene Gesichtsausdrücke zeigt wie Clint Eastwood. „Die Römer bei den Pikten“ wurde in Adler der neunten Legion besser abgehandelt. Der letztere Film hat nur wenig mit der Historie zu tun hat, und der Schluss ist so bekloppt und realistisch ist wie der Angriff der Killertomaten.
Offenbar werden nur noch Kinderfilme gedreht und immer nach einem ähnlichen Muster. Zum Beispiel: Eine gender- und diversity-ausgewogene Jugendgruppe gerät irgendwo hin und muss ums Überleben kämpfen. Oder Mädchen haben keinen Sex, aber sehen gut aus wie in Warrior Nun. „Kriegernonne“ ist so bescheuert, dass der Inhalt noch nicht mal als C-Movie durchginge. Alba Baptista scheint zwar klug und sehr sprachbegabt zu sein, aber als Schauspielerin wäre Lolita für sie die passende Rolle. Dann doch lieber gleich ganz politisch unkorrekt gucken.
Away wurde mir vorgeschlagen, vermutlich weil ich Star Trek Enterprise durchzappte, um zu sehen, ob T’Pol vielleicht irgendwann doch einmal etwas Durchsichtiges trägt. Auch unerträglich: Das Sci-Fi-Szenario ist nur ein Vorwand, um den üblichen Kleinfamilien-Kitsch lang und länger auszubreiten. Ich kann es nicht ertragen, spannend ist die Serie auch nicht, sondern mit der Drehbuch-Nudelrolle so platt und dünn gewalzt wie es nur irgend geht. „Away“ funktionierte auch, wenn die Heldin LKW-Fahrerin wäre. Die Heldin finde ich zu allem Überfluss auch noch unattraktiv. Übler Trash.
Official Secrets: Keira Knightley kann man immer eine Weile ansehen, aber nicht einen ganzen träge dahinfließenden Plot lang. Ich habe es nur 20 Minuten geschafft. Der Film sollte aber Pflichtprogramm für die sein, die Trump-Witze machen oder, noch dämlicher, sich darüber aufregen, dass Politiker lügen. Was ist mit `George Dabbelju Busch oder Tony Blair? Kann man dort im Original verfolgen.
Ich will nicht nur nörgeln. Gridlocked ist solide Herumballerei à la Van Damme, old school action, der Plot nach dem Motto: Junger Schnösel wird durch alten Kerl zum Mann gemacht, also etwas für Sean Connery, der sich so etwas aber natürlich nicht mehr antun muss. (Hey, IMHO nutzt Dominic Purcell Krav Maga – mir kamen einige schmutzige Tricks bekannt vor.)
Meine wärmste Empfehlung gilt Shtisel – gefällt mir wesentlich besser als Unorthodox. (Weiß jemand, ob Stiesel jiddischen Ursprungs ist?)
Back to blood in Hollywood
„Diversity“, „Vielfalt“ – was das heißt, zeigt uns gerade Hollywood in Gestalt der Academy of Motion Picture Arts and Sciences: Bewerber für den Hauptpreis des Oscar-Wettbewerbs müssen ab 2024 mindestens zwei „Vielfaltskriterien“ erfüllen, um sich zu qualifizieren.
Beispielsweise könnte eine Darstellerin oder ein Darsteller in einer wichtigen Rolle einer Minderheit angehören, etwa afroamerikanischer, asiatischer, hispanischer oder indigener Abstammung sein. Als ein weiteres Kriterium führt die Filmakademie inhaltliche Aspekte an: Filmbeiträge sollten demnach ein Thema behandeln, das sich um Frauen, Minderheiten, Menschen mit Behinderungen oder LGBT-Inhalte dreht – also Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans-Menschen.
Ich habe da noch eine Frage: Sind Friesen eine „unterrepräsentierte ethnische Minderheit“? Müssen Künstler, bevor sie Kunst machen, jetzt eine Check-Liste abarbeiten, was vorkommen darf und was nicht? Muss in einer Astronauten-Crew in Zukunft immer eine Lesbe sein oder jemand behindert? Was ist „hispanisch?“
Ceterum censeo: In jedem deutschen „Tatort“ sollte zukünftig eine Latina mitspielen, die so ausseht wie Lupe Fuentes.
Übrigens – Kunden, die das Obige lasen, sollten auch dieses zu Gemüte führen: Die bunt angemalte Pseudo-Farbige „diverse“ Professorin Jessica Krug hat jetzt ihren Posten aufgegeben. – Ein Interview mit Jan Böhmermann über „cancel culture“ in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ darf nicht erscheinen. – Die „Sinti-Allianz“ findet die Diskussion über „Zigeunersauce“ unwürdig und verwendet weiter den Begriff „Zigeuner“.
Gendern diskriminiert noch schlimmer

Überraschend guter Artikel im Tagesspiegel: „Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer. Wer will, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden, der muss sie gleich benennen.“
„Ich gendere nicht, ich möchte nicht gegendert werden, gerade weil ich weiß, wie Diskriminierung sich anfühlt. (…) Während die Deutschen sich für das permanente Benennen von Geschlechterunterschieden entschieden haben, haben die Briten sich entschieden, das Anzeigen von Geschlechtlichkeit so weit wie möglich zu vermeiden.“
Die Autorin vergisst, dass diejenigen, die Gendersprache nutzen, einer rationalen Argumentation nicht zugänglich sind. Außerdem nutzt auch der „Tagesspiegel“ Gendersternchen. Quod erat demonstrandum.
Kubikmeterweie Assoziationsketten
– Ich wollte das wohlwollende Stammpublikum nur warnen, dass wieder bald zahlreiche Rezensionen zu erwarten sind. Ich lese sehr schnell und kubikmeterweise.
– Ich muss verschämt zugeben, dass bei demonstrierenden Veganern, asozialen Hedonisten und anderen Verirrten in meinem Gehirn die Begriffe „Arbeit“, „Steinbruch“ und „mit Stacheldraht umzäuntes Areal“ unwillkürlich eine Assoziationskette bilden. Ich sollte mein stalinistisches Unterbewusstsein jetzt mit etwas anderem überschreiben.
– Oberstufe Gymnasium, Gesellschaftslehre, Thema der nächsten Klassenarbeit: „91770 Deutsche waren 2019 Mitglied in einem Schachverein. Vergleiche diese Zahl mit der Zahl derjenigen, die auf bekloppte Demonstrationen gehen, und sage etwas über die gesellschaftliche Relevanz beider Gruppen!“
– „In einer Demokratie sollte der Staat Grundrechte niemals präventiv einschränken, wenn es sich vermeiden lässt. Meinungen, und seien sie noch so abstrus, müssen wir aushalten. (…) In einer Demokratie sollte der Staat Grundrechte niemals präventiv einschränken, wenn es sich vermeiden lässt. Meinungen, und seien sie noch so abstrus, müssen wir aushalten.“ (Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, hinter der Paywall der „Welt“)
– Vorhersage: Wenn Katja Kipping als Parteivorsitzende der „Linken“ aufhört, wird die Zahl der Wörter, die auf -ung enden, in der Öffentlichkeit signifikant abnehmen.
– Übrigens: Wieviel Humor ist zumutbar?
Nachlese: Collegia Compitalicia et al

Source: Fear World (Facebook)
Wegen Zeitmangels nur kurz und knapp:
Und schon beim ersten Sonnenschein
hau ich mir selber eine rein,
denn wie sagt‘ einst ein weiser Mann:
„Man muss zuerst sich selber hassen,
bevor man andre hassen kann. (Lisa Eckhart)
Ich habe gerade Eckharts Metrische Taktlosigkeiten: Eine Einführung ins politische Korrektum durchgelesen und mich köstlich amüsiert.
– „Alte“ ist politisch inkorrekt. „Senioren“ klingt zu deutsch. Jetzt heißt es PoA.
– Facebook „kriminalisiert“ die Antifa.
– Republik (Schweiz): „Wir haben die Wahl zwischen einem neofaschistischen Gangster und einem neoliberalen Desaster“. Der Autor: „Cornel West, Professor für Afroamerikanische Geschichte und Philosophie, Theologe, Aktivist, Christ und Sozialist, gilt als einer der führenden schwarzen Intellektuellen in den USA“.
Sorry, aber jemanden, der an höhere Wesen glaubt, kann ich als Intellektuellen nicht ernst nehmen. Interessant ist die Lektüre trotzdem – der Artikel zeigt, woran es bei den US-amerikanischen Demokraten scheitert: Bernie Sanders hätte sich „frontal mit der Wall Street“ angelegt. Finanzkapital, ick hör dir trapsen. Er nennt die Antisemitin Alexandria Ocasio-Cortez „fortschrittlich“. Ansonsten sagt er viele richtige Dinge, aber auf sozialdemokratischem Niveau.
– Auch im antiken Rom kannte man den öffentlichen Druck der peer group, Abschnittsbevollmächtigte und Kontaktbereichsbeamte, sie hießen nur anders:
„Der Kult der augusteischen Haushaltsgötter und des augusteischen genius wurde aber auch öffentlich vollzogen, speziell an den von alters her an den Straßenkreuzungen gelegenen sacella, die die Stadtlandschaften in Italien und den romanisierten Provinzen prägten; diesbezüglich und hinsichtlich ihres Aussehens ähnelten sie Heiligenkapellen im Mittelalter. Die Nachbarschaften der einzelnen Stadtquartiere wählten Mitglieder von Kultvereinen (collegia compitalicia) und deren Vorsitzende, die sich um das Schmücken und die regelmäßige Ausrichtung der Compitalfeiern (Straßenkreuzungsfeiern) zu kümmern hatten. In den Kultvereinen in Rom – immerhin 265 an der Zahl – waren häufig Sklaven und Freigelassene vertreten, zu deren Integration in die augusteische Gesellschaft der Genien- und Larenkult einen besonderen Beitrag leistete. Andererseits ging von diesen Nachbarschaftsorganisationen auch ein erheblicher Druck aus, nach Möglichkeit und in heiterer Stimmung an der Feier der neuen Verhältnisse mitzuwirken.“ (Armin Eich: Die römische Kaiserzeit: Die Legionen und das Imperium)
– Radio Fritz führt Gendersternchen ein. Gut zu wissen, welchen Sender man auf keinen Fall mehr einschalten sollte. Das Sternchen soll durch eine Pause beim Sprechen ausgedrückt werden und nicht – wie man befürchten musste – durch einen stimmlosen glottalen Plosiv wie im Xhosa und Zulu, obwohl diese Fremdsprachen viel „diverser“ und „vielfältiger“ wären als etwa Denglisch.
Der Zwang zum milieuspezifischen Jargon zeigt auch, wes Geistes Kind man dort politisch ist. Mit Journalismus hat das nichts mehr zu tun. Ich verachte diese Mischpoke.
Cinzia Sciuto in der taz: „Die politische Perspektive wird inzwischen häufig durch eine kulturalistische ersetzt. Für Menschenrechte und Selbstbestimmung ist das gefährlich.“ – “ Ganz oft, und oft ohne Absicht, rutschen die Multikulturalisten auf die Seite der Reaktionäre.“
Well said. Nicht oft, sondern immer!
– Vertreter einer bestimmten Fraktion der herrschenden Klasse der USA rufen dazu auf, Biden zu wählen. Finde den Fehler. Und zu Trump verkündet CNN: „Biden and Trump matchup tightens as enthusiasm hits new high“. Trump holt also auf.
– Das Wort zum Sonntag wieder von Lisa Eckhart:
Lasst uns gemeinsam beten: Vater unser, der du bist
obn im Himmel … Orsch und Zwirn,
lossts uns d’Mess schnö umabiagn. Kummts her, fressts Hostien, trinkts an Doppla,
im Namen des Heiligen Geistes – na hoppla!
Jetzt bin i scho wida, was tut mich das reun,
in an Ministranten gfoin!
Wie dem auch sei, tuats no a Spend in des Körberl do schmeißem
sunst trifft euch gewiss da Blitz Gottes beim Scheißen.
Und befolgt die Gebote, zumindest die leichten,
und wem sogar des z’bled, der kummt nochher zum Beichten.
Feuer, Schwert und Eisenbahn

Screenshot von Google Maps: Die Wüsteneisenbahn wurde zwischen Wadi Halfa (links oben) und Abu Hamed (unten rechts, am Nil) gebaut, später noch weiter nach Darfur. Heute ist nichts mehr von dem ersten Abschnitt übrig.
„Worte sind kaum zureichend, um die grausame Verlassenheit der Landstriche zu beschreiben, in welche die Bahnlinie und die Bauarbeiter nun eintauchten. Ein geglätteter Ozean hellen Sands dehnte sich weit und breit bis zum Horizont. Mit sinnloser Härte brannte die tropische Sonne auf den flachen Erdboden, der mit bloßer Hand nicht berührt werden konnte, und die dünne Luft flimmerte wie über einem glühenden Heizkessel. Da und dort wuchsen hohe Haufen zerborstenen Gesteins aus dem Boden wie Schlackeninseln im Feuermeer. Und einsam in der unermeßlichen Weite lag Railhead, die Endstation, eine Segeltuchstadt von zweitausendfünfhundert Einwohnern, vollständig ausgestattet mit Bahnhofsgebäude, Läden, Postamt, Telegraphenamt und Kantine mit der bewohnbaren Welt verbunden nur durch zwei parallele Eisenstriche, drei Fuß und sechs Zoll auseinander, die in der Ferne matter und schmaler wurden, bis sie von einer Luftspiegelung verwischt wurden und im Unbestimmten verschwanden.“
(Winston S. Churchill: Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi, Kapitel 9: Die Wüsteneisenbahn, 1899)
Ich mal solche Geschichten, zumal Churchill ein glänzender Stilist ist, was man sogar in der deutschen Übersetzung merkt. Als Junge habe ich unzählige Abenteuer-Bücher gelesen. Nach der Lektüre des Kapitels über die Wüsteneisenbahn kaufte ich mir gleich aus Neugier Rudolf Slatins „Feuer und Schwert im Sudan – Meine Kämpfe mit den Derwischen. Meine Gefangenschaft und Flucht, 1879-1895“.
1881 war im Sudan der Mahdi-Aufstand ausgebrochen, und die Mahdisten begannen das Land zu erobern. Am 23. Dezember 1883 geriet auch Slatin in Gefangenschaft des Mahdis Muhammad Ahmad. Slatin konnte den Mahdi überzeugen, vom Christentum zum Islam übergetreten zu sein, und wurde deshalb nicht ermordet. Die nächsten zwölf Jahre lebte er als Sklave des Kalifen Abdallahi ibn Muhammad, des Nachfolgers des Mahdi, und erlangte allmählich das Vertrauen der Mahdisten. 1895 gelang Slatin unter abenteuerlichen Umständen die Flucht; er schlug sich bis zu anglo-ägyptischen Truppen durch.
Was für eine Geschichte! Was für ein interessantes Leben?
Im Reich des Mahdi oder: Islamismus, retro-style

Ich las neulich Sebastian Haffners Biografie Winston Churchill in einem Rutsch durch. Ich wusste nicht, dass Churchill 1898 am Krieg gegen den Mahdi-Aufstand im Sudan teilgenommen hatte – oder: ich wusste rein gar nichts über die Geschichte des Sudan. Bei der Lektüre der einschlägigen Websites fiel mir auf, dass es einige Vorläufer dieser „Mahdi“-Aufstände gab – und natürlich erinnerte ich mich an die Mahdi-Trilogie von Karl May, die ich aber als Junge nicht gelesen hatte.
Ich besorgte mir also das Original Winston Churchills in deutscher Übersetzung: Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi, und erwartete ein gut geschriebenes Buch über „Abenteuer“ [es geht um einen Kolonialkrieg] in fremder Zeit in fremden Ländern, da der Autor immerhin Nobelpreisträger für Literatur ist. Ich bin positiv überrascht – es ist weit mehr. Allein die Einleitung von Georg Brunold: Winston S. Churchill und die Geburtsstunde des modernen politischen Islam (33. Seiten) ist eine glänzende, informative und aktuelle Einführung in das Thema, weitaus besser als Online-Quellen. Mir ging es wie ein Rezensent über Rian Malans Mein Verräterherz
(unter den top ten aller Bücher, die ich jemals gelesen habe) schrieb: „…ein Stück Afrika, von dem wir alles zu wissen glauben – und wussten doch gar nichts.“
„Warum habt ihr die Leute, welche hier am Boden liegen, gefesselt?“
„Sie sind Gefangene von uns, Sklavenjäger.“
„Das ist doch kein Verbrechen?“
„Nun, dann Menschenraub!“
„Sklaven, überhaupt Schwarze, sind keine eigentlichen Menschen. Du wirst diese Männer also frei lassen!“
Der Mann war wohl etwas über dreißig Jahre alt, hager und trug einen dunkeln, nicht sehr dichten Vollbart. Sein Gewand war weiß gewesen, jetzt aber nicht mehr von allzu reinlichem Aussehen. Der Ausdruck seines Gesichtes war streng, düster asketisch. Er stand gerade und stolz aufgerichtet vor mir, und seine Augen blickten mich fast drohend an, als ob er und nicht ich es sei, der zu befehlen hatte. Ich ahnte nicht, daß dieser Mann später als Mahdi eine so hervorragende Rolle spielen werde. (Karl May: Der Mahdi)
Bei allen Mahdis geht es um Messianismus, also um eine Mix aus Endzeit-Erwartung und Klassenkampf in religiösem Kostüm. Im 19. Jahrhundert, schreibt Brunold, „erschütterte ein Geist der Revolte und des Neubeginns die islamische Welt“, „entfacht durch soziale, wirtschaftliche und politische Unzufriedenheit.“ – „Nach Jahrhunderten obrigkeitlicher Korruption und Dekadenz, unter denen die verschütteten Quellen wahrer Religon beschworen wurde, konnte allein Gott Abhilfe versprechen – durch Rückkehr zu ihm und Erneuerung des rechtgeleiteten Glaubens.“ Das entspricht exakt der Marxschen Definition: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.“
Ein Zitat Charles Gordons, des britischen Generalgouverneurs der ägyptischen Provinz Sudan, bestätigt das: „Nach dem zu urteilen, was ich von diesem sogenannten fanatischen Land gesehen habe, glaube ich nicht, dass es hier Fanatismus gibt in dem Sinne, wie ihn die Welt gekannt hat. Es geht weit mehr um Fragen des Eigentums und gleicht mehr einem Kommunismus unter der Flagge der Religion.“ (The journals of Gordon Khartoum) Eine klare Einsicht von einem britischem Kolonialoffizier, die man sich auch für die deutsche Journaille wünscht, die meint, über den so genannten Islamismus in Afrika meint berichten zu müssen.
Brunold erwähnt den Aufstand des Diponegoro 1825 auf Java gegen die Holländer, die indische Rebellion von 1857, die anglo-afghanischen Kriege zwischen 1839 und 1919, dem Widerstand des Imam Schamil der Muslime in Dagestan gegen die Russen, den „heiligen Krieg“ der Muwahiddun, der Vorläufer der heutigen saudischen Wahhabiten, 1811-1818 gegen Ägypten, der nur mit Hilfe der britischen Armee gewonnen werden konnte, und das Kalifat von Sokoto im heutigen Nigeria, das die Briten 1903 zerschlugen.
Der Mahdi-Aufstand von 1881 bis 1899 im Sudan, über den Churchill berichtet, „gilt als der erste – zumindest kurzzeitig – erfolgreiche Aufstand einer afrikanischen Bevölkerungsgruppe gegen den Kolonialismus und führte am Ende des 19. Jahrhunderts zur Bildung des Kalifats von Omdurman (auch Mahdi-Reich oder Reich des Mahdi). Die Mahdisten eroberten bis 1885 weite Teile des Landes und wurden 1898 durch eine anglo-ägyptische Streitmacht besiegt.“
Brunold schreibt über den Madhi: In knapp dreieinhalb Jahren des Aufstands bis zum Fall von Khartum war der gewiefte Taktkliker Mohammed Ahmed immer erst in die Gebiete einmarschiert, deren Bevölkerung er bereits auf seiner Seite wußte. Unblutige Siege zog er vor, in deren Folge die traditionellen lokalen Führer allerdings nichts zu lachen und noch weniger zu sagen hatten. Es ist nicht bekannt, daß einer seiner Emire in den Provinzen sich jemals an die Versprechungen gehalten hätte, mit denen zuvor den Gegnern die Kapitulation schmackhaft gemacht worden war. Unter seinen christlichen Gefangenen ließ der Mahdi nur Priestern das Leben und zugleich ihren Glauben. Europäische Söldneroffiziere schonte er, wenn sie sich ergeben hatten und seinen Glauben annahmen. Islam oder das Schwert hieß in großer Tradition die Wahl, die er seinen ungläubigen Feinden ließ. Beim Einzug nach Khartum wurden Tausende massakriert, geköpft, verstümmelt, die verbliebenen Europäer neben Gordon als einzigem Militär der österreichische Konsul Martin Hansal und einige Dutzend Zivilisten samt Kindern, Hunden und Papageien erschlagen, die Frauen versklavt.
Wenn man also heute über den Darfur-Konflikt (das ehemalige Sultanat Darfur) redet und über Dschandschawid, muss man wissen, dass die Vorgeschichte ein paar hundert Jahre zurückreicht. Brunold weist aber darauf hin, dass alle pan-islamischen Bewegungen in Afrika sich schnell zu „ethnisch abgestützten, offen rassistischen Militärdiktaturen“ wandelten.
The Affair, de Twaalf
Ich empfehle zwei Serien bzw. Miniserien, The Affair (mittlerweile fünf Staffeln, auf Amazon Prime) und De Twaalf (die 12 Geschworenen, Belgien auf Netflix).
The Affair
Ein Kompliment für „The Affair“ ist, dass ich schon bis zur dritten Staffel gekommen bin, obwohl ich mir so etwas normalerweise überhaupt nicht anschaue. Das Thema riecht nach so etwas Ekligem wie „Beziehungsgesprächen“, kindischem Verhalten, spießigen bürgerlichen Normen wie „Treue“ und anderen Dinge, über die ich nicht mehr diskutiere, außer mit wenigen klugen Leuten aus meiner Peer Group. Noch ein Kompliment: Ich kann keinen der Schauspieler leiden, die in „The Affair“ mitspielen, mehr noch: Ich kann sie nicht ausstehen (außer der bildschönen Julia Goldani Telles, die mich als Vater in ihrer Rolle als schwer spätpubertierende Tochter an den Rande des Wahnsinns treiben würde). Ruth Wilson als Heldin Alison Lockhart (nomen est omen) spielt überragend und subtil, aber dieser Art Frau gehe ich realiter lieber aus dem Weg. Und trotzdem gucke und gucke ich weiter und glotz TV.
Die Zeit titelt ganz nett und treffend: „An der Liebe will keiner schuld sein“. Wenn Liebe samt der dazugehörigen Biochemie einfach vom „Himmel fällt“, wie in „The Affairs“, dann kann sie anarchisch alle festgefügten Kleinfamilienidylle sprengen, auch wenn das niemand gewollt hat.
Natürlich fällt die Biochemie nicht vom Himmel, aber die Sache ist eben ziemlich kompliziert und nicht vorhersehbar, selbst von Psychiatern und Psychologen nicht. Die Charaktere in „The Affairs“ werden immer wieder mit ihrem inneren Schranken, ihrer gut gemeinten Heuchelei, ihren dunklen Geheimnissen konfrontiert und handeln manchmal nach dem umgekehrten Faustschen Lehrsatz: Der Geist, der das Gute will, aber das Böse schafft.
Ziemlich genial ist auch der Wechsel der Perspektiven. Dieselbe (!) Geschichte wird mehrfach erzählt, wie die Protagonisten sie (meinen) erlebt (zu) haben, und man muss sich schon sehr anstrengen, um zu merken, dass die wirklich dieselbe Story ist. Das könnte langweilig sein, ist aber es aber nicht. (Der Film erinnerte mich an ein Buch, das ich 1989 geschrieben habe, für das ich getrennte Ehepaare bat, jeweils ihre Version zu schildern – ich kam aus dem Staunen nicht heraus.)
(Zeit online irrt: Auf Amazon kann man den Film auch im Original mit deutschen Untertiteln ansehen – nur Kulturbanausen bestehen auf Synchronisierung.)
Unterhaltsam und wesentlich besser als derartige Filme im Normalfall.
Die 12 Geschworenen
Ich wusste gar nicht, dass die Belgier gute Filme machen. Das hier ist einer. (Zugegeben: Hier habe ich die sychronisierte Fassung geschaut, da ich Flämisch gar nicht verstehe.) Auch hier musste ich mich zunächst beherrschen, weil mich weinerliche, depressive, unterwürfige Frauen – aggressiv machen. Aus einer Rezension:
Immer wieder wird die Suche nach der Wahrheit daher durch Nebenhandlungen unterbrochen, denn die meisten haben privat mit irgendwas zu kämpfen. Mal sind es Probleme mit der Tochter, dann steckt jemand in finanziellen Schwierigkeiten, ein anderer ist einsam und sucht Anschluss in der Gruppe, wird jedoch zunächst ignoriert. Das trägt dazu bei, dass „Die zwölf Geschworenen“ deutlich mehr menschelt, als man es vorab erwarten durfte. Die belgische Produktion, die Ende 2019 bei unseren Nachbarn bereits im Fernsehen lief, ist an vielen Stellen mehr Drama als Krimi, beschäftigt sich stark mit den Beziehungen der Figuren und diversen menschlichen Abgründen. An verabscheuungswürdigen Charakteren mangelt es dabei nicht, vor allem lügen viele wie gedruckt.
Und nichts ist, wie es scheint. Die Miniserie ist mit Abstand tiefgründiger als die üblichen Gerichtsserien aus Hollywood. Bei uns gibt es Geschworenengerichte nicht mehr, in Belgien sollen sie auch abgeschafft werden. Wenn man im Film erlebt, warum manche der „Laien“ wie entscheiden, wird einem Angst und Bange, stünde man selbst vor einem solchen Gericht. „Die zwölf Geschworenen macht sie zu einem der Geschworenen, schreibt Dhruv Sharma bei TheCinemaholic, die Serie schafft es die Zuschauer genauso nichtsahnend zu lassen wie die Geschworenen und lässt Spielraum Entscheidungen zu treffen, die man dann wieder revidieren muss.“ Große Kunst!
Meine „Lieblinge“ sind Josse de Pauw, der Rechtsbeistand der Verdächtigen, der mit seinem Rauschebart wie Karl Marx aussieht und agiert wie ein Anwalt der RAF vor Gericht – er nimmt die Zeugen allesamt nach allen Regeln der Kunst auseinander – sehr unterhaltsam. Aber was macht man, wenn alle lügen? Und natürlich Charlotte De Bruyne als Holly Ceusters, die junge „Vorsitzende“ der Geschworenen, die mit den Männern macht, was wie will, und auch sonst ziemlich kess und nicht auf’s Maul gefallen ist. Aber natürlich lauert auch in ihr ein schreckliches Geheimnis.
Absolut sehenswert! Wer beides nicht mag: Ich habe gerade L’Immortel mit Jean Reno angesehene. Gute Krimi-Kost, und Reno ist wie immer mit seiner physischen Präsenz herausragend. (Bei der Arie Arie Il Dolce Suono bevorzuge ich aber die Callas oder gleich Inva_Mula.)
Zum x-ten Mal: Gendern
The European: „Die Gender-Sprachregelung ist verfassungsfeindlich“.
Ich selbst gehöre zu den Dissidenten und weigere mich konsequent, zu „gendern“, und sehe völlig davon ab, meine Studenten zum Gebrauch der neuen Normen zu nötigen. Sollten mir deswegen meine Lehraufträge gekündigt werden, würde ich hocherhobenen Hauptes aus der Akademie gehen und sagen „Das ist kein demokratischer Ort.“ Denn Gender-Deutsch ist nicht nur umständlich, sondern auch verfassungswidrig, da es weder demokratisch zustande kam, noch dem Geist des Grundgesetzes entspricht.
Man muss das Thema nicht so pathetisch sehen. Ich kann die Haltung der Autorin Dr. Claudia Simone Dorchain aber nachvollziehen: Als ich noch an der Uni lehrte, hätte ich mich genau so verhalten. Ich hatte nur das Glück, dass meine – mehrheitlich weiblichen – Studenten sich ohnehin gegen das „Gendern“ aussprachen.
Gendersprache, xtrem
Demnächst schr&$BPIeiben* wir alle LTMBSQörter-cis/innen nur noch in EKll_indigenenInnen/transDFV-englischen Abkürzung*^#@innen und in Colo(u)r. 然后请用普通话。
Aber mal im Ernst – für mich sind diese reaktionären kleinbürgerlichen GestaltInnen einfach nur gestört. Und wer mich „weiß“ nennt, den bitte ich das zu beweisen, oder ich nenne ihn und sie ein verdammtes Rassistenpack.
Gerda Taro oder: Die Wahrheit ist das beste Bild
1936 beschlossen die faschistischen Achsenmächte zugunsten der Putschisten unter Franco in den Spanischen Bürgerkrieg einzugreifen.
Ein Jahr später, am 26. Juli 1937, starb die deutsche Fotografin Gerda Taro (Gerta Pohorylle), die zusammen mit Robert Capa die Gewalt des Spanischen Bürgerkriegs dokumentierte.
Als Jüdin und Sozialistin verfolgt, wegen Flugblattaktionen kurzzeitig inhaftiert, musste sie 1933 ins französische Exil gehen. Nach dem Militärputsch 1936 ging sie nach Spanien.
Bei Villanueva de la Cañada wurde Gerda Taro während eines Angriffs der deutschen Legion Condor am 25. Juli 1937 durch ein Missgeschick bei der Evakuierung von einem republikanischen Panzer überrollt. Sie starb am nächsten Tag im Lazarett.
Eine Ausstellung mit Werken Taros in Leipzig wurde 2016 zerstört.










































