Unter Reputierten

cyber

Berlin wird von Cyberkriminellen cybererpresst. Es ist Putin.

Die Kommentare bei Heise dazu sind lustiger als der Artikel.

Spieltheoretisch hat die Sache einen gewissen Charme: Ausgerechnet ein Geschäftsmodell, das auf Erpressung beruht, funktioniert auf Dauer nur, wenn die Erpresser einen Ruf als zuverlässige Vertragspartner haben.

– Berlin muss glaubwürdig machen: Wir zahlen nicht.
– Rhysida muss glaubwürdig machen: Wenn ihr zahlt, halten wir uns an die Abmachung.

Spieltheoretisch ist das ein wiederholtes Spiel mit Reputation. Bei einer einmaligen Erpressung hätte der Täter nach Zahlung einen Anreiz, die Daten trotzdem zu veröffentlichen, weiterzuverkaufen oder erneut Geld zu verlangen. Das Opfer weiß das vorher. Wenn es rational handelt und davon ausgeht, dass Zahlung keinerlei verlässliche Gegenleistung bringt, sinkt seine Zahlungsbereitschaft.

Für eine dauerhaft operierende Ransomware-Gruppe verändert sich die Rechnung. Sie spielt nicht nur gegen Berlin, sondern gewissermaßen auch gegen alle zukünftigen Opfer. Diese beobachten – soweit Informationen darüber bekannt werden –, ob Zahlungen tatsächlich dazu führen, dass Daten nicht veröffentlicht beziehungsweise Entschlüsselungswerkzeuge geliefert werden.

Damit entsteht etwas, das die Spieltheorie bei wiederholten Spielen häufig untersucht: Der Schatten der Zukunft diszipliniert gegenwärtiges Verhalten. Ein kurzfristiger Vorteil durch Vertragsbruch kann kleiner sein als die zukünftigen Einnahmeverluste durch eine zerstörte Reputation.

Das Geschäftsmodell organisierter „Cyberkriminalität“ beruht also ausgerechnet auf etwas, das im normalen Geschäftsleben gelegentlich überschätzt wird: Vertrauen.

Man überweist zwei Millionen Euro an anonyme Kriminelle und verlässt sich anschließend darauf, dass diese ihr Wort halten, keine Sicherheitskopie behalten, nichts weiterverkauft haben und auch ihre Geschäftspartner ordnungsgemäß zur Datenlöschung anhalten.

Eine interessante Form der Compliance.

Das Problem für Berlin lautet deshalb nicht einmal: Kann man Rhysida vertrauen? Sondern: Selbst wenn Rhysida zu den letzten ehrbaren Kaufleuten im Internet gehören sollte – wer garantiert, dass die Daten nicht längst kopiert, verkauft oder an Dritte weitergereicht wurden?

Am Ende braucht also selbst die organisierte Cyberkriminalität Reputation, Vertragstreue und zufriedene Kunden.

Der Kapitalismus funktioniert!

Fehlt nur noch Trusted Shops: „Rhysida – 4,8 von 5 Sternen. Lösegeld bezahlt, Daten wie versprochen nicht veröffentlicht. Gerne wieder.“

ChatGPT: Das ist nicht bloß eine Pointe, sondern tatsächlich ein bekanntes ökonomisches Phänomen: Auch illegale Märkte entwickeln Reputationsmechanismen, weil Gerichte und einklagbare Verträge fehlen. Je weniger formale Durchsetzung möglich ist, desto wichtiger kann Reputation werden.

image_pdfimage_print

Kommentare

4 Kommentare zu “Unter Reputierten”

  1. Godwin am August 30th, 2026 12:43 p.m.

    Prinzip Ehrenmann
    man steht zu seinem Wort, oder verliert alles (inkl. Leben)

  2. Godwin am August 30th, 2026 3:10 p.m.

    btw – wir werden ja auch alle „erpresst“
    nitter und xcancel als alternative X-FrontEnds
    aber auch die alternativen FrontEnds für Youtube wurden dicht gemacht
    Das Imperium schlägt zurück

    was gleichzeitig den „Nutzen“ diverser Plattformen gänzlich in Frage stellt.
    ich kenne zwar noch viele die einen FB Account haben, aber niemanden mehr, der den nutzt
    X hat als Plattform m.E. auch ausgedient.

    Klar – Musk und Meta haben andere Geldquellen.
    aber da inzwischen ohnehin alles von automatisierten Bots vollgespamt wird…

  3. Juri Nello am August 30th, 2026 4:10 p.m.

    Wirtschaft, Schattenwirtschaft und Staat sind eins.
    Dumm wird es erst, wenn es wirklich Leute aus anderen Staaten im größeren Stil machen. Ansonsten bleibt das Geld ja (zumindest zum Teil) in der „Wirtschaft“ erhalten.

  4. Die Anmerkung am September 2nd, 2026 11:56 a.m.

    Es muß Reputierende heißen, denn sie handeln die reputation ja noch aus. Es ist wie mit den Pubertierenden bzw. Spätpubertiernden, letztere in reichlicher Zahl in verantwortlichen Positionen beschäftigt.

Schreibe einen Kommentar