Rudel und Schwarm

Lateinamerikanische Postausgabe – vermutlich aufgenommen in Lima, Peru, entweder 1979 oder 1984.
Kluger Artikel auf Telepolis: „In Sozialen Medien wirkt eine Dynamik, die sehr viel älter ist als Twitter oder Facebook“.
„Deshalb neigen Nutzer bewusst und unbewusst dazu, ihre Beiträge so zu gestalten, dass sie möglichst viel Aufmerksamkeit, Zustimmung und Weiterverbreitung erreichen. Ein sehr einfacher Weg dazu, der auch ohne kreatives Talent gangbar ist, ist die Empörung. Sie tendiert dazu, ein Phänomen zu erzeugen, das einerseits einem Schwarm und andererseits einem Rudel ähnelt. Einem Schwarm, weil es sich ohne zentrale Führung selbst bildet und gleich agiert, da sich seine Teilnehmer gegenseitig Belohnungserlebnisse liefern. Und einem Rudel, weil dabei häufig ein einzelnes Individuum attackiert wird.“
Elias Canetti schreibt in Masse und Macht über die „Hetzmasse“: „Ein wichtiger Grund für das rapide Anwachsen der Hetzmasse ist die Gefahrlosigkeit des Unternehmens. Es ist gefahrlos, denn die Überlegenheit auf seiten der Masse ist enorm.“ (…) Ein gefahrloser, erlaubter, empfohlener und mit vielen anderen geteilter Mord ist für den weitaus größten Teil der Menschen unwiderstehlich.“
Damit ist heute auch der „soziale Mord“ durch virtuelle Shitstorms gemeint, die durch die Anonymität der Denunzianten noch attraktiver wird. „Alle Formen der Hinrichtung hängen an der alten Übrung des Zusammen-Tötens. Der wahre Henker ist die Masse, die sich um das Blutgerüst versammelt. (…) Der Abscheu vor dem Zusammentöten ist ganz modernen Datums. Man überschätze ihn nicht. Auch heute [„Masse und Macht“ erschien 1960) nimmt jeder an öffentlichen Hinrichtungen teil, durch die Zeitung.“
FYI: Lustkauf
FYI: Neu in meiner Bibliothek (Links gehen zu Amazon).
– Egon Flaig Ritualisierte Politik. Bd. 1. Zeichen, Gesten und Herrschaft im Alten Rom (Historische Semantik, Band 1) (das stand schon ewig auf meiner Wunschliste, war aber nicht verfügbar).
– Armin Eich: Die römische Kaiserzeit: Die Legionen und das Imperium.
– Peter Feldbauer und Hans-Jürgen Puhle (Hrsg.): Bauern im Widerstand.
Was mache ich an einem Tag, der der Wissenschaft und dem Forschen vorbehalten sein soll (außer Putzen, Waschen und Kochen), zuerst? Ancestry? Bücher schreiben (eines ist konkret in Arbeit), die Konquistadoren als E-Book? Den Feudalismus endlich hinreichend beschreiben? Oder die letzen 900 Fotos aus Lateinamerika weiter sortieren, beschriften und online stellen? Oder alles – und dann nichts davon hinkriegen?
Kinkerlitzchen und Vorschau, dem Kulturpessimismus entgegenwirkend
Eine Stimme aus dem Publikum beklagte sich bitterlich, ich postete nur noch Reiseberichte und pöbelte herum, das Niveau sei im allgemeinen und besonderen, analog zu den Weltläuften, den Sitten und der Moral, gesunken. Es liegt mir selbstredend nichts ferner, als die wohlwollenden Leser und geneigten Leser zu enttäuschen, dass diese sich, was ein höheres Wesen verhüte möge, womöglich anderen Dingen zuwenden anstatt hier die virtuellen Seiten zu blättern browsen.
Daher sei kurz angemerkt, dass ich viel zu tun habe, unter anderem Arztbesuche wegen altersbedingter Kinkerlitzchen, dabei Wartezimmer kennenlernte, die sich doch erheblich von meiner Erfahrung in der Notaufnahme unterschieden und mich bass vor Staunen in einen komfortablen Sessel sinken ließen, ohne dass ich auch nur irgendeinen Hijab und die dazugehörenen lärmenden, weil antiautoritär vielleicht muslimisch erzogenen Jungen oder gar mental irregeleiteten Psychos vermisste hätte, aber parallel dazu kubikmeterweise Literatur in mich hineinschaufele, um meinen Plan, den Feudalismus an sich – und damit leider auch alle anderen Epochen der Weltgeschichte – hinreichend zu beschreiben.
Ich hatte hier schon bemerkt, dass ich „Die vorkapitalistischen Produktionsweisen“ erneut exzerpiert habe und das Fazit hier mitteilen werde, eines der vielen Puzzle-Teile. Rudi Dutschkes „Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen“ hatte ich ebenfalls schon in den 70-ern gelesen und tat es jetzt noch einmal. Wilhelm Backhaus‘ „Marx, Engels und die Sklaverei: zur ökonomischen Problematik der Unfreiheit“ war im Gegensatz zu Dutsche ergiebiger und wird in Form eines weiteres Exzerptes hier in Kürze vorgestellt werden.
Äusserst interessant zum Thema ist Erich Pilz: „Zur neuesten Debatte über die Asiatische Produktionsweise in der Volksrepublik China“. „Neueste“ bedeutet leider, dass er die Diskussion der 80-er Jahre referiert.
Wesentlich informativer ist Ellen Meiksins Wood: „Der Ursprung des Kapitalismus“, welchselbiges ich noch nicht ganz durchgelesen habe, was aber wohl den aktuellen Stand der marxistischen Forschung – außer in China – wiedergibt.
By the way, zum Wiederholen und Weitersagen: „Der Kapitalismus unterscheidet sich von anderen Gesellschaftsformen, weil die Produzenten für den Zugang zu den Produktionsmitteln vom Markt abhängig sind (im Unterschied etwa zu Bauern, denen das Land unmittelbar und nicht über den Markt vermittelt gehört); während die Aneigner sich nicht auf eine „außerökonomische“ Aneignungsgewalt durch unmittelbaren Zwang stützen können wie etwa das Militär und eine politische und rechtliche Macht, die es feudalen Grundherren ermöglicht, Mehrarbeit aus Bauern herauszuziehen -, sondern von den rein „ökonomischen“ Mechanismen des Marktes abhängig bleiben müssen. Dieses besondere System der Abhängigkeit vom Markt bedeutet, dass die Erfordernisse der Konkurrenz und der Profitmaximierung die grundlegenden Regeln des Lebens sind. Aufgrund dieser Regeln ist der Kapitalismus ein System, das auf einzigartige Weise dazu getrieben ist, die Produktivität der Arbeit durch technische Mittel zu erhöhen.“ (Wood)
Wie gesagt: Seid gewarnt vor dem, was noch alles auf euch zukommt.
Noch ein Lied, das Chillen begleitend?
Ich lasse mir meinen Körper schwarz bepinseln, schwarz bepinseln
Und fahre nach den Fidschi-Inseln, nach den Fidschi-Inseln
Dort ist noch alles pardiesisch neu
Ach, wie ich mich freu!
Ach, wie ich mich freu!
Ich trage nur ein Feigenblatt mit Muscheln, Muscheln, Muscheln
Und gehe mit ’ner Fidschipuppe kuscheln, kuscheln, kuscheln
Von Bambus richte ich mir eine Klitsche ein
Ich bin ein Fidsche, will ein Fidsche sein.
(1931, Willy Fritsch hat das Lied gesungen, Friedrich Hollaender schrieb die Musik. Der Text ist von Robert Liebmann. Muss man alles verbieten, sowas.
Un tendre poulet oder: Die purpurnen Flüsse
Ich empfehle die Thriller-Serie Die Purpurnen Flüsse (auf Netflix, bis jetzt drei Staffeln). Die Serie hat nichts mit dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 2000 zu tun (was ich zuerst dachte) – außer dem Titel der Romanvorlage.
Hauptdarsteller sind Olivier Marchal, der im realen Leben auch Polizist war, und die erstaunlich wandlungsfähige Erika Sainte.
Als ich die Biografie Marchals überflog, musste ich mehrfach nicken. Ich kann das Gefühl sehr gut nachvollziehen – nach sechs Jahren als Security in einem so genannten sozialen Brennpunkt, in direktem Kontakt mit Irren, Kriminellen, Kranken, Gewalttätern, Alkoholikern, Junkies, Einwanderern jeder Art, Nazis und Normalos. „Die offene Verachtung, die die Menschen ihn spüren ließen, wenn er seine Arbeit verrichtete, die Beleidigungen, die er zu hören bekam, wenn er beispielsweise in Bars Kontrollen durchführte, desillusionierten ihn rasch. Er charakterisiert sich heute, auf die damalige Zeit zurückblickend, als weichlich („un tendre poulet“), respektvoll gegenüber den Ganoven, außer in Fällen von Gewalt gegen Kinder oder alte Menschen.“
Das hört sich komisch an, aber „verweichlicht“ war ich vor meiner eigenen Erfahrung auch. Ich weiß jedenfalls, was Marchal damit meint.
Die Ausstrahlung des Hauptdarstellers und seine Attitude („grumpy“) passen hervorragend zu seiner jungen Assistentin, die sich viel von ihm abguckt, vor allem das Motto, dass Vorschriften dazu da sind, ignoriert zu werden und dass Vorgesetzte Idioten sind, denen man das auch möglichst oft sagen muss. Ich musste laut lachen, als Kommissar Niémans (Marchal) seiner Kollegin Camille (Sainte) sagt, er müsse noch kurz mit dem „Stümper“ reden, einem Dorfpolizisten, der in Sichtweite an einem Auto wartet, und sie schmunzelt, weil sie weiß, dass er den armen Kerl mit wenigen ruhigen Sätzen so zusammenscheißen wird, das der nicht mehr weiß, wo vorn und hinten ist, was auch geschieht.
Beide gehen sehr robust vor, vermutlich wäre das so in deutschen Krimis so nicht politisch korrekt möglich. Nicht so wie „Dirty Harry“, sondern nachvollziehbar für die Rezipienten, kein Klamauk wie „Schimanski“, sondern spannend, düster und abgründig.
Church of und wo das alles enden kann
Vielen Dank der Genossin edlen Spenderin, die mir die Lettre (2017) zugeschickt hat. Darin ein Artikel von Elaine Mokhtefi über „Panther in Algerien – Eldrige Cleavers Exil im gelobten Land des Antikolonialismus„.
„After spending seven years in exile in Cuba, Algeria, and France, Cleaver returned to the US in 1975, where he became involved in various religious groups (Unification Church and CARP) before finally joining the Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, as well as becoming a conservative Republican, appearing at Republican events.“ (Wikipedia)
Tja. Ich lese noch. Sehr interessant, aber vermutlich wissen die Nachgeborenen nicht, wovon die Rede ist. (Stimme im Hintergrund: „Boomer!“)
Unter Neee…
Neu in meiner Bibliothek: Mungo Park Reisen ins innerste Afrika: Dem Geheimnis des Niger auf der Spur (1795-1806).
Ich habe das Gefühl, dass man jetzt noch schnell alle interessanten Bücher kaufen und/oder lesen sollte, in denen das N-Wort vorkommt. Vielleicht werden solche Bücher in Kürze umgeschrieben, um das „Böse“ endgültig zu bannen, womit nichts mehr authentisch wäre. (Ich sage nur: Halbblut!)
Jetzt wollten die ethnografisch vorgebildeten Leserinnen und ethnologisch interessierten Leser vermutlich wissen, wieso ich ausgerechnet auf Mungo Park komme. Die schlechte Nachricht: Es drohen euch einige Rezensionen von Büchern, die keinen Menschen mehr interessieren (zur Zeit), die aber wichtig sind für mein Puzzle als „Vorarbeit zum Einen und Einzigen Wahren und Autorativen, Historisch Genauen und Amtlich Anerkannten Bericht über den Feudalismus und wie er den Kapitalismus gebar und warum und warum anderswo nicht – der geplante Beitrag soll allem Widerspruch und Streit zum Thema ein Ende setzen.“ Leider muss ich dazu die gesamte Weltgeschichte schnell umwühlen.
Ein Puzzleteilchen war die Lektüre von Die vorkapitalistischen Produktionsweisen. (1973). Darin: „China zur Zeit der Ch’ing-Dynastie und die Gesellschaft der Fulbe in Westafrika bis zum Einbruch des Kolonialismus, Unterkapitel: „Die Produktionsweise der Fulbe zur Zeit des Sokotoreiches – eine mit Fakten (also nicht, wie oft und leider üblich, nur eine Exegese der Klassiker) und Sekundärliteratur gespickte marxistische Analyse einer Gesellschaft, die sich von der „Urgesellschaft“ weiterentwickelte, wie und warum. Das war für mich extrem spannend, zumal ich mich mit afrikanischer Geschichte vor der Kolonialzeit nicht auskannte und ich ein Aha-Erlebnis nach dem anderen hatte.
Die Fulbe werden in den verschiedenen Sprachen und Gebieten mit unterschiedlichen Namen bezeichnet. Die auch von den Franzosen gebrauchte Wolof-Bezeichnung ist „Peul(s)“. Die Engländer in Gambia verwenden den Bambara-Ausdruck „Fula“. In Ghana und Nigeria sind sie unter dem Hausa-Namen „Fulani“ bekannt. Die Kanuri, Teda, Ostsudanesen und anderen Völker des Tschad-Beckens nennen sie „Felaata“. Bei den Tuareg heißen sie „A-Fuli“, bei den Mande „Fula“ oder „Feli“. In deutschen Arbeiten wird die Bezeichnung „Fulbe“ verwendet, die, mit dem Singular „Pullo“, ihre eigene ist. Ihre Sprache bezeichnen sie als „Fulfulde“. (…)
Der später aufzuzeigende ökonomische und soziale Differenzierungsprozeß löst die ursprüngliche ethnische und ökonomische Einheit des Hirtenvolkes auf. Johnston unterscheidet vier Gruppen mit unterschiedlichen Bezeichnungen: Die Fulbe, die ihre Herde durch unglückliche Umstände völlig verloren haben und gezwungen sind, unter den seßhaften Bauern zu leben, werden als „Fulbe siire“ bezeichnet, die wirklichen Nomaden als „Bororo“, die halbseßhaften, deren Haushalte und Herde gespalten sind, als „Fulbe nai’i“, auch „Fulbe Farfaru“. Für die zur herrschenden Klasse gehörenden, seßhaften Stadtfulbe wird in der Literatur neben den Bezeichnungen „Fulani gida“ und „town fulani“ meist der Terminus „Toroobe“
Da die apologetische Kolonialgeschichtsschreibung den Afrikanern eine eigenständige Geschichte abspricht, um die Ausbeutung als Kulturtat zu rechtfertigen, versucht sie, die Fulbe, die in der westafrikanischen Geschichte Wertvolles geleistet haben, außerhalb des afrikanischen Kontinents herzuholen. Die helle Hautfarbe und die Tatsache, daß diese Wanderhirten in gewissen Gebieten eine Herrscheraristokratie gebildet haben, reicht für eine kolonialistische Mentalität, für die die Inferiorität der schwarzen Rasse außer Frage steht, die Ursache dafür aus einer vorgeblichen weißen Herkunft abzuleiten.
Darin kam Mungo Park vor. Wisst ihr Bescheid.
Da 5 Blood und so
Unbedingt sehenswert: Da 5 Blood von Regisseur Spike Lee.
Action und Bildung – man erfährt alles, was man über afroamerikanische Geschichte wissen muss, in Kurzform und unterhaltsam.
Gemeinsam mit der Peer Group und den Nachgeborenen anschauen! Das ist besser als auf lächerliche Demos zu gehen, wo weiße Deutsche zusammen mit „palästinensischem“ Antisemitenpack für Farbige in den USA „Gesicht zeigen“.
Übrigens: Spiked bringt es auf den Punkt: „Why did the protests over George Floyd turn into mass hysteria? A new culture of groupthink is emerging, and it is causing mass psychosis. (…) From Hollywood to the churches, from big business to public-health officials, the word is out: support for BLM is essential, and in some cases mandatory.“
Full ack.
Kommunisten gegen Hitler und Stalin
Neu in meiner Bibliothek: Kommunisten gegen Hitler und Stalin: Die linke Opposition der KPD in der Weimarer Republik. Ich freue mich schon auf die Lektüre!
Significance
„Until the color of a man’s skin
Is of no more significance than the color of his eyes
Me say war.“ (Bob Marley: War)
Die Hautfarbe allein bedeutet also nichts und ist auch kein politisches Programm. Just saying (für Leute, die aus mir unverständlichen Gründen meinen, Talkshows seien für irgendetwas relevant außer für die Selbstbespiegelung der Medienblase).
Towel Day
Nicht vergessen: Heute ist der Tag des Handtuchs.
Jenny Marx [Update]
Die Biographie von Jenny Marx, geborene von Westphalen, ist beim Dietz-Verlag als PDF gratis downloadbar. Autorin ist Angelika Limmroth.
Was eine solche Frau, mit so scharfem und so kritischem Verstande, mit einem politisch so sicheren Takt, mit solch einer leidenschaflichen Energie, solch großer Kraft der Hingabe, in der revolutionären Bewegung geleistet, das hat sich nicht an die Öffentlichkeit vorgedrängt, ist niemals in den Spalten der Presse erwähnt worden. Was sie getan hat, wissen nur die, die mit ihr gelebt haben. Aber ich weiß, dass wir ohne ihre kühnen und klugen Ratschläge vermissen werden – kühn ohne Prahlerei, klug, ohne der Ehre je etwas zu vergeben. (Friedrich Engels in seiner Grabrede auf Jenny Marx, 05.12.1881)
Green Frontier
Meine ausdrückliche Empfehlung: Green Frontier (Netflix) – ein kolumbianischer (!) Thriller mit leichten Einsprengseln von „Pandora“-Mystery.
Ich muss zugeben, dass ich die Serie auch ansehen würde, wenn der Plot totaler Blödsinn wäre, weil ich die Hauptdarstellerin Juana del Rio wochenlang betrachten könnte, ohne mich zu langweilen. (Natürlich auf Spanisch ansehen, mit deutschen Untertiteln!) Seufz. Juana del Rio als Ermittlerin guckt meistens mürrisch und muss sich in einer Macho-Welt behauptet, was ihr mit Bravour gelingt. Für mich die umwerfendste Schauspielerin seit langem…
Jedes der großartigen Bilder erinnert mich an meine Zeit im Urwald. Die Atmosphäre hat sich nicht geändert, nur dass die Gerüche natürlich leider fehlen. Ich dachte oft an Orte wie Tabatinga, den Rio Beni, Häfen wie Puerto Maldonado oder Riberalta, die kleinen Weiler am Amazonas, die gelbbraunen Wasser der großen Flüsse…
Green Frontier follows the story of a „young detective and her partner who travel deep into the Amazon, on the border of Brazil and Colombia, to investigate a series of bizarre murders. They soon realize that there’s more intrigue to the jungle than the homicides, as they come across a mysterious indigenous tribe with an extraordinary secret that they will go to great lengths to protect.
Den letzten Screenshot habe ich nur aufgenommen, damit man sieht, was ich nicht auf Fratzenbuch posten kann…
Unter Kumpels
Neu in meiner Bibliothek: Irrlicht und Feuer von Max von der Grün. Wurde mir vom Publikum empfohlen. Komisch, hätte ich schon längst besitzen und lesen sollen.
„Unter Kumpels“ ist übrigens ruhrpöttisch – falls jemand einen Dativ vermisst und ein n kaufen möchte oder den Nominativ als Wemfall nimmt.
Viel Schlechtes und wenig Gutes

An manchen Tagen traue ich mich kaum, während des Frühstück die einschlägigen Medien zu konsumieren, da mir eine Welle von Unsinn entgegenschwappt, die einem die Laune verdirbt. Vor allem die dümmlichen Kapitalismus-Apologeten in den so genannten „sozialen“ Medien lassen meinen Magen revoltieren.
Die NGO Brookings Institution hat Statistiken in den USA ausgewertet:
In the Survey of Mothers with Young Children, 17.4 percent of mothers with children ages 12 and under reported that since the pandemic started, “the children in my household were not eating enough because we just couldn’t afford enough food.” Of those mothers, 3.4 percent reported that it was often the case that their children were not eating enough due to a lack of resources since the coronavirus pandemic began.
Hungernde Kinder in dem am weitesten „entwickelten“ Land des ach so „freien“ Westens!
Apropos: America21 über den gescheiteren Putsch in Venezuela: „Vertrag zwischen Oppositionspolitiker Guaidó und US-Söldnerfirma enthüllt“. Das ist der, den die hiesige Regierung als Vertreter der herrschenden Klasse Venezuelas anerkennt. Es ist eine Schande.
Sogar der Guardian ist eingeknickt und hat einen Artikel über Amazon vom Netz genommen, warum, das wird uns nicht verraten. Amazon hatte Mitarbeiter gefeuert, die unzureichenden Schutz gegen Coronaviren beklagt hatten. Aus Protest dagegen warf Tim Bray seinen Millionenjob hin.
Von Reporter ohne Grenzen halte ich nicht so besonders viel, obwohl ich für die vor gefühlten Jahrzehnten die Website gepflegt hatte und auch Mitglied war. Die Gruppendynamik dort war gewöhnungsbedürftig, und viele – zu viele! – Pressemeldungen, die im Lautsprecherduktus vorgetragen werden, beginnen mit „Irgendjemand muss“. Das nervt nur noch. Die überschätzen ihre eigene Bedeutung maßlos. Daher ist auch die Frage an die Muttersektion berechtigt: „Die „Reporters sans Frontières“ veröffentlichen jedes Jahr eine Rangliste der Pressefreiheit. Doch wie kommt die eigentlich zustande?“
Fefe hat etwas über den angeblichen Hacker-Angriff auf die Ruhruniversität Bochum. „Hätte uns doch nur jemand gewarnt, dass man sich mit Windows + AD + Outlook Malware einfangen kann!“ Da fällt mir nichts mehr ein.

Auch die Tiere sind nicht immer niedlich. „Mörder“-Hornissen überfallen jetzt vielleicht den Norden Amerikas (geiles Foto auf IFLScience!).
Wer lieber Spinnen mag: Es gibt Taranteln, die Vögel fressen.
Was mich gestern wahrhaft erfreut hat, ist der bezaubernde Anblick der überirdisch schönen Andy Allo in Upload (Amazon Prime). Ein großartiger Plot mit viel schwarzem Humor! Unbedingt sehenswert.
Spur der Arbeiter

Ich schmökere gerade in Erik Neutzsch‘ Spur der Steine (1965). Gibt es eigentlich einen einzigen Roman in den letzten 30 Jahren, der im proletarischen Milieu der Gegenwart spielt und in dem ein Arbeiter die Hauptfigur ist? Wenn nein, warum nicht?
Hua Mulan

Painting of Hua Mulan, 18th century, housed in the British Museum
Ars Technica: „Ancient Mongol warrior women may have inspired legend of Mulan“.
The story of Mulan, a young woman who disguises herself as a man to fight for China’s emperor, has become one of best known and most beloved narratives worldwide, thanks in no small part to Disney. (Zeichentrickfilme sind nichts für mich, aber die neue Version als Abenteuerfilm werde ich garantiert ansehen.)
Die Legende von Hua Mulan kannte ich bisher nicht. m/doi/full/10.1002/ajpa.23308″>Female warriors kennen wir schon von den Wikingern. Ich finde es immer lustig, wenn man das Frauenbild, was immer noch vorherrscht – oder noch schlimmer: das aus den 50-er Jahren – vergleicht mit dem, was die Geschichte an Vorlagen zu bieten hat.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie „Experten“ mir bei der Recherche zu meinem allerersten Buch erklären wollten, dass Frauen aus biologischen Gründen nicht in der Lage sein sollten, bei der Feuerwehr mitzuarbeiten. Vermutlich trifft man auch immer noch Männer, die das auch fürs Militär behaupten. Lachhaft!

Neguse Negest oder: No Brain and headache
Wie jedem, der Reggae zu schätzen weiß, bekannt ist, gehörte Bob Marley der religiösen Sekte der Rastafari an, die weltanschaulich nur den allergrößten Unfug verbreitete. „…eine in Jamaika in den 1930er Jahren entstandene und weltweit verbreitete Glaubensrichtung, die dem Christentum entsprungen ist und viele alttestamentliche Bezüge aufweist. Die Bewegung lehrt die Göttlichkeit Haile Selassies.“
Schon klar. Almighty god is a living man und der Messias. Ich vermute, dass der Hype um Bob Marley in Europa damals vor allem damit zusammenhing, dass die Rastafari die Joints niemals ausgehen ließen, wie Wolfgang Neuss das formulieren würden, und eben das als religiöses Ritual verkauften.
Irgendwann Anfang der 80-er Jahre besuchte ich mit meiner damaligen Freundin, die Ethnologin war, ein Seminar über dieses Thema an der FU Berlin, weil wir planten, auch nach Grenada zu reisen, wo die Rastafari die revolutionäre Bewegung um Maurice Bishop unterstützten. Ich habe nur leider die Unterlagen verschlampt.
Neulich also bei Youtube. Wenn man heute Reggae hört, sind die Texte oft entweder total banal oder genau so ein Unsinn wie damals. Alpha Blondy hat zwar eine Biografie, die mich beeindruckt. Aber wenn ich ihn von „Jerusalem“ singen höre oder von Adonai (nicht zufällig weiß ich, was das heißt), wird mir ganz anders. Man muss einfach weghören und nur den Rhythmus genießen. Es grenzt auch schon an höheren Blödsinn, wenn jemand Frieden zwischen „Israel und Palästina“ wünscht und die Menge natürlich positiv aufheult, aber vergisst, wer den Terror verursacht und wer Israel von der Landkarte verschwinden lassen will.
In Großbritannien ging das auch anders. Die Nachgeborenen werden Linton Kwesi Johnson nicht kennen, aber dessen Texte sind immerhin zitierfähig. Ich hatte mal das Vergnügen, einem seiner Konzerte beizuwohnen.
Bei Tiken Jah Fakoly zum Beispiel gefällt mir aus ethnologischer Sicht die Ikonografie – er würde wunderbar in den 2. Teil von Matrix zu den pseudorevolutionären Witzfiguren dort passen. Bob Marley kam in Straßenkleidung auf die Bühne und hatte es nicht nötig, sich merkwürdige Schlabbermäntel umzuhängen. Wursthaare sind auch nicht automatisch systemkritisch, nur in verkitschten Hollywood-Filmen, wenn man noch ein paar Quoten-Neger unterbringen will.
By the way; Tiken Jah Fakoly: Africa United ist eine sinnlose Aussage, solange man nicht die Machtfrage stellt und eine Idee hat, was dann kommen soll – Kapitalismus unter anderen Vorzeichen oder nur: habt Euch alle lieb?! Ich kriege immer einen Anfall, wenn ich das höre – erinnert mich zu viel an Mädchen, die „was mit Tieren“ machen möchten und wegen des „Klimas“ zu den Grünen laufen. Geschenkt. Dann doch besser aur die Wiedergeburt des Neguse Negest warten, das macht genauso viel Sinn.

Systemrelevanter kultureller Lifestyle

Die zweite Welle kommt bestimmt – und schlimmer als die erste. Bitte bevorraten Sie sich. (ALDI-Deutsch)
Ihr könnt froh sein, dass ich in diesen Tagen überhaupt blogge. Gerade die letzte von sieben 12-Stunden-Schichten abgerissen, dazu noch ein Wechsel von Tagschicht zu Nachtschicht – aber jetzt habe ich ein paar Tage frei für Dröseln und die anderen zwei Berufe.
Da kommen mir jedoch ein paar Serien in die Quere, die ich allesamt dringend empfehlen kann.
Unorthodox


Unorthodox ist natürlich Pflichtprogramm für alle, die aus Sekten oder sektenähnlichen religiösen oder politischen Gruppen kommen. Meine Biografie ist im Vergleich zum hiesigen Publikum vermutlich ein wenig exotisch, und ich befürchtete, dass jemand, der so etwas wie im Film geschildert wird, nie in vivo erlebt hat, das auch kaum nachvollziehen kann, vor allem was die Spätfolgen angeht.
Aber man muss das Thema aus der Sicht der Evolution anschauen. Gemeinschaften, die dem normalen Menschen im Kapitalismus schrecklich beengt, beschränkt oder sogar Furcht erregend vorkommen, sind nur ein Modell unter vielen möglichen, „Gesellschaft“ zu konstituieren. Alle Modelle sind „moralisch“ gleich viel wert, nur eben mehr oder weniger effektiv, ganz nach den jeweiligen Umständen. Je enger und einschnürender die Gemeinschaft, um so mehr kann sie soziale Sicherheit garantieren. Je größer der Anpassungsdruck, um so mehr wird es katastrophal, wenn sich jemand dem verweigert. Das ist bei den Mennoniten so, die ich in Mittelamerika besuchte, bei den Neuapostolischen und im chassidischen Milieu, das in Unorthodox geschildert wird.
Ich kann die Kritik, die zum Beispiel Michael Wolffsohn anbringt, ein wenig nachvollziehen: „Da die meisten Zuschauer von „Unorthodox“ wahrscheinlich das Judentum noch weniger kennen als Christentum und Islam, werden sie daraus fehlschließen, „das Judentum“ verdamme „Fleischeslust“.“
Gerade darum aber muss man solche Filme drehen und zeigen: Der öffentliche Diskurs kann kann solche Fehlschlüsse eventuell korrigieren. Ganz klar aber ist, dass dieses Milieu, mag es auch nur wenig repräsentativ sein, für die Unterdrückung der Frau an sich steht. Man kann nicht für Emanzipation sein, und nebenan so etwas akzeptieren, weil es einer Tradition entspricht. Da bin ich ganz Kulturrevolutionär: Hau weg den reaktionären Scheiß!
Fauda, Staffel 3


Fauda war der einzige Grund, warum ich damals ein Netflix-Abo abgeschlossen habe. Auch die Staffel 3 hält das hohe Niveau (ich bin noch nicht ganz fertig mit Gucken, und Marina Blumin kann man ohnehin nicht oft genug sehen).
Was ich nicht wusste: „Eine Folge „Fauda“ kostet trotz aufwendiger [sic] Gefechtsszenen mit 200.000 Euro knapp ein Siebtel einer Folge „Tatort“. Fast nirgendwo werden Serien günstiger gedreht als ins Israel. Und fast nirgendwo besser.“
Quod erat demonstrandum. Und die Schauspielerinnen sind auch fast alle hübscher als in hiesigen Krimis. Unbedingt empfehlenswert, keine Sekunde Langeweile.
Bosch Staffel 7


Bosch ist mit Abstand die beste Krimi-Serie, die ich jemals gesehen habe – und wehe, jemand schaut die synchronisierte Version! Mit deutschen Untertiteln hört sich das nuschelige Hardcore-Bullen-Englisch erst richtig gut an – und man lernt viele Slang-Ausdrücke, was bekanntlich beim Sprechen nützlich ist.
Ohne die entzückende Madison Lintz würde der Serie etwas fehlen: Das komplizierte Vater-Tochter-Verhältnis wird großartig in Szene gesetzt. Bewertung: So viel Sterne wie möglich.
Mandarin am Landwehrkanal mit Klopapier in harten Zeiten

Landwehrkanal am Weichselplatz, hier in Richtung Osten aufgenommen, morgens kurz nach sechs Uhr.
Zur Zeit fahre ich zur Arbeit (der Beruf zum Geld verdienen, dass es garantiert reicht am Monatsende) mit dem Fahrrad und das Gefühl, keiner Menschenseele zu begegnen, bei Sonnenaufgang vor allem, auch wenn man gut 20 Minuten vor sich hin strampelt, ist schon eigenartig. Bis nach Ostern habe ich nur wenig Zeit, weil ich zwischen jeweils zwei 12-Stunden-Schichten nur einen Tag frei habe. Just saying.
Lustig zu lesen im Tagesspiegel: Berliner Verwaltung mangelhaft digitalisiert „Wir sind technisch kurz hinter der Karteikarte“. Sehr prägnante Überschrift – man könnte ununterbrochen den Kopf schütteln. So wird das nichts mit der „Digitalisierung“.
Falls ich etwas Abfälliges über den Einzel- und Supermarkthandel im Spätkapitalismus gesagt haben sollte, nehme ich alles zurück: Heute gelang es mir, sowohl Klopapier als auch Nudeln zu erwerben. Ich wundere mich, warum immer noch so wenig Leute mit Maske dort unterwegs sind, wo man Publikumskontakt nicht vermeiden kann?

Charles Dickens: „Harte Zeiten“ – Hard Times (1854)
Als Junge hat mir jemand Charles Dickens‘ „Oliver Twist“ geschenkt. Ich fand das Buch damals ultraspannend und habe es mehrfach gelesen. Jetzt fiel mir auf, dass ich nur das von Dickens besitze und habe mir jetzt sein vermutlich wichtiges Werk besorgt. Beide gehören von dem von mir definierten Bildungskanon. Wisst ihr Bescheid!
Christian Y. Schmidt schreibt auf Fratzenbuch:
Aus gegebenem Anlass:
Je deutlicher es sich jetzt an den Todesraten zeigt, dass die westliche Seuchenbekämpfung schlechter funktioniert als die in China, desto schäumender werden die Attacken der westlichen Medien auf China werden. Die Flut der Artikel steht in Korrelation zum Versagen des Westens.
Beeindrucken wird das allerdings höchstens Menschen im Westen, für die das die nächste Kränkung ist, die ihnen China zufügt. Den grössten Teil der Weltbevölkerung interessiert die westliche Propaganda nicht mehr. Im Gegenteil. Sie wird nichts an der Realität ändern, dass der Kampf den Aufstieg Chinas und den Abstieg des Westens beschleunigt. Langsam sollte man versuchen, diesen Prozess zu begreifen, statt sich wütend darüber aufzuregen. Aber wahrscheinlich muss es erst noch eine Weile so weitergehen, bis das passiert.
Ich habe mal meine Lehrbücher für Mandarin wieder herausgekramt. Ich hatte 2012 angefangen zu lernen, musste aber nach einem halben Jahr aufgeben, weil die Gruppe der Mitstudenten alle sehr jung war, wie meine nur theoretisch existierenden Enkelkinder, und man in dem Alter einfach viel schneller lernt. Außerdem hatte ich für die Termine zwei Mal in der Woche an der FU keine Zeit mehr.
Soll ich’s also wieder wagen, im Eigenstudium? Mein Lehrer sagte damals, man müsse vier Jahre pauken, um eine Zeitung in Mandarin lesen zu können. Augenroll. Intrinsisch motiviert bin ich ja, aber eine chinesische Geliebte wäre jetzt hilfreicher. Jemand da?
El Hoyo
Herausragend, brilliant, ultraspannend, brutal gut, grausam, SciFi vom Feinsten: Der Schacht (El Hoyo, in Spanisch, mit Untertiteln) bei Netflix.
Aus den Rezensionen:
In einer Hölle aus Beton wacht unser Held aus Der Schacht auf, die unvorstellbare Schrecken in ihren Tiefen verbirgt. Unvorstellbar? Nicht lange, denn einige davon werden wir in dem klaustrophobischen Thriller mit Horror-Einschlag mit eigenen Augen sehen müssen. Wem die Baby-Ess-Story aus Snowpiercer noch im Magen rumort, der sollte die erstklassige spanische Genre-Entdeckung am besten auslassen.
So bizarr und unwirklich die Einrichtung auch im ersten Moment erscheinen mag, so zeichnet der Film selbst mit jeder weiteren Minute eine Welt ab, die echter und realer kaum sein könnte. Gerade in Zeiten der Corona-Krise wirkt die fehlende Solidarität, die im Film als zentraler Anker fungiert, nahbarer denn je. So ist „Der Schacht“ nicht nur der verstörendste Film seit langer, langer Zeit, sondern zugleich einer der brillantesten in seinem Genre. Muss man gesehen haben – wenn man es denn aushält! (Kinoundco)
Da die Rezensenten politisch offenbar ungebildet sind: „Der Schacht“ ist auch eine Parabel darauf, ob und wie Revolutionen möglich oder unmöglich sind. (Ich musste zwischendurch pausieren, so hat mich das Geschehen mitgenommen – und ich bin nicht wirklich zimperlich. Unbedingt im Original anschauen und mit Untertiteln.)





































