Rudel und Schwarm

correos
Lateinamerikanische Postausgabe – vermutlich aufgenommen in Lima, Peru, entweder 1979 oder 1984.

Kluger Artikel auf Telepolis: “In Sozialen Medien wirkt eine Dynamik, die sehr viel älter ist als Twitter oder Facebook”.

“Deshalb neigen Nutzer bewusst und unbewusst dazu, ihre Beiträge so zu gestalten, dass sie möglichst viel Aufmerksamkeit, Zustimmung und Weiterverbreitung erreichen. Ein sehr einfacher Weg dazu, der auch ohne kreatives Talent gangbar ist, ist die Empörung. Sie tendiert dazu, ein Phänomen zu erzeugen, das einerseits einem Schwarm und andererseits einem Rudel ähnelt. Einem Schwarm, weil es sich ohne zentrale Führung selbst bildet und gleich agiert, da sich seine Teilnehmer gegenseitig Belohnungserlebnisse liefern. Und einem Rudel, weil dabei häufig ein einzelnes Individuum attackiert wird.”

Elias Canetti schreibt in Masse und Macht über die “Hetzmasse”: “Ein wichtiger Grund für das rapide Anwachsen der Hetzmasse ist die Gefahrlosigkeit des Unternehmens. Es ist gefahrlos, denn die Überlegenheit auf seiten der Masse ist enorm.” (…) Ein gefahrloser, erlaubter, empfohlener und mit vielen anderen geteilter Mord ist für den weitaus größten Teil der Menschen unwiderstehlich.”

Damit ist heute auch der “soziale Mord” durch virtuelle Shitstorms gemeint, die durch die Anonymität der Denunzianten noch attraktiver wird. “Alle Formen der Hinrichtung hängen an der alten Übrung des Zusammen-Tötens. Der wahre Henker ist die Masse, die sich um das Blutgerüst versammelt. (…) Der Abscheu vor dem Zusammentöten ist ganz modernen Datums. Man überschätze ihn nicht. Auch heute [“Masse und Macht” erschien 1960) nimmt jeder an öffentlichen Hinrichtungen teil, durch die Zeitung.”

Kommentare

One Kommentar zu “Rudel und Schwarm”

  1. Trebon am Juli 25th, 2020 5:27 pm

    Einspruch, nicht jeder. Meine Wenigkeit liest keine Zeitung und konsumiert auch sonst kaum Medien.

    Kann ich jedem nur empfehlen, es ist die Tür IM Irrenhaus.

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