Die heißblütige Seele Havannas
Deutsche Filme bei Netflix schaue ich gar nicht mehr, ich wurde immer nur enttäuscht. Bei Criminal sind die englischen, spanischen und französischen Version gut und solide Krimi-Kost, die deutsche hingegen unausstehlicher Quatsch mit gestelzten Dialogen und lächerlichem Plot. Die Schauspieler können nichts dafür. Ähnlich ist es in The Team: einige Darsteller werden synchronisiert, andere sprechen deutschen, die Handlung ist vorhersehbar und hüpft im Minutentakt zwischen den Schauplätzen in halb Europa hin und her, als wollte man die fehlende Weltläufigkeit so kompensieren. Ich haben nur eine halbe Stunde ausgehalten, dann hatte ich es satt.
Noch schlimmer waren andere Fehlgriffe. Das Imperium der Wölfe hat einen geradezu hanebüchenen Plot, der zwischen Mystery, Fantasy und Thriller schwankt, so dass noch nicht einmal Jean Reno das wieder wettmachen kann. Auch sehen sich zwei wichtige Frauenfiguren (Araceli Jover und Laura Morante vom Typus her so ähnlich, dass man immer genau hingucken muss, wer da gerade agiert.
Ich muss auch verschämt zugeben, dass ich eine Stunde Der Nebel ausgehalten habe. Der Plot stammt immerhin von einer Novelle Stephen Kings.
Vermutlich wird man als aufgeklärter Europäer US-amerikanische Filme bald gar nicht mehr anschauen können, weil sie nach dem immergleichen Muster aufgebaut sind, ganz gleich, um welches Genre es sich handelt. Am – oft quälend langatmigem – Anfang steht die wahlweise intakte oder zerbröselnde Kleinfamilie aus der Mittelklasse, deren Zusammenhalt mit dem pädagogischen Holzhammer beschworen wird, und die sich in der Krise bewähren muss. Außerdem geht mir das triefende christliche Gedöns und der Sermon der Pfaffen, das nie fehlt, auf die Nerven.
Ich empfehle die sehenswerte spanisch-kubanische Mini-Serie Four Seasons in Havana, auf die ich zufällig gestoßen bin. Havanna ist immer ein interessanter und origineller Schauplatz (außer in US-amerikanischen Filmen, die ohne antikommunistische Propaganda nicht auskommen). Man merkt, dass die Schauspieler spanisches Spanisch sprechen – ich konnte manche Dialoge ohne Untertitel verfolgen. Die Kubaner sprechen aber im Original meistens einen Slang vom Feinsten und so schnell, dass ich, als ich 1984 in Havanna war, nur selten was mitbekommen habe.
Witzig sind auch die uralten Telefone. Es gibt keine Smartphones, und die Computer laufen mit DOS (vermutlich ist das heute ein bisschen anders), Die Polizei tritt viel weniger martialisch auf als in den USA und Europa. Während bei der Brücke – Transit in den Tod jede Festnahme mit einem Sondereinsatzkommando vonstatten geht, rennen in Havanna sogar die Chefs ohne Schutzweste und höchstpersönlich hinter den Verdächtigen her. Das liegt natürlich daran, dass Kuba eines der sichersten Länder ist und das sicherste in ganz Lateinamerika, insbesondere für Reisende.
Bonus: Natürlich sehen fast alle Frauen umwerfend aus und laufen fast immer in kurzen Höschen oder Minirock herum. Die kurvige Dame auf dem unteren Screenshot ist aber eine Italienerin – Yessica Borroto.
Computer-Voodoo, revisited

Aus „Die Brücke – Transit in den Tod„, Staffel 3.
Man wundert sich nicht mehr, welch abstruse Ideen in den Köpfen der Leute ihr Unwesen treiben, wenn in jedem Film, in dem Computer zu sehen sind, per Drehbuch irgendeine magische Handlung bzw. Voodoo vorkommt.
Das mach ich auch. Ich schicke Andy Allo jetzt per E-Mail eine Datei, und wenn sie die öffnet (was sie natürlich macht), wird sie mich anrufen und einen One-Night-Stand mit mir verabreden. So einfach ist das.
Gernderinfiziert, revisited
Sehr schöner Text von Michael Westerhoff auf ruhrbarone.de: „Warum ich nicht mit Gender* spreche“.
Wir sprechen heute eine akademische Gender-Sprache und nicht mehr so wie auf der Straße. Und uns ist egal, worüber Deutschland spricht. Wir haben uns inhaltlich und sprachlich meilenweit von vielen Menschen abgekoppelt. Das gilt für private elektronische Medien genauso wie für öffentlich-rechtliche. Wir wundern uns also, dass die Menschen ihre „Informationen“ lieber von YouTubern, aus windigen Telegram-Gruppen oder bei rechten Bloggern beziehen? Ich wundere mich darüber nicht.
Für mich gilt das ohnehin nicht, aber ich stimme zu. Insbesondere die „Linke“ sollte sich das zu Herzen nehmen. Das wird aber nicht passieren, weil Sprachesoterik eine quasi-religiöse Konsistenz hat und – vergleichbar mit einer Subkultur – ein soziales Milieu nach „unten“ abgrenzen soll. Gendersprache ist nichts anderes als systemaffiner Klassismus.
Transit in den Tod und Computer-Voodoo

Komisch, dass mir die Netflix-Algorithen erst jetzt Die Brücke – Transit in den Tod hereinpülten. Ganz außergewöhnliche schwedisch-dänische Krimi-Kost! Es gibt schon so viele Rezensionen, dass ich nicht noch mehr das Internet vollschreiben muss.
Nur eines: Die Heldin Saga Norén (Sofia Helin) „leidet“ in der Serie an einer Art Asperger-Syndrom. Das führt zu urkomischen Dialogen. Ich musste manchmal laut auflachen, was mir bei skandinavischen Filmen sonst nie passiert. Der dänische Kommissar Martin Rohde (Kim Bodnia) versucht, fröhlichen Smalltalk zu machen, weil „man das unter Kollegen so üblich ist“. Wenn sich aber jemand daraus nichts macht, wird es kompliziert, weil die Kommunikation irgendwie ins Leere läuft.

Szene: Die Norén und Rohde fahren Auto, minutenlang, und Rohda versucht etwas Nettes zu plaudern, weil man sich noch nicht kennt. Irgendwann fragt er, da seine Kollegin unentwegt stur aus dem Fenster blickt: „Hörst Du mir überhaupt zu?“ Sie: „Ich sitze doch neben Dir, warum sollte ich nicht zuhören?“ Rohde verschlägt es manchmal einfach die Sprache.
Oder: Die schwedische Kommissarin hat plötzlich Lust auf Sex. Sie geht in eine Bar, lächelt einen Kerl an. Der lächelt zurück und fragt: „Möchtest Du etwas trinken?“ Sie: „Nein.“ Er halb beleidigt ab. Sie hinter ihm her: „Warum lässt du mich einfach stehen?“ Er: „Äh?“ Sie: „Möchtest du Sex mit mir?“
Nach dem Liebesspiel setzt sie sich ins Bett und schaut auf dem Laptop zersäbelte Leichenteile an. Er wacht auf und fragt geschockt: „Was machst Du da?“ – „Ich bin bei der Kripo. Arbeit.“ Der Kerl flieht nach kurzer Zeit völlig konsterniert aus der Wohnung.

Natürlich kommt wieder Computer-Voodoo vor. Das Übliche: Wir haben da einen Nerd im Keller, der kann Passwörter knacken. Oder: Wenn etwas nicht funktioniert, ist es garantiert „ein Trojaner“. Da hat vermutlich irgendein Russe mit einer Nadel in ein Püppchen gestochen, und die „Trojaner“ machen sich auf den Weg und demolieren zielgerichtet Bits und Bytes. Vielleicht sollte man Drehbuch-Autoren mal in mein Seminar schicken, aber dann würde es weniger lustig in solchen Filmchen.
Carlo & Malik & Alba
Glotzempfehlung auf Netflix: Carlo & Malik (OmU!). Ich halte den Titel für irreführend, weil Alba, die Tochter des Kommissars, die dritte Hauptdarstellerin ist.
Ich hätte dem italienischen Fernsehen so eine intelligente und unterhaltsame Krimi-Serie gar nicht zugetraut (nein, die Mafia kommt erstaunlicherweise nicht vor). Bei italienischem TV denke ich zuerst an Berlusconi und dass viele Italiener diesen Bunga-Bunga-Zombie wählten, und damit war das Thema bisher gegessen.
Ich habe nicht viele ernst zu nehmende Rezensionen in deutscher Sprache gefunden, ich teile die Kritik nicht. „Ein bisschen altmodisch ist Carlo & Malik in seiner Formelhaftigkeit, etwas für die Fans Krimis alter Schule.“ Jaja, bei Krimis ist old school nie falsch, weil fast alle herausragenden Serien wie etwa Bosch einen Kommissar als Helden haben, der ebenfalls old school ist und auch so handelt.
Witzigerweise ist der „dunkelhäutige“ zweite Hautdarsteller Malik in der Realität gar kein Afrikaner, sondern Lateinamerikaner. Der Film haut einem das Thema „Rassismus“ zwar ständig um die Ohren, aber nicht auf eine aufdringliche Art. Nette Szene: Carlo und Malik müssen zu einer Villa reicher Leute: Hohe Mauer, Gegensprechanlage. Malik klingelt und eine Stimme kreischt ihn an, ob „sie“ jetzt schon am hellichten Tage kämen. Gemeint sind natürlich legale und illegale Einwanderer aus Afrika. Das klingt übertrieben, ich halte es aber auch für Deutschland für durchaus realistisch.
„Carlo & Malik“ hätte in Deutschland so nicht produziert werden können oder nur als totaler Kitsch. Bei US-amerikanischen Serien kann man es übertrieben finden, dass wegen der zwanghaften Political correctness immer ein Afroamerikaner in der Nähe sein muss, wenn ein Weißer die Hauptrolle spielt. In Deutschland wirkt es verkrampft und zwanghaft pädagogisch. (Wenn das Feuilleton der taz etwas bejubelt, hat man gleich einen zuverlässigen Hinweis darauf, dass es jetzt mit dem moralischen Holzhammer weitergeht.)
Man kann mit Filmen nicht die Realität verändern, sie aber gut gemeint verfälschen. Die Hautfarbe solle gar keine Rolle spielen. Nicht vergessen: Mit dem US-amerikanischen Diversity-Konzept kommt die Rassenlehre („back to blood“) durch die Hintertür in den Mainstream zurück. (Ja, ich bin für eine afrodeutsche Tagesschau-Sprecherin oder eine Latina, die „Afro“ aussieht, um die einschlägig Verdächtigen zu ärgern, aber nie und nimmer für eine Religiotin, womöglich gar mit Hijab.)
Ich habe noch nicht alle Folgen geschaut, auch dazu habe ich keine Zeit. Ich konnte mich auf den Plot anfangs gar nicht richtig konzentrieren, weil bis auf ganz wenige Ausnahmen alle Frauen überirdisch schön sind. Die Hauptdarstellerin Rosa Diletta Rossi kannte ich nicht, auf Bildern sieht man ihre üblichen Model-Qualitäten, aber im Film kommt noch die Ausstrahlung dazu – das Lächeln! Ich war hin und weg. Sind eigentlich alle italienischen Frauen so attraktiv? Ist das irgendwie repräsentativ? Ein blödes, aber offenbar wieder zutreffendes Vorurteil. Auch die Männer sind gutaussehend und immer geschmackvoll gekleidet, was man von deutschen Kommissaren nicht sagen kann.
Das erinnert mich an einen Insider-Second-Life-Gamedesigner-Roleplay-Joke: Italienische Avatare sehen am besten aus, italienische Sims sind immer die schönsten, aber organisiert kriegen sie nix, und die Sache wird schnell wieder aufgegeben. Stimmte immer.
Im Tastatur- und Keulenbusiness
Ich habe gerade so viel zu tun, dass ich nur kurz zwischendurch zur Feder greifen in die Tasten hämmern (oder sagt man „auf“?) kann. Apropos Tastatur: Ins Bett um 6.30 Uhr, nach der Nachtschicht, um 11.30 Uhr klingelt das Handy direkt neben meinem Ohr: „Ich bringe Ihr Klavier und stehe unten vor der Tür!“ – „Ich bin in fünf Minuten unten, gähn, seufz…“.
Das Paket hätte ich allein nie nach oben bekommen, aber ich sagte dem netten Anlieferer, dass ich zufällig noch einen größeren Schein übrig hätte habe, und ob er sich vorstellen könne, obwohl er nicht müsse usw.. Er konnte und wuchtete den Brocken fast allein die Stufen hoch. Jetzt hat er den halben Tagesverdienst eines Amazon-Lagerarbeiters zusätzlich in der Tasche, und das ist auch gut so (der Kapitalist Jeff Bezos, dem Amazon gehört, verdient 4,4 Millionen Dollar pro Stunde). Vielleicht waren nicht alle seine Kunden, denen er mit dem riesigen LKW der Spedition etwas lieferte, höflich und dankbar; er schien höchst entzückt und bestand darauf, die rund 40 Kilo auch noch in meine Wohnung zu schleppen.
Vor Sonntag komme ich, wenn überhaupt, nicht dazu, das Teil zusammenzusetzen. Auch der Klavierhocker muss noch zurechtgedröselt werden. Ein kurzer Blick auf die beiden fucking manuals reichte, um bei mir den Eindruck zu hinterlassen: Das machst du erst, wenn du guter Laune bist, mental ganz entspannt und ein paar Stunden in Reserve hast.
Was hatten wir noch? Ich empfehle einen höchst lesenswerten Artikel von Eva Menasse auf Zeit online „Blondes Gift?“ Natürlich geht es wieder um Lisa Eckart, zu der bekanntlich schon alles gesagt wurde, hier aber um ihre Kritiker und um die Frage „Was ist eigentlich Kabarett, wie funktioniert es, und warum findet sich diese Kunstform eher selten auf ökumenischen Kirchentagen?“ Jeder Absatz ist auch ein sprachliches Kunstwerk und amüsant. Meine Lieblingsstelle:
Lisa Eckhart mit ihren kriegerischen Fingernägeln und Absätzen zieht den Hass, wie früher Biller, mit voller Absicht auf sich. Humortechnisch funktioniert das ähnlich wie damals, als Christoph Schlingensief gleich neben der Wiener Staatsoper die Fernsehshow Big Brother mit Asylbewerbern nachstellen ließ, die man per Abstimmung abschieben lassen konnte – Übertreibung bis weit über alle Schmerzgrenzen hinaus. Sehr viele fanden das gar nicht lustig, vielleicht war es das auch nicht. Vielleicht ruft bald Schlingensief aus dem Jenseits bei Maxim Biller an und erklärt es noch mal.
Mit ihrer blasierten Brillanz und der Eiseskälte ihrer Kunstfigur, deren Schutz sie öffentlich nie verlässt, ist Lisa Eckhart wahrlich die Göttinseibeiuns all der altbekannten Toreros, die ihr eigenes Denken öffentlich als „wild und klar“ rühmen müssen.
Man kann sich vorstellen, was passierte, wenn Gerhard Polt Mai Ling im Jahr 2020 veröffentlicht hätte. Er würde vermutlich öffentlich geächtet und geshitstormt, und in den Anstalten traute man sich schon gar nicht, das dem Volk zuzumuten. Wie auch bei Eckart: Man knirscht manchmal mit den Zähnen und weiß nicht, ob man jetzt lachen sollte oder nicht. Es muss richtig weh tun, sonst ist es keine gute Satire. Fast alle deutschen Komödianten bedienen nur den Humor der eigenen Zielgruppe (das gilt sowohl für Pispers als auch den unsäglichen Nuhr), aber Eckart teilt gezielt nach allen Seiten aus. I love it.
Noch mehr gute Nachrichten, leider nur für Franzosen: „Die Franzosen dürfen den Jahreswechsel nicht im Freien feiern: Die Regierung verhängte für die Silvesternacht eine Ausgangssperre zwischen 20 Uhr und 7 Uhr morgens.“ Großartig und richtig! Hier wird alles vermasselt werden, auch das.
Übrigens: Der Tagesspiegel berichtet über eine Razzia. Interessant ist dabei: „Die Zahlen des aktuellen BKA-Lagebildes „Organisierte Kriminalität“ zeigen, dass deutsch-arabische Großfamilien 2019 gerade 7,8 Prozent der OK-Ermittlungsverfahren ausmachten. In Berlin jedoch, das teilten die hiesigen Behörden 2018 mit, betrafen mehr als 20 Prozent, nämlich 14 von 68 OK-Verfahren, deutsch-arabische Familien.“
Das müsste mal wissenschaftlich interpretiert werden – aber nicht von grünen Religioten, Diversity-Theologinnen oder den Freunden der Hijabisierung im gefühlslinken Milieu.
PS Ich habe Korrektur gelesen.
Der schönste Platz
Neu in meiner Bibliothek und aus meiner alten Heimat: „Der schönste Platz – Kneipen und Gaststätten in Holzwickede, Hengsen und Opherdicke“. Herausgeber: Historischer Verin Holzwickede e.V. Arbeitskreis Geschichtswerkstatt, 2020. Das Buch wird hoffentlich bald im Literarischen Quartett von Lisa Eckart besprochen.
Das hätte es unter Hermann L. nicht gegeben!

Ich lese die Konkret seit 1972, wenn ich mich recht erinnere. Damals, unter Klaus Rainer Röhl, waren nackte Modelle auf dem Cover. Sex sells. Aber das ging für Röhl sowohl mit das da als auch mit Spontan schief.
„Als nunmehr unabhängige sozialistische Zeitschrift erreichte konkret schon 1965 eine Auflage von 100.000 verkauften
Exemplaren und wurde 1967 zum führenden Publikationsorgan der neuen außerparlamentarischen Studentenbewegung, der APO. Ab 1967 erschien das Blatt nicht mehr monatlich, sondern 14-täglich und hatte seine höchste Auflage (176.000 verkaufte Exemplare).“
Hermann J. Gremliza habe ich immer mit Vergnügen gelesen; vom seinem brillianten Stil konnte man lernen. Der Rest? Immer die schon bekannten Textbausteine, alle rechts außer Mutti uns. So wird das nichts.
2018 betrug die Auflage 42.263 Exemplare. Man könnte irrig vermuten, wenn es abwärts geht, sollten die Redakteure und die Herausgeberin vielleicht lauschen, was die Leser wollen und wie sie ticken. Aber das ist bei deutschen Linken mit ihrem eingebauten arroganten Sektierertum nicht vorgesehen. Man zieht den pseudolinken Diversity-Lifestyle durch, weil man sich im Besitz der höheren Wahrheit dünkt und verlangt, dass die Leser die Güte, mit sprachpolizeilichen Maßnahmen beglückt zu werden, auch noch honorieren. Die konkret ist mittlerweile stromlinienförmig im kleinbürgerlichen Milieu angekommen.
Ich habe in der letzten Woche mein Abonnement gekündigt. Die Kontakt-E-Mail dazu (konkret@primaneo.de) produzierte eine Fehlermeldung, also musste ich ein Einschreiben losschicken. Papier funktioniert bei denen noch.
Auch nach der Kündigung fragte niemand, warum ich das getan hatte. Die aufmerksamen Leser und kundigen Leserinnen werden es ahnen. Ich wiederhole mich: Für reaktionäre Sprachesoterik gebe ich kein Geld aus.
Religioten und ihre diversen Freunde
Künstler sollten keine Witze über den Islam machen. Das könnte die Religioten verunsichern. Der Kabarettist Karl Ray wurde beim Hamburger Schmidt Theater deswegen gefeuert.
Er hatte gesagt:
„„Wir leben in einem Land, in dem Böhmermann beinahe in den Knast sollte und Helene Fischer mit Preisen überhäuft wird. Das gehört doch umgekehrt. Nein, eigentlich gehören beide in den Knast.
Gut, wie kann Herr Böhmermann auch schreiben, dass Erdogan eine Ziege fickt. Das geht natürlich nicht, vor allem nicht, wo wir genau wissen, dass alle Türken meine Mutter ficken. Was denn? Machen sie mal einen Türken wütend, dann sagt der: „Ich ficke Deine Mutter!“ Die große Frage lautet: Warum wollen die eigentlich alle meine Mutter ficken? Die ist noch gut in Schuss. Sie ist aber 84.
Nun ist meine Mutter ja meine Mutter. Ich bin wie sie. Deshalb hätte sie große Lust, sich von einer Horde Türken durchraspeln zu lassen. Sie hat aber keine Zeit. Sie sitzt auf dem Fernseher und guckt Sofa.
Ich hoffe, wir haben Muslime hier im Publikum. Das beweist: Ihr habt Humor und das ist mir eine große Freude. Bedenkt bitte: Wir dürfen in diesem Land über Euch, Euren Gott und Eure Religion lachen. Dafür bekommt Ihr auch unser Weihnachtsgeld.
Ich mache Witze über alle Religionen. Wie nennt man die Vagina eine Nonne? Christstollen!“
Nachtwache, a capella gesungen
Bless The Lord, O My Soul (S. Rachmaninoff „All-Night Vigil“ / Vespers, op. 37)
Singers (from the left): Adrian Nikiel, Katarzyna Bieniaszewska, Michał Raczkowski, Joanna Dacko, Irina Bogdanovich (solo), Adrianna Jarzębowska, Jakub Kozioł, Teresa Gręziak, Rafał Brzeziński.
Gemischte Chöre sind nicht unbedingt das, was ich oft höre. Und wenn, dann nur russische Männerchöre oder bulgarische Frauenchöre. Ich habe in den letzten Tagen meine Meinung ein wenig geändert, durch Zufall. Ich mochte auch als fanatischer Atheist orthodoxe Kirchenmusik, vor allem wegen der Bässe, weil ich selbst als Jüngling im Kirchenchor 2. Bass gesungen habe, also den ganz tiefen. Instrumente sind in der Orthodoxie verboten; deswegen hat sich die einzigartige A capella-Chor-Kultur im Osten gebildet.
Rachmaninow also, die Nachtwache. Ich habe das Stück jetzt bestimmt fünfzig Mal gehört und entdecke immer wieder neue Nuancen. Der Chor ist achtstimmig und besteht nur aus der Solosängerin und eben acht anderen. Das musikinteressierte Publikum mag gern herumsurfen und alle anderen Versionen dieses Stücks anhören. Die fünf Sängerinnen und vier Sänger hören sich an wie neunzig – und schöner. Ich habe sogar ziemlich schnell eine Version gekauft, vom Kammerchor des sowjetischen Kulturministeriums, auch die sind nicht besser.
Woran liegt das? Interessant, dass alle anderen Chöre auf die Noten schauen müssen, diese nicht. Irina Bogdanovich hat die beste Alt-Stimme, die ich jemals gehört habe. Sie scheint ein künstlerisches Allround-Talent zu sein, sie dirigiert auch und leitete offenbar mehrere Chöre. Der Tenor Jakub Kozioł und die vier Frauenstimmen klingen so, wie sich Kinder Engel vorstellen. Und dann der Kerl ganz rechts (Rafał Brzeziński) mit seinem basso profundo – einfach Wahnsinn. (4.36 – Irina wirft ihm einen sehr schönen Blick zu). Ich bin auch immer wieder fasziniert, wie die Bogdanovich mit äußerst sparsamen Bewegungen „dirigiert“, man muss schon sehr genau hinsehen, um mitzukriegen, wie sie die Einsätze gibt (3.10 etwa). Die Gruppe ist sowieso absolut professionell, die wissen natürlich, wo und wann jede einzelne Note kommen muss.
Jemand kommentierte bei Youtube: „That was one of the most beautiful compositions that I’ve ever heard.“ Da kann ich nur zustimmen. Wenn ich jemals sterben sollte, muss dieses Stück gespielt werden – leider kann ich es nicht herunterladen.
Im Namen des Volkes

Tibetanische Esoterik im Weißen Haus – Szene aus „House of Cards“
„Die Ära [bitte selbst ausfüllen] ist damit geprägt von zwei partiell widersprüchlichen Tendenzen: dem Aufbau eines neuen charismatischen Personenkults und, parallel hierzu, der Stärkung der legal-rationalen Herrschaft.“
Welche Ära ist gemeint?
[ ] Die des römischen Kaisers Gaius Octavius, genannt Augustus?
[ ] die des weißrussischen Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka?
[ ] die des Generalsekretärs der KP Chinas, Xi Jinping?
Die Antwort steht in diesem interessanten theoretischen Text, den ich dem Publikum empfehle – Niko Switek (Hg.): Politik in Fernsehserien – Analysen und Fallstudien zu House of Cards, Borgen & Co.“. (Vorsicht! TL;DR)!)
Ich bin gerade dabei, die fünfte Staffel von House of Cards vor dem Einschlafen anzusehen. Mir gefällt die Serie; ich mag tiefschwarzen Zynismus. Ich hätte nie gedacht, dass Bertolt Brecht von Hollywood ernst genommen würde. Keine romantisch glotzenden Rezipienten mehr? Großartig – bin sofort dabei. Ich habe da aber noch ein paar Fragen.
Es waren vor allem die Erfahrungen mit den industriellen Dimensionen der amerikanischen Filmindustrie, die Günther Anders, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer zu ihrem Urteil veranlassten, dass Filme als Produkte der Unterhaltungs- und Kulturindustrie nur den Zweck der Ablenkung und damit der Stabilisierung des bürgerlich-kapitalistischen Systems dienen.
Ach so? Dann darf ich solche Serien vielleicht gar nicht gucken? Brecht hätte es mir aber vermutlich erlaubt. Die Frage ist spannend, was eine realistische Szenerie – künstlerisch im Film umgesetzt -, wie Politik im Kapitalismus gemacht wird, bei den Zuschauern bewirkt: Werden die zynischer, also realistischer? Oder behalten die ihre Illusionen dergestalt, dass Biden besser als Trump sei?
Die Autoren des erwähnten Textes sprechen von Relevanz durch Realitätsimitation – die realistische Politikfiktion sei echter als echt. Diese Serien sind also „besser“ als die bloße Imitation des Politischen wie in Talkshows. Aber: Politik wird vor allem als politics gezeigt, als dynamischer Prozess, in dem Akteure (vor allem die Protagonisten) in Machtbeziehungen versuchen, ihre Interessen durchzusetzen und auszuhandeln „who gets what, when, how“. Die verfolgten Ziele (policies) bleiben dabei in der Regel vage und Vehikel für die dramaturgisch interessanteren politics.

Das ist ein starkes Argument, wenn man sinniert, was die Protagonisten etwas in „House of Cards“ politisch durchsetzen wollen. Die Ziele sind ungefähr so, als hätten sich Greta und die Jungliberalen zusammengetan, um den Kapitalismus zu erklären. Ein Klischee reiht sich ans andere: Von NGOs und ihrer fragwürdigen „Entwicklungshilfe“ bis zum Dalai Lama, der positiv und plakativ auftaucht und den unpolitischen und pseudofeministischen Mittelschichts-Tussen von Pussy Riot, die natürlich von der Präsidenten-Mischpoke hofiert werden. So stellt sich Hillary Clinton den modernen Kapitalismus vor. Die Armen brauchen mehr Geld usw. – eine Robinhoodisierung der Systemfrage, wie sie hier auch die „Linke“ betreibt: den Reichen nehmen und denen da unten geben. Machiavelli für Kinder eben.
Mich amüsiert, dass in „House of Cards“ die „Volksmassen“, in deren Namen agiert und Politik gemacht wird, nur als dumpfer Pöbel auftaucht, der sich beliebig manipulieren lässt – für jeden Zweck. Das müsste sich hier jemand trauen: Parteitage nur als Kulisse, was sie sind, darzustellen, und oben drüber groß das Motto: „Inhalte überwinden“. Das würden die öffentlich-rechtlichen Anstalten nie zulassen. Wo bliebe der volkserzieherische Auftrag?
Die US-Amerikaner sind offenbar künstlerisch weiter. Als marxistisch geschulter Zyniker werde ich natürlich jetzt erst recht neugierig. Was sagt es über den Stand der Klassenkämpfe aus, wenn die Mittelklasse, für die solche Serien gemacht sind, mit bloßem Entertainment à la Förster vom Silberwald nicht mehr zufriedengestellt werden kann? Mittelklasse deshalb, weil die gesamte Ikonografie inklusive der Kostüme passt wie das kleine Schwarze auf den Hintern eines Mädels aus der Werbebranche. Alle Frauen tragen immerzu Stöckelschuhe, alle sind, auch wenn sie fluchen, höflich. Ich hörte gefühlt eine Milliarde Mal „thank you“. Das wird nie, nie vergessen. In Wahrheit fällt niemand aus der Rolle, sogar beim Morden. Natürlich sagt in „House of Cards“ niemand nigger. Und, was unbedingt im Sinne der political correctness sein muss: Eine Weiße hat sogar Sex mit einem Schwarzen. Man vergewissert sich gegenseitig – Filmemacher und Publikum -, dass man das nicht als Skandal sieht. Donald Trump würde nicht hineinpassen: Der missachtet zwar nicht die Regeln der herrschenden Klasse, aber die Verhaltenskodices und den unausgesprochenen common sense, was vermutlich einer der Gründe der unteren Klassen ist, ihn zu wählen. Die tun das bekanntlich auch nicht.

Polit-Serien tragen so zur Reproduktion eines liberalen und instrumentalistischen Bilds von Politik bei, wenn man die Forschung zum Einfluss popkultureller Darstellungen auf politische Einstellungen betrachtet. Damit fügen sich Polit-Serien, wie auch die Politikwissenschaft, in ein Politikverständnis, das antipolitischen Ressentiments Vorschub leisten kann.
Jetzt eine Gegenrede. Mir fehlt das Thema Charaktermaske. Das politische Geschehen ist zu sehr das Ergebnis dessen, was die „Spieler“ wollen und ihrer Interaktion. Der Illusion entsteht, dass man nur „gute“, womöglich ehrliche Politgestalten brauchte, um etwas zu ändern. In „House of Cards“ bestimmt das Bewusstein das Sein und nicht umgekehrt. Alle sind immer so, wie sie immer waren, schwere oder leichte Kindheit, je nachdem. Spannend wäre zu erfahren, ob jemand, der „von unten“ käme, sich anpasste(n) (müsste) oder nicht.
Mich lässt die Serie irgendwie kopfkratzend zurück: Müsste die Linke (nicht die Partei) so machtversessen, intrigant, zynisch und korrupt sein, um an der Macht bleiben zu können? Sollte sie das moralische Gesülze (Frieden! Keine Kriege!) einfach lassen, weil man die Herrschenden nur mit deren eigenen Mitteln schlagen kann? Man müsste Lenin fragen.
Oder wir warten, bis endlich Im Namen des Volkes mit englischen Untertiteln bei Netflix oder Amazon gestreamt wird. Ich fürchte, das wird nicht geschehen.
Im Wald, die Räuber

Source: Uwe Danker: Räuberbanden im Alten Reich um 1700, 2 Bände. Ich bin schon nach den ersten 30 Seiten ganz begeistert…
Nehmt dies, Clans in Neukölln!
„Die Geschichte des Räubertums ist daher ebenso eine Sittengeschichte des des Bürgertums, wie eine Sittengeschichte der Polizei.“ (Friedrich Avé-Lallemant: Das Deutsche Gaunerthum. Leipzig, 1862)
Tsundoku
Ich hätte geschworen, dass wir das Thema hier schon hatten. Wieder ein neues Wort gelernt, dieses Mal aus dem Japanischen: Tsundoku – „The art of buying books and never reading them“. Halt! Ich lese die irgendwann alle, getreu der Definition: „Der Begriff wird allerdings auch verwendet, um auf Bücher zu verweisen, die später gelesen werden sollen, wenn sie sich in einem Bücherregal befinden.“ Oder auf einem Schreibtisch.
Diese Unart (komisches Wort! Ist es eine?) rührt bei mir daher, dass ich immer viele Bücher gleichzeitig lese, meistens Sachbücher, weil ich selten gute Belletristik in die Finger kriege – das letzte Mal vor mehr als einem Jahr. (Christian Baron ist auch gut, aber eher ein Sachbuch.)
Zur Zeit habe ich mich bei Slatin festgelesen, obwohl ich das nach den ersten 50 Seiten nicht erwartet hätte: Schlecht geschrieben, keine Dramaturgie, eher wie ein mehrere hundert Seiten langer und chronologischer Schulaufsatz über das aufregendste Ferienerlebnis. Aber der Plot! Man taucht in eine völlig andere Welt ein. Die Geschehnisse könnten auch von Karl May oder John Norman sein. Man glaubt kaum, dass es sich um eine gar nicht so entfernte Vergangenheit handelt. Sogar aktuelle Konflikte verstehe ich jetzt besser.
By the way: Omama kann man vergessen – das Buch hat mich nicht berührt, und ich habe es nach 50 Seiten Lektüre unter dem Buchstaben E ins Regal gestellt.
三體 / 三体
Neu in meiner Bibliothek: Cixun Lius Die drei Sonnen. Das ist der erste Band einer Triologie; immerhin neun Jahre nach dem Erscheinen auch in Deutsch verfügbar.
Ich bin gespannt, ob sich das lohnt. Wer mit Stanislaw Lem und Wolfgang Jeschke groß geworden ist, ist sehr anspruchsvoll, was die literarische Version einer gedachten Zukunft angeht.
Interessant: Die Eltern des Autors war einfache Bergleute; Liu Cixin arbeitete als Computertechniker in einem Kraftwerk. Ich erwarte also keinen esoterischen Fantasy-Bullshit.
Nationalökonomische Gründe
Aus Rudolf Carl Slatin: Feuer und Schwert im Sudan: Meine Kämpfe mit den Derwischen, Meine Gefangenschaft und Flucht, 1879-1895, Leipzig 1896. Slatin (Slatin Pascha) war ein österreichischer, ägyptischer und britischer Offizier, Forschungsreisender, ägyptischer Gouverneur der Großprovinz Darfur im Türkisch-Ägyptischen Sudan und Generalinspektor im Anglo-Ägyptischen Sudan.
Profeminismus, reloaded
Ich habe einen Artikel vom 10.03.2013 auf meinem Blog gefunden, bei dem keine Links mehr funktionierten. Da ich das Thema für das Relaunch meiner Website brauchte, hier eine aktualisierte Version. (Die alte Version werde ich löschen.)
Männer sind manchmal lustig, vor allem dann, wenn sie linksradikale Politik machen wollen. Aber jetzt haut uns doch eine Meldung vom Hocker, die alle News der montäglichen Pflichtlektüre „Spiegel“, Heise-Newsticker und „Telepolis“ toppt. „Der profeministische Männerrundbrief gibt auf“ – liest man bei Indymedia. Obwohl ich gar nicht wusste, das es so etwas gibt, stimmt mich das traurig. Als wenn der Kanarienvogel der Nachbarin gestorben wäre – man hatte kein persönliches Verhältnis zu ihm, aber es gehört sich einfach nicht, dass man „Hurra“ vom Balkon ruft. Nicht nur diese ominöse Publikation (das Internet weiß alles: „Zum Verschwinden der antisexistischen Männergruppenszene„) ist verschwunden, sondern mit ihm auch die „profeministischen Männergruppenszene“.
Da war doch noch was! Vor knapp zwanzig 35 Jahren! Aus dem Nebel der Vergangenheit taucht eine Gruppe Kreuzberger Männer auf, die gerne Lederjacken und Palästinensertücher trugen, stilsicher in WGs wohnten, keine Demo ausließen und den Zustand der Welt als persönliche Beleidigung ansahen. Und da die Frauen gerade etwas anderes vorhatten, sich zum Beispiel in Frauengruppen versammelten, machten wir das auch. Und irgendjemand rief, der Titel einer Zeitschrift, die so eine Art linksradikales Männer-Pendant zur EMMA sein wollte, könnte nur „HerrMann“ heissen! Wir wollen jetzt aber nicht alte Geschichten aufwärmen, was alte Männer gern tun…
Was wollten wir eigentlich? Und warum erinnert sich heute niemand mehr daran? Unsere Klientel war fast wie wir: Männer, die politisch arbeiten und sich nicht von den die damaligen Männergruppen dominierenden Therapie-Fuzzys einlullen lassen. Merkwürdige Gestalten liefen dort herum und wollten den Männern die MRT (Männer Radikale Therapie oder so ähnlich) aufschwatzen, als sei der Mensch wie ein Brottaig, den man per Psychoknete formen könnte. Die Psychos waren in den USA gewesen und hatten sich von der dortigen ziemlich reaktionären und antifeministischen „Männerbewegung“ was abgucken wollten. („Wild Men“ und Konsorten, alles privilegierte White Anglosaxon Protestants). Die Theorie, die dahinter stand, war die, das alles therapierbar sei – wie die Amis eben so drauf sind. Damit wäre die Gender-Frage entpolitisiert gewesen. Und deshalb wurde der „HerrMann“ nach einem Dutzend Ausgaben eingestellt: Die Männergruppen-Szene dominierten immer mehr die, die nur noch einen Arbeitsplatz als „Männertherapeut“ ergattern wollten. Wir hatten mit dieser Einschätzung Recht. Der Beweis: die Therapie-Fuzzys unterschlagen uns in ihrer Geschichtsschreibung der Männergruppen einfach, als hätte es den „HerrMann“ nie gegeben – obwohl wir die Avantgarde waren! Das musste mal gesagt werden. Und einige von den Psychos sind dann bei der Astrologie gelandet – aber wir wollen alte Geschichten und Kaderakten nicht aufwärmen…
Männergruppen waren die Stammtische der Neuen Mittelschichten. Wenn der damals sich linksradikal gerierende Mann seine Homophobie abgebaut hatte und unter sich war, dann feierte wie alle Männer: Er zog sich Frauenklamotten an, schlug sich auf die Schenkel und und lachte sich tot. Ruhe sanft, kann man nur sagen. Und da sich alles in der Geschichte wiederholt, aber als Farce, wie Karl Marx schon wusste, gibt es immer noch „Männer-Forscher“ wie Walter Hollstein, die von damals übriggeblieben sind und jetzt die Welt mit ganz entzückenden Statements quälen: „Die Frauen haben in den letzten 200 Jahren eine enorme Entwicklung durchgemacht. Sie haben schwer daran gearbeitet.“ So etwas hört man in Volkshochschulen und bei „Fachtagungen“ des evangelischen Frauenvereins in Hinterkleckersdorf zur Genderfrage gern.
Was lehrt uns das alles? Gar nichts. Man drückt sich wie Robert de Niro in „Es war einmal in Amerika“ eine Träne über vergangene Zeiten aus den Augen und freut sich, dass die alten Freunde noch da sind, wenn man sie braucht. Ach ja, und die Frauen – um die ging es ja. Das hatte ich vor lauter Sentimentalität glatt vergessen… Feminismus – was war das noch mal gleich?
Damengambit
Vielleicht etwas für passionierte Schachspieler (zu denen ich mich zähle): The Queen’s Gambit (Damengambit) auf Netflix, nach dem Roman von Walter Tevis (ich wusste gar nicht, dass „bildungsroman“ ins Englische übernommen wurde, har har).
Das Thema: Schach, vor allem mit sich selbst, kann in den Wahnsinn treiben oder an dessen Rand, hat Stefan Zweig mit seiner Schachnovelle ultimativ behandelt. Man sollte vermuten, dass alles Nachfolgende nur ein schlechter Abklatsch sein könnte oder die Vorlage misshandeln muss (wie bei „Polaris“). Der Film versucht das zu umgehen, indem die zentrale Figur von einer jungen Frau gespielt wird. Das geht nur deshalb nicht schief, weil die Hauptdarstellin Anya Taylor-Joy wandlungsfähig wie ein Chamäleon ist und durch ihre Präsenz alle Mitspieler in den Schatten stellt. Allein ihre Blicke reichen aus, um eine ganze Geschichte zu erzählen.
Die Süddeutsche meint: In „Das Damengambit“ geht es Anya Taylor-Joy als Schachgenie ums Gewinnen und um andere Suchtmittel. Selbst wer mit Schach nichts anfangen kann, wird diese Serie mögen. Ich meine: Nur die. Schachspieler, die mehr wissen als der normale Laie, bekommen nicht viel Schachliches geboten, obwohl es um nichts anderes geht, da man natürlich dem Publikum nicht zumuten kann, etwa eine zweistündige Meisterpartie zu verfolgen. Deswegen spielen alle rasend schnell wie im Blitzschach, was dazu führt, dass man die Stellungen weder versteht noch erkennen noch analysieren kann. Das wahre Thema handelt von „Obsession“, wie Vulture es formuliert: „Anya Taylor-Joy Is Addicted to Chess, Drugs, and More Chess“. Und den Preis, den man dafür zahlt, ein Genie zu sein.
Die Story könnte die von Paul Murphy sein, mit Einsprengseln von Bobby Fischer (ich habe die Serie noch nicht bis zum Schluss angesehen und weiß nicht, wie es ausgeht, aber ich kann es ahnen). Historisch gesehen ist der Plot, der in den 60-er Jahren in den USA spielt, politisch korrekter Blödsinn: Die erste Schachgroßmeistern war Nona Gaprindaschwili 1978. Noch heute findet man viel weniger Frauen in der obersten Elo-Liga als Männer. Zum Glück wird man nicht von feministischen Plattituden belästigt. Die Heldin Beth weiß, was sie kann, und fegt die Männer reihenweise vom Brett.
Meine bisherige Lieblingszene: Beth ist schon bekannt und alle wissen, wie gut sie ist. Bei einem Turnier geht sie zu dem ihr zugewiesenen Platz, wo schon ein jüngerer Mann gedankenversunken wartet, der, als er sieht, dass er gegen Beth spielen muss, erbleicht und laut shit! ruft.
Ich spiele Schach, seitdem ich acht oder neun war, mit meinem Vater, der aber von Theorie nichts wusste. Als ich zum ersten Mal allein in den Urlaub fahren durfte, mit 16, ins Kleine Walsertal, weil ich da schon mit meinen Großeltern gewesen war, wusste ich nicht so recht, was ich mit mir selbst anstellen sollte und kaufte mir dort ein Reiseschachspiel und ein Lehrbuch über Schacheröffnungen, eine Übersetzung aus dem Russischen, und lernte es so gut wie auswendig. Ich weiß nicht mehr, was damals in mich gefahren war. (In der letzten Woche hatte ich dann zum ersten Mail ein Techtelmechtel mit einem bildhübschen Mädel und keine Lust mehr auf Schach.) Seit der Lektüre dieses Buches spiele ich auf Vereinsniveau, und Laienspieler haben nicht den Hauch einer Chance.
Im „The Queen’s Gambit“ kommt zu Beginn oft die Sizilianische Verteidigung vor, die ich so gut wie nie nutze und die mich nervt, wenn ich mit den weißen Steinen spiele. Irgendwie mag ich es nicht, wenn man mir beim Kampf ausweicht – ich spiele immer e2-e4 und erwarte den gegnerischen Bauern dann auf e5. Heute morgen haben ich in meinen Schachbüchern geblättert und mir vorgekommen, meine Kenntnisse über „den Sizilianer“ aufzufrischen. Der Film scheint also auch – bei mir jedenfalls – ein bildungsfilm zu sein.
Sexiest Man of the Century
Der ältere Sean Connery war immer mein Lieblingsschauspieler. (Nein, Zardoz habe ich nie gesehen, und das muss ich auch nicht nachholen).
Ich weiß gar nicht, wieviele DVDs mit Filmen ich hier habe, in denen er mitspielt (alle Links gehen zu Amazon): Outland – einer meiner Lieblingsfilme, natürlich Der Name der Rose
und Jagd auf Roter Oktober
und Die Wiege der Sonne
. Die 007-Reihe hat nie Eindruck auf mich gemacht, ich kann mich auch nicht erinnern, ob die die Filme überhaupt gesehen habe.
Wenn er auf der Szene erschien, machte seine körperliche Präsenz alle anderen kleiner, ähnlich wie bei Lino Ventura. Eine Frage der Attitude – so etwas kann man vermutlich im Schauspielunterricht nicht lernen.
Schade, dass er schon gestorben ist. Filme mit ihm hätte ich sogar angesehen, wenn er mit dem Rollator erschienen wäre.
Nimm dies, Erdogan!
Das morgige Titelblatt von Charlie Hebdo. Ich gehe davon aus, dass sich so etwas hierzulande noch nicht einmal die Titanic trauen würde.
Arminius turbator Germaniae
M(arco) Caelio T(iti) f(ilio) Lem(onia tribu) Bon(onia)
[I] o(rdini) leg(ionis) XIIX ann(orum) LIII s(emissis)
[ce]cidit bello Variano ossa
[i]nferre licebit P(ublius) Caelius T(iti) f(ilius)
Lem(onia tribu) frater fecit
„Barbaren“ auf Netflix ist eine Seifenoper in pseudohistorischen Kostümen und (für mich) nicht sehr spannend. Sechs Folgen à 50 Minuten. „Gucken Sie das bloß nicht“ sage ich jedoch nicht. Ich habe immer gern Historien-Schinken konsumiert, wenn sie nicht allzu albern waren.
Das ist kein Vorwurf an die Macher Barbara Eder und Steve Saint Leger. Niemand hat behauptet, dass es sich um ein Dokumentarfilm handele, genausowenig wie Pearl Habor einer ist. Fantasy ist es aber auch nicht – es fehlen die Drachen und die Quoten-NegerAfrogermanen, die man heutzutage bei Massenware erwarten muss. Sex habe ich bisher nicht viel gesehen, auch kein Lotterleben der Römer.
Gewalt: Klar, das macht den Reiz aus, aber wirklich grausam ist „Barbaren“ nicht, sondern eher kindertauglich. Gut, ein bisschen weniger kindertauglicher als die Schlägereien von Bud Spencer, eher in Richtung 300, wo man zwar Blut spritzen sieht, aber keine Eingeweide.

Arminius turbator Germaniae, Segestes parari rebellionem saepe alias et supremo convivio, post quod in arma itum, aperuit suasitque Varo, ut se et Arminium et ceteros proceres vinciret: nihil ausuram plebem principibus amotis; atque ipsi tempus fore, quo crimina et innoxios discerneret.
Die gute Nachricht: Das Thema – der Krieg der Römer gegen die „Germanen und die so genannte Varusschlacht ist spannend, leider aber schon historisch vergiftet, weil durch den deutschen Nationalismus in der Geschichte bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Andererseits gibt es kaum verlässliche und authentische Quellen. Tacitus schrieb seine Annalen ein Jahrhundert nach den Ereignissen, sein Werk ist so historisch „korrekt“, als schilderte ich ich Ersten Weltkrieg und hätte nur den Großen Brockhaus und Ernst Jünger als Quellen.
Alle Rezensenten erwähnen selbstredend, dass die Römer in „Barbaren“ Lateinisch mit starkem italienischen Akzent sprechen. Warum sprechen aber die „Germanen“ dann nicht Althochdeutsch? Einer der Autoren sagt: „Wir wollten so verstärken, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer die germanischen Stämme, und nicht — wie sonst — die Römer sympathischer finden. Das ist ein klares Alleinstellungsmerkmal der Show. Wir möchten die Geschichte aus Sicht der „Barbaren“ erzählen — deshalb heißt die Serie ja auch so.“
Das ist natürlich Quatsch. Die Sprache der Darsteller klingt wie eine Mischung aus Schulhofdeutsch und manchmal Österreichisch, man erwartet fast schon Pseudo-Jugendsprache wie „klar, Alter!“ oder „Voll krass die Römer!“ (Ich glaube nicht, dass die Cherusker an Wort „Arschloch“ kannten.) Die FAZ stellt zu Recht fest: „Wer „Vikings“ oder „Game of Thrones“ schätzt, wird sich hier nicht fremd fühlen, aber wohl über die schlichte Dramaturgie und die noch viel schlichteren Dialoge seufzen.“

Arminium super insitam violentiam rapta uxor, subiectus servitio uxoris uterus vaecordem agebant; volitabatque per Cheruscos arma in Segestem, arma in Caesarem poscens.
Ich halte es ohnehin für unmöglich, einen Film zu machen, der das römische Weltreich oder die tribalistische organisierten Bauernn und die Warlords der „Germanen“ auch nur annähernd authentisch beschreibt – bis auf die Kleidung. Immerhin sind die Netflix-Germanen nicht immer ungekämmte Langhaarige wie in den meisten Filmen, was historisch nicht korrekt ist, sondern man sieht sogar manchmal den Suebenknoten. Bis jetzt wurde ich auch nicht mit Rasta-Look oder lächerliche Hipster-Seitenscheitel-Rasuren wie in „Vikings“ gequält. Aber darauf kommt es nicht wirklich an. Man sollte nicht vergessen, dass alle Reaktionen, Gefühle, Ideen historisch gewachsen sind, über Jahrhunderte. Den „Gefühlshaushalt“ eines Menschen in „Germanien“ vor zwei Jahrtausenden kann man nicht nachvollziehen. Es fehlte zum Beispiel jegliche Affektkontrolle im heutigen Sinn. Über die Motive des Handelns sollte man daher nicht spekulieren. Die „psychologischen“ Gründe des Arminius, wie sie „Barbaren“ konstruiert, sind schlicht Fantasy.
Die Figur des Segestes finde ich am Interessantesten. Mich wundert nicht, dass er der „Bösewicht“ spielen muss, mit dem man sich nicht identifiziert. Vermutlich ist das aber grundfalsch – als erklärte man den Hagen von Tronje im Nibelungenlied zum bad guy. Das ist er auch nicht, sondern genau das Gegenteil – die damalige Moral der herrschenden Feudalklasse zum Maßstab genommen. Segestes war vermutlich ein Opportunist, der aber die Situation mit klarem Verstand sah (wenn man sich das Ergebnis seines Tuns ansieht) und der demgemäß – zu seinem eigenen Vorteil natürlich – handelte. Ich sehe eher wie Hegel im Römischen Weltreich den Weltgeist, also den „Fortschritt“, ungeachtet der unstrittigen Tatsache, dass die römischen Legionen in Germanien permanent Massen- und Völkermord begingen. Die Germanen hätten das auch getan, hätten sie die technischen Mittel dazu gehabt.
Segestes ist ein Vertreter der sich formenden herrschenden Klasse der ursprünglichen germanischen Stammesgesellschaft. Die Konflikte, die sich daraus ergeben, sind spannend. Was wäre aus den Germanen geworden, wenn die Römer das Land bis zur Elbe besetzt hätten? Wären öffentliche Bäder und Fußbodenheizungen, die es zur damaligen Zeit schon im heutigen Syrien gab, zum Standard geworden? Oder umgekehrt? Wenn die Römer Germanien gar nicht interessiert hätte?
Ach, jetzt habe ich die Frauen vergessen. Ich bin aber ein Kerl und kann mich mit Frauen in Filmen ohnehin nicht identifizieren.






































