Mahom schmort im Inferno

Meine Ausgabe ist aus dem Jahr 1962.
Ich muss zunächst die humanistisch gebildeten Leserinnen und die am literarischen Bildungskanon feilenden Leser mit einer kurzen Passage aus Dante Alighieris Divina Commedia (28. Gesang, 9. Kreis der Hölle) aus dem 14. Jh. quälen:
„Der, wie verstümmelt: nicht wär’s zu vergleichen
Mit dieses neunten Schlundes Weis’ und Art.
Ein Faß, von welchem Reif’ und Dauben weichen,
Ist nicht durchlöchert, wie hier Einer ging.
Durchhau’n vom Kinn bis zu Gesäß und Weichen,
Dem zwischen beiden Beinen abwärts hing[
Das Eingeweide, bis wo sich die Speise
Wandelt in Koth, und offen das Geschling.
Ich schaut’ ihn an und er mich gleicher Weise,
Dann riß er mit der Hand die Brust sich auf,
Und sprach zu mir: „Sieh, wie ich mich zerreiße.
Sieh hier das Ziel von Mahoms Lebenslauf!
Vor mir geht Ali, das Gesicht gespalten
Vom Kinn bis zu dem Scheitelhaar hinauf.
Sieh Alle, die, da sie auf Erden wallten,
Dort Ärgernis und Trennung ausgesät,
Zerfetzt hier unten ihren Lohn erhalten.
Ein wilder Teufel, der dort hinten steht,
Er ist’s, der Jeglichen zerreißt und schändet
Mit scharfem Schwert, der dort vorübergeht,
Wenn wir den wehevollen Kreis vollendet;
Denn jede Wunde heilt, wie weit sie klafft,
Eh’ unser Lauf zu ihm zurück sich wendet.
Doch wer bist du, der dort hernieder gafft?“
Der Anlass wird sich mittlerweile herumgesprochen haben und wird in den bürgerlichen Medien, ihren Helfershelfern und bei den ganz kackbraunen Kameraden innig breitgetreten. Alle schreiben vom Figaro ab (natürlich ohne ihn zu verlinken): „La nouvelle traduction néerlandaise de L’Enfer de Dante a été amputée de sa référence au prophète Mahomet afin de «ne pas blesser inutilement».“
In einer niederländischen Ausgabe der „Göttlichen Kömodie“ wurde Mohammed, der bei Dante Alighieri in der Hölle schmort, weggelassen, um nicht „unnötig zu verletzen“. Der Historiker Christophe de Voogd hat dazu ein Interviev gegeben. Sogar in osteuropäischen Medien wird dazu diskutiert. Zuvor hatte es in den USA schon Shakespeare und Homer getroffen, also, zusammen mit Dante, die drei wichtigsten und einflussreichsten Autoren der Weltgeschichte.
Das alles wäre lustig, wenn man nicht wüsste, dass die es ernst meinen, auch hierzulande. Irgendwann werden die Nachgeborenen am besten gar nichts mehr lernen, und auch die Euklidische Mathematik ist sicher, wenn man genau hinsieht, ein Beweis für „white supremacy“. Dreiecke wurden ohnehin überschätzt. Und fußte die griechische Antike nicht auf Knabenliebe und Sklaverei? Weg damit. Muss man alles weder kennen noch wissen. (Ich sehe es schon kommen: Irgendwann bleibt burks.de das einzige Medium, das mit wissenschaftlichem Anspruch über die Antike und den Feudalismus publiziert.)
Hinter der heißen Luft, die gerade umherwabert, steht die Entscheidung eines Verlegers, der sich in vorauseilendem Gehorsam bei den Muselmanen und deren albernen „Gefühlen“ nicht unbeliebt machen wollte. Eine Kombination aus Angst und Feigheit? Genau das, und eigentlich typisch deutsch. Es verwundert eher, dass die Niederländer ebenso infiziert sind. Angst und Feigheit sind auch die Gründe, warum deutsche Verlage – und insbesondere die, die auf ein gefühlt „linkes“ Publikum hoffen – damit begonnen haben, neue Bücher mit Gendersprache zu verunzieren, sogar Übersetzungen aus Sprachen, bei denen das gar nicht möglich ist, ohne das betreffende Werk für potenzielle Käufer mit Warnhinweisen zu versehen. Wir werden damit zwangsbeglückt, ohne dass jemand vorher fragt.
Interessant finde ich, dass die hiesigen „linken“ und linksliberalen Medien das Thema fast ausnahmslos totschweigen oder sich seiner erst annehmen, wenn es auffiele, nichts zu sagen. Die taz hatte vor langer Zeit einen schröcklich gelahrten Artikel über die unstrittige Tatsache, dass der Universalgelehrte Dante sich kräftig bei arabischen Quellen und Vorbildern bedient hat, ohne die das Nationalepos Italiens gar nicht denkbar wäre. „Die religiösen Legenden der Muslime müssen in den Allgemeinbestand der literarischen Kultur eingegangen sein, der den hellsten Köpfen im Europa des 13. Jahrhunderts zugänglich war.“ Das ist heute natürlich nicht mehr so, und soll, wenn es nach unseren kulturellen Appeasement-Politikerstimmritzenverschlusslautinnen ginge, sogar noch getilgt werden. Wenn Muslime dämlich sind und ihre eigene Tradition ignorieren, muss man das angeblich akzeptieren.
Witzig und bezeichnend finde ich, dass die deutsche Hochsprache durch die Lutherbibel maßgeblich entstanden ist, also durch ein frommes Buch, das Italienische aber durch eine Komödie, die zwar auch fromm ist, aber doch auch das Lachen ermöglicht. Der Islam wird erst dann tolerant werden, wenn die Gläubigen und die Ungläubigen über Mohammed lachen dürfen.
Keizersvrouwen

Keizersvrouwen (Women of the Night) ist eine niederländische Krimi-Serie auf Netflix. Man weiß zwei Dinge vorab: es geht um Sex, Edel-Prostitution, Drogen, Gangster – das Übliche eben. Und: Die Serie ist natürlich intelligenter als alles Vergleichbare aus den USA. (Kein deutscher Wikipedia-Eintrag, keine Rezensionen in den Mainstream-Medien bisher, obwohl 2019 gedreht – auch das ist normalerweise eine Empfehlung.)
Ich bin nach den ersten sechs Folgen überaus angetan. Das liegt nicht nur daran, dass – wie der Plot selbstredend verlangt – zahlreiche hübsche Weiber in jeder Lage zu sehen sind, was aber den zynischen heterosexuellen männlichen Zuschauer schnell langweilen würde. Nein, die Hauptdarstellerin Karin Smulders spielt einfach herausragend gut. Man merkt, dass sie vom Theater kommt und etwas kann. Dass sie außerdem bildschön ist und so aussieht wie eine Mischung aus Catherine Deneuve und Keira Knightley, verstärkt das ästhetische Vergnügen. Die Rolle als beherrschte kühle Blonde passt natürlich perfekt zu Smulders und zum Plot, aber sie hat auch schon als Hedda Gabler überzeugt.
Ein Resenzent behauptet, die Serie solle vor allem Frauen anziehen. Das sehe ich anders. Richtig ist, dass Keizersvrouwen vor allem von den starken Darstellerinnen lebt und die Männer eher Luschen sind (die, wenn der Film aus Deutschland käme, vermutlich Gendersternchen benutzten). Die „harten Jungs“ heißen „Raschid“ oder so ähnlich. Man weiß also auch, welche Visagen und welche Attitude man zu sehen bekommt.
Ein Escort-Service ist natürlich etwas anderes als der Straßenstrich mit Zuhältern. Aber auch hier finde ich die Serie spannend, da die Motivlage der Frauen, ihren Körper an reiche Kerle zu verkaufen, ganz unterschiedlich ist und – soweit ich das beurteilen kann – realistisch dargestellt wird – mit allen Komplikationen für ihr Privatleben. (Ich war mal mit einer Frau zusammen, die das auch gemacht hat – so ganz ahnungslos bin ich also nicht beim Thema.)
Ja, auch Frauen können überzeugend den Gangster-Boss spielen (oder heißt das Bössin?), hier Sylvia Keizer (Hilde von Mieghem), die Mutter der Hauptdarstellerin. Wenn deren Namen in einer Kneipe erwähnt wird, zucken die Araber-Jungs mit ihren Knarren zurück. Man muss nicht erklären, wie sie so etwas geworden ist – das wird bei den Männern auch nie getan, außer, wenn diese den „sozialen Aufstieg“ mit Goldkettchen und schicken Autos mit den Methoden von Mike Tyson geschafft haben. Man muss nur die richtigen Leute am richtigen Ort zur richtigen Zeit kennen, etwas zu bieten haben und gut bluffen können.
Mein Urteil: Empfehlenswert. Man muss den auf Niederländisch mit Untertiteln ansehen – irgendwann versteht dann man dann etwas.

Nimm dies, Winnetou! [Update]
„Hinterfragen“ – ein Wort, das „aus dem Anus der deutschen Sprache ausgeschieden“ wurde (Wolf Schneider: Deutsch für Profis). Fehlenden Kommata lassen wir außer acht.
[Update] Wir lesen dazu aus der Rubrik „Unterhaltung“: War Beethoven ein Neger? Beethoven was black.
Schaffen wir das

Aus „Borgen„, 3. Staffel. Ich finde es lustig, wie das Drehbuch versucht, immer schön politisch korrekt zu sein, wie auch die Partei der Hautdarstellerin so agiert, wie sich Mädchen, die was mit Tieren und Klima machen wollen, Politik vorstellen. Es geht hier um „Integration“, was immer das sein soll, und man sucht eine Frau, die was Nettes dazu sagt, und diese, die eine Pakistani spielt, passt nicht.
Ligna in silvam oder: Vandalisierung des Internets
Die Leserschaft möge mir verzeihen, dass ich offene Türen einrenne, mit dem eigenen Samowar nach Tula fahre, Eulen nach Athen trage und etwas aufwärme, das schon einige Jahre alt ist, aber offenbar noch immer aktuell – den Rechtsstreit des US-amerikanischen Project Gutenberg Literary Archive Foundation mit dem deutschen S. Fischer Verlag. Heise schrieb 2018:
Dem beigelegten Urteil des Landgerichts Frankfurt am Main (AZ: 2-03 O 494/14) zufolge hat das Portal die Rechte des S. Fischer Verlags verletzt, als digitalisierte Werke Heinrich Manns, Thomas Manns und Alfred Döblin online gestellt wurden. Als Konsequenz hat Gutenberg.org nicht etwa die beanstandeten Werke offline genommen, sondern ausnahmslos alle Seiten und Unterseiten für Nutzer mit einer deutschen IP gesperrt.
Der Verlag hatte offenbar neuländisch argumentiert, mittels Geoblocking sei es den Machern möglich, deutsche Nutzer daran zu hindern, hierzulande urheberrechtlich geschützte Werke herunterzuladen.
Ach ja? Ist es das? Die damaligen Kommentare bei Heise sprechen für sich. Das mag das Publikum daran erinnern, dass das deutsche Urheberrecht – und nicht nur das – kapitalistischen Ursprungs ist und in dieser Form abgeschafft gehört. Urheberrechte künstlerischer Art sollten nicht vererbt oder verkauft werden können. Fordert das eine Partei in Deutschland? (Nein, die Piraten sind nicht wählbar aus vielen Gründen, unter anderem wegen ihrer Positionen zu „Migration“, was für die offenbar wichtiger ist als Ökonomie. Wer „Ausdehnung der Eierkennzeichnung auch auf verarbeitete Eiprodukte“ in einem Parteiprogramm (!) hat und über „Arbeitnehmer“ und „Staatstrojaner“ faselt, hat einen an der Waffel. Just saying.)
Ich
frischte gerade meine (nur rudimentär vorhandenen) Kenntnisse über die Vandalen auf, die – das war der Anlass – die römische Stadt Timgad (Thamugadi) im heutigen Algerien im 5. nachchristlichen Jahrhundert zerstört hatten. Eine wichtige Quelle zu diesem Ereignis ist Prokopius von Caesarea. Seine „Geheimgeschichte“ (Historia Arcana) und andere Texte wie den über die Vandalenkriege gibt es digital beim Project Gutenberg.
Ich weiß nicht, ob die Anwälte des Verlags Tor kennen oder VPN. Vermutlich nicht. Aber das würde nichts ändern. Was den Juristenhirnen nicht passt, wird passend gemacht. Vielleicht würden sie versuchen, das Lesen bestimmter Werke für strafbar erklären zu lassen.
Der S. Fischer Verlag schreibt auf seiner Website „Autor*innen“. Man sollte ihn boykottieren. Ich würde, selbst wenn ich die Chance hätte, dort nichts veröffentlichen.
Igel, Katzen und Mangen
…ez waere tal ode berc,
alumbe an allen sîten
er wolt die stat erstrîten.
drîboc und mangen,
ebenhoeh ûf siulen langen,
igel, katzen, pfetraere,
swie vil ieslîches waere
ûf Gyburge schaden geworht,
daz het si doch ze mâze ervorht.
(Wolfram von Eschenbach: Willehalm, vor 1226, erste Erwähnung des Belagerungsgerätes Tribok/Blide (drîboc) (die Passage vorgelesen.)
Nominiere die wichtigsten drei Dichter in deutscher Sprache: Wolfram von Eschenbach, Thomas Mann und Bertolt Brecht.
On the bright side of the moon

Credits: art station|Kushagra tiwari, Montage: Burks
Russia And China Sign Deal To Build A Research Base On The Moon. (Russische Quelle, chinesische Quelle)
Großartig. Man müsste jetzt noch Stanislaw Lems „Die Jagd“ lesen, um sich mental darauf vorzubereiten.
Trierer Apokalypse
Ich freue mich schon auf die Lektüre der Trierer Apokalypse.
In der karolingischen Handschrift ist eine Illustration, die bis jetzt nicht im Internet verfügbar ist, die ein „modernes“ Pferdegeschirr zeigt – die älteste Darstellung des Kummets bei Pferden in Europa.
Das Bild ist einer der Beweise für die landwirtschaftliche Revolution (vgl. auch Dreifelderwirtschaft) im Frühfeudalismus. Das Pferd war gegenüber dem noch in der Antike genutzten Ochsen bei der Feldbestellung haushoch überlegen. Die alten Römer kannten zwar die Fußbodenheizung und den Beton, aber das Kummet und der schwere Pflug waren ihnen ein Rätsel. Nicht Könige und Kaiser machen die Geschichte, sondern Werkzeuge (Produktivkräfte, würde Marx sagen).
Der Imam ist es nie oder: Die Klassenfrage im „Tatort“

Beim Abendessen habe ich mir jeweils einen „Tatort“ per Laptop zu Gemüte geführt. Meine wenigen Vorlieben beschränken sich – inklusive Polizeiruf 110 – auf Dortmund (wegen Jörg Hartmann alias Peter Faber), Rostock (wegen Charly Hübner alias Alexander Bukow), Köln und Münster (eigene Kategorie).
Wenn man die Websites der Anstalten öffnet, schwappen einem, neben unsäglichem Quatsch in großer Anzahl, jede Menge Krimis entgegen. Man soll nachzählen, wieviele Tote es fiktiv täglich gibt – mehr als in der Realität auf jeden Fall. Offenbar will das Publikum so etwas.
Kriminalfilme sind pure Pädagogik, also gut gemeint. Das Böse darf nicht siegen. Zum Klassenkampf darf auch nicht aufgerufen werden, zu allem anderen schon. Der Krimi stellt auch nicht die Systemfrage, zumindest nicht im deutschen Fernsehen, weil man sich dann Gedanken machen müsste, was nach dem Kapitalismus kommen könnte. Der Rahmen des Plots ist also eng und vorgegeben.
Ich war bei den beiden obigen „Tatorten“ jedoch überrascht, dass die Klassenfrage, wenn auch nur indirekt, unübersehbar durchschimmerte. Bei Borowski und das Glück der Anderen geht es um einen Mord „von unten nach oben“. Die Mittelschicht bringt sich also, was die Regel ist, nicht gegenseitig um, sondern jemand, der „die da unten“ verachtet und das auch ausspricht, kriegt seine gerechte Strafe muss daran glauben. Ein Rezensent macht daraus „Vorstadtfrust“. Ich sehe da mehr. Was, wenn alle plötzlich meinten, sie müssten jetzt ein Stück vom Kuchen abkriegen und ganz richtig merken, dass das mit Fleiß und Arbeit nicht zu schaffen ist in diesem System?
Der Dortmunder „Tatort“ Heile Welt ist noch besser, allerdings kommt am Schluss die von den Anstalten gewünschte Weltsicht und Moral mit dem Holzhammer. Nicht der Plot ist außergewöhnlich, sondern die Rolle der Kommissarin Anna Schudt alias Martina Bönisch, die plötzlich und unfreiwillig zwischen allen Fronten steht. Die Bilder erinnerten mich an eine hier schon erwähnte Seminararbeit während meines Studiums:

Was ist, wenn Riots und Randale ausbrechen und man mittendrin ist? Kann man etwas Vernünftiges tun? Werden diejenigen obsiegen, die auch das Richtige denken? Nein, werden sie nicht. Die Revolutionäre werden am Ende von denjenigen weggefegt, die im Hintergrund gewartet haben, wer gewinnt und sich dann auf die richtige Seite geschlagen haben. Die Revolution frisst immer ihre Kinder.
Ich kann mich erinnern, dass „meine“ K-Gruppe sich immer minutiös, strategisch, taktisch, inhaltlich auf studentische Vollversammlungen (wir sagten: VauVaus) vorbereitete, und immer stand dann jemand auf, meistens eine charismatische Frau, die vorgab, zu keiner Gruppe zu gehören, und die dann unter dem Jubel der Massen eine meistens von uns unerwünschte Richtung vorgab.
Ich glaube, der alte Friedrich Engels hat komplett recht. Wogt die Masse erst hin und her, kann man das kaum steuern.
Man müsste sich trauen, ein anarchisches Drehbuch zu verfassen. Im deutschen Fernsehen sind die Rollen mehr oder minder vorgeben, wenn auch nur im Entferntesten Einwanderer oder der Islam im Hintergrund lauern. Ein Imam darf reaktionär, streng, bekloppt sein, aber nie der Täter. Wenn das doch so wäre, gäbe es Randale. Und ich ginge dann solange, je nach Jahreszeit, paddeln oder Käsekuchen backen, und guckte mir viel später und vergnügt das Ergebnis an.

Sie sind schon drin
Screenshot aus Borgen, Staffel 1
Was soll man da machen? Vielleicht hätte eine CyberOnline-Durchsuchung geholfen? Dann hätte niemand etwas bemerkt….(Vorsicht! Ironie!)
Merke: Man muss den größten Stuss nur oft und lange genug wiederholen, bis ihn alle für wahr halten.
Kubistische Nackte und die Künstlerlinke [Update]
Großartige Bilder von Georgy Kurasov! Die würde ich alle bei mir aufhängen. Aber wieso muss ich erst Tor bemühen, um auf die österreichische Seite klassikmagazine.com zu gelangen? Haben die deutschen Jugendschützer die wieder zensiert bzw. bei Google angeschwärzt, weil die Jugend beim Anblick kubistischer Titten sittlich gefährdet wird?
Nun zu einem immer wieder beliebten Thema.
– Der Humanistische Pressedienst schreibt über „Allah und die Linke“. – „Der fatale Umgang der Linken mit dem Islam – aus Furcht, damit Rechten Zündstoff zu liefern, schweigt sie. Galt nicht Religionskritik spätestens mit Voltaire einmal als Selbstverständlichkeit?“
Nein, die aufklärerische Vernunft ist dem Rückzug. Dummerweise sind die, die der Text betrifft, völlig beratungsresistent.
[Update] Ein Kopftuchverbot ist zulässig.
– Die Taz lässt den Philosophen Robert Pfaller über „Pseudolinke“ zu Wort kommen:
„Statt Kinderbetreuungseinrichtungen bekamen wir das Binnen-I, statt Chancengleichheit bot man uns »diversity«, und anstelle von progressiver Unternehmensbesteuerung erhielten wir erweiterte Antidiskriminierungsrichtlinien. Das entspricht dem Grundprinzip neoliberaler Propaganda: Alle Ungleichheit beruht demnach lediglich auf Diskriminierung. (…) Denn die sogenannte Kulturlinke ist ja der Profiteur dieser neoliberalen Ideologie.“
Auch das wird niemanden interessieren, und die taz wird von ihrer Sternchen- und Doppelpunktsprache nicht lassen. Das Zentralorgan der Pseudolinken wird sich nicht ändern – es spiegelt die Ideologie der Kundschaft und der Rezipienten wieder. Es geht um Esoterik, hört ihr? Mit Esoteriker_:*Innen kann man weder diskutieren noch argumentieren.
– „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus'“. (Ignacio Silone, antistalinistischer Kommunist, 1900-1978)
Verwohnt

„In einem Hinterhaus, das einen schlechten, stark verwohnten Eindruck macht, bewohnt der wegen einer Armwunde arbeitsunfähige Patient eine Stube und Küche der zweiten Etage. Die Stube ist 4,80 Meter lang, 4,00 Meter breit und 2,60 Meter hoch. Der Kranke teilt sie tagsüber mit drei und nachts mit zwei Personen. Notdürftiges Mobiliar und Trümmer alten Bauholzes usw. füllen den traurigen Raum. Der Hof zeigt bei Regenwetter sintflutartige Zustände.“
Aus Gesine Asmus (Hrsg.) Hinterhof, Keller und Mansarde. Einblicke in Berliner Wohnungselend 1901 – 1920.
Endzeitliches
…et congregavit illos in locum qui vocatur hebraice Hermagedon.
Ich muss zugeben, dass es mich bei apokalyptischen Zuständen immer sanft gruselt, nicht weil mich Katastrophen mit Ansage, erbärmliche Blamagen oder dreistesten Lügen (Superlativ) der Herrschenden, so dreist, dass sie schon wieder komisch sind (dramatischer Chor – mit Masken – im Hintergrund: Potjemkin, Söder! Kijŏng-dong!) nicht berührten, sondern weil seelisch tief vergrabenes Vergangenes an die Oberfläche des Bewusstseins bricht wie Lava aus einem Vulkan: Armageddon! Und wir, die Auserwählten, werden gerettet! Und ich bin natürlich dabei! Mein Mitleid gilt den Ungläubigen! Ihr hattet eure Chance und nutztet sie nicht. Auch die Medien kriegen ihr Fett weg.
By the way: Hatten wir heute schon genug Genitive? Ich wurde ihrer angesichtig dergestalt, dass ich, eingedenk meiner Kurzsichtigkeit, mich der Brille bediente…
Ewige Schönheit
Catarina von Hemessen: Portrait einer jungen Dame, 1560. Dieses Portrait, das mir zufällig über den Weg lief dessen ich in den sozialen Medien angesichtig wurde das irgendein Algorithmus im Internet mir in mein Sichtfeld spülte, hat mich gefesselt: Was für ein Gesichtsausdruck? Wie kann man so etwas malen? Catarina van Hemessen kannte ich bisher nicht – ihre Portraits sind alle so ausdrucksvoll. (Bei den Fingern habe ich meine Bedenken, zum Beispiel ist der kleine Finger der rechten Hand zu lang und nicht realistisch.)
Vielleicht können hier mitlesende Kunsthistoriker uns einen Vortrag halten über die materiellen (!) Voraussetzungen des Realismus in der Renaissance.
Deutsch mich nicht voll
Große Heiterkeit in den sozialen Medien bei den Antideutschen…
Capitani
Empfehlenswerte Krimiserie auf Netflix: Capitani. Aus einer Rezension: „Dabei spielt es dann keine wirkliche Rolle, ob es nun wie bei der Konkurrenz ein Staatsanwalt bzw. ein Journalist ist oder wie hier ein Polizist, das Prinzip ist immer gleich: Ein Protagonist begibt sich auf Spurensuche, die einheimische Bevölkerung mauert, weil jeder irgendwelche Geheimnisse mit sich herumschleppt, von denen niemand erfahren soll.“
Originell ist natürlich, dass die Serie in Luxemburg spielt und dass man sogar ein bisschen mithören und verstehen kann, wenn die Schauspieler Luxemburgisch reden (natürlich mit Untertiteln gucken!). „Eine moselfränkische Sprachvarietät des Westmitteldeutschen“ eben.
Falls hier jemand mich falsch verdächtigt, dass ich den Krimi nur wegen Sophie Mousel (als Dorfpolizistin Elsa Ley, oben) ansehnlich finde: Ja, das auch, aber sie ist schwanger im Film, und vermutlich wird es nicht zum Sex kommen zwischen ihr und dem Helden und Kommissar Capitani (Luc Schiltz). Der spielt seine Rolle recht interessant: Mürrisch wie Clint Eastwood, staucht die Dorfpolizisten ständig zusammen und lässt sich von dem mädchenhaften Charme seiner hübschen Kollegen rein gar nicht beeinflussen. Und ausnahmsweise ist es nicht der Plot „alter Kommissar“ und „junge Adeptin“ wie in Die purpurnen Flüsse. (Das kann natürlich ein Trick sein, um die Zuschauer weiter rätseln zu lassen, ob es zu einer Affäre kommt. Ich bin erst bei Folge fünf – bis jetzt nicht.)
Heaven of Horror resumiert: „A familiar concept – in a good way!“ Well said. „Even more so, however, it’s because the crime plot takes place in a small town. You know, the kind where everybody knows the business of everybody else. So full of gossip and set in their own small-town ways. Also, supposedly, there are no secrets and yet everyone has their own secret.“ Die haben recht mit der These, dass der Kommissar am Anfang etwas langweilig zu sein scheint, aber das ändert sich. (Auch der Musikexpress jubelt, aber leider mit Gendersternchen, daher wird hier nichts zitiert.)
Die zweite Staffel werde ich mir definitiv auch ansehen, wenn sie erscheint.
Strand, Lisitsa und Polygone
Meine Cousine und ich im Watt an der Strandpromenade von Büsum, fotografiert 1957. Heute heißt das Areal Hauptstrand. (Vorsicht! Die Webcam verlangt, jeden Mist zu erlauben!)
Da wir beim Thema Chillen sind: Ich höre gerade beim Bearbeiten alter Fotos und beim Bloggen Valentina Lisitza / Michael Nyman: The Diary Of Anne Frank – Why? Lisitsa ist auch ein Opfer politischer Cancel Culture – sie hat sich kritisch gegenüber der pro-westlichen ukrainischen Regierung der Ukraine ausgesprochen und ihre Sympathie für die pro-russischen Separatisten bekundet, auch reiste sie illegal auf die Krim und gab dort Konzerte.
Das Toronto Symphony Orchestra cancelte Lisitsas Auftritt wegen ihrer politischen Meinung. Die USA hat sie mittlerweile verlassen, dort bekam sie keine Auftritte mehr. Ich gehe jede Wette ein, dass sich auch in Deutschland niemand mehr traut, sie einzuladen.
Ihr Youtube-Kanal hat mehr als 600.000 Abonnenten (darunter auch mich). Für mich ist sie eine der besten Pianistinnen der Gegenwart. Ihre Rachmaninoff-Interpretationen sind allesamt ganz wunderbar.
Apropos alte Bilder: Gimp beherrsche ich ohne Manual, weil ich über Jahre in Second Life gebaut und Objekte hergestellt habe. Dazu musste ich unzählige Texturen (Grafikdateien) herstellen und hochladen und dann verarbeiten. Ich vermisse Second Life, aber im Moment habe ich wirklich überhaupt keine Zeit dafür (erst, wenn ich das nächste Buch fertig habe).
Keine Utopie in der Weite
Fast hätte ich übersehen, dass schon die 5. Staffel von The Expanse läuft. Ist natürlich Pflichtprogramm, da IMHO die beste Sci-Fi-Serie überhaupt (was aber nicht viel heißt).
Die üblichen Verdächtigen sind wieder dabei, zu meinem Entzücken auch Cara Gee. Schauspielerei findet aber in Wahrheit nicht wirklich statt oder auf dem Niveau einer Daily Soap. Das erwartet man auch nicht. Stattdessen gibt es – wie gewohnt – superrealistische Weltraum-Szenen, futuristische Handys und den Plot, dass wieder die Welt gerettet werden muss.
Erstaunlich aber, dass das Science im Gattungsnamen nie ernst genommen oder nur auf die Technik beschränkt wird. Gibt es keine Autoren mehr, die eine Utopie entwickeln wollen, was die Gesellschaft angeht? Kapitalismus forever und bis nach Pandora? Da ist sogar „Raumschiff Enterprise“ anspruchsvoller, wo immerhin behauptet wird, die Menschheit sei so vernünftig geworden, keine Kriege mehr zu führen. Auch die Strugatzkis wagen mehr Utopie, sogar der kommunistischen Art.
„The Expanse“ macht auch hier keine Ausnahme. Die Handlung spielt nicht in einer Post-Apokalypse, sondern – Überraschung! – in einer Zukunft, in der es Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot gibt, arme Schweine, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft und eine Oberschicht aka herrschende Klasse, die in Saus und Braus lebt. Das soll es gewesen sein?
Man kann in einem Science-Fiction natürlich ausschließlich grundlegende philosophische Probleme exemplarisch abhandeln und die Futuristik nur als Kostüm benutzen, wie Stanislaw Lem in „Solaris“ oder dem „Unbesiegbaren“ (oh, das kann man demnächst nachspielen?) oder die Gegenwart parodieren.
Eine der Gründe für die mangelnde politische Fantasie der Drehbuch-Autoren ist vermutlich, dass die sich gar nicht erlauben, eine gesellschaftliche Utopie zu erfinden. Dazu müssten sie vom Kapitalismus theoretisch abstrahieren können. Fantasy parodiert bekanntlich unfreiwillig und oft auf lächerliche Weise den Feudalismus oder tribalistische Gesellschaften. Zu mehr reicht es nicht. Sogar John Norman ist mit seinem Gor-Zyklus tiefgründiger und präsentiert einen Gender-Alptraum, als hätten sich Hieronymus Bosch und Alice Schwarzer zusammengerauft, um eine Hölle zu schaffen. Das ist legitim und gar nicht so einfach.
Science Fiction sollte mehr können. Wenn das aber umgesetzt würde, hätte das Ergebnis eine Sprengkraft, die Hollywood auf keinen Fall dulden könnte. Das K-Wort muss nicht vorkommen, aber eine Gesellschaft, die nicht mehr auf Ausbeutung beruht und in der, was natürlich heute schon möglich wäre, alle Ressourcen gerecht verteilt würden? Wo kämen wir denn da hin?!
Insofern sage ich als Berufsnörgler: „The Expanse“ ist politisch reaktionärer Scheiß, übrigens genau so wie auch „Avatar„.
Post-Apokalyptic Blackout
Tief in meinem Herzen fühle ich wieder, wie vorteilhaft es war, in einer Sekte aufgewachsen zu sein. Armageddon – ein vertrautes Gefühl! Könnte schon morgen eintreffen, nur ohne Zombies. Ein Film, den alle anderen „dull“ finden und verreißen. Ihr habt mein Mitleid! Alle anderen haben unrecht! Ich finde den russischen Science-Fiction-Film „The Blackout“ (2019) gut. (Wenn es keinen deutsche Wikipedia-Eintrag gibt, werde ich ohnehin neugierig.)
Natürlich ist der Plot „ridiculous„. Zum zuverlässigen Einschlafen habe ich in den letzten Tagen – immer nur einige Minuten lang – Star Trek: Enterprise angeschaut, die von allen Star-Trek-Versionen die erträglichste. Natürlich ist auch dort alles extrem lächerlich, dennoch Teil der Populärkultur.
Russische Science Fiction hat eine lange Tradition, die heute leider langsam vom Feuilleton vergessen wird. Jeder russische Filmemacher wird wissen, dass die Messlatte ziemlich hoch liegt, was man von Hollywood-Filmen nicht unbedingt sagen kann.
„The Blackout is the only film from Russia included in the program of the American festival Cinequest, combining cinema and high technology.“ Ich fand die Atmosphäre von Beginn an faszinierend. Das können die Russen mittlerweile genauso gut wie die US-Amerikaner. (The Expanse spielt in einer eigenen Liga.) Natürlich geht es um Herumballern auf Aliens, aber immerhin sehen die Militärs um ein Zehnfaches futuristischer und martialischer aus als jeder Klingone.
Erholsam ist vor allem die fehlende Political Correctness dergestalt, dass man nicht schon vorher weiß, was jetzt kommen muss: Nein, es gibt keine Figur, die Lesben zur Identifikation einlädt, es gibt keine „Quotenneger“, die Geschlechterrollen sind „sowjetisch“: Traditionell, die Männer verhalten sich Frauen gegenüber oft wie in den 50-er Jahren, die Frauen sind aber viel emanzipierter und „stärker“, als dass die Stereotypien das erwarten ließen. Es gibt nicht wirklich eine zentrale Figur, obwohl die Story oft aus der Perspektive des Helden Yura (Pyotr Fyodorov) erzählt wird. Angenehm und frisch auch, dass man die Frauen noch nicht aus jedem zweiten Film kennt: Die Kommandantin (!) Osmolovskaya (Ksenia Kutepova) in einer Funktion, wie sie Jodie Foster in „Contact“ hatte, die Journalistin Olya (Svetlana Ivanova), Alena (Lukerya Ilyashenko) als Party-Maus, die ganz am Anfang eher einen Sugar Daddy zu suchen scheint und dann beim Militär aufkreuzt. In Deutschland sind vermutlich die Schauspieler Islands bekannter als die Russlands, obwohl dort das Publikum „etwas“ zahlreicher ist.
Der Algorithmus von Amazon hatte bei mir recht. Von selbst hätte ich die Kombination aus Post-Apokalypse (Islam!), Ego-Shooter und Alien-Jagd nicht unbedingt angeklickt. Ich bin erst am Anfang; die Handlung ist nicht so spannend, dass man unbedingt weitergucken muss, aber auch nicht so träge, dass man dabei einschläft. Wie ich die Russen kenne, wird später vermutlich auch kräftig Sex eingespielt.
Rossum’s Universal Robots

Bühnenbild von Bedřich Feuerstein für das Drama „R.U.R.“ (1921), Credits: Wikipedia
Vor hundert Jahren erfand Karl Čapek das Wort Roboter. Sein Bühnenstück R.U.R. wurde bis 1923 39 Sprachen übersetzt „und hat das internationale Denken über die menschenähnlichen Maschinen geprägt. Beim ersten britischen Roboter Eric, der 1928 konstruiert und 2017 als Museumsexemplar neugebaut wurde, standen sogar die Buchstaben RUR auf der Brust.“

































