Land of Hope mit strengen Maßnahmen oder: Ich sage nur China

A rendering of a virtual conference venue on Baidu Xirang. (Image credit: TechNode/Qin Chen) Dazu schreibt die SCMP: „The virtual conference centre in Baidu’s metaverse app XiRang can simultaneously accommodate 100,000 people for meetings and other interactions.“
„Ich sage nur China, China, China.“ (Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, NSDAP-Mitgliedsnummer 2.633.930, am 31.08.1969)
Es erstaunt mich immer wieder, wie unverblümt in deutschen Medien, vor allem in Wirtschaftsteil, gegen die Volksrepublik gehetzt wird, so plump, dass man sich fragen muss, wer das glauben soll? Natürlich hat sich das Narrativ „Uiguren“ dank der ständigen Berieselung so in den Köpfen festgesetzt, dass man rational nicht mehr darüber reden kann, sogar mit Freunden. Auch der Begriff „Regime“ fällt wie das Amen in christlichen Kirchen unverweigerlich. So was kennen wir bekanntlich im Kapitalismus gar nicht.
Frank Stocker, der Finanzredakteur der „Welt“, schreibt (Paywall): „Absturz einer Supermacht – Chinas neue Doktrin und ihre Folgen für die Welt“. De facto liest man dann das Gegenteil von „Absturz“, aber auf Inhalte kommt es offenbar wenig an. Wenn der chinesische Immobilienriese Evergrande trotz seiner Schulden nicht pleite geht, ist das auch wieder schlecht: „Mehr denn je befindet sich diese im festen Griff des Regimes.“ So was aber auch… Schlimm, diese Kommunisten.
Tatsächlich ist Chinas Gesellschaft inzwischen höchst ungleich. Der Gini-Koeffizient [Link natürlich von mir, B.S.], der die Ungleichheit in einem Land misst, liegt in China sogar höher als in den USA. Darauf reagierte Xi, der sich nach wie vor für einen Kommunisten hält, nun offenbar.
Wie jetzt? Xi ist gar kein Kommunist? Sondern? Staatskapitalist? Es kommt noch schlimmer:
So wurden im Sommer beispielsweise über Nacht alle privaten Unternehmen des Bildungssektors verboten – in diesem Bereich darf es nur noch gemeinnützige oder staatliche Institutionen geben. Man soll sich bessere Bildung nicht mehr kaufen können.
Das ist doch hervorragend?! Aber nein, es kommt von den pöhsen Chinesen. Dann ist es schlecht. Börsengänge wurden verhindert, Auslands-Listings weitgehend unmöglich gemacht, große Konzerne mussten ihre Daten an den Staat übergeben, und sie sollen mit Sondersteuern zur Kasse gebeten werden.
Das geht ja nun gar nicht. Börsengänge verhindert! Da bricht der Kapitalismus-affine deutsche Journalist in Tränen aus. Und man muss Ethan Harris fragen, „Ökonom bei der Bank of America“, eine Institution, die schon per definitionem unerbittlich neutral ist. Der erklärt gern, wie es läuft mit der Profitrate: „Wenn der Staat die Kapitallenkung übernimmt, bedeute das jedoch letztlich eine weniger effiziente Nutzung des Kapitals, was dann auch aufs Wachstum durchschlage.“
Ach ja? Ist das so? Woher weiß der Kerl denn das? Ich nenne dieses Gefasel schlicht faktenfreie Propaganda vom Feinsten. (Der Rest des Artikel steht weitgehend im Konjunktiv und ist rein spekulativ.)

„Mindestens vier mutmaßliche Regelbrecher der strengen Corona-Maßnahmen in China sind in einer Stadt im Süden des Landes öffentlich zur Schau gestellt worden. Wie Staatsmedien am Mittwoch berichteten, wurden die Beschuldigten in weißen Schutzanzügen vor einer großen Menschenmenge in der Stadt Jingxi in der autonomen Region Guangxi vorgeführt. Den Personen wird vorgeworfen, illegale Migranten beim Grenzübertritt aus dem nahe gelegenen Vietnam geholfen zu haben.
Auf sozialen Medien kursierten am Dienstag Kurzvideos, auf denen die Verdächtigen Plakate mit ihren Fotos und Namen tragen, während sie von jeweils zwei Sicherheitskräften durch belebte Straßen geführt werden. Die Parade wird von Dutzenden Polizisten bewacht, einige von ihnen sind bewaffnet. Auf Chinas sozialen Medien erhalten die drastischen Maßnahmen der Behörden teilweise Zuspruch.“ (RND)
Nun, das ist so etwas wie ein Shitstorm old school. China geht mit denen, die gegen Regeln verstoßen, ohnehin anders um. Aber die Todesstrafe gibt es auch in Japan und den USA, und dort sperren sie vorwiegend die afroamerikanische Bevölkerung in die Knäste. Also hört mir auf mit den islamistischen Uiguren. Wenn erst die Güterzüge rollen, freut sich das Kapital.

In China experimentieren sie mit der Zukunft, während Zuckerberg und Co. vielleicht auf das falsche virtuelle Pferd gesetzt haben. Natürlich wird es im chinesischen Metaverse keinen Sex geben, da stößt (!) Secondlife immer noch in eine Marktlücke; HiPiHi stand da a priori auf verlorenem Posten.
Irgendwann wird Europa, insbesondere Deutschland mit seiner Faxerei, aber einfach abgehängt werden. Und dann sehen wir alt aus.
Capitulare de villis
Nur eine Vorschau für das Stammpublikum, was Euch im nächsten Jahr blüht. Manchmal ist es einfach schön, die Quelle für dieses und jenes – hier „Die Landgüterordnung Kaiser Karls des Grossen: (Capitulare de Villis Vel Curtis Imperii.)“ – im Original zu überfliegen, zumal wenn sie bezahlbar ist. Vielleicht sollte ich mal einen eintägigen Bildungsurlaub in Wolfenbüttel oder online machen.
Fünfte Welle
„Grundsätzlich hoffe ich, dass sich die vierte Delta-Welle zunächst zurückziehen wird und dann nach einer Ruhephase die fünfte Omikron-Welle zuschlägt.“ (Prof. Dr. Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) e.V.)
Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V)
Theophanu-Evangeliar, um 1050, Pergamenthandschrift. Im 18. Jahrhundert wurde die Handschrift aus den Deckeln (unten) gelöst und in Leder eingefasst.
Katrinette Bodarwé schreibt in in Gold vor Schwarz: Der Essener Domschatz auf Zollverein: „Der Liber ordinarius schildert insbesondere die Rolle dieser Handschrift, die als Pleonarius bezeichnet wird, in der österlichen Liturgie. Auf der Westempore wurde am Karfreitag ein Zelt als Ostergrab errichtet, in dem das Evangeliar zusammen mit dem: silbernen Kreuz vom Kreuzaltar und wahrscheinlich dem Tafelreliguiar mit dem Kreuznagel Christi und einigen anderen Reliquien bestattet wurde. Am Ostermorgen wurden diese Heiltümer als Zeichen der Auferstehung in einer feierlichen Liturgie unter Beteiligung der Kanonissen wieder erhoben.“
Das Evangeliar war schon damals ungeheuer kostbar und das Beste, was Künstler und Handwerker zu der Zeit aufbieten konnten. Die Äbtissin war aber Enkelin Kaiser Ottos II. und seine berühmten Frau Theophanu aus Byzanz, ihr Bruder Hermann der Erzbischof von Köln. Sie war in ihrer Epoche im Vergleich so wohlhabend wie heute Susanne Klatten.
Buchdeckel und Rückseite des Theophanu-Evangeliars. Der vordere Deckel (35,7 x 26 cm) hat einen Kern aus Eichenholz und ist mit Goldblech und einer Platte aus Elfenbein belegt, angefertigt von einem Künstler aus dem Raum Köln-Lüttich. Das untere Feld des Randes zeigt das Stifterbild. In der Mitte Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß. Zu ihren Füßen kniet die Äbtissin Theophanu (Beischrift THEOPHANV ABBA[TISS]A), die das von ihr gestiftete Evangeliar zu Füßen der Thronenden ablegt. Seitlich Pinnosa und die heilige Walburga, in den beiden seitlichen Feldern die Essener Stiftspatrone Petrus und Paulus (oben) sowie Kosmas (auch Cosmas) und Damian (unten) unter Arkaden. Oben halten zwei Engel eine Mandora über dem Pantokrator. Der Deckel ist wie ein spätantikes (!) fünfteiliges Diptychon gegliedert – der Künstler wollte offenbar die damals schon ferne Vergangenheit zitieren.
Aber wieder zum eigentlichen Thema. In Agrarisch und revolutionär I ging es um die „zweigeteilte Grundherrschaft“ (Villikation) als Basis des mitteleuropäischen Feudalismus. Laut Michael Mitterauer Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs finden wir hier die Basis dafür, dass sich der Kapitalismus in Mitteleuropa einschließlich England zuerst entwickelt hat.
Ich schrieb in Agrarisch und revolutionär II: Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert setzte voraus, dass die Wasserenergie durch andere Energieformen ersetzt wurde. Die ökologische Basis schaffte hier Europa einen entscheidenden Entwicklungsvorsprung.
Im Detail ist es natürlich komplizierter. Was genau diese Villikation [der Wikipedia-Eintrag ist noch nicht einmal auf dem Niveau von Proseminaren im 1. Semester] bedeutet, sieht man dann, wenn man diese Form der Klassenherrschaft mit den Gebieten vergleicht, wo das nicht so war. Offenbar sind Ackerbau und Getreidewirtschaft wichtig: In Friesland dominierten eher die Viehzucht und Textilgewerbe (vor allem Schafwolle) – eine „zweigeteilte Grundherrschaft“ hat sich dort nicht ausgebildet. Auch nicht in Irland – aus ähnlichen Gründen wie bei den Friesen – wohl aber in England unter Alfred dem Großen.
Mitterauer schreibt: Viel weiter zurückreichende Strukturübereinstimmungen mussen dafür die Voraussetzungen gebildet haben. Anders als Irland aber ebenso wie das nördliche Gallien war auch Britannien von provinzialrömischen Mustern geprägt* – von der Civitas-Verfassung, von ländlichen «villae rusticae» mit ihrer Latifundienwirtschaft, von den ökonomischen Bedürfnissen der Heeresversorgung in einer gefährdeten Grenzregion. (…) Zum vorgefundenen Bestand gehörten vor allem alle jene Getreidearten, auf die im Frühmittelalter im Frankenreich die entscheidenden agrarischen Innovationen aufbauten. Den Weg der fränkischen Agrarrevolution konnten die Angelsachsen also von vornherein mitgehen, und damit auch die Entwicklung der auf verstärkten Getreidebau basierenden «zweigeteilten Grundherrschaft» mit ihren charakteristischen Pflugfronen.
Vielleicht bin ich jetzt der einzige Mensch auf der Welt, der das spannend findet: Hier haben wir ein starkes Argument, dass die antike Sklavenhaltergesellschaft als Basis die Ökonomie im Frühfeudalismus antrieb. Man kann nicht behaupten, dass Latifundien und das Kolonat die conditio sine qua non waren, aber wenn sie als Grundlage existierten, beschleunigten sie offenbar die Agrarrevolution. Und das war nur im Frankenreich und in England so. In anderen Regionen des ehemalige römischen Reiches stimmte die Ökologie nicht. Die Voraussetzungen in bestimmten Regionen Europas für das „Wettrennen“ zum Kapitalismus waren also durchaus exotisch, so dass Mitterauer mit der These, es habe sich um einen „Sonderweg“ gehandelt, recht haben könnte.
Jetzt erscheint die von mir schon fast verworfene Frage bzw. These marxistischer Theoretiker in einem anderen, sogar vorteilhafteren Licht, ob der Feudalismus sich nur dann zum Kapitalismus entwickele, wenn er auf der Sklavenhaltergesellschaft fuße – oder ob es theoretisch auch ohne ginge. Da kein Paralleluniversum existiert, in dem wir das testen könnten, ist die Antwort einfach: Die These der angeblich zwangsläufig aufeinanderfolgenden Gesellschaftsformationen sagt nur etwas über die Geschwindigkeit aus, mit der letztlich der Kapitalismus in England zuerst entstand. Da die kapitalistischen Staaten Mitteleuropas in kurzer Zeit fast die ganze Welt unterjochten und der ihre Ökonomie aufzwangen (wie auch die Römer den unterworfenen Völkern), bleibt die Frage rein hypothetisch, was etwa aus China geworden wäre, wenn es keine Weltkriege und eine japanische Okkupation, keinen Langen Marsch und keine Revolution gegeben hätte.
Im 12. Jahrhundert löst sich die Villikation allmählich auf. Das, was in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft als „Hochmittelalter“ bezeichnet wird, ist nur eine variierte Form der Klassenherrschaft: Es geht immer darum, wie den Bauern und Handwerkern der Mehrwert abgenommen wird, ob durch den Kriegeradel direkt oder die Klöster oder deren Helfershelfer – das spielt keine Rolle.
Steht vor der Jahrtausendwende noch die Mehrarbeit (Fron) der Bauern für den Feudalherrn im Vordergrund, wird dieses System später mehr und mehr verdinglicht in Form von Abgaben – bis hin zur Geldrente. Abhängig bleiben die Bauern immer – bis Anfang des 19. Jahrhunderts. Im 16. Jahrhundert waren neun Zehntel der deutschen und vier Fünftel der europäischen Bevölkerung abhängige Bauern. Um klarzumachen, was das bedeutet: Seit der Zeit Karl des Großen hatte die Feudalklasse es geschafft, sich fast die gesamte arbeitende Bevölkerung untertan zu machen und auf deren „Kosten“ zu leben. Das kann man ultrakurz auf den Punkt bringen: Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?
Der Klassenkampf geht für die Bauern immer darum, sich von Herrschaft und Abgaben zu befreien. Oft kämpften sie zuerst um die Allmende – aber gegen die militärische Übermacht konnten sie langfristig nicht bestehen. Andere wichen der direkten Konfrontation aus, indem sie versuchten auszuwandern, vor allem in den Osten, wo sie mehr Freiheiten bekamen als Gegenleistung für das Roden und Urbarmachen der unwirtlichen Gebiete. Die Zahl der Aufstände gegen die Feudalherrschaft kann man sicher vergleichen mit der Anzahl kleiner und großer Streiks in der Moderne.
Unten: Kleines karolingisches Evangeliar aus der 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts, Pergamenthandschrift mit Zierseiten und insgesamt 240 Blättern. (Rainer Teuber)
Fortsetzung folgt.
* Rosamond Faith: The English Peasantry and the Growth of Lordship (Studies in the Early History of Britain)
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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
– Agrarisch und revolutionär II (15.05.2021)
– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
– Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III) (27.11.2021)
– Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV) (17.12.2021)
– Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V) (23.12.21)
– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
– Blut, Nägel und geküsste Tafeln, schmuckschließend (Essener Domschatz VI) (18.04.2022)
– Missing Link oder: Franziska und kleine Könige (28.05.2022)
– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)
Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)
Leicht tickende Kost
Nachdem ich das Publikum mit Wissenschaft nervte, muss ich jetzt leichte Kost nachschieben. Bulgogi liegt in der Marinade bis morgen. Was haben wir noch?
– Exklusiv auf burks.de: Ab der fünften Impfung wird es vermutlich Treuepunkte geben!
– Überraschung! Neue Bundesregierung dämpft Hoffnungen auf schnelle Digitalisierung. Echt jetzt? Warum? „So tickt Verwaltung nicht.“ Wie ticken sie denn?
– Manuel Kellner schreibt auf Fratzenbuch: „Kampagnen gegen das Impfen haben eine äußerst reaktionäre und antisemitische Tradition. Nehmen wir die NSdAP. Julius Streicher schrieb im Jahr 1935: ‚Die Impfung ist eine Rassenschande‘. Hinter einer gesetzlichen Impflicht aus dem Jahr 1874 verortete Streicher jüdische Abgeordnete. Streichers Hetzblatt „Der Stürmer“ illustrierte den Zeitgeist in einem Sujet: Ein Arzt mit Hakennase, er lächelt verschlagen, hält eine Spritze in der Hand. Seine Patientin hat ein Kind im Arm, sie sieht sehr deutsch aus und äußert Bedenken: ‚Mir ist so komisch zu Mut, Gift und Jud tut selten gut.‘ Der Deutsche Impfgegner-Ärztebund reimte im Jahr 1935: ‚Deutsches Volk, hab‘ nichts mit dem Impfen gemein, / Es ist jeder wahren Gesundheitspflege Hohn, / Und willst Du nicht selbst Dein Totengräber sein, / Dann bekenn‘ Dich entschlossen zur Anti-Vakzi-Nation!'“
Nun gut, so etwas gibt es heute auch, nur ohne antisemitische Untertöne. Man kann aber Meinungen, die einem nicht passen, trotzdem tolerieren. Nehmen wir den die gemeinsame Kampffront von Wagenknecht und Kubicki, die sich beide gegen eine Impfflicht ausgesprochen haben. Oder Stiko-Mitglied Christian Bogdan vom Universitätsklinikum Erlangen: „Persönlich halte ich von einer gesetzlichen Impfpflicht nicht viel, da diese einen Rattenschwanz an Administration, Impfbefreiungszeugnissen und Klagen nach sich zieht und die gesellschaftliche Entzweiung fördert. Das Ziel, möglichst viele Menschen zu impfen, erreicht man über andere Wege viel einfacher. Allein die Einführung der 2G-Regel hat ja schon dazu geführt, dass sich sehr viele Unentschlossene impfen haben lassen. Die drei oder vier Prozent, die generell jede Impfung ablehnen, sind der Mühe nicht wert, eine Impfpflicht einzuführen.“
Es ist sowieso zu spät. Ich muss zugeben, dass mir chinesische Lösungen ohnehin besser gefallen. Ich bin neulich mit einer alten Freundin heftig aneinandergeraten, weil ich Moscheen schließen und Bärte abschneiden den chinesischen Weg, gegen den islamischen Terrorismus der Uiguren vorzugehen, für effektiv und auch weitgehend legitim halte und das Mediengetöse zum Thema hierzulande für größtenteils Propaganda.
– Der Vorstand des DJV Berlin/JVBB hat, wie zu erwarten war, die Frist verstreichen lassen, meine Fragen zu beantworten. Jetzt muss ich etwas für den Ruf tun, den ich bei denen habe. Oderint, dum metuant!
– Ich weiß, jetzt was das Ding in meinen Auge ist, das ich manchmal sehe und manchmal nicht und was ein Augenarzt nicht erklären konnte. Danke, Internet!
Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV)
Warnhinweis: Mitgliedern arabisch-kurdischer Clans ist es nicht erlaubt, diesen Beitrag zu lesen. Bei Zuwiderhandlung wird der Täter von vielen alten, kleinäugigen und männlichen Jungfrauen im Paradies erwartet werden.
Theophanu-Kreuz, um 1040/1045, und Rückseite. Die Senkschmelze an den Kreuzenden stammen von einem unbekannten Objekt vermutlich byzantinischer Herkunft. Durch den großen Kristall in der Mitte kann man die Reliquie betrachten – einen Nagel vom Kreuz Christi (magisches Denken: pars pro toto, vgl. Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II))
Auch wenn das mediävistisch interessierte Publikum jetzt ächzen wird: Wir müssen kurz und zwischendurch die Methode zum Pfad der Erleuchtung analysieren, die hier angesagt ist. Es gibt sehr viele Variablen, als da wären:
– Reliquien setzen magischen Denken voraus. Magie gibt es aber immer und überall; auch Esoterik im Kapitalimus funktioniert nach den hier schon geschilderten Gesetzen der Magie. Gehörte diese Art objektivierter Magie zwingend zum Feudalismus?
Reminder: Objekte sind dingliche bzw. verdinglichte Zeichen der sozialen Hierarchien und der Rituale.
Auch im Shintoismus in Japan werden Reliquien verehrt. Und erfreulicherweise auch im vorkapitalistischen China (wenn das nicht so wäre, stimmte meine These nicht). Das widerspricht auch nicht der Marxschen These, dass der Feudalismus in Japan zum Beispiel noch „typischer“ sei als der in Mitteleuropa, was die Klassenverhältnisse betrifft.
– Arbeitshypothesen: a) Religion ist nur eine Teilmenge magischen Denkens. b) Das Christentum gehört nicht unbedingt zum Feudalismus, wohl aber objektivierte ritualisierte Magie.
– Wie unten beim Corneliuskult gezeigt, unterscheidet sich also der „Überbau“ der herrschenden Klassen mitnichten von der Alltagspraxis der Bauern und der Handwerker. Das magische Denken „überwölbt“ alles. Die kostbaren Reliquien der Domschätze sind also nur die Spitze des weltanschaulichen Eisbergs: Was für eine Äbtissin das Theophanu-Kreuz war, war für das einfache Volk ein einfaches Kästchen oder das Anrufen eines Heiligen bei der Fallsucht (Epilepsie). Deswegen gibt es im Katholizismus mehr als 10.000 Heilige und Märtyrer, also knapp 30 pro Tag – da ist für jeden etwas dabei.
Essener Krone aus des 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts. Bis ins 16. Jahrhundert wurde diese Krone jedes Jahr zu Maria Lichtmess (2. Februar) der Goldenen Madonna (entstanden um 980, die ich nicht fotografiert habe*) in der Schatzkammer aufgesetzt. Die wiederum wurde bei Prozessionen mitgeführt. Die Krone ist an mehreren Stellen leicht beschädigt, vielleicht bei sehr frühen Versuchen, etwas zu restaurieren oder zu ändern. Eine der vier goldenen Lilien wurde geringfügig versetzt.
Birgitta Falk schreibt in Gold vor Schwarz: Der Essener Domschatz auf Zollverein über die These, die Krone sei mit Absicht verkleinert worden „Sie sei ursprünglich bei der Krönung des dreijährigen Kindes Otto III. verwendet worden, der 983 in Aachen zum Mitkönig des Römischen Reiches gekrönt wurde. (…) Die stilistische Diskrepanz zwischen dem Filigran auf dem Grund des Kronreifs, den aufwendigen Fassungen sowie den eleganten „Spinnen“ gibt allerdings Rätsel auf.“ Entweder entstand die Krone im 19. Jh. und wurde in ein Jahrhundert später umfassend umgearbeitet oder sie ist erst in der 2. Hälfte des 11. Jh. unter den Äbtissinnen Theophanu und Svanhild entstanden.
Mitte: Ostensorium, Mitte 14. Jahrhunderts, vergoldetes Silber, getrieben, gegossen, graviert, emailliert. „Es handelt sich um das älteste bekannte Beispiel einer Turmmonstranz, bei welcher der Zylinder von zwei seitlich angebrachten Streben begleitet wird. Die Monstranz wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt in ein Reliquienostensorium umgewandelt.“ (Unteres Foto: Detail – in Stoff eingenähte Reliquie der Heiligen Andreas), Paulinus und Severin.
„Die Darstellung des Pelikans auf der Turmspitze belegt, dass es sich bei dem Ostensorium ursprünglich um eine Hostienmonstranz handelte. Dieser Verwendungszweck erforderte einen abnehmbaren Turmaufbau, um das Einsetzen der konsekrierten Hostie in den Kristallzylinder zu ermöglichen. Aus diesem Grund sind die Streben, die den Oberbau mit dem Turmaufbau verbinden, nicht verlötet, sondern durch Schrauben verbunden. Die paarweise angebrachten Einzelbuchstaben und Kreuze dienten möglicherweise dazu, dem konsekrierenden Priester das Öffnen der Monstranz zu erleichtern, indem sie die Stellen, an denen die Streben gelöst werden konnten, markierten“.
Obiges Bild rechts: Ostensorium um 1350/1375. Drei Bergkristallzyliner – die beiden größeren enthalten Reliquien der Heiligen Cornelius ** und Simeon.
Obiges Bild links: Ostensorium aus dem 15. Jahrhundert. Im Glaszylinder in der Mitte sind Reliquien und hinter dem Fenster des Turms. Der gesamte Turmaufsatz lässt sich abnehmen.
Kapselmonstranz der Äbtissin Elisabeth von Nassau, 1385, vergoldetes Silber, gegossen und graviert, Bergkristall und Email. Höhe 56 cm. Die Dame war wohl sehr durchsetzungsfähig und „regierte“ mehr als vier Jahrzehnte. Sie ließ sich sogar von Rat und Bürgerschaft der Stadt Essen huldigen und setzte es durch, dass die Richter vor „ihrem“ Stift vereidigt wurden. Die Bürger mussten lange kämpfen, um wieder unabhängig von der Äbtissin zu werden.
| A | eliz · abet de nassauwe // abb(atiss)aa) essnden(sis)a) · m° c°c°c°lxxxvb) |
| B | e |
| C | e |
| D | s(anctus) geor/gius |
| E | s(anctus) (ch)ri/stoforc) |
| F | s(ancta) ursu/la |
| G | pingn/osa |
| Übersetzung: | Elisabeth von Nassau, Äbtissin von Essen 1385. |
Für hier mitlesenden Alt-, Mittel- und Neugermanisten haben wir noch ein Schmankerl: „Die heilige Pinnosa wurde bereits im 10. Jahrhundert in Essen besonders verehrt. Ihre Reliquien kamen sicher gemeinsam mit Reliquien der heiligen Ursula aus Köln nach Essen. Die ungewöhnliche, bis jetzt an anderer Stelle nicht belegte Schreibweise pingnosa statt Pinnosa in Inschrift G hängt mit der Velarisierung des Lautwertes 〈n〉 zusammen, die im Frühneuhochdeutschen im main- und rheinfränkischen Gebiet für einige Dialekte belegt ist.“ Es geht also irgendwie um Verengung des Mundraums durch Hebung der Hinterzunge an das Gaumensegel; deswegen schrieb man in Essen den Namen der von den Hunnen dahingemetzelten Jungfrau anders. Aha! (Puls und Atmung noch normal?)
Im Verzeichnis deutscher Inschriften heißt es über die Monstranz: „Der ausladende Fuß aus vier geschweiften Bögen und durchbrochener Zarge läuft in einen sechskantigen Ständer aus. In ein Schriftband auf dem Fuß ist ein Name mit Datum als Stiftervermerk (A) in Kontur vor kreuzschraffiertem Schriftgrund graviert, auf der Vorderseite des Fußes und der Rückseite des sechsseitigen Kapellennodus Einzelbuchstaben (B, C) in Kontur mit Kreuzschraffurfüllung vor glattem Schriftgrund. Die Überleitung in den Oberbau ist mit Weinranken überfangen, links und rechts befindet sich eine Engelsfigur. In der Mitte der Basis ruht auf einer Konsole, die von vier Engeln mit Musikinstrumenten umgeben ist, eine Bergkristallkapsel, in der Herrenreliquien und eine Reliquienauthentik enthalten sind. Die Kapsel wird von Strebewerk begleitet. Darüber erhebt sich ein turmartiger Baldachin. Das unterste Geschoss besteht aus einer über Eck gestellten viereckigen Grundfläche mit Brüstung über vier Kielbögen. Im darüber liegenden Geschoss sind in die vier Fensterbrüstungen Heiligennamen (D–G) graviert, darüber befinden sich Maßwerkfenster, an den Ecken stehen musizierende Engel unter Baldachinen. Im dritten Geschoss steht eine Statuette, darüber befindet sich die Turmspitze mit Kruzifix.“
Angeblich sind in der Bergkristallkapsel ein Tropfen vom Blut Christi, ein Splitter vom Kreuz und ein Dorn der Dornenkrone.
Reliquiar aus dem 14. Jahrhundert, silber und teilvergoldet (14 cm hoch), gegossen, graviert, Bergkristall. Die Statuette des Heiligen Antonius, dem so genannten „Vater aller Mönche“, wurde erst 1950 bei einer Restaurierung angebracht und stammt von einem anderen Ostensorium. Im Kristallzylinder sind eingewickelte Reliquien der Sieben Schläfer von Ephesus ***, des heiligen Chrysanthus und des Florinus.
Fortsetzung folgt
* Sehr interessant aus technischer Sicht: Restaurierungsgeschichte und Zustand
** Das Grab des Bischofs von Rom wurde erst im 19. Jahrhundert entdeckt und konnte Cornelius zweifelsfrei zugewiesen werden. Im 9. Jahrhundert – also zur Zeit der karolingischen Renaissance – entwickelte sich um ihn ein regelrechter Kult im ganzen christlichen Europa. „An verschiedenen Orten wurde Cornelius noch bei weiteren Leiden angerufen, so bei Lahmheit, ansteckenden Krankheiten, Pest, Fieberkrankheiten, Kopfleiden, Blindheit, Hirnhautentzündung, Mutterkornpilz, Ohrenschmerzen, Halskrankheiten, Keuchhusten, Krätze, Warzen, Blutungen, Bruchleiden, Kinderlosigkeit (Ninove in Belgien), Stress und Beziehungsproblemen, gegen Schlaganfall und plötzlichem Tod, zur Erhaltung der Keuschheit und als Patron der Liebenden (Neuss-Selikum).“ (Wikipedia)
*** Die Siebenschläfer werden auch im Islam verehrt.
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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
– Agrarisch und revolutionär II 15.05.2021)
– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
– Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III) (27.11.2021)
– Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV) (17.12.2021)
– Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V) (23.12.21)
– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
– Blut, Nägel und geküsste Tafeln, schmuckschließend (Essener Domschatz VI) (18.04.2022)
– Missing Link oder: Franziska und kleine Könige (28.05.2022)
– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)
Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)
Precision and elegance oder: Die Brillenlage am Mittwoch

– Es ist alles, wie es immer war: Deutschland hat bald nicht genug Impfstoff. Surprise, surprise! Hätte uns doch jemand gewarnt! Der Mangel habe viele überrascht – auch ihn, sagte Gesundheitsminister Lauterbach. Mich nicht.
– Bürgerrechtler seien „quasiliberale Wichser“, Homosexuelle „Schwuchteln“, die weggesperrt gehörten. Das sagt Alexei Nawalny. Dahe wird er für den EU-Menschenrechtspreis nominiert.
– Scholz sagt, wir schafften das. „Der Dezember schlage mit seinen dunklen Tagen ohnehin aufs Gemüt, derzeit fehlten zudem die stimmungsvollen Weihnachtsmärkte und geselligen Weihnachtsfeiern, sagte der 63-Jährige.“ Wie meinen? Dann schaff dir eine Brille wie Mick Jagger an! Mir schlägt im Dezember nichts auf irgendwas. Und wenn das doch drohte, lasse ich meinen Avatar ein paar Leute umhauen oder befehle virtuellen Sklavinnen, dass sie mir ihre gravitationsbefreiten Titten 2.0 zeigen. Dann fühlt man sich gleich besser.

– Übrigens: Gratulerer, Magnus Carlsen!
Germanen
Habe ich mir selbst zu Weihnachten geschenkt: Germanen: Eine archäologische Bestandsaufnahme. Ist nicht billig, aber sehr interessant, falls jemand noch Geschenkideen braucht. Aber wer interessiert sich dafür? Ich hatte die Ausstellung leider verpasst.
Harmful Social Consequences

Spermaschmuggler in der Karibik (Symbolbild)
Zuerst wollte ich etwas über Spermaschmuggler schreiben, aber das funktionierte nicht, weil ich weinend auf meinem Schemel saß: Fast vierzig Personen hatten mich auf Fratzenbuch „entfreundet“. Ich hatte gepostet: „Annalena Baerbock wird vermutlich die schlechteste Außenministerin seit Joachim von Ribbentrop werden.“
„Entfreunden“ – das schmerzt unsäglich. Als ich mich wieder beruhigt hatte, las ich Henryk M. Broder (Paywall), dass das Amt an sich völlig überflüssig sei und ohnehin der Kanzler die Außenpolitik bestimme. Als Außenminister ist Baerbock eine Art Briefbote. Sie kann nicht viel Unheil anrichten. Stimmt: Diplomatische Verstimmungen könnte man auch faxen.
Der Guardian berichtet über regierungsamtliches „Entfreunden“ in SüdKorea: The government invests heavily to remove human contact from many aspects of life but fears of harmful social consequences persist. Mir wäre es auch lieber, wenn eine freundliche Roboterin den Kaffee brächte, falls dieser gut schmeckte, oder wenn diese silikonisch aussähe.
Indien hat COVID-19 fast besiegt: Studien zeigen, dass die Mehrheit der 1,4 Milliarden Menschen im Land bereits Antikörper gegen das Coronavirus entwickelt hat. Der Virologe Jacob John, emeritierter Professor am Christian Medical College im südindischen Vellore, ist überzeugt, dass Indien als erstes Land der Welt die Pandemie besiegt hat und in die „endemische Phase“ übergegangen ist. „Dieser Zustand ist erreicht, wenn sich die Neuinfektionen auf einem niedrigen Niveau stabilisieren“, sagt John. Und genau an diesem Punkt befindet sich Indien jetzt.
Die Gründe kann man sich denken: Demografie, vorhandene Infrastruktur, was Impfen angeht, eigener Impfstoff, der nicht unzählige bürokratische Hürden überspringen musste, um eingesetzt zu werden.
[Einschub: Ich habe es aufgegeben, die deutschen Qualitätsmedien zu mahnen, dass man Links ins Internet setzen könne. Es ist zwecklos, und ich bin nicht Don Quichotte. Dann geht doch sterben.]
By the way; Sieben junge Deutsche infizieren sich in Südafrika trotz Dritt-Impfung. Vierte Corona-Impfung rückt näher. Und: Es wird nicht besser werden, weil die Misere des Gesundheitswesens endemisch ist.
Fleisch ist konzentrierte Nahrung
„Die Zeit vom ersten Steingerät vor 2,7 Millionen Jahren bis zum Ende des Altpaläolithikums um 300 000 macht über 90 Prozent der Menschheitsgeschichte aus. Zu den entscheidenden Innovationen dieser langen Periode gehörte, wie bereits erwähnt, das Herstellen von Geräten aus Stein und Holz, zum Erlegen und Zerteilen von Tierkörpern. Damit einher ging die Umstellung der Ernährung von ursprünglich rein pflanzlicher auf immer stärke, durch Fleisch und damit Proteine bestimmte Nahrung. Fleisch ist konzentrierte Nahrung, vergleichbar mit Samen und Nüssen. Es enthält hohe Anteile von Eiweiß, einige Innereien besitzen zudem wichtige Vitamine, die in der Pflanzenkost fehlen. Außerdem lieferte Pflanzennahrung, die in den Mägen von erlegten Pflanzenfressern bereits angedaut und damit aufgeschlossen war und von den Jägern ebenfalls verzehrt worden sein dürfte, neben Vitaminen auch Fermente. So lag der entscheidende Vorteil der Umstellung auf tierische Nahrungsmittel also neben der Möglichkeit zur Anpassung an andere Umweltverhältnisse ganz wesentlich auch in dem höheren Nährwert der tierischen Produkte gegenüber der reinen Pflanzenkost. Fett, Eiweiß und Phosphor wiederum spielten im weiteren eine entscheidende Rolle für die Entwicklung des menschlichen Gehirns.“ (Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus: Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift (2016) – übrigens sehr empfehlenswert.)
Man kann natürlich auch dazu Friedrich Engels lesen. Esst mehr Fleisch und denkt an euer Gehirn!
Carthaginem esse delendam
The Punic cothon of Carthage, in modern-day Tunisia, as it would have appeared in the 3rd century BCE compared to today (Zinedine Loucif auf Facebook).
Vor mehr als zwei Jahrtausenden sah das da besser aus.
Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III)
Domschatzkammer Essen: Die vergoldete Kupferplatte im Vordergrund ist der Rest des so genannten Ida-Kreuzes (10. Jahrhundert), das nicht mehr erhalten ist. Das Kreuz stand im Dom hinter dem Altar auf einer Säule. 1443 wurde es dort heruntergenommen. Man entdeckte im Innern des Körpers des Gekreuzigten zahlreiche Reliquien. Das Ida-Kreuz wurde durch ein neues Kreuz aus Silber ersetzt; die Reliquien übernommen.
Auf der Platte steht: ISTAM CRUCEM (I)DA ABATISSA FIERI IVSST (Äbtissin Ida befahl, dieses Kreuz machen zu lassen).
Ich muss zugeben: Mit einer der Damen Äbtissinen aus dem 10. Jahrhundert hätte ich gerne diskutiert. Aber dazu müsste ich zuerst mein Althochdeutsch auffrischen und mein Latein ohnehin. Die Frauen aber waren die intellektuelle Elite Europas, hatten Macht und mussten sich permanent gegen die feudalen Schlagetots ringsum absichern. Wahrscheinlich waren sie auch das, was wir heute als „gerissen“ bezeichnen. Wer, wie Mathilde II. – das über Jahrzehnte hinkriegte, war garantiert selbstbewusst genug, um selbst Königen die Stirn zu bieten.
Otto-Mathilden-Kreuz: Das Stifteremail unten (vergrößert) macht das Kreuz einzigartig. Es zeigt die Äbtissin Mathilde II. mit ihrem Bruder Herzog Otto von Schwaben. Mathilde war Enkelin des Liudolfingers und späteren römisch-deutschen Kaisers Otto, der schon damals „der Große“ genannt wurde, ganz bescheiden „totius orbis caput“, das „Haupt der ganzen Welt“.
Für das 10. Jahrhundert gibt es kaum aussagekräftige schriftliche Quellen. Daher sind derartige Objekte von hohem historischen Wert. In Gold vor Schwarz: Der Essener Domschatz auf Zollverein liest man: „Das Otto-Mathilden-Kreuz ist das älteste erhaltene Beispiel der Verknüpfung eines edelsteinbesetzten Gemmenkreuzes, das traditionell als Zeichen der Wiederkunft Christi verstanden wurde, und des Kreuzes mit Kruzifixus, das auf die menschliche Natur Christi und seinen Opfertod verweist.“
Das Kreuz ist handwerklich und künstlerisch außerordentlich anspruchsvoll gearbeitet, so dass alle später entstandenen Kreuze es entweder zitieren oder versuchen zu imitieren oder die Form schöpferisch aufgreifen. Mathildes Bruder Otto starb 982 recht jung auf einem Feldzug in Italien, vermutlich an Malaria. Das Otto-Mathilden-Kreuz entstand nach 983, ist also eine so genannte Memorialstiftung. Beide Stifterfiguren auf dem Email sind in höfischer Tracht abgebildet, Mathilde trägt nicht das, was man damals normalerweise von einer Äbtissin erwartete. Die Stifterin handelte also eher als Schwester, als sie ihren Bruder abbilden ließ, denn als kirchliche Funktionärin.
Otto-Mathilden-Kreuz, Rückseite: In der Mitte das Agnus Dei (das Zeichen des katholischen Kosmonauten in Wolfgang Jeschkes Der letzte Tag der Schöpfung!) Das Lamm wird umrahmt von Paradiesranken – ein „Zitat“ der Edelsteine der Kantenrahmung der Vorderseite (sorry für die zwei Genitive hintereinander).
Die herrschende Klasse in den fränkischen Reichen sah sich immer noch als Nachfolger der Caesaren, obwohl das Römische Reich schon ein halbes Jahrtausend vorher untergegangen war. Theophanu, die Nachfolgerin der Mathilde, war Enkelin der berühmten „deutschen“ (Mit)Kaiserin Theophanu aus Byzanz – die unstrittig die wichtigste Frau im 10. Jahrhundert in Mitteleuropa war und im damaligen Sinne Kosmopolitin. Was gäbe ich darum, einmal kurz das zu sehen, was die gesehen haben! (Mal abgesehen davon, dass ein Jahrtausend in der Zukunft – falls man als Zeitreisender die Wahl hätte – natürlich interessanter wäre, aber vermutlich ziemlich verstörend.)
Kreuz mit den großen Senkschmelzen, um 1000: Das Kreuz ist rund zehn Jahre jünger als das Otto-Mathilden-Kreuz und wurde 1020, als Sophie von Gandersheim Äbtissin war, noch einmal umgearbeitet. Statt der Edelsteine an den Kreuzenden wurden Vollschmelzemails mit Ornamenten eingefügt, was handwerklich anspruchsvoller ist: Auf Metall wird flüssiges und farbiges Glas aufgeschmolzen. Das konnten aber schon die Ägypter zwei Jahrtausende vor den Franken und auch die Kelten.
Die Sophie war die Tochter Kaiser Ottos II. und der berühmten Theophanu. Klaus Gereon Beuckers schreibt in Gold vor Schwarz: Der Essener Domschatz auf Zollverein dazu: „Seine Funktion im Essener Kreis der Vortragekreuze ist unklar, allerdings legt die demonstrative Umarbeitung unter Äbtissin Sophia eine wichtige Rolle nahe. Sophia war als Äbtissin des Essener Schwesternstiftes in Gandersheim eng mit der bayrischen Ottonenlinie verbunden, der sie durch Kaiser Heinrich II. auch ihrer Essener Position zu verdanken hatte. Sie vertrat damit eine andere politische Ausrichtung als ihre Vorgängerin, die der bayrischen Linie höchst kritisch gegenüber gestanden hatte. Sophias Berufung 1011 in Essen kann als Versuch Heinrich II. gewertet werden, das Stift entgegen der bisherigen Haltung unter Mathilde und entgegen der im Kölner Umkreis geübten Opposition gegen den Bayer politisch zu vereinnahmen.“
So ein paar kleine Emaillearbeiten waren also eine politische Aussage, so wie heute ein Parteiprogramm. Man muss sich vergewissern, dass das Publikum, dem die Kreuze gezeigt wurden, vorwiegend aus Analphabeten bestand und auch die Details ohnehin nicht verstand – das waren ikonografische Interna der herrschenden Klasse. Aber anders konnte nicht „beschrieben“ werden, wer man war und was man wollte.
Mathilden-Kreuz, um 1051/1054: Die direkte Nachfolgerin Mathildes hatte hier ihre Hände nicht im Spiel, sondern deren Nachfolgerin Theophanu, die Enkelin der gleichnamigen Kaiserin. Diese ließ wieder der Mathilde gedenken und nicht deren religiöse Hinterlassenschaften umschmelzen. Das jüngere Mathilden-Kreuz imitiert das ältere. Das Kruzifix ist aber ein Vollguss, eine handwerkliche Kunst, die sich erst im 12. und 13. Jahrhundert durchsetzte. Der Künstler machte damit ein Statement, also hätte jemand schon im 19. Jahrhundert einen Vorläufer des Otto-Motors gebaut.
Ein Detail ist hier anders: Die mit dem Kreuz verehrte Mathilde kniet auf dem Email in weißer, also frommer Tracht, vor der Christusfigur. Sie wird nicht mehr als selbstbewusste höfische Feudaladlige gezeigt.
Das Kreuz wurde in den folgenden Jahrhunderten ziemlich demoliert, sogar die ursprünglichen Emails überschmolzen, und dadurch verschlimmbessert. An die professionelle Handwerkskunst des Originals kam man nicht mehr heran.
Fortsetzung folgt.
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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
– Agrarisch und revolutionär II (15.05.2021)
– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
– Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III) (27.11.2021)
– Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV) (17.12.2021)
– Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V) (23.12.21)
– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
– Blut, Nägel und geküsste Tafeln, schmuckschließend (Essener Domschatz VI) (18.04.2022)
– Missing Link oder: Franziska und kleine Könige (28.05.2022)
– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)
Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)
Grenzenlose Freiheit
Moskau bei Nacht. Das Foto wurde mir gerade von einem Freund zugeschickt, der im Flugzeug saß und darüber räsonierte, ob es angesichts der Nachrichten aus Deutschland nicht besser gewesen wäre, in Russland zu bleiben.
Ich habe aus dem Stream der Nachrichten ein paar Zitate aufgegabelt. „Aus aerosolphysikalischer Sicht macht ein Verbot von Weihnachtsmärkten absolut keinen Sinn. Im Freien finden nur sehr wenige Ansteckungen statt“, sagte Gerhard Scheuch, früherer Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosolmedizin (…) „Bei langen Schlangen vor den Impfzentren hat man auch keinerlei Bedenken.“ Das Risiko einer Infektion sei in Innenbereichen 20- bis 100-mal höher als draußen. (…) „Eine allgemeine Maskenpflicht im Freien macht keinen Sinn und hilft nicht, das Infektionsgeschehen zu reduzieren.“
Feuchtigkeit macht übrigens Masken effektiver.
Joachim Sauer [der Ehemann Angela Merkels, Quantenchemiker]: Es ist erstaunlich, dass ein Drittel der Bevölkerung nicht den wissenschaftlichen Erkenntnissen folgt. Zum Teil liegt das an einer gewissen Faulheit und Bequemlichkeit der Deutschen. Die andere Gruppe sind Menschen, die einer persönlichen Überzeugung folgen, einer Art ideologischer Reaktion auf das, was sie für eine Impfdiktatur halten. Dies gilt für alle Bildungsschichten, auch für Akademiker, Ärzte und Wissenschaftler.
Alexander Kekulé [hinter der „Welt“-Paywall] Vor allem das sogenannte 2G-Modell ist ja Teil des Problems. Geimpfte und Genesene glauben, sie wären sicher, weil man ihnen das bis vor Kurzem so gesagt hat. Aber auch sie infizieren sich zu einem erheblichen Teil. Dadurch haben wir jetzt diese massive Welle unter den Geimpften.
Sie ist deshalb so gefährlich, weil diese Menschen glauben, sie seien geschützt. Sie wurden falsch informiert, sogar das Robert-Koch-Institut hat das noch bis vor Kurzem auf seiner Website falsch dargestellt. (…)
In den USA ist tatsächlich die Rede vom falschen Versprechen der Impfung. Ich schließe mich da ungern an, weil die Impfungen ja gegen schwere Verläufe weiterhin gut schützen. Ich würde eher von einem falschen Versprechen der Bundesregierung reden. Es wurde suggeriert, dass Geimpfte wieder ein völlig normales Leben führen könnten. (…)
Der Chef von Pfizer hat vor einigen Wochen gesagt, dass der an Delta angepasste Impfstoff bereits im Regal steht. Da stellt sich die Frage, warum wir mit dem gegen die ursprüngliche Wuhan-Variante entwickelten Impfstoff boostern, statt die neu angepassten Vakzine zu verimpfen.
Unter Schlachtjungfrauen
„Krogmann* tilgt in hera das b und übersetzt era mit „Hilfe, Schutz“; duoder bringt er mit einem ad hoc erschlossenen germanischen Wort dõþram zusammen, das „Schaffen, Wirken“ bedeuten soll, und übersetzt era duoder mit „des Heils Wirkerinnen“. Bei dieser Lösung ist zwar nur ein einziger Buchstabe geändert, aber éra („Ehre“) hat im Althochdeutschen nicht die von Krogmann benötigte Bedeutung von „Hilfe, Schutz“, und duoder (bzw. dõþram ) ist nirgends als Bezeichnung von Personen erwiesen. – Wegen dieser Schwierigkeiten hat Kroes diesen Vorschlag verworfen. Er selbst führt, um zu einer anderen Lösung zu gelangen, an den überlieferten Buchstaben durchgreifende Veränderungen durch. Er nimmt falsche Worttrennungen des Schreibers und zudem Fehlschreibung mehrerer Buchstaben an. hera duoder soll für heradu nidar stehen. Hierbei soll heradu der Dativ (Lokativ) erdu (zum Nominativ erda) sein und oder irrigerweise für nidar stehen. Die Bedeutung von heradu nidar wäre dann „auf die Erde nieder“. Gegen diese Lösung spricht die Gewaltsamkeit der Abänderung, die übrigens nicht neu ist. Schon 1889 hatte R. Kögel diese radikale Lösung vorgeschlagen, ohne damit Anklang zu finden. Es liegt ihr die Vorstellung zugrunde, daß die idisi der ersten Vershälfte Schlachtjungfrauen seien, die sich aus den Lüften auf die Erde niederlassen. So sagt Kroes**: „Wir lesen im ersten Halbvers des Spruches, daß Schlachtjungfrauen sich niedersetzen.“ In Wirklichkeit aber steht dort nur, daß sich idisi niedersetzten. Krogmann und Kroes halten die Tilgung von h in hera für einen Vorteil, um mit era einen guten Stabreim zu idisi zu gewinnen. Dieser verstechnische Gesichtspunkt rechtfertigt jedoch den Eingriff in den überlieferten Wortlaut nicht, denn auch die anderen Verse zeigen mangelhafte Stabreime. Wie sazun : sazun ist in der nächsten Zeile hapt : heptidun unbefriedigend, und in der vierten Zeile erscheinen Endreime statt Alliterationen.
* W, Krocmann, Era duoder, Z. f. dt. Altertum 83, 1951, S. 122—125,
** W. J. Kross, Hera duoder, Germ.-Rom. Mschr,, N. F.3, 1953, 75—76.“
Das ist ein Auszug aus Gerhard Eis: Altdeutsche Zaubersprüche, S. 59. Hier geht es um ein Wort in den Merseburger Zaubersprüchen und wie man das übersetzt.
Falls jemand zufällig beabsichtigt, Altgermanistik zu studieren: So sieht das dann aus.
Fakten, Fakten, Fakten und immer an die Impfquote denken
Aus der Rubrik „nützliches Wissen“: Schweden hat 10,2 Millionen Einwohner und 30 COVID-19-Erkrankte auf Intensivstationen. In Deutschland sind es hundert Mal so viel. In Schweden sind 82 Prozent aller über 16-Jährigen geimpft.
Pandemie der [bitte selbst ausfüllen]
„Erschreckend ist nicht nur der Tonfall, in den die Corona-Debatte mittlerweile abgeglitten ist. Noch erschreckender ist, dass eine Erzählung hundertfach wiederholt wird, an der genau besehen nichts, aber auch gar nichts stimmt. Wir haben keine „Pandemie der Ungeimpften“. Leider veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI) zu den Impfdurchbrüchen keine aktuellen Zahlen, sondern immer nur den Durchschnittswert der letzten vier Wochen. Dadurch wird die aktuelle Situation systematisch unterschätzt. Doch schon in den letzten vier Wochen betrafen 41 Prozent aller Corona-Erkrankungen Geimpfte, also fast die Hälfte. 36 Prozent der Corona-Patienten in den Krankenhäusern und 28 Prozent der Intensivpatienten waren vollständig geimpft. Die gute Nachricht ist: Selbst diese Zahlen zeigen, dass die Impfung immer noch relativ gut gegen schwere Verläufe schützt.“ (Sahra Wagenknecht)
„Es gibt im Moment ein Narrativ, das ich für vollkommen falsch halte: die Pandemie der Ungeimpften. Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften, wir haben eine Pandemie. Und wir haben Menschen, die noch sehr gefährdet sind, die älteren Ungeimpften. Bei den über 60-Jährigen haben wir nur eine Impfquote von 86 Prozent vollständig Geimpfter, das ist irrsinnig, das ist wirklich gefährlich.“ (Christian Drosten)
Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II)

Reliquiar mit Korallenast, Niederrhein, 2. Hälfte des 13. Jhs., 33 cm hoch. Die Fassung besteht aus vergoldetem Silber.
Gang út, nesso, mid nigun nessiklínon, út fana themo marge an that bên, fan themo bêne an that flêsg, út fan themo flêsgke an thia húd, út fan thera húd an thesa strála. Drohtin, uuerthe só! (Altsächsischer Wurmsegen, der älteste überlieferte deutsche Zauberspruch, ca. 900)
Ich bitte das Publikum, das zufällig eine Koralle zur Hand hat, um ein Experiment: Man nehme dieses Nesseltier, am besten tot, und trage es eine Weile in einer Hosentasche. Was zu beweisen ist: Man wird nicht mehr krank, und es passieren einem weniger Unglücke als vorher.
Wie? Das sei Unfug? Das müssen wir uns genauer ansehen: Magie wirkt nicht? Alles Aberglaube? Wenn ein Pfaffe ein güldenes Gerät mit einer aufgepflanzten Koralle und Knochensplittern vermutlich unbekannter Herkunft in die Höhe hält und der versammelten Gemeinde zeigt – was geschieht dann? Nichts? Oder doch? Kann man es auch lassen?
Wir wiederholen: „Orale Gesellschaften theoretisieren nicht, sie inszenieren.
Das Ritual ersetzt, ja ist geradezu ihre soziale Theorie.“ (Johannes Fried) Objekte wie Reliquien sind dingliche bzw. verdinglichte Zeichen der sozialen Hierarchien und der Rituale.
Das Reliquiar mit der Koralle ist mein Lieblingsstück im Essener Domschatz – eine Mischung aus urkomisch bis lächerlich und gleichzeitig so fremd wie ein Alien, so dass es einen neugierig macht. Was haben die sich damals dabei gedacht? Und wozu das alles?
Wikipedia sagt darüber: Korallen und Korallenäste, vornehmlich von roter Farbe, wurden schon in der Antike für Amulette verwendet. Sie galten als Schutz gegen Krankheiten, Blitzschlag und Misswuchs. Sie waren im alten Ägypten der Isis und in Rom der Venus heilig. Rosenkränze aus Korallen („Paternosterkrallen“) waren im Nachmittelalter sehr beliebt. Im italienischen Volksglauben schützen Korallen Kinder gegen Unheil. Daher findet man auch viele Darstellungen des Jesuskinds mit Korallenkette und Halsband mit Korallenast.
Ich besitze auch eine Koralle (vgl. Foto), die ich vom Schnorcheln in Belize mitgebracht hatte: Sie war bunt, verlor aber alsbald ihre Farbe, nachdem ich sie abgebrochen hatte. Ich hatte nicht daran gedacht, dass es sich um ein Lebewesen handelt. Ich würde der Koralle auf meinem Bücherregal aber keine besonderen Kräfte zusprechen. Aber warum andere das tun und warum es im Katholizismus vor Magie offenbar nur so wimmelt, muss erklärt werden. Dann fragen wir noch ganz naiv als Bonus: Was unterscheidet ein Reliquiar von einem Talisman, einem Amulett oder Votivgaben?
Marcel Mauss schrieb 1950, eine Religion nenne die Überreste älterer Kulturen „magisch“. „Stehen zwei Zivilisationen in Kontakt miteinander, so wird die Magie gewöhnlich der schwächeren zugewiesen.“ Aufgeklärte Menschen nennen das Hantieren der Katholiken mit Reliquien magisch, und das Christentum schaut auf die „primitive“ Vielgötterei älterer Religionen herab. Allerdings übernimmt der Katholizismus vorsichtshalber dann doch den „Volksglauben“ (Mauss nennt Magie „Religion für den Hausgebrauch“). Die angebliche Wirkung der Koralle ist theologisch nicht abgesichert, aber man weiß ja nie, und es schadet auch nicht, wenn man daran glaubt.
Erste These: „Wir müssen die Magie als ein System apriorischer Induktionen ansehen, die unter dem Druck von Bedürfnissen von Gruppen von Indiviuen vollzogen werden.“ Ich halte diesen Satz von Mauss für ziemlich genial, impliziert er doch, dass es keine „individuelle“ Magie gibt, sondern dass Gegenstände oder Rituale nur dann „wirken“, wenn sich die Gruppe vorher darauf geeinigt hat, dass es so sei.
Mauss behauptet auch, dass es keinen religiösen Ritus gebe, der nicht seine Entsprechungen in der Magie hätte. Der Ritus sei eine Sprache; mündliche Riten nennt man Inkantation, auch ein Synonym für „Beschwörung“.
Die Reliquiare und die mit ihnen verbundenen Rituale „sprechen“ also, sie zeigen, wie die Gesellschaft beschaffen sei. Das ist im Kapitalismus nicht so oder nur in maginalisierter Form vorhanden. Im antiken Rom war die Gesellschaft „verschriftlicht“, aber viele Rituale blieben dennoch magisch, zum Beispiel bei der pompa funebris (vgl. Egon Flaig) oder bei den zahlreichen Schadenzaubereien.
Oben: Armreliquiar der Beatrix von Holte (Äbtissin von 1292 bis 1327), gestiftet um 1300. Höhe 72 cm. Holzkern, mit Silberblech beschlagen, vergoldetes Kupfer. Der Holzkern hat eine Öffnung, dahinter ist ein Hohlraum für die Oberarm-Reliquie. Im Türchen, das von der Hand gehalten wird, sind weitere Reliquien, angeblich Körperpartikel der Stiftspatrone Kosmas und Damian (vgl. Essener Domschatz I) und der Heiligen Barbara.
Unten auf der Tür der Öffnung ist ein Bild der Äbtissin sowie die lateinische Inschrift (übers.:) „Die Essener Äbtissin Beatrix von Holte ließ mich machen.“ Diese feudale Dame war tatkräftig und streitbar und hatte sogar eine Gegenäbtissin, mit der sie sich vor Gericht befehdete. Nachdem die Stiftskirche 1275 abgebrannt war, ließ sie den Komplex wiederaufbauen und sicherte sich den Zugriff auf die Essener Vogtei, die der Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg beanspruchte (steht bei Thomas Schilp, habe ich nicht gelesen).
„Auf dem Stifterbild steht die betende Äbtissin in prachtvoller, pelzgefütterter Kleidung mit Wimpel und Weihel unter einer Arkade.“ (Zit n. Sonja Hermann)
Zweite These: Die „Gesetze“ der Magie sind 1. Kontiguität, 2. Ähnlichkeit und 3. Kontrast. Das meint:
1. Dinge, die sich berühren sind oder bleiben eine Einheit – das Teil steht für das Ganze. Ein Fingernagel eines Heiligen ist so gut wie der ganze Kerl (pars pro toto).
2. Ähnliches bringt Ähnliches hervor: Similia similibus curentur oder attractio similum (womit gleichzeitig bewiesen wäre, das Homöopathie Magie ist, also Quatsch mit Soße und nicht besser als Alchemie). Dazu Mauss: „Die Alten, Griechen wie Römer, haben geglaubt, die Augenkrankheiten dadurch heilen zu können, dass sie das Sehvermögen einer Eidechse auf den Kranken übertrugen; die Eidechse wurde getötet und danach mit Steinen in Berührung gebracht, aus denen Amulette gemacht wurden.“
3. In der Magie werden Dinge in einer Gruppe gefasst, die jeweils das Gegenteil sind, aber aufeinander wirken. Wie Lichtenberg sagte: „Grade das Gegenteil tun ist auch eine Nachahmung…“
Als Fazit der drei Gesetze bei Mauss: „Ähnliches erzeugt Ähnliches, Ähnliches wirkt auf Ähnliches, Konträres wirkt auf Konträres, und diese Formeln unterscheiden sich voneinander nur in der Anordnung ihrer Elemente. Im ersten Fall denkt man zunächst an das Fehlen eines Zustandes; im zweiten zunächst an die Anwesenheit eines Zustandes; im dritten vor allem an das Vorliegen eines Zustandes, der demjenigen entgegengesetzt ist, den man zu erzeugen wünscht. Im einen Fall denkt man an die Abwesenheit des Regens, den es mittels eines Symbols zu realisieren gilt; im anderen Fall denkt man an den strömenden Regen, dem es mit dem Mittel eines Symbols Einhalt zu gebieten gilt; auch im dritten Fall denkt man an den Regen, den man dadurch zu bekämpfen hat, daß man mittels eines Symbols sein Gegenteil hervorruft.“
Auch bei Amuletten, Talismanen und anderen Dingen, denen magische Kräfte zugeschrieben werden, sind diese drei Gesetze in Kraft. Vermutete Eigenschaften eines Objekt werden im kollektiven Denken auf andere Objekte übertragen, die entweder ein Teil des verehrten Ganzen sind, dessen man nicht mehr habhaft werden kann, oder dem ähnlich sind und/oder es berührt haben (wie in vielen Reliquiaren die angeblichen Nägel vom Kreuz Christi), oder das Gegenteil, mit dem man zum Beispiel etwas abwehren will.
Die Reliquiare wirken magisch, weil der Glaube, dass diese irgendwie wirkten, einen intellektuellen „Mangel“ überbrückt – man kann die Gesellschaft und ihre Hierarchien nicht im heutigen Sinn rational begreifen. Die Individuen eignen sich durch die Reliquien und die mit ihnen untrennbar verbundenen Rituale kollektive Kräfte an.

Armreliquiar mit Reliquien des Heiligen Basilius, 2. Hälfte des 11. Jhs., Höhe 47 cm. Die Standplatte ist aus Blech und mit Scharnieren am Holzkern befestig. Die „Hand“ lässt sich öffnen. Das Reliquiar stilisiert die liturgische Dalmatik der Bischöfe. Die Zierborte wurde graviert. Die Oberfläche des „Handschuhs“ zeigt eine Art Fischgrätmuster. Auf dem Handrücken ist ein Medaillion (das ich zu fotografieren vergessen habe) mit der lateinischen Aufschrift (übers.:) „Heiliger Basilius, Diener des lebendigen Gottes, segne uns“ und „Die Rechte Gottes“.
Im Liber Ordinarius der Essener Stiftskirche wird beschrieben, welche Rolle das Armreliquiar spielte: Die „Hand“ wurde in eine Kirche nach Stoppenberg getragen und dort auf dem Altar präsentiert; eine Woche später wieder zurück. Unter Gesängen schlug der Priester dann ein Kreuz mit dem Reliquiar über die Anwesenden. [Es gibt ein Examplar eines Liber Ordinarius aus dem Jahr 1908 online – wer extrem komplizierte Rituale gern schriftlich mag.]
Seit dem 5. Jahrhundert sind Reliquiare in Form von Körperteilen mündlich überliefert, seit dem 11. Jh. als Objekt. Aus dieser Zeit sind insgesamt nur fünf Armreliquiare erhalten. Das aus dem Essener Domschatz ist also exotisch und extrem selten.
In der Schatzkammer der Kirche St. Ludgerus in Werden ist sogar noch ein erhaltenes Original eines solchen Handschuhs zu sehen. [Merke II: Obwohl Werden heute ein Stadtteil Essens ist, war das dortige karolingische Reichskloster fränkisch, der Dom in Essen aber lag schon in Sachsen.]

Armreliquiar des hl. Quintinus, nach 1491. Gestiftet von Margarete von Castell, Pröpstin des Stifts Essen. Das Exemplar ist insofern interessant, als es rund 200 Jahre jünger als die anderen Arm- und Handreliquiare ist. Das Prinzip bleibt, aber handwerklich ist es aufwändiger gearbeitet – gegossene Statuetten von Engeln, vergoldeter Brokat“stoff“, sogar Adern sind an der Hand zu erkennen. Hinter dem Fenster im Arm sind die Reliquien. Das Wappen der Stifterin ist verlorengegangen. In den Fingerspitzen sind stilisierte Nägel zu sehen, die an die Folter des Quintinus erinnern sollen: Dieser wurde angeblich im 3. Jh. zur Zeit der Kaiser Diokletian und Maximian in Gallien mit Nägeln traktiert, umgebracht und in die Somme geworfen.
Fortsetzung folgt.
* Soziologie und Anthropologie: Band 1: Theorie der Magie / Soziale Morphologie, vgl. auch Rezeption Mauss‘ in Deutschland]
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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
– Agrarisch und revolutionär II (15.05.2021)
– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
– Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III) (27.11.2021)
– Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV) (17.12.2021)
– Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V) (23.12.21)
– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
– Blut, Nägel und geküsste Tafeln, schmuckschließend (Essener Domschatz VI) (18.04.2022)
– Missing Link oder: Franziska und kleine Könige (28.05.2022)
– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)
Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)
#getthejab
Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I)
Karolingisches Schwert aus dem Essener Domschatz, hergestellt vor 1000. Die Schwertscheide hat einen Holzkern und ist mit getriebenen Goldplatten bedeckt. Der Griff ist mit Edelsteinen und Emails verziert. Länge: knapp einen Meter. Auf der Scheide sind Ranken aus sorgfältig verteilten Blättern mit fantastischen Formen vermutlich byzantinischen Ursprungs. Die Scheide ist vermutlich ein Geschenk Kaiser Otto III. an das Essener Stift.
Es ist wie mit Frauen, dem Universum und dem Mikroskop vielen Dingen: Je genauer man hinschaut, um so interessanter kann es werden. Das gilt auch für „Prunkschwerter“. Wie der Name schon sagt: Sie sind nicht zum Kämpfen, sondern zum protzen Prunken, was aber im Feudalismus etwas anders heißt als im heutigen Kapitalismus. In jenem haben wir das Problem, dass es außer der Archäologie kaum etwas gibt, das als Quelle taugt. Vor und nach der karolingischen Renaissance muss man sich an Objekte halten, meistens der religiösen Art.
Wir hatten hier schon Marcel Mauss zitiert: „Nicht seelische Regungen oder psychische Prozesse sollten jeweils sichtbar gemacht werden, sondern objektivierende Formen sozialer Ordnung und Interaktionen. (…) Prestige und Status waren im Auftreten sichbar zu machen; nur ritualisiert ließen sie sich wahrnehmen, Herrschaftszeichen, Gaben, Kleider, Gebärden machten Leute.“ (Vgl. Die Gabe: Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften). Ich wiederhole mich: Wer begreift, was eine Reliquie ist (vergesst den oberflächlichen Unsinn auf Wikipedia), ist auf dem richtigen Weg.
Das Essener Schwert, heute Teil des Stadtwappens, ist nicht als Bodenfund erhalten geblieben, sondern als Teil des Domschatzes. Das ist selten. Es war rund 20 Jahre „in Gebrauch“; jemand hat damit gekämpft. Das haben metallurgische Untersuchungen gezeigt. Das Damaszener-Schwert wurde auch oft geschliffen und dadurch rund sechs Millimeter schmaler als ursprünglich. Das Essener Schwert ist von so hoher Qualität, dass es vermutlich für einen Königshof in Auftrag gegeben wurde.
Als Teil des Kirchenschatzes wurde es seiner „militärischen“ Qualitäten verlustig. Man nahm den ursprünglichen Griff aus Holz oder Horn und die Parierstange ab, heftete die Kostbarkeiten daran und fertigte die Scheide (die Klinge ist in der Ausstellung gar nicht zu sehen, das wird nicht allen auffallen). Das Wichtigste ist die Inschrift, die vermutlich erst im 15. Jahrhundert hinzugefügt wurde:
Gladius cu(m) quo fueru(n)t / decollatia) / p(at)ronib) / n(ost)ri
Das Schwert, mit dem unsere Patrone enthauptet wurden.
Somit hat sich ein gutes Schwert in eine Reliquie verwandelt. Man verbindet die legendären frühchristlichen Zwillingsbrüder Kosmas und Damian, die vielleicht zur Zeit des römischen Kaisers Diokletian lebten, mit dem Schwert, dazu kommen seltene, exotische und kostbare Schmuckstücke, alles kombiniert mit bestimmen Ritualen, und fertig ist die objektivierende Form sozialer Ordnung und Interaktion. Noch im 18. Jahrhundert wurde das Schwert während der Fronleichnamsprozession herumgetragen und dem gemeinen Volk vorgeführt, dass es nur so prunkte.
Wir müssen leider die Abstraktionsschraube noch ein wenig mehr anziehen. Ich hatte mich natürlich auf den Besuch des Domschatzes vorbereitet und u.a. Gold vor Schwarz: Der Essener Domschatz auf Zollverein gelesen, ein gutes, ausführliches und vor allem bezahlbares Buch zum Thema. Über das, was mich interessiert, findet man natürlich dort nichts. Über die bloße Phänotypie kommt die bürgerliche Historiografie nur selten hinaus. (Der hier schon oft zitierte Johannes Fried Johannes Fried ist eine große und um so bemerkenswertere Ausnahme.)
Was braucht es, um einen Gebrauchsgegenstand in eine Reliquie zu verwandeln? Klobürsten oder banale Dinge sind nur dann ungeeignet, wenn sie keinen Bezug zum jeweils passenden Überbau, also der Religion, haben. Ich habe auch in Essen zahlreiche Nägel gesehen, die verehrt wurden, weil sie angeblich vom Kreuz stammten, an dem angeblich der Sohn des christlichen Gottes starb. Fazit: Jedes Objekt ist theoretisch geeignet. Reliquien sind auch nicht auf das Christentum beschränkt. Wir müssen uns also auch in das luftige Reich der Magie begeben, also hinsehen, wie in einer oralen Gesellschaft das Volk im Sinne des Wortes verzaubert wird.
Fortsetzung folgt.
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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
– Agrarisch und revolutionär II (15.05.2021)
– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
– Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III) (27.11.2021)
– Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV) (17.12.2021)
– Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V) (23.12.21)
– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
– Blut, Nägel und geküsste Tafeln, schmuckschließend (Essener Domschatz VI) (18.04.2022)
– Missing Link oder: Franziska und kleine Könige (28.05.2022)
– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)
Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)
Als die Römer frech geworden, reloaded
Thomas Fischer: Gladius: Roms Legionen in Germanien.
Was fällt dem historisch gebildeten Leser und der in römischer Geschichte bewanderten Leserin zuerst auf? Ja, richtig: Der Reiter benutzt keine Steigbügel. Die waren sogar noch fast ein Jahrtausend später nicht selbstverständlich.
Die Perspektive Richters schien mir interessant: Mit den freien, nicht unterworfenen Germanen verband Rom seit den Völkerwanderungen der Kimbern und Teutonen im ausgehenden 2. Jahrhundert v. Chr. ein wechselvolles Verhältnis, in dem sich kriegerische Konfrontationen nur für kürzere Zeit mit friedlicher Koexistenz ablösten. Dieses ambivalente Verhältnis war von Anfang an durch den Widerspruch gekennzeichnet, dass Germanen seit Caesars Zeiten in der römischen Armee dienten. Als sich die römisch-germanischen Konflikte ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. ganz erheblich verschärften, nahm auch der Anteil von Germanen, die in der römischen Armee kämpften, in großem Umfang zu. Rom sah zu Recht an seinen Grenzen die Germanen im Norden noch vor den Parthern bzw. Persern im Osten als seine gefährlichsten äußeren Gegner an. Kein Wunder, dass an der Germanengrenze am Rhein und später an der Donau die zahlenmäßig stärksten römischen Truppen stationiert waren – paradoxerweise stets unter germanischer Beteiligung.




















































