Und zwar, Fratzenbuch

Ist das sinnvoll oder beunruhigend? Fratzenbuch lässt eine Spezialsoftware die Chats seiner Nutzer überwachen. Das Ziel: Wirtschaftsverbrecher und andere Kapitalisten aufzuspüren, die sich auf Kosten der Armen bereichern wollen.

Es ist einer dieser Grenzbereiche, in denen es schwer fällt, zwischen falsch und richtig, gut oder schlecht zu entscheiden. Fratzenbuch, das wurde Ende vergangener Woche bekannt, überwacht gezielt die privaten Chats seiner Nutzer, um eine mögliche Ausplünderung gesellschaftlicher Ressourcen seitens des Kapitals schon im Vorfeld zu erkennen und gegebenenfalls die Behörden einzuschalten.

Fratzenbuch betont, dass das Chat-Mitlesen zunächst nicht von Menschen, sondern von Maschinen mit marxistischen Algorithmen erledigt wird.

Übrigens, Spiegel Online: Man beginnt keinen Satz mit „und„, und nach „und zwar“ steht auch kein Komma.

Triumph des Willens und immer an das Volk denken

Focus: „Dank einer riesigen Willensleistung hat Griechenland das Viertelfinale der EM erreicht. Im Moment des überraschenden Triumphs gegen Russland dachten die Spieler an ihr Volk.“

Ach. Das hatte wir doch schon in anderer Form: „Dank einer riesigen Willensleistung hat Deutschland die meisten olympischen Medaillen gewonnen. Im Moment des überraschenden Triumphs dachten die Spieler an ihr Volk und an den Führer.“

Deutsch des Grauens einmal anders.

Mal ganz im Ernst, Ernst!

Ein Gespenst geht um – das Gespenst des (bitte selbst ausfüllen)! So, Klaus Ernst, Vorsitzender, fängt man Artikel und Kommentare an, die irgendwo publiziert werden und auch gelesen werden sollen. Mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern.

Wie aber kommt die Rede des Genossen Ernst wider die Piraten daher? „Mein Schlüsselerlebnis mit den Piraten fand auf einer Podiumsdiskussion statt“. Stattfinden! Das kommt gleich nach durchführen und hinterfragen. Das ist noch nicht einmal richtiges Aktiv. Der Genosse Ernst tat gar nichts, er erlebt auch nichts, sonder ein „Erlebnis fand statt“, offenbar kein sprachlich erweckendes. So reden und schreiben schmallippige mausgraue Funktionäre. Damit scheucht man keinen Asteriopterix hinter dem Ofen hervor. „Die wahren Agitatoren für eine Sache sind die, denen die Form wichtiger ist“, sagte Karl Kraus ganz richtig.

Und erst dieses Layout des vom Neuen Deutschland nicht gedruckten Schulaufsatzes (das Thema war verfehlt worden): Man merkt gleich, dass hier die GenossInnen Copy und Paste aus Word volontiert haben (keine Leerzeichen zwischen Wörtern ist äh bäh.). So wird das nix mit dem Internet, Linke!

Nerz, Ex-Vorsitzender einer anderen Partei, habe gemeint, so gibt es Genosse Ernst wieder, Politik solle Gesellschaft nicht gestalten. „Gestalten“ ist auch so ein Tuwort, das sich aufbläht, einen Furz lässt und verschwindet, ohne etwas bewirkt zu haben.

Das kann man jetzt so oder so sehen. Ich meine – im Ernst, Ernst! – Nerz argumentierte da ganz marxistisch korrekt. Die „Politik“ – also die Versammlung alles karrieregeilen Pappnasen, Charaktermasken und Lobby-Lautsprecher (was macht eigentlich Bosbach?) – kann gar nichts gestalten, weil der Kapitalismus das nicht erlaubt. Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate zum Beispiel würde sich eins ins Fäustchen lachen, wenn man es irgendwie „gestalten“ wollte.

Mal ganz unter uns linksextremen Dialektikern und anderen hegelischen Weltgeistern: Hast du das im Ernst geschrieben, Genossen Ernst? „Alternativen zu den Zumutungen des Finanzmarktkapitalismus“ – das ist, was die Linke mir anbietet bzw. als „umstürzlerische“ Idee zumutet?

Finanzmarktkapitalismus – für diese Wort hätte dich Karl Marx in den tiefsten Abgrund der kommunistischen Hölle verbannt und hätte noch persönlich das Feuer geschürt (weil das nur der kapitalistischen Hölle funktioniert).

Mit dem Kapitalismus ist es wie mit der Schwangerschaft – so ein bisschen herumdoktorn an den ehernen Gesetzen dieser Wirtschaftsform, was du „gestalten“ nennen würdest – das hilft gar nichts. Ware, Wert, variable und fixes Kapital, Profit, Akkumulation – diese hübschen Dinge sind einfach so, wie sie sind. Wenn man der heiligen Kuh des Kapitalismus nur so ein bisschen an den Eutern herumgrabscht, stellt das pfeilgrad das System in Frage. Stichworte: geistiges Eigentum, Urheberrecht. Schon mal davon gehört, Ernst?

„Diese Haltung ermöglicht es uns, in der Tradition der europäischen Arbeiter/innenbewegung ein einfaches Programm der Krisenabwehr für die Mehrheit zu formulieren.“ Rhabarber Rhabarber. Wer tut hier was und wer wen? fragte Genossen Lenin gewohnt kurz und knapp. Wer hält hier was? Die Haltung hält, nein, sie ermöglicht – sag mal, kennst du eigentlich ein einziges starkes deutsches Verb, Genosse Ernst? Agitatoren reden und schreiben wie Luther: Verben, Verben, Verben, Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze.

Revolutionäre ermöglichen keine Haltungen, die haben eine. Krisenabwehr: Was is denn dette, fragt die Berlinern. Steht das irgendwo im Kapital oder im kommunistischen Manifest?

Die Linken wie Genosse Ernst haben bisher Haltungen ermöglicst und Krisen abgewehrt, es kömmt aber darauf an, das System zu verändern, und nicht nur den Teil mit dem „Finanz“ davor.

Genosse Ernst, das ist ein blutleeres Geschreibsel, der Inhalt ist vage, es mangelt der starten Worte und Ideen – Funktionärsdeutsch des Grauens. Das Neue Deutschland tat ganz gut daran, das gleich mit Schwung in die Tonne zu treten.

Zeitgeist der Infragestellung

Außenminister Guido Westerwelle fordert, Deutschland müsse sich dem „Zeitgeist der Infragestellung geistigen Eigentums entgegenstellen“.

Da muss jetzt Lenin bemüht werden. Wer fragt was? (Zitat ähnlich) „In Frage stellen“ scheint ein sprachlicher Bastard des Fragens zu sein und klingt so ähnlich wie „hinterfragen“, ein Wort, das ebenalls aus dem Arsch der deutschen Sprache ausgeschieden wurde.

Nur Juristen faseln so dumm daher und vergewaltigen damit die deutsche Sprache. Der Zeitgeist der Durchführung der Zurverfügungstellung oder so.

Aus dem Verbum „fragen“ wird zunächst Furzdeutsch – ein Wort bläht sich auf, weil der Sprecher meint, sich allein durch die Länge des Gesagten eitel spreizen zu müssen. Burks fragt, ob Westerwelle bekloppt sei. Burks stellt dessen Intelligenz in Frage. Nun gut, damit kann man leben – es hört sich höflicher an.

Wie wäre es mit „er frug“! Ja, das ist korrektes Deutsch und widerstrebt der traurigen Tendenz, klangvolle Verben schwächer klingen zu lassen. Warum sollte man das kraftvolle „buk“ in „backte“ verwandeln?

Burks frug also, ob Westerwelle bekloppt sei. (War das jetzt eine Katachrese, ein bloßer Archaismus oder verspüren wir hier den Hauch eines Oxymorons?)

Noch immer haben wir nicht erforscht, warum jemand das einfache Fragen in das häßliche Nomen „Infragestellung“ verwandeln müsste. Kann man „spucken“ und „kacken“ so behandeln? Der Zeitgeist der Bekackung?

Nein, es gilt die Regel: Je weniger man zu sagen hat und um so weniger man Stil und Grammtik beherrscht, um so mehr greift der Zeitgeist der Verballhornung der deutschen Sprache um sich.

Heute leben wir mal kurz grün [Update]

apfelkuchen

Erkennst du, wohlwollende Leserin und geneigter Leser, das Lebensgefühl der neuen – grün wählenden – Mittelschichten wieder? Ein schickes Café, in dem ein Stück warmer Apfelkuchen mit Zimt mehr kostet als Hartz-IV-Empfänger im Monat für Kultur ausgeben können, eine Tasse Milchkaffee, den man aber französisch Café schreiben müsste, um für Anwälte, Medienleute und gefühlte Künstler samt ihrer Schicksen noch dazuzugehören – nein, der Satz ist noch nicht zu Ende -, ich zähle weiter auf, was das „grüne“ Lebensgefühl, das nicht mehr das meine ist, ausmacht: Kellnerinnen, die Lenin für einen Ort im Beitrittsgebiet halten und Guyana für einen Staat irgendwo bei Obervolta, die aber ein weisses Tuch um die schlanken Hüften geschlungen haben, das unter Adenauer eine Tischdecke gewesen wäre und das eine Dienstfertigkeit und ein Arbeitsethos des minderen Personals symbolisieren soll, was real nicht vorhanden ist, vielmehr durch hochnäsige Faulheit konterkariert wird, aber, und mal komme gefälligst zum bitteren sprachlichen Ende, so der mürrische Einwurf des schon gelangweilt dreinschauenden Publikums, das, geschult durch das hiesige Blog, Schachtelsätze unter „Deutsch des Grauens“ subsumiert, was stimmt und dessen man immer eingedenk sein sollte in Zeiten, in denen die klangvollen Verbformen frug, buk und schuf in Vergessenheit geraten, was dieses und jenes höhere Wesen verhüten möge – verdammt, schlägt sich der Autor an die Stirn: Jetzt habe ich vergessen, wo das Tuwort hin soll und welches es denn war.

Mein Laptop ist eindeutig nicht „grün“. Ausserdem ist das hier Neukölln, und das Etablissement gehört Mitgliedern der Piratenpartei und ist anders als die Orte, an denen man die Kuchen bei Don Alphonso vermuten würden.

burks

[Update] Die andere Seite will ich dem Publikum nicht vorenthalten, wenn ich hier schon eine eingebaute Kamera habe…. Ich guck so drein, wie sich das Geschreibsel anhört.

Und wer steht draußen?

Ick sitze da und esse Klops.
Uff eenmal kloppt’s.
Ick kieke, staune, wundre mir,
uff eenmal is se uff de Tür.
Nanu denk ick, ick denk nanu!
Jetzt is se uff erst war se zu.
Und ick geh raus und kieke.
Und wer steht draußen?
Icke.
(Quelle: Wikipedia)

Wissenskommunismus und Informationsallmende

„Programmatisch stecken die Piraten in den Kinderschuhen, und im politischen Spektrum sind sie noch nicht recht verortbar.“ Das schreibt Spiegel Online über die Piraten. Das ist falsch und auch symptomatisch für den Abwehrreflex deutscher Holzmedien auf alles, was mit dem Internet zu tun hat.

Die Piraten haben natürlich schon lange ein Programm. Wer lesen kann, ist also klar im Vorteil. Ein Teil ihres Programms ist zum Beispiel, dass sie „nicht recht verortbar“ sind. (Herrje, was ist denn „verorten“ für ein scheußliches Unwort! Das ist grauenhaftes Deutsch und kommt gleich nach „andenken“ und „vermelden“, Worte, die auf wichtigtuerisches Gespreize des Schreibers hinweisen.)

Ich zitiere mich selbst:
Wer ein Stück aus der heiligen Kuh schneiden will, stellt in den Augen der Herrschenden die Systemfrage, auch wenn es gar nicht so gemeint war – wie bei Spartakus, der das Recht auf Privateigentum an Sklaven missachtete oder den schlesischen Webern, die die Produktionsmittel des Eigentümers zerstörten. Der Strick des Henkers, das Peloton oder das Zuchthaus sind die logische Konsequenz. Wer das Urheberrecht anzweifelt, wäre früher als Kommunist beschimpft worden und in Störtebekers Zeiten als „Likedeeler“ – als jemand, der etwas mit anderen einfach „gleichteilt“, obwohl er die Rechte an der Beute hat

Wer das Pirateneigentum Privateigentum antastet, steht zwar in einer linken Tradition; die „kommunistische“ Idee ist jedoch viel älter als die Kategorien „links“ und „rechts“ im politischen Deutschland. Die Allmende ist nur ein Beispiel.

Programmatisch stecken die Piraten also mitnichten in Kinderschuhen, sondern ihr Programm ist mindestens so alt wie der Wissenskommunismus des US-amerikanischen Soziologen Robert K. Mertons.

Gott der HErr sagt zu allen Journalisten

„Die EU-Richtlinie verpflichtet Telekom-Unternehmen seit 2006 dazu, die Daten von Telefongesprächen, Internetverbindungen und Mails der Bürger auf Vorrat speichern, damit Fahnder später Verbrechen aufklären können.“ (taz)

Damit können sie aber keine Verbrechen aufklären. Hier fehlt eine korrekte grammatikalische Form: Damit, wie die Überwachungs-Lobby behauptet, später mehr Verbrechen aufgeklärt werden könnten. Geht aber nicht.

Du sollte die Agitprop der Überwachungslobby nicht unkritisch übernehmen, sagt Gott der HErr zu allen Journalisten.

Vom Dealen bei der richterlichen Sachaufklärung

Das Bundesverfassungsgericht hat wieder ein paar Richter abgewatscht. Kernsätze:

Der Beschluss des Oberlandesgerichts weicht in einer verfassungsrechtlich nicht hinnehmbaren Weise von den Anforderungen an die richterliche Sachaufklärung ab. (…) Darüber hinaus hätten verbleibende Zweifel nicht zulasten des Beschwerdeführers gewertet werden dürfen.

Man muss leider den Juristen-Jargon in Deutsch übersetzen, um zu verstehen, worum es geht. In § 257c StPO ist geregelt, dass die Richter mit den Angeklagten bzw. deren Verteidigern das Strafmaß aushandeln können („sich verständigen“ im Gesetzestext, das Bundesverfassungsgericht formuliert nicht ganz humorfrei „Deal„).

Zur Dokumentationspflicht des Gerichts bestimmt § 273 Abs. 1a StPO, dass im Protokoll über die Hauptverhandlung der wesentliche Ablauf und Inhalt einer Verständigung wiedergegeben und ebenfalls vermerkt sein muss, wenn keine Absprache erfolgt ist.

Der Angeklagte war hier verurteilt worden, weil er gestanden hatte, ging aber später in die Berufung (leider gibt es hier kein Wort ohne -ung. Er berief sich? Geht nicht.). Der Beschwerdeführer „machte die Unwirksamkeit seines Rechtsmittelverzichts geltend, weil die Verurteilung auf einer Absprache zwischen den Verfahrensbeteiligten beruhe.“

„Beschwerdeführer“ erinnert mich immer an Hundeführer. Derjenige, der sich beschwerte – obwohl hier „in die Berufung gehen“ gemeint ist. Der Verurteilte focht das Urteil an (fechten! Ja! Kurzer Satz! Starkes Tuwort!).

„Machte die Unwirksamkeit seines Rechtsmittelverzichts geltend“ – das ist ja dermaßen um die Ecke formuliert, dass es sich anhört, als habe jemand drei Mal verneint. Was wollte der Verurteilte? Er hatte zunächst darauf verzichtet, das Urteil gegen ihn anzufechten. Diesen Verzicht wollte er nun für ungültig erklären lassen, weil das gegen ihn erlassene Urteil offenbar vorher ausgehandelt worden war. Letzteres glaubten ihm die unteren Gerichte nicht. Dieser „Deal“ war eben nicht hinreichend dokumentiert worden, was aber § 273 Abs. 1a StPO widerspricht. Das Bundesverfassungsgericht sah das genau so und gab ihm Recht.

Wieder was gelernt. Ich musse mich in meiner Verhandlung, die mit einem Freispruch endete, nicht nur vom Staatsanwalt als „mieser Charakter“ beschimpfen lassen. Ich hätte darauf bestehen sollen, das protokollieren zu lassen.

Der Internet-süchtige Ikran-Reiter

banhsee

Man muss sich nur den sinnfreien Unfug antun, den die hoch bezahlte Drogenbeauftrage der Bundesregierung absondert:

„Menschen mit pathologischem Internetgebrauch weisen häufig andere psychische Erkrankungen, sogenannte komorbide Störungen auf. Dies sind in der Mehrzahl Depressionen, affektive Störungen, ADHS, aber auch Substanzmissbrauch in Form von Alkohol und Nikotin. Die medizinische und psychiatrische Behandlung der Onlinesucht erfolgt in der Regel mangels Anerkennung als eigenständige Krankheit über diese Begleiterkrankungen.

Ach ja? Wer gern Computerspiele macht oder oft am Gerät sitzt, der raucht und ist depressiv? In welcher Scheinwelt lebt eigentlich die Drogenbeauftrage der Bundesregierung? (Ach so, FPD – das erklärt natürlich alles.) Oder was raucht die während der Arbeitszeit?

Das Ärzteblatt sekundiert: „Der pathologischen Internetsucht muss begegnet werden.“ Klar, mit einem Ikran zur Internet-Sucht fliegen und ihr freundlich begegnen, was ich soeben getan habe (siehe oben). Leider habe ich sie nicht angetroffen.

(Ja, sehr geehrtes Ärzteblatt, wenn das nur ein Zitat sein sollte, wäre es eine indirekte Rede mit der entsprechenden grammatikalischen Form; so aber macht ihr euch den Quatsch zu eigen. Mitgefangen, mitgehangen.)

Vermutlich gibt es für meine durchschnittlich 12 Stunden am Gerät pro Tag gar keine Kategorie mehr, vielleicht „superschwerstabhängig“? Sofort einweisen? Lobotomie?

Zeigt her die Sprechblasen und Lichterketten

Newsletter der Linken: „Der Landesvorstand unterstützt den Aufruf fileadmin/download/2012/5_vor_12_handzettel.pdf »Handeln. Jetzt. Es ist 5 vor 12!« der dazu aufruft am internationalen Tag gegen Rassismus, dem 21. März 2012, 11.55 Uhr, Flagge gegen Rassismus zu zeigen.“

Soll ich mich in deren Rechner hacken, um an den Handzettel zu kommen? Pappnasen… Lernt. Computer. E-Mail-Schreiben. Ten-Standard. Jetzt.

Alleswisser und Wohltäter der leidenden Menschheit

Morgenpost

Deutsche Kulturbilder der Berliner Morgenpost Oktober 1929 – diese „Postkarte“ ist eine Quittung der Berliner Morgenpost „über 60 Pfennig für die 47. Woche vom 17.11. bis 23.11.1929“.

„Modernes Forscher-Laboratorium“ heisst es – damals noch Computer-frei. Liebe Kinder, heute behandeln wir Hermann von Helmholtz, wie ihn die Welt 1929 sah (und heute vermutlich auch noch). „Als Universalgelehrter war er einer der vielseitigsten Naturwissenschaftler seiner Zeit.“ Universalgelehrte aka Alleswisser gibt es heute jedoch nicht mehr (ausser Burks).

Vor Helmholtz konnte man die Vorgänge im Augen-Inneren nicht beobachten und stand deshalb einer Reihe von Krankheiten machtlos gegenüber, namentlich dem zur Erblindung führenden Schwarzen Star. Helmholtz erfand eine Kombination von Gläsern, welche gestattet, durch die Pupille hindurch den Hintergrund des Auges zu beleuchten, ohne blendendes Licht anzuwenden; dabei treten alle Einzelheiten der Netzhaut genauestens hervor, weil die durchsichtigen Teile des Auges als Lupe wirken und die Netzhaut etwas 20fach vergrößern. Diese Erfindung machte Helmholtz‘ Namen für alle Zeiten als den einen Wohltäters der leidenden Menschheit unsterblich.

An die Nachgeborenen und die Ossis: Man beachte den korrekten Gebrauch des Genitivs bei „Helmholtz‘ Namen“ sowie das hier in einem Satz real vorkommende Semikolon, dessen Existenz jungen JournalistInnen oft unbekannt ist.

Das Ministerium für Wahrheit (stern) informiert:

Stern.de zitiert den Bundesinnenminister: „Bei der Beweissammlung für den Verbotsantrag ‚wird dann klar sein, dass die V-Leute abgeschaltet sind, die für die Informationssammlung eine Rolle spielen könnten‘. Allerdings werde man durchaus mit V-Leuten der Sicherheitsdienste weiter den versuchten ‚Reinwaschungs-Prozess‘ der NPD beobachten.“

Geheimdienst heisst jetzt „Sicherheitsdienst“.

Man achte darauf, was direkte und was indirekte Rede ist; der stern hat die Sprachregelung des Innenministers kritiklos übernommen. Krieg heisst übrigens jetzt „friedenserzwingende Maßnahme.“

Tot, töter, am tötesten

Spiegel Online: „Für afghanische Zivilisten war 2011 das tödlichste Jahr seit Beginn des Afghanistan-Kriegs vor zehn Jahren.“ Ich wusste gar nicht, dass „tödlich“ einen Komparativ hat. Tot, töter, am tötesten. Aha.

Nicht wirklich Neues von der Überwachungs-Lobby

Mitteldeutsche Zeitung: „Das Bundeskriminalamt (BKA) kann wegen des Verzichts auf die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland nicht so effektiv gegen die rechtsterroristische Zelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ ermitteln, wie es das gerne tun würde.“

Liebe Mitteldeutsche Zeitung, wenn du die Agitprop der Überwachungs-Lobby schon eins zu eins und ohne ein kritisches Wort dazu abdruckst, dann wähle doch bitte die korrekte grammatikalische Form „könne“. Die behaupten das nur, es stimmt gar nicht. Also muss hier die indirekte Rede stehen: Die sagen, es sei so. Es ist aber nicht so und wir glauben es überhaupt nicht. Begründung:

Die [[x] irgendeine Überwachungs-Behörde, bitte selbst ausfüllen] kann wegen des Verzichts auf die Vorratsdatenspeicherung folgendes nicht tun: [[x] bitte selbst ausfüllen]: Das Böse aus der Welt vertreiben, Hütchenspieler verhaften, Drogenschmuggel unterbinden, Nazis bekämpfen, die Parteiführung der Linken beobachten, gestohlene Autos wiederfinden, Wirtschaftskriminelle auf die Seite der Guten herüberziehen, Kinderpornografie aus der Welt schaffen, das Internet totalüberwachen, Heuschrecken und das Finanzkapital in die Schranken weisen, Handtaschenräüber dingfest machen, Omas über die Straße helfen, bei Facebook nach Verbrechern fahnden u.v.a.m..

Wähle nun eine der Posen aus, die dir zur Verfügung stehen [Update]

3d sexvilla

Nun müssen unsere Jugendschutzwarte und andere Zensoren mal kurz wegzappen; die Lippen haben sie ja eh schon zusammengekniffen. Ich kläre die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser über einen Sachverhalt auf – aus journalistischer Sicht. Noch darf man das in Deutschland.

Ich habe mir neulich mal ein so genanntes Sex-Spiel heruntergeladen und installiert – 3D SexVilla.

Also nee. Das ist ja nun eine ganz bescheuerte Idee, einem das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Figuren sind um Klassen schlechter als die gut gemachten Avatare in Second Life; mir kam es so vor, als wäre die Sache etwa für ein Seniorenheim gedacht. Auch die dazugehörigen Youtube-Videos sind zum Totlachen.

Interessant für das Porno-Gewerbe fand dich dieses: Es ist Zeit für Plug-and-Sex! Reale Sexspielzeuge können via USB mit deinem PC verbunden werden, um das ultimative Feedback und fühlbaren virtuellen Sex zu erzeugen. Bruahahaha. Darauf hat die Welt gewartet. Die Bild hat „Kinect„, die Version für die xbox, schon erwähnt, weil es eine Porno-Version gibt.

Es ist, als wärst du wirklich mit dabei und Teil der Action! Nein und nochmals nein. Vielleicht kennen die Macher dieser Software Frauen nur als jpg- oder mov-Dateien, aber noch gibt es den kleinen Unterschied zwischen virtueller und realer Welt, trotz aller USB- und anderer Sticks, die man irgendwo hineinschieben muss.

Update: In Deutsch hieße es übrigens: Wähle nun eine der Posen aus, über die du verfügst.

Der Internet-Nutzer: Dämlich, faul und ignorant [Update]

Internet-Voodoo mit Spiegel Online: „Die Kriminellen hatten die Rechner unter anderem mit der Schadsoftware namens DNS-Changer infiziert, welche die DNS-Einstellungen der Rechner manipulierte.“

Sehr hübsch. Mehr davon. Ich wüsste ja nur zu gern, wie die pöhsen Kriminellen das gemacht haben? Haben sie ein Feuer entzündet, magische Formeln gesprochen und sind herumgehüpft? Ein ernsthafter journalistischer Artikel hätte sich mit der Frage befasst, warum die Mehrheit der Nutzer so bekloppt ist, sich Schadsoftware auf den Rechner beamen zu lassen und wer sie täglich dazu erzieht (Webdesigner und Datenkraken, die uns zu Javascript und Cookies zwingen wollen).

Sehr geehrte Pappnasen: Das ist Astrologie, kein Journalismus. „Ausgenutzt haben die Täter diese Möglichkeiten dem FBI zufolge zum Beispiel so: Anwender, die Apples offizielle iTunes-Seite aufrufen wollten, seien zum Angebot eines Unternehmens umgeleitet worden, das mit Apple in keinerlei Beziehung stehe und vorgab, Apple-Software zu verkaufen.“

Ach ja? Es geht also nur um Leute, die ITunes benutzen? Zum Beispiel? Und wie geht es noch? Und warum steht das Wort „ausgenutzt“ am Beginn des Satzes, was den Sitten, Regeln und Gebräuchen des Deutschen krass widerspricht?

Abgeheftet habe ich dieses Geschmiere unter der Rubrik „Deutsch des Grauens“. Welcher Praktikant durfte da wieder was schreiben? Ach nein, es ist der Ressortleiter Netzwelt bei Spiegel Online. Qood erat demonstrandum.

„Die kriminellen Betreiber des DNS-Changer-Netzwerks installierten demnach sogenannte Rootkits auf den Rechnern ihrer Opfer. Das sind Schädlinge, die tief im Betriebssystem des Computers wurzeln und schwer wieder zu entfernen sind“. Neiiiiiiiin! Die Nutzer haben sich infizieren lassen – freiwillig, weil sie zu dämlich, faul und ignorant waren, sich um ihre Sicherheit zu kümmern!

Update: Noch dümmer formuliert die Tagesschau: „US-Hacker greifen Zehntausende Computer an“. Leute, eure Ignoranz kotzt mich einfach nur an.

Das Wort mit dem Glimpf

verunglimpfung

Die FAZ und andere berichten über eine schwer wiegenden Fall von Majestätsbeleidigung und Verunglimpfung des Staatsiberhauptes (§ 90 STGB: „Verunglimpfung des Bundespräsidenten“).

Es geht um ein Foto, das ein Blogger auf Facebook veröffentlich hatte (zusammen mit dämlichen Kommentaren), das die Ehefrau des Herrn Christian Wulff mit ausgestrecktem Arm zeigt, der an den Hitlergruß erinnert.

Für mich sieht das Foto eindeutig nach eine Montage aus – Photoshop oder Gimp. Außerdem ist es geschmacklos, bei jeder – hier unpassenden Gelegenheit – irgendwas mit „Nazi“ suggerieren zu wollen.

In den Jurablogs lesen wir:
Daß es sich insgesamt nicht um einen Ritt über den Ponyhof handelt, erkennt der Laie schon daran, daß es die Staatsschutzkammer des Landgerichts ist, die über diese Sache verhandelt. Was vor dieser Kammer sonst noch so Thema ist, kann man sich in § 74a GVG zu Gemüte führen.
Ob dieses Verfahren, was der BPräs. mit seiner “Ermächtigung” (eine Art qualifizierter Strafantrag) losgetreten hat, tatsächlich so sinnvoll ist, scheint mir zweifelhaft. Und zwar nicht nur hinsichtlich des Streisand-Effekts (…).
Die Verunglimpfung ist eine Spezialität der Beleidigung nach § 185 StGB. Speziell ist beispielsweise die Strafandrohung: Mindestens 3 Monate Kerker.

Ich habe mich schon immer gefragt, woher dieses grauenvolle Wort mit dem Glimpf stammt. In meinem etymologischen Wörterbuch steht das Verb verunglimpfen nicht, aber im deutschen Wortschatz online:

Synonyme: anschwärzen, beeinträchtigen, beleidigen, denunzieren, diffamieren, diskreditieren, entwerten, entwürdigen, herabsetzen, herabsetzen, herabwürdigen, herabwürdigen, schlechtmachen, schmähen, schmähen, verdächtigen, verleumden, verleumden, verschreien, verteufeln
vergleiche: diffamieren
ist Synonym von: abwerten, andichten, anfeinden, angreifen, anhängen, anschwärzen, attackieren, bewerfen, diffamieren, entwerten, erniedrigen, herabwürdigen, lästern, madig, nachreden, nachsagen, schlechtmachen, schmähen, verkleinern, verleumden, verschreien, verteufeln
.

Im Köbler, Gerhard, Deutsches Etymologisches Wörterbuch, 1995. lesen wir:
verunglimpfen, V., verunglimpfen, beleidigen, 15. Jh., zu Unglimpf, M., Beleidigung

Der Duden benennt „mittelhochdeutsch ungelimpf, althochdeutsch ungelimfe“, und das führt zur Sprachwurzel der Glimpf, der sogar schon im Althochdeutschen vorkommt:
mittelhochdeutsch g(e)limpf, althochdeutsch gilimpf = angemessenes Benehmen, zu mittelhochdeutsch gelimpfen, althochdeutsch gilimpfen = etwas angemessen tun, rücksichtsvoll sein, ursprünglich = schlaff, locker sein.

Warum erinnert mich das jetzt an Gelumpe bzw. an einen Lumpen?

Das Stellwerk, revisited

stellwerk

Die älteren Leserinnen und Leser werden sich noch an meine Blog-Postings zum Thema Gleisdreieck erinnern, insbesondere an das alte Stellwerk, das ich, wenn mich mich recht erinnere, hier zum ersten Mal am 12.04.2004 erwähnte dergestalt, dass ich ankündigte, ich werde dokumentieren, wie es mit dem Gebäude weiterginge, was hiermit geschehen sei.

Nachtrag (statt „Update“): Ich habe gestern jemandem, dessen Mutterspräche neuseeländisches Englisch ist, versucht zu erklären, warum der deutsche Satzbau, wendete man ihn an wie Thomas Mann, nicht nur einen Dolmetscher verzweifeln, sondern auch den des Deutschen noch nicht Kundigen zum Fernglas greifen ließe, da der der erste Teil des Verbs oft – am Anfang des Satzes stehend – seinen zweite Teil verspräche alsbald folgen zu lassen, dass dieses jedoch oft nicht geschehe, sondern dass man das, was den Sinn und Zweck des Gesagten erst verständlich werden lässt, nur am Ende der Wortgirländen, die einen deutschen Satz so ungemein logisch, ja sogar dem Lateinischen ähnlich machen, erblicken könne.

LiquidFeedback: Demokratische Wahlen neu erfinden

Ein sehr interessanter Arikel auf LiquidFeedback diskutiert die „Überprüfbarkeit demokratischer Prozesse“:

Aus der Betrachtung der Überprüfbarkeit von elektronischen Abstimmungen durch die Teilnehmer bleibt folgendes Fazit zu ziehen: Möchte man überprüfbare elektronische Abstimmungen durchführen, müssen diese als offene Abstimmung mit Identitäten stattfinden, die für die anderen Teilnehmer hinreichend mit den abstimmenden Personen verknüpft sind. Möchte man diese den anderen Teilnehmern bekannte Verknüpfung vermeiden, bleibt einem nur entweder vollständig auf die Überprüfbarkeit des Verfahrens durch die Teilnehmer zu verzichten und damit einer Autorität blind vertrauen zu müssen oder zu Papier, Stift und Wahlurne zu greifen.

LiquidFeedback wurde für offene Abstimmungen konzipiert und implementiert, denn nur so konnte ein System geschaffen werden, das vertrauenswürdige, durch die Teilnehmer überprüfbare Ergebnisse liefern kann. Die Akkreditierung der Teilnehmer ist jedoch nicht Teil von LiquidFeedback sondern muss durch die einsetzende Organisation selber umgesetzt werden. Zur Akkreditierung gehört auch die Frage, ob eine Trennung der verwendeten Identitäten von den dahinterstehenden Personen vorgenommen wird oder ob jedes Benutzerkonto in LiquidFeedback für alle Teilnehmer hinreichend mit einer echten Person verknüpft wird. Ob LiquidFeedback – wie vorgesehen – für offene Abstimmungen genutzt oder als Wahlcomputer Typ 2 betrieben wird, ist somit allein die Entscheidung der einsetzenden Organisation.

Dieses Deutsch des Grauens – vor allem im ersten Abschnitt – muss jetzt noch in verständliches Deutsch übersetzt werden.

Wir hatten überprüft, wie Menschen elektronisch abstimmen können und uns das noch einmal genau angesehen. Fazit: Will man elektronisch abstimmen, also mit Computer und/oder über das Internet, und willl man das auch überpüfen, muss offen abgestimmt werden können. Die anderen Teilnehmer müssen denjenigen, der abstimmt, mit der Person, die als elektronische „Identität“ handelt, verknüpfen können. Wenn man aber nicht verraten will, wer derjenige ist, der nur eletronisch wählt, dann muss man darauf verzichten, das Verfahren durch die anderen Teilnehmer überprüfen zulassen. Man muss also eine Autorität blind vertrauen oder wieder Papier, Stift und Wahlurne benutzen.

LiquidFeedback wurde für offene Abstimmungen erfunden und eingerichtet. Nur so konnte in System erschaffen wurden, das Ergebnisse liefert, die die Teilnehmer überprüfen können. Das System LiquidFeedback kann jedoch die Teilnehmer nicht akkreditieren; das muss die Organisation, die es einsetzen will, selbst tun. Dazu gehört die Frage zu beantworten, ob man die Teilnehmer, die wählen sollen, mit ihren digitalen „Identitäten“ verknüpfen kann oder nicht, ob also jemadn von dem Benutzerkonto auf die reale Person schließen kann. Ob LiquidFeedback – wie vorgesehen – für offene Abstimmungen genutzt oder als Wahlcomputer Typ 2 betrieben wird, muss allein die Organisation entscheiden, die das System einsetzt.

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