Alleswisser und Wohltäter der leidenden Menschheit

Morgenpost

Deutsche Kulturbilder der Berliner Morgenpost Oktober 1929 – diese „Postkarte“ ist eine Quittung der Berliner Morgenpost „über 60 Pfennig für die 47. Woche vom 17.11. bis 23.11.1929“.

„Modernes Forscher-Laboratorium“ heisst es – damals noch Computer-frei. Liebe Kinder, heute behandeln wir Hermann von Helmholtz, wie ihn die Welt 1929 sah (und heute vermutlich auch noch). „Als Universalgelehrter war er einer der vielseitigsten Naturwissenschaftler seiner Zeit.“ Universalgelehrte aka Alleswisser gibt es heute jedoch nicht mehr (ausser Burks).

Vor Helmholtz konnte man die Vorgänge im Augen-Inneren nicht beobachten und stand deshalb einer Reihe von Krankheiten machtlos gegenüber, namentlich dem zur Erblindung führenden Schwarzen Star. Helmholtz erfand eine Kombination von Gläsern, welche gestattet, durch die Pupille hindurch den Hintergrund des Auges zu beleuchten, ohne blendendes Licht anzuwenden; dabei treten alle Einzelheiten der Netzhaut genauestens hervor, weil die durchsichtigen Teile des Auges als Lupe wirken und die Netzhaut etwas 20fach vergrößern. Diese Erfindung machte Helmholtz‘ Namen für alle Zeiten als den einen Wohltäters der leidenden Menschheit unsterblich.

An die Nachgeborenen und die Ossis: Man beachte den korrekten Gebrauch des Genitivs bei „Helmholtz‘ Namen“ sowie das hier in einem Satz real vorkommende Semikolon, dessen Existenz jungen JournalistInnen oft unbekannt ist.

Kommentare

6 Kommentare zu “Alleswisser und Wohltäter der leidenden Menschheit”

  1. ninjaturkey am Februar 24th, 2012 11:10 am

    Und wie wäre es mit Helmholtzens?
    Oder ist das antiquiert, oder gleich ganz falsch?

  2. admin am Februar 24th, 2012 12:44 pm

    Um mit Marxens Worten zu sprechen: „Die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens ist die Sprache.“ Das ist richtig.

  3. Jörg am Februar 24th, 2012 9:11 pm

    Ja, ja – Deutschversteher Burks (was ich lobe! Gibt’s ja nicht oft!) rügt natürlich mein „Marxen“ oder „Marxens“ – obwohl ich Marx im Genitiv am Schluß doch ganz ordentlich mit „Marx_‘ “ angegeben hatte (maul).
    Wenn ich Gremliza/Konkret auch politisch nicht mag – seine geradezu preußischen Schlachtmanöver, mit denen er den ordentlichen Gebrauch der deutschen Sprache wiederherstellt, sind allemal lesenswert.

    @ ninjaturkey
    Ich halte das Wort „Marxens“ (also: Genitiv) heute nicht mehr für so völlig richtig (der/die Deutschlehrer/in würde wohl in der vierten/fünften(?) Klasse wohl einen Fehlerstrich an der Seite anbringen.
    Zugrunde liegt einer Wortform wie „Marxens“ die Tatsache, daß früher (im heute ‚ältlichen‘ Deutsch), AUCH Namen dekliniert wurden. Also: „Friedrich“ wird im Akkusativ (wen-oder-was Fall) zu „Friedrichen“. Und im Umgangssprachlichen geistert eben nicht nur modernes „voll krass“ o. ä. herum, sondern manchmal auch uralte sprachliche Splitter.

    Zu „Marxens“: Wenn man SPRICHT(!) hat man bei – sagen wir mal der Formulierung „Marx Lehre “ (so spricht man es ja aus, also ohne _’_ )- ein ungutes ‚Gefühl“. Irgendwie hört man den Genitiv ja überhaupt nicht! . Denn das _‘ _ (oder ja wohl auch das englische „_’s_“) “ ist ja akustisch/phonetisch überhaupt(!) nicht zu vernehmen.
    Wenn wir schreiben, sind nämlich (mindestens! Das ist wie in einem großen Konzern!) zwei verfeindete Abteilungen des Gehirns am Werk. Die eine Abteilung ist unser Sprachgehirn. Das andere ist unsere Schreibabteilung (die kennt sich mit so einem Scheiß wie „Rechtschreibreform“ aus) .

    Und wenn in der von beiden betriebenen Formulierungsfabrik der Satz gerade fertiggebaut wurde, und nun auf die Zunge geschickt werden soll, mit so einer Formulierung wie „Marx‘ Theorie“, dann knallt das Sprachgehirn dazwischen (mit so üblen Beschimpfungen der Sprachabteilung, wie: „Was nützt Euch Pfeifen Euer Gekritzel eigentlich, wenn ihr noch nicht mal die Sprache beherrscht!“). Und, als der Satz gerade an die tippenden Finger gesendet wird, knallt das Sprachgehirn hinter „Marx“ das „ens“ einfach schnell rein. Den Zusatz „ES LEBE DER GENITIV!“ kann allerdings die Schreibabteilung (gottseidank!) aber noch in der letzen Millisekunde löschen.

    Mit den Linguisten/Sprachwissenschaftler kann man allerdings nicht vernünftig über diese Thema reden. DIE stehen nämlich total extremistisch-einseitig auf seiten des Sprachgehirns. Wie etwas „geschrieben“ wird, ist ihnen völlig schnuppe. Sie wollen es „hören“!

    Unser Musikabteilung mischt sich auch noch ein ( ich sagte ja: Ein hauen und stechen, wie in einem großen Konzern!)! Die Musikabteilung (von der Schreibabteilung als „diese Disco-Typen“ geschmäht) steht eindeutig auf seiten des Sprachgehirns (sind „Musik“ und „Sprache“ irgendwie Verwandte?). „Ihr Kritzler“ beschimpft es nun ebenfalls die Schreibabteilung (Sprach- und Musikgehirn halten „Schreiben“ übrigens für das Eingravieren von keilartigen Zeichen in feuchte Tontafeln) – wo sind denn Euer RITHMUS und Eure LAUTE??

    Wie haben ein Problem, Houston!

  4. admin am Februar 24th, 2012 11:12 pm

    „Friederichens Unsinn“ klingt doch hervorragend…

  5. Joschi am Februar 25th, 2012 5:02 pm

    Rechtschreibfehler wie z.B. Deppenleerzeichen, falsche – wenn nicht sogar völlig fehlende – Groß- und Kleinschreibung oder Idiotenapostrophe verursachen bei mir physische Schmerzen.
    Viele meiner Bekannten sind der Ansicht, daß im Internet die Rechtschreibung nicht so wichtig ist. Sehr oft höre ich den Spruch „Im Internet schreibe ich alles klein, das geht schneller. Und ob das Wort nun zusammengeschrieben ist oder nicht – is‘ doch egal. Hauptsache ich kann schnell antworten.“ Ich hab‘ dafür nur’n müdes Lächeln übrig. Aufmerksame Zuschauer von Manfred Spitzers Sendung „Geist und Gehirn“ erkennen hier den Teufelskreis …
    Wie wichtig eine korrekte Schreibweise für das Textverständnis ist, daran denkt so gut wie keiner. So kann man beispielsweise einmal schreiben:
    „Der Fotograf macht Nacktaufnahmen vom Model“
    oder aber ohne korrekte Kompositabildung und Großschreibung, was den Sinn total verdreht:
    „Der Fotograf macht nackt Aufnahmen vom Model“

    Natürlich unterlaufen uns allen – auch mir – Flüchtigkeits- und/oder Tippfehler. Manchmal erwischt man die Umschalttaste halt nicht richtig, tippt auf zwei Buchstabentasten oder benutzt den Nachbarbuchstaben. Alles kein Thema.

  6. Jörg am Februar 26th, 2012 10:14 am

    @admin am Februar 24th, 2012 11:12 pm
    „‚Friederichens Unsinn‘ klingt doch hervorragend…“

    … sucht da etwa jemand …STREIT ?!? :)

    Zu seinem „Kutscherdeutsch“ (aber immer noch besser als dieses Dieter-Bohlen-Deutsch!):
    http://www.deutschland-im-mittelalter.de/sprache.php#friedrich

    Hier sein Bild von Andy Warhol: http://www.001galerie.com/repro-andy-warhol-friedrich-grosse-painting-p-811.html
    Andy Warhol Doku, Teil 2, heute Abend auf arte (leider etwas zu schwärmerisch)

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