Könige, Kamele und noch mehr
Prolog, revisited: Hier laufen die Ibexe wieder herum, und alle Autofahrer wechselten in Zeitlupe. Die Tierchen sind pfeilschnell und machen große Sprünge, und wenn sie in Panik geraten, weiß man nicht, in welche Richtung sie dann laufen werden.
Ich muss jetzt wieder zusammenposten, was gar nicht zusammengehört. Heute stand – auf Empfehlung von Einheimischen – ein kleiner Ausflug zum Midreshet Ben-Gurion auf dem Programm. Der gestrige Tag steckte mir noch fühlbar in den Knochen. Das ist nördlich des En-Awdat-Nationalparks (der auf den Panorama-Bildern zu sehen ist).
Zwischendurch die Weltläufte. Ich gehe davon aus, dass der Krieg in Gaza jetzt weitergehen wird. „The war is not over yet, there are a few more things that need to be done, we know that.“ – „Im südlichen Gazastreifen bei Rafah kam es zu heftigen Feuergefechten. Terroristen stürmten aus einem Tunnelschacht und attackierten israelische Soldaten. Erste Meldungen sprechen von Todesopfern auf unserer Seite.“
Ceterum censeo: Hamas esse delendam.
Ach ja. Gegen Trump wurde demonstriert. Bei den Qualitätsgenderhauptstadtmedien ist das Wort „Demonstranten“ verboten, es heißt jetzt laut Ministerium für Sprachesoterik „Demonstrierende“,
Der US-Präsident kontert mit einem lustigen ekligen Video, auf dem King Trump und viel Scheiße zu sehen sind. [Auch bei den Österreichern anzuschauen – für die, die Truth Social nicht mitlesen.] Die New York Times weist vorsorglich darauf hin, dass das Video ein Fake ist.
Ich habe mir kurz das Grabmal Ben Gurions und seiner Frau angesehen, das in seinem reizenden kleinen Park – wieder mit vielen Ibexen – liegt. Und mit grandioser Aussicht.
Übrigens: Die spinnen, die Griechen.
Ich habe gerätselt, wofür auf dem obigen Foto das fette Abflussrohr ist, das links aus den Felsen kommt. Darüber liegen die Ramat Negev Regional Library und Shermans Hotel. Aber sind die nicht an die Kanalisation angeschlossen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendwas Schmutziges vor aller Augen direkt in den Nationalpark abgelassen würde.
Vielleicht hat Trump das ja so geplant. „Trump expressed doubt that Hamas would disarm voluntarily, but noted that if not, the United States would do so.
At the same time, he emphasized that the US would not deploy ground troops in Gaza — the operation, he said, could be carried out by Israel with US support.
„They promised they would disarm. They said they would disarm. There is doubt that they will do so. Now they said they were gang members and so on, and so on, you know. But these are very cruel people. This is a very cruel part of the world. No one has seen such violence. If necessary, we will disarm them. Whether it is me or the US, or, you know, a proxy — it could be Israel with our support. And we will not have ‚bare‘ troops on the ground. There is no need for that,“ Trump said.“
Auf dem Schild – aus dem Lokalbus nach Mizpe Ramon fotografiert – steht: „Beware of camels near the road“.
Heute ist mein letzter Tag in der Negev. Morgen fahre ich nach Jericho. Wenn die IDF wieder loslegt, kann es unter Arabern ja heiter werden.
Sicherheit & Formalitäten:
⦁ Ausweis/Pass mitnehmen; du passierst teils Checkpoints.
⦁ Rechtslage: Jericho (Kernstadt) liegt in Gebiet A; israelischen Staatsbürgern ist die Einfahrt untersagt. (Bitte beachte deine Staatsangehörigkeit/Visa-Situation.)
⦁ Frequenz/Zeitfenster: Arabische Busse/Servees fahren ohne strengen Fahrplan und starten, wenn voll; nachmittags ist Betrieb normal, abends dünner.
(Quellen: ChatGPT/Ramallah Tourist Center)
Russischer Imperialismus oder: Marx (und Engels) kontra Moskau

A colossal bear made of ice and iron, emerging from the northern snows, its shadow stretching across continents from the Baltic to the Black Sea, devouring colors and cultures. Each claw marked with centuries: Peter, Catherine, Stalin, Putin. The landscape below transforms from empire to revolution to modern state, yet the beast’s eyes remain the same cold, golden, patient. –s 750
Ich darf die Leserschaft auf einen sehr interessanten Artikel Michael R. Krätkes (deutsch, pdf) aufmerksam machen: „Marx (und Engels) contra Moskau“.
Auf die Altvorderen, die alten weißen Männer, geben heutige Linke nicht mehr viel. Täten sie es, sie würden einige Überraschungen erleben, nicht nur wegen der politisch unkorrekten Ausdrucksweise der Herren. Denn Männer wie Karl Marx und Friedrich Engels, Männer des vergleichsweise friedlichen 19. Jahrhunderts, waren keine Pazifisten. Bellizisten waren sie auch nicht. Doch haben sie den Krieg wie die meisten ihrer Zeitgenossen als ein normales – im Sinne von häufiger wiederkehrendes, also erwartbares – Phänomen der internationalen Politik betrachtet. An Kants „ewigen Frieden“ glaubten sie nicht, sie lebten in einer Welt
rivalisierender imperialistischer Mächte, die untereinander wie gegen die von ihnen unterworfenen Völker immer wieder Krieg führten, in Europa ebenso wie auf anderen Kontinenten. (…)
Alle politischen Revolutionen der Neuzeit, die englische, die amerikanische wie die französischen Revolutionen, die alles andere als friedlich verliefen, gingen mit Bürger- und (Interventions)Kriegen einher; oder sie führten zu einer Serie von Eroberungskriegen. Alle Mächte, die großen wie die kleinen,
waren kriegerisch, alle Staaten, die großen wie die kleinen, waren Militärstaaten, das Militär, die modernen stehenden Berufsarmeen ebenso wie Volksarmeen, also die Kriegsbereitschaft in Permanenz, kostete Unsummen. (…)
Hegemonialmacht wurde Russland nie, das russische Imperium setzte voll und ganz auf militärische Gewalt. In seinen Einflusssphären wollte es die stärkste Landmacht sein und als Seemacht mit allen übrigen mithalten können. Im Kaukasus, in Zentralasien führte es Jahrzehnte lang blutige Eroberungskriege. Im Süden führte es einen Krieg nach dem anderen gegen den alten Erzfeind, die Türkei. Mit dem Ziel, die Vorherrschaft im Schwarzen Meer zu erringen und schließlich Istanbul zu erobern, den Bosporus und die Dardanellen unter seine Kontrolle zu bringen. Sei dem Vertrag von Kücük-Kaynarca von 1774 beherrschte die „Orientalische Frage“ die europäische Politik. Russland griff immer wieder an, schließlich mündeten die russischen Kriege gegen die Türkei in den Krimkrieg, in dem sich England und Frankreich mit der Türkei verbündeten. Ein Krieg, der das durch Russlands Aggression bedrohte Gleichgewicht der Großmächte in Europa bewahren sollte. Russland verlor, blieb aber als Großmacht im Spiel der Großmächte, dank der Nachgiebigkeit seiner Kriegsgegner. Russlands Eroberungsdrang stand außer Frage. Das russische Imperium führte im 18. und 19. Jahrhundert einen Angriffskrieg nach dem anderen gegen das osmanische Reich. (…)
Die zeitgenössische Linke war kein Jota besser als die vor dem vermeintlich übermächtigen Russland kriechende Bourgeoisie des Westens. Also legten sich Marx und Engels mit der linken Prominenz ihrer Zeit an, ohne Rücksicht auf deren Befindlichkeiten. Mit besonderer Schärfe reagierten sie auf die linken
Friedensschwärmer, die sich gegen den Kampf der Polen für ihre nationale Unabhängigkeit wandten, also die Partei des russischen Imperialismus ergriffen. Da kannten die beiden keine Kompromisse, die Frage der polnischen Unabhängigkeit war und blieb für die Schlüsselfrage, die die Zukunft ganz Europas berührte. Konnten sich die Polen vom russischen Joch befreien, war Europa vor russischen Angriffen sicher. Blieb Polen unter russischer Herrschaft, wie nach den in Blut erstickten Aufständen von 1830 und 1863, war ganz Europa in Gefahr.
Anmerkung 5: Der geschichtsverklärenden Vorstellung, in grauer Vorzeit habe es völlig friedfertige, nur auf friedliche Kooperation mit allen Nachbarn erpichte, durch und durch unkriegerische, ja kriegsunfähige Gesellschaften gegeben, erst mit und durch die Zivilisation sei das Urübel Krieg in die Welt gekommen, sind viele erlegen. Der Mythos vom edlen und friedliebenden Wilden, bis heute bei Pazifisten beliebt, ist durch die Arbeit der Anthropologen und vor allem der Archäologen längst widerlegt worden. Vgl. zum aktuellen Forschungsstand das Buch von Lawrence H. Keeley, War before Civilization. The Myth of the Peaceful Savage, Oxford University Press 1996. Keeley und viele andere greifen nicht auf biologische Argumente zurück, die Frage, ob einige Primaten Konflikte gewaltsam oder friedlich zu lösen pflegen, ist für die Frage nach dem Ursprung des Krieges völlig unerheblich.
Wehe, Wanderer! Wüste Wege!
Prolog: Wenn man das obige Foto genauer ansieht, erkennt man ein Tier. Nein, das ist kein Denkmal. Die Leute hier nennen diese Tier desert goat, also Wüstenziege. Hier sitzt ein Nubischer Steinbock einfach zwischen den Häusern herum (Nubian Ibex). Ich habe schon einige davon gesehen. Es wird überall davor gewarnt, sie zu füttern. Die Art ist vom Aussterben bedroht und streng geschützt (in Israel).
Ich bin heute mehr als sechs Stunden allein durch die Wüste Negev gewandert.
Die gute Nachricht: Ich habe es wieder zurück geschafft. Die schlechte: Ich habe alles verpasst, was ich an geologischen Sehenswürdigkeiten sehen wollte, muss also in den nächsten Jahren noch mal zurückkehren. Ursache war natürlich, dass ich micht total verlaufen hatte. Das ist in einer leeren Wüste eher suboptimal, zumal Temperaturen um die 30 Grad das Herumwandern und -klettern auch nicht leichter machen.
Der Israel National Trail ist von Mizpe Ramon aus im Prinzip, wie man bei Radio Eriwan zu sagen pflegte, gut markiert. Es geht zunächst steil abwärts. (Wenn ich heute morgen um neun gewusst hätte, dass ich denselben Weg wieder hinaufsteigen musste, hätte ich vermutlich einen halben Herzinfarkt bekommen.)
Der Höhenunterschied zwischen der Ortschaft Mitzpe Ramon (oft angegeben mit einer Höhe von ca. 860 m über NN) und dem Boden des nahegelegenen Erosionskessels Makhtesh Ramon (deren Boden auf etwa 400 m über NN liegt) (Quelle laut ChatGPT: MDPI) beträgt demnach grob 460 m.
Die Karte, die man im Besucherzentrum von Mizpe Ramon (Google kann man in der Wüste vergessen) bekommt (die Aussichtsplattform für Besucher ist auf dem Foto links oben zu erkennen), sieht zwar detailreich aus, aber ist so klein gedruckt, dass man ein Mikroskop mitführen müsste.
Ich habe auch den Eindruck, dass sie nicht immer korrekt ist. Ich wollte direkt nach Süden nach Nahal Ramon (der Kraterkessel), wo der Trail eine Schotterpiste kreuzt, dann über den Pass des Makhtesh Ramon Geological Park zum Ammonite Wall und östlich davon auf der Straße wieder zurück. (Teile des Trails sind auch von Google Earth indiziert, aber das müsste man sich vorher ausdrucken.)
Ich wurde schon misstrauisch, als ich mir die Karte genau ansah. Der Weg ist zwar zu erkennen, aber verlief irgendwo im Nirgendwo, und ich fand die Kreuzung nicht. Also den nächstgelegenen Pass nach Süden hoch, wo es nach einem Pfad aussah, der aber nicht markiert war.
Gegen Mittag war ich auf der anderen Seite des Gebirgszuges und schon reichlich platt. Morgens war der Himmel noch voller Wolken, aber die wurden nach und nach von der Sonne weggeschmolzen, und die Temperatur stieg rapide an.
Meine hier schon lobend erwähnte Powerbank hat einen Kompass. Was die grobe Richtung anging, war ich auf der sicheren Seite. Die Trampelpfade (wenige Fußabdrücke, viele Hufe) aber verschwanden, und ich musste über die Steinwüste pur vorwärtskommen.

Im Hintergrund das Felsmassiv mit Mizpe Ramon
Entfernungen in der Wüste sind extrem schwer einzuschätzen. Das kenne ich aus anderen Steinwüsten, in Peru und Bolivien. Man denkt: Hinter der Ecke müsste man erkennen, wie es weitergeht, und dann kommt noch eine Ecke und noch eine und es hört nicht auf. Die Straße 40 hätte da sein müssen, war sie aber aber nicht.
Ich schwenkte nach Norden und fand irgendwann eine Schotterpiste, die auf dem Boden des Kraters west-östlich verläuft. Dann sah ich in weiter Ferne im Nordosten ein paar Jeeps Staubwolken aufwirbeln und gleichzeitig das Bergmassiv vor mir, auf dem Mizpe Ramon liegt. (Foto oben) Letzteres war näher als die Straße. Also kurzentschlossen den Weg nach oben finden und dann hochklettern.
Natürlich habe ich unter dem Baum gerastet, der einzige große Baum, den ich in sechs Stunden gesehen habe. Keine Ahnung, was den geritten hat, ausgerechnet dort zu wachsen. Der gehört eigentlich nach Afrika. Aber das ist ja nicht weit von Israel.
ChatGPT: „Der Baum auf deinen Fotos ist eine Schirmakazie (Vachellia tortilis) — die typische, ikonische Baumart des Ramon-Kraters und der zentralen Negev-Wüste in Israel.“
Der Anstieg nach Mizpe Ramon – fast 500 Höhenmeter – mörderisch. Es war mittlerweile brüllend heiß. Ich war froh, dass ich die Fremdenlegionär wüstentaugliche Kopfbedeckung gekauft hatte (natürlich made in China). Aber ich kam trotzdem an meine Grenzen und musste zum Schluss alle zehn Meter eine Pause einlegen. Die drei Liter Wasser waren auch schon in meinem Bauch.
Irgendwann war ich dann doch oben und holperte in meine Wohnung (die Vermieterin ist verreist bis morgen). Vor der Tür saß schon die Katze und schaute mich vorwurfsvoll und hungrig an. (Sie entscheidet, wann sie rausmöchte – kommt aber immer wieder.)
Wir gehen beide früh ist Bett..
Robots.txt
Schöner Nachruf bei Heise: „Abschied von robots.txt (1994-2025) – Das freiwillige Compliance-Protokoll, das das Internet zivilisierte, ist von uns gegangen.“
Ich habe auch so etwas. Ich hoffe, die Datei fühlt sich nicht einsam, wenn keiner mehr vorbeikommt.
User-agent: *
Disallow: /seminar140219/
Disallow: /becker/
Disallow: /cabrera/
Disallow: /fg/
Disallow: /bj/
Disallow: /freevideo/
Disallow: /upload/
Disallow: /txt/
Bei der Bilderzeugung ist hier ChatGPT (oben) mit demselben Prompt erheblich besser als Midjourney.

Eine humorvolle, metaphorische Szene, die zeigt, wie eine kleine, unscheinbare Textdatei namens „robots.txt“ auf einer Website liegt, während riesige, glänzende Suchmaschinen-Roboter (mit Logos wie generischen Suchsymbolen, keine echten Marken) achtlos an ihr vorbeilaufen oder sie übersehen. Die Datei winkt oder hält ein Schild mit „Bitte nicht indexieren!“ hoch, aber die Roboter ignorieren sie und durchsuchen den Rest der Website. Stil: moderne digitale Illustration, leicht satirisch, mit klaren technischen Details (z. B. HTML-Seiten, Crawler, Server). Farbpalette: blau, grau und grün. Atmosphäre: ironisch, aber professionell.
Hinaus ins Mittagland
Da sie nun Mose sandte, das Land Kanaan zu erkunden, sprach er zu ihnen: Ziehet hinauf ins Mittagsland und geht auf das Gebirge… (4. Mose 13)
Ich schrieb schon, dass man die Panoramen nicht fotografieren kann. Morgen gehe ich auf einen langen Marsch, dann werden wir sehen, wie das aussieht.

Mizpe Ramon liegt auf einer Anhöhe. Hier kann es zwar bis zu 40 Grad heiß werden, aber es weht immer ein lauwarmer Wind, so dass die Hitze erträglich ist.
„There are moderate to strong winds all year long, caused by its location above the crater, which make Mitzpe Ramon feel much colder than it really is.“ Sag ich doch. Unten im Krater wird es leider nicht mehr so sein.
Da stand eine Gruppe von Leuten herum, die alle in einem dicken Buch lasen und dabei ab und zu in den Krater schauten. Es waren vermutlich US-Amerikaner, und es war die Bibel. Wenn es der Wahrheitsfindung dient…
Weißt du etwas über ein Denkmal in Mizpe Ramon, auf einem Rondell an einer Straßenkreuzung, von zwei arbeitenden Männern?
ChatGPT: Nachgedacht für 35 Sekunden: Ja – das ist kein Denkmal, sondern ein öffentliches Kunstwerk in Mizpe Ramon. Es heißt auf Hebräisch „שחזור פריצת הדרך למצפה רמון“ („Rekonstruktion des Durchbruchs der Straße nach Mizpe Ramon“). Die Bronzeplastik zeigt zwei arbeitende Männer bei Straßenbauarbeiten und steht auf dem zentralen Kreisverkehr der Stadt. Urheber ist der israelische Bildhauer Asaf Lifshitz; die Aufstellung ist spätestens 2018 belegt.
Zu diesem Standort passt die lokale hebräische Bezeichnung כיכר החלוצים (Kikar HaHalutzim = „Pionier-Platz“), die von Gemeinde/Ortsquellen verwendet wird – das ist der große zentrale Kreisverkehr am Stadteingang, auf dem die Skulptur mit den zwei Arbeitern steht.
Der Mann hatte seine Familie und das Gewehr dabei. Ich wollte die Leute nicht nerven, aber ich habe mindestens vier Bewaffnete im Supermarkt gesehen, alle mit Sturmgewehren.
(Der Einkaufszettel liegt verkehrt herum.) Alles zusammen kostete 147,50 Schekel, das sind 38,14 Euro. Das reicht für zwei Tage. Sagte ich schon, dass ich wieder mein Idealgewicht habe?
Gefühlt es es um die Mittagszeit 40 Grad heiß, und ich bin nur haarscharf an einem Sonnenbrand vorbeigeschrammt. Obwohl das hier mitten in der Wüste liegt, leisten sie sich Wasserspiele. Unzählige Bänke im Schatten gibt es auch, weder beschmiert noch dreckig. Ich will nicht alles schönreden, aber es ist eben so.
In Jerusalem habe ich auch einen Obdachlosen gesehen, der auf dem Trottoir der Jaffa Road übernachtete. auf dem Davida Square sitzen immer ein paar Säufer herum – das war schon so vor zwei Jahren.
Die Katze darf immer raus, wenn sie will. Wenn man rausgeht, wartet sie dann oft vor der Wohnungstür, wenn man zurückkommt. Meine Wirtin sagte, die Katze hatte sie adoptiert, nicht sie die Katze. Das Tierchen ist total entspannt und ruiniert auch keine Pflanzen, obwohl das bei Kakteen auch nicht ganz so einfach ist.
Mizpe Ramon und drumherum

Mizpe Ramon in der Negev-Wüste, Israel. Ich wohne in einem Haus an der Straße ganz rechts.
Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.
Jetzt wird es langweilig. Die Wüste, wie der Name schon sagt, ist wüst. Da ist also nichts, noch weniger als in Königswusterhausen. Oder sehr wenig, ansonsten nur Steine. Aber wenn man genauer hinguckt, wird es schon komplizierter.
In Secondlife bin ich bekanntlich professioneller Wüsten- und Oasenbauer. Aber hier sieht es noch wüster aus, weil außerhalb der wenigen Ortschaften weder Palmen noch richtige Bäume wachsen.
Südlich von Mizpe Ramon (100 Meter von meiner Privat-Unterkunft entfernt) beginnt der Machtesch Ramon, ein „40 km langer Erosionskrater mit eindrucksvollen geologischen Formationen.“ So etwas kann man eigentlich gar nicht fotografieren. Ich versuche es morgen noch einmal mit Stativ und besserer Kamera.
Ich werde den Krater erkunden, aber mir vorher eine Karte aus Papier besorgen, weil es – Überraschung! – dort kein Internet gibt, wie mir meine Zimmerwirtin mitteilte.
Das wird endlich wieder mal ein authentisches Reisegefühl werden – wie früher. Kilometerweit ringsum ist nichts, auch kein Wasser. Kein Internet. Und ein Fehltritt, und du bist am Gesäß. Brüllend heiß ist es sowieso, und nachts saukalt. Das hatte ich das letzte Mal 1984 in Chipaya in Bolivien.
Ich bin übrigens älter als Mizpe Ramon. Der Ort wurde erst 1956 gegründet.
Ich war heute Nachmittag im kommunistischen HaAgala Cooperative Supermarket – „a cooperative grocery owned by the residents of Mitzpe Ramon“. Ich habe die Wohnung für zwei Tage allein, weil meine Wirtin verreist. Vermutlich hat sie erst gewartet, was für ein Typ ich bin und ob ich in der Lage bin, mir selbst ein Ei zu kochen und Wasser heiß zu machen. Ich muss nur die Katze füttern, die aber durch die Gegend streifen darf.
Zu der Aussicht hier passt nur das Adjektiv „spektakulär“. Bei Sonnenuntergang treffen sich ein paar Leute auf dem „Camel Mount“ und fotografieren sich gegenseitig.
Ich bin dort eine Weile geblieben, bis es fast dunkel war. Die kleine Hirse hat das unterste Foto künstlich intelligent heller gemacht als es in der Realität war. Am Horizont sieht man links und rechts von der Mitte ganz kleine Lichter. Ich habe nach Südosten bzw. nach Süden fotografiert. Velleicht sind das Razula oder Shitim oder der Kibbutz Ne’ot Semadar. Eilat ist ca. 150 Kilometer entfernt.
Durch die Wüste
Mizpe Ramon, Negev, Blick aus der Küche meiner Unterkunft auf den Camel Mount.
YMCA und Etzel
Gestern war ich doch auf dem YMCA-Turm. Allein ist das nicht möglich, aber der freundliche Rezeptionist fragte ein US-amerikanisches Rentner-Ehepaar, ob sie mich mitnähmen.
Muss man nicht machen, außer man will das King-David-Hotel in voller Länge und Breite sehen. Und der Sonnenuntergang findet auch auf der anderen Seite statt.
Als ich 16 war, las ich zum ersten Mal von diese Hotel. „Weltweit bekannt wurde das Hotel durch den Bombenanschlag am 22. Juli 1946 durch die von Menachem Begin geführte radikal-zionistische Terrororganisation Irgun.“
Etzel! Etzel-Museum! Kommt noch.
Bet Guvrin – Stadt der Freien
Das Café im Kibbutz Bet Guvrin besteht nur aus einer Art Currywurstbude ohne Currywurst und Bänken im Schatten. Es gab aber leckeren Milchkaffee, Obstsäfte und ein herzerwärmendes Lächeln. Und ein längeres Gespräch. Nein, der Krieg ist nicht zu Ende.

Gali und Ziv sind frei! Willkommen zurück! Wie sehr haben wir auf euch gewartet!!!
„Der heutige Kibbuz wurde 1949 von Palmach-Veteranen auf dem Gelände des arabischen Dorfes gegründet. Ein wichtiger Wirtschaftsbereich der Siedlung ist der Tourismus.“
Die Ruinen von Eleutheropolis und das römische Amphitheater habe ich mir nur von weitem angesehen, weil ich ein bisschen kaputt war (dazu später).
Man sieht kilometerlange Sonnenkollektoren und Pflanzen, an die, um sie zu bestimmen, ich eine App hätte halten müssen. An der Bushaltestelle an der stark befahrenen Landstraße wurde ich von einigen Autofahrern gegrüßt. Vielleicht sieht ein Kibbuz-Bewohner so aus wie ich oder die dachten, ich wohnte dort.
Die korrekte Schreibweise im Deutschen ist „Kibbutz“. ✅
– Kibbutz – richtige Schreibweise (aus dem Hebräischen קִבּוּץ, *qibbuts*, „Versammlung“, „Gemeinschaft“).
– Kibbuz oder Kibutz – gelegentlich anzutreffen, aber falsch oder nicht standardsprachlich.
👉 Der Plural lautet Kibbutzim (קיבוצים).
Nach- und Vortrag
Hier noch einmal die erwähnten Gräber im Kidrontal, jetzt aber fotografiert mit meiner GoPro HERO9, also mit wesentlich höherer Auflösung. Die Original-Datei hat 7,5 Megabyte Größe. Ich nutze die Kamera selten, weil die App total unübersichtlich und nervig ist. Nur wenn ich ein kleines Stativ benutze, macht es Sinn.
Nach- und Vortrag: Wenn es jemandem nicht passt, was ich schreibe, dann empfehle ich, nicht mehr hier zu lesen. Ich zwinge niemanden. Wenn ich das könnte, würde ich es tun – dann säßen Tausende gefesselt auf Stühlen, bekämen 24 Stunden lang nur burks.de zu lesen und dürften nur ein Mal am Tag kacken.
Über was soll ich schreiben, wenn ich in Israel bin? Über Bomben auf Kabul? Oder über María Corina Machado? Oder über die unsägliche Dunja Hayali?
ChatGPT übersetzt: Für andere – Ängste existieren nicht.
Zum Gedenken an Stabsunteroffizier Gary Zulet [Gary Lalhruaikima Zolat] (möge Gott sein Blut rächen!)
Das Plakat zeigt also ein Erinnerungsplakat für einen gefallenen israelischen Soldaten mit einer ermutigenden Botschaft über Mut und Selbstlosigkeit.
Die Stadt Davids

Jerusalem zur Zeit König Davids (ca. 1000 v. Chr.) und heute (künstlerische Darstellung)
„Wie um Jerusalem Berge sind, also ist der Herr um sein Volk her, von nun an bis in Ewigkeit.“ (Psalm 125, Vers 2, Luther-Bibel 1545)
Wir machen heute eine unterirdische Wasserwanderung. Zu welchem Behufe muss ich erklären. Ich bin bekanntlich ein Fan Israel Finkelsteins, der nichts glaubt, was in frommen Büchern steht, sondern auf Wissenschaft, Archäologie und Fakten besteht. Der König David der Bibel ist für ihn ein „König eines Hügelchens“ und mitnichten so großartig, wie ihn Tora und Bibel beschreiben, und war auch kein Herrscher eines Reiches. (So steht es auch auf Wikipedia.) Dass er existiert hat, steht dank außerbiblischer Quellen außer Zweifel. Die Bibelstellen, die über David berichten, sind aber erst ca. 400 Jahre später geschrieben worden.
Finkelsteins Argumente sind bestechend. Er wird als „Minimalist“ bezeichnet – das Gegenteil derer, die die Bibel für ein historisches Buch halten und dann nach den Fakten suchen, die das untermauern könnten – wie Gershon Galil und die große Mehrheit aller, die in Jerusalem herumgebuddelt haben.
Ich hatte mir, wie ich schon schrieb, Doron Spielmans „When the Stones Speak: The Remarkable Discovery of the City of David and What Israel’s Enemies Don’t Want You To Know“ besorgt. Spielman und Peer Group haben die Davidsstadt so weit ausgegraben, dass sie jetzt Besuchern zugänglich ist. Die war nicht in Jerusalem selbst, sondern südlich davon auf einem Hügel.
Die „Minimalisten“ – auch Finkelstein – mussten nach den Ausgrabungen Spielmans zugeben, dass sie sich beim Thema „König David“ vermutlich ein wenig geirrt haben. Die Davidsstadt wurde er nach Finkelsteins Buch vollständig archäologisch erschlossen. Was unter einem Parkplatz lag, hat alle Theorien über den Haufen geworfen.
Ich will nicht das sehr empfehlenswerte Buch rezensieren. Ich wollte mir den besonderen Clou der archäologischen Entdeckungen selbst ansehen. Unten im Tal vor den Mauern Jerusalems gibt es die Gihonquelle, die den Teich von Siloah speist, der erst 2004 entdeckt wurde.
Zwischen dem Wasser des Teiches und dem Hügel unter der Altstadt Jerusalems existiert ein fast 3000-jähriges Tunnelsystem, das die Wasserversorgung der Bevölkerung sicherstellte. Das ist der Hiskia-Tunnel. Da kann man durchlaufen.
Das Publikum ahnt, was jetzt kommt. Es gibt eine trockene und nasse Version. Die nasse ist ewig lang, und auch die trockene hat es sich. Auf der Karte unten kann man es sehen – die Tunnel sind so lang wie die gesamte südliche Stadtmauer.
Am Beit Hatzofeh [Haus des Wächters] Aussichtspunkt in der Davidsstadt liest man: „Jerusalem wurde erstmals auf dem Hügel gegründet, auf dem Sie jetzt stehen, vor etwa 4.000 Jahren, während der Kanaanäischen Zeit (Mittlere Bronzezeit II). Den Hügel flankieren das Kidrontal und das Zentrale Tal, und der Berg Moriah erhebt sich im Norden.
Eine Reise in die Stadt Davids, den alten Kern Jerusalems, ist eine Reise zur Quelle. Die Stadt Davids war die erste Hauptstadt der Stämme Israels und das spirituelle und politische Zentrum der jüdischen Nation. Viele der Bücher der Bibel wurden hier geschrieben, und von dem kleinen Hügel der Stadt Davids ging der Glaube an den einen Gott und die grundlegenden menschlichen Werte aus, die von den Propheten gelehrt wurden, welche die ganze Welt inspiriert haben.
Die Stadt Davids ist der Ort, an dem Jerusalem geboren wurde – der Ort, an dem alles begann.“
„Aber David eroberte die Bergfeste Zion; das ist nun die Stadt Davids.“ (2. Samuel 5,7)
Die stufenförmige Steinstruktur, die hier freigelegt wurde, ist Teil einer gewaltigen Stützmauer. Wissenschaftler sind sich über das Datum ihrer Errichtung uneinig: Einige behaupten, sie sei am Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. erbaut worden – möglicherweise als Teil des Fundaments der kanaanäisch-jebusitischen „Bergfeste Zion“, die von David erobert wurde. Andere wiederum vermuten, dass sie den Palast Davids stützte, dessen Überreste vielleicht kürzlich auf dem Hügel entdeckt wurden.
– Der Zutritt zum Wassersystem ist nicht empfohlen für Personen mit Klaustrophobie, Schwangere oder Menschen mit gesundheitlichen Problemen.
– Die Tunnelabschnitte sind etwa 60 cm breit.
– Besucher des Hiskia-Tunnels müssen in der Lage sein, durch Wasser bis zu 70 cm Tiefe zu gehen.
– Besucher müssen eine Taschenlampe und geeignetes Schuhwerk für das Gehen im Wasser mitbringen.
Ja, ich hatte Sandalen dabei.
Es begann ganz gemütlich, alles hervorragend ausgebaut, wie der Einstieg in ein Bergwerks-Museum oder die Dechenhöhle.
Nehmt mit euch die Großen eures Herrn und setzt meinen Sohn Salomo auf mein Maultier und führt ihn hinab zum Gihon. Und der Priester Zadok samt dem Propheten Nathan salbe ihn dort zum König über Israel. (1. Könige 1, V. 33)
Die kanaanitische Quelle und die Höhle sind Teil des Tunnelsystems – der Pool wurde vor 3800 Jahren (!) gegraben.
Dann ging es noch viel tiefer hinunter. Und es wurde schmaler und schmaler und feucht und feuchter und stockdunkel. Ich stand plötzlich bis zu den Knöcheln im fließenden Wasser, dann bis zu den Knien. Ich habe krampfhaft mein Handy umklammert, denn wenn das ins Wasser gefallen wäre, hätte ich nicht die Hand vor Augen gesehen. Ziemlich glitschig war es auch.
Man kann sowas machen. Aber es hörte einfach nicht auf. Ich weiß gar nicht, wie lange ich vor mich hingestolpert bin. Zum Glück war es so schmal, dass ich mich manchmal seitwärts durchquetschen musste, kombiniert mit Löchern im Boden, die ich nicht sah. Ich konnte nur vorwärts fallen. Binnen kürzester Zeit war ich bis zu den Oberschenkeln klatschnass.
Ich muss zugeben, dass ich irgendwann – nach gefühlt mehreren Stunden – froh war, dass ich endlich wieder Licht sah.
Den trockenen Teil wollte ich auch durchlaufen. Das war früher ein Pilgerweg, der wohl bis zur Römerzeit noch in Gebrauch war: Von dem Teich bis nach oben die die Altstadt. Der Höhenunterschied ist beträchtlich. Eine gewisse Fitness ist empfehlenswert.
Auch hier: Erst alles schön breit und fachmännisch verstrebt, weil die Muslime oben drüber dachten, die Juden würden den Tempelberg so unterhöhlen, dass alles zusammenbräche. Deswegen wurde die Statik von Ingenieuren überwacht.
Doch auch hier: Das wurde schmaler und schmaler. Wer breiter ist als ich, passt da gar nicht durch. Und ich habe mein Idealgewicht. Und es ging auch noch steil aufwärts. Ich habe mir ständig den Kopf gestoßen.
Frage: Wie haben die Mannen Hiskias (725 – 696 v. Chr. König von Juda) den Tunnel gegraben? Der läuft gar nicht geradeaus, sondern hat manchmal Kurven. Vor den Fundamenten der Westmauer biegt er nach links ab. Das war ein paar Jahrhunderte, bevor die Römer Maßstäbe in Ingenieurskunst setzen. Ich verstehe das nicht. Der Felsen ist recht massiv, sonst wäre ihnen alles zusammengestürzt. Dazu braucht man recht viele Leute; es passen nicht zwei nebeneinander. Und nur mit primitiven Spitzhacken?!
Kidroner Müll, ausserrussische Russen und keine Sachertorte

Die orthodoxe Tzemach-Tzedek-Synagoge am Hurva-Platz, jüdisches Viertel der Altstadt Jerusalems. Auf dem Transparent steh: „Make Gaza Jewish again“
Heute musste ich schon wieder umdisponieren. Die Tour nach Masada fällt aus – zu wenig Teilnehmer. Das erklärt auch, warum ich bisher eigentlich gar keine klassischen Rucksack-Touristen gesehen habe (oder gibt es die gar nicht mehr?). Also muss ich die im nächsten Jahr nachholen. Das wäre dann der dritte Versuch. Nach Gaza geht es am letzten Tag der Reise.
Ich wollte heute zum Bet-Guvrin-Marissa-Nationalpark. Aber es ist schon wieder ein Feiertag – Simchat Torah („Freude an der Tora“). Das merkte ich erst, als die Tram nicht fuhr und alle Geschäfte auf der Jaffa Road geschlossen waren. Ich versuche es morgen.

Absaloms Grab oder auch die „Mütze des Pharao“ im Kidron-Tal. Mit dem biblischen Sohn Davids hat das Monument nichts zu tun – es ist einer aristokratischen jüdischen Familie aus der Zeit des Zweiten Tempels zuzuordnen; ihr Name ist nicht bekannt.
Ich wanderte spontan ins Kidron-Tal. (Es ist heute brüllend heiß – angeblich 24 Grad, aber gefühlt 35.)
Ich kann die Exkursion nicht empfehlen. Die Gräber und die unmittelbare Umgebung sehen aus wie eine Müllhalde – als wenn seit Jahrzehnten jeder Besucher alles Plastik von sich geworfen hätte und niemals jemand etwas gesäubert hätte. Es gab auch ein visitor’s tent, das natürlich geschlossen war. Mulleimer habe ich nicht gesehen.



Grab des Zacharias
Ich bin weiter über einen Pfad zu den Arabern hochgestiegen in die unmittelbare Nachbarschaft der jüdischen Gräber. Vom dort aus kann man aber nicht da hin, man muss bis die ultrasteilen Gässchen mühsam hochklettern. Im arabischen Teil Jerusalems sieht es hier auch nicht besser aus als im Kidron-Tal.
Irgendwann kam ich doch oben an. Dieses Mal war ich nicht allein, aber nur wenige Touristen waren da: US-amerikanische ältere Damen mit riesigen Namensschildern vor der Brust baumeln, eine verrückte Asiatin in weißer Kleidung, die inbrünstig eine Mini-Harfe traktierte und sang.
Und die nervigen arabischen „Ambulantes“, die einem total penetrant irgendeinen albernen Kitsch andrehen wollten. Bei einem wurde ich richtig grob, bis er zurückwich. Auch „Palästinenser“-Tücher – ich wundere mich, dass die Israelis das erlauben. Ich musste mich stark zurückhalten, um nicht irgendeine Hassrede dumme Bemerkung zu machen.

Ölberg – hier sind offenbar die Gräber, die noch nicht belegt, sondern noch verkauft werden sollen.
Die Preise der Gräber starten ab 10.000 Dollar bis zum Fünffachen. Andere Quellen geben noch wesentlich höhere Preise an. Sehr schöner Satz zum Thema von Barbara Weibel: „Jerusalem, the Only City in the World Where Facts are Irrelevant“.


Auf dem unteren Foto kann man links die „City of David“ lokalisieren – dazu später.
Beim Abstieg sah ich ein kleines Schild: Tombs of the Prophets – Russian Ecclesiastic Mission – The Russian Orthodox Church outside Russia. Die hatten wir noch nicht. Und auf keinen Fall verwechseln mit der Russian Orthodox Church inside Russia! [Antwort von ChatGPT – Textdatei] Auch ein Mönch werkelte an der Tür herum. Er bot mir an, mich hereinzulassen.
Einer mittelalterlichen jüdischen Überlieferung zufolge, die auch von Christen übernommen wurde, handelt es sich bei der Katakombe vermutlich um die Grabstätte von Haggai, Sacharja und Maleachi, den letzten drei hebräischen Propheten der Bibel, die vermutlich im 6. bis 5. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben. Archäologen datieren die drei ältesten Grabkammern auf das 1. Jahrhundert v. Chr. und widersprechen damit der Überlieferung.
Zu sehen ist eigentlich nichts, außer Löchern in Höhlen. Ich fragte den Mönch natürlich, woher er wisse, dass hier die Gräber der biblischen Propheten Haggai, Zechariah and Malachi seien. Oral history, sagte er. Wieder mal Fake News – aber wie sollen die außerrussischen Russen sonst auf sich und ihre Katakomben aufmerksam machen, wenn Katzenvideos und halbnackte Mädels nicht erlaubt sind?
Wir haben noch ein wenig theologisch gefachsimpelt, und ich spendete dem armen Kerl ein paar Schekel. Und ging dann zu den Österreichern, um eine Suppe zu essen.
Ich vergaß zu erwähnen, dass die Sachertorte und Käsekuchen verkaufen sowie Wiener Melange. Ich konnte es mir noch gerade verkneifen, die Sachertorte zu bestellen – 24 Schekel, also sechs Euro für ein Stück. Da könnte ich den ganzen Tag verbringen. Aber dafür bin ich nicht in Israel.
Mittlerweile muss ich in der Altstadt nicht immer Google bemühen. Der Laden, der echte (natürlich!) alte russische Ikonen verkauft und echte (natürlich!) Perserteppiche, ist in der Via Dolorosa, wenn ich mich recht erinnere. „Die einzige Stadt der Welt, in der Fakten irrelevant sind.“
Warum sind viele Araber so fett? Dicke Israelis habe ich noch nicht viele gesehen. Vielleicht ist dieser Laden unweit des Damaskus-Tores im muslimischen Viertel die Antwort.
Von Äthiopien, Autokelaphen und Österreich
Wir müssen uns kurz religionssoziologisch betätigen und vor allem den religiotischen Überblick behalten, was jetzt ziemlich schwierig sein wird. Hier also ein weiterer Teil der „Hidden-Gems-Tour“ durch Jerusalem mit Noam Chen.
Und das beginnt so: Man betritt eine Kneipe im armenischen Viertel hinter dem christlichen schwedischen Studienzentrum. Man muss eben wissen, welche Kneipe. Hinter dem Hinterausgang steht die Christuskirche.
Wait a minute. Das sind Anglikaner, also Protestanten – „originally named the „Apostolic Anglican Church“, it was consecrated as „Christ Church“ on 21 January 1849.“ Apostolisch? Da klingelt doch was. Wir hatten irgendwann die „die Katholisch-apostolische Gemeinden, die sich von der Anglikanischen Kirche abspalteten“ durchgenommen.
Aha. Wisst ihr also Bescheid. Nein, diese haben mit jenen nichts zu tun. Dazu sind Abspaltungen da.
Wir haben hier eine religionssoziologische Absurdität Besonderheit: Auf dem Altar ist alles Hebräisch. Und die Gläubigen singen und werfen die Hände hoch wie die ekstatischen protestantischen Sekten in den USA (nein, das tun Anglikaner nicht, die bleiben stumm und still sitzen und lauschen dem Wort). Ich war Augenzeuge.
Das geht ja gar nicht. Ist das etwas religiotischer Eklektizismus wie ein melanesischer Cargo-Kult? Die korrekte Antwort ist vermutlich: Es ist Jerusalem.
Wir marschieren weiter. Ich musste ChatGPT fragen. Das Schild ist auf Griechisch und lautet:
ΕΛΛΗΝΟΡΘΟΔΟΞΟΝ ΠΑΤΡΙΑΡΧΕΙΟΝ ΙΕΡΟΣΟΛΥΜΩΝ
ΙΕΡΑ ΜΟΝΗ ΙΩΑΝΝΟΥ ΤΟΥ ΠΡΟΔΡΟΜΟΥ ΚΑΙ ΒΑΠΤΙΣΤΟΥ
Griechisch-Orthodoxes Patriarchat von Jerusalem – Heiliges Kloster des Johannes des Vorläufers und Täufers. Muss man aber erst einmal finden. Die Tür ist nicht sehr groß. Abgehakt.
Hatten wir schon die Muselmanen? Die Omar-Moschee liegt recht versteckt und ist nur zum Verehren des zuständigen höheren Wesens zugänglich. Ich hatte Noam vorher gesagt, dass mich der Islam gar nicht interessierte, nur wenn es sich nicht vermeiden ließe.
Ein paar Schritte weiter lauert das Koptische Orthodoxe Patriarchat Jerusalem. Der Eingang ist winzig und sieht wie ein Seiteneingang der Grabeskirche aus. Die Touristen werfen nur manchmal einen kurzen Blick hinein.
Aber dort geht es in den Untergrund – eine extrem steile Treppe und Torbögen, die nur gut einen halben Meter hoch waren. Ich kam kaum hindurch. Dorthin verirrt sich so gut wie nie jemand.


Beide Fotos: Noam Chen
Der Boden der versteckten und fast leeren Zisterne ist voll Müll und Matsch, aber das scheint die Kopten nicht zu interessieren.
Steigen wir ganz hoch auf die Dächer der Grabeskirche. Ohne Führer findet man das übrigens nie.
Hier haben wir das äthiopisch-orthodoxe Kloster Deir es-Sultan. Die Mönche und Nonnen gehören zur Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche, einer altorientalischen Kirche, die ihre Wurzeln in Äthiopien und Eritrea hat und sich von den Kopten abgespalten hat.
Tewahedo bedeutet – vergleichbar dem islamischen Konzept Tauhīd – „Einheit“ und bezieht sich auf die Vereinigung der beiden Naturen in Christus, einer theologischen Streitfrage des frühen Christentums, aufgrund derer sich beim Konzil von Chalcedon [451 in Bithynien] einige Gruppen abtrennten, die so genannten Monophysiten. Ob die Äthiopische Kirche monophysitisch war, ist unter Wissenschaftlern noch nicht einhellig geklärt.
Ach. Ach was.
Von denen hatte ich noch nie gehört. Die mussten aufs Dach, weil unten kein Platz mehr war. 35 bis 60 Millionen Gläubige – heilige Scheiße! „So schloss sich beispielsweise ein bedeutender Teil der Anhänger der jamaikanischen Rastafari-Religion inzwischen der äthiopischen Kirche an.“
Ach so. War Bob Marley auch schon hier?
Ich fragte naiv, warum die Dächer der Mönchsbehausungen zum Teil aus Wellblech und die Kreuze so grob zusammengezimmert seien, so dass ich als Heimwerker beinahe meine Hilfe angeboten hätte. Noam antwortet trocken, das würde in Afrika wahrscheinlich alles auch nicht anders aussehen. Klar, dort gibt es bekanntlich viel weniger Baumärkte.
Wir brauchten jetzt unbedingt ein Kontrastprogramm.
Unweit der Via Dolorosa im muslimischen Viertel der Altstadt liegt das katholische Österreichische Hospiz zur Heiligen Familie. Sei gegrüßt, altes Europa, mit Holzvertäfelung, gutem Kuchen, einem äußerst gepflegten Garten und einer Dachterrasse mit großartiger Aussicht über ganz Jerusalem (schon der Eingang des Hospizes ist ein Stockwerk über den Gassen).
Noch mal zum Mitschreiben: Österreicher. Katholiken. Muslimisches Viertel. Israel.
Österreichischer als hier geht es gar nicht. Irgendwann war das Gebäude auch eine britische Offiziersschule. Vielleicht sollte man noch anmerken, dass auch der jordanische König Abdallah während der jordanischen Besetzung Jerusalems dort gestorben ist. „Bei der Notbetreuung tat sich besonders Schwester Liliosa Fasching hervor, allerdings erlag der König seinen Verletzungen.“
Gut zu wissen.
Ich sollte jetzt besser aufhören. Sonst kommt noch der Pastafarianismus auf dumme Gedanken und will irgendeinen Ort in Jerusalem. Aber warum eigentlich nicht?
Ich aber sage euch [Update]
Ich aber sage euch, trotz der Reden Trumps und Netanjahus vom ewigen Frieden: Das wird nicht lange halten.
Man merkte das schon Rauswurf Ayman Odehs von der Hadash–Ta’al-Allianz und des so genannten „Linken“ Ofer Cassif: Sie können es einfach nicht lassen mit ihrem Phantomstaat „Palästina“. Der Protest der israelischen Araber beweist eben auch: Sie sind beide Nationalisten, und beide können nicht mit Juden friedlich zusammenleben – sonst brauchten sie keinen eigenen Staat fordern. Wie würde der wohl aussehen?
Die Junge Welt kann den antisemitischen Irrsinn noch toppen: „Entgegen der Behauptung von Kanzler Merz machten Zehntausende Demonstranten am Sonnabend in Berlin deutlich, dass es auch nach einer Waffenruhe Grund genug gibt, weiter an der Seite der Menschen in Gaza zu stehen.“- „»Ein Waffenstillstand bedeutet noch lange nicht Befreiung«, machten Redner deutlich.“ Befreiung von was wohl?
Khalil al-Hayya, einer der Hamas-Führer, die an den Kairo-Verhandlungen teilnahmen, sagte heute Folgendes: „Der Countdown zum nächsten Massaker hat begonnen. Beim nächsten Mal werden wir alle Juden abschlachten.“
Ich aber sage euch: Beim nächsten Mal wird keiner von euch arabischen Hampelmännern übrigbleiben.
[Update] „Die Stimmung ist gekippt: Europa sei nicht mehr ernstzunehmen, heißt es in Israel. Und höchstens noch gut, um etwas Geld beizusteuern.“ Full ack, bürgerliche Presse.
Und jetzt wieder alles wie gewohnt hier.

Im Hintergrund die Klagemauer aka Western Wall.
Mea Shearim oder: Ultra Ultras, revisited
Wir rollen die Katze vom Schwanz her auf. Am Ende der gestrigen Hidden-Gems-Tour mit Noam Chen stand ein Besuch im ultraorthodoxen Stadtviertel Me’a Sche’arim. Das liegt nördlich vom Damaskus-Tor.
Aktuell angemerkt: Ich weiß hier kaum mehr, als in den israelischen Medien online oder von deutschen Qualitätsboulevardmedien live verbreitet wird.
„Nach den Informationen, die soeben vom Roten Kreuz eingegangen sind, wurden sieben Geiseln in dessen Obhut übergeben, und sie befinden sich nun auf dem Weg zu den Kräften der IDF und des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet im Gebiet des Gazastreifens.“
Die ersten freigelassenen Geiseln können mit ihren Familien reden.
Me’a Sche’arim ist heute ein Viertel im Westteil Jerusalems, wo die Alltagssprache vornehmlich Jiddisch ist. Die Bewohner, welche verschiedenen charedischen, also teils chassidischen und teils misnagdischen Gemeinschaften angehören, halten sich an die traditionelle Auslegung der Tora und an die Mitzwos, die schon seit mehr als 3300 Jahren von Lehrer zu Schüler, Vater zu Sohn und Mutter zu ihren Kindern weitergegeben wird (Wikipedia)
Die Fotos sind selbsterklärend. Ich habe mich mit Noam natürlich die ganze Zeit über alles unterhalten. Wir stimmten fast in allem überein, auch darin, dass die öffentlich verbreiteten Meinungen in Deutschland über Israel „für die Katz“ sind. Bis jetzt sagten alle Israelis, mit denen geredet habe, das sei noch nicht das Ende, und es würde natürlich weitergehen, weil die so genannten „Palästinenser“ völlig irre sind, und zwar mehrheitlich.
Daher ist divide et impera eine gute temporäre Lösung, aber das ist ja schon einmal schiefgegangen (obwohl die Haaretz in Israel so „Mainstream“ ist wie in Deutschland die „Junge Welt“). Der Sprecher der Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde: „Die Hamas legt derzeit den Grundstein für einen Bürgerkrieg im Gazastreifen“. Es ist gut möglich, dass Israel dies in der nächsten Phase bereits mit einkalkuliert hat und dass diese Entwicklung die Hamas von selbst schwächen könnte.
Die Hamas lässt sich mittlerweile von den Bewohnern Gazas feiern. Quod erat demonstrandum.
Zu Mea Shearim: Normalerweile sieht es dort ein bisschen anders aus. Jetzt sind auf allen Balkonen, die jedem Bauingenieur einen Nervenzusammenbruch bescheren würden, sukkotische Holzhütten gebaut. Auf dem Foto oben lugen Kinder aus dem Fenster so einer „Hütte“ auf die Straße. Noam sagte, auch er wäre ein Fremder hier, der neugierig betrachtet würde.
Überall wird darum gebeten, „angemessene“ Kleidung zu tragen. Was das ist, weiß man nicht so genau. Männer, von denen man bei den Orthodoxen offenbar annimmt, sie dächten nie oder immer an Sex, sollen kein nacktes Fleisch sehen.
Wir kamen ein paar Mal in den Gassen ins Gespräch, was aber immer komisch endete. Ich redete einen Mann mit einem Mädchen auf Jiddisch an, und er verstand nichts, obwohl er von oben bis unten voll halachisch aussah. Es stellte sich heraus, dass er orthodoxer Tourist war, also gar nicht von dort stammte. Das andere Mal wurde Noam gefragt, ob er Jude sei, und der Orthodoxe verwickelte ihn ein chiliastisch und für mich einseitig aggressiv klingendes Gespräch, bei dem es, wie mein Guide sagte, darum ging, warum überhaupt arabische Terroristen freigelassen würden.
Wir waren uns auch hier einig. Kann man machen, aber der Mossad kriegt sie auf lange Sicht sowieso alle.
Wir begegneten auch einer Familie, von der Noam sagte, man nennte sie spöttisch „Taliban-Juden“. Die Frau trug Ganzkörperburka und wäre auch im hintersten Afghanistan nicht aufgefallen. Offenbar eine Abspaltung von einer Abspaltung der halachischen Befreiungsfront mit elfeinhalb Mitgliedern.
Und Graffiti „Free Palestine“ oder so ähnlich (Foto unten), gesprüht von Juden. Sachen gibts. Die ultra Ultras lehnen den Staat Israel ab. Wer soll sie aber vor arabischen Terroristen schützen? Diese Haltung, auch hier stimmten Noam und ich überein, wäre eine sehr komplizierte Methode, Suizid zu begehen, wenn es die IDF nicht gäbe.
Auf dem Schild des Fotos unten steht: „Ich bin Jude und zutiefst entsetzt – ich würde lieber sterben, als mich der Armee des zionistischen Staates anzuschließen.“
Das ist nicht spezifisch judensektiererisch, auch die Zeugen Jehovas und die Mennoniten sind ähnlich gestrickt. Offenbar gibt es eine komische Sorte Jecken, wie hier schon kommentiert wurde, in jeder Religion.
Zweite Vorrede zu den Gems
Die geplante Tour morgen in die Umgebung von Gaza fällt aus bzw. wird verschoben, vermutlich auf den letzten Tag meiner Reise.
Noch einmal zur allgemeinen Stimmung. In der Altstadt knirscht es auch symbolisch zwischen Juden und Arabern, weil einige heilige jüdischen Stätten mitten im Araberviertel sind. Und dort stehen dann die riesigen siebenarmigen Leuchter und flattern die israelischen Fahnen möglichst so, dass es kein Araber übersehen kann.
Mir wurde gesagt, dass das arabische Viertel als für Juden gefährlich gilt. Nur jetzt während der Feiertage war auch das muslimische Viertel voll jüdischer Strenggläubiger. Und dann wieder die jüdischen Ultras, die mit einem kleinen Auto durch die schmalen Gassen bretterten und religiöse Propaganda per Lautsprecher ertönen ließen. Ich stand neben einem älteren Araber, der grinsend den Kopf schüttelte. Zu Fuß hätten sie sich das vermutlich nicht getraut.
Während man sich darüber Gedanken macht, steht man plötzlich vor einem Schild, das einen darauf hinweist, man gehe gerade über eine Straße, die von dem Römern vor rund 2000 Jahren angelegt wurde.
Ja, gefährlich ist es vermutlich nicht, oder nicht immer. Aber das weiß man eben nicht genau in Jerusalem. Es kann immer alles passieren.
Vorrede zu den Gems
Am 07.09.25 schrieb ich: „Ich lasse mich übrigens im Oktober von Noam Chen in Jerusalem herumführen (…) Wir werden auch gemeinsam nach Me’a Sche’arim gehen.“
Das geschah heute. Die Tour heisst Hidden Gems, also die verborgenen Schätze von Jerusalem – Orte, die normalerweise kein Tourist besucht (weil er sie gar nicht findet). Was genau, entscheidet der Kunde. Ich hatte von Noam eine Liste bekommen und suchte mir einige aus. Die Führung ist nicht billig, aber es ist es wert. Sie dauerte vier Stunden.
Ich war aber heute insgesamt zehn Stunden auf den Beinen und habe soviel gesehen und erlebt, dass ich ich nicht weiß, wie weit ich heute komme. Zwischendurch musste ich auch noch nach Tel Aviv und zurück.
Warum der Supermarkt? Ich hatte auf Reisen immer das Gefühl, ich sei erst dann richtig „angekommen“, wenn ich etwas in einem normalen Supermarkt eingekauft habe – wie heute Shampoo.
Jerusalem ist immer noch proppevoll, weil Sukkot gefeiert wird. Zwischendurch, als wir gerade losmarschierten, wurde die Altstadt sogar wegen Überfüllung geschlossen – aber mein Guide (um das Wort Führer zu vermeiden) kannte natürlich einen „Nebeneingang“, und der Polizist, der ihn bewachte, wurde überredet, uns vorbeizulassen.
Ich hatte mich eine Stunde vorher schon an das Jaffa-Tor gesetzt, um die Leute zu beobachten. Die Kombination aus Knarre, Bekishe und Shtreimel ist schon schrill, obwohl die selten vorkommt. Recht oft aber der klassische orthodoxe Hut mit weißem Hemd und Karabiner oder Pistole. Mir wurde gesagt, das sei erst seit dem Terroranschlag der Hamas vor zwei Jahren so.
Die Stimmung, das fühlt man, ist irgendwie erleichtert, aber noch angespannt, als erwarte man ein großes Ereignis. Man sagt, morgen sei jeder, der Beine hat, in Tel Aviv auf der Straße. Und Trump soll eine Rede vor der Knesset halten. Es wäre kein Durchkommen, und man sollte besser nicht dahin fahren.
Ich bin also nach der Führung noch schnell in den Zug nach Tel Aviv gesprungen und habe aus dem Hotel die Sache geholt, die ich vergessen hatte, und bin jede Menge Lokalbusse gefahren. Das Viertel Shapira nördlich und südlich der Levinski – „home to a large community of migrants and foreign workers“ – sieht gefährlich aus, ist es aber wohl nicht.
Ich bin da durchgelaufen, aber es ist nicht anders als rund um den LaGuardia Interchange. In Lateinamerika würde ich bei solchen Gegenden on alert sein. In Israel ist das nicht nötig.
Ich habe für die Strecke Jerusalem – Hotel am Strand von Tel Aviv – und zurück nur gut drei Stunden gebraucht.
Als ich wieder am Hauptbahnhof Yits’hak Navon ankam, war es schon dunkel und alles so voll, dass man kaum die Rolltreppen hochkam. Das ist wirklich ein fröhliches Feiervölkchen hier. Die Leute haben gesungen, und als eine der vier Rolltreppen ausfiel, gab es ein großes Hallo und man feuerte die, die jetzt hochsteigen mussten, an.
Die Straßenbahn war so überfüllt, dass noch nicht einmal ein Kind mehr hineingepasst hätte. Ich musste eine fahren lassen, weil es aussichtslos gewesen wäre, sich da noch zwischenzuquetschen. Aber die Tram auf der Jaffa Road kommt fast im Fünf-Minuten-Takt.
Auch alle Cafés und Restaurants waren überfüllt, zusätzlich noch die stilisierten „Laubhütten“, die man überall aufgebaut hatte. Die Tram hupte und bimmelte vor sich hin, und die Polizei fuhr auf und ab, um die Fahrbahn zu sichern.
Ich habe bei Alma noch eine gewohnt superleckere Suppe gegessen und mich mit einem älteren Ehepaar unterhalten. Sie wunderten sich, dass ich vor zwei Jahren nicht wie alle anderen abgereist bin. Ich meinte, die Israelis hätten doch auch nicht flüchten können vor dem Krieg. Die Antwort war: „But we are used to it.“ Das ist eine Antwort, die man so wohl nur in Israel bekommt.
Was irgendwann noch kommt: Etzel-Museum Tel Aviv, Israel Museum Jerusalem usw.
Alles sicher, auch im Dunklen
Sagte ich schon, dass ich mir hier sicher fühle?
Soeben habe ich ein kleines selbst verschuldeten Abenteuer hinter mir. Ich komme mir total blöd vor. Ich hatte seit dem Frühstück nichts gegessen und Hunger, es war schon dunkel und alles noch geschlossen oder schon wieder. Also zum arabischen Späti in der Altstadt. Jemand sagte mir, nachdem ich schon kreuz und quer abgebogen war: Zweite Straße rechts, womit die engen und manchmal krummen Gassen gemeint war. Ich fand den Laden sogar.
Ich aß, trank und ging aufs Geratewohl mit den orthodoxen Massen, die irgendwohin eilten. Und siehe, ich war plötzlich an der Klagemauer. Und siehe auch, ich hatte meinen kleinen Rucksack im Späti vergessen. Also zurück, aber wohin?
Wer einmal in der Altstadt von Jerusalem war, weiß, dass es so gut wie aussichtslos ist, etwas zu finden. Dieses Gewirr von Gassen mit mehreren Stockwerken ist einfach undurchschaubar, und Google wird ziemlich vage. Langer Rede kurzer Sinn: Ich habe den Späti, der gerade schließen wollte, und den Rucksack dennoch gefunden.
An der Klagemauer war die Hölle los. Selbst für jemanden, der weder religiös noch jüdisch ist, ist der Anblick faszinierend. (Instagram-Video) Und dann ertönte noch der Muezzin, weniger später bimmelten Kirchenglocken von irgendwo her.
Diese Stadt ist einfach magisch. Ein anderes Wort fällt mir nicht ein. Nur das alte Prag und Cusco können da mithalten, aber Jerusalem ist fast viertausend Jahre alt. Nur Damaskus ist ähnlich lange besiedelt, aber der Araber sind nicht so geschichtsbewusst wie Juden.
Ich unternahm noch eine kleine Nachtwanderung am Zionstor vorbei und verlief mich prompt wieder, trotz Google.
Irgendwann nahm ich das Handy nicht mehr aus der Hand und landete irgendwie im armenischen Viertel, das ich mittlerweile ganz gut kenne – es ist auch das kleinste.
Am Jaffa-Tor war es immer noch voll, und auch Busse und Straßenbahnen fuhren wieder, weil bei Dunkelheit der Schabbat am Samstag vorbei ist.
Morgen gehe ich, wie schon geschrieben, mit einem persönlichen Guide durch die Altstadt, also alles sicher.
So weit die Füße tragen

Nähe Jaffa-Tor, Jerusalem – man beachte, was der Mann hinten im Gürtel trägt.
Das Frühstück im Post Hotel ist lustig. Das soll wohl eine Bonsai-Schakschuka sein. Schmeckte aber nicht schlecht.
Übrigens: Das Hotel ist zwar unschlagbar günstig und fünf Minuten von der Altstadt gelegen, aber nicht sauber. Eher das Gegenteil. In dem Bad meines 10-Betten-Zimmers hängen die Armaturen aus der Wand, die Waschbecken sind schmutzig.
Vielleicht wird von den Gästen, die selbst kochen dürfen, auch erwartet, dass sie das Hotel putzen. Männer und Frauen schlafen nicht getrennt. Ich habe jetzt zwei nervige ältere deutsche südafrikanische Damen im Zimmer, die mit riesigen Koffern reisen, die sie kaum heben können, und ziemlich hilflos in allen Dingen sind.

Ich finde den Baustil der älteren Häuser sehr schön, der Sandstein ist nicht so langweilig wie Beton.
Ich bin heute zum Israel Museum gewandert – rund eine Stunde Fußweg. Heute ist es brüllend heiß, und ich war über jeden Schatten dankbar. Google war ziemlich ungenau, und ich bin in der Nähe der Knesset ein paar Mal im Zickzack und im Kreis gelaufen.


Manchmal leitet Google einen über Stock und Stein und durch schmale Gäßchen und hier über Treppen, aber es war fast immer richtig.
Wie ich schon mehrfach schrieb: Die Israelis können Museum. Ohne Guide und Plan verläuft man sich. Darüber schreibe ich aber nicht jetzt. Ich habe rund 70 Fotos gemacht, die ich zunächst sortieren muss.

Im Hintergrund der YMCA-Turm. Da muss ich noch hin.
Unterwegs sprach mich eine sehr junge Frau an, die sehr orthodox aussah. Sie hatte wohl gemerkt, dass ich auf mein Handy sah, und fragte, als ich ihr Hebräisch nicht verstand, nach einem Ort, den ich auch in Englisch nicht identifiziere konnte. Da mein Smartphone auch eine hebräische Tastatur hat, schlug ich ihr vor, sie sollte auf Google Maps einfach das eintippen, was sie suchte. Sie antwortete, sie dürfe am Schabbat nicht schreiben. Irgendwie habe wir es dann aber doch hingekriegt.
Der Rückweg wurde dann recht anstrengend. Ich wollte eigentlich zum Eingang der City of David und zum Teich Siloah, aber Google leitete mich total in die Irre und zeigte das Gesuchte auch nicht richtig an. (Ich habe es immer noch nicht gefunden.) Ich bin irgendwie im Tal die Sambuski Road entlanggelaufen und musste plötzlich unzählige Treppen steigen, die mich total schlauchten. Ich kam irgendwie am Grab Davids an, was ich aber nicht besuchte, weil das garantiert Fake News sind, und stand endlich vor dem Zion Gate, was ich erkannte.
Jetzt muss ich aber Nahrung suchen.


im Sovev Homot Yerushalayim (Park) südlich der Stadtmauer Jerusalems und westlich des Kidron-Tals
Smotrichs Ultras
Ja, am Anfang muss ein Foto stehen, auf dem jemand dem Publikum in die Augen sieht oder so ähnlich, um Aufmerksamkeit zu erheischen.
Ich bin also heute mit der Bahn nach Jerusalem, bekam aber zwischendurch einen Anruf des Hotels, ich habe etwas dort vergessen. Ich muss am Montag noch mal dahin, aber Israel ist ein kleines Land – von Jerusalem nach Tel Aviv ist wie Dortmund – Münster. Und der Zug brettert wie sonst was…
Nur die Lokalbusse nicht immer: Ich nahm in Tel Aviv den Bus 238, weil der zum La Guardia Interchange fuhr. Nördlich der Levinski verfuhr sich der Busfahrer, weil er vergaß abzubiegen, aber ein halbes Dutzend ortkundiger Fahrgäste lotste ihn lautstark durch die vielen engen Einbahnstraßen auf die richtige Strecke. Ich habe mich amüsiert, weil ich nicht unter Zeitdruck war.

La Guardia Interchange Station von Israel Railways
Der Zug – wie vermutlich die anderen auch – war brechend voll. Ich war plötzlich umringt von Soldaten in Kampfuniform, die alle ihre Gewehre vor der Brust baumeln hatten, auch mit mehreren Magazinen Munition. Ich fühlte mich ziemlich sicher, traute mich aber nicht, sie um ein Gruppenfoto zu bitten.
Endlich ergatterte ich doch einen Sitzplatz, vermutlich weil ich weniger höflich als Israelis bin: Ein korpulenter Kerl, der aussah wie Dennis Nedry, hämmerte auf die Tastatur seines Laptops ein, blockierte mit einem riesigen Koffer noch einen Sitz, und einen dritten mit verkabelten Devices. Ich quetsche mich dahin und balancierte meinen nicht sehr kleinen Rucksack auf den Knien, während die Reisenden mit den Augen rollten, weil sie über das Verhalten des offensichtlichen Nerds nicht beglückt waren.

Bahnstrecke Tel Aviv – Jerusalem, kurz vor dem Tunnel
Irgendwann – kurz vor dem Flughafen – fing er an, seinen Kram zusammenzupacken und lachte plötzlich los, als er mein T-Shirt sah. Ich fragte ihn, ob er wüsste, was das bedeute, und er antwortet of course, das wäre very funny. Ich habe ihm glaubwürdig versichert, dass ich in ganz Israel noch niemand getroffen habe, der $ sudo rm -rf / Don’t try this at /home verstünde, yes, only a few, meinte er und kicherte die ganze Zeit vor sich hin.
Auch die unendlichen Rolltreppen waren dieses Mal voll wie sonstwas, die Busse ebenso. Ich war recht stolz, dass ich gar nicht mehr auf Google Maps oder Moovit schauen musste; ich erkannte auch die Jaffa Road sofort wieder.


Mahane Yehuda Markt (durch die Scheiben der Straßenbahn fotografiert), vgl. 16.10.2023
Im The Post Hotel lief alles nicht so glatt, weil ich über eine Stunde warten musste, bis ich einchecken konnte. Die Zimmer und sanitären Anlagen entsprechen dem extrem niedrigen Preis, 10-Betten auf einem Zimmer, und das Bett ist so kurz, dass nachher vermutlich meine Füße raushängen werden – außerdem muss ich die senkrechte Leiter raufklettern. Aber ich habe Schlimmeres gesehen – und wo bezahlt man weniger als 300 Dollar für eine ganze Woche mit Frühstück?
Ich bin dann doch wieder zum Jaffa Gate und zur völlig überfüllten Altstadt. Die meisten Touristen waren religiöse Juden, die das Laubhüttenfest feierten und voll in Partylaune waren – viele hatten Zweige gekauft.
Geht in die Berge und holt Zweige von veredelten und von wilden Ölbäumen, Zweige von Myrten, Palmen und Laubbäumen zum Bau von Laubhütten, wie es vorgeschrieben ist! (Nehemia 8,15-16)
Ich habe mich mit den Massen bewegt und natürlich verlaufen, als ich in der Nähe der Klagemauer die Treppen hinaufstieg. Es war schon recht spät. Das Tourismus-Büro hatte geschlossen, weil Schabbat vor der Tür stand, und ich hatte seit dem Frühstück nichts gegessen. Ich beschloss also, in der Jaffa Road nach etwas Nahrhaftem zu suchen, bevor gegen fünf oder sechs sowieso alles zu ist.
Dann begegnete ich Smotrichs Ultras (wie ich sie znächst nannte). Ultraorthodexe Männer mit Plakaten brüllten chiliastische Botschaften zum Publikum. Das waren aber nicht die normalen Frommen mit Familien. Sie schwenkten auch noch Fahnen, auf denen ich sofort den stilisierten Tempel Salomos erkannte (den es so vermutlich gar nicht gegeben hat).
Ich wollte herausfinden, welche Gruppe das war. Von denen sprach aber niemand Englisch. Auch bei den Namen „Smotrich“ und „Ben-Gvir“ wollten sie nicht anbeißen.
Da musste die künstliche Intelligenz her. Ich tippte also die hebräischen Buchstaben und fragte, was die bedeuten.
Nachdem ich auch das Foto hochgeladen hatte, wurde es noch klarer (die ellenlange Erläuterung spare ich mir jetzt):

Ich habe später mit einem Israeli gesprochen, der sagte, das sei eine ultraextreme Gruppe, „Smotrich ultra ultra“, die den ersten Tempel wiederaufbauen wollten. Dazu müssten sie den Felsendom und die al-Aqsa-Moschee abreißen, worüber 1,9 Milliarden Muslime nicht besonders erfreut wären.


Blick von der Terrasse des Post Hotels in Jerusalem
Vergleichbares bekam ich dann im Hotel in einer christlichen Version zu sehen: Ein Haufen weiß gekleideter Leute, mehrheitlich Asiaten, mit Harfen, sangen christliche Lieder, stundenlang und im Hare-Krischa-Rhythmus. Es war nicht zum Aushalten. Die Israelis zuckten nur mit den Achseln. Ich überlegt schon, ob ich den Laptop anwerfen und mit Preußens Gloria oder Manowar gegenhalten sollte, aber dann hörten sie dann doch auf.
Ich wurde an einen Satz Tom Segevs erinnert: In Jerusalem könne man keinen Stein werfen, ohne einen heiligen Ort oder einen Idioten zu treffen.
Ich bekam dann doch noch eine leckere Falafel beim ortsüblichen Döner-Laden.
Die Straßen – hier die Jaffa Road – waren kurz nach fünf wie ausgestorben. Vorher wimmelte es nur so von Leuten, die noch unbedingt etwas einkaufen wollten.
Morgen werde ich improvisieren. Ich habe da so eine Idee.













































































































































































