Smotrichs Ultras

Tel aviv
Nähe Jaffa-Tor, Jerusalem

Ja, am Anfang muss ein Foto stehen, auf dem jemand dem Publikum in die Augen sieht oder so ähnlich, um Aufmerksamkeit zu erheischen.

Ich bin also heute mit der Bahn nach Jerusalem, bekam aber zwischendurch einen Anruf des Hotels, ich habe etwas dort vergessen. Ich muss am Montag noch mal dahin, aber Israel ist ein kleines Land – von Jerusalem nach Tel Aviv ist wie Dortmund – Münster. Und der Zug brettert wie sonst was…

Nur die Lokalbusse nicht immer: Ich nahm in Tel Aviv den Bus 238, weil der zum La Guardia Interchange fuhr. Nördlich der Levinski verfuhr sich der Busfahrer, weil er vergaß abzubiegen, aber ein halbes Dutzend ortkundiger Fahrgäste lotste ihn lautstark durch die vielen engen Einbahnstraßen auf die richtige Strecke. Ich habe mich amüsiert, weil ich nicht unter Zeitdruck war.

Tel aviv
La Guardia Interchange Station von Israel Railways

Der Zug – wie vermutlich die anderen auch – war brechend voll. Ich war plötzlich umringt von Soldaten in Kampfuniform, die alle ihre Gewehre vor der Brust baumeln hatten, auch mit mehreren Magazinen Munition. Ich fühlte mich ziemlich sicher, traute mich aber nicht, sie um ein Gruppenfoto zu bitten.

Endlich ergatterte ich doch einen Sitzplatz, vermutlich weil ich weniger höflich als Israelis bin: Ein korpulenter Kerl, der aussah wie Dennis Nedry, hämmerte auf die Tastatur seines Laptops ein, blockierte mit einem riesigen Koffer noch einen Sitz, und einen dritten mit verkabelten Devices. Ich quetsche mich dahin und balancierte meinen nicht sehr kleinen Rucksack auf den Knien, während die Reisenden mit den Augen rollten, weil sie über das Verhalten des offensichtlichen Nerds nicht beglückt waren.

jerusalem
Bahnstrecke Tel Aviv – Jerusalem, kurz vor dem Tunnel

Irgendwann – kurz vor dem Flughafen – fing er an, seinen Kram zusammenzupacken und lachte plötzlich los, als er mein T-Shirt sah. Ich fragte ihn, ob er wüsste, was das bedeute, und er antwortet of course, das wäre very funny. Ich habe ihm glaubwürdig versichert, dass ich in ganz Israel noch niemand getroffen habe, der $ sudo rm -rf / Don’t try this at /home verstünde, yes, only a few, meinte er und kicherte die ganze Zeit vor sich hin.

jerusalem railways

Auch die unendlichen Rolltreppen waren dieses Mal voll wie sonstwas, die Busse ebenso. Ich war recht stolz, dass ich gar nicht mehr auf Google Maps oder Moovit schauen musste; ich erkannte auch die Jaffa Road sofort wieder.

jerusalemjerusalem
Mahane Yehuda Markt (durch die Scheiben der Straßenbahn fotografiert), vgl. 16.10.2023

Im The Post Hotel lief alles nicht so glatt, weil ich über eine Stunde warten musste, bis ich einchecken konnte. Die Zimmer und sanitären Anlagen entsprechen dem extrem niedrigen Preis, 10-Betten auf einem Zimmer, und das Bett ist so kurz, dass nachher vermutlich meine Füße raushängen werden – außerdem muss ich die senkrechte Leiter raufklettern. Aber ich habe Schlimmeres gesehen – und wo bezahlt man weniger als 300 Dollar für eine ganze Woche mit Frühstück?

Ich bin dann doch wieder zum Jaffa Gate und zur völlig überfüllten Altstadt. Die meisten Touristen waren religiöse Juden, die das Laubhüttenfest feierten und voll in Partylaune waren – viele hatten Zweige gekauft.

Geht in die Berge und holt Zweige von veredelten und von wilden Ölbäumen, Zweige von Myrten, Palmen und Laubbäumen zum Bau von Laubhütten, wie es vorgeschrieben ist! (Nehemia 8,15-16)

jerusalemjerusalemjerusalemjerusalem

Ich habe mich mit den Massen bewegt und natürlich verlaufen, als ich in der Nähe der Klagemauer die Treppen hinaufstieg. Es war schon recht spät. Das Tourismus-Büro hatte geschlossen, weil Schabbat vor der Tür stand, und ich hatte seit dem Frühstück nichts gegessen. Ich beschloss also, in der Jaffa Road nach etwas Nahrhaftem zu suchen, bevor gegen fünf oder sechs sowieso alles zu ist.

jerusalem

Dann begegnete ich Smotrichs Ultras (wie ich sie znächst nannte). Ultraorthodexe Männer mit Plakaten brüllten chiliastische Botschaften zum Publikum. Das waren aber nicht die normalen Frommen mit Familien. Sie schwenkten auch noch Fahnen, auf denen ich sofort den stilisierten Tempel Salomos erkannte (den es so vermutlich gar nicht gegeben hat).

jerusalemjerusalem

Ich wollte herausfinden, welche Gruppe das war. Von denen sprach aber niemand Englisch. Auch bei den Namen „Smotrich“ und „Ben-Gvir“ wollten sie nicht anbeißen.

Da musste die künstliche Intelligenz her. Ich tippte also die hebräischen Buchstaben und fragte, was die bedeuten.

jerusalem

Nachdem ich auch das Foto hochgeladen hatte, wurde es noch klarer (die ellenlange Erläuterung spare ich mir jetzt):

jerusalem

Ich habe später mit einem Israeli gesprochen, der sagte, das sei eine ultraextreme Gruppe, „Smotrich ultra ultra“, die den ersten Tempel wiederaufbauen wollten. Dazu müssten sie den Felsendom und die al-Aqsa-Moschee abreißen, worüber 1,9 Milliarden Muslime nicht besonders erfreut wären.

jerusalem jerusalem
Blick von der Terrasse des Post Hotels in Jerusalem

Vergleichbares bekam ich dann im Hotel in einer christlichen Version zu sehen: Ein Haufen weiß gekleideter Leute, mehrheitlich Asiaten, mit Harfen, sangen christliche Lieder, stundenlang und im Hare-Krischa-Rhythmus. Es war nicht zum Aushalten. Die Israelis zuckten nur mit den Achseln. Ich überlegt schon, ob ich den Laptop anwerfen und mit Preußens Gloria oder Manowar gegenhalten sollte, aber dann hörten sie dann doch auf.

Ich wurde an einen Satz Tom Segevs erinnert: In Jerusalem könne man keinen Stein werfen, ohne einen heiligen Ort oder einen Idioten zu treffen.

jerusalem

Ich bekam dann doch noch eine leckere Falafel beim ortsüblichen Döner-Laden.

jerusalem

Die Straßen – hier die Jaffa Road – waren kurz nach fünf wie ausgestorben. Vorher wimmelte es nur so von Leuten, die noch unbedingt etwas einkaufen wollten.

jerusalemjerusalem

Morgen werde ich improvisieren. Ich habe da so eine Idee.

image_pdfimage_print

Kommentare

5 Kommentare zu “Smotrichs Ultras”

  1. juri nello am Oktober 10th, 2025 10:23 p.m.

    Schnitzel in Jerusalem beim Döner. Das wäre doch mal ein Titel für Spliff oder zumindest für die Party Animals. Deren extended Version von Hava Naquila würde ich Dir auch für die Ferien und den Heimatort empfehlen, falls Du noch nach Herausforderungen suchen solltest.

  2. juri nello am Oktober 10th, 2025 11:53 p.m.

    Das erste Foto! Dem Typ glaube ich doch nix.

    Improvisieren sollteste auch mit dem Schörtdruck. Neuere Linuxderivate operieren evtl. nicht so, wie dargestellt. Das könnte evtl. auch der Grund für den Lacher von der IDF-Security sein.

  3. blu_frisbee am Oktober 11th, 2025 2:24 a.m.

    Jeder Jeck spinnt anders.
    Grad https://www.youtube.com/watch?v=AlKZh6R8V7c
    gesehen.

  4. Godwin am Oktober 11th, 2025 12:48 p.m.
  5. Anonym am Oktober 12th, 2025 8:52 a.m.

    „In dem Bad meines 10-Betten-Zimmers hängen die Armaturen aus der Wand, die Waschbecken sind schmutzig. “

    Ist ja wie in Neukölln bei den Arabern. Dazu muß man nicht verreisen.

Schreibe einen Kommentar