Wehe, Wanderer! Wüste Wege!
Prolog: Wenn man das obige Foto genauer ansieht, erkennt man ein Tier. Nein, das ist kein Denkmal. Die Leute hier nennen diese Tier desert goat, also Wüstenziege. Hier sitzt ein Nubischer Steinbock einfach zwischen den Häusern herum (Nubian Ibex). Ich habe schon einige davon gesehen. Es wird überall davor gewarnt, sie zu füttern. Die Art ist vom Aussterben bedroht und streng geschützt (in Israel).
Ich bin heute mehr als sechs Stunden allein durch die Wüste Negev gewandert.
Die gute Nachricht: Ich habe es wieder zurück geschafft. Die schlechte: Ich habe alles verpasst, was ich an geologischen Sehenswürdigkeiten sehen wollte, muss also in den nächsten Jahren noch mal zurückkehren. Ursache war natürlich, dass ich micht total verlaufen hatte. Das ist in einer leeren Wüste eher suboptimal, zumal Temperaturen um die 30 Grad das Herumwandern und -klettern auch nicht leichter machen.
Der Israel National Trail ist von Mizpe Ramon aus im Prinzip, wie man bei Radio Eriwan zu sagen pflegte, gut markiert. Es geht zunächst steil abwärts. (Wenn ich heute morgen um neun gewusst hätte, dass ich denselben Weg wieder hinaufsteigen musste, hätte ich vermutlich einen halben Herzinfarkt bekommen.)
Der Höhenunterschied zwischen der Ortschaft Mitzpe Ramon (oft angegeben mit einer Höhe von ca. 860 m über NN) und dem Boden des nahegelegenen Erosionskessels Makhtesh Ramon (deren Boden auf etwa 400 m über NN liegt) (Quelle laut ChatGPT: MDPI) beträgt demnach grob 460 m.
Die Karte, die man im Besucherzentrum von Mizpe Ramon (Google kann man in der Wüste vergessen) bekommt (die Aussichtsplattform für Besucher ist auf dem Foto links oben zu erkennen), sieht zwar detailreich aus, aber ist so klein gedruckt, dass man ein Mikroskop mitführen müsste.
Ich habe auch den Eindruck, dass sie nicht immer korrekt ist. Ich wollte direkt nach Süden nach Nahal Ramon (der Kraterkessel), wo der Trail eine Schotterpiste kreuzt, dann über den Pass des Makhtesh Ramon Geological Park zum Ammonite Wall und östlich davon auf der Straße wieder zurück. (Teile des Trails sind auch von Google Earth indiziert, aber das müsste man sich vorher ausdrucken.)
Ich wurde schon misstrauisch, als ich mir die Karte genau ansah. Der Weg ist zwar zu erkennen, aber verlief irgendwo im Nirgendwo, und ich fand die Kreuzung nicht. Also den nächstgelegenen Pass nach Süden hoch, wo es nach einem Pfad aussah, der aber nicht markiert war.
Gegen Mittag war ich auf der anderen Seite des Gebirgszuges und schon reichlich platt. Morgens war der Himmel noch voller Wolken, aber die wurden nach und nach von der Sonne weggeschmolzen, und die Temperatur stieg rapide an.
Meine hier schon lobend erwähnte Powerbank hat einen Kompass. Was die grobe Richtung anging, war ich auf der sicheren Seite. Die Trampelpfade (wenige Fußabdrücke, viele Hufe) aber verschwanden, und ich musste über die Steinwüste pur vorwärtskommen.

Im Hintergrund das Felsmassiv mit Mizpe Ramon
Entfernungen in der Wüste sind extrem schwer einzuschätzen. Das kenne ich aus anderen Steinwüsten, in Peru und Bolivien. Man denkt: Hinter der Ecke müsste man erkennen, wie es weitergeht, und dann kommt noch eine Ecke und noch eine und es hört nicht auf. Die Straße 40 hätte da sein müssen, war sie aber aber nicht.
Ich schwenkte nach Norden und fand irgendwann eine Schotterpiste, die auf dem Boden des Kraters west-östlich verläuft. Dann sah ich in weiter Ferne im Nordosten ein paar Jeeps Staubwolken aufwirbeln und gleichzeitig das Bergmassiv vor mir, auf dem Mizpe Ramon liegt. (Foto oben) Letzteres war näher als die Straße. Also kurzentschlossen den Weg nach oben finden und dann hochklettern.
Natürlich habe ich unter dem Baum gerastet, der einzige große Baum, den ich in sechs Stunden gesehen habe. Keine Ahnung, was den geritten hat, ausgerechnet dort zu wachsen. Der gehört eigentlich nach Afrika. Aber das ist ja nicht weit von Israel.
ChatGPT: „Der Baum auf deinen Fotos ist eine Schirmakazie (Vachellia tortilis) — die typische, ikonische Baumart des Ramon-Kraters und der zentralen Negev-Wüste in Israel.“
Der Anstieg nach Mizpe Ramon – fast 500 Höhenmeter – mörderisch. Es war mittlerweile brüllend heiß. Ich war froh, dass ich die Fremdenlegionär wüstentaugliche Kopfbedeckung gekauft hatte (natürlich made in China). Aber ich kam trotzdem an meine Grenzen und musste zum Schluss alle zehn Meter eine Pause einlegen. Die drei Liter Wasser waren auch schon in meinem Bauch.
Irgendwann war ich dann doch oben und holperte in meine Wohnung (die Vermieterin ist verreist bis morgen). Vor der Tür saß schon die Katze und schaute mich vorwurfsvoll und hungrig an. (Sie entscheidet, wann sie rausmöchte – kommt aber immer wieder.)
Wir gehen beide früh ist Bett..
Kommentare
5 Kommentare zu “Wehe, Wanderer! Wüste Wege!”
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Damit verpasst du wohl auch die Weltläufe.
Hamas will sich weden entwaffnen lassen, noch längerfristig etwas zusagen.
So behaupten es zumindest diverse Nachrichtenseiten…
Das legt die Schlussfolgerung nahe, dass die doch noch stabil Unterstützung genießen…
Du hattest bei deiner Hinweise gefragt ob du der einzige Backpacker seiest.
Naja – Israel ist scheinbar sowas wie der Exot unter den Exoten.
Zudem – das ist do meine Empfindung – ist backpacking auch nicht mehr das was es mal war.
Man klebt auch hier mehr und mehr am Handy oder Laptop um die SM Kanäle zu füttern oder um Berichte zu schreiben für die Reiseagentur, die einen kofinanziert…
Die obligatorischen Stöpsel im Ohr verhindern zusätzlich Kommunikation.
Es ist deutlich anti-sozialer aka individueller als noch vor 10-15 Jahren
Wenn Du es beim nächsten Mal auf Teneriffa ganz nach oben schaffst, kannst Du auch prima Panoramen vom Teide aus abfassen. Mit etwas Glück verschwimmen sogar Horizont und Meer.
…hätte denn in der Wüste eine offline-Karte funkioniert? Sprich: Gibt’s da GPS/GLONASS/GALILEO-Jammer oder hätte ein klassisches Wander-Navi geholfen?
Aber die sind nicht detailliert genug. Vermutlich gibt es bessere Karten, aber ich dachte, es ginge auch so.
@juri_nello
Ich war da ganz oben und habe um die 3 bis 7 Kilo Fotos angefertigt. Prima Panoramen entstehen eher auf halber Höhe zwischen Caldera und Teide-Gipfel, vom Montana Guajara oder Montana Blanco aus, ersatzweise in den Los Roques de Garcia.
Der Gipfel war natürlich spektakulär, fotografisch eher zweitrangig gegenüber den anderen Fotospots, die man auf der Insel abfassen kann.