Russischer Imperialismus oder: Marx (und Engels) kontra Moskau

russischer Imperialismus
A colossal bear made of ice and iron, emerging from the northern snows, its shadow stretching across continents from the Baltic to the Black Sea, devouring colors and cultures. Each claw marked with centuries: Peter, Catherine, Stalin, Putin. The landscape below transforms from empire to revolution to modern state, yet the beast’s eyes remain the same cold, golden, patient. –s 750

Ich darf die Leserschaft auf einen sehr interessanten Artikel Michael R. Krätkes (deutsch, pdf) aufmerksam machen: „Marx (und Engels) contra Moskau“.

Auf die Altvorderen, die alten weißen Männer, geben heutige Linke nicht mehr viel. Täten sie es, sie würden einige Überraschungen erleben, nicht nur wegen der politisch unkorrekten Ausdrucksweise der Herren. Denn Männer wie Karl Marx und Friedrich Engels, Männer des vergleichsweise friedlichen 19. Jahrhunderts, waren keine Pazifisten. Bellizisten waren sie auch nicht. Doch haben sie den Krieg wie die meisten ihrer Zeitgenossen als ein normales – im Sinne von häufiger wiederkehrendes, also erwartbares – Phänomen der internationalen Politik betrachtet. An Kants „ewigen Frieden“ glaubten sie nicht, sie lebten in einer Welt
rivalisierender imperialistischer Mächte, die untereinander wie gegen die von ihnen unterworfenen Völker immer wieder Krieg führten, in Europa ebenso wie auf anderen Kontinenten. (…)

Alle politischen Revolutionen der Neuzeit, die englische, die amerikanische wie die französischen Revolutionen, die alles andere als friedlich verliefen, gingen mit Bürger- und (Interventions)Kriegen einher; oder sie führten zu einer Serie von Eroberungskriegen. Alle Mächte, die großen wie die kleinen,
waren kriegerisch, alle Staaten, die großen wie die kleinen, waren Militärstaaten, das Militär, die modernen stehenden Berufsarmeen ebenso wie Volksarmeen, also die Kriegsbereitschaft in Permanenz, kostete Unsummen. (…)

Hegemonialmacht wurde Russland nie, das russische Imperium setzte voll und ganz auf militärische Gewalt. In seinen Einflusssphären wollte es die stärkste Landmacht sein und als Seemacht mit allen übrigen mithalten können. Im Kaukasus, in Zentralasien führte es Jahrzehnte lang blutige Eroberungskriege. Im Süden führte es einen Krieg nach dem anderen gegen den alten Erzfeind, die Türkei. Mit dem Ziel, die Vorherrschaft im Schwarzen Meer zu erringen und schließlich Istanbul zu erobern, den Bosporus und die Dardanellen unter seine Kontrolle zu bringen. Sei dem Vertrag von Kücük-Kaynarca von 1774 beherrschte die „Orientalische Frage“ die europäische Politik. Russland griff immer wieder an, schließlich mündeten die russischen Kriege gegen die Türkei in den Krimkrieg, in dem sich England und Frankreich mit der Türkei verbündeten. Ein Krieg, der das durch Russlands Aggression bedrohte Gleichgewicht der Großmächte in Europa bewahren sollte. Russland verlor, blieb aber als Großmacht im Spiel der Großmächte, dank der Nachgiebigkeit seiner Kriegsgegner. Russlands Eroberungsdrang stand außer Frage. Das russische Imperium führte im 18. und 19. Jahrhundert einen Angriffskrieg nach dem anderen gegen das osmanische Reich. (…)

Die zeitgenössische Linke war kein Jota besser als die vor dem vermeintlich übermächtigen Russland kriechende Bourgeoisie des Westens. Also legten sich Marx und Engels mit der linken Prominenz ihrer Zeit an, ohne Rücksicht auf deren Befindlichkeiten. Mit besonderer Schärfe reagierten sie auf die linken
Friedensschwärmer, die sich gegen den Kampf der Polen für ihre nationale Unabhängigkeit wandten, also die Partei des russischen Imperialismus ergriffen. Da kannten die beiden keine Kompromisse, die Frage der polnischen Unabhängigkeit war und blieb für die Schlüsselfrage, die die Zukunft ganz Europas berührte. Konnten sich die Polen vom russischen Joch befreien, war Europa vor russischen Angriffen sicher. Blieb Polen unter russischer Herrschaft, wie nach den in Blut erstickten Aufständen von 1830 und 1863, war ganz Europa in Gefahr.

Anmerkung 5: Der geschichtsverklärenden Vorstellung, in grauer Vorzeit habe es völlig friedfertige, nur auf friedliche Kooperation mit allen Nachbarn erpichte, durch und durch unkriegerische, ja kriegsunfähige Gesellschaften gegeben, erst mit und durch die Zivilisation sei das Urübel Krieg in die Welt gekommen, sind viele erlegen. Der Mythos vom edlen und friedliebenden Wilden, bis heute bei Pazifisten beliebt, ist durch die Arbeit der Anthropologen und vor allem der Archäologen längst widerlegt worden. Vgl. zum aktuellen Forschungsstand das Buch von Lawrence H. Keeley, War before Civilization. The Myth of the Peaceful Savage, Oxford University Press 1996. Keeley und viele andere greifen nicht auf biologische Argumente zurück, die Frage, ob einige Primaten Konflikte gewaltsam oder friedlich zu lösen pflegen, ist für die Frage nach dem Ursprung des Krieges völlig unerheblich.

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Kommentare

11 Kommentare zu “Russischer Imperialismus oder: Marx (und Engels) kontra Moskau”

  1. blu_frisbee am Oktober 19th, 2025 5:18 p.m.

    Man kennts: Die pöhsen Russen.

    Die hatten immer auf Raum zur Verteidigung gesetzt, imkompatible Spurbreiten der Eisenbahn. Bis Moskau geschafft hats Napoleon, Hitler nicht ganz.

    Aber nein, die Ruskis sind Aggressoren.
    Die haben ein Gen vom Teicj des Bösen.

    Wenn die Ukris Neutralität gewollt hätten wie Österreich hätten sie ein blühendes Land.

    Jetzt sind die Ukronazis pleite und betteln.
    So kann man sich verkennen.
    https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/der-westen-wird-niemals-in-der-lage-sein-die-ukraine-zu-retten/

    Kapitalistische Spielregel heißt Wachstum.
    Staaten kommen sich immer wieder ins Gehege.
    Nicht weil ihnen ein Furz quer sitzt.
    Der Bürgerliche kann sich Gesellschaft nur aus Gefühl erklären.

  2. Albert Rech am Oktober 19th, 2025 5:58 p.m.

    Russland ist ein bunter und vielfältiger mulikultureller Staat in dem viele Kulturen friedlich miteinander leben, z.B. die Tschetschenen.

    Polen dagegen ist ein rein weisser Ethnostaat der Zuwanderung und Abtriebung ablehnt und eine offenen Aufrüstungspolitik betreibt.
    Der polnische Ultranationalismus war früher schon eine Gefahr für den Frieden in Europa – siehe Putins Interview mit Tucker Carlson zum Thema Polen und II WK – und ultrarechte Polen wie Tusk versuchen schon seit Jahren einen Keil in die Deutsch-Russische Freundschaft zu treiben.

    Aber anders als Polen sind Deutschland und Russland immer gute Nachbarn gewesen, und anders als Polen wird Russland auch immer da sein.

  3. admin am Oktober 19th, 2025 6:13 p.m.

    Ich weiß immer schon nach zehn Wörtern diese Art, wer das postet.

  4. Godwin am Oktober 19th, 2025 7:12 p.m.

    Was heißt das nun für Trumpel und für Rheinmetall & Co.?
    Befreien uns die Sovjets diesmal schon präventiv vom blau gefärbten Faschismus in Europa?

    Wie verhält sich eigentlich mit den sog. Zigeunern aka Rotationsuropäer?
    Als Volk ohne Staat haben die afaik nie Kriege geführt.
    Sonderlich weit gebracht auf der sozialen und ökonomischen Evolutionsleiter hat es sie irgendwie nicht.
    Aber mal im Ernst: wäre das nicht ein Modell mit Zukunft?
    Grenzen weg.
    Totale Freizügigkeit.
    Jeder geht dahin wo er Arbeit findet.
    Wäre doch m.E. kapitalismuskompatibel…

  5. Cpt. Arrowhead am Oktober 19th, 2025 9:03 p.m.

    Quatsch artikel, auf jede einzelne Schandtat des Russen kommen unzählige Gräultaten der Westeuropäer, abgesehen davon ist es auch nicht mehr das 18 oder 17 Jhd. oder Mittelalter..

    das barbarische tritt und trat immer nur dann auf wenn Menschen wirklich in nöten waren..

    Russland ist für den Westen keine Gefahr, der Westen (USA/EU) hingegen aber eine gefahr für die ganze Welt.. und solange das so ist, treffen auch nur die im Artikel erwähnten wahrheiten so hin..

    Wo die Menscheit sich hinbewegt keine Ahnung, aber unter der fuchtel der Herrenmenschen .. kann man es sich denken, selbst nen islamisches Grossreich würde ich da mehr chancen für eine fruchtbare prösperitat zugestehen.

    Nehme an Admin war zu lange in Israel

  6. blu_frisbee am Oktober 20th, 2025 12:59 a.m.

    Wenn Außenpolitik mit Maßstab der Transzendentalie Moral gemessen wird gehts um Beifall statt Sache.

    Europäer hatten Kolonien, imperialistisch sind USA.
    Selbst Israel ist imperialistisch.
    Mit Russland angedackelt kommen ist schiefe Weltsicht.
    Was früher militärische Gewalt macht heut Handel.
    Jammern tun nur Verlierer.
    Das ist Kindergarten.

  7. bentux am Oktober 20th, 2025 7:43 a.m.

    Sandkiste, Eimer mit Schäufelchen und Atomraketen. Coole Kombination. Wie der Ami sich den Europäer als Schutzschild vor den Bauch geschnallt hat. Einfach genial.
    Gegen was? Russische Horden? Das was Sie in der Ukraine gezeigt haben war nicht sehr überzeugend. Dann kommen noch die Sibirischen Republiken (oder wie das da heißt), die Leute scheinen auch nicht so begeistert davon zu sein, wie das abläuft. Leute hinschicken und Bodybags zurückbekommen. Kein überzeugender Deal.

    Das mit der Arbeit, ist Ok. Kann Ich nur empfehlen, erweitert den Horizont. Nur Europa dürfte da etwas schwierig werden, die Grenzen sind nicht mehr so offen.

    <8*) The show must go on. Der Westen braucht Rüstung, sonst ist Krupp pleite.

  8. Keinkölner am Oktober 20th, 2025 11:50 a.m.

    Beim Thema Krieg und Politik denke ich häufig an den Ausspruch von Clausewitz.

  9. Thomas S. am Oktober 20th, 2025 1:34 p.m.

    Die polnischen Teilungen wurden allerdings überwiegend von Preußen veranlasst. Darüber gab es meines Wissens auch bei Marx und Engels wenig Unrechtsbewusstsein. Es war im Nachhinein naiv anzunehmen, die auf deutschem Boden lebenden Polen seien dauerhaft zufrieden mit ihrer Situation.

  10. Godwin am Oktober 20th, 2025 2:07 p.m.

    „auch bei Marx und Engels wenig Unrechtsbewusstsein.“

    Generell muss man sagen, dass v.a. Marx, der ja quasi 24/7 in der Bibliothek saß, ein 1a Analyst war. Aber als Prophet für das Soziale hat er wenig getaugt.

  11. blu_frisbee am Oktober 20th, 2025 6:11 p.m.

    Zu Marx‘ Zeiten war Kapitalismus in Mittelengland.
    Heute ist Kapitalismus weltweit.
    Eurozentristische Verblendung glaubt K. ist Segen.

    Marx hat die Vorstellung kritisiert.
    Wie sich die Bourgiosie das vorstellt funzts nicht.
    VWL ist Glauben, nicht Wissen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Let%E2%80%99s_Make_Money

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