Ab excessu divi Augusti
Zu selbst gemachter Gemüsesuppe mit Würstchen passen am besten Wein von den Golanhöhen und Tacitus:
Igitur Germanicus quattuor legiones, quinque auxiliarium milia et tumultuarias catervas Germanorum cis Rhenum colentium Caecinae tradit; totidem legiones, duplicem sociorum numerum ipse ducit, positoque castello super vestigia paterni praesidii in monte Tauno expeditum exercitum in Chattos rapit, L. Apronio ad munitiones viarum et fluminum relicto. nam (rarum illi caelo) siccitate et amnibus modicis inoffensum iter properaverat, imbresque et fluminum auctus regredienti metuebantur. sed Chattis adeo inprovisus advenit, ut quod imbecillum aetate ac sexu statim captum aut trucidatum sit. iuventus flumen Adranam nando tramiserat, Romanosque pontem coeptantis arcebant. dein tormentis sagittisque pulsi, temptatis frustra condicionibus pacis, cum quidam ad Germanicum perfugissent, reliqui omissis pagis vicisque in silvas disperguntur. Caesar incenso Mattio (id genti caput) aperta populatus vertit ad Rhenum, non auso hoste terga abeuntium lacessere, quod illi moris, quotiens astu magis quam per formidinem cessit. fuerat animus Cheruscis iuvare Chattos, sed exterruit Caecina huc illuc ferens arma; et Marsos congredi ausos prospero proelio cohibuit.
Ich lese gerade zum ersten Mal – das muss ich verschämt zugeben, trotz des großen Latinums und eines abgeschlossenen Studiums der Geschichtswissenschaften – die Annalen des Tacitus (in deutscher Übersetzung, und vielen Dank an den Papst Leo X., der die gestohlene Abschrift für die Archive des Vatikans beschlagnahmte).
Das Werk, obzwar unstrittig Propaganda der damaligen herrschenden Klasse, ist interessanter, als ich zunächst dachte. (Jemand sollte die deutsche Übersetzung mal überarbeiten, die ist stilistisch schrecklich.) Einerseits kommt einem Tacitus sehr modern vor, sehr nah, man könnte sich vorstellen, mit ihm zu diskutieren. Andererseits liest man immer wieder Passagen mit Kopfschütteln: Glaubte so ein logisch argumentierender Mann an höhere Wesen? Teilte er den Aberglauben der einfachen Leute, den er genüsslich und verächtlich schildert? (Vermutlich nicht.) Viele Details des Geschilderten sind so fremd, irrational und unverständlich, dass man dann doch den Zeitunterschied von zwei Jahrtausenden ahnt und spürt.
Das macht alles aber spannender. Ich habe gerade die Passagen über die Revolte der Legionen am Rhein zur Zeit von Tiberius und Germanicus gelesen.
Er machte seine Worte durch Weinen und Zerschlagen der Brust und des Gesichtes zu zündenden Funken. Dann drängte er die, auf deren Schultern er gewesen war, auseinander, warf sich in höchster Leidenschaft dem, jenem zu Füßen und erregte eine solche Bestürzung und Erbitterung, dass ein Teil der Soldaten die Gladiatoren, die Sklaven des Blaesus waren, ein anderer Teil sein übriges Gesinde in Banden legte und wieder andere sich nach allen Seiten zerstreuten, um den Leichnam zu suchen. (…)
Der Legat tat keinen Einhalt. Er hatte über der Menge der Wahnsinnigen die Fassung ganz verloren. Auf einmal brechen sie in Tobsucht aus und gehen mit blanken Schwertern auf die Centurionen los. Sie waren der älteste Gegenstand des Soldatenhasses, sie die ersten Opfer der Wut. Sie reißen sie zu Boden, misshandeln sie mit Schlägen, je sechzig einen, um die Zahl der Centurionen abzudecken, werfen sie darauf – zerschlagen, zerfleischt, zum Teil schon entseelt – vor den Wall hinaus oder in den Rheinstrom. (…)
Diese forschten zuerst bei denen, die ihnen geeignet schienen, und bestimmten, nachdem sie sich überzeugt hatten, dass der größere Teil in den zwei Legionen treu gesinnt war, nach dem Rat des Legaten den Augenblick, wo sie die schlimmsten Aufrührer mit dem Schwert anfallen wollten: und jetzt stürmten sie, nachdem sie sich untereinander ein Zeichen gegeben hatten, in die Zelte, machten ihre nichtsahnenden Opfer nieder, und niemand, außer wer eingeweiht war, wusste, woher das Morden und wozu.
Geschrei, Wunden, Blut vor aller Augen: die Ursache in Dunkel gehüllt. Das Weitere lenkt der Zufall. Auch Gutgesinnte ließen hie und da ihr Leben. Denn als die Schlimmen zu merken anfingen, wem das Wüten galt, griffen auch sie hastig zu den Waffen; und kein Legat, kein Tribun erschien, um Einhalt zu gebieten. Volle Freiheit und Rache bis zur Sättigung war der Masse gelassen. Als darauf Germanicus in das Lager einzog, rief er unter vielen Tränen aus, das sei keine heilende Maßnahme, sondern eine Niederlage, und befahl, die Leichen zu verbrennen. Sie, die auch jetzt noch voller Mordlust waren, kam die Begierde an, zur Sühnung ihrer Raserei gegen den Feind zu ziehen. Nur so, meinten sie, könnten die Seelen ihrer Kameraden Ruhe finden, dass sie selbst ehrenvolle Wunden auf der verruchten Brust trügen.
Massen- und Völkermord war der Normalzustand römischer Kriegsführung. Tacitus missbilligt das mitnichten, er unterstellt sogar, dass die Soldaten verlangten, in Germanien östlich des Rheins einzufallen, damit „die Seelen ihrer Kameraden Ruhe finden“ – damit sind die gemeint, die umgebracht wurden, weil sie rebelliert hatten.
Natürlich hat Tacitus die Details erfunden. Er hatte zwar Quellen, die uns heute nicht mehr zur Verfügung stehen, verfasste aber seine Schriften mehr als ein halbes Jahrhundert, nachdem die Ereignisse stattgefunden hätte, so, als schilderte ich den Zweiten Weltkrieg, als wäre ich Augenzeuge gewesen. Trotzdem: Die Interaktion, Gruppendynamik und das Verhalten der römischen Soldaten und ihrer Vorgesetzten ist aus heutiger Sicht kaum erklärbar. Die Leser des Tacitus müssen das aber verstanden haben, obwohl er ihnen seine Sicht der Dinge a posteriori unterjubeln wollte.
Der Caesar verteilt die vor Gier brennenden Legionen, damit die Verheerung desto weiter gehe, in vier Heerhaufen und lässt über einen Raum von 50 Meilen hin Feuer und Schwert wüten. Kein Geschlecht, kein Alter flößt Erbarmen ein. Geweihtes wie Ungeweihtes, auch das Heiligtum Tanfanas, viel besucht von den dortigen Völkerschaften, wird dem Erdboden gleichgemacht. Verwundete gab es bei den Römern keine: sie hatten nur halb Schlafende, Unbewehrte und einzeln Umherirrende niederzumachen.
Wieder viel gelernt…
中国特色社会主义 oder: Systemvergleich

Interessanter Artikel in der FAZ, dem Organ der gefühlten Bourgeoisie: „China gewinnt im Systemvergleich“. (Dieser Artikel wurde Ihnen von einem Abonnenten geschenkt und kann daher kostenfrei von Ihnen gelesen werden.)
„In einem atemberaubenden Tempo hat das Reich der Mitte in fast allen Bereichen der gesellschaftlichen Entwicklung den Abstand zu den westlichen Gesellschaften verringert. Dies gilt für die Wohlstandsentwicklung und die Anzahl der Menschen, die jenseits der Armutsgrenze leben, ebenso wie für die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur und neuer Technologien, für die Wissenschaftsentwicklung, die Entwicklung des Bildungssektors und den Aufbau von Stadtkernen mit globaler Strahlkraft wie in Schanghai.“
„Zur Disposition steht letztlich die Legitimität unterschiedlicher Gesellschaftssysteme.“
Schon klar. Man darf natürlich von bürgerlichen Medien keine tief schürfende Analyse erwarten, welches System nun denn die chinesische Gesellschaft sei: Staatskapitalismus? Sozialismus? Marktsozialismus? Oder gar noch etwas anderes?
Dazu schon einmal vorab eine allerwärmste Buchempfehlung (Standardwerk, wird noch besprochen): Wu Yiching: Die andere Kulturrevolution: 1966–1969: Der Anfang vom Ende des chinesischen Sozialismus.
Wu Yichings mit Fakten und Quellen gespicktes Werk hat mich „umgehauen“ – ich musste alles, was ich meinte über China zu wissen, neu überdenken. (Der Übersetzer entblödet sich leider nicht, Gendersprache einzuschmuggeln.) Es gibt noch keine vernünftige Rezension. Das muss ich vermutlich wieder machen…
Der Autor lehrt mittlerweile in Kanada, ist aber Marxist geblieben und argumentiert auch so. Das ist höchst interessant, weil seine Thesen in China verpönt und verboten sind. Das erinnert mich irgendwie an die „Linksabweichler“ der KPD der Weimarer Zeit, die in der Sowjetunion und natürlich auch in der DDR verschwiegen wurden. Die Frage, die er stellt, sollte die Linke (nicht die Partei) beantworten: Gibt es im Sozialismus Klassenkampf? Wer kämpft gegen wen und wie? Und wo soll das alles enden? Und ist China Sozialismus oder tut die herrschende Klasse dort nur so? (Da ich diesen Terminus benutze, die Staatsdoktrin in der VR China aber selbstredend behauptet, von einer „herrschenden Klasse“ könne nicht die Rede sein, errät das hiesige Publikum vermutlich, wo meine Sympathien liegen.)
Der Artikel der FAZ ist weniger originell, als die Überschrift suggeriert. Er käut die altbekannte Propaganda-Textbausteine wieder, aber zwischendurch entfahren den Autoren Jürgen Gerhards und Michael Zürn zähneknirschend Sätze wie „Wer innerhalb von drei Jahrzehnten mehrere hundert Millionen Menschen aus der absoluten Armut befreit, kann auf einen historisch einmaligen Erfolg verweisen.“ Und: „Der Einwand, dass nur autoritäre Regime in der Lage sind, durch Überwachung der Bürger und Zwangsmaßnahmen die Pandemie effektiv zu begrenzen, greift zu kurz, da auch Länder wie Japan, Taiwan, Neuseeland oder Südkorea die Ausbreitung des Virus sehr gut im Griff haben.“
Die FAZ ist immerhin ideologisch flexibler als die „Linke“: „…kommt man nicht darum herum, Informationen über das Bewegungsverhalten der Bürger und ihre Kontakte zu erheben. Dies stellt einen zumindest temporären Eingriff in die Privatsphäre dar. Wie bei allen politischen Zielkonflikten wäre hier eine öffentlich diskutierte Güterabwägung zwischen den drei zentralen Zielen „Vermeidung hoher Infektionen und einer hohen Sterblichkeit“, „Vermeidung eines Lockdowns mit hohen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgeschäden“ und „Schutz der informationellen Privatsphäre“ nötig gewesen.“
Man merkt, dass die hiesige Bourgeoisie in Gestalt ihrer medialen Lautsprecher nicht umhin kann, die Regierung Chinas zu bewundern. Fazit: „Es bedarf einer scharfen Kontrolle der Unternehmen bei gleichzeitiger Handlungsermöglichung des Staates, insoweit er Gemeinwohlzwecke wie Gesundheit oder Verbrechensbekämpfung verfolgt.“
Scharfe Kontrolle der Unternehmen? Full ack. Mehr Staat wagen? Auch gut. Aber wieso fordert das die FAZ? War der Zensor pinkeln? „Dabei ist natürlich auch der Staat dem Recht unterworfen und muss einer scharfen Kontrolle unterliegen. Für jeden Euro, der für den Aufbau staatlicher Digitalkompetenz ausgegeben wird, muss ein Euro in die Missbrauchskontrolle fließen.“
Kommt gleich auf die To-Do-Liste nach der Machtübernahme der Arbeiterinnen- und Soldatinnenräte.
Peinlich
Man macht sich so seine Gedanken, ob man manipuliert werde oder nicht, und wenn ja, wie. Ein schönes Beispiel ist heute Spiegel online mit einem wie gewohnt reißerischen Teaser, der aber vom Inhalt des betreffenden Artikels noch übertroffen wird. Mäkeln wir ein wenig herum, obwohl das natürlich völlig sinnlos ist:
„Jens Spahn verteidigt vor dem Bundestag seine Impfstrategie“ suggeriert, dass er eine habe. Das kann man anzweifeln. Mein Vorschlag: „Peinlich: Jens Spahn behauptet vor dem Bundestag, er habe eine Impfstrategie.“
„Das zweite Impeachment von Donald Trump nimmt Fahrt auf.“ Auch das suggeriert etwas Falsches: Das Impeachment ist bloße heiße Luft, weil es im US-Senat eine Zweidrittel-Mehrheit geben müsste, um Trumps Schuld festzustellen. Das wird vermutlich nicht erreicht werden. Auch wird niemand juristisch beweisen können, dass der Präsident ursächlich für die Aktionen des Mobs im Kapitol verantwortlich gewesen ist. Mein Vorschlag: „Die Gegner Donalds Trumps manövrieren sich mit großen Radau und mit Karacho in eine Sackgasse.“
„Die peinliche Schwäche der EU gegen China“ – was soll denn das heißen? Staaten zeigen Stärke? Rückkehr zur Kanonenbootpolitik? Kiautschou soll Deutsch bleiben? Und wem ist etwas peinlich? Dem deutschen Volk? Der Bevölkerung? Dem Kapital? Oder nur dem Autor, der sich hier blamiert und alle journalistischen Grundsätze vernachlässigt?
Wenn Journalisten zu viel meinen: Im Artikel wird für Sanktionen gegen die VR China gehetzt – wegen der Uiguren. Das ist gar kein Journalismus mehr, sondern reine und nackte Propaganda. Ich wäre ganz schön bescheuert, wenn ich für so etwas noch Geld bezahlen würde.
Audiatur et altera pars: „Study shows that in the process of eradicating extremism, the minds of Uygur women in Xinjiang were emancipated and gender equality and reproductive health were promoted, making them no longer baby-making machines. They are more confident and independent.“ Das twitterte die chinesische Botschaft. Der Tweet wurde von Twitter zensiert.
Wenn es der „Wahrheitsfindung“ dient, sind alle Mittel offenbar recht.
Cancel Culture, 1.0
Links: Ernst Thälmann und Willy Leow in Berin-Treptow 1926. Leow war Gründungsmitglied der KPD und 2. Vorsitzender des RFB. Nach der Machtergreifung der Nazis floh er in die Sowjetunion. Er wurde während des stalinistischen Terrors wegen angeblicher „Organisation einer trotzkistisch-terroristischen Gruppe“ verhaftet und 1937 erschossen. In der DDR wurde er wegretouchiert. (Bildquelle: Welt)
Ein mir nicht bekannter Musiker wird aus einer mir bisher nicht bekannten Show eines privaten Fernsehsenders hinausgeschnitten. So etwas würden deutsche und auch internationale Qualitätsmedien natürlich nie tun, oder?
Ach so? Das ist seit dem 19. Jahrhundert in allen Medien gang und gäbe? Der Kollege Sven Felix Kellerhoff, obzwar kenntnisreich, aber bekannt als Totalitarismus-Theoretiker und immer gut für antikommunistische Hetze, hat sich vor längerer Zeit in der Welt zum Thema ausgelassen.
Besser ist eine schweizer Link-Kollektion zum Thema „Bildmanipulation“, die zeigt, dass es bis heute üblich ist, wenn es denn der eigenen Propaganda Agenda dient, Fotos zu fälschen: Die Rezipienten sollen bekanntlich zum Guten, Wahren und Schönen erzogen werden. (Dazu dient auch Schleichwerbung in Mainstream-„Nachrichtenmagazinen“.)
Le Chalet
Nichts, was gerade geschieht, ist wirklich spannend oder unvorhersehbar. Ich empfehle daher die französische Mini-Serie Le Chalet auf Netflix, ein Psycho-Thriller nach dem bekannten Plot „eine Gruppe von Leuten unterschiedlichster Art wird von der Welt abgeschnitten und muss sich gegen etwas, was von außen droht, wehren, und die Paranoia kommt gewiss, so dass einige aufeinander losgehen.“ Bei „Le Chalet“ ist es noch ein bisschen komplizierter und – trotz einiger Irrungen und Wirrungen des Plots – psychologisch tiefgründig, sogar mit düsterem Zynismus.
Ich kann nicht erklären, warum Geschichten im Film nicht schon früher so erzählt wurden. Der Plot hüpft ständig zwischen den drei Zeitebenen hin und her, von der eigentlichen Handlung zurück in die Vergangenheit und dann wieder in die ganz aktuelle Gegenwart, die die Geschehnisse noch einmal aus einer ganz speziellen Sicht rekapituliert. Vermutlich kann man auch langweilige Whodunnit-Plots interessanter machen, wenn man so verfährt. Hätte man in „Le Chalet“ zuerst komplett erfahren, was vor zwei Jahrzehnten geschah, wäre jede Spannung weg gewesen. Ich will nicht zu viel verraten, vor allem nichts über den grandiosen und für mich überraschenden Schluss.
Ich kannte keinen der Schauspieler. Die Frauen sind eher der Girl-next-door-Typ und reagieren, wie manchmal in französischen und spanischen Filmen, ziemlich nervig, um nicht „hysterisch“ zu sagen – die klassische Frauenrolle eben. Ich fragte mich, ob es im realen Leben oder nur in den Köpfen der Drehbuchautoren wirklich so zugeht, dass Frauen sich von bescheuerten Kerlen so ein Verhalten bieten lassen? Ich will lieber gar nicht darüber nachdenken.
Cyberdurchsuchung, die 894ste
Manchmal habe ich bei den offenbar hingeschlampten Meldungen von Heise, insbesondere von Stefan Krempl, den Eindruck, hier werde haarscharf an einer Verschwörungstheorie vorbeigeschrieben.
Es ist eindeutig eine urbane Legende, wenn man suggeriert, irgendein Cyberpolizist säße irgendwo vor dem Monitor und „hackte“ sich irgendwo in einen privaten Rechner. So etwas zu können behauptet noch nicht einmal FinSpy.
Auch Wikipedia faselt sinnfrei herum: „handelt es sich um einen Trojaner, da die Spionagefunktionen in einer harmlos aussehenden Hülle eingeschmuggelt werden.“ (Die Diskussionsseite ist gesperrt – vermutlich nicht zufällig.)
„Harmlos aussehende Hülle“? Geht es ein bisschen konkreter? Nein, weil das Blödsinn ist! Man kann trojanische Pferde (so heißt das und nicht „Trojaner“) nur auf einem „fremden“ Rechner implementieren, wenn man entweder den physischen Zugriff hat und der Rechner ungesichert ist oder wenn man per USB-Stick Software installieren kann, und das alles nur unter ganz bestimmten Bedingungen. Alles andere ist Voodoo und ein Hoax der allerfeinsten Sorte.
Wenn man sich die Passagen bei Wikipedia zur Quellen-Telekommunikationsüberwachung (was für ein Wort!) genauer anschaut, wird auch sofort klar, dass es sich weitgehend um heiße Luft handelt.
„Die Malware bestand aus einer Windows-DLL ohne exportierte Routinen“, schreibt der CCC in seiner Analyse. „Wir haben keine Erkenntnisse über das Verfahren, wie die Schadsoftware auf dem Zielrechner installiert wurde.“ Quod erat demonstrandum. Nur wie ich oben schrieb.
In einem Internet-Cafe ginge das natürlich, falls ein Richter das anordnete. Übrigens habe ich Linux. Und man müsste schon an meinem Stangenschloss hinter der Wohnungstür vorbei und einbrechen, um an meine Rechner zu kommen. Per USB geht bei mir auch nichts, meine BIOSSE (heißt das so?) verbieten das. Keylogger funktionieren bei Ubuntu oder XFCE auch nicht oder ich würde es merken.
Aber noch mal für Krempl zum Mitschreiben: Gefährder sitzen ausschließlich und immer an demselben Platz in immer demselben Internetcafe und nutzen ausschließlich Windows.
Huacachina, arruinada
Mit Entsetzen habe ich gerade festgestellt, dass die Peruaner die Oase Huacachina bei Ica völlig ruiniert haben. Von der verträumten und von Palmen umsäumten grünen Insel inmitten der zum Teil 100 Meter hohen Sanddünen ist kaum etwas übrig. Ballermann auf peruanisch – überall Hotels und hässliche hohe Häuser.
Ich war 1984 dort, damals sah es noch ganz anders aus, ganz unten bin ich zu sehen.
Kettenduldung
Aus der Rubrik „nützliches Wissen“: Die Praxis, Duldungen immer wieder zu verlängern, nennt man Kettenduldung. Viele der geduldeten Personen können weder freiwillig ausreisen noch abgeschoben werden: Sie besitzen keinen Pass und/oder ihre Herkunft oder Staatsangehörigkeit ist nicht zweifelsfrei geklärt oder lässt und sich nur langwierig oder gar nicht klären.
Als Ursachen hierfür gelten die tatsächliche Unaufklärbarkeit der Identitätsdaten, ein geringes Interesse der Herkunftsstaaten an der Rückkehr und eine damit verbundene verschleppte Bearbeitung oder Prüfung von Anfragen deutscher Behörden und die fehlende Mitwirkung der betroffenen Ausländer selbst.
Zum 31. Dezember 2019 lebten 202.400 Ausländer mit einer Duldung in Deutschland – das ist so viel, wie Kassel Einwohner hat.
Durchregieren für Couponschneider
Ist jemand hier Couponschneider? Das Kapital in den USA setzt jetzt bekanntlich auf Klimaschutz, Vielfalt und Diversity! USA – jetzt investieren!
„Durchregieren“, was auch immer das heißt, ist aktuell das Lieblingswort deutscher Medien. Knallhart durchgreifen oder so.
Nachlese: Secret Drama und dein Versprechen an die Bienen
Ich muss wieder alles, was nicht zusammengehört, in einen Beitrag pressen. Die Mäuse sind für mich eines der besten Fotos, die ich jemals gesehen habe, sogar mit philosophischem Tiefgang: Wenn man das Drama auf Erden auf Mäusegröße schrumpfte, wäre es dann noch ein Drama? Oder flame wars in „sozialen“ Medien?
Oder gar die Riots in Washington, auf einer Modelleisenbahn nachgestellt? (Ich erinnere mich daran, dass ich vor mehr als einem halben Jahrhundert auf meiner ein brennendes Finanzamt hatte, das vor allem im Dunkeln – von innen beleuchtet – sehr hübsch aussah.)
Die öffentlich-rechtlichen Anstalten Chinas CGTN meint: „The Capitol riot is a collective American failure“. Höre ich da ein wenig Schadenfreude heraus?
„Did Trump light the fuse? You bet. Did the Republicans fan that flame for their own political advancement? Of course. Did the establishment fail to see the fissures in American society and give ultra-nationalism a chance to thrive? Definitely. Did the bureaucracy become so entrenched that roads are potholed, bridges are crumbling and water become poisonous? Undeniable. Did social media wrap people in their own cocoons of comfortable opinions and become irascible to challenges? Can’t be more truthful.“ Full ack, dude.
Der Tagesspiegel gibt mir ein Rätsel auf: „Familien schickten 500 Kinder nach Berlin – sogar Babys und Säuglinge“. Wait a minute. Säuglinge?
„Die vom Landesjugendamt in diesem Jahr erfassten jungen Menschen waren vorrangig Staatsangehörige aus Afghanistan (28 Prozent),.. (…) Sogar Säuglinge und Babys ohne Eltern wurden vom Landesjugendamt in Obhut genommen: Drei Prozent der Kinder waren unter drei Jahre alt, zwei Prozent zwischen vier und fünf Jahren,…“ Wie sind die denn hierhin gekommen?
„Manche wollen unbedingt wieder zu den Eltern zurück, einige haben die ihnen auferlegte Aufgabe des Familiennachzugs erfolgreich erledigt. Manche werden angesichts von seelischen Traumata kriminell und depressiv, andere machen Abitur oder eine Ausbildung im neuen, glücklichen Leben.“
Jawohl! Definiere „glücklich“! Das ist deutscher Haltungsjournalismus vom Feinsten. Manche werden depressiv, manche nicht. Was will uns der Künstler die Autorin damit sagen? Es ist löblich, wenn man etwas bewegen will, aber bei diesem Thema was und wohin?
Und nun zu uns, Anthroposophen und Demeter! Die haben da etwas in ihrer Hauszeitschrift über eine bessere Welt. Ludger Weiss von den Salonkolumnisten schreibt:
„Aber was ist der Boden, auf dem diese Träume wachsen? Ein befremdlicher. Er besteht in der Ablehnung jeglicher moderner Technologie. Kurznachrichten sind ein „scheußlicher Weg der Kommunikation“, „Teufelszeug“. Das Internet, zumal G5 und das damit mögliche „Internet der Dinge“ gilt als Alptraumvision und erledigt sich zum Glück durch „Peak Everything„. Auch die Bekämpfungsmaßnahmen in der Corona-Pandemie werden abgelehnt.“
Ich kann den esoterischen Quatsch nicht lesen, das tue ich mir nicht an. Ich kriege davon die Krätze. „Dein Versprechen an die Bienen“, oder: „Den Willen finden und spüren.“ Das erinnert mich immer an den Titel eines Buches, das ich schreiben wollte, um schnell reich zu werden: „Frauen atmen selber“.
Geschwätz von gestern
Der Berliner Senat verfährt nach dem schönen Motto: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?
Sturm auf [bitte selbst ausfüllen][Update]

Sturm auf Parlament in Skopje. Sturm auf Parlament in Kirgisistan. Sturm auf Parlament in Tschetschenien. Sturm auf Parlament in Hongkong. Sturm im Wasserglas in Deutschland. Sturm auf Parlament in Bagdad. Sturm auf Parlament in Belgrad. Sturm auf Parlament in Venezuela. Sturm auf Parlament in Sofia. Sturm auf Parlament in Bangkok. Sturm auf Parlament in Tiflis. Sturm auf Parlament in Luzern. Sturm auf das Parlament in Washington.
Der Schockwellenreiter hat alles schon formuliert, was nötig ist: „Lediglich die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte ihr Vertrauen in die Stärke der US-Institutionen und des US-Kapitals der US-Demokratie.
Wie Recht sie hatte: Inzwischen ist das Kapitol wieder gesichert und der DAX geht von den amerikanischen Ereignissen unbeeindruckt weiter auf Rekordjagd. Der Börse ist es nämlich scheißegal, wer in Washington den Steigbügelhalter des Kapitals (nicht des Kapitols, das darf man nicht verwechseln) macht. Und schade, daß es dieses Mal keine ominösen russischen Hacker gibt, denen man das alles in die Schuhe schieben kann.“
[Update] Fast die Hälfte der Republikaner macht Biden für den Sturm auf das Kapitol verantwortlich.
Kleiderständer
Endlich ein vernünftiger Kleiderständer für meine Dienstkleidung!
Wokeness and Diversity
„Der neoliberale Traum ist, dass das in punkto Reichtum obere Prozent der Bevölkerung genauso divers ist wie die restlichen 99 Prozent, damit niemand seine ökonomische Situation mehr auf Diskriminierung schieben kann. Dann können die Reichen nämlich behaupten, dass jeder seinen Platz in der Gesellschaft verdient habe. Bei Diversity-Bestrebungen geht es nicht in erster Linie darum, Ungleichheiten zu minimieren, sondern sie zu rechtfertigen.“ (Walter Benn Michaels 2019, via Fefe)
Engineer Modus
Das hiesige Publikum wird sicher wissen, was ich da in der Hand halte. Ich vermute aber, dass die marginalisierten Intellektuellen aus der kleinbürgerlichen Mittelklasse, die merkwürdige Abkürzungen wie „cis“, „Poc“ und „trans“ wie Adjektive benutzen und dreist Sonder- und Satzzeichen mitten in unschuldigen Wörtern platzieren, keine Ahnung haben, wofür ich dieses Gerät benutzen werde.
By the way: Das Publikum merkte ganz richtig an, dass ich viel zu tun habe. Das war aber noch nie anders. Gestern wurde mir eine recht komplizierte Alarmanlage mit gefühlt zwei Millionen Features von einem nur Englisch sprechenden Ingenieur mündlich erklärt. Ein fucking manual gibt es nicht. Ich verfasse daher jetzt eine Anleitung auf Deutsch für Kollegen, die ausländischer Sprachen nicht mächtig sind. Um zu beschreiben, wie man die Anlage scharf schaltet, habe ich schon sechs Seiten gebraucht…
Ich impfe, du impfst, wir impfen

An unsere Bedenkenträger, was das Impfen angeht:
Aber am Abend, als sie gegangen waren,
Saß der Buddha noch unter dem Brotbaum und sagte den andern,
Denen, die nicht gefragt hatten, folgendes Gleichnis:
«Neulich sah ich ein Haus. Es brannte. Am Dache
Leckte die Flamme. Ich ging hinzu und bemerkte,
Dass noch Menschen drin waren. Ich trat in die Tür und rief
Ihnen zu, daß Feuer im Dach sei, sie also auffordernd,
Schnell hinauszugehen. Aber die Leute
Schienen nicht eilig. Einer fragte mich,
Während ihm schon die Hitze die Braue versengte,
Wie es draußen denn sei, ob es auch nicht regne,
Ob nicht doch Wind ginge, ob da ein anderes Haus sei,
Und so noch einiges. Ohne zu antworten,
Ging ich wieder hinaus. Diese, dachte ich,
Müssen verbrennen, bevor sie zu fragen aufhören. Wirklich, Freunde,
Wem der Boden noch nicht so heiß ist, daß er ihn lieber
Mit jedem andern vertausche, als daß er da bliebe, dem
Habe ich nichts zu sagen.»
So Gothama, der Buddha. (Bertolt Brecht)
Total number of vaccination doses
Warum gehen unsere Medien mit Totalversagern wie Spahn so zartfühlend um? Liegt das an der freiwilligen staatstragenden Attitude, die typisch ist für die Mittelklasse, aus der fast alle Journalisten stammen?
Das Geheimnis der Maya-Scherbe
Ich muss gestehen, dass ich ein Dieb bin, obwohl der Eigentümer sich nicht beschweren wird, da er schon rund 1000 Jahre tot ist. In Uxmal (Yucatan, Mexiko) habe ich am 17.10.1979 ein Artefakt mitgenommen, das vermutlich Teil eines Kruges oder Gefäßes gewesen sein wird, fernab von den Ruinen. Ich streifte durch das Areal, was schwierig war, da außerhalb der wenigen gerodeten Plätze wegen des dicken Dschungels kaum ein Durchkommen ist. Ich fand eine kleine Lichtung mit vielen steinernden Trümmer, aber auch verstreute Tonscherben. Eine davon steckte ich ein.
In Uxmal waren wir fast allein. Auf keinem der ein Dutzend Fotos ist ein anderer Tourist (außer meinem Reisebegleiter) zu sehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Archäologen diese Scherbe zurückgelassen haben. Andererseits ist es auch schwer vorstellbar, dass diese Scherben nicht im Laufe der Jahrhunderte völlig überwuchert wurden, zumal Uxmal seit einem Jahrtausend nicht mehr besiedelt ist. Es wird ein Geheimnis bleiben.
An der Bobbahn
Die Fotos wurden an der Natureisbobbahn in Winterberg (Sauerland) aufgenommen, am Kahlen Asten (ca. 1957). Ich sitze da auf einem ausrangierten Bob, unten sieht man meine Eltern und meine Wenigkeit. Leider ist es mir nicht gelungen herauszufinden, was das für eine Hütte ist bzw. war. Auch auf alten Postkarten bin ich nicht fündig geworden. Meine Eltern hatten damals kein Auto. Man muss also zu Fuß vom Kahlen Asten aus dahin spazieren können. (Es könnte die Hütte links am Anfang der Bobbahn sein; sie ist aber auf der Postkarte kaum zu erkennen – außerdem fehlt der Wald ringsum.)
Zur emergenten Methode und produktive Kräfte

Gemälde aus Pompeji, jetzt im Museo Archeologico Nazionale (Neapel): Ein Bankett oder eine familiäre römische Zeremonie
Das neue Jahr sollte mit hochgestochener Wissenschaft beginnen um ein Zeichen zu setzen. Ich wurde angeregt durch die Kommentare der wohlwollenden Leserschaft, ein paar Worte zur Methode zu formulieren. Außerdem habe ich das höchst interessante und originelle Buch Egon Flaigs Ritualisierte Politik – Zeichen, Gesten und Herrschaft im Alten Rom jetzt gelesen und kann einige Argumente nachlegen.
1. Ich schrieb am 05.11.20: Zu Spartacus und den Sklavenaufständen hatten einige marxistische Historiker die These aufgestellt, dass der Wechsel von der Republik zur „Kaiserzeit“ von den
Herrschenden unter anderem als Option gewählt wurde, weil sie Angst vor weiteren Aufständen gehabt hätten und eine Ökonomie, die massenhaft auf Sklavenarbeit beruht, nicht mehr effizient genug gewesen sei.
Der erste Teil dieser These ist eindeutig falsch, durch keine Quellen belegt und beruht vermutlich auf Wunschdenken. Ich neige mittlerweile sogar dazu zu behaupten, dass der Klassenkampf zwischen den Freien und den Sklaven nicht der bestimmende für den Charakter der Sklavenhaltergesellschaft war, sondern der zwischen den „Ständen“ der Senatoren und Rittern einerseits und den Freien, insbesondere den Bauern, andererseits. Man muss auch bedenken, dass sich der ökonomische Charakter des römischen Reiches von den Punischen Kriegen bis zu Justinian – also fast 800 Jahre! – nicht wesentlich änderte. Die Rebellion des Spartacus fand aber schon im 1. Jahrhundert v. Chr. statt. Danach sind zwar zahlreiche kleinere Sklavenaufstände bekannt, aber keiner, der das Imperium oder gar die Form der Klassenherrschaft real bedrohte.
Im Klippschulen-Marxismus heißt es: Engen die Produktionsverhältnisse die Entwicklung der Produktivkräfte ein, so geraten beide in Widerspruch zueinander. Es folgt eine sozialen Revolution, die die Produktionsverhältnisse und den juristischen und politischen Überbau umwälzt. Gab es am Ende der Sklavenhaltergesellschaft, die hier mit dem Römischen Reich identisch ist, eine soziale Revolution, die irgendetwas umwälzte? Ich sehe keine. Es kommt aber darauf an, was man unter „Revolution“ versteht.
Egon Flaig schreibt: „Nicht bedachte oder tatsächlich unabschätzbare Folgen ergeben sich unentwegt aus menschlichen Handlungen; sie gehören zum Phänomen der Emergenz: Neues taucht auf, ohne dass richtig zu erkennen wäre, woher es eigentlich kommt. Die objektive Folgewirkung eines Ereignisses und die Bedeutung, die ihm in den Augen der Akteure anhaftet, driften in der Regel auseinander.“
Man kann also eine Revolution machen oder erleben, ohne es zu wissen. Für das Römische Reich heißt das: Massenhafte Sklavenarbeit wurde in der Spätantike ökonomisch immer unwichtiger oder sogar unprofitabel, ohne dass das jemand geplant oder vorhergesehen hätte. Das hatte aber mehrere Gründe, u.a. den Zusammenbruch der überregionalen Absatzmärkte für die Produkte der Latifundien. Man kann vermuten, dass bäuerliche Arbeit im Kolonat und später und feudalen Verhältnissen schlicht effektiver war als die Arbeit von Sklaven.
Eine Tendenz ist unstrittig: Die freien Bauern im Römischen Reich – zu Beginn dessen Basis – wurden mehrheitlich komplett ruiniert und ihres Landes beraubt. Das kann man vergleichen mit der Landflucht während der Industrialisierung in Europa: Der Kapitalismus braucht Menschen, die nichts mehr besitzen als ihre Arbeitskraft – das ist die klassische Definition des Proletariats. Im Spätfeudalismus hieß das Bauernlegen – nur dass die enteigneten Bauern nicht in die Städte abwandern konnten, sondern unter die Fuchtel der immer mächtigeren Feudalherrn gerieten. Erst die Entwicklung der Produktivkräfte in der Industriellen Revolution schuf für landlose Bauern eine Alternative.

Römisches Bankett nach der Jagd, aus der Villa Romana del Casale in Sizilien
Zur Methode: Man kann Zufälle nicht als den treibenden Motor der Geschichte ansehen. (Ich will jetzt nicht die Schlacht von Salamis diskutieren.) Es hat auch im römischen Reich zum Beispiel immer wieder Seuchen gegeben wie etwa die Antoninische Pest; aber die haben den Lauf der Geschichte nicht wesentlich geändert, obwohl die Pandemie vermutlich mindestens 20 Prozent der Gesamtbevölkerung auslöschte. Auch die Pest im 14 Jahrhundert und der 30-jährige Krieg haben die Produktionsverhältnisse nicht umgewälzt. (Das gilt auch für „Klimaänderungen“ oder Vulkanausbrüche.)
| An drei Orten kann das römische Volk am meisten sein Urteil und seinen Willen bezüglich der Res publica äußern: bei den Informationsveranstaltungen (contiones), bei den Stimmversammlungen (comitia) sowie bei den ludi und bei Gladiatorendarbietungen. (Marcus Tullius Cicero: Pro Sestio (56 v. Chr.) |
| Lateinisch ist hier viel kürzer und eleganter: Etenim tribus locis significari maxime de re publica populi Romani iudicium ac voluntas potest, contione, comitiis, ludorum gladiatorumque consessu. |
2. Ich fragte mich selbst: „Republik“ oder „Militärdiktatur“ – sind das nur zwei Formen derselben Herrschaft, wie auch die „Demokratie“ und der „Faschismus“ beide Formen der Klassenherrschaft im Kapitalismus sind?
Die Antwort ist eindeutig ja! Fraig schreibt: „Die römische Republik ist untergegangen, weil die politischen Institutionen zusehends wehrloser wurden gegen die Konzentration riesiger Machtpotentiale in den Händen einzelner Nobiles. (…) Im Rom ließen sich ökonomische Ressourcen mühelos in soziale Macht verwandeln, das Klientelsystem eignete sich dafür bestens. Wo aber machten römische Aristokraten ihre größten ökonomischen Gewinne? Nicht in der Landwirtschaft und nicht im Handel, sondern bei der Verwaltung von Provinzen und im Kriege. Die Kriegsbeute war erheblicher als die Gewinne, die ein Statthalter normalerweise aus seiner Provinz herauszog. Mit ihr erwarb der Feldherr schlagartig Reichtümer in einem solchen Umfang, dass andere Senatoren keine Chance hatte, durch eine allmähliche Optimierung ihrer landwirtschaftlichen Einkommen den Vorsprung aufzuholen.“
Je weiter der römische Imperialismus sich ausdehnte, um so mehr untergrub er also die Basis der traditionell herrschenden Klasse der Senatoren. Der Senat verlor die Kontrolle über den Staat, aber nicht zugunsten der Plebs – sein klassischer Gegenpart in den Frühzeiten der Republik. „Als die Kräfteverhältnisse sich zuungunsten des aristokratischen Leitungsgremiums verschoben, profitierten vielmehr herausragende Adlige, die riesige Ressourcen ansammelten , wie z. B. Marius, Sulla, Pompeius und Caesar…“
Die Herrschaft eines Imperators (also de facto eine Militärdiktatur) ist daher die effektivste Form der Klassenherrschaft der römischen Sklavenhaltergesellschaft und musste zwangsläufig irgendwann eintreten – eine Republik ist eher eine „Ausnahme“. Nach der Lektüre Flaigs, dessen Ansatz und zentrale Thesen ich hier gar nicht analysieren kann, habe ich den Eindruck, dass die Republik nur eine Art Nährboden war – von einer ursprünglich tribalistischen Bauernrepublik bis hin zur Militärdiktatur mit massenhafter Versklavung von Kriegsgefangenen und Schuldnern und deren Einsatz in der Produktion.
In der marxistischen Diskussion wurde vereinzelt auch die Frage gestellt, ob die antike Sklavenhaltergesellschaft zwangsläufig erforderlich sei als Vorstufe des Feudalismus, oder ob sich feudale Gesellschaften auch ohne diese „Vorstufe“ zum Kapitalismus entwickelten könnten? Daraus folgt die Frage, ob die Tatsache, dass der Kapitalismus sich zuerst in Mitteleuropa entwickelt habe, kein historischer „Vorsprung“ war und auch kein Vorteil in Richtung Sozialismus? Man sieht natürlich heute, dass die Annahme, der Sozialismus würde eben darum zuerst in Europa siegen, falsch war.
Mein Argument, nur als Arbeitshypothese: Die Sklavenhaltergesellschaft des römischen Reiches schuf die „besten“ Voraussetzungen für den Ruin der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und somit für deren Abhängigkeit vom Grundherrn – die Basis des entwickelten Feudalismus. (Man müsste das anhand der chinesischen Geschichte verifizieren oder falsifizieren – da kenne ich mich aber zu wenig aus.)

Gladiatorendarstellung auf einem Mosaik in Leptis Magna, heutiges Libyen, etwa 80 bis 100 n. Chr.
Noch ein Detail – ich musste meine Meinung zu den Gladiatoren ändern. Flaigs These: Die Spiele und die Kämpfe der Gladiatoren hatten rituellen und einen politischen Charakter. Spiele waren ein Barometer, das die aktuelle Popularität der Senatoren anzeigte. Sie waren genauso wichtig wie die contiones und die Stimmversammlungen comitia. Die Gladiatoren galten als exemplum römischen Verhaltens – die sozialen Regeln wurden durch eine Art Referenzkultur eingeübt und durchgesetzt (der Vergleich mit dem britischen Common Law liegt nahe).
„Die Verfemten und Ausgestoßenen fungierten als lebendige mnemische Zeichen, Eben die Verfemten, deren Leben eigentlich verwirkt war, führen nun ein Verhalten vor, das von römischen Werten gesteuert wurde, von Disziplin, Technik, Gehorsam und Todesverachtung. Ausgestoßene und Kriminelle inszenierten römische Werte, choreografierten römische Tugenden. (…) Tierkämpfe (venationes) Hinrichtungen und Gladiatorenkämpfe wurden wahrscheinlich erst am Ende der Republik zu einem kanonischen Ensemble kombiniert, in welchem – nach Tageszeichen geschieden, die römische Ordnung sich darstellt. Morgens bei der Tierhatz als siegreicher Kampf der Kultur gegen die Natur, mittags bei den Hinrichtungen als schonungslose Ausmerzung der nicht integrierbaren Feinde, diese Ordnung nach nachmittags bei der Gladiatur als disziplinierender Rahmen, innerhalb dessen Verfemt und Geächtete eine Chance hatte, unter Einsatz ihres Lebens sich vor einer versammelten Öffentlichkeit zu bewähren.“
Die historische Realität war – wen wundert’s – anders als in ausnahmslos allen Gladiatorenfilmen: Die meisten Gladiatoren überlebten die Kämpfe, obwohl manche fast nie siegten. „Georges Ville hat geschätzt, dass im ersten Jahrhundert ein Gladiator pro Kampf im Durchschnitt eine 80-prozentige Chance hatte, zu überleben, allerdings verschlechterten sieh die Chancen im dritten Jahrhundert, wo sie durchschnittlich nur noch 50% betrug.“ Es gibt keinerlei Hinweise oder Quellen, dass das Publikum jemals unterschiedlicher Meinung gewesen ist, ob ein Besiegter begnadigt wurde oder nicht – das ist merkwürdig und muss erklärt werden: „…die römische Plebs verfügte über keine Organe und kein Forum, wo sie ihren politischen Willen in einem institutionalisierten Kommunikationsprozess hätte bilden können. Doch im Amphitheater konnte sie das tun.“ Es war also das Gegenteil der Comitien: „Dort legte der Magistrat eine rogatio vor, das Volk stimmte zu und führe mit der Zustimmung ein iussum populi
Das Ritual änderte sich natürlich im Lauf der Jahrhunderte. Caesar zum Beispiel befahl, dass besiegte Gladiatoren schlicht die Arena zu verlassen hatten, auch wenn das Volk deren Tod wollte – er sparte sie für weitere Kämpfe auf. Wie wichtig das Ritual des Gladiatorenkampfes war, beweist, dass Augustus ein Gesetz erließ, das Kämpfe verbot, die keine Begnadigung (missio) vorsahen. Die Senatoren kämpfen auch verbittert dagegen, dass Adlige als Gladiatoren auftraten. Kaiser Tiberius erließ sogar ein Gesetz, dass dafür die Todesstrafe vorsah, auch für die Verwandten des Adligen, der es übertreten hatte. Flaig spricht von einem „Kulturkampf“ in Rom gegen die Hellenisierung der Gladiatorenkämpfe. Nur Kaiser Nero sah das anders, er gestaltete „….gezielt den sozialen Rahmen de Rituals um. Er scheiterte letztlich an der stadtrömischen Bürgerschaft, welche sich den kulturellen Zumutungen des Kaisers erbittert widersetzte. Der Kampf um die politische Symbolik der römischen ludi endete mit einer totalen Niederlage der Hellenisierer.“
Die Gladiatorenkämpfe nahmen erst in der späten Kaiserzeit ab; die Bürger des Reiches hatten zunehmend Angst um ihre zivile und politische Sicherheit, „so wurde ihnen der öffentlich inszenierte tödliche Kampf inmitten einer befriedeten Gesellschaft immer unzumutbarer.“ Das Christentum gab den Gladiatoren und auch den Tierkämpfen den Rest.





































