Gegen die Wahrheit
Ach ja, die Sache mit Eralp: Das ehemalige Nachrichtenmagazin „veröffentlicht nicht autorisierte Aussagen der Berliner Linke-Politikerin Elif Eralp“.
Ich muss zugeben: Mir macht es besonders Spaß, gegen alles und alle zu sein, wenn es einen unausgesprochenen Konsens zu geben scheint, auf den sich alle stillschweigend berufen, und der sich beim näheren Hinsehen als purer Nonsens herausstellt. Das war auch bei dem Thema „Online-Durchsuchung“ so. Deshalb ist Des Kaisers neue Kleider mein Lieblings(kunst)märchen.
Ich darf mich selbst zitieren (2008): „Wer einem Interview-Partner so auf die Nerven geht, dass der sich aufregt oder spontan die Fassung verliert, bekommt häufig mehr und bessere Informationen als bei Unterhaltungen, die durch höflichen Smalltalk und gegenseitiges höfliches Rücksichtnehmen geprägt sind. Hartnäckiges Nachfragen ist eine Kardinaltugend des investigativen Journalismus in angelsächsischer Tradition, auch wenn der Interviewte sich im Nachhinein mental überanstrengt fühlt. In den USA und in England würde auch kein Journalist auf die Idee kommen, das Gesagte „autorisieren“ lassen. Das ist ein typisch deutscher Brauch, der im demokratischen Europa einzigartig ist und den man nur aus der hiesigen stark ausgeprägten obrigkeitsstaatlichen Tradition erklären kann. Das ungeschriebene „Gesetz“ der Autorisierung fördert die vorauseilende Unterwürfigkeit der Jung-Journaille, die meint, das müsse so sein, und lebt davon, dass alle stillschweigend mitmachen, weil niemand sich traut auszurufen, dass der Kaiser nackt ist. Eine rechtliche Grundlage für Autorisierungen gibt es ohnehin nicht.“
Auch wenn so genannte „Medienrechtler“ das anders sehen: Die juristische Klage gegen „unautorisierte“ Interviews möchte ich sehen.
By the way: Aus Furcht um seine Stellung und seinen Ruf spricht – wider besseres Wissen – niemand die offensichtliche Wahrheit aus, nicht einmal der treueste Minister des Kaisers; vor die Entscheidung „Ansehen und Wohlstand oder Wahrheit“ gestellt, entscheidet man sich letzten Endes gegen die Wahrheit.
Ich frage mich die ganze Zeit, warum niemand, aber auch niemand aus der Journaille laut ruft: „Der Kaiser ist nackt, und Autorsierungen sind lächerlicher Unsinn!?“ Sind die alle schon freiwillig gleichgeschaltet?
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