Wolfs Geheul
Barbara Kalender und Jörg Schröder schrieben 2007 in der taz über Wolf Biermans Biografie: „Zuviel der Ehre für Wolf Biermann“. Aktuell hat Christian Y. Schmidt (Vorsicht! Facebook!) Biermanns erbärmliches Gequatsche über Edward Snowden kommentiert.
Kalender/Schröder zitieren Rayk Wieland in der „Konkret“ (Oktober 1996):
Bekanntlich kam Biermann erst 1953 in die DDR. Margot Honecker, geborene Feist, die gemeinsam mit Biermann aufgewachsen war, holte den Siebzehnjährigen aus seinen bescheidenen Hamburger Verhältnissen und brachte ihn in einem Internat unter. Ihr und Biermanns Vater waren während der Nazizeit in einer Widerstandsgruppe, und nachdem die Gruppe aufgeflogen, beide Väter verhaftet und ins KZ gebracht worden waren, nahm Biermanns Mutter das Mädchen bei sich in Hamburg auf. Nach dem Krieg holte sie der Vater, der überlebte, wieder nach Halle, wo Margot in der FDJ arbeitete und deren Chef Erich Honecker kennenlernte, den sie später heiratete. Biermann machte, in der DDR angekommen, zunächst das Abitur und durfte sich danach ein Studium, nein, sogar zwei Studiengänge aussuchen – er belegte Politische Ökonomie, später Mathematik und Philosophie. Natürlich war er Mitglied der FDJ und der SED, und natürlich konnte er auch nach 1961 ungehindert in den Westen reisen, er gab dort Konzerte und ließ seine Bücher verlegen. Sein enger persönlicher Kontakt zur Familie Honecker, insbesondere zu Margot Honecker, riß nie ab. Sie ging zu ihm in die Chausseestraße, wo sie ihm eine Wohnetage besorgt hatte, er kam zu ihr ins Ministerium, wozu er weder Termine noch Passierscheine benötigte. Noch unmittelbar vor dem Verlassen der DDR hatte er Besuch von ihr, sie werden die Modalitäten des als Ausbürgerung bekannt gewordenen Umzugs und PR-Gags beredet haben. Darüber spricht und singt der Dauerwiderständler Biermann nicht nur ungern, sondern überhaupt nicht. Seine Popularität und moralische Glaubwürdigkeit, mit welcher er gegen ›die Genossen im Schmalztopf der privilegierten Kaste‹ ansang, hätte Schaden nehmen können, wenn herausgekommen wäre, daß er nicht nur im ›Neuen Deutschland‹ tagtäglich die bekannten ›Fressen‹ fand, sondern auch bei sich zu Hause.
Vorauseilender Antirassismus
Die Leipziger Volkszeitung über Tanzveranstaltungen im linken Conne Island (ein selbstverwaltetes Jugend-Kulturzentrum in Leipzig-Connewitz):
Zudem sei der sogenannte „Refugees-Fuffziger“ durch junge Männer mit Migrationshintergrund missbraucht worden. Gerade bei Tanzveranstaltungen seien sie angesichts des billigen Eintritts in größeren Gruppen angerückt, um dort für Stress zu sorgen. Sie trafen der Schilderung nach auf verunsicherte Security-Leute, die sich im Umgang mit Migranten mehrmals ungerechtfertigt einem Rassismusvorwurf ausgesetzt sahen – zumal auch unbeteiligtes Publikum „in vorauseilendem Antirassismus“ das Einlasspersonal zurechtgewiesen habe. (…) „Ein verbales Umschiffen des Sachverhalts“, so die Erkenntnis des Plenums, „scheint nicht mehr zweckdienlich.“
Würde mich schon interessieren, ob es auch selbstverwaltete Security-Leute waren… Jedenfalls hatten die offenbar keinen Plan. Sollte man aber haben.
Das Problem kenne ich. Das hat aber nichts damit zu tun, ob jemand, der Stress macht, Einwanderer ist oder nicht. Wenn jemand zum Beispiel (sehr oft „Bürger mit polnischem Migrationshintergrund“) einen Arzt oder einen Krankenpfleger angreift und ich das verhindere, gib es fast immer Einwürfe aus dem weiblichen deutschen Publikum aka Wartende, warum ich so brutal sei. Man muss schon vorher genau wissen, was man will, sonst geht alles schief. Man darf auch keinen „Krieg“ anfangen, den man nicht wirklich gewinnen möchte, auch wenn etwas Unvorhergesehenes passiert.
Aus völkerkundlicher Sicht finde ich viel interessanter zu fragen, warum ein Sachverhalt – und welcher – „verbal umschifft“ werden sollte? Welcher Schiffbruch könnte drohen?
The Trump tape doesn’t matter oder: Was wirklich zählt
Ein ganz grandioser Kommentar von Mel Robbins auf CNN: „The Trump tape doesn’t matter“. Offenbar die einzige Journalistin, die verstanden hat, warum Trump die Wahl immer noch gewinnen könnte.
Zum Beispiel: Weil vor Artikeln von CNN diese Warnung steht: „Warning: This article contains offensive language.“ Was soll der Scheiß, ihr Vollpfosten? (So darf man nicht formulieren, aber so redet das Volk.)
Every dangerous and disgusting thing Trump says proves he’s not fit — and that’s the point. He’s not fit for the current „system.“ And that is exactly his appeal. When he opened his apology by saying, „I’ve never said I’m a perfect person, nor pretended to be someone that I’m not,“ he was making it clear. (…) Obama won his first election thanks to the emotions of hope and enthusiasm. Trump could win this election on the emotions of frustration and resentment. (…)
Polls in some swing states show Trump with narrow leads. According to Clinton’s fundraising emails, „Trump has TOO many paths to 270 electoral votes.“ (…)
If a vote for Trump is a middle finger to world, then a vote for Clinton can’t be a middle finger to Trump. It must be a vote for a system that has kept us united under one flag for centuries. And there’s no one who understands that system better, or how to fix it, than a woman who’s dedicated her whole life to working inside it.
Chapeau! So etwas würde in deutschen Medien nicht vorkommen. Die sind sich wieder mal einig im Trump-Bashing. Verstanden haben sie nichts.
Ihr seid nicht das Volk, revisited

Foto: Streikende Bergleute in Asturien, Quelle: libcom.org
Ein ganz hervorragendes Interview mit Didier Eribon hat Zeit online: „Für Nation und Heimat, gegen Oligarchie und Finanzelite: Linke Bewegungen wie Podemos und Nuit Debout klingen oft wie Rechtsradikale“.
Ich kan allem, was er sagt zustimmen. Hierzulande gibt es kaum jemand, der so denkt. Das ist kein Zufall.
Die Leute haben nicht gegen die EU gestimmt, weil sie glauben, danach wären die Dinge tatsächlich besser. Sie wollten vor allem ihre generelle Ablehnung zum Ausdruck bringen. (…)
In den Achtzigern haben linke Neokonservative mit Investorengeld Konferenzen organisiert, Seminare gegeben und mediale Debatten angezettelt mit dem Ziel, die Grenze zwischen rechts und links zu verwischen. Das war eine konzertierte Kampagne. Sie wollten all das abschaffen, worauf sich linkes Denken gründet: den Begriff der Klasse, die soziale Determination, die Ausbeutung der Arbeitskraft etc. Heute sehen wir, dass sie zum größten Teil erfolgreich waren. (…)
Das Problem ist, dass Europa von einer Klasse regiert wird, die der britische Autor Tariq Ali einmal die „extreme Mitte“ genannt hat: Diese Leute glauben, dass das, was den gut ausgebildeten Menschen in den Metropolen nützt, automatisch gut für alle ist. Das ist offensichtlich falsch (…)
Wie ist es möglich, so viele Menschen im politischen Alltag zu ignorieren? In Europa wissen die Eliten nicht einmal, dass es in ihren Ländern echte Armut gibt. (…)
Niemand wählt eine Partei, weil er mit ihr in jedem einzelnen Punkt übereinstimmt. Wir wählen Parteien, weil wir in dem Weltbild, dass sie vor Augen haben, selbst vorkommen. Und viel mehr wollen die Arbeiter auch nicht.
Sag ich doch. Ich habe auch die kleinbürgerlichen Beschimpfungen der Wähler satt. Besonders die schimpfen auf das pöbelnde Volk, die finanziell abgesichert und hochnäsig in ihren Stühlen sitzen und meinen, „man“ müsse doch die westlichen Werte hochhalten. Der schlimmste Gefühlszustand für den Spießer ist die „Enthemmung“, nichts anderes als die Furcht, die da unten könnten anders aufbegehren als es der Mittelschicht gefällt.
Sie wollen nur das Volk wieder auf den Konsens im Kapitalismus einschwören. Das machen die Arbeiter offenbar nicht mit. Nur gibt es keine linke Partei, die das auffängt.
Natürlich nichts gewusst
Das Neue Deutschland fasst noch mal den Stand des NSU-Prozesses zusammen: Jede Menge offenen Fragen, die nie beantwortet werden können.
„Die Bundesanwälte wollten den skandalösen Fall staatlichen Versagens bei der Abwehr von Rechtsterroristen möglichst rasch anklagen. Und dabei den Kreis der Verdächtigen eng begrenzen. Lass es nur kein Netzwerk sein! (…) Und so sammelte man eifrig alle belastenden Indizien gegen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe sowie die anderen vier angeklagten Nazi-Figuren. Das Umfeld verschwamm bis zur puren Unschärfe. (…) Die Forensik spielte bei den Ermittlungen eine große Rolle. »Wir haben viel gefunden«, sagt Greger. Stimmt. Was man allerdings nicht gefunden hat, sind beispielsweise DNA-Spuren von Böhnhardt und Mundlos – tatsächlich: an 28 Tatorten nicht eine einzige. Auch keine Fingerabdrücke.“
Besonders interessant dieses: „Es gibt eine Anweisung von Oberstaatsanwältin Greger, die von Weitblick geprägt gewesen zu sein scheint. Zehn Tage nachdem der NSU aufgeflogen war, verfügte sie, dass keinerlei Ermittlungswissen an den Verfassungsschutz weitergegeben werden darf. Denn es bestehe der Verdacht, dass der NSU der bewaffnete Arm »einer Partei sein oder einen Bezug zur organisierten Kriminalität« haben könnte. Und man wisse ja nicht, wie tief der Verfassungsschutz in solche Sachen involviert sei. Doch diese Anweisung hatte leider nicht lange Bestand.“
Ich hatte früher immer Zweifel, ob es einen organisierten Rechtsterrorismus à la „Barune Armee Fraktion“ gebe, vor allem deshalb, weil alle in Frage kommenden Anführer Spitzel des Verfassungsschutzes waren. Ich traue dieser Behörde ziemlich viel zu, aber so etwas erschien mir doch etwas zu abwegig, da einer ja immer plaudert und das recht schnell ans Tageslicht gekommen wäre. Dachte ich damals. Das war falsch. Das Vertuschen ist offenbar dumm und dreist amtsübergreifend.
Ich schrieb 2003:
Zum anderen vertritt der suggestive Begriff „Braune Armee Fraktion“ eine These, wie das ultrarechte Milieu strukturiert sei. Das vorgebliche Fehlen einer „Struktur“ war immer das wichtigste Argument, den Terror von rechts nicht ernst zu nehmen. Je mehr jedoch rassistische und antisemitische Ideen gesellschaftlich hoffähig sind, um so weniger bedarf es einer „Struktur“ des ultrarechten Milieus. Jeder Neonazi ist ein potentieller Terrorist, aber diese Möglichkeit muss nicht dauerhaft sein. Rassismus ist eine positive Option, ein Versprechen, nach irrationalen Kriterien soziale Grenzen so definieren zu können, dass man selbst einen Vorteil davon hat. Terror, der eine antisemitische und rassistische Motivation voraussetzt, ist immer individuell, weil die Ideologie und „moralische“ Begründung auf der subjektiven und rein irrationalen Entscheidung beruht, wer als der jeweilige Gegner anzusehen sei. Der „linke“ Terror der RAF bedurfte hingegen der theoretischen Legitimation und einer eschatologischen Interpretation der Geschichte, um potentielle Sympathisanten zu gewinnen. Terror, und das scheint hochaktuell, ist immer ein Zeichen der Niederlage der Idee.
Ja, weil wir heute die Salonfaschisten von der AfD haben und Pegida und Konsorten.
Der wichtigste Abschnitt im Artikel des ND ist dieser:
„Der Mann mit dem Arbeitsnamen Lothar Lingen ist jener ehemalige Referatsleiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, der am 11. November 2011 in einer Schredderaktion die Akten von V-Leuten vernichtet hat. Er war stets wortkarg, doch bei einer Vernehmung durch das BKA hatte er 2014 sein Motiv für die Vernichtungsaktion erklärt. Es sei bereits damals ‚völlig klar‘ gewesen, dass die Öffentlichkeit angesichts der vielen Quellen, die der Verfassungsschutz in der Thüringer Naziszene platziert hatte, nie geglaubt hätte, dass der Geheimdienst nichts vom NSU gewusst hat. Im Gegenteil, schon die nackten Zahlen der V-Leute sprachen dafür, ‚dass wir wussten, was da läuft‘.“
Die deutsche Volksseele
Noch ist keiner auf die Idee gekommen, die Lage der Deutschen des Jahres 1932 mit der von heute zu vergleichen, um herauszufinden, dass „die deutsche Volksseele“ damals bei einer Arbeitslosigkeit von 44 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung, einer Halbierung der Industrieproduktion seit 1928 bei gleichzeitiger Senkung der Löhne und Gehälter um vierzig Prozent auf erst 37,5 Prozent für die NSDAP hochgekocht war. Wie die Volksseele bei ähnlicher Lage 2017 brodelte, lässt sich gar nicht übertreiben. Noch auch brannten 1932 die Synagogen nicht wie seit 1990 bis heute die Ausländerheime, noch konnten Juden mit ihrer Kippa auf dem Kopf, anders als heute, unversehrt durch Berlin spazieren. Deutschland (..) war vor 1933 weniger nazistisch (und viel weniger antisemitisch) als heute. (Hermann J. Gremliza in der aktuellen Konkret)
Captured by the Hard Left
Wenn ich in Großbritannien lebte, könnte ich jetzt vermutlich die Labour Party wählen. Ist doch schön, wenn die rechten und sozialdemokratischen Pappnasen eine Partei verlassen.
Trump is headed for a win
The Independent und die Washington Post lassen Professor Allan Lichtman zu Wort kommen, der den Ausgang aller Präsidentchafts-Wahlen in den USA seit 1984 richtig vorhergesagt hat. Trump werde wahrscheinlich gewinnen.
„The Keys to the White House“ is a historically based prediction system. I derived the system by looking at every American presidential election from 1860 to 1980, and have since used the system to correctly predict the outcomes of all eight American presidential elections from 1984 to 2012.
The keys are 13 true/false questions, where an answer of „true“ always favors the reelection of the party holding the White House, in this case the Democrats. And the keys are phrased to reflect the basic theory that elections are primarily judgments on the performance of the party holding the White House. And if six or more of the 13 keys are false — that is, they go against the party in power — they lose. If fewer than six are false, the party in power gets four more years.
Die „Experten“ sind sich aber auch einig, dass Vorhersagen schwierig sind, insbesondere die Zukunft und die nächsten Wahlen betreffend.
Zu hoch für dich
Christian Baron in Konkret: „Warum ist es unter so vielen Linken en vogue, sich über Angehörige der sogenannten Unterschicht lustig zu machen und sie aus ihren Gruppen auszuschließen? Klassendiskriminierung unter Linken ist ein altbekanntes Phänomen, das bis heute totgeschwiegen wird.“
Klassismus ist aktiver Klassenkampf von allen Seiten gegen die Arbeiterklasse. Und doch ist der Begriff bei fast allen innerhalb der Linken, die ihn nicht ablehnen, bisher komplett unbekannt.
Das mag vor allem damit zusammenhängen, daß linke Gruppen, wie schon erwähnt, seit Jahrzehnten von Menschen geprägt sind, die materiell abgesicherten, ja häufig wohlhabenden Einfamilien- oder Reihenhausverhältnissen entstammen. Ihre eigene Lebenswirklichkeit kennt keinen aktiven Klassenkampf, weil sie das Gymnasium und später die Universität besucht haben, ohne dort mit vielen Menschen aus Armutsverhältnissen oder aus gewerkschaftlich organisierten Lohnarbeiterhaushalten in Kontakt gekommen zu sein.
Ich hatte hier auch schon behauptet, dass Gendersprech Klassismus sei. Quod erat demonstrandum.
Kommt ein Jude in die Vereinten Nationen
Meine Damen und Herren,
wenn schon die Gewohnheiten der Vereinten Nationen schwer aussterben, sterben palästinensische Gewohnheiten noch viel schwieriger aus. Präsident Abbas hat gerade von diesem Podium aus die Balfour-Deklaration angegriffen. Er bereitet momentan eine Klage gegen Großbritannien vor, aufgrund der Erklärung von 1917. Das ist fast 100 Jahren her. Da steckt mal jemand in der Vergangenheit fest! Die Palästinenser können genauso gut den Iran für die Erklärung Nebukadnezars verklagen, der es uns Juden erlaubte, unseren Tempel in Jerusalem vor 2500 Jahre wieder aufzubauen. Oder wo wir schon mal dabei sind, warum bringen die Palästinenser nicht direkt eine Sammelklage gegen Abraham ein, weil er ein Grundstück in Hebron kaufte, wo die Väter und Mütter des jüdischen Volkes vor 4000 Jahren begraben wurden?
(Israels Präsident Benjamin Netanjahu vor der UN)
Wie Proletarier und arme Leute wirklich wählten

(Quelle)
„Die Arbeitslosigkeit liegt in Treptow-Köpenick bei 7,5 Prozent und somit deutlich unter dem Berliner Durchschnitt, das Nettoeinkommen der Haushalte übertrifft den Hauptstadt-Durchschnitt.“ Dort wurden die Salonfaschisten am stärksten. Nicht hier bei mir und meinen Nachbarn.
The Rise of ISIS
Wer für den Zusammenbruch Libyens und das Aufkommen des so genannten „islamischen Staats“ ursächlich verantwortlich ist, weiß der britische Independent.
Arbeiter!
Nils Markwardt im Freitag über die Sprache der Linken und warum diese die kleinen Leute nicht mehr erreichen.
Aus Arbeitern wurden ‚Geringverdiener‘, aus Proletariern ’sozial Schwache‘. Aus einem Kollektivsubjekt, das Rechte einforderte, wurde ein Sammelsurium von Opfern und Hilfsempfängern. (…) Vielleicht wäre es aber ein Anfang, wenn die Linke jenes Bonmot von Karl Marx beherzt [sic], wonach es zunächst nicht darum geht, alle gesellschaftlichen Widersprüche aufzuheben, sondern darum, ihnen eine Form zu geben, in der sie sich bewegen können. Die Rechtspopulisten tun das nämlich bereits.
11. September
Positiver Rassismus
Zeit online interviewt die Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann. Die Dame hat oft recht. Ich musste meine Meinung, dass die Grünen meistens Unfug von sich geben, temporär revidieren.
Ich glaube, dass die Linken in der Analyse einen Fehler machen. Die Wähler der AfD das sind Leute, die Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit wollen. Sozial abgehängt oder arm müssen sie nicht unbedingt sein. In Berlin hat die AfD viele Wähler, die die Linke immer als die Nachfolgepartei der SED gewählt haben. Es gibt ja nix Spießigeres, als es die DDR war. (…)
Ich kann Ihnen nur sagen, wenn Merkel weg ist, gnade uns Gott. Sie ist das Bollwerk gegen einen absoluten Rechtsruck. (…)
Darf nur ein Proletarier ein Linker sein oder geht linke Politik auch, wenn man eine bürgerliche Herkunft hat? Die Autonomen beschimpfen mich in der Flüchtlingsfrage als Rassistin und da merke ich, wie wenig sie sich mit Rassismus auseinandergesetzt haben. Vor allem mit dem positiven Rassismus. Dass jemand, weil er Flüchtling ist, per se bevorzugt sein muss, sich nicht an Regeln halten muss. Das hat die gleichen Mechanismen wie der Negativrassismus. (…) Aber denen fehlt oft so ein bisschen der ideologische Überbau. Wenn ich mir die Schriften angucke, die manchmal verteilt werden. Das sind weiterhin diese Bleiwüsten ohne Absatz, ohne irgendwas, was kein Mensch liest.
Die „Autonomen“ von heute sind doch keine Proletarier, sondern spießbürgerliche Akademiker-Kinder, die einen auf linksradikal machen. Beweist mir das Gegenteil!
Fuck Salām oder: Gangs of Germany
Don Alphonso schreibt in der FAZ über „Das regierungsfreundliche GibGeldDuOpfa der Medien in der Provinz“. Sehr gut, sehr lesenswert, alles ist korrekt benannt, insbesondere die Rolle der Medien. Ich stimme trotzdem nicht zu, wenn es um die Konsequenzen geht. By the way: Wie sah denn das Einwanderungsland USA früher aus? (vgl. Foto)
(Das liegt auch daran, dass ich nach einer 12-stündigen Nachtschicht in einem Problemkiez Berlins gerade aufgestanden bin und gefrühstückt haben und in einer Stunde schon zur nächsten muss. Ich habe einfach nicht so viel Zeit wie Kleinbürger und Couponschneider. Ihr dürft mich gern temporär Proletarier nennen, obwohl ich vermutlich keiner bin, aber im Gegensatz zu 95 Prozent aller Leute, die das Internet vollschreiben oder sonst was mit Medien machen, kenne ich genug waschechte Proletarier, um zu wissen, was die so denken und tun.)
Anders als Don Alphonso erkläre ich Verhalten (oder auch Religion) als versuchtes Anpassen an die Umstände. Was ist effektiv und was nicht? Warum sollte ich arbeiten, wenn es auch anders geht? Warum sollte ich mich gewaltfrei durchsetzen, wenn Gewalt viel effektiver ist? Das Kleinbürgertum kommt nie weiter als bis zur Moral und zum Lamentieren, dass jemand etwas „Falsches“ tut oder sagt. Lieber Don, es kommen keine Leute, die sich ausbilden lassen wollen (das ist die Minderheit), sondern es kommt die industrielle Reservearmee. Das ist so gewollt und nützt dem Kapital auf lange Sicht, nicht jedoch dem ländlichen Kleinbürger. Das war noch nie anders.
„Urbane Eliten“ ist übrigens für mich ein Synonym für Spießbürger, die vegan essen, wissen, was „queer“ bedeutet (meine Eltern, die noch leben, wissen das nicht), und die trotzdem, wenn es die Situation gefühlt erforderte, sehr schnell bei einer NSDAP light, revisited landen könnten, auch wenn sie sich „alternativ“ dünken. Ich traue dieser Hipster-Mischpoke nicht über den Weg. Das sehe ich noch „härter“ als Don Alphonso.
Erst kommt das Fressen, dann die Moral, sagte Brecht. Das gilt für Deutsche (die sich offenbar nicht ändern) und Einwanderer gleichermaßen.
Ich hatte gestern in der Rettungsstelle eine Libyer, der randalierte, das Personal beleidigte, herumbrüllte und laut „Fuck Merkel“ und „Fuck Deutschland“ rief, und, als ich ihn auf Arabisch grüßte, „fuck salam“ antwortet. Ich wusste dann: Der Kunde Patient war extrem schlecht gelaunt.
Ich bin mit ihm mit Mühe fertig geworden. Einer der vier Polizisten, die in Eile (Codewort für „es muss wirklich schnell gehen und bitte mit Blaulicht“) kamen, sprach Arabisch und beruhigte ihn. Auch das ist ein Service des von Don Alphonso gehassten Berlin: Polizisten, die den Übeltätern mit kosmopolitischer Attitude kommen. Die ließen sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als er sie mit „Fuck Polizei“ ansprach. War großes Theater, wofür man anderenorts Eintritt zahlen müsste. Darüber könnte man jetzt sehr viel schreiben, aber ich muss arbeiten….
Unter Karrierenetzwerkern
Jörg Rupp über seinen Austritt aus den Grünen:
Die Thinktanks der Partei, die Flügel und die BAGen, sind zu Karrierenetzwerken degeneriert. Die Abgeordneten reden nur noch über ihre Fachgebiete, alleine Cem Özdemir nimmt sich als AmtundMandatler das Recht heraus, mal kurz die komplette friedenspolitische Rest-Säule des Bundesverbandes zu zertreten und sich für Waffen in Kriegsgebiete einzusetzen – die danach prompt auf dem Schwarzmarkt, wie prognostiziert, auftauchen. Was ihn auch nicht zu einer Revidierung seiner Position kommen lässt. Die Partei und Fraktion werden zunehmend von Leuten geprägt, die so lange in der Politik sind, dass man auf Einschätzungen, das ‚richtige Leben‘ betreffend, kaum mehr setzen kann. Grüne Bellizisten nehmen Position für Faschisten in der Ukraine ein, der Widerspruch verhallt. Die Boellstiftung bläst das Horn des Wachstums – niemand schreitet ein. Themen werden diktiert von Leuten, die sich nie der Partei und einer Wahl stellen mussten – sondern eingestellt wurden.
Unter Kleinbürgern, revisited
Ich hatte die so genannte „AfD“ immer als Volkswirtschaftler-Sekte bezeichnet. Zeit online hat bei den neuen Landtagsabgeordneten in MeckVopo mal näher hingeschaut:
Leif-Erik Holm, studierter Volkswirt
Dr. Matthias Manthei, Familienrichter am Amtsgericht
Holger Arppe, Handwerker
Enrico Komning, Rechtsanwalt (früher „Freie Bürger/FDP“), Burschenschaftler
Gunter Jess, Biochemiker
Christoph Grimm, Rechtsanwalt
Bernhard Wildt, Diplomökonom und Unternehmer
Nikolaus Kramer, Polizeibeamter, „ist Mitglied in einer geschlossenen Facebook-Gruppe, die sich nach dem ehemaligen SA-Führer Ernst Röhm benannt hat“
Ralf Borschke, Maschinenbaumeister
Thomas De Jesus Fernandes, Ex-Unternehmer, seit 2012 Angestellter in einer Immobilienfirma
Dirk Lerche, „Unternehmer“
Sandro Hersel, Steuerfachangestellter, war Burschenschafter
Jörg Kröger, Diplomingenieur, Projektmanager
Stephan Reuken, Historiker, Burschenschaftler
Bert Obereiner, angeblich Bauingenieur oder Diplom-Ingenieur und ehemaliger Geschäftsführer
Ralph Weber, Professor für bürgerliches Recht, Arbeitsrecht, Rechtsgeschichte und Medizinrecht an der Universität Greifswald
Jürgen Strohschein, Elektromonteur und Installateur
Christel Weißig, Bürokauffrau
Fazit: Die AfD ist eine geradezu klassische Partei von wildgewordenen Kleinbürgern, wie es die NSDAP zu ihren Anfangszeiten auch war. Die Wähler haben so abgestimmt, wie es ihr Klassenbewusstsein hergab: Nach oben buckeln, nach unten treten. Das wundert bei Kleinbürgern doch nicht, oder?
Im Osten nicht Neues
Im Norden des Beitrittsgebietes gibt es nichts Neues, weder, was die Machtfrage angeht und die Optionen zu regieren, noch vom Wahlverhalten der sozialen Milieus her. Der Rest ist hyperventilierendes Feuilleton.
Unauffindbare Räume
„Zu kurze Rolltreppen, falsch gepflanzte Bäume, vergessene Kabelschächte, unauffindbare Räume, Licht, das sich nicht ausschalten lässt“ – welches Bauwerk könnte wohl gemeint sein?





















