Lena in Gefahr – Terror-Alarm in Deutschland [2. Update]
Es fällt mir immer schwerer, nicht von gleichgeschalteten Medien in Deutschland zu sprechen. Der Vergleich hinkt natürlich, weil die Vorzensur aus der Schere in den Köpfen besteht, kombiniert mit Dummheit und Faulheit. Niemand zwingt Journalisten dazu, gequirlten Unsinn zu schreiben. (Ich dürfte gar nicht meckern, hätte ich doch einen guten Artikel selbst schreiben zu können, aber ich bin gestern zu spät ins Bett gegangen.)
Ich habe mir also zum Frühstück das angeschaut, was mir als „Nachrichten“ und „Fakten“ zum Thema „Terrorgefahr in Deutschland“ angeboten wird. Dass Stefan Krempl bei Heise das Märchen von den „heimlichen Online-Durchsuchungen“ wieder aufwärmt, wundert mich jedoch nicht.
Mit „gleichgeschaltet“ meine ich: Das, was eine Behörde verlautbart, wird unkritisch übernommen (inklusive der suggestiven Sprachregelungen), ohne zu überprüfen, ob die Fakten stimmen. Im Sozialismus hieß eine derartige „Quelle“ schlicht „Agitprop“. Wenn viele Medien voneinander abschreiben, gilt eine These offenbar als verifiziert. Das war auch schon beim Thema Online-Durchsuchung so. Die Rheinische Post schießt den Vogel ab und gibt es auch noch zu: „Übereinstimmenden Medienberichten zufolge sollen die Festgenommenen einen größeren Anschlag in Deutschland geplant haben“. Dann muss es ja wahr sein, wenn alle anderen des Kaisers neue Kleider bewundern!
„Den Angaben zufolge wurde die Kommunikation der Männer überwacht. (…) Amid C. sei dafür verantwortlich gewesen, die ‚verschlüsselte und konspirative Kommunikation‘ untereinander sicherzustellen. Laut Ziercke war es den Behörden jedoch mit umfangreichen, monatelangen Überwachungsmaßnahmen gelungen, den mutmaßlichen Terroristen auf die Spur zukommen.“ (Focus) „Im Zuge der Ermittlungen hatte das BKA einen Trojaner für eine Online-Durchsuchung sowie eine Software für eine Telekommunikationsüberwachung auf seinem Rechner installiert.“ (Spiegel) „Das Bundeskriminalamt (BKA) ist den mutmaßlichen Terroristen durch Überwachung ihrer Handys und Computer auf die Spur gekommen.“ Süddeutsche) „Bei den Ermittlungen hatte das BKA dem „Spiegel“ zufolge einen Trojaner für eine Online-Durchsuchung sowie eine Software für eine Telekommunikationsüberwachung auf dem Rechner des Verdächtigen installiert.“ (FTD) „Den Angaben zufolge wurde die Kommunikation der Männer überwacht.“ Mitteldeutsche Zeitung)
Die FTD redet also von einem „Bundestrojaner“. Was aber soll das sein? Man kann einen Computer nur fernsteuern und überwachen, wenn man a) einen physikalischen Zugriff auf ihn hatte, b) wenn der Besitzer des Computers denselben nicht geschützt hatte und c) haben die Ergebnisse, die durch Spionage-Software auf einem Rechner gewonnen wurden, vor Gericht keinerlei Beweiswert, weil diese den Computer verändert. Man kann das vergleichen mit einem V-Mann, der eine Neonazi-Kameradschaft gründet und diese dann auffliegen lässt. (Darüber habe ich ein ganzes Buch geschrieben.)
Die Taz gibt sich wenigstens Mühe: „Permanent waren 50 Leute in Observationstrupps und weitere 76 Beamten für sonstige Überwachungsmaßnahmen im Einsatz. Dabei wurden Wohnungen und Telefone abgehört, Emails mitgelesen. Auf Computern wurden Spähsoftware installiert und verschlüsselte Internet-Telefonate wurden schon im Computer, also vor der Verschlüsselung (mittels Quellen-TKÜ) erfasst.“
Aha. Bei der angeblichen „Online-Durchsuchung“ wird es sich um das Abhören von Skype gehandelt haben. Verschlüsselte E-Mails kann man nicht lesen, es sei denn, man hätte einen Keylogger installiert und protokollierte die Tastatur-Anschläge a priori mit. (By the way, taz: „Quellen-TKÜ“ ist Neusprech des Wahrheitsministeriums.)
Und was lehrt uns das alles? Schauen wir doch ein wenig genauer hin, um hinter den Nebelkerzen ein paar winzige Fakten erkennen zu können.
„Dort habe er von einem ‚hochrangigen Al Qaida-Mitglied‘ den Auftrag bekommen, einen Anschlag in Deutschland auszuführen. Wer der Auftraggeber konkret war, wollten weder Ziercke noch Bundesanwalt Rainer Griesbaum sagen. “ (taz) Ich weiß, wer es war – Adil Hadi al Jazairi Bin Hamlili!
Regimetreue Medien geben der Totalüberwachungs-Lobby jetzt breiten Raum: „‚In Deutschland besteht weiterhin eine konkrete Terrorgefahr‘, sagte Uhl der ‚Welt am Sonntag‘. Gleichzeitig zeige der Fall, dass die Nachrichtendienste zu wenig Eingriffsrechte besäßen. Denn die entscheidenden Hinweise erhielten die deutschen Ermittler von der amerikanischen CIA. (…) ‚Wir müssen wissen, mit wem die Terroristen kommunizieren, um ihre Netzwerke ausfindig machen zu können‘, sagte er. ‚Dafür brauchen wir die Vorratsdatenspeicherung.'“
Passt schon. Wir haben verstanden.
Vermutlich wird bei der Gerichtsverhandlungen, die vielleicht noch in diesem Jahr stattfinden, von den Vorwürfen nicht viel übrig bleiben. Aber das wird dann im Kleingedruckten stehen, das niemand mehr liest: „Bei der Hausdurchsuchung wurde kein Sprengstoff gefunden. Außerdem stellte das BKA fest, dass der Plan zur Herstellung eines Zünders gar nicht hätte gelingen können, weil die Terrorbastler die falschen Grillanzünder gekauft hatten.“
Wie das? Stehen im Internet denn falsche Bombenbauanleitungen? Gehört es denn nicht verboten, falsche Bombenbauanleitungen zu verbreiten? (Akte aka Ulrich Meyer, übernehmen sie: „Es war unser Thema am vergangenen Donnerstag: Bombenbauanleitungen im Internet. Das Netz ist voll davon, Spezialisten haben über eine eigene Filtersoftware 680.000 Seiten weltweit aufgestöbert“.)
„Dennoch erließ die BGH-Ermittlungsrichterin gegen alle drei Beschuldigte Haftbefehle.“ Quod erat demonstrandum.
Mich wundert, dass alle Medien, sogar die Krawallblätter, sich die einmalige Chance entgehen ließen, das Volk auf die anlass- und verdachtsunabhängige Totalüberwachung aka Vorratsdatenspeicherung mental einzustimmen. „Unterdessen verlautete aus Sicherheitskreisen, dass die drei Terrorverdächtigen einen Anschlag auf den Eurovision Song Contest geplant haben könnten. Allerdings hätten die Verdächtigen nicht konkret darüber gesprochen, hieß es.“ (Welt)
Burks.de hat daher die dazu passenden Schlagzeile gewählt.
„Sicherheitskreise“: Das sind die Geheimdienstler, die Journalisten auf ihrer Gehaltsliste haben oder wissen, dass diese geschmeichelt sind, wenn man ihnen angebliche „vertrauliche Vorab-Informationen“ zukommen lässt und die daher gern bereit sind, Agitprop, die man gern verbreitet hätte, Wort für Wort ohne Kritik zu publizieren.
„Die Terroristen wollen Lena umbringen. Das haben sie zwar nicht so gesagt, aber es könnte ja sein. Würden Sie das bitte so bei Welt Online veröffentlichen? Danke.“
Update: EFF: „New FBI Documents Provide Details on Government’s Surveillance Spyware“. „The documents discuss technology that, when installed on a target’s computer, allows the FBI to collect the following information“..blabla..und wie bekommt man das auf den Computer des Zielobjekts?
Guckst du hier (burks.de, 31. Juli 2007):
„… es geht um CIPAV: „FBI-CIPAV.exe Is an Unknown Application. Install Anyway?“ Jetzt aber im Ernst: „Die Abkürzung steht für „Computer and Internet Protocol Address Verifier“, zu Deutsch: Computer- und Internet-Protokoll-Adressen-Verifizierer. Dieses Programm ist in der Lage, auf dem Rechner des Verdächtigen die Internet-Verbindungen und angesteuerten Homepage-Adressen samt Datum und Uhrzeit aufzuzeichnen. Die in Fachkreisen Trojaner genannte Software erfasst auch weitere Daten wie das Betriebssystem des ausgehorchten Computers, den Namen des bei der Windows-Registrierung angegebenen Nutzers, Teile der Windows-Registrierungsdatenbank oder eine Aufzählung aller laufenden Programme. Im vorliegenden Fall übermittelte CIPAV einige dieser Informationen per Internet an die FBI-Rechner.“ Das ist aber ein ultraböhzes Programm, fast so böse wie das Betriebssystsem, auf dem es nur läuft.
Wired dazu: „[1] the FBI sent its program specifically to Glazebrook’s then-anonymous MySpace profile … [2] „The CIPAV will be deployed through an electronic messaging program from an account controlled by the FBI. The computers sending and receiving the CIPAV data will be machines controlled by the FBI.“ … [3] More likely the FBI used a software vulnerability, either a published one that Glazebrook hadn’t patched against, or one that only the FBI knows.“ Genau, Software-Lücken, von denen nur das FBI etwa weiß. (…)
Die Welt betont sehr deutlich, dass der Schüler offenbar „arglos“ etwas abrief, vermutlich so, wie das Welt-Redakteure machen mit ihrem Outlook und dem unverschlüsselten und mit Javascript-gespickten Spam, den sie das immer bekommen. Der Artikel ist also ein Schmarrn. Ich darf auf mein Blog vom 19.07.2007 hinweisen („Heise Hoax-verseucht“), in dem die Details zu CIPAV abgehandelt werden.“
2. Update: New York times: „Bild, Germany’s most widely read and generally reliable (sic!) newspaper, reported that the terrorist cell might have planned to hit the popular Eurovision Song Contest on May 14, though that event’s organizers said they had not been alerted to any such threat. „>. Qood erat demonstrandum. (via Überschaubare Relevanz)
Das Ministerium für Wahrheit informiert: Schutzhaft heisst jetzt Warnschussarrest
Etwas ist passiert. Gewalt (nein, nicht die Bundeswehr am Hindukusch). Jugend (die Jugend wird immer pöhser). Undsoweiter.
Was fordert die CDU? Drei Mal raten bitte! Gesetze verschärfen! Da wäre jetzt niemand drauf gekommen, zumal der CDU seit 50 Jahren bei ausnahmslos allen Problemen immer nur einfällt zu fordern, die bestehenden Gesetze zu verschärfen.
Wie ich am 28.12.2005 schrieb:
„Im Anti-Terror-Kampf fordert [irgendein Wichtigtuer] härtere Maßnahmen. Oder auch: Im Kampf gegen Rechtsextremismus fordert [irgendein Wichtigtuer, meistens von der CDU/CSU] härtere Maßnahmen. Oder: Im Kampf gegen Drogenmissbrauch fordert [irgendein Wichtigtuer] härtere Maßnahmen. Aber nie lesen wir: Im Kampf gegen Dummheit, Aberglauben und fromme Märchen fordern besorgte Bürgerinnen und Bürger härtere Maßnahmen.“
Man muss nicht die Gesetze immer verschärfen, sondern sie auch umbenennen. Das Ministerium für Wahrheit hat alle Redaktionen angewiesen, ab sofort die Sprachregelung der CDU zu übernehmen und eine zusätzliche Strafe ohne Bewährung, die bisher im Gesetz nicht vorgesehen ist (man darf für ein Delikt nicht zwei Mal verurteilt werden), „Warnschussarrest“ zu nennen (und nicht etwa Schutzhaft). Regimetreue Medien wie die Welt haben die Maßgabe schon umgesetzt. (Kündigt der Begriff an, dass der Staat bald auf die Bürger scharf schießen lässt?)
Frage: Was wäre denn die größtmögliche Verschärfung aller Gesetze? Die rechtspopulistischen CDU-Dummschwätzer sollten das gleich fordern, um sich zukünftige Sprachblasen zu ersparen. Schutzhaft und Fußfesseln für alle Jugendlichen, die in einer behördlicher Kartei potenzieller Verbrecher stehen. Einstweilige Erschießungen. Zwangskastration für Kinderschänder. Ich wette, die denken so, trauen sich aber nur noch nicht, das auszusprechen.
The Guantanamo Files und die Angst deutscher Medien vor dem Link

Ich weiß: Für die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser von burks.de ist es nur ein running gag und zum Gähnen, aber ich muss wieder auf der German Internet AngstTM deutscher Medien herumtrampeln.
Der aktuelle Anlass: Wikileaks hat die Guantanamo Files publiziert. „In its latest release of classified US documents, WikiLeaks is shining the light of truth on a notorious icon of the Bush administration’s „War on Terror“ – the prison at Guantánamo Bay, Cuba, which opened on January 11, 2002, and remains open under President Obama, despite his promise to close the much-criticized facility within a year of taking office. In thousands of pages of documents dating from 2002 to 2008 and never seen before by members of the public or the media, the cases of the majority of the prisoners held at Guantánamo – 758 out of 779 in total – are described in detail in memoranda from JTF-GTMO, the Joint Task Force at Guantánamo Bay, to US Southern Command in Miami, Florida.“
Man könnte meinen, diese Dokumente seien von einem gewissen öffentlichen Interesse und enthielten keine Kinderpornografie oder etwaige unsereliebenkleinenihreentwicklungbeeinträchtigende Dinge, die einen Jugendschutzwart zutiefst beunruhigen könnten. Deutsche Medien sehen das bis auf wenige Ausnahmen anders und muten ihren Lesern nicht zu, die in einer ausländischen Sprache verfassten Dokumente persönlich zu begutachten (Englisch ist in Deutschland vermutlich nicht so verbreitet). Einen Link auf Wikileaks setzen? Wo kämen wir denn da hin! Wenn das jeder machen würde!
Spiegel Offline: Fehlanzeige. Sueddeutsche.de: Fehlanzeige, der Link zu zweiten Seite: Error 404 (siehe oben). Tagesschau.de: Fehlanzeige („Der britische „Daily Telegraph“ berichtet unter Berufung auf“ – natürlich auch ohne Link). Deutsche Welle: Fehlanzeige. Der Standard: Fehlanzeige. Taz.de: Fehlanzeige. FAZ.net: gar kein Artikel (15.34 Uhr – aber wer arbeitet schon Ostermontag?), dafür aber Gutes, Schönes und Wahres über Diskusfische und Finanzplanung im Alter.
Große Ausnahme: Zeit Online.
Was seid ihr doch für erbärmliche Flachpfeifen. Geht sterben, Holzmedien.
Rechtsschutzstärkungsgesetz
Das Ministerium für Wahrheit gibt bekannt: Gesetze, die die Rechte der Bürger abbauen und schwächen, werden ab sofort „Rechtsschutzstärkungsgesetze“ genannt. Verleger und Chefredakteure deutscher Medien werden angewiesen, diese Order sofort umzusetzen und nur noch die vom Ministerium für Wahrheit vorgegebenen Begriffe zu benutzen.
Julian Assange und Holocaust-Leugner Israel Shamir, reloaded
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Ein interessanter Artikel in The Guardian über Wikileaks-„Guru“ Julian Assange:
„But the political commentator Douglas Murray, director of the centre for social cohesion, challenged Assange over the website’s sources of funding, its staffing and connections with the Holocaust denier Israel Shamir, who has worked with the site.
‚What gives you the right to decide what should be known or not? Governments are elected. You, Mr Assange are not.‘
Murray also challenged the WikiLeaks founder over an account in a book by Guardian writers David Leigh and Luke Harding, in which the authors quote him suggesting that if informants were to be killed following publication of the leaks, they ‚had it coming to them'“.
Die taz hatte im Januar schon darüber berichtet, der Freitag hatte im letzten Dezember einen Artikel des Guardian zum Thema ins Deutsche übersetzt.
Wall Street and the Financial Crisis: Anatomy of a Financial Collapse
Heute, liebe Kinder, nehmen wir schon wieder den Kapitalismus durch. Ja, das steht so im Stundenplan, wir sind ja nicht in einer Waldorf-Schule und bei den Wurzelrassen Rudolf Steiners. Hier geht es um Denken und Wissen und nicht um Esoterik.
Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Spiegel Online setzt einen Link auf eine Quelle – aber natürlich nur, weil die Quelle bei ihnen selbst liegt.
„Diesmal ist auch die Deutsche Bank dran. Ein vernichtender, 650 Seiten starker Bericht des US-Senats (Lesen Sie hier das Dokument im englischen Original) brandmarkt sie als „Fallbeispiel“ für die düsteren Machenschaften, die zur Finanzkrise führten: Gemeinsam mit dem Wall-Street-Herrscherhaus Goldman Sachs, der Bank Washington Mutual, den Ratingagenturen Moody’s und S&P und der US-Bankenaufsicht OTS sei die Deutsche Bank eine Hauptschuldige des Desasters gewesen.“
Des Rätsels Lösung: andere Medien machen das auch – wie etwa die FTD und die New York Times.
„‚Die Krise war keine Naturkatastrophe‘, lautet das Fazit, ’sondern das Resultat hochriskanter, komplexer Finanzprodukte, verdeckter Interessenskonflikte und des Versagens der Aufsichtsbehörden, der Rating-Agenturen und des Markts selbst.'“
So. Jetzt also nicht auf das pöhse „Finanzkapital“ einprügeln wie die Pseudolinken in SPD und Linkspartei und die DDR-Nostalgiker. Bitte auch keine moraltheologischen Motive einführen wie „Raffgier“ oder „Profitsucht“. Nein, die Deutsche Bank hat sich völlig korrekt verhalten – gemäß den ökonomischen Gesetzen des Kapitalismus: Oberstes Gebot des Handelns ist der Profit. Wer sich anders verhält, geht unter.
„Je ein Kapitalist schlägt viele tot“, schrieb Karl Marx, und das gilt natürlich immer noch – man sieht es jeden Tag im Wirtschaftsteil der Medien. Die so genannte „Finanzkrise“ war ein schlagendes Beispiel. Ich würde das im Schulunterricht durchnehmen, wenn die Lektüre der Marxschen Werke nicht dort verboten wäre.
Verboten? natürlich funktioniert die Zensur wie eine Schere im Kopf. Die Professoren, die der nachwachsenden Generation Ökonomie beibringen, behandeln die Mechanismen des Kapitalismus, wie sie Marx völlig korrekt beschrieben hat, wie eine abseitige Meinung, die man nur der Vollständigkeit halber zur Kenntnis nehmen muss: „Tendenziell aber sinkt in Marx‘ Logik die Profitrate“ heisst das dann suggestiv, als sagte man: Tendenziell aber sind drei mal vier nach Adam Rieses Logik zwölf. Nein, die Profitrate sinkt wirklich. Sonst wäre die Weltwirtschaft nicht so, wie sie ist.
Die Passage im ersten Band von „Das Kapital“ lautet:
„Diese Expropriation [Enteignung, B.S.] vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. (…) Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes.“
(Von „bewusster technischer Anwendung der Wissenschaft“ kann nicht so einfach die Rede sein – vgl. Atomkraft,. Marx hatte offenbar ein viel zu optimistisches Menschenbild.)
Also noch mal zum Mitschreiben für die, die zu faul sind, Bücher über das Wirtschaftssystem zu lesen, dass wir alle lieben und verehren und das wir alle mit dem schönen wissenschaftlichen Begriff „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ bezeichnen (bitte Helm ab zum Gebet):
Content-Mafia gegen „Freundschaftsportale“ und Netzbetreiber
Das Handelsblatt berichtet von der jüngsten Initiative der Content-Mafia:
„Die deutsche Medien- und Verlagsindustrie schließt sich im Kampf gegen die ‚Gratis-Kultur‘ im Internet zusammen. Mit einem ‚Bündnis für Inhalte‚ wollen sich ARD,ZDF und die Privatsender sowie die Verbände aus Musik, Verlag und Film erstmals gemeinsam für eine Vergütung ihrer kreativen Leistungen im Internet einsetzen – vor allem gegenüber Netzbetreibern, Suchmaschinen und Freundschaftsportalen. (…) Der illegale Download etwa von Filmen und Musik stelle die gesamte Medienbranche vor die Existenzfrage.“
Einer der Lautsprecher dieser Initiatiative ist Monika Piel („der Volkssturm der Holzmedien“), die Vorsitzende der ARD, bekannt und berüchtigt für ihr Statement: „Den Geburtsfehler des Internets – kostenlose Inhalte – zu beseitigen ist aber schwierig und langwierig.“
„Über konkrete Forderungen wollen die Verbände später sprechen.“ Nun, ich kann schon eine dieser Forderungen benennen: „Netzsperren“ aka Internet-Zensur.
Brandsafe Medienerotik
Ein herausragendes Produkt des deutschen Qualitäts-Journalismus finden wir auf der Website der Berliner BZ: „Celine – die schöne Nachbarin beim ganz privaten Fotoshooting“. Und warum steht dort so oft Lomex? Schauen wir nach:
„Die LOMEX Media richtet sich strategisch vor allem auf Kooperationen mit großen Medienpartnern aus. Hier verfolgen wir konsequent das Konzept der ‚Medienerotik‘! Als Medienerotik definieren wir die stilvolle Darreichungsform erotischer Produkte. Diese werden ‚brandsafe‘ beim Partner implementiert und haben keinen negativen Abstrahlungseffekt auf die eigene Marke. Der Partner erhöht somit die Attraktivität seines Portals, da erotische Inhalte zu den am stärksten nachgefragten Contents im Web gehören und verschafft sich selbst die nötige Planungssicherheit im Transaktionsgeschäft.“
Bruhahahahaha.
Crises of Capitalism oder: Was ist eigentlich der Kapitalismus?
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Wieso können nur Engländer so zynisch, trocken und gleichzeitig intellektuell brilliant sein? Er macht sich auch über die „german press“ lustig und die angebliche „Finanzkrise“ – zu Recht! „Capitalism never solves its crises problems – it moves them around geographically“. (via incredibul)
Mehr Informationen bei Zeit online: „Während die Unternehmensgewinne steigen, bekommen Arbeiter und Angestellte immer weniger ab. Die Politik verschärft die Polarisierung. (…) Die soziale Kluft im Land wächst.“
Kajira von Gor
Kajira von Gor, John Norman, Taschenbuch Nr. 4246, Reihe Fantasy, Wilhelm Heyne Verlag, München indiziert durch Entscheidung Nr. 3585 vom 20. Februar 1986, bekannt gemacht im Bundesanzeiger Nr.41 vom 28. Februar 1986.
Das Buch wird aus der Liste der jugendgefährdenden Medien gestrichen. [Entscheidung Nr. A 13/11 vom 17. Januar 2011 (Pr. 1155/10). (via Pornoanwalt)]
Nach einem Vierteljahrhundert fällt den deutschen Zensoren plötzlich auf, dass das Buch die Jugend nicht mehr „gefährdet“, oder, wie es die Jugendschutzwarte gern formulieren: nicht mehr „geeignet ist, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu beeinträchtigen.“
Fukushima und auch anderswo
Heise bietet die einzige ernst zu nehmende Berichterstattung in deutschen Online-Medien über das „Erdbeben in Japan: Gestiegene Opferzahlen, Fortschritte im AKW Fukushima“. (Quellen! Technische Hintergründe! Links! Links! Links! Updates!)
Monitoring Data at Fakushima Daini Nuclear Power Station
Das Trinkwasser rund um das japanische Atomkraftwerk Fukushima ist verstrahlt; die Arbeiter müssen die Anlage verlassen.
„Die Weltgesundheitsorganisation nannte die radioaktive Verseuchung japanischer Lebensmittel ernst. Es handele sich nicht um ein örtlich einzugrenzendes Problem. Im Gegensatz zu verstrahltem Jod, das nach etwa acht Tagen zerfällt, können sich radioaktive Isotope wie Cäsium-137 und Uran-238 über Jahrzehnte in der Natur halten. In den vergangenen Tagen hatten Fälle von kontaminierter Milch und radioaktivem Gemüse für Unruhe in der Bevölkerung gesorgt…“
Wieso können die belehrungsresisten Pfeifen in den so genannten „Online“-Redaktionen deutscher Medien mir noch nicht einmal einen Link zur Betreiberfirma Tepco anbieten, etwa zu deren Pressemitteilungen? Die sind immerhin auch ein Englisch verfügbar, einer Sprache, die auch in Deutschland von einigen Menschen verstanden wird (zum Beispiel von mir).
So wird das nie was mit eurer „Internet-Präsenz“, Holzmedien – meinetwegen könnt ihr alle pleite gehen. Niemand wird euch vermissen.
Die wegen Strahlung Todgeweihten grüssen dich
Frankfurter Rundschau: „Doch die wegen Strahlung dem Tode geweihten Techniker vor Ort erzielen kleine Fortschritte.“
Es ist immer schwierig, wenn man alles, was man sagen will, in einen Satz packt, vor allem dann, wenn es sowohl eine gute als auch eine schlechte Nachricht ist. (Außerdem steht nach „wegen“ der Genitiv.)
Die Techniker sind dem Tod geweiht – dem „Geweihten“ ist eine pathetische-religiöse Schwere zu eigen, um es philosophisch zu sagen; man müsste diesen Stil beibehalten, sonst wäre es ein Stilbruch. Der Leser soll, nachdem ihm mitgeteilt wurde, etwas sei geweiht worden, sozusagen in den moraltheologischen Zeitlupen-Modus umschalten. Ab jetzt wird’s feierlich. Während der Verehrung höherer Wesen darf man auch nicht herumrennen. Der Laufstil -das gemessene Schreiten – trennt symbolisch das Religiöse vom Profanen.
Jetzt haben wir die Leser soweit, dass sie die Nachricht, die Techniker müssten bald sterben, verarbeitet haben. Sie trauern und fühlen mit den Angehörigen.
Und jetzt zu etwas ganz Anderem: Die Todgeweihten haben Fortschritte gemacht! Hurra! Lasset uns jauchzen und frohlocken! Wie beim Focus: Die Lage an der Ostfront scheint stabilisiert! Radioaktives Material muss nun aber nicht abgelassen werden! Wir atmen alle gemeinsam erleichtert auf.
Nun lesen wir weiter: „Die Strahlung hat derweil weitere Nahrungsmittel erreicht.“ Äh – ist das jetzt gut oder schlecht? Was soll ich jetzt fühlen – etwas kognitiv Dissonantes?
Schnell noch drei unabhängige journalistische Quellen nachgelegt, um nach guter deutscher journalistischer Tradition, der sich der Focus bekanntlich verpflichtet fühlt, die Leserschaft hin- und ausreichend zu informieren: „Regierungsvertreter beteuerten aber, dass die Belastung unbedenklich sei.“
By the way: Wer hat euch eigentlich ins Hirn geschissen, mit Verlaub?
Das seelische Exil des Doğan Akhanlı
Das unabhängige Medienmagazin „Berliner Journalisten“ hat sich nach einem Relaunch umbenannt in „Nitro“. Ich hatte „Berliner Journalisten“ mit gegründet und war auch mehrere Jahre Chefredakteur.
In der aktuellen Ausgabe ist ein Artikel (7,7 mb,pdf) von mir über den in der Türkei geborenen deutschen Schrftsteller Doğan Akhanlı: „Das seelische Exil des Doğan Akhanlı„.
U.S. Officials Alarmed By Japanese Handling of Nuclear Crisis
Fukushima No. 2 reactor’s fuel rods fully exposed, melting feared
Auch beim Webdesign ist die japanische AKW-Betreiber-Firma Telco „Spitzenklasse“.
Hier die Meldung von Spiegel offline übersetzt in Online-Journalismus (also mit Quellenangabe/Links):
„Nach Angaben der Betreiberfirma, der Tokyo Electric Power Company (Tepco), sind die Brennstäbe komplett ohne Wasser, der Druck im Reaktor steigt. Der Betreiber hält für möglich, dass es zu einer partiellen Kernschmelze im Reaktor 2 gekommen ist. Dies teilte die Betreiberfirma Tepco laut der Nachrichtenagentur Kyodo mit.“
[Nicht nur laut der Nachrichtenagentur, sondern auch höchstderoselbst in englischer Sprache auf ihrer eigenen Website. Habt ihr eigentlich einen Internet-Anschluss beim Spiegel „Online“?]
„At 2:46PM on March 11th 2011, the turbines and reactors of Fukushima Daiichi Nuclear Power Station Unit 1 (Boiling Water Reactor, rated output 460 Megawatts) and Units 2 and 3 (Boiling Water Reactor, Rated Output 784 Megawatts) that had been operating at rated power automatically shutdown due to the Tohoku-Chihou-Taiheiyou-Oki Earthquake.
In response, water injection into Unit 2’s reactor were being carried out by the Reactor Core Isolation Cooling System. However, as the Reactor Core Isolation Cooling System failed today, it was determined that a specific incident (failure of reactor cooling function) stipulated in article 15, clause 1 has occurred at 1:25 pm today.“
Like-jacking, Click-Jacking, Link-Diebstahl
Heise Security beschäftigt sich heute mit „Like-Jacking“, das eher als Clickjacking – zu deutsch: „Link-Diebstahl“ – bekannt ist. Ein Dau klickt auf irgendetwas, und es geschieht etwas, was er/sie nicht vermutet hat – und dann passiert etwas Böses.
Die Wired schreibt ganz richtig dazu: „Every time darkside hackers make up a new exploit, somebody’s got to make up and promulgate a new name to the security community. ‚Like-jacking.‘ You ‚like‘ something on Facebook, you get hijacked.“
Mit Leuten, die Facebook nutzen, sollte man kein Mitleid haben. Da das Datensammeln und deren -verkauf das Geschäftsmodell der sogenannten „sozialen Netzwerke“ ist, darf man sich nicht wundern. Nur wenn andere das auch tun, regt man sich offenbar auf.
Was mich immer ärgert, dass in Artikeln, die darüber berichten, so getan wird, der Nutzer sei immer und grundsätzlich total bescheuert. Nein, ist er nicht. Ich bin doch nicht so blöd und surfe mit eingeschaltetem Javascript?! Nein, ich benutze bei allen Betriebssystemen die Firefox-Erweiterung noscript und gestatte nur ganz wenigen Websites, Scripte auszuführen. Damit bin ich auf der sicheren Seite.
Warum bekommt ich also bei „Heise Security“ die Falschmeldung „Fehler Video-/Audio-Datei – Zur Wiedergabe benötigen Sie eine aktuellere Version des Adobe Flash Players, den Sie kostenlos für alle gängigen Betriebssysteme herunterladen können“? Weil sich sogar die Webdesigner dort überhaupt nicht vorstellen können, dass jemand mit einem abgeschotteten Browser surft und über die zahllosen Warnungen, was alles Böses geschehen könnte, nur schmunzelt. Klickibunti ist eben Standard, und die Nutzer werden weiter so erzogen, das als eine Art Naturkonstante anzusehen.
Atom-Neusprech und die Darmflora des Kapitals
Es ist interessant zu beobachten, welche Wortwahl die Atom-Lobby mittlerweile durchgesetzt hat und welche Medien sich daran halten. Wer pro Atomernergie ist, sagt in der Regel „Kernenergie“, um etwas Sauberes zu suggerieren und weil „Kern“ irgendwie neutral klingt (wenn schon, dann „Atomkernenergie“!). Natürlich sagt man als Lobbyist, der auch über Leichen geht, nicht „Atommülllager“, sondern „Entsorgungspark“.
Die Berliner Boulevardzeitung BZ, die zu Springer gehört, gibt heute die Sprachregelung aus, wie man die Atomlobby weiter unterstützt, auch wenn in Japan alles in die Luft fliegt. Bei dem AKW Fukushima handelte es sich um einen „veralteten“ Reaktor. Damit kann die Atom-Lobby gleich im Chor rufen: „So etwas kann in Deutschland nicht passieren – wir sind hier modern! Und bei uns gibt es nur kleine Erdbeben, keine großen!“
Ich glaube nicht, dass die deutsche Atomlobby in der BZ angerufen und um diese Formulierung gebeten hat. Das machen die Medien freiwillig. Wie der Spiegel neulich über die Bild-Zeitung schrieb: „tatsächlich übernimmt sie immer wieder die Rolle einer rechtspopulistischen Partei, die im deutschen Politikbetrieb fehlt.“
Die Springer-Bouelevard-Soldateska entblödet sich auch nicht, ausgerechnet heute Michael Fuchs zu Wort kommen zu lassen. Der ist Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und besitzt die Chuzpe, seinen Lesern erzählen zu wollen, warum Atomenergie in Deutschland unbedingt gebraucht werde. Die Zeit nennt ihn einen „Freund der Bosse“. Ein Sprechblasen-Ausschütter des Kapitals also. (Die Nebeneinkünfte des Atom-Lobbyisten Michael Fuchs beliefen sich 2010 auf mindestens 109.500 Euro.)
Wie die Springer-Boulevard-Presse selbst Atom-Katastropen für rechtspopulistische Pro-Atom-Propaganda ausnutzt, zeigen die geheimen Akten über Gorleben. Greenpeace schrieb: „Eine geologische Eignung des Endlagers Gorleben wurde nie festgestellt. Trotzdem soll der Ort im Wendland möglicherweise als Endlager für Deutschlands radioaktiven Abfall herhalten. Alles deutet darauf hin, dass politisches Kalkül und nicht wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse der ausschlaggebende Faktor war, diesen Standort festzulegen.“
Die Welt kommentierte damals: „Aus diesen Dokumenten gehe hervor, dass es keinen echten wissenschaftlichen Prüfprozess für den Standort Gorleben gegeben habe. (…) Aus Unterlagen der BGR geht den Angaben zufolge auch hervor, dass den Bürgern noch während der späteren Erkundung des Salzstocks wesentliche Informationen vorenthalten wurden.“
Die Bild hingegen publizierte im Mai 2010 die Lügenmärchen der Atom-Lobby: „Der Atom-Standort Gorleben ist nach einer Studie im Auftrag der niedersächsischen Landesregierung nach fachlichen Bewertungen ausgewählt worden.“ Die BZ lässt zwar auch kritische Stimmen zu Wort kommen, verschweigt aber, dass die Entscheidung, das Atommüllager in Gorleben anzusiedeln, nur der gewohnte Kotau der Politik vor den Bossen der Atom-Lobby war.
Mit dem Atom ist es wie mit den Textbausteinen „Drogen“ oder „Kinderpornografie im Internet“: Es wird ein irrationaler Reiz-Reaktionsmechanismus ausgelöst, der keine Argumente mehr erlaubt.
Leute wie Fuchs würden vermutlich selbst dann noch die Atomenergie fördern, wenn in Japan 10 Millionen Menschen verstrahlt werden würden. Atomkraft in Deutschland ist eben sicher und wer einmal an der Darmflora des Kapitals geschnüffelt hat, der will diesen Geruch nie wieder missen.

Netizen-Preis für Nawaat
Pressemitteilung von Reporter ohne Grenzen:
Das tunesische Blog „Nawaat“ wird mit dem diesjährigen „Netizen-Preis“ von Reporter ohne Grenzen (ROG) geehrt. Mit der Auszeichnung würdigt ROG die Verdienste des Blogs bei der Förderung von Meinungsfreiheit im Internet. „Nawaat“ gehörte während der Herrschaft unter Präsident Ben Ali zu den wenigen kritischen Online-Plattformen in dem nordafrikanischen Land. „Nawaat“ war zudem maßgeblich an der Berichterstattung über die politischen und sozialen Unruhen in Tunesien seit dem 17. Dezember beteiligt.
Riadh Guerfali (Bloggername: Astrubal), einer der Gründer des Blogs, wird den Preis heute Abend in Paris entgegennehmen. (…) Der international besetzten Jury zufolge steht „Nawaat“ stellvertretend für die Schlüsselfunktion, die viele Blogger und engagierte Internetnutzer im Kampf für das Recht auf Informationsverbreitung und -beschaffung im Netz innehaben. (…)
„Nawaat“ wurde von den Bloggern Astrubal und Sami Ben Gharbia im Jahr 2004 ins Leben gerufen. Sie bietet engagierten Bürgern die Möglichkeit zum Informationsaustausch. Das Blog hat in jüngster Zeit durch verschiedene Projekte auf sich aufmerksam gemacht. Besonders spektakulär war die Berichterstattung über die Unruhen in Sidi Bouzid. In der Stadt im Zentrum des Landes begannen im Dezember 2010 die tunesischen Massenproteste, über die in den ersten Wochen in den klassischen Medien nicht berichtet wurde. Auf dem Portal werden derzeit außerdem unter der Überschrift „TuniLeaks“ Enthüllungsdokumente von „WikiLeaks“ über Tunesien öffentlich zugängig gemacht. Schließlich klärt das Blog Internetuser über die Gefahren auf, online identifiziert zu werden, und gibt Tipps zur Umgehung von Internetzensur. (..)
Informationen über die weiteren Nominierten finden Sie hier.
Wikileaks, Opportunismus und Geld
Ich lese gerade von Marcel Rosenbach und Holger Stark: „Staatsfeind WikiLeaks“ (Deutsche Verlags-Anstalt, Januar 2011). Wer hier nicht weiterlesen will: Das Buch ist überraschend gut und nicht so oberflächlich, wie ich es vom Spiegel erwartet hätte. Nicht unbedingt erfrischend für Nerds, aber sehr informativ für normal Sterbliche, für die Tor, VPN und asymmetrische Kryptografie auf ewig Fremdwörter bleiben werden und die unter der PrivacyBox eine Art Babyklappe vermuten.
Ein Zitat sollte reichen. Nachdem die Dokumente über Afghanistan von Wikileaks publiziert worden waren und jeder Journalist sich hätte ein realistischen Bild vom Krieg am Hindukusch machen können, kam es ganz anders:
Stattdessen sind die Tage danach ein Armutszeugnis für verschiedene Medien. Viele Journalisten reagieren nach einem simplen Muster: Die Widerworte der Regierung wiegen für sie den Wert des enthüllten Materials auf. Sie glauben lieber dem Pentagon, als dem Material selbst, das, Ironie der Geschichte, ja ebenfalls aus dem Pentagon stammt. Nur wenige Redaktionen machen sich die Mühe und arbeiten mit den Papieren(…) vor allem die konservativen Medien in den USA berichten kaum über den Inhalt der Dokumente, sondern fast ausschließlich über den bösartigen Charakter ihrer Veröffentlichung. Eine Aufarbeitung des Kriegsverlaufs mit seinen Fehlern wie Erfolgen aus konservativer Sicht, die sich aus dem Material speist und die wertvoll für die Debatte wäre, fehlt bis heute. [auch in Deutschland, B.S.]
Das weitgehende Versagen des Journalismus lässt sich auf zwei ursachen zurückführen: Opportunismus und Geld. Er ist bequem, der Linie der Regierung zu folgen, während es Courage erfordert, sich ihr entgegenzustellen. Und es ist billig, vorgefertigte Statements und Pressemitteilungen abzudrucken, aber teuer, sich tage- und wochenlag mit der Auswertung der Afghanistan-Dokumente zu beschäftigen.
Der Holger Stark ist ein guter Mann; ich habe ihn kennengelernt, als er noch für den Tagesspiegel und für die Tageszeitung Spandauer Volksblatt schrieb.
Besonders interessant war das Psychogramm Assagnes, das sich schlicht aus den Fakten seiner Biografie ergibt – die Autoren beginnen gar nicht, die Leser mit populärpsychologischen Thesen zu behelligen. Ich konnte mir auch eine Meinung über die Vergewaltigungsvorwürfe machen und wie es dazu kam. Ein gutes Buch!
By the way, Openleaks: Solange ich euch keine anonymen Nachrichten schicken kann, kriegt ihr keine von mir – obwohl ich schon etwas anzubieten hätte (vgl. Auszug unten).





























