Todes-Drama um schöne Anika
Dr. Nicolaus Fest von der Chefredaktion der Bild-Zeitung legt sich mit dem ehemaligen Nachrichtenmagazin an: „SPIEGEL: Im Zweifel unrecherchiert“. Schön zu lesen:
„Nachträglich ist allerdings einzuräumen, dass auch BILD im Fall Anika zumindest ein schwerer Fehler unterlaufen ist. (…) Denn das skandalöse Agieren des Wilhelmstift und seines Geschäftsführers Bonekamp-Kerkhoff wäre noch viele Artikel wert gewesen. Zudem hätten diese Artikel wohl auch verhindert, dass der SPIEGEL einem solch ekelhaft verheucheltem Pfaffen überhaupt ein Forum bietet“.
Unter libyschen Stämmen
Aus dem Libyen-Liveticker von Spiegel „online“:
[13.11 Uhr] Die Stadt Sirte gilt als Hochburg von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Sie liegt zwischen Misurata und Ras Lanuf – und von dort aus rücken nun offenbar Rebellen an. Bereits in der Nacht seien allerdings Kämpfe zwischen Gaddafi-Anhängern und -Gegnern ausgebrochen, meldet al-Dschasira in seinem Liveblog. Es handelt sich offenbar um Gefechte zwischen Stämmen.
Und so etwas nennen die vermutlich auch noch „Journalismus“ – sämtliche Quellen werden uns vorenthalten. Alles muss man selbst recherchieren. So sähe ein ernst gemeinter Artikel aka Online-Journalismus aus:
Die Stadt Sirte gilt als Hochburg von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Sie liegt zwischen Misurata und Ras Lanuf – und von dort aus rücken nun offenbar Rebellen an. Bereits in der Nacht seien allerdings Kämpfe zwischen Gaddafi-Anhängern und -Gegnern ausgebrochen, meldet al-Dschasira in seinem Liveblog. Es handelt sich offenbar um Gefechte zwischen Stämmen.
Die Meldung bei Al-Jazeera lautet jedoch anders: „5:04am Twitter is abuzz with reports of ‚air strikes‘ being carried out in the western city of Misurata within the last hour.“
Al-Jazeera biete also einen Link auf Google Maps an, da man nicht davon ausgeht, dass die Leser wissen, wo Misurata liegt. Aussderdem – das kann man am Link erkennen – könnte man „Misurata“ korrekt auch Mişrātah oder Misratah schreiben.
Bei deutschen Medien wie dem ehemaligen Nachrichtenmagazin wird das entweder vorausgesetzt oder angenommen, von oben sähen die Städte in Arabien ohnehin alle gleich aus und es sei eh wurscht – oder die betreffenden Redakteure sind zu dumm und/oder zu faul, selbst zu recherchieren, wo das liegt, worüber sie gerade berichten.
Und nun zu uns, Kara ben Nemsi. „Es handelt sich offenbar um Gefechte zwischen Stämmen“, formulieren die Offliner beim ehemaligen Nachrichtenmagazin. Damit meint ihr, uns ausreichend informiert zu haben? Was ist ein „Stamm“ in Libyen? So etwas wie die Bayern und Preussen und Schwaben und Deutschland? Oder wie die Apachen und Sioux und Pawnee in den USA?
Guckst du hier (Vorsicht! Ausländisches Medium!): Warfallah [aka Werfella], Zawiya tribe, „based in a petroleum-rich region in the east“, Bani Walid, Zintan tribe, „allied in the past to Gadhafi’s own tribe“.
„One after another, Libya’s myriad tribes are falling in line against Gadhafi, and the implications are enormous, said longtime observers of Libya, because for centuries, tribes have formed the backbone of the North African nation. Many Americans pride themselves on God and country. In Libya, it’s God, tribe, then country. Libya’s 140 or so tribes and the clan and family structure that fall under them, remain the most important aspect of a society that lags behind many others in the region in development, said Ronald Bruce St. John, a scholar who has visited Libya numerous times and published several books about the country. (…)“
‚Libyans have a strong loyalty to tribe,‘ said Philip Carl Salzman, a McGill University professor of anthropology and author of ‚Culture and Conflict in the Middle East‚. – ‚A tribe provides welfare in times of need,‘ he said. ‚They have a collective responsibility.‘ If one member of a tribe is attacked, the reaction is to help or exact vengeance, Salzman said.“
Mehr Informationen zu dem Stämmen in Libyen gibt es auf Le Centre tricontinental (CETRI) (NGO aus Belgien) – eine „Lybian Tribal Map“.
„The tribe which has the strongest, and longest, ties to the Gaddafi region is the Magariha tribe…“. (…) Gaddafi’s own tribe, the Gaddafi tribe, had historically not been an important tribe…(…) The leadership of the Magariha tribe acknowledges a debt of gratitude to Gaddafi and his regime… (…) Whilst the Zawiya tribe is also in a strong position… (…) The largest and most influential tribe in eastern Libya is the Misurata tribe, which takes its name from the Misurata district in northwestern Libya. The tribe has particularly strong influence in the cities of Benghazi and Darneh. As for the Cyrenaica region, the most prominent tribe’s in this area are the Kargala tribe, the Tawajeer tribe, and the Ramla tribe. (…) Some of the more prominent tribes and families that have given up the Bedouin tribal culture in the Misurata region are : the el-Mahjoub clan, the Zamoura family, the Kawafi tribe, the Dababisa tribe, the Zawaiya tribe, the al-Sawalih tribe, and the al-Jarsha tribe. (…) [Der Kawar tribe] takes its name from the Kaouar region… (…) The al-Awaqir tribe is centered in the Barqah region of Cyrenaica, and this tribe is well known for the prominent role that it played in the war against Ottoman and Italian colonialism. (…) As for Tobruk and the surrounding region, there are a number of prominent tribes in this area, including the Abdiyat tribe… (…) The Masamir tribe is also an important tribe in this region… (…) the al-Mujabra tribe, this tribe has a strong presence south-west of Tripoli near the Al Jabal Al Gharbi district. (…) The Libyan Farjan tribe is centered west of the city Ajdabiya… (…) The majority of people in the city of Tripoli are affiliated to the Masrata tribe, such as the Muntasir clan, the Suni family, the Qadi family, the al-Bashti family…“
Na also. Gadaffi hat keine wirkliche Chance. Ein Stamm in Lybien ist eine sehr große Großfamilie, die eine Jahrhunderte alte Tradition hat und auch noch das deutsche Vereinwesen („most important aspect of a society“) und die Parteien ersetzt.
So, und nun könnte ihr euch selbst heraussuchen, welcher Stamm gegen welchen gekämpft hat in der „informativen“ Meldung beim ehemaligen Nachrichtenmagazin. Ich würde noch eine halbe Stunde recherchieren müssen, um das herauszufinden, aber mich bezahlt ja niemand dafür.
Union fordert: Das Internet muss in Deutschland mehr zensiert werden
In Ägypten wurde die Zensur des Internet gerade wieder abgeschafft. Die CDU will ab März die Zensur des Internet in Deutschland wieder einführen.
Laut Osnabrücker Zeitung (via netzpolitik.org) sagte der so genannte „Unionsexperte“ (was ist das denn?) Günter Krings: „Ich erwarte, dass die Bundesregierung nun Kinderporno-Sperren bei nachgewiesener Erforderlichkeit auch einsetzt – so, wie das Gesetz es vorsieht„.
Der Titel der Doktorarbeit Krings‘ lautet: „Grund und Grenzen grundrechtlicher Schutzansprüche – Die subjektiv-rechtliche Rekonstruktion der grundrechtlichen Schutzpflichten und ihre Auswirkung auf die verfassungsrechtliche Fundierung des Verbrauchervertragsrechts“.
„Wieder einführen“ ist nicht korrekt, weil das Internet in Deutschland ohnehin schon zensiert wird. Das größte Problem bei der Diskussion ist, dass die Medien sich fast ausnahmslos die Sprachregelungen der Zensur-Lobby aufschwatzen lassen. Sogar die c’t spricht von „Kinderporno-Sperren“.
Darum geht es aber überhaupt nicht – niemandem würde es einfallen, die Internet-Zensur in China als „Falung-Gong-Sperren“ zu benennen. Zensur machen nur die anderen, so sagt das deutsche Wahrheitsministerium, bei uns heisst das [Das-Ultimative-Böse]-Sperren. Was die Union will, ist ganz einfach: Das Internet muss in Deutschland mehr zensiert werden.
Werden wir diese Schlagzeile in irgendeinem Holzmedium in Deutschland lesen? Nein, garantiert nicht. Die verstehen unter „Journalismus“, „Krieg“ als „friedenserzwingende Maßnahmen“ zu bezeichnen oder „Internet-Zensur“ als „ZugErschwG„.
Die Blechtrommel ist bald Kinderpornografie
Ganz viele Medien berichten genau das Gleiche:
„Sexualwissenschaftler aus Deutschland und Österreich protestieren gegen die geplante EU-Richtlinie zur Kinderpornografie. Die „absurden Maßnahmen“ seien ungeeignet und sogar kontraproduktiv, kritisieren Fachverbände in einer gemeinsamen Erklärung. Die geplante ‚Strafrechtsverschärfung auf dem Papier‘ sei ’symbolische Politik und reiner Populismus‘ und richte sich ‚im Zweifel gegen die Freiheit‘. (…) Der Richtlinie zufolge sollen Personen unter 18 Jahren künftig als Kinder anzusehen sein und entsprechende sexuelle Darstellungen, egal ob real, als Comic oder simuliert, als Kinderpornografie gelten. (…) Übliche Pubertätskomödien‘ wie ‚Eis am Stiel‚ oder ‚American Pie‚ würden kriminalisiert, ebenso ‚Die Blechtrommel‚. Die Justizminister der EU-Mitgliedstaaten haben der Richtlinie zugestimmt.“
ZDNEt.de bietet einen seriösen journalistischen Artikel, der auch zu den Quellen verlinkt. Davon könnten sich die faulen Holzmedien eine Scheibe abschneiden:
„Am Montagmorgen verkündete die EU-Kommissarin für Inneres, Cecilia Malmström von der schwedischen liberalen Volkspartei (FL), dass die Kommission dem Ministerrat und dem europäischen Parlament eine Richtlinie (PDF) vorlegen werde, die in etwa den Vorschriften des deutschen Internetzensurgesetzes entspricht. Diese Richtlinie muss jeder Mitgliedsstaat in nationales Recht transformieren, sofern sie Ministerrat und Parlament absegnen.“
Wer war nochmal gleich Justizminister in Deutschland?
Die Beziehungen zwischen zu Guttenberg und der Springer-Presse – eine „Privilegierte Partnerschaft“
Linksammlung bei Metronaut zur heutigen Demo
Fast zwei Drittel der Deutschen sind geistig umnachtet
Die Frankfurter Rundschau erdreistet sich, einen linkfreien Artikel über die Plagiate Guttenbergs (nein, es sind keine Vorwürfe – es ist erwiesen!) online zu stellen, in dem noch nicht einmal Guttenplag erwähnt, geschweige denn verlinkt wird.
Dann kommt der schöne Satz: „…scheint das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit des Verteidigungsministers ungebrochen. Einer Umfrage zufolge wollen knapp 70 Prozent der Deutschen, dass zu Guttenberg sein Amt behält.“
Wenn das der Führer wüsste! Übrigens: Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil wurde der Adel in Deutschland 1919 nicht wirklich abgeschafft, ihm wurden nur seine Privilegien entzogen: In der verfassunggebenden Versammlung am 15. Juli 1919 konnte sich die Mehrheit nicht für den Satz in Artikel 109 „Der Adel ist abgeschafft“ entscheiden.
Hamburger Morgenpost will Anzeige der Piratenpartei nicht drucken
Via Alex ihm sein Blog und Piratenpartei Hamburg: Die Hamburger Morgenpost will die obige Anzeige der Hamburger Piratenpartei nicht drucken: „Nach Absprache mit der Verlagsleitung werden wir Ihre Anzeige in der Form nicht veröffentlichen. Wir sehen die Persönlichkeitsrechte des Kandidaten Olaf Scholz beschädigt.“
Wie die Print-Lobby Kinder indoktriniert oder: Der Volkssturm der Holzmedien, revisited
Stefan Niggemeier [via Ulrich Fries und seine Eck.Dose] über den Volkssturm der Holzmedien: „Die Bayerische Staatskanzlei hat im Herbst mit einem Pilotprojekt begonnen, das Grundschülern Medienkompetenz beibringen soll: Sie machen einen Medienführerschein‚, den sie in Form einer Urkunde ausgehändigt bekommen. In der Unterrichtseinheit ‚Schau genau hin!‚ für die dritte und vierte Klasse sollen die Kinder lernen, Nachrichtenwege zu erkennen und zu bewerten.“
Herausgeber der Unterrichtseinheit ist der Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV). Was suggeriert also die Broschüre? Wer hätte das gedacht: Blogger sind doof und Zeitungen sind schlau.
Das hatten wir hier schon im Oktober 2009: „Blogger und Journalismus – das war noch nie ein Widerspruch. Ein Blogger muss sich mehr anstrengen, um so viele Leute für sich und seine Meinung zu interessieren, als jemand, der quasi-verbeamtet in einer (Medien-)Anstalt sitzt, sich auf seinen bezahlten Urlaub verlassen kann und das Usenet nicht von einem Telefonkabel unterscheiden kann.“
Aus dem Nachtrag zu Niggemeiers Posting: „Die Staatskanzlei hatte die Initiative für einen Medienführerschein wegen mehrerer Vorkommnisse gestartet. Dazu zählt auch der Amoklauf von Winnenden.“ Mehrere „Vorkommnisse“. Dann kann ja nichts mehr schief gehen. In Deutschland muss jemand Amok laufen, damit jemand auf die Idee kommt, die lieben Kleine zu erziehen, wie man mit Medien umzugehen hat- oder wie darf ich diese „Logik“ interpretieren?
By the way: Die Pappnasen von Spiegel Offline schreiben darüber einen linkfreien (!) Artikel. (Oh, eine Ausname – es wird per Link erklärt, was eine „Grundschule“ ist!) Ich wüsste schon, wenn ich Diktator Deutschlands wäre, wen ich nicht mehr ohne Medienführerschein das Internet vollschreiben ließe!
Deutscher „Online“-Journalismus at its best
Wirres.net: „in meinem vorherigen artikel habe ich ja behauptet, dass spiegel-online links verkauft und damit das suchmaschinen-ranking der verlinkten site erhöht. frank patalong, leiter des netzwelt-ressorts bei spiegel-online, stellte das in dem artikel den ix kritisierte lediglich als eine ‚weit verbreitete Praxis‘ in der ‚Blog-Szene‘ dar, und vergass zu erwähnen, dass es ebenfalls eine weit verbreitete praxis im gesamten internet und insbesondere auch auf webseiten grosser medienhäuser und eben spiegel-online ist. (…) tatsache ist: spiegel-online verkauft links und kennzeichnet diese nicht wie von suchmaschinen gefordert als bezahlte links.“
Das erklärt natürlich, warum sich die Mainstream- und Holzmedien – aka Spiegel „online“, Focus „online“ und wie sie sich alle nennen mögen – mit irrationaler Beratungsresistenz weigern, Links ausser auf sich selbst zu setzen. Sie würden das erst dann tun, wenn jemand sie dafür bezahlte! Ist schon klar: Wir leben im Kapitalismus und da gibt es eben nichts umsonst. Wo kämen wir denn da hin… Bruhahahaha.
Und ewig grüsst der Standort
Heute steht bei Spiegel offline: „Mit Lästereien über die Polizei verriet er sich selbst: Ein 19-Jähriger hatte bei einem Banküberfall 2500 Euro erbeutet und sich dann über die Ermittler lustig gemacht. (…) ‚Das ist doch keine angemessene Polizeiarbeit‘, schrieb er unter anderem. Die Fahnder ermittelten den Standort des Computers und schnappten den Auszubildenden.“
Die Geschichte kam mir gleich bekannt vor. Bingo. Am 18.08.2010 hatten wir das Thema schon einmal.
Damals schrieb SpOff: „Eine Woche nach einem Banküberfall im Bayern hat die Polizei in Hamburg den mutmaßlichen Täter festgenommen. Zum Verhängnis wurde ihm eine E-Mail, in der er hämisch über die Fahnder hergezogen hatte. (…) Nun schrieb der 19-Jährige in Hamburg eine Mail an Zeitungen und Polizei und machte sich über die Fahnder lustig – wohl ohne zu wissen, dass der Standort jedes Computers ermittelt werden kann (…) „Das ist doch keine angemessene Polizeiarbeit“, soll es in der Mail vorwurfsvoll geheißen haben.“
Natürlich ist es derselbe Mann. Und ich frage mich immer noch, wo der „Standort“ einer IP-Adresse ist.
USA finanzieren regierungskritische Medien in Venezuela
Wikileaks hat gerade ein Dokument veröffentlich, aus dem hervorgeht, dass die USA die Medien finanziell unterstützen, die in Venezuela gegen Chavez ausgerichtet sind. Das kennen wir ja schon aus Chile zur Zeit Salvador Allendes.
Unser Mann in Kairo
Richard Gutjahr bloggt live aus Kairo: „Nachdem heute auch noch Al Jazeera abgeschaltet wurde, habe ich spontan beschlossen, mich nach Kairo durchzuschlagen um selbst dort die Situation zu beobachten (Die Grenze ist von mir aus keine 150 km Luftlinie). Die Übergänge im Süden Israels sind dicht – dafür habe ich noch einen Platz auf dem letzten Flug bekommen, der hier noch rausgeht. Hoffentlich gibt’s keine Probleme bei der Einreise. Ich halte Euch auf dem Laufenden – per Twitter und hier im Blog – so die Netze das zulassen.“ (via Law blog)
Schon dieser Tweet „Internet ist tot. Mobilnetze gibt es drei. Ich wähle… NICHT Vodafone. #prinzipien“ ist schön….
Fidonet in Egypt reloaded [2. Update]

In meinem Taz-Aritikel vom 28.01. lautete der letzte Absatz: „Die ägyptische Opposition greift jetzt zu Mitteln, die schon als technisch veraltet galten. Der Twitter-Nutzer @EgyptFreedomNow gab bekannt, dass das Internet noch per Modem-Einwahl zu einem Provider erreichbar sei, also etwa über ein teures Auslandsgespräch.“ Im Originalmanuskript hieß der Satz übrigens „also etwa per Auslandsgespräch nach Israel“ – das „nach Israel“ wurde von der taz gestrichen.
Vermutlich hat kaum jemand verstanden, was ich damit meinte. Fefe hat jetzt darauf hingewiesen, dass clevere Ägypter angeblich das altehrwürdige Bulletin Board System (BBS) reaktiviert haben, das nur in Deutschland irreführend „Mailboxen“ genannt wird. (Auch Golem hat etwas dazu geschreiben.)
„Actually you can use wi-fi networks/local networks to communicate from one household to another and then if someone can make phone calls abroad/has access to the internet, use it to send packets abroad. Old fidonet software like binkley+/t-mail/hpt/golded/fastecho/frontdoor can be still used. If people in Egypt really need help with this stuff, I guess most of us, fidonet sysops, are ready to help.“
Das Fidonet ist nur eines der BBS-Systeme, die noch existieren, Zone 5 ist für Afrika reserviert. „While the use of FidoNet has dropped dramatically compared with its use up to the mid-1990s, it is still particularly popular in Russia and former USSR. Some BBSes, including those that are now available for users with Internet connections via telnet, also retain their FidoNet netmail and echomail feeds. Some of FidoNet’s echomail conferences are available via gateways with the Usenet news hierarchy. There are also mail gates for exchanging messages between Internet and FidoNet.“
Vor einem guten Jahrzehnt habe ich auch noch eine Mailbox benutzt (vgl. Sceenshot), und mein vor 16 Jahren erschienenes Buch handelt fast ausschließlich von Mailbox-Systemen, insbesondere vom Thule-Netz.
Hier ist eine Website über die Möglichkeiten, mit denen man die Internet-Zensur in Ägypten unterlaufen kann.
Update Die BBC hat jetzt nachgelegt: „Old technology finds role in Egyptian protests“ – „The Manalaa blog gave advice [„Back to Basics: Using dial up internet“] about how to use dial-up using a mobile, bluetooth and a laptop.“
2. Update Es scheint keine Windows-64-Bit-Version der Crosspoint-Derivate zu geben, und unter Linux will ich mir das nicht antun. Weiß jemand mehr?
Die Gender-Frage bei Wikipedia
New York Times: „About a year ago, the Wikimedia Foundation, the organization that runs Wikipedia, collaborated on a study of Wikipedia’s contributor base and discovered that it was barely 13 percent women; the average age of a contributor was in the mid-20s, according to the study by a joint center of the United Nations University and Maastricht University. Sue Gardner, the executive director of the foundation, has set a goal to raise the share of female contributors to 25 percent by 2015, but she is running up against the traditions of the computer world and an obsessive fact-loving realm that is dominated by men and, some say, uncomfortable for women.“
Interessant zu diesem Thema ist das Op-Ed-Projekt: „The OpEd Project is an initiative to expand the range of voices we hear from in the world, with an immediate focus on increasing the volume of women thought leaders in the public sphere to a tipping point.“
Deutsche Medien sind an Revolutionen desinteressiert
Spiegel Offline: „[15.29 Uhr] Während al-Dschasira kontinuierlich live aus Ägypten berichtet und der US-Sender CNN ebenfalls einen Großteil seines aktuellen Programms den Geschehnissen in Kairo und anderen Großstädten widmet, zeigen die deutschen Nachrichtensender zeitlose Dokumentationen. Auf n-tv ist „Tierische Krawallmacher“ zu sehen, auf N24 eine Sendung über Garnelenfischerei.“
Wo ist denn der Link zu Al Jazeera, Spiegel Offline? War das wieder zu schwierig für euch?
Unter PR-Huren, äh, Bloggern
Das Video wird von YouTube eingebettet und erst beim Klick auf den Play-Button geladen. Es gelten die Datenschutzerklärungen von Google.
Sascha Pallenberg verbreitet auf Horoskop-Niveau viel heiße Luft darüber, wie man angeblich mit Bloggen Geld verdienen kann. Btw Ich glaube kein Wort davon.
Was lese ich bei Sistrix als eine der Reaktionen auf einen Heise-Artikel über bezahlte Links auf Blogs?
„Die Aufregung zielt primär darauf ab, dass Werbekunden Blogger dafür bezahlen, ihre Produkte und Angebote in einem positiven Licht erscheinen zu lassen, folglich wird auch häufig von Schleichwerbung gesprochen. Und genau hier liegt das Missverständnis vor: den Werbekunden ist der Inhalt der Blogpostings egal, sie kaufen lediglich einen Link innerhalb des Textes. Damit ist keine positive Hervorhebung der Marke oder des Produktes verbunden – das steht so übrigens auch in dem mittlerweile veröffentlichen Vertrag. (…) es gibt eine Liste mit Begriffen und URLs, die mit diesem Begriff verlinkt werden sollen. Wenn ein Blogger, der an dem Netzwerk teilnimmt nun ein neues Posting schreibt, in dem einer dieser Begriffe vorkommt, verlinkt er die vorgegebene URL und erhält ab diesem Zeitpunkt für den Link jeden Monat Geld. Eine Einflussnahme auf die Inhalte findet hierbei nicht statt…“
Bruhahaha. Für wie doof halten die die Leute eigentlich? „Kooperation“ heisst also: Die Werbefuzzys kaufen Links, und der Blogger, der die Links setzt, bekommt dafür Geld. Was er drumherumschreibt, ist egal, aber über den Vertrag [Vorsicht – ein Word-Dokument!], den er unterschreiben muss, darf er nichts verraten. Besser kann man also Schleichwerbung nicht beschreiben, theoretisch ein absolutes Nonogehtüberhauptnicht für Medien, die auch nur den Hauch eines journalistischen Anspruchs haben (gilt für viele Holzmedien in Deutschland natürlich nicht).
Noch mal die Fakten. „Die Blogger sollten Links mit passenden Keywords auf ihren Sites platzieren und dafür 25 Euro pro [Korrektur: Monat und] Link erhalten. Diese Links durften nicht als Werbung gekennzeichnet werden. Außerdem verpflichtete Onlinekosten.de die Blogger zur Geheimhaltung über diese Verabredung, ansonsten drohe eine Vertragsstrafe von 5001 Euro.“
Alles klar soweit? Einige deutsche Blogger sind also bestechlich. So nenne ich das. Laut Meedia „steckt die Internetfirma Onlinekosten.de GmbH, Betreiberin des berühmten Blogs Basicthinking.de, hinter dem Schleichwerbesumpf.“ Btw im Werbeneusprech heisst „Schleichwerbung“ jetzt „Linkbuilding“.
Berühmtes Blog. Bruhahaha. „Berühmt“ heisst nach der Google-„Logik“: oft verlinkt. Das sagt aber gar nichts darüber aus, ob Inhalte relevant sind, obwohl viele Blogger und andere Aufmerksamkeitshuren sich diese „Logik“ zu eigen gemacht haben, warum auch immer (vgl. Video oben).
Sascha Pallenberg, („es kommt auf den coolen Content an“) der selbst behauptet (ohne dass das jemand nachgeprüft hat), vom Bloggen leben zu können, hat dazu noch einige Details publiziert. „Es geht hier nur darum, dass im grossen Stil Schleichwerbung geschaltet wurde, die verwendeten Keywords waren vor allen Dingen wichtig fuer das Google-Ranking der werbetreibenden Firmen. Dieses Link-Building ist in der SEO-Industrie seit Jahren ein fester Bestandteil des Business.“
(Ein fester Bestand des Bloggens ist, eine supercoole Kopfbedeckung auch in geschlossenen Räumen zu tragen und ein gepflegtes Pidgin-Denglisch zu sprechen.)

Sehr schön ein Kommentar bei Heise: „Würden alle mit etwas Charakter auf das Anbringen von diesen Scheininfomationen verzichten, wäre das Thema schnell ausgestanden. Aber vielen ist das bequeme Geld mehr Wert als Ihr guter Ruf – PR-Huren halt. Obgleich ich mir nicht sicher bin ob Huren in diesem Wortspiel nicht unrecht getan wird.“
Nur um es klarzustellen: Ich bin nicht bestechlich. Und ich mache auch keine bezahlte Werbung auf meinem Blog.
Einen Trojaner von der Leine lassen
Der Heise-Kollege Stefan Krempl ist, wenn es um die real gar nicht existierenden „Online-Durchsuchung“ geht, für suggestive und unseriöse Formulierungen bekannt. Die aktuelle Überschrift seines Artikels „Rheinland-Pfalz lässt den Landestrojaner von der Leine“ ist nicht nur eine saudämlich schräge Metapher (das trojanische Pferd war nie an der Leine, soweit ich meinen Homer kenne), sondern unterschlägt auch alle Fragen, die ein seriöser Journalist stellen müsste, zum Beispiel diese: Wie wollen sie den Verdächtigen online finden? Und wie wollen sie in seinen Rechner heimlich einbrechen? Noch niemand hat mir eine Antwort gegeben. Es ist eine Schande, Krempl!
Ceterum censeo: Der Kaiser ist nackt! Es gibt keine „Online-Durchsuchungen“!
Die Kommissarin: Wollt Ihr die totale Datenspeicherung?

Medienzar Alfred Hugenberg und Gattin Gertrud Adickes (1933)
Schauspieler haben ein Problem: Sie haben von nichts eine Ahnung, ausser, wie man andere Leute imitiert, denken aber, sie müssten zu dem Quatsch ihren Senf dazugeben, besonders dann, wie sie oft in der Glotze zu sehen sind. Bei Heise lesen wir, dass eine Tatort-Komissarin „die abwägende Haltung der FDP zur Vorratsdatenspeicherung als fatal“ bezeichnet und sich für die anlasslose Totalüberwachung der deutschen Bevölkerung ausspricht.
Die Dame ist vermutlich nicht blöd; also kann man nicht davon ausgehen, dass ihr Gatte, von Beruf Medienmogul, ihr das eingeflüstert hätte, sondern dass sie sich den Unfug selbst ausgedacht hat. Auch die anderen üblichen Verdächtigen sind immer nicht fern, wenn es gegen die Eckpfeiler freiheitlich-demokratische Grundordnung geht, etwa Stephanie zu Guttenberg und ihr ominöser Verein „Innocence in Danger“ („Undurchsichtige Finanzen, dubiose Methoden“).
Es ist in Deutschland nicht mehr möglich, rational und öffentlich darüber zu dikutieren, wie Kindesmissbrauch eingedämmt werden kann, weil sich mediale Beißreflexe, hysterisches moraltheologisches Gegeifer und die Sprechblasen der eigennützigen Zensur- und Überwachungslobby zu einem unentwirrbaren Knäuel verwirren, so dass man auch schlicht „Kopf ab zum Gebet“ rufen könnte, um ein ähnliches Ergebnis zu erzielen. Gut gemeint ist hier besonders schwer daneben.
Solche Leute wie die Furtwängler können nur unwidersprochen „wollt ihr die totale Datenspeicherung?“ rufen, weil ihre Präsenz in der volksverdummenden „Yellow Press“ ihre dummdreisten politischen Statements überlagert. Guttenberg müsste schon nachgewiesen werden, dass er mit Kinderpornos handelte, damit sich seine Groupies von ihm anwenden würden. Es ist so ähnlich wie mit den Leuten, die noch FPD wählen.

Bundeskriegs- und Bildzeitungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (rechts) und seine innocente dangeröse Gattin Stephanie (2011)
Kompensatorische Gratifikation oder die Funktion spärlich bekleideter Frauen während einer Revolution

Die deutsche Linke hat noch ihre Probleme mit der Revolution In Tunesien. Außer dem Lautsprech einiger anarchistischer Sekten liest man nicht viel. Eine Revolution in einem islamischen Land ist einfach nicht sexy genug.
Die Bildersprache, die zu einer Pseudo-Solidarität der Kinder der Mittelschichten in Deutschland führen könnte (wie noch während der Revolution in Nicaragua 1990, vgl. 3. Foto), gibt das einfach nicht her. Es muss ja nicht gleich ein nackter Busen sein wie auf dem klassischen Revolutionsgemälde von Eugène Delacroix; aber erst „schöne“ und sexuell attraktive Frauen turnen den voyeuristischen Betrachter an. Danach suchen Fotografen, wenn sie einem Aufstand ein „Gesicht“ geben wollen.

Männer sind out – Revolutionen funktionieren ikonografisch wie Rock-Gruppen. Das war auch früher schon so – nur dass die Pop-Kultur politische Inhalte nicht sexuell kostümierte (vgl. das Foto aus dem spanischen Bürgerkrieg.) Man kann das noch mehr reduzieren: Frauen mit Waffen sind immer sexy; nur müssen sie heute zusätzlich ihrer Titten zeigen wie in den feuchten Männerfantasien der Fantasie-Trash-Romane und -movies à la „Xena – die Kriegerprinzessin“ oder wie bei Lara Croft.
Eine trotzkistische Politsekte hat auf Indymedia erstaunlich korrekt beschrieben, wer die Basis der Revolution in Tunesien ist: „Es sind arbeitlose [sic] junge Akademiker, Rechtsanwälte, und Arbeiter in den Industrie- und Bergbauzentren, die einen Generalstreik von zwei Stunden am 14.01 ausübten und den Aufstand tragen.“ Interessant ist natürlich, dass dieselbe soziale Schicht die islamistische Heilsfront in Algerien unterstützte.

Das Phänomen ist in der Soziologie als „kompensatorische Gratifikation“ bekannt: Wer den sozialen Aufstieg plant, durch Ausbildung und das dazu passende internalisierte Verhalten (vgl. die protestantische Arbeitsethik Max Webers), aber durch die starre Hierarchie einer Gesellschaft daran gehindert wird, also scheitert, wird versuchen, diesen „Aufstieg“ dennoch zu erreichen, indem er sich einer Gruppe anschließt, die vielleicht sozial geächtet ist (ob eine religiöse oder eine politische Sekte macht keinen Unterschied), aber innerhalb der Gruppe oder des Kleinst-Milieus einen „Aufstieg“ ermöglicht oder zumindest verspricht. Eine Revolution wird er dann zu einer solchen, wenn sie zu einer Jugendbewegung wird – wie in China während des „Langen Marsches“ oder in Nicaragua beim Sturz Somozas.
Die aktiven Kader einer religiösen Sekte oder auch einen Guerilla gehören fast ausnahmslos den aufstrebenden Mittelschichten der jeweiligen Gesellschaft an, denen man aber just diesen Aufstieg verwehrt. Die Führungselite der ehemaligen kolumbianischen Guerilla M-19 bestand fast ausschließlich aus arbeitslosen Lehrern und Ingenieuren; das galt auch für den peruanischen Sendero Luminoso.

Im aktuellen Spiegel (vgl. Ausriss unten) hat man versucht, das zu beherzigen: Wo zum Teufel, laufen sie denn, die schönen Frauen, oder sitzen auf den Schultern ihrer Männer?
Es ist angesagt, die Revolution in Tunesien sympathisch zu finden, auch wenn unsere eigene Junta natürlich die Zähne zusammenbeisst: Es kann doch nicht angehen, dass die Untertanen die Obrigkeit davonjagen? „Keine Gewalt!“ rufen alle Pfaffen im Chor. Wo kämen wir denn da hin?! Hierzulande bereichert man sich anders, eleganter, wenigern auffällig (wieso muss ich schon wieder an Maschmeyer denken?) Das Prinzip ist natürlich identisch. Die Reichen sollen reicher werden und die Armen ärmer.
Die hysterische Reaktion der deutschen Öffentlichkeit, wirft man ihr den eher nichtssagenden Wortfetzen „Kommunismus“ hin, beweist, dass die herrschende Klasse auch hierzulande Angst bekommen hat. Und das ist auch gut so.
Maschmeyer oder: Arschgesichter, die sich gewissenlos auf Kosten der kleinen Leute bereichern, reloaded
Die FAZ über das Vorgehen Carsten Maschmeyers gegen Panorama: „Das Ziel dürfte klar sein: die Autoren verunsichern und diskreditieren, die Bilder vom Markt nehmen, Berichterstattung austrocknen, andere abschrecken, sich immun machen gegen die lästigen Anfragen der Presse. Darin darf man – zumal bei einer mächtigen, so gut vernetzten Figur wie Maschmeyer, von dessen AWD-Verein der frühere Kanzler Schröder einmal sagte, dessen Mitarbeiter erfüllten eine ’staatsersetzende Funktion‘ – einen veritablen Angriff auf die Pressefreiheit und den freien Journalismus erkennen, insbesondere jenen Journalismus, der mit investigativen Methoden den Geheimbünden und Hinterzimmergeschäften der Macht auf die Spur kommen will.“





















